Skip to main content

Full text of "Gesammelte abhandlungen"

See other formats


GESAMMELTE 



ABHANDLUNGEN 



VON 



ERNST CURTIUS. 



BAND II. 



MIT NEUN TAFELN UND FÜNFZEHN EINGEDRUCKTEN ABBILDUNGEN. 




BEKLIN. 

VERLAG VON WILHELM HERTZ 

(BESSERSCHE BÜCHHANDLUNG). 
1894. 



Vorwort. 



Indem ich dem ersten Bande der Abhandlungen den 
zweiten folgen lasse, darf ich wohl sagen, dafs beide eng zu- 
sammengehören und dafs sie ihres buntgemischten Inhalts un- 
geachtet ein Ganzes bilden. Denn im Sinne der Männer, 
welche meinen geistigen Lebensgang geleitet haben — Böckh, 
"Welcker und Otfried Müller — habe ich alle Seiten des klassi- 
schen Alterthums als eine unzertrennbare Einheit auffassen 
gelernt. Unter der Gunst äufserer Lebensführung, die ich 
dankbar erkenne, sind die von meinen Lehrern eingepflanzten 
Keime allmählich zur Entwicklung gekommen und haben mei- 
ner Gedankenwelt einen inneren Zusammenhang gegeben. Den 
Antrieb zu eigener Thätigkeit habe ich als Göttinger Student 
erhalten. Otfried Müller war es, welcher die genaue Kenntnifs 
des Bodens und seiner Denkmäler in die alte Geschichte ein- 
führte; er war einer der Ersten, welche beim Vortrag der 
Alterthümer namhafte Plätze im Umrisse an die Tafel zeichnete, 
und ich sehe noch heute den Kolonos Hippios, wo jetzt seine 
Gebeine ruhen, mit der Akademie von seiner Hand gezeichnet 
vor mir: eifrig suchte ich nach Darstellungen griechischer 
Landschaften und Denkmäler. Es war aber nicht blofs der 
poetische Reiz, den es für ein jugendliches Gemüth hatte, 
klangvolle Namen der Vorzeit mit bildlicher Anschauung zu 
verbinden. Ich spürte den Zug geschichtlicher Betrachtung, 
der seit Anfang des Jahrhunderts rege geworden war. Damals 
waren die kyklopischen Mauerwerke aufgetaucht, in denen 
Schellings Blick historische Denkmäler der Vorgeschichte er- 



lY Vorwort, 

kannt hatte ; die Entdeckungen unternehmender Reisender traten 
mit der stillen Forschung deutscher Gelehrter in die frucht- 
barste Berührung; man fing an, sich die Niederlassungen der 
Alten auf heimathlichem Boden klar zu machen; man wurde 
sich bewufst. dafs man alles geschichtlich Gewordene nur 
im Werden verstehen könne. So begann man die Städte 
des Alterthums, die man mit ihren Merkwürdigkeiten nach 
Paragraphen der Handbücher betrachtet hatte, in ihrer Ent- 
wicklung zu erforschen. Für Rom war die Anregung von 
Niebuhr ausgegangen, der 1822 seine vorbildlichen Aufsätze 
über die Geschichte der Stadt schrieb, 1821 hatte Otfried 
Müller den kühnen Versuch gemacht, Athens Alterthümer in 
historischer Entwicklung darzustellen und in demselben Jahre 
war es, dafs Oberst Leake der Ortskunde von Athen eine feste 
Grundlage gab. 

Dies merkwürdige Zusammentreffen bezeugt, wie damals 
topographische Stadtgeschichte von hervorragenden Männern 
unabhängig von einander, als eine der vornehmsten Aufgaben 
historischer Wissenschaft erkannt worden ist. Sie führt uns 
unmittelbar in das Leben der Geschichte ein; mit ihr beginnt 
jede anschauliche Vergegenwärtigung und sie ist zugleich die 
Probe, wie weit es uns gelungen ist, in den Zusammenhang 
des antiken Lebens einzudringen. 

Gleichzeitig erwachte durch Karl Ritter ein neuer Zug, 
Erdkunde und Geschichte innerlich zu verbinden; mir selbst 
wurde das Glück, in seiner Gesellschaft wandern zu lernen 
und mich nach seinem Beispiel im Verständnifs der Terrain- 
formen zu üben. Ritters Geist hat im preufsischen General- 
stabe hervorragenden Männern mannigfaltige Anregung gegeben, 
und Niemand hat hier für antike Topographie und Geographie 
mehr geleistet, als Graf Moltke. Durch seine Vermittlung ge- 
lang es mir, einen Arbeitsgenossen zu finden, der Beides ver- 
einigte, klares Verständnifs für die geschichtlich wichtigen 
Bodenverhältnisse und die Meisterhand des Technikers. Durch 
die freundschaftliche Verbindung mit Dr. Kaupert sind meine 



Vorwort. V 

topographischen Studien in ein neues Stadium getreten, und 
als ich mich von der südlichen Halbinsel dem attischen Boden 
von neuem zuwandte, wurde mir jetzt die Beschäftigung mit 
attischer Stadtgeschichte zu einer Quelle des reinsten Genusses. 
da alle Terrainformen mit künstlerischer Hand gezeichnet 
vorlagen. 

Otfried Müller hat nicht nur für die städtische Topographie 
den richtigen Weg gezeigt, sondern auch für die Yolksgeschichte 
der Hellenen, indem er darauf hinwies, dafs ein ausgiebiges 
Kartenmaterial unentbehrlich sei, um die Züge der Stämme, 
die Uebertraguug der Culte, die Entwicklung der Landschaften, 
die Wege der Colonisation zu beurtheilen. Er hat schon sein 
„Orchomenos" mit einer Karte der Flufsthäler des Kejjhisos 
und Asopos begleitet, und für seine ,.Dorier" war der erläuternde 
Text zur Karte des nördlichen Griechenlands eine unentbehr- 
liche Zugabe. Seine Karten bezogen sich wesentlich auf den 
griechischen Continent und damit hängt der Umstand zusammen, 
dafs das nördliche Festland ihm ausschliefslich als Ursitz der 
griechischen Stämme erschien. So ist es gekommen, dafs merk- 
würdig lange das Landgebiet, welches ungefähr dem jetzigen 
Königreich der Hellenen entspricht, als der Schauplatz der 
älteren Geschichte des Volks angesehen worden ist. Hier bin 
ich am meisten von meines Lehrers Bahnen abgewichen, indem 
ich darauf hinwies, dafs die Gegengestade des Archipelagus viel 
enger mit einander zusammenhängen, als die Nachbarländer 
des Continents. Die maritimen Zuwanderungen sintl, weil sie 
allmählich erfolgten, im Gedächtnifs des Volkes verschwunden. 
Hier mufste die Ueberlieferung auf Grund topographischer Nach- 
weise ergänzt werden, und wenn es nach AVilhelm von Hum- 
boldt (über die Aufgabe des Geschichtschreibers) der dem 
Historiker unentbehrlichen Kraft der Phantasie bedarf, um den 
ursächlichen Zusammenhang, den die Geschichtsbetrachtung 
verlangt, herzustellen, so mufste hier der Versuch gemacht wer- 
den, die ionische Zuwanderung in die Volksgeschichte einzu- 
reihen. Soviel nachträglich zu Bd. I S. 390. 



yj Vorwort. 

Wenn Otfried Müller den Boden von Griechenland als 
unentbehrliche Quelle unserer Wissenschaft betrachten lehrte, 
so lag schon seinem Standpunkte der Gedanke nahe, diese 
Quelle durch Nachgrabungen ergiebiger zu machen. Er selbst 
hat zu den Ausgrabungen in Delphi den bescheidenen Anfang 
gemacht. Nach ihm ist die Wissenschaft der Topographie in 
ungeahntem Umfang eine experimentirende geworden und da- 
durch in ein ganz neues Stadium getreten. Der reiche Ertrag 
hat unsere Kenntnifs der verschiedensten Epochen so wesentlich 
erweitert, dafs es kein Wunder ist, wenn man im Einzelnen 
hier und da den Gewinn überschätzt, wie es bei allen neu er- 
öffneten Forschungswegen der Fall zu sein ptiegt.*) Die Wissen- 
schaft läuft Gefahr, etwas von dem idealen Charakter zu ver- 
lieren, den ihr Otfried Müller gegeben. Der Grabscheit wird 
zum allein sicheren Führer der Forschung und es kann vor- 
kommen, dafs an einzelne Fundergebnisse zu weitreichende 
Folgerungen geknüpft werden, wenn man nicht, wie die alten 
Meister, sich immer das ganze Geschichtsbild klar vor Augen stellt. 

Der enge Zusammenhang zwischen Volksgeschichte und 
Erdboden war der erste Punkt, den ich hervorhob, um den 
geschichtlichen Sinn zu bezeichnen, der nach Vorbild meiner 
Lehrer für meine Arbeiten mafsgebend geblieben ist. Derselbe 
Sinn ist es, der uns verpflichtet, unser Augenmerk darauf zu 
richten, dafs kein historisches Gut, das uns aus dem Alterthüme 
erhalten ist, unverwerthet bleibe. lieber keinen Punkt gehen 
aber die Ansichten noch heute so schroff auseinander, wie über 
den Werth der verschiedenartigen Ueberlieferungen. Denn die 
Ueberzeugung, welche sich in der germanischen Alterthumskunde 
durch die Gebrüder Grimm und durch MüUenhoff am kräftigsten 



*) Darum habe ich in Betreff der Quellen Athens (Bd. I S. 406 ff.) 
Leakes und Müllers Darstellung mit neuen Gründen zu vertreten gesucht. 
So habe ich auch an zwei anderen Punkten neueren Forschungen gegen- 
über meine Bedenken aussprechen müssen. Der eine betrifft die Be- 
leuchtung des Tempelhauses ("Bd. II S. 382 fl'.), der andere die Frage 
über Orcliestra und Bühne (Jahrb. des deutsch, arch. Inst, 1893, Bd. VIII 
Anzeiger S, 2i). 



Vorwort. yjl 

Bahn gebrochen hat (vgl. W. Scherer über Jakob Grimm S. 1 ! 7ff.). 
dafs in der echten Volkssage eine treue Erinnerung erlebter 
Zustände sich erhalten habe, ist unter den klassischen Philo- 
logen noch nicht zur Herrschaft gekommen. Uiid doch ist auf 
dem Boden der griechischen Heroenzeit durch so merkwürdige 
Entdeckungen der Beweis geliefert, dafs in der Heroensage der 
natürliche Niederschlag des Volksbewufstseins zu erkennen und 
in den nur durch das Epos überlieferten Thatsachen historisches 
Gut von unschätzbarem Werthe erhalten sei. In dem Aufsatz 
über die Minyer (Bd. I S. 266 ff.) habe ich das monumentale 
Quellenmaterial für die Vorgeschichte der Hellenen an einem 
wichtigen Punkte zu vermehren gesucht. 

Ein anderer wesentlicher Zug des historischen Sinnes ist 
die Unbefangenheit, die Freiheit des Geistes von vorgefafsteu 
Meinungen und Stimmungen, Man ist befremdet, davon auf dem 
Gebiete alter Völkergeschichte sprechen zu hören. Und doch 
kann ich mich dem Eindrucke nicht entziehen, dafs namentlich 
in der Abweisung morgenländischer Cultur sich noch immer 
eine gewisse Antipathie hier und da zu erkennen giebt, welche 
die Unbefangenheit des Urtheils trübt. Semiten und Arier 
sind, so weit wir denken können, die wichtigsten der geschicht- 
bildenden Völkergeschlechter, die unter sich verschiedenartigsten, 
die zu allen Zeiten als nächste Nachbarn am meisten auf ein- 
ander eingewirkt und ihren Volksbesitz miteinander ausgetauscht 
haben, in Frieden und Unfrieden, zu Vortheil und Schaden. 
Semitisch ist die älteste Cultur am Mittelmeer, und doch sträubt 
man sich noch immer, in Religion und Cultur anregende Ein- 
flüsse derselben anzuerkennen. Man läfst nicht einfach die 
Thatsachen auf sich wirken; man begegnet noch immer der 
Vorstellung, es gereiche den Hellenen zur Ehre, wenn man 
ohne Anerkennung irgend welcher Abhängigkeit von auswärtigen 
Faktoren auskommen könne, und man weist das, was von mir 
und Anderen in dieser Beziehung geltend gemacht worden ist, 
mit Mifsbehagen zurück, ohne die Thatsachen zu widerlegen. 
Wenn Böckhs Ansichten in den „metrologischen Untersuchungen" 



yill Vorwort. 

wohl begründet sind, so kann es an vielerlei Spuren pliönikischer 
Einwirkungen nicht fehlen. Astrologische Eeniiniscenzen aus 
dem Morgenlande haben sich hier und da erhalten, Heroen- 
typen wie Palamedes (Bd. I S. 157) sind treue und inhaltreiche 
Geschichtsbilder, und ich erinnere mich gern, dafs 0. Jahn, ein 
Meister besonnener Forschung, hier meine Auffassung vollkommen 
theilte; in den Gephyräern habe ich ein phönikisches Element 
von besonders deutlichem Gepräge nachzuweisen gesucht (Bd. I 
8. 276 f.) und in dem Aufsatz über Paulus (Bd, II S. 527 f.) 
daraufhingewiesen, wie semitische Einflüsse zu verschiedenen Zeiten 
in den hellenischen Volkscharakter ergänzend eingedrungen sind. 

Das, was ich von Otfried Müller als das beste Erbgut mir 
anzueignen und weiter zu verwerthen gesucht habe, ist der ge- 
schichtliche Sinn, mit dem er alle Gegenstände des klassischen 
Alterthums behandelte. In diesem Sinne habe ich nicht nur 
die antike Stadtgeschichte weiter fortzuführen, sondern auch 
andere Gegenstände, welche man nur antiquarisch zu behandeln 
pflegte, geschichtlich aufzufassen gesucht; so das Verkehrswesen 
der Alten und ihre Wasserbauten. Auch die Münze der Grie- 
chen versuche ich auf ihren Ursprung zurückzuführen und eben- 
so gewisse B-echtsinstitute, wie die Freilassung in den Heilig- 
thümern. Der griechische Götterkreis ist am meisten als etwas 
Unbewegtes und Uranfängliches angesehen worden, wie ein 
Firmament von Sternen, welches von Anfang an über Hellas 
leuchtete, und doch glaube ich bei dem Versuche geschichtlicher 
Auffassung auch hier nur wohlbeglaubigten Thatsachen und den 
bewährtesten Zeugen gefolgt zu sein. 

Auch die Archäologie habe ich im Sinne Otfried Müllers 
wesentlich als Kunstgeschichte behandelt. Rein geschichtliche 
Gegenstände sind die Weihegeschenke nach den Perserkriegen, 
die „Dariusvase" und Pheidias Tod. In die Vorgeschichte 
greift die Sage von dem Dreifufsraub des Herakles zurück. 
Den Uebergang orientalischer Kunst in griechische zeigt die 
Bronzetafel aus Olympia. Das Zeitalter der alten Kunst wird 
durch die Formen des Wappenstils und die knieenden Figuren 



Vorwort. IX 

erläutert. Was das geschichtliche Verhältnifs der verschiedenen 
Kunstzweige zu einander betrifft, so kommt die Malerei in ihrer 
vorbildlichen Beziehung für die Plastik bei dem Westgiebel von 
Olympia zur Sprache, die allmähliche Entwicklung der Tempel- 
giebelplastik und deren Einwirkung auf die Kleinkunst bei den 
Gruppenbildern von Tanagra. Profanbau und Tempelbau in 
ihrer Beziehung zu einander behandelt der Vortrag über den 
Hypäthraltempel. Auch die Besprechungen der architektonischen 
Bildformen, der lykischen Grabreliefs, der Plastik an Quellen und 
Brunnen, des Kairos u. s. w. haben ihren geschichtlichen Inhalt. 

Bei Betrachtung von Kunstwerken aller Zeiten ist der 
persönlichen Auffassung der freieste Spielraum gegeben. Darin 
liegt ein besonderer Peiz der Archäologie, und das Hervortreten 
subjektiver Anschauungen ist unvermeidlich. 

Hier die richtige Gränze zu finden zwischen dem, was 
wir selbst empfinden und was wir Anderen beweisen können, 
bleibt immer eine der schwierigsten Aufgaben. Meiner wissen- 
schaftlichen Richtung entsprechend bin ich streng beflissen ge- 
wesen, jede Behauptung mit sachlichen Gründen zu stützen, 
die beseitigt Averden müssen, wenn die Wahrheit bestritten 
wird, und nur solche Ergebnisse zu erzielen, welche von sub- 
jektiven Eindrücken unabhängig in den Zusammenhang der 
Kunstgeschichte eingereiht werden können. 

Es war mir ein Bedürfnifs, bei dem Rückblicke, zu dem 
mir dies Vorwort Anlafs bot, der Männer zu gedenken, in 
deren geistiger Atmosphäre ich mich noch heute fühle. Denn der 
stetige Zusammenhang mit der vergangenen Generation ist die 
beste Bürgschaft für einen sicheren Fortschritt menschlicher 
Erkenntnifs. Die geschichtliche Forschung, welche im Anfang 
unseres Jahrhunderts die Alterthumskunde mit neuen Lebens- 
kräften durchdrang, ist mir immer der geistige Trieb geblieben, 
der alle meine Arbeiten beseelte, der geistige Zug, in dem ich 
das Kleine mit dem Grofsen, das Aeufsere mit dem Innerlichen 
zu verbinden und so unsere Anschauung vom Leben der Alten 
in allen Zweigen zu fördern nach Kräften gesucht habe. 



X Vorwort. 

Von Einzelheiten, die ich meinen Aufsätzen nachtragen 
möchte, hebe ich nur eine hervor. 

Der Eileib der Todesgöttinnen auf dem Denkmal von Xanthos 
(Bd. II S. 164) ist der Gegenstand mancherlei sich wider- 
sprechender Deutungen geworden. Meine Auffassung, welche 
von den Gelehrten des britischen Museums, namentlich Samuel 
Birch und Sir Charles Newton, durchaus getheilt wurde, ist 
ein Problem der Archäologie geblieben, dessen Lösung wesent- 
lich davon abhängig war, dafs analoge Bildungen nachgewiesen 
wurden. Dies ist Herrn Dr. von Fritze gelungen, der unter 
den kleinen Alterthümern von Naukratis das Fragment einer 
Alabasterschale auffand, worüber er der Berliner Archäologischen 
Gesellschaft in der Februarsitzung Mittheilung gemacht hat. 
Hier findet sich im Kleinen dieselbe Figur, wie auf dem 
„Harpyienmonument", eine Frau mit ausgespannten Flügeln, an 
deren Busen sich ein Kind schmiegt und deren Rumpf voll- 
kommene Eiform zeigt. Die Kinderhand ist auch hier lieb- 
kosend nach oben ausgestreckt; es fehlt nur der Vogelschwanz, 
welcher in Xanthos unter dem Eileibe angebracht ist. Die 
beifolgende Skizze zeigt die vollkommene Uebereinstimmung 
beider Figuren, und durch die Herkunft des kleinen Fragments 
gewinnt die unten S. 178 ausgesprochene Vermuthung, dafs diese 
symbolische Todesfigur aus Aegypten stamme, eine Bestätigung. 




Inhalt des zweiten Bandes. 



A. Religionsgeschichte. 

3. Studien zur Geschichte der Artemis (Sitzungsberichte der 

K. Preufsischen Akademie 1887) 1 — 21 

2. Studien zur Geschichte des griechischen Olymps (Sitzungs- 
berichte 1890) 22—39 

3. Die Altäre von Olympia (Abhandlungen der Akademie 1882) 40 — 74 

6. Kunstgeschichte. 

1. Wappengebrauch und Wappenstil im griechischen Alter- 

thura (Abhandlungen der Akademie 1874) 77 — 115 

2. Die knieenden Figuren der altgriechischen Kunst (Winckel- 
mannsprogramm der Berliner Archäolog. Gesellschaft 1870) 116 — 126 

3. Die Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen (Abhand- 
lungen der Akademie 1876) 127—156 

4. Brunnenfiguren (Archäologische Zeitung Bd. XXXVII. 1879) 157—163 

5. Das Harpyienmonument von Xanthos (Archäologische Zei- 
tung Bd. XIII. 1855) 164-186 

6. Die Darstellungen des Kairos (Archäologische Zeitung 

Bd. XXXIII. 1875) 187—201 

7. Die Geburt des Erichthonios (Archäologische Zeitung Bd. 

XXX. 1872) 202—214 

8. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber (Winckelmanns- 
programm 1852) 215—230 

9. Herakles der Dreifufsträger (Archäologische Zeitung Bd. 

XXV. 1867) 231—234 

10. Die griechische Kunst in Indien (Archäologische Zeitung 

Bd. XXXIII. 1875) 235—243 

11. Das archaische Bronzerelief aus Olympia (Abhandlungen 

der Akademie 1879) 244—270 

12. Die Telamonen an der Erztafel von^Anisa (Archäologische 

Zeitung Bd. XXXIX. 1881) . . \ 271—285 

13. Die Kanephore von Pästum (Archäologische Zeitung Bd. 
XXXVIII. 1880) 286—294 

14. Die Dariusvase (Archäologische Zeitung Bd. XV. 1857) . 295—303 

15. Die Giebelgruppen des Zeustempels in Olympia und die roth- 
figurigen Vasen (Archäologische Zeitung Bd. XLI. 1883) 301 — 314 



XII Inhaltsverzeichnifs. 

16. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra (Abhandlungen der Aka- 
demie 1878) 315—337 

17. Der olympische Ostgiebel (Abhandl. der Akademie 1891) 338—358 

18. Die Weihgeschenke der Griechen nach den Perserkriegen 
(Nachrichten der Gott. Gesellschaft der Wiss. 1861) . . 359—374 

19. Pheidias Tod und Philochoros (Archäologische Zeitung 

Bd. XXXV. 1877) 375-378 

20. Gruppirung öffentlicher Standbilder und Weihe von Schriften 
(Archäologische Zeitung Bd. XXVIII. 1870) 379—381 

21. Zur Lehre vom Hypäthraltempel (Voi'trag in der Berliner 
Archäol. Gesellschaft 1893 Juni; Jahrbuch des deutschen 
Archäologischen Instituts 1893, Anzeiger S. 134 ff.) ... 382 - 390 

C. Epigraphik und Numismatik. 

1. Delphische Mauerinschriften als Quelle des griechischen 
Privatrechts (Nachrichten der Göttingischen Gesellschaft 

der Wissenschaften 1864) 393—417 

2. Antonia Tryphaina und ihre Familie (Monatsberichte der 
Akademie 1874) 418—428 

3. Decret der Anisener zu Ehren des ApoUonios (Sitzungs- 
berichte der Akademie 1880) 429—433 

4. Ehrentafel des Kassandros (Archäologische Zeitung Bd. 

XIII. 1855) 434—439 

5. Zur Paioniosinschrift (Vortrag in der ßerl. Archäolog. de- 

sellsch. 1893 Juni; Jahrbuch 1893. Anzeiger S. 1331). . 440—442 

6. Ueber den religiösen Charakter der griechischen Münzen 
(Monatsberichte der Akademie 1869) 443—459 

7. Griechische Colonialmünzen (Zeitschrift für Numismatik. 

Berlin. Bd. I. 1874) 460—473 

8. Arkadische Landesmünzen (Beiträge zur älteren Numismatik 
herausgegeben von Pindter u. Friedländer 1851) .... 474—479 

9. Münzen von Olympia (Zeitschrift für Numismatik. Berlin. 

Bd. IL 1875) 480—491 

0. Neugriechisciie Studien. 

1. Das Neugriechische in seiner sprachwissenschaftlichen Be- 
deutung (Nachrichten der Göttingischen Gesellschaft der 
Wissenschaften 1857) 495—511 

2. Die Volksgrüfse der Neugriechen in ihrer Beziehung zum 
Alterthum (Sitzungsberichte der Akademie 1887) . . . 512 — 524 

Naclitrag zu Band I. 

Paulus in Athen (Sitzungsberichte der Akademie 1893) . . . 527—543 



A. 

Religionsgeschichte. 



Curtius, Gesammelte Abhandlungen. Bd. II. 



I. 
Studien zur Geschichte der Artemis. 



AVie die Völker des Alterthums, haben auch die Götter 
derselben ihre Geschichte, und, so weit die Ansichten über 
griechische Götterlehre auch heute noch aus einander gehen 
mögen, so glaube ich dennoch mit allen besonnenen Forschern 
im Einverständnifs zu stehen, wenn ich es für eine der wich- 
tigsten Aufgaben halte, die Mythologie als Religionsgeschichte 
aufzufassen. Hier kann nur durch eine von Ort zu Ort gehende 
Untersuchung Licht geschafft werden, und der Artemisdienst 
scheint mir dafür besonders lehrreich zu sein, weil man hier 
am klarsten erkennen kann, wie unthunlich es sei, die Gott- 
heiten als stereotype Figuren im olympischen Pantheon anzu- 
sehen; hier zeigt sich am deutlichsten, welche Wandlungen 
nicht nur ihrer Form, sondern auch ihrem Wesen nach die 
Gottheiten der Hellenen im Volksbewufstsein durchgemacht 
haben. 

Unsere Kenntnifs der Gottesdienste ist zwiefacher Art. 
Entweder werden sie nur gelegentlich bei Geographen, Dichtern, 
Historikern und Grammatikern, auf Inschriftsteinen und Mün- 
zen erwähnt, oder wir haben eine annähernd vollständige Ueber- 
sicht aller neben einander bestehenden Gottesdienste in örtlicher 
Folge. Das Letztere ist nur in den von Pausanias beschrie- 
benen Landschaften der Fall. Aber auch hier ist ein Unter- 
schied. Die Landschaft Attika ist von ihm nur als Anhängsel 
zu Athen behandelt, und erst in den späteren Büchern hat 
der Perieget es als seine Aufgabe erkannt, Stadt und Land 
mit gleichmäfsiger Gewissenhaftigkeit zu durchwandern. Wenn 
ich also in allen anderen Punkten mit Hermann Hitzig in 



4 I. Studien zur Geschichte der Artemis. 

seiner Schrift „zur Pausaniasfrage" ^) vollkommen überein- 
zustimmen mich freue, so kann ich ihm doch nicht beipflichten, 
wenn er S. 74 daran zweifelt, ob in Arkadien die Routein, 
welche mit Angabe aller Distanzen verzeichnet sind, auch 
sämmtlich in dieser Folge ausgeführt worden seien. Wir 
lächeln über den Pedanten, welcher aus sieben Thoren von 
Megalopolis die strahlenförmig ausgehenden Landstrafsen hin 
und zurück" wandert, um erst auf der achten Thorstrafse die 
Wanderung nach anderen Landschaften fortzusetzen, aber wir 
verdanken dieser Pedanterie eine Urkunde ohne Gleichen, eine 
Anschauung der Landschaft von unschätzbarer Deutlichkeit, 
welche sofort verdunkelt worden wäre, wenn die verschiedenen 
Wege nicht so genau aus einander gehalten wären (vgl. Pelop. 
I 127), und ich vermag nicht zu begreifen, was einen Schrift- 
steller veranlafst haben sollte, seiner Landesbeschreibung eine 
für den Leser so unbequeme Form zu geben, wenn er nicht 
durch genauen Anschlufs an sein Tagebuch für die Gewissen- 
haftigkeit und Vollständigkeit seiner Darstellung eine Bürgschaft 
hätte geben wollen. So urtheilte auch Martin Leake, welcher 
zuerst unverdrossen und mit hellem Blick alle Routen nach- 
gegangen ist, ein Mann, aiif dessen klares Urtheil wir immer 
wieder zurückkommen. Jede neuere Ausgrabung und Entdeckung, 
zuletzt noch die des Kabirenheiligthums bei Theben, hat für die 
Zuverlässigkeit des alten Periegeten ein neues Zeugnifs abgelegt. 
Die Mängel der Atthis werden einigermafsen durch In- 
schriften ersetzt, und die erste genaue Durchforschung der 
Demen, welche auf Grund der attischen Karten von Milchhöfer 
ausgeführt wurde, ist auch für die Gottesdienste von Attika 
und namentlich für den Artemisdienst daselbst, über den schon 
Guigniaut zu Hanriot's Les demes gehandelt hat, erfolgreich 
gewesen. Wir kennen jetzt im Westen die Artemis Oinaia 
(C. I. A. I 534; III 336), die Agrotera in Phyle (Ephemeris 
1884 S. 35), die in Eleusis verehrte (C. I. A. I 5). In Menidi 
ist ein Artemisaltar zu Tage gekommen; für Marathon zeugen 
die Inschriften in den Mitth. des Deutschen Instituts X 279 ; 
Athenaion X 538. In der näheren Umgegend von Athen, sowie 
in der Mesogeia und Panilia, ist aufser den bekannten Culten 
in Athmonon, Phlya, Peiraieus und Zoster, Brauron und Halai 



') Festschrift des philologischen Kränzchens in Zürich JSST. 



I. Studien zur Geschichte der Artemis, 5 

Araphenides, namentlich der Dienst der Artemis Kolainis aus 
Altarinschriften näher bekannt geworden (C. I. A. II 571 ; 
III 360), denen sich eine neu gefundene anreiht (Mittheil, des 
Deutsch. Instit. XII 282). An Plätzen endlich, deren antiker 
Name noch nicht gesichert ist, in Pikermi (C. I. A. III 188; 
II 1603), Kantza (Milchhöfer in den Mittheil, des Deutschen 
Instit. XII S. 86), Kamaraes in Laurion (Athenaion IX 171) 
sind von Neuem monumentale Zeugnisse desselben Cultus ge- 
funden worden. 

So viel zum Beweis, wie die mangelhafte Periegese der 
attischen Landschaft bei Pausanias durch Denkmäler fortwährend 
ergänzt wird. Was die anderen von Hellenen bewohnten Länder 
betrifft, so wohl die von Pausanias beschriebenen als auch die 
Acheloosländer, die Inseln und jenseitigen Küsten, so ist in 
Gerhards Mythologie eine annähernd vollständige und wohlgeord- 
nete Uebersicht aller Hauptplätze des Artemisdienstes gegeben. 

Ueberblicken wir die überlieferten Stationen des Gottes- 
dienstes, welche sich von Cilicien bis Gallien erstrecken, so tritt 
uns die hervorragende Bedeutung desselben für griechische 
Volksgeschichte schon aus äufserlichen Kennzeichen als eine 
überraschende Thatsache entgegen. Denn obgleich die Göttin 
in keinem der Vororte von Hellas Hauptgottheit war, übertrifft 
die Menge ihrer Cultusplätze doch selbst in Attika bedeutend 
die der Athena, und versucht man nach unserem statistischen 
Material eine vergleichende Schätzung in Zahlen auszudrücken, 
so stellt sich das Verhältnifs bei Artemis und Aphrodite 
etwa auf 12:8, bei Artemis und Athena etwa auf 8 : 7, bei 
Artemis und Hera auf 8 : 3, so dafs Artemis nur hinter Zeus 
zurücksteht. Die Menge und Mannigfaltigkeit ihrer Cultus- 
namen ist so grofs, dafs schon Welcker in seiner Götterlehre 
(I 560) die Ansicht aussprechen konnte, es möchten ursprüng- 
lich ganz verschiedene Wesen sein, denen der gleiche Name 
beigelegt worden wäre, und wenn mit dieser Annahme auch 
niemals Ernst gemacht worden ist, so hat doch auch O. Müller 
die arkadische Artemis und die „dorische" wie zwei verschie- 
dene Gottheiten behandelt, und in neueren Uebersichten (wie 
in Roschers mythologischem Wörterbuche) sind die verschiedenen 
Artemisculte neben einander aufgereiht, ohne dafs ein innerer 
Zusammenhang nachzuweisen versucht wäre. Den Alten ist die 
ursprüngliche Einheit niemals zweifelhaft gewesen; sie haben 



ß I. Studien zur Geschichte der Artemis. 

die überraschende Menge von Beinamen als eine Thatsache 
hingenommen, welche zum Preise der Gottheit verwerthet wurde ; 
denn die Polyonymie ist die höchste Ehre der Olympier; die 
religiösen Lieder, in denen man die Gottheiten von allen ihren 
Lieblingsitzen herbeirief, die vuvoi •Ah]Tr/.oi, ergingen sich mit 
Vorliebe in Aufzählung der über Land und Meer verbreiteten 
Heiligthümer, und von Alkman an, welcher von den zehntausend 
Bergen, Städten und Flüssen sang, an denen der Göttin Name 
hafte (Menander bei Walz, Rhet. IX 136), bis Kallimachos 
wird von den Dichtern der Namenreichthum als etwas für 
Artemis Charakteristisches hervorgehoben, so dafs TTolim'vuog 
selbst wieder zu einem Namen der Göttin wird (w nolvMvviie 
^riQocpov)] Aristoph. Thesm. 320). 

Fassen wir die Beinamen nach ihren Gattungen ins Auge, 
so unterscheiden wir solche, welche das Wesen der Gottheit 
bezeichnen, wie 'icpr/eveia; ferner Cultusnamen, die sich an einem 
hervorragenden Tempelorte ausgebildet und dann als Eigennamen 
verbreitet haben, wie Tauropolos, Ephesia, Munichia, Pergaia; 
drittens Namen, die sich an Oertlichkeiten anschliefsen, an 
Landseen und Sümpfe, wie Heleia, Limnaia, Limnatis; an 
fliefsende Gewässer, wie Alpheiaia, Alpheiussa; an die Vege- 
tation, wie Daphnaia, Kedreates, Skiatis ; an Höhen und Berge, 
wie Koryphaia, Konduleatis (wie y.ovdvlöoaai anschwellen), 
Knakalesia. Diese Namen sind wieder doppelter Art, entweder 
ursprünglich am Orte haftend oder übertragen. So kann es 
Heiligthümer der Limnatis ohne Limne geben, wie z. B. im 
Taygetos (Pelop. II 158), weil dies Gränzheiligthum im Hoch- 
gebirge ein Filial der Limnatis am Eurotas war. (Vgl. Archäo- 
logische Zeitung XXXIV S. 30.) 

Das griechische Volk tritt mit seinen Götterdiensten in die 
Geschichte ein. Die Dienste der Götter können aber nicht zu- 
gleich und auf einmal geworden sein, denn jeder neue Dienst 
ist eine Epoche des Volkslebens gewesen. Um uns also von 
den vorgeschichtlichen Thatsachen eine Vorstellung zu verschaffen, 
können wir nur die verschiedenen Epochen in ihrer Reihenfolge 
zu erkennen suchen; wir müssen also dem Beispiel der Geo- 
logen folgen, welche die mannigfaltige Gestalt des Bodens in 
der Weise zu begreifen suchen, dafs sie die älteren und die 
jüngeren Schichten unterscheiden, aus denen sich die Erdober- 
fläche allmählich so gebildet hat, wie sie uns vorliegt. 



I. Studien zur. Geschichte der Artemis. 7 

Der Dienst der Artemis gehört zu den Grundschichten des 
griechischen ßeligionswesens. Sie ist nicht Göttin eines der 
hellenischen Stämme; sie ist eine Volksgöttin im weitesten 
Umfange gewesen, ehe sich das Volk in Stämme und Staaten 
gliederte. In den Völkerstürmen, aus denen die Staaten her- 
vorgingen, ist sie vergessen worden und verschollen, aber aus 
dunkler Vorzeit wieder an das Licht getreten, wie die Sage 
von Astrabakos und Alopekos es darstellt, welche in der vierten 
Generation der Agiaden unter dem Weidengestrüpp des Eui'otas- 
bettes das uralte Holzbild wieder entdeckten. 

Ein Kennzeichen des hohen Alters liegt auch darin, dafs 
wohl von Uebertragung gewisser Cultformen, aber von einer 
ersten Einführung des Artemisdienstes keine Legenden im Volke 
vorhanden waren, wie bei Aphrodite, Demeter, Apollon, Dio- 
nysos, welche gutwillig und freudig oder mit Widerstreben und 
Ungunst aufgenommen wurden. Solche Adventsagen fehlen bei 
Artemis; denn die Erklärung von Ihgaola öid ro nÖQQio&ev 
•A.o{.iio&i']vai (Strabon 537) ist keine Volksage, sondern ein 
etymologisches Spiel. Wenn sie nächst Zeus am meisten Bei- 
namen führte, so erkennen wir daraus, in welchem Umfange sie 
einmal das ganze Menschenleben beherrscht hat, und nicht nur 
ihr Name ist, wie dies (mit Ausnahme von Zeus und Hestia) 
bei allen Olympiern der Fall ist, uns wie den Alten unverständ- 
lich, weil diese Namen sämmtlich einer vorhellenischen Zeit 
angehören, sondern auch eine grofse Anzahl der Beinamen, 
welche einen ganz besonders alterthümlichen Klang haben, wie 
Brimo, Ortho, Lygodesma, Phakelitis, Kordaka, Zea, Issora, 
Knakeatis u. a. Bei einigen werden verschollene Wörter un- 
klarer Bedeutung zur Erklärung herangezogen, wie für die 
saronische Artemis oiiQiov, auoiorlde^ (geborstene Eichen nach 
Hesychios); Knakion aber (vgl. y.i'cr/.ör, KEvv.hv, mqqöv Hesych.), 
womit Knakeatis zusammenhängt, wird als Name des Flusses 
angeführt, der in geschichtlicher Zeit Oinus hiefs. 

Auch im Culte finden wir besonders alterthümliche Namen, 
So hiefsen die Hymnen auf Artemis omciyyoi (Athen. 610), 
und köftßoi wurden ai tJj ^jQitiiLÖi ^laiwv ä^youaca (Hesych.) 
genannt; /.afj.aßiötg, yjjqöu'i, sind alterthümliche Bezeichnungen 
der mit ihrem Dienste zusammenhängenden Festtänze. 

Die Cultstätten sind, wie die des Zeus, besonders einfacher 
Art, ländliche Bezirke in freier Natur, ixlai^, ÖQviiui, und wer- 



3 I. Studien zur Geschichte der Artemis. 

den absichtlich so erhalten; so blieb z. B. neben dem pracht- 
voll ausgestatteten Athenatempel in Phlius das Artemision ein 
alaog ^€Qiqr/MÖoi.u]iiuror nr/ei (Paus. VII 27), obwohl es ein 
Heiligthum von hervorragender Bedeutung war. Diese Haine 
waren von alterthümlichen Zaubersagen umkleidet, gleich den 
ältesten Bergaltären des Zeus, deren Asche kein Wind zer- 
streut und in deren Nähe bei hellem Tage die Schatten er- 
blassen. So sagte man vom Artemishaine in lasos, dafs weder 
Schnee noch Regen hineinfalle, und erzählte von den Gehegen, 
in denen Hirsche mit Wölfen weideten und kein Thier erkranke. 
Unterschieden ist Artemis von Zeus dadurch, dafs ihr Dienst 
von Anfang ein Bilddienst war. Aber auch hier begegnen uns 
die einfachsten Formen der Aufstellung, wie die im Ulmen- 
stamme (jiQeiin'O) Ijil mekirig), wo das aus dem Holz der frucht- 
tragenden Eiche geschnitzte Bild seine Unterkunft fmdet. Auch 
die Idololatrie erkennen wir hier in ihren ältesten Formen, wie 
die Pfeilergestalt der Göttin neben der Pyramide des Zeus in 
Sikyon bezeugt, und die delischen Funde zeigen uns die uralten 
Holzbildern nachgeahmten säulenartigen Statuen (Homolle, De 
antiquissimis Dianae simulacris). Die Oi)fergaben haben sich 
als Gebäck, Käse und dergleichen aus ältester Zeit in länd- 
licher Einfachheit erhalten. Besonders charakteristisch aber 
erscheint eine Reihe von Beinamen von naiver Alterthümlichkeit, 
wie y.aKri (« y.aKd), xakllorrj, logaia, aQiOTi], fisyälrj, de.anoLva, 
atözuga, lauter Bezeichnungen, welche nicht bestimmt waren, 
eine Gottheit von der anderen zu unterscheiden, sondern in 
volksthümlicher Weise ein göttliches Wesen zu bezeichnen, das 
Allen vertraut war und ohne Concurrenz das Bewufstsein er- 
füllte. Kulog in altem Vollgewicht seiner Bedeutung, ehe es 
durch ayaO-ög. ergänzt und beschränkt wurde, blieb der Göttin 
so eigen, dafs noch bei Euripides in dem Anrufe xcüqs /noi lo 
y.uÜÜOTa, /.aüüora rwv •/.ax' "Olvfurov naQ^ivwv (Hippol. 70) 
der Anklang an die arkadische Kallisto nicht zu verkennen ist. 
Als uralte Volks- und Landesgottheit giebt sich Artemis 
auch dadurch zu erkennen, dafs sie ganzen Landgebieten, 
Küstenstrichen, Inseln, Gebirgen, Seen den Namen gegeben 
hat, als die zuerst dort Ansässige. Dies bestätigt sich auch 
dadurch, dafs die anderen Gottheiten, welche neben ihr im 
Lande Verehrung haben, als die jüngeren und später gekom- 
menen sich zu erkennen geben. So setzt der Demeterdienst 



I. Studien zur Geschichte der Artemis. 9 

einen höher entwickelten Culturstand voraus, während der Flufs-, 
Wald- und Thiergöttin auch Nomaden- und Hirtenstämme hul- 
digen. Sie ist älter als Dionysos, dessen eindringendem Dienst 
die Artemisdienerinnen feindlich entgegentreten. Oineus, der 
Träger des Dionysosdienstes, ist ihr Feind und Oinos der spä- 
tere Name des arkadisch-lakedämonischen Flusses, an welchem 
Artemis ihren Sitz hatte. Sie ist eine ältere Landesgöttin als 
Aphrodite, wie die Sage von dem eng mit Artemis verbundenen 
Hippolytos bezeugt. Sie ist auch früher als Apollon auf Delos 
zu Hause; denn von ihr hatte das Eiland seinen heiligen Namen 
Ortygia. Der hyperboreische Cultus, bei dem Delos zuerst als 
rehgiöser Mittelpunkt auftaucht, galt der weiblichen Gottheit 
daselbst, worauf schon Claus, De antiquissima Dianas natura 
p. 39 hingewiesen hat, und wenn man sprichwörtlich von einer 
"htno'Lvxtioc, cr/QocAia sprach (Lucian, Am. 2), so liegt darin 
eine Anspielung auf den Gegensatz bäuerlicher Einfalt zu einem 
mit fremden Sitten eindringenden Cultus. 

Der patriarchalische Charakter, welcher Artemis eigen ist, 
zeigt sich auch darin, dafs sie vorzugsweise als ^cazQioa verehrt 
wurde, und mitten in demokratischem Staatsleben erhielt sich bei 
ihr das Altbürgerliche in festen Satzungen; ihre Priesterthümer 
blieben in Pellene einem engeren Familienkreise vorbehalten 
(Paus. VII 27). Aelteste Familiensitten der Griechen schlössen sich 
vorzugsweise an ihren Dienst an, wie die Mädchenweihe in Attika 
und in Arkadien; religiöse Dienstleistungen wie die Kanephorie 
erhielten hier ihre festen Typen. Artemis nebst den Mören 
galt die Haarweihe der Jünglinge und Jungfrauen vor der 
Hochzeit (Pollux III 38); ihr als Familiengöttin wurden die 
hochzeitlichen Opfer dargebracht (Eurip. Iphig. Aul. 1113). 

Eines der merkwürdigsten Zeugnisse für die uralte und 
das ganze Volk im weitesten Umfange umfassende Verbreitung 
des Cultus ist die Wiederkehr desselben Typus der geflügelten 
oder ungeflügelten Göttin, welche ein lebendes Thier oder 
zwei wappenartig gepaarte Thiere (Vögel, zahme oder wilde 
Vierfüfsler) am Hals, an den Füfsen oder am Schwanz hält. 
Dieses Bild tritt uns in immer zahlreicheren Exemplaren auf 
den ältesten Inselgemmen, als llelief an Weihgeschenken, als 
Henkelornament auf Thongefäfsen, in knapperer oder ausführ- 
licherer Fassung, in rohem oder entwickelterem Stil der alten 
Kunst immer von Neuem vor Augen, wie eine alte Volksweise 



■{Q I. Studien zur Geschichte der Artemis. 

von einem Ende der griechischen Welt zum anderen allen Volks- 
genossen bekannt und vertraut. Inschriften auf attischen Her- 
men wie Mt^iviov \-jQTfiiidi (pi).o^ (Athenaion X 528) bezeugen 
ein nahes persönliches Verhältnifs der Einzelnen zur Göttin, 
und endlich kann der in allen Zeiten und Landschaften weit 
verbreitete Name Artemidoros auch für die volksthümliche Be- 
deutung des Cultus als ein urkundliches Zeugnifs gelten. 

Das Aelteste bewährt sich im Volksleben auch dadurch, 
dafs es am tiefsten wurzelt und am dauerhaftesten ist. Das zeigt 
sich bei Artemis an den Orten, wo später andere Gottheiten 
in den Vordergrund getreten sind. Bei Eidesleistungen pflegten 
sich veraltete Culte in Ehren zu erhalten, wie z. B. der des 
Palaimon am Isthmos (Pelop. II 542). So blieb man auch in 
Pellene der Artemis als Schwurgöttin treu (Paus. 12, 27), und 
wie man in Attika an ihrem Dienste festhielt, ist durch eine 
neugefundene Steinurkunde in merkwürdiger Weise an das Licht 
getreten. Eine von Milchhöfer entdeckte Altarinschrift zeugt 
von einer um Artemis Kolainis vereinigten Gemeinde mit eigenen 
Beamten; der Eponymos des Jahres heifst Aristobulos; er führte 
also den Beinamen der Göttin, die wir als Aristobule in Melite 
kennen, als Eigennamen. Es war hier also eine ähnliche Ge- 
nossenschaft, wie die der Dionysiasten im Peiraieus, indem eine 
seit unvordenklichen Zeiten im Lande ansässige Gottheit inner- 
halb eines engeren Kreises ihren besonderen Cult hatte. Dieser 
Altar gehört einer spätrömischen Zeit an, und wie zähe die 
Artemisdiener an ihrem Culte festgehalten haben, zeigt aufser 
mehrfach wiederkehrenden Ortsnamen: eig Tov"ylQref.iov, >; "jQTtf.iL 
(Pelop. II 445; Rofs, Inselreisen IV 137) ein Denkmal christ- 
licher Zeit, ein magischer Nagel, der neben signum dei et 
Signum Christi' den Namen der domina Artmiz erkennen läfst 
(Archäologische Zeitung IV 311). 

Dafs der Dienst der Artemis dem ältesten Inhalt des 
religiösen Bewufstseins der Griechen angehöre, bewährt sich 
in ihrem Verhältnisse zu den anderen göttlichen Wesen. Sie 
schliefst sich dem pelasgischen Urgotte, der allem Volk gemein- 
sam war, unmittelbar an; sie ist nach alten Landessagen des 
Zeus Gattin oder Tochter; in Sikyon wie in Argos war sie neben 
Zeus als ebenbürtige Gottheit im Bilde dargestellt (Welcker I 
S. 59C). Dann verbindet sie sich mit denjenigen AVesen, welche 
neben Zeus ursprünglich in allen Ländern geglaubt und verehrt 



I. Studien zur Geschichte der Artemis. j^j 

wurden, mit den Nymphen, den echten Landeskindern, die da 
zu Hause sind, wo der himmlische Segen den Menschen am 
sichtbarsten zu Tage tritt. Auch andere Olympier werden 
durch Verschmelzung mit den Ortsnymphen lokalisirt und er- 
langen durch sie gleichsam das Indigenat. wie Athena; aber 
keine Göttin des Olympos ist so mit den Nymphen verwachsen, 
wie Artemis. Die vlacpai cr/Qovo^ioi werden die Gespielen der 
Göttin, der uyooreQa; sie tritt in die menschenfreundliche Wirk- 
samkeit der Nymphen ein und wird dadurch ein Lokalwesen, 
eine Landesgottheit. Artemis Leukophryene wird selbst als 
Nymphe gedacht (Clemens. Protr. 29 ; Arnobius VI 6). Als 
Parthenope (Leake, Num. Hell. Eur. 119), Arethusa, Atalante, 
die als Göttin selbst Quellen aus dem Boden treibt, als Diktynna, 
Britomartis, Arethusa gehen Artemis und Nymphe ganz in ein- 
ander über; am merkwürdigsten ist dieser Uebergang bei der 
Nymphe Kyrene; denn hier ist, wie Studniczka nachgewiesen, 
die Nymphe selbst in Gestalt der den Löwen würgenden oder 
bändigenden Artemis dargestellt. 

Versuchen wir der Geschichte der Artemis in ihren Ent- 
wickelungsstufen nachzugehen, so finden wir sie in den Land- 
schaften, wo sich die älteste Volkscultur am treusten erhalten 
hat, neben Zeus und den Nymphen ohne Concurrenz als herr- 
schende Gottheit. So im peloponnesischen ßinnenlande. dessen 
Küstenländer sich allmählich ihrer vorwaltenden Macht entzogen 
haben, ohne sie jemals zu verleugnen. In Arkadien ist Artemis 
Kallisto als Zeus' Gattin die Landesmutter, die Stammmutter 
des einheimischen Königsgeschlechts und des ganzen Volks der 
Arkader. Hier wie in den Umlanden bezeugt sie sich am 
deutlichsten als die Göttin von Haus und Herd, den Nymphen 
gleich den Nachwuchs nährend und pflegend, wie die lake- 
dämonischen Amnienfeste lehren, und die herangewachsene 
Jugend als (piKoutiqa^ in den Gymnasien hütend (Paus. VI 23). 
Die Haustöchter feiern sie in festlichem Dienste, deren For- 
men, wie die von Karyai, für alle Zeiten mafsgebend geblieben 
sind, und nach uraltem Hochzeitsritus wird Helena aus dem 
Reigen der Artemis von Theseus entführt (vgl. Usener, Rhein. 
Museum 23, 345). 

Die mütterliche Gottheit, die Göttin der Familie und des 
Hausstandes, leitet das Hirten- und Bauernvolk zu höheren 
Entwickelungen hinüber, indem sie die Gaugenossen um heilige 



12 I. Studien zur Geschichte der Artemis. 

Mittelpunkte sammelt. So einigen sich die Urgaue am Eurotas 
um Artemis, um welche die Schicksalsgöttinnen, Aphrodite, 
Asklepios und die Dioskuren als aiy/Md-iÖQvfievoi ahf] S^foL 
(C. I. Gr. n. 1444) einen Kreis schliefsen, und die ältesten 
Strafsen von Sparta können wir als Feststrafsen der Artemis 
erkennen (Pelop. II 243). Die Paträer einigen sich um Artemis 
Triklaria, und der Myrtenbaum der Artemis Soteira wurde der 
Keimpunkt der Stadt Boiai (I 436; II 296). So wurde aus der 
Hausgöttin eine Gründerin zahlreicher Städte (aus der no'kviu- 
'UiO^QOc. eine nolvTTTolig Callim. Dian, 225). Als volkeinigende 
Göttin macht sie ihre Festorte zu Stätten friedlicher Verein- 
barungen zwischen Stämmen und Staaten, wie das Amarynthion 
in Euboia und Attika (Strabon 448). Vgl. auch die Panegyris 
an den Thermen auf Lesbos (C. I. Gr. n. 2172). Als Stadtgöttin 
nimmt Artemis neben Themis am Markte ihren Platz ein 
{io üiycJ.u 6qii /mI rrorr/' ".jQTffii Medea 160). Die Idee des 
Natursegens tritt zurück, und aus der kinderpflegenden Mutter- 
göttin wird als Vertreterin wehrhafter Bürgerschaften eine jugend- 
lich energische Jungfrau mit Schwert und Lanze, eine virgo 
intacta, cld/^o'jg, ebenso wie Aphrodite aus demselben Grunde 
IvoTiKiog wird. Es ist eine merkwürdige Thatsache alter Re- 
ligionsgeschichte, dafs in Athen wie in Sparta der Artemis 
Agrotera die Kriegsopfer dargebracht wurden (PoUux 8, 91; 
Xen. Hell. IV 2, 20). 

Die uns überraschende Vorstellung einer Naturgöttin als 
Jungfrau hat noch andere Veranlassungen. Auch die argivische 
Hera taucht aus dem Bade als jungfräuliche Braut hervor und 
in Altstymphalos hatte sie als Jungfrau, als Gattin, als Wittwe 
besondere Heiligthümer. So wurde theils die sich stets ver- 
jüngende Kraft, theils der Wechsel des Naturlebens zum Aus- 
druck gebracht, und es mögen auch bei Verjüngung der Artemis 
noch andere Motive mafsgebend gewesen sein, als ihre Er- 
hebung zur Stadtgöttin. Merkwürdig aber ist, dafs nur bei 
Artemis das Prädicat Ilagd-evog als Cultusname nachzuweisen 
ist. Denn die Inschrift im C. Inscr. Gr. 266P: Noaoig — 
ugartcouoa Uagd-tvo) ist von Keil (Philologus IX p. 457) 
richtig nach Leros versetzt und auf Artemis gedeutet. Das 
Heiligthum der Artemis Parthenos ist von Hofs wieder aufge- 
funden (Inselreisen II 121), und die Vorgebirge und Berge 
Namens Parthenion, auch das arkadische, welches die südliche 



I. Studien zur Geschichte der Artemis. j^3 

Yerlängerimg des Artemision ist, haben von der Jungfrau 
Artemis ihren Namen, 

Was die Stellung der Artemis im öffentlichen Leben der 
Griechen zur geschichtlichen Zeit betrifft, so müssen wir im 
diesseitigen Hellas, das wir allein überblicken können, zwei 
Gebiete unterscheiden, den Osten und die Westländer, welche 
mit der dodonäischen Periode in engerem Zusammenhange 
geblieben sind. In den östlichen Landschaften, den lebhafter 
bewegten, trat sie hinter jüngeren Gottheiten zurück, welche 
mit zuwandernden Geschlechtern Eingang gefunden haben. 
Hier haben wir nur Reminiscenzen ihrer früheren Bedeutung. 
Aber bei den Athenern, die in religiösen Dingen sehr con- 
servativ waren, hat Artemis als Brauronia nicht nur für 
das Familienleben hervorragende Geltung behalten und einen 
Platz unter den Burggöttern erlangt ; sie hat als Agrotera auch 
an Siegesruhm und Siegesdank hervorragenden Antheil ; mit 
Enyalios zusammen wird ihr das Staatsopfer dargebracht. Im 
Dienst der Aristobule hat sich der merkwürdige Ueberrest eines 
Cultus der das Gemeinwesen berathenden Göttin erhalten ; als 
Munichia ist sie die Burggöttin von See-Athen. Als eine 
nationale Gottheit von viel geltendem Ansehen ist sie auch 
vorzugsweise berufen, bei Verträgen thätig zu sein ; so wird sie 
in der Lysistrate 1262 angerufen, um bei den Libationen an- 
wesend zu sein. In Theben ist sie die yaidoxo^ geblieben, 
wenn sie auch mit Athena Onka und Phoibos Apollon die 
Obhut der Stadt theilt (tqigooi äle'inioooi Soph. Oed. T. 163). 
In Troizen ist sie die jugendpflegende Göttin im Gymnasium 
und Hippodrom geblieben, in Pellene die Gottheit, bei welcher 
die heiligsten Eide geschworen wurden. Welche Bedeutung 
aber im Grofsen und Ganzen für älteste Völkergeschichte ihr 
Cultus gehabt haben mufs, erkennen wir schon daraus, dafs der 
ganze Golf, der Aigina und Salamis umspült, der wichtigste 
Schauplatz alter Culturentwickelung, von einem Artemisheilig- 
thum seinen Namen erhalten hat (Peloponnesos II 445). Als 
Göttin des Seeverkehrs dachte man sich Artemis Hegemone, 
des Neleus Führerin, auch an der Gründung der ionischen 
Zwölfstadt betheiligt (Callim. Dian. 226). 

In den von hellenischer Culturentwickelung abgelegenen 
Landschaften ist sie unbeschränkte Landesgottheit geblieben; 
so als ßritomartis und Diktynna in Kreta, als Artemis Aitole 



-[^ I. Studien zur Geschichte der Artemis. 

oder Aitolis in den Acheloosländern. Ihr Heiligtimm zu Kalydon 
war das Staatsschatzhaus, wo sich des Landes Reichthümer 
sammelten (Suidas ßad-vnlovTog). Hier ist auch im Staatseult 
der Laphria das für die alte Naturgottheit charakteristische 
Opfer, bei dem mit den Früchten des Landes und den gewöhn- 
lichen Opferthieren auch Vögel und zahme wie wilde Wald- 
thiere lebend in die Flammen geworfen wurden, bis in die 
spätesten Zeiten beibehalten worden. Hier schliefst sich Artemis 
ohne Concurrenz allen Formen der fortschreitenden Entwickelung 
an; sie wird als Schiffahrtsgöttin auf Münzen durch die Prora 
gekennzeichnet und leitet als Hegemone die Colonisation der 
Ambrakioten (Poljainos VIII 52). Hier erkennen wir am deut- 
lichsten die von Stadt zu Stadt, von Land zu Land fortschreitende 
Uebertragung des Cultus, in das Land der Heneter einerseits, 
wie landeinwärts nach Naupaktos (Paus. IV 31) und über den 
Golf nach Patrai (VII 18). Im peloponnesischen Binnenlande, 
wo pelasgische Traditionen am festesten wurzelten, ist Artemis 
neben dem lykäischen Zeus die erste Landesgöttin. Auch hier 
hat sie sich durch ihre Feste als eine volkeinigende bewährt. 
Alle Gaue des vielgespaltenen Landes verehrten Ix TraXaiorarov 
(Paus. VIII 5, 11) die Artemis Hymnia, und wir dürfen annehmen, 
dafs die alten auf Kunstpflege bezüglichen volksthümlichen 
Satzungen der Arkader, durch welche sie sich gegen den ab- 
stumj^fenden Einflufs eines rauhen Klimas zu schützen suchten, 
von diesem Heiligthum ausgingen (Pelop. I 228. Pinder und 
Friedländer, Beiträge zur älteren Münzkunde 1851, S. 89). 
Sonst mit den Anfängen des geselligen Lebens verflochten, er- 
scheint Artemis in Lusoi als Hemeresia, d. h. sie war für 
die Arkader, die ihr treu blieben, die zur Entwilderung des 
rauhen Landes und seiner Sitten wesentlich thätige Cultur- 
göttin. 

Ueberblicken wir das Material, das ich nach geschicht- 
lichen Gesichtspunkten zu ordnen versucht habe, so tritt uns 
hier der Unterschied zwischen Religion und Poesie deutlicher 
entgegen, als bei irgend einer anderen Gottheit des Olymps. 
Welch eine inhaltreiche Geschichte hat der Artemisdienst durch- 
lebt, ehe er mit Apollon in Berührung gekommen ist! Wie 
irreleitend also ist es, wenn man noch immer fortfährt, die 
Betrachtung der Artemis mit dem geschwisterlichen Verhältnifs 
zu beginnen, in welchem die grofse Göttin zu einer Nebenfigur 



I, Studien zur Geschichte der Artemis. 15 

des Bruders erblafst ist! Unter den vielen Heiligthümern 
Arkadiens ist nur eines, in dem sie als Letoide verehrt wurde. 
Die geschwisterliche Verbindung ist etwas verhältnifsmäfsig 
Spätes, Zufälliges und Unwesentliches. Artemis wurde, wo 
Apollon eine zeusartige Stellung hatte, auch als die Gattin 
Apollon's angesehen (Eustath. zur Uias 20, 70). 

Die Entwickelung der Artemis zu einer selbständigen Gottheit 
kann in zwiefacher Weise gedacht werden. Man kann annehmen, 
es sei ein kleiner Kern allmählich angewachsen, d. h. durch 
äufsere Zuthat, durch Uebertragung immer neuer Functionen 
und Würden, wie man etwa einem bewährten Geschäftsführer 
oder Beamten bei wachsendem Vertrauen immer mehr verant- 
wortliche Dienstleistungen überträgt. 

So denkt sich auch Welcker den Hergang, wenn er von 
Artemis sagt (II 400) : ,. nachdem die Herrschaft des Mond- 
lichts auf sie übertragen, ging eine neue Würde auf die keusche 
Jägerin über, die Geburtshülfe", und das Bild der Jägerin 
hat sich so ungebührlich in den Vordergrund gedrängt, dafs 
es im C. Inscr. Gr. II 2172 von den lesbischen Quellen heifst, 
sie seien Artemis heilig „ob venationem'' ! 

Dafs diese Auffassung nicht genügen könne, braucht wohl 
nicht ausgeführt zu werden. Das Wesen der Göttin läfst sich 
nicht aus einzelnen Attributen und Motiven stückweise zusammen- 
setzen. Es mufs ein anderer Kern vorhanden sein als die Vor- 
stellung einer Jägerin und das Bild des Mondes. Ich stimme 
hier vollständig mit H. D. Müller überein, wenn er sagt: „Die 
physische Anschauung ist nicht der Grundstoff, aus dem die 
religiösen Vorstellungen sich bilden ; die dem Menschen ein- 
geborene Gottesidee entnimmt ihre Formen den Phaenomenen 
der Natur" (Mytli. II 273). Der Thau. von dem im Süden 
die Flora lebt, ist der Sohn der Nacht, und je klarer der Mond 
am Himmel steht, um so reichlicher trieft der Thau ; darum 
war die Mondsichel das treffendste Symbol der grofsen Göttin, 
die den Segen der Natur spendet, die Pflegerin des Lebens in 
Pflanzen-, Thier- und Menschenwelt, überall an fischreichen 
Seen, auf Bergweideu und in feuchten (jründen, an Flüssen, 
Bächen und Quellen zu Hause, die Behüterin von Mutter und 
Kind in den gefährlichsten Stunden, die des Lebens Anfang in 
Händen bat und mit sanftem Geschofs ein mildes Ende bereitet. 
Sie folgt dem Menschen vom Hirtenzelte in die Stadt, und mit 



16 I. Studien zur Geschichte der Artemis. 

seiner geistigen Entwickelung entfaltet sie sich selbst in ethischer 
wie politischer Beziehung immer reicher und voller: ut grex, 
sie rex. Daher der Göttin unzählige Altäre im griechischen 
Lande und die Fülle ihrer Namen. 

Das ist die grosse Naturgottin, wie ich sie in meinem Auf- 
satze über „griechische Mythologie vom geschichtlichen Stand- 
punkte" (Alterthum und Gegenwart II S- 50} darzustellen ver- 
sucht habe; ebenso hat Claus in seiner inhaltreichen Dissertation, 
De Dianae antiquissima apud Graecos natura (Breslau 1881) 
die Göttin aufgefafst. Ganz übereinstimmend Perrot, Histoire 
de Tart III p, 319 und Homolle, De antiquissimis Dianae 
simulacris p, 56, und ich sollte denken, dafs diese Auffassung 
vom AVesen der Artemis jetzt keinem Widerspruch mehr be- 
gegnen dürfte, wenn auch das Verhältnifs derselben zu den 
anderen weiblichen Gottheiten noch Zweifeln unterliegen mag. 

Nun noch ein Wort über die Ausbreitung des Cultus. 

Der Umstand, dafs es nur im diesseitigen Festlande von 
Hellas durch Pausanias möglich ist, die Verbreitung der Götter- 
dienste genau zu überblicken, verleitet immer wieder zu der 
Anschauung, als ob in der alten Culturgeschichte ein diesseits 
und jenseits unterschieden werden könne. Das Irrthümliche 
dieser Vorstellung erhellt auch aus einer Reihe der wichtigsten 
Artemis -Stationen, welche sämmtlich Küstenplätze sind mit 
bequemen Anfahrten und Vorgebirgen ; so die Mündung des 
Alpheios. Vorzugsweise aber ist es die Ostküste, wo wir die 
Cultusplätze reihenweise verfolgen können. Ich erinnere nur an 
die saronische Bucht und die öioTtoiva aklag lliiivr^g in Troizen 
(Eurip. Hippol. 228). wie die iegng dxrrj \-1qt6iiiÖ(k yovoaÖQOv 
(Herod. VIII 77), -/^Qvoa/.cc/Azov c'r/.ra y^ögag (Soph. Trach. 637); 
an Brauron, Marathon (Mittheil, des Instit. X 279), Peiraieus 
und Aulis, an die Artemis Diktynna am Vorgebirge bei der 
Smenosmündung (Peloponn. II 275), Issorion, Tainaros; an die 
Inseln Aigina, Thera und Melos (Archäol. Zeitung XI 182) 
und vor allem an Kreta. Alle Spuren weisen von Westen nach 
Osten, vom Festland ins Inselmeer, und da eine Bewegung im 
Artemisdienste nicht zu verkennen ist, von Kreta nach dem 
Peloponues, von Euboia nach Attika, von Aetolien zu den 
Henetern, von Klein-Asien nach Latium nach Gallien und nach 
Spanien (Strab. 159: Jiarior, 'Erptaiag \/QTtiiiiSog uqov, ein wohl- 
gelegenes 6Qftr]TrjQiov y.aicc ^ülaoacxv) — es sind lauter nach 



I. Studien zur Geschichte der Artemis. j^'^ 

Westen gerichtete Uebersiedelungen und Verpflanzungen — so 
werden wir auch im Osten die Ausgangspunkte zu suchen haben, 
wenn wir den Artemisdienst in seinem geschichtlichen Zusammen- 
hange zu erkennen suchen. 

An der asiatischen Küste waren ganz andere Verkehrs- 
verhältnisse als in den abgelegenen Bergeantonen des dies- 
seitigen Hellas, und wenn es Ephesos war. das von allen Sitzen 
des Artemisdienstes demselben am meisten eine ökumenische 
Bedeutung zu verleihen vermocht hat. so erklärt sich dies 
daraus, dafs hier das natürliche Land- und Wasserthor des 
östlichen Continents war, ein Kreuzpunkt der verschiedensten 
Verkehrswege. Da nur die Seestrassen hier eine besonders vor- 
wiegende Bedeutung erlangt haben, so lag es nahe, hier auch 
eine maritime Zuwanderung vorauszusetzen, um so mehr, als in 
dem benachbarten Erythrai die Einführung des phönikischen 
Heraklesdienstes sehr bestimmt bezeugt ist. Dazu kommt, dafs 
in einem phönikischen Heiligthume, dem an der Syrte gelegenen, 
heilige Gebräuche seltenster Art sich finden, welche mit Ephesos 
die gröfste üebereinstimmung zeigen, die Tempelgarde bewaffneter 
Frauen, welche die Göttin schützen wie durch Aufzüge und 
Waffentänze feiern, dieselben Formen der Keuschheitsprobe u. a. 
(Beitr. zur Gesch. u. Top, von Kleinasien S. 11; s. oben Bd. I 
S. 239). Deshalb erschien mir eine Uebertragung wahrscheinlich; 
erweisen läfst sie sich nicht, und thatsächlich ist nur, dal's längst 
vor Gründung der Zwölfstadt Artemisdienst an dieser Küste 
ansässig war und mit dem Hinterlande in engster Verbindung 
stand. Wie in Arkadien finden wir Artemis hier als Berg- und 
Flufsgöttin. Das von Mysern, Phrygern und Lydern umwohnte, 
durch Natursegen ausgezeichnete Tmolosgebirge wird hier zu 
einem neuen Centrum (Artemis Tmolia: Athen. 1336J. Von hier 
aus erstreckt sich nach Westen hin der Artemisdienst wie ein 
nationales Band, welches alles griechische und den Griechen 
verwandte Volk umfafst. Wie wir auf den Inseln der Aristobule 
von Athen in Rhodos, der lakedämonischen Kondylitis in Les- 
bos begegnen, so finden wir die Haarweihe der Jungfrauen in 
Hierapolis wie bei den Troezeniern (Lucian, dea Syr. a. E.) und 
gleichartige Priestersatzungen bei der Ephesia wie bei der Hymnia 
in Arkadien. Artemis Gygaia als Todesgöttin hütete die Gräber 
der Mermnaden wie Diktynna die der spartanischen Könige, 
und lydische Pfeifer feierten mit lydischen Aufzügen die lake- 

Cartins, Gesaniraelte Abhundlunjfen. Bd. II. 2 



-[g I. Studien zur Geschichte der Artemis. 

dämonische Limnatis. Die aQ/.Teia, welche die arkadischen 
Dienste mit den attischen verbindet, wiederholt sich in Lemnos 
wie in Samothrake (Dorier I 381) ; die Bären und Löwen, welche 
die Göttin begleiten, führen uns nach Kyzikos, wo uns die 
Bäreninsel und die Bärenhöhe begegnen unterhalb des Dindymon, 
des Berges der phrygisch-lydischen Bergmutter (Str. 575). Hier 
tritt uns also eine andere Form derselben Göttin mit voller 
Deutlichkeit entgegen. Denn Dindymene wurde als Leukophryene 
aus dem älteren Magnesia in die neuere Stadt übertragen 
(Str. G47). Deutlicher kann die Identität zweier Gottheiten 
nicht ausgedrückt werden. Der Löwe bleibt aber der Artemis 
auch in den Ländern, wo seit Menschengedenken keine Löwen 
vorhanden waren, so dafs auch ihre Nymphen, wie Atalante, 
in Löwen verwandelt werden. Auf ein Käseopfer in Löwen- 
form bei der lakonischen Artemis glaubte Welcker aus Alkraan 
schliefsen zu dürfen; doch ist es noch nicht gelungen, das 
Fragment 34 bei Bergk, Poet. Lyr. Gr.* sicher herzustellen und 
zu deuten. Es handelt sich aber um das Hirtenfest einer Berg- 
göttin, bei welchem ein Löwenkäse die Hauptrolle spielt. Vergl. 
Welcker, Rhein. Mus. 1855 S. 263; Gr. Götterl. I 584. Auch 
in Syrakus durfte dem Thiergarten der Artemis die Löwin nicht 
fehlen (Theokrit 2, 67). 

Gehen wir diesen Beziehungen nach, wie ich sie hier 
andeute, so kommen wir immer mehr zu der Ueberzeugung, 
dafs der Artemisdienst kein buntes und innerlich zusammen- 
hangloses Vielerlei mythologischer Vorstellungen sei, sondern 
ein in sich Einiges und Ganzes, ein Cultus, der sich in der 
unter phrygischen und lydischen Einflüssen stehenden pelas- 
gischen Vorzeit von Klein- Asien nach Hellas ausgebreitet hat, 
und wenn der Name der Göttin, dessen Entstehung jenseits der 
hellenischen Volksentwickelung liegt, erklärt werden kann, so 
ist es nur möglich aus der Sprache älterer, den Griechen be- 
nachbarter und verwandter Völker Vorder-Asiens, und ich 
wüfste nicht, was gegen die schon von Gosche, De ariana 
linguae armeniacae indole p. 28 vorgeschlagene Verbindung mit 
iranischen Wörtern und Namen (wie Artames und Artimas) 
einzuwenden wäre. 

Die Ausbreitung des Artemisdienstes kann nur durch 
Zuwanderer erfolgt sein, die im Binnenlande Klein-Asiens zu 
Hause waren, und es ist eine ebenso volksthümliche wie weit- 



I. Studien zur Geschichte der Artemis. -[Q 

verzweigte, von keinem Menschenwitz ersonnene, echte Ueber- 
lieferung, welche uns die Träger des Dienstes nennt; denn im 
ganzen Peloponnes ist Artemisdienst mit dem Geschlecht der 
Tantaliden verwachsen. In Kaphyai. Styraiahalos, Oresthasion 
gehen Artemisdienst und Pelopidensagen zusammen. Ein Pelopide 
stiftet ihn am Strande von Elis; Pelops ruht in Pisa neben dem 
Tempel der Artemis und seine Gefährten führen zu ihren Ehren 
die ersten Festtänze auf. Eine Quelle Menelais fliefst an ihrem 
Heiligthum, und derselbe Agamemnon, der ihr in Aulis opfert, 
gründet den Myrrhinusiern ein Heiligthum der Kolainis; auch 
in Brauron kannte man ihn als Opferpriester der Göttin. Als 
Iphigeneia ist sie mit seinem Geschlecht verbunden und Orestes 
ist ein Missionar ihres Dienstes. Auf der Burg der Pelopideu 
ist ein uraltes Thonbild der thierhaltenden Göttin gefunden 
(Arch. Zeitung 1866 S. 256*) und auch am ephesischen Ufer 
galt der Munichia Heiligthum für eine Stiftung. Agamemnons. 
Vgl. Artemis Gygaia in der Arch. Zeitung XI. 

Bei keiner Gottheit des Olmps führt, wie mir scheint, von 
der äussersten Gränze der von Hellenen und den ihnen ver- 
wandten Völkern bewohnten Länder ein geschichtlicher Faden 
so deutlich mitten in Hellas hinein, wie bei der Artemis. Dafs 
aber auf dem Boden Klein-Asiens, wo sich im Innern wie an 
der Küste arische und semitische Volkssitten überall kreuzen, 
in die Kette der vom phrygischen Hochlande stammenden 
Gottesdienste viel Fremdartiges sich eingedrängt hat, ist nicht 
zu verwundern. Eine sichere Methode die Elemente zu scheiden 
ist noch nicht gefunden. Wir pflegen aber solche Gebräuche, 
in welchen fanatische Aufregung und sinnliche Ausschweifung 
mit dem Gottesdienste verbunden sind, als etwas dem arischen 
Völkergeschlechte Fremdartiges zu betrachten, und die Spuren 
unzüchtiger Cultusformen folgen dem Artemisdienste tief nach 
Hellas hinein. Ich erinnere nur an die Tänze der lakonischen 
Mädchen, welche in wilder Bewegung die Schenkel zeigten 
aoy_rif.i6vn)g töjv layjiov /.garov^teviüv Photius Lex. p. 126 (Welcker, 
Griechische Götterlehre 2, 392). 

Semitischen EinHufs glaubt man auch bei der tischleibigen 
Eurynome in Phigaleia wahrzunehmen ; auf den Zusammenhang 
des lakedämonischen Artemisdienstes mit Lydien habe ich be- 
reits in dem Aufsatz über Artemis Gygaia hingewiesen und 
auch AVelcker 2, 393 giebt ihn zu. 



20 I- Studien zur Geschichte der Artemis. 

Das phrygische Hochland ist der Knotenpunkt, von dem 
sich der Gottesdienst nach Westen wie nach Osten ausgebreitet 
hat. Im Osten ist Artemis die grofse Naturgottheit gebheben. 
an deren Festen bei dem gygäischen See die ganze Schöpfung 
sich betheih'gt: die SchiUliahne regen sich im Takte, die Fische 
lauschen, die Inseln bewegen sich. Von Phrygien aus hat sich 
der Name Artemis tief in das Innere von Vorder-Asien ver- 
breitet; als ,.persische" Artemis wurde sie bis jenseits des 
Euphrat mit heiligen Rinderheerden verehrt (Plut. Lucullus 24) 
und hatte dadurch eine internationale Bedeutung wie keine 
andere der olympischen Gottheiten. Darum wurde auch ihr 
Heiligthum in Ortygia auf Befehl des Grofskönigs von Datis 
ausnahmsweise nicht nur verschont, sondern hoch gefeiert (Herod. 
6. 97); das brauronische Bild wurde nach Susa gebracht, und 
Themistokles wufste als Gastfreund der Perser die internationale 
Geltung der Göttin geschickt zu verwerthen. 

Auch in den "Westländern bezeugt sich die ursprüngliche 
Identität von Kybele und Artemis, und beide Gottesdienste 
werden in alten Tempelsagen als Stiftungen der aus Phrygien 
eingewanderten Tantaliden bezeichnet (Paus, 3, 22). Gleichwie 
in der Musik erst plirygisch und lydisch componirt wurde, dann 
ionisch, und endlich in der Harmonie, welche Piaton als die 
allein echt hellenische ansehen konnte (Laches 118), so erfolgte 
auch im religiösen Leben eine stufenweise fortschreitende Klärung, 
wodurch einzelne Völkergeschlechter aus dem früher unterschieds- 
losen Volksganzen vortraten und das Hellenische sich von 
dem ablöste, was man später barbarisch nannte. Das ist das 
a7Toy.()ivia!}ai h. ^tuLanloov rov ßa^ßägov ed-vtog, wie es Herodot 
I 60 in zum Theil w^örtlicher Uebereinstimmung mit Thukydidt s 
I 3 ausdrückt, und in diesen Process giebt uns die Geschichte 
der Artemis einen Einblick. Die Hauptsaclie dabei war der 
Bruch mit dem Pantheismus des Orients. Das Preisgeben der 
Person an die Macht sinnlicher Naturtriebe, welche den Menschen 
eben so wie die Thierw^t beherrscht, wird durch keuschen Tempcl- 
dienst heranwachsender Mädchen ersetzt ; das Menschenblut wird 
der grofsen Göttin nicht entzogen, aber die Tödtung durch 
Geisselung ersetzt, die den Jüngling Schmerzen ertragen lehrt. 
Körperformen, welche die verschiedenen Schöpfungsgebiete ver- 
mischen und sich bei Artemis am längsten erhielten, w^erden 
beseitigt. Dem Pantheismus entsi)rechend ist auch die An- 



I. Studien zur Geschichte der Artemis. 9| 

schauung der Xaturkraft in einem weiblichen Ürwesen, und 
noch in Ephesos war die überschwängliche Idee einer gebärenden 
und nährenden Muttergöttin so vorherrschend, dafs das männ- 
liche Princip der Schöpfung gänzlich verschwand. Dagegen ist 
auf dem Boden des hellenischen Volksthums der pelasgische 
Zeus in vollen Ehren geblieben. Eine Person trat neben die 
andere, und nun begann die Poesie ihr geistreiches Spiel, um 
die Ideen männlich und weiblich gedachter Gottesmächte, wie 
sie sich im religiösen Bewufstsein der verschiedenen Stämme 
entwickelt hatten, zu gestalten und wie eine Menschenfamilie 
um einen Hausheerd zu gruppiren. Das ist der Process, dessen 
Abschlufs Homer und Hesiod bezeichnen. Diese Zusammen- 
ordnung war ohne Beschränkung der einzureihenden Gestalten 
unmöglich, wie wir es auch im Musenchor sehen, wo eine Idee 
von umfassender Bedeutung so getheilt wird, dafs jeder Trägerin 
derselben ein besonderer Wirkungskreis zugewiesen worden ist. 
Hier wirken also Poesie und Religion in entgegengesetzter 
Richtung. Denn die eine verlangt plastische Gestalten und 
menschengleiche Individualitäten ; das religiöse Bedürfnifs aber 
will göttliche Wesen, bei denen man sich nicht erst zu besinnen 
l^raucht. wie weit ihre Machtsphäre reiche. Mit Ausnahme von 
Hestia, dem symbolischen Bande der Hausgenossen, ist also 
jede olympische Gottheit ursprünglich ein Wesen von unbe- 
grenzter Macht, wie es der eingeborenen Gottesidee entspricht, 
ein ganzer Gott, und die Götterlehre wird wesentlich zu einer 
Morphologie, deren Aufgabe es ist. jede olympische Gestalt 
ihrem Ursprünge und ihren Wandlungen nach geschichtlich zu 
begreifen, wie ich es mit Artemis versucht habe. 



II. 



Studien zur Geschichte des griechischen 
Olymps. 



Auf einem Gebiete der Alterthumswissenschaft, das in 
solcher Gäbrung begriffen ist wie die Mythologie und Religions- 
geschichte der Hellenen, wo die entgegengesetztesten Ansichten 
mit gleichem Unfehlbarkeitsgefühl vorgetragen werden, wo nach 
Mafsgabe persönlicher Neigungen und Studienrichtungen die 
Einen Alles aus dem fernsten Morgenlande herleiten und er- 
klären, die Anderen auch die am sichersten bezeugten Einflüsse 
des Auslandes in Abrede stellen, dürfte es zur Förderung der 
Sache am erspriefslichsten sein, so unbefangen wie möglich 
allen Spuren nachzugehen, welche sich in der Ueberlieferung 
der Alten über die Entwickelung ihrer religiösen Vorstellungen 
finden, um so eine gewisse Verständigung in Betreff einer rich- 
tigen Methode mythologischer Forschung zu erzielen. Butt- 
mann, welcher zu Anfang des Jahrhunderts unserer Akademie 
seine im Mythologus gesammelten Forschungen vortrug, brachte 
den methodischen Sinn des Grammatikers mit; er suchte in 
der verwirrenden Masse des Stoffs nach durchgreifenden Ana- 
logien und bemühte sich, aus der Sprache auch für die Götter- 
lehre gewisse Normen abzuleiten. Er machte zuerst die Beob- 
achtung, dafs die Namen der olympischen Gottheiten aus dem 
uns bekannten Griechisch sämmtlich unerklärlich sind und dafs 
die göttlichen Wesen, welche uns verständliche Namen haben, 
wie Ge, Uranos, Helios, einer anderen Zeit angehören. 

Merkwürdig ist, dafs Buttmann selbst an der vollen Gültig- 
keit dieser Beobachtung irre wurde, weil der Name Hestia 
widerspreche; denn diese Ausnahme ist doch die beste Bestä- 
tigung seiner Regel, weil wir sofort erkennen müssen, dafs die 



II. Studien zur Geschichte des griechischen Olymps. 23 

zwölfte Gottheit ihrem "Wesen nach von den anderen gänzlich 
verschieden, dals sie durchaus eigenartig ist. Sie ist das Band, 
welches den Kreis umschliefst, das Siegel, das der hellenische 
Geist dem Bande aufgedrückt hat. um diese Vereinigung ur- 
sprünglich selbständiger Gottheiten um einen gemeinsamen Herd 
als sein Werk zu kennzeichnen. 

Wichtiger ist ein anderer Einwand gegen die Buttmann'sche 
Regel, den Welcker in seiner Götterlehre (I 408) erhoben hat 
bei Besprechung des Sonnendienstes in Korinth und B.hodos. 
Helios ist eine der Gottheiten, deren Name die gangbare Be- 
nennung des Gegenstandes ist, dem sie vorsteht; sie müfste 
also jüngeren Ursprungs sein und zu den Gottheiten gehören, 
die keine grofsen Volksfeste haben (Mythologus I 10). 

Hier können wir Buttmann in der Zeitbestimmung nicht 
folgen; darin aber hat er vollkommen Recht, dafs er zwei ganz 
verschiedene Reihen göttlicher Wesen unterscheiden lehrt, in- 
dem die einen einer allgemeinen Naturreligion angehören, welche 
das dem natürlichen Menschen Nächste zum Gegenstande hat, 
die anderen der nationalen Religion, der Religion des Olymps, 
welche die Frucht eines ausgebreiteten Völkerverkehrs ist. 

Es fragt sich nun, wie weit es möglich ist, von diesen 
verschiedenen Stufen des religiösen Lebens, das die Hellenen 
in vorgeschichtlicher Zeit durchgemacht haben, eine Vorstellung 
zu gewinnen. Es würde unmöglich sein, wenn es nicht die 
Gottesdienste wären, in denen sich die Ueberlieferung überall 
am festesten bewährt. Religiöse Umzüge sind Urkunden ältester 
Stadtgeschichte, Opfergebräuche die dauerhaften Zeugnisse alter 
Sitte. Die Götter lebten nicht anders und besser als die 
Menschen; so lange diese, von der Aufsenwelt abgeschlossen, 
auf die Erzeugnisse ihres Bodens angewiesen waren, nahm man 
zu den Spenden Honig und Milch, Pappelblätter, Fenchel, 
Thymian; die Bergkräuter dienten als Gewürz. Es war das 
„indoeuropäische Ureigenthum'', wie es Hehn nennt, und auch 
nachdem die Hellenen Oel und Wein angebaut hatten und sich 
den weinlosen Barbaren des Binnenlandes gegenüber (tu] uirorreg 
olvov ß(xQ[iuQoi Plut. Symp. IV ü3) ihrer reich entwickelten 
Oultur freuten, blieben die vr^fpcdiu uqu, vi^ifu/.ioi ^ionioi in 
alten Ehren. Auch zum Anzünden der Opfertlamme enthielt 
man sich aller fremdländischen Holzarten, die nicht zu den 
vrjfpaha ^v'/.a (Hesych.) gehörten, selbst des Reben- und Feigen- 



24 II. Studien zur Geschichte des griechischen Olymps. 

holzes. Diese Opferbräuche sind also echte Zeugnisse des vom 
Seeverkehre unberührten Autochthonenthunis. Es ist daher für 
unsere geschichtliche Kenntnifs des religiösen Lebens der Grie- 
chen ein Glück, dafs wir aus Polemon diejenigen Gottheiten 
kennen, denen die ,.nüchternen Spenden" dargebracht wurden; 
vor allen die Quellnymphen, an denen sich am deutlichsten zu 
erkennen giebt, wie das Ursprüngliche im Volksleben auch die 
gröfste Dauerkraft hat. Ihre Stätten waren die heiligsten im 
Lande, ehe die Olympier gekommen sind, welche sich durch 
sie im Lande einheimisch zu machen suchten. Aphrodite wird 
selbst Nymphe an der Quelle des Hyllikos (Paus. 11 32, 7), 
Athena bürgert sich mit den Agrauliden in Athen ein; Apollon 
sucht eine Unterkunft bei der Quelle Tilphusa; er wird aber 
von ihr abgewiesen, weil sie lieber allein bleiben will; denn 
natürlich treten die Quellnymphen vor den neuen Gottlieiten 
in eine bescheidene Stelle zurück. Aber sie überleben die 
Olympier, und wie diese, suchen auch die christlichen Heiligen 
dem unsterblichen Nymphendienst sich anzuschliefsen, wie 
OtoTo/Mc. fj TTrjyi] und ähnliche Namen beweisen. Im Quell- 
dienste haben wir die ältesten Zeugnisse einer volksthümlichen 
Frömmigkeit, welche sich auf alles fliefsende Wasser erstreckte ; 
ihm entspricht, was Hesiod in den AVerken 735 sagt, es sei 
ein Frevel, in einen Bach gedankenlos hineinzutreten und ihn 
ohne Waschung und Gebet zu durchwaten. Aus diesem Leben 
mit der Natur entspringt auch das Bedürfnifs, den Gestirnen, 
die das Menschenleben leiten, Ehrerbietung zu erweisen. Hesiod 
verbietet, angesichts der Sonne, als wenn sie eine Persönlich- 
keit wäre, etwas Unanständiges zu thun, und bei Polemon wer- 
den Eos, Helios, Selene als Empfänger der Nephalia bezeugt. 
Man fühlte diesen Cultus als etwas der Vorzeit Angehöriges, 
in welcher die Griechen ihre Nationalität noch nicht ausgebildet 
hatten; darum sagt Aristophanes (Frieden 40G): Helios und 
Selene verriethen Hellas an die Perser, Bei den Barbaren, 
meinte man, hätten sie mehr Ehre, während sie unter den 
Hellenen vernachlässigt worden wären, seitdem die Throne der 
Olympier aufgerichtet seien. An den Tempelgiebeln nehmen 
Helios und Selene eine untergeordnete Stellung ein, eben so 
wie die elementaren Gottheiten des Wassers, die mit ihnen die 
gleichen Opferspenden empfangen. 

Charakteristisch für diesen ältesten Zustand des religiösen 



II. Studien zur Creschichte des griechischen Olymps. 25 

Lebens der Griechen, von dem wir uns eine Vorstellung machen 
können, ist die Richtung der Andacht auf das natürlich Ge- 
gebene und die ausschliefsliche Verwerthung dessen, was die 
eigene Landschaft darbot, zur Verehrung der Gottheiten. Des- 
halb verschmähten die Cliier bei ihren OpfersiDcnden die in 
Atarneus gewachsene Gerste, weil sie sich scheuten, dadurch 
einen durch Frevel erworbenen Besitz als einen Theil des 
Inselgebiets anzuerkennen (Herod. I 160), und es galt für ein 
Kennzeichen altbäuerlicher Einfalt, die hymettischen Bergkräuter 
duftreicher zu finden als die kostbarsten Salben des Morgen- 
landes (Theophr. Charakt. 4). Diese Beschränkung auf das 
Heimathliche blieb in Geltung, auch seitdem alle Schätze des 
Auslandes zuströmten; sie wurde beibehalten und dadurch auch 
den ärmsten Leuten die Betheiligung am Cultus ermöghcht. 
An ihnen erkannte man die ältesten Gottesdienste der Heimath, 
wie z. B. die Diasia, das ehrwürdigste aller attischen Landes- 
feste, durch die d-ciiuTci und Tveuucaa imycjQia charakterisirt 
Würden, So wurde auch Zeus als der unsichtbare Urheber 
von Wasser und Nahrung durch gleichen Opferdienst mit den 
Nymphen verbunden; während aber der Nymphendienst an 
einzelnen Plätzen haftet, ist der Zeusdienst der erste Cultus, 
welcher die in einer Landschaft zusammen wohnenden Volks- 
genossen einigt. 

Suchen wir nun nach dem Uebergang aus die -er engen, 
in sich abgeschlossenen heimathlichen Welt in die geschichtlich 
bewegte, aus der mythenlosen Zeit ältester Landesreligion in 
die des sich entwickelnden Polytheismus, so liegt der Keim 
dieser Umwandlung darin, dafs Zeus nicht allein bleibt, dafs 
ein weibliches AVesen hinzutritt. Was bei den Pei-sern als eine 
geschichtliche Epoflie ihres Gottesdienstes aufgezeichnet war, 
dafs dem arischen Manngotte ein weibliches Wesen zugesellt 
wurde, dessen Cultus bei den Nachbarn semitischen Stammes so 
mächtig war, dafs man sich seiner nicht erwehren konnte (Herod. 
I 131), das hat sich bei den Griechen allmähhch vollzogen, 
und wir erkennen die Anfänge dieser Umgestaltung in gewissen 
heiligen Sagen, die sich an die älteste Naturreligion anschliefsen. 
Es ist vor allem die Sage von dem hgog yuftoi;, welche den 
Jahressegen, den Zeus spendet, als Befruchtung eines weiblichen 
Wesens auffafste und in der Zeit der Frühlingsregen eine 
Götterhochzeit annahm. 



•26 II. Studien zur Geschichte des griechischen Olymps. 

Diese Sage ist der Urkeim aller Theogonie, aber selbst 
nicht mythologisch entwickelt, sondern mit dem Hintergrund 
religiöser Naturanschauung verwachsen geblieben, so dafs kein 
Kind die Frucht des Bundes ist, sondern das Naturleben selbst, 
das in jedem Frühling neu verjüngte. Die Sage ist als Ueber- 
lieferung an der Ostküste zu Hause, am Ocha wie an den Vor- 
sprüngen der argolischen Halbinsel. Es sind Küstenstationen, 
an denen wir die ersten Spuren einer geistigen Bewegung finden, 
welche das von allem Verkehr abgeschlossene, religiöse Leben 
der Landesbewohner allmählich umgestalten sollte. 

Wenn seemächtige Völker mit einem reich ausgebildeten 
Gewerbfleifse an den Küsten autochthoner Völker auftreten, so 
mufste dies eine Hauptepoche des Culturlebens sein, die allen 
anderen, durch Völkerverkehr bewirkten Einwirkungen voran- 
gegangen sein mufs. Wie begierig aber autochthone Völker 
eine überlegene Cultur aufnehmen, davon geben uns die Missionen 
unserer Tage immer reichlichere Belehrung, und die alten Grie- 
chen haben sich von den anderen Völkern der Erde nur da- 
durch unterschieden, dafs sie das Dargebotene, wie kein anderes 
uns bekannte Volk, sich innerlich zu eigen zu machen wufsten. 

Wenn jede altphönikische Station ein Heiligthura ihrer 
Göttin zum Mittelpunkte hatte, so war dieses der Vereinigungs- 
punkt zwischen Eingeborenen und Fremden, und es scheint 
mir einer der befremdlichsten Rückschritte im Verständnifs des 
Alterthums zu sein, wenn das, was Böckh auf einigen inhalt- 
vollen Seiten der „metrologischen Untersuchungen" mit seinem 
klaren Blick für antikes Culturleben über die für die Mittel- 
meerländer weltgeschichtliche Bedeutung der Aphrodite Urania 
gelehrt hat, wieder in Frage gestellt worden ist, Welcker 
dachte sich den Dienst einer einheimischen Göttin als den Stamm, 
dem der fremde Dienst gleiclisam aufgepfropft sei, aber A, Hug 
hat zu Piatos Symposion mit Recht darauf hingewiesen, dafs 
davon keine Spur aufzuweisen sei. Wie früh aber die Göttin 
der Sidonier in Hellas eingeführt worden sei, dafür glaube ich 
noch einen Beleg nachweisen zu können, nämlich in dem oben 
erwähnten Zeugnifs Polemons, welcher unter den Gottheiten, 
denen nach ältester Landessitte die einfachen Nymphenspenden 
dargebracht wurden, Aphrodite Urania nennt. 

So volksthümhch ist in ältester Zeit die fremde Göttin 
geworden, die ja auch selbst an der Quelle des Hyllikos als 



II. Studien zur Geschichte des griechischen Olymps. 27 

Nymphe verehrt wurde. Je früher die Berührung mit dem 
Aushinde fällt, um so aiistandsloser haben sich die Eingeborenen 
den von aufsen kommenden Eindrücken hingegeben; wir dürfen 
also mit gutem Grunde annehmen, dafs Aphrodite das gött- 
liche Wesen war, das zuerst in den Kreis der heimatlichen 
Gottheiten eingetreten ist und zuerst aus dem engen Gesichts- 
kreise der Autochthonen in den weiten Völkerverkehr hinaus- 
geleitet hat. Die Spenden sind noch dieselben, wie sie den 
Nymphen dargebracht wurden, aber mit dem Dienste der Göttin 
ist von der syrischen Küste auch der Weihrauch herüber ge- 
kommen, von dem Pindar singt, dafs er von den Hetären 
Korinths Urania geopfert werde. 

Es giebt einen zweiten Punkt griechischer Religions- 
geschichte, der nur im Zusammenhange der JVJittelmeergeschicbte 
beurtheilt werden kann. 

Die Phönizier haben im östlichen Meere nicht anders colo- 
nisirt als im westlichen, nur sind hier die Spuren deutlicher 
geblieben. Wenn wir also in Sicilien, Sardinien, Spanien zweifel- 
los nachweisen können, wie die Tyrier auf kleinen Küsteninseln 
und dann auf dem gegenüberliegenden Festlande ihrem Stadt- 
gotte Opferplätze errichteten, um welche die Eingeborenen sich 
zuerst gesammelt und geordnet haben, indem sie ihm als He- 
rakles auf phönikische Weise dienten (^Qi^axtveiai rrr tri 
(puLVL/.iy.Cü^ Appian S. 49, 13), wenn Herakleia Minoa auf seinen 
Münzen die punische Legende des Melkart trägt, wenn wir auch 
im östlichen Meere, wie bei Erythrai, in alter Ortssage das 
Schiff bezeugt sehen, auf dem Herakles von Tyros ausgefahren 
sein sollte, wenn wir endlich dem mit phönikischem Namen be- 
nannten Eilande Salamis gegenüber ein Herakleion finden, das 
als Sammelplatz des eingeborenen Volks eine centrale Bedeu- 
tung gewonnen hat, ganz ebenso wie das der Gaditaner in 
Spanien — so geht doch durch diese Ueberlieferungen eine so 
vollständige Analogie, dafs auch die zweite grofse Epoche in 
der Culturgeschichte des Mittelmeers, die der lyrischen Coloni- 
sation und ihrer Einwirkung auf den griechischen Cultus nach 
meinem Urtheile eine unzweifelhafte Thatsache ist, und man 
kann sich nur wundern, wie tief eingewurzelt das Vorurtheil 
ist, es sei eine heilige Pflicht des Philologen, das Land der 
Hellenen mit seinen offenen Küsten und seinem lernbegierigen 
Volke in den Anfängen seiner Cultur zu isoliren und aus dem 



28 II- Studien zur Geschichte des griechischen Olymps. 

Zusammenhange der Völkergeschichte herauszureifsen. Handels- 
verkehr mit Fremden erfolgte immer unter religiösen Formen, 
und dazu gehörte die Anerkennung von ausländischen Gott- 
heiten. Das Herakleion an der Fähre von Salamis hat dieselbe 
Ijage wie das der Aphrodite Migonitis (/mtcc rr^v vr^Gov h rf] 
r]jttiQ<o Paus, III 220. 1); das sind die Plätze des ältesten 
Uferbazars, wo Griechen und Phönikier, Arier und Semiten 
sich zuerst verständigen lernten. Die Berührung zwischen 
diesen beiden Völkergriippen hat für alle Epochen der Menschen- 
geschichte eine hervorragende Bedeutung gehabt; sie ist wie 
in Vorderasien, so in den Mittelmeerländern, eine Hauptepoche 
der Religionsgeschichte gewesen; die BerülirungsjDunkte waren 
die ersten Keimstätten des geschichtlichen Lebens, und ich 
habe es deshalb immer für eine wichtige Aufgabe antiker 
Culturgeschichte gehalten, die phönikischen Küstenstationen im 
Peloponnes wie in Mittelgriechenland sorgfältig aufzuspüren. 

An dieser Stelle möchte ich nur darauf aufmerksam machen, 
wie verschiedenartig das Verhalten der Griechen gegen die Gott- 
heit von Sidon und die von Tyros gewesen ist. So allgemein 
und unbedingt jene die Aufnahme in den nationalen Götterkreis 
erreicht hat, so langwierig war der Kampf um die Gottheit 
des Herakles, auch da, wo sein Dienst am tiefsten Wurzel ge- 
schlagen hat, wo er am siegreichsten ins Binnenland vorgedrungen 
ist, wie dies in Attika der Fall war. Hier hat er von der 
Salaminischen Bucht als Soter und Alexikakos in Melite einen 
Ehrensitz gewonnen, hier ist er von Athena selbst dem Götter- 
kreise zugeführt worden, und dennoch ist es ihm nicht gelungen, 
einer der zwölf zu werden; er ist immer als ein nicht Eben- 
bürtiger behandelt worden. Wir sehen also, wie sich das 
Nationalgefühl, welches Aphrodite gegenüber noch durchaus 
macht- und widerstandslos war, allmählich entwickelt und dem 
tyrischen Gotte den Olymp verschlossen hat. 

Der olympische Götterkrei« ist die erste nationale That 
der Hellenen, und wir dürfen uns keine Mühe verdriefsen lassen, 
um uns, so weit es möglich ist, darüber Klarheit zu verschaffen, 
wie dieser Kreis zu Stande gekommen, woher die verschiedenen 
Gottheiten stammen, in welcher Folge sie nach einander Auf- 
nahme gefunden und welche Umgestaltung sie durch dieselbe 
erfahren haben. Ich versuche deshalb, ohne irgend etwas Fer- 
tiges geben zu wollen, die Gesichtspunkte zusammenzustellen. 



II. Studien zur Geschichte des griechischen Olymps. OQ 

die sich mir bei meinem Nachdenken über die geschichtliche 
Entstehung der hellenischen Götterwelt ergeben haben. 

Die Zw'ölfzahl ist, davon können wir ausgehen, nicht aus 
religiösem Gefühl hervorgegangen; es ist eine dem Naturleben 
entlehnte politische Ordnungszahl, welche auf einer Ueberein- 
kunft beruht, die den Zweck hatte, einer Gruppe von Gottes- 
diensten gemeinsame Anerkennung zu sichern. Es war der 
Abschlufs einer langen Zeit von Gährung und Unfrieden; denn 
wie die Nachbarstärame in den Zeiten der Siderophorie sich 
ununterbrochen befehdeten, so auch ihre Gottheiten, Es ist 
«ine Ausnahme, wenn friedlich ein Gott den anderen zum Ge- 
nossen annimmt, wie Dionysos den Apollon in Delphi. Die 
Anhänger der Artemis und des Dionysos liegen sich mit fana- 
tischen Heerschaaren einander gegenüber. Poseidon und Ares 
machen der jüngeren Göttin Athena den Platz streitig, auf 
dem sie sich dem thrakischen Volke zum Trotz behauptet. Man 
sprach von der rrTu rov llooudojvog, (Plut. Symp. Quaest. IX 6). 
Das sind keine Gegensätze, die im Lande selbst aus einheimi- 
schen Keimen neben einander sich entwickelt haben, sondern 
darüber ist, so verschwommen im Einzelnen auch die Ueber- 
lieferungen sind, nur eine Stimme, dafs, wenn Stämme aus- 
ziehen, um neue Sitze zu gewinnen, auch ihre Gottheiten An- 
erkennung erreichen müssen. Es gilt als eine religiöse Pflicht, 
an allen neu entdeckten Landungsplätzen der einheimischen 
Götter zu gedenken, die bis dahin geholfen haben {oly.O'^ uuffi- 
7CoktLOiac(r — iodi Jiög, f'rO^a d.ii/.tro, urr^uiv arioc l/tw 
Herod. II 5Ü), und Odysseus übernimmt es wie eine Mission. 
den Cult des Poseidon an die Küsten zu tragen, wo man das 
Ruder für eine Schaufel ansieht. Diese Missionen werden von 
einzelnen Stämmen, die zugleich Küstenvölker sind und s])röde 
Bergstämme, wie die karischen Kaunier, als ein bedrohlicher 
Eingriff in ihre autochthone Selbständigkeit angesehen, und 
Jahr für Jahr halten sie in voller AV^affenrüstung ihre kriege- 
rischen Umzüge durch ihr Land, um dadurch zu bezeugen, 
dafs sie, den väterlichen Gottheiten unbedingt und ausschliel's- 
lich treu, die eingedrungenen Fremdlinge wieder zum Lande 
hinausjagen [^raiQifjKJi uovvov xgctoO^ai O-tolai — /ors itiriy.(n\; 
^tolg t/.ßüü.tiv Herod. 1, 172). Auch diese religiöse Xenelasie, 
welche als Eigenthümiichkeit eines Volksstammes überliefert 
wird, beweist ja nur, wie lebhaft und allgemein die Einführung 



30 ^I- Studien zur Geschichte des griechischen Olymps. 

Überseeischer Culte war; die ganze Vorgeschichte der Hellenen 
beruht auf dem Austausch des materiellen und geistigen Be- 
sitzes der benachbarten Gestade, auf der Gründung von Filialen 
auswärtiger Heiligthümer, Herodot trägt es seinen Lands- 
leuten wie eine von Keinem bezweifelte Thatsache vor, dafs die 
Namen ihrer Landesgötter aus dem Auslande kommen (r« 
ovvöf.i(XTC( T« ano liöv ßaqßccQcov rfAOvta) und erklärt dadurch 
die sprachliche Beobachtung Buttmanns, von der wir ausgingen. 
Wir handeln also gewifs nicht im Sinne der Alten, wenn wir 
ihnen zu Ehren eine Gränzsperre durch das ägäische Meer zu 
ziehen uns verpflichtet glauben und als moderne Kaunier alle 
überseeischen Gottheiten austreiben. 

Es handelt sich aber nicht nur um Küstenplätze, sondern 
auch zu Lande sind Götter eingewandert, und wie deutlich sich 
die Alten des über Land und Meer reichenden grofsen Zu- 
sammenhanges ihrer Götterwelt bewufst waren, zeigt Homer, 
wenn er, nachdem Ares und Aphrodite zusammen gekommen- 
sind, die Göttin nach Paphos zurückkehren läfst, den Gott nach 
Thrakien. Hier haben wir es nicht mit einer poetischen Fiction 
zu thun, denn für den Dichter sind die Ortsbestimmungen gleich- 
gültig, sondern mit Thatsachen, die feststanden im Bewufstsein 
des Volks. Die Heimath der Aphrodite ist topographisch genau 
bekannt und bezeugt. Die Stationen continentaler Götterdienste 
sind ihrer Natur nach weit schwerer zu bestimmen ; man hatte- 
nur das sichere Gefühl, dafs Ares im nordischen Gebirgslande 
seine Heimath habe. 

Merkwürdig ist, wie die Alten selbst die geschichtliche 
Bewegung anerkannt haben und sich der Altersunterschiede in 
den Gottesdiensten bewufst waren, wie sie die 7rt('AcciyJh)re\; von 
den jüngeren Göttern unterschieden, die roiaoO-evnc l^ <^QX^iS 
von den dru yoovov /mC^üvtsc: trjv (fr'jiitji' (Paus. II 26, 6). Man 
sprach von der Ankunft des Poseidon, die der von Athena voran- 
gegangen, wie von einer geschichtlichen Thatsache (»}/f vrgcnoi; 
Ilootiöiäv hn irjv 'Jtti/.i'jv Apoll. III 14), und mit Hülfe volks- 
thümlicher Vasenbilder und der unschätzbaren Mittheilungen, 
welche wir Pausanias über volksthümliche Anschauungen der 
Alten verdanken, können wir uns auch eine Vorstellung von der 
Wasserwelt der Hellenen machen, ehe Poseidon und Ami)hitrite 
ihren Thron aufgerichtet haben, von der Zeit, wo die Küsten- 
leute nur ihren „Alten vom Meere" (a/.iog yeqwv), ihren Nereu& 



II. Studien zur Geschichte des griechischen Olymps. 31 

und Triton hatten. (Vgl. Percy Gardner im Journal of philo- 
logy VII p. 2 15 ff.). 

Vielleicht ist es möglich, aus der Ueberlieferung der Alten 
gewisse Kennzeichen für die ältere oder jüngere Aufnahme der 
Gottheiten zu gewinnen. 

Ich habe schon in meinen Studien über die Geschichte der 
Artemis darauf hingewiesen, dafs die Uebertragung ihres Cultus 
von Osten her in den von ihr sogenannten ,.saronischen'' Golf 
nicht zu bezweifeln sei. Daraus, dafs er in Attika eine be- 
deutende Verbreitung gefunden hat, welche die des Athena- 
cultus übertrifft (siehe oben S. 5), und dafs über Einbürge- 
rung des Artemisdienstes keinerlei Ueberlieferungen vorhanden 
sind, dürfen wir auf ein sehr hohes Alter schliefsen. Ein her- 
vorragender Sitz war Munichia, wo das erste der den Hellenen 
stammverwandten Seevölker, die Minyer, gewohnt haben. Mit 
ihren Ansiedelungen glaube ich also den Dienst der attischen 
Artemis in Verbindung setzen zu dürfen ; sie ist jünger in 
Attika als Aphrodite Urania, älter als Poseidon und Athena. 
Von denselben Gottheiten giebt es nach den Oertlichkeiten. wo 
sie Aufnahme fanden, verschiedene Sagen. Dionysos erzwingt 
sie und zw^ar von der Wasserseite her, wie seine Züge mit den 
Meerweibern im Golf von Argos (Paus. II 22, 1) und sein Kampf 
mit Triton an der böotischen Küste zeigen. Nach Athen kommt 
er von der Landseite und wird feierlich willkommen geheifsen. 
Im Athenadienste haben wir keine Ueberlieferung, welche, wie 
bei Aphrodite, in volksthümlicher Weise einen überseeischen 
Ursprung und jenseitigen Ursitz bezeugte ; er ist aber durch 
das Meerbad des Bildes, durch das ihr heilige Schiff und vor 
Allem durch den Oelbaum mit den jenseitigen Gestaden auf 
eine zweifellose A\'(nse verbunden. Was endlich den Apollon 
betrifft, so steht er allen Gottesdiensten, die keine Adventsagen 
haben, als derjenige gegenüber, dessen üeberkunft die letzte 
grofse Epoche der vorgeschichtlichen Zeit bezeichnet. Sein 
Kommen ist in Ortslegenden und Hymnenpoesie so reich be- 
zeugt, dafs wir alle wichtigeren Missionsplätze und die Wege 
der Verbreitung nachweisen können. Erst durch seine Ankunft 
ist es möglich geworden, dem Zeitalter der Götterfehden ein 
Ende zu machen und die Gottheiten alle zu einem Ganzen zu 
verbinden. Durch ihn ist das nationale Prinzip zum Siege gekom- 
men und dadurch dem tyrischen Stadtgotte der Olymp verschlossen. 



32 II' Studien zur Geschichte des griechischen Olymps. 

So ist es vielleicht müglich, in andeutenden Linien den 
Uebergang aus der starren Autochthonie der ältesten Landes- 
bewohner zu dem hellenischen Götterkreise verständlicher zu 
machen. So wenig wir von dem Geologen eine Chronologie der 
Thatsachen verlangen, deren Endergebnifs das gegenwärtige 
Bodenrelief ist, eben so wenig ist es dem Mythologen möglich 
mehr nachzuweisen, als die muthmafsliche Folge der Schichten, 
aus denen sich auf Grund des zunehmenden Völkerverkehrs das 
Götterwesen der Hellenen aufgebaut hat. 

Wenn es der Völkerverkehr war, der den griechischen 
Polytheismus in das Leben gerufen hat, und das Bestreben, 
durch gegenseitige Anerkennung nachbarlicher Gottesdienste 
einen friedlichen Verkehr der Stämme herzustellen, so folgt 
daraus, dafs es die Hauptgötter der verschiedenen Völkerschaften 
waren, welche man im Kreise der Olympier vereinigte, um ihnen 
dadurch eine nationale Geltung zu verschaffen. 

Wenn ursprünglich selbständige Gottheiten in einen ge- 
schlossenen Götterkreis aufgenommen wurden, so konnte dies 
nicht ohne mannigfache Umgestaltung ihres Wesens und Be- 
schränkung ihrer Machtsphäre geschehen. Zwar wurde das 
besondere Verhältnifs, in welchem die einzelnen Gottheiten zu 
Städten und Stämmen standen, nicht aufgehoben ; Aphrodite ist 
in Korinth immer die erste geblieben, wie Hermes in Tanagra, 
Ares in Theben, aber als Mitglieder des nationalen Götterkreises 
wurden sie auf gewisse Gebiete eingeschränkt, wie es geschieht, 
wenn gleichberechtigte Mitglieder eines Herrschergeschlechts sich 
das Erbe theilen oder wenn die Vollmacht des Königsthums in 
verschiedene Amtskreise übergeht. Nach Analogie der Herakliden- 
loosung, auf welche die Gliederung der peloponnesischen Staaten 
zurückgeführt wurde, dachte man sich also auch die Welt- 
herrschaft der Olympier gleichsam in Provinzen gegliedert und 
sagte vom Poseidon, ihm sei als sein Loos die Salztiuth zugefallen 
ißUr/ov ycohrjv a/.a II. 15. 190). Dafs er aber nicht von Hause 
aus Meergott gewesen sei, erhellt daraus, dafs er als Quell- 
speiider (y-ot^rory/K) und Ernährer der Saaten (ipcTi'c/.uiog) geehrt 
wurde. Die Weihgeschenke von Haarflechten, die ihm dar- 
gebracht wmrden, zeigen, dafs er in Thessalien der Gott war, 
welchem man die Blüthe der heranwachsenden Jugend dankte; 
in Korinth sehen wir am deutlichsten, wie man ihn als den 
Spender alles dessen ansah, was das Glück und den Stolz des 



II. Studien zur Geschichte des prriechischen Olymps. 33 

Landes bildete, Rofszuclit, Weinbau und künstlerische Technik. 
Er war ein zeusartiger Gott, und nur deshalb, weil sein Dienst 
zuerst bei Küstenvölkern ausgebildet und zu Wasser herüber- 
gebracht ist, ist er zum Seegott geworden. Eben so wenig 
wie Poseidon ist Hephaistos ursprünglich ein Gott des Elements. 
Er wird mit dem Zeus Areios gleich gestellt, dem Oinomaos 
als dem höchsten Gotte opfert (Paus. V J4) und der in Passaron 
ein Heiligthum hatte, das ein heiliger Mittelpunkt der Epiroten 
war (Plut. Pyrrhos c. 5). Hermes ist ein zeugungskräftiger 
Naturgott, als igiocviog so gewaltig in Ober- und Unterwelt, 
dafs kein gleichberechtigter denkbar ist ; darum war er bei den 
Thrakern der Stammgott der Könige (Herod. V 2), die gewifs 
nicht auf einen untergeordneten Gott ihr Geschlecht zurückführen 
wollten. Auch Dionysos ist ein universaler Gott, dessen Segens- 
kraft in dem Ei angedeutet ist, das er auf den böotischen 
Reliefs in der Hand trägt, ein Quellgott wie Zeus Ammon, 
Zeus ebenbürtig und auf alten Bildern ihm voranschreitend 
(Monum. del Inst. IX 17). Ares endlich zeigt deutliche Spuren 
einer ursprünglich universalen Machtsphäre. Als Segenspender 
(dffrewg) ehrten ihn die Tegeaten und liefsen ihn aus der Brust 
einer gestorbenen Mutter dem durstenden Kinde Nahrung spen- 
den; ihn feiern die Hymnen als den, der blühende Jugendkraft 
verleiht; der Areshain wird auch Zeushain genannt (Welcker. 
Gr. Götterl. I 419). Von den weiblichen Gottheiten habe ich 
früher nachzuweisen gesucht, wie jeder derselben die Idee einer 
Cüjoyorog i>6« zu Grunde liegt (Alterthum u. Gegenwart II öO). 
Jeder Olympier ist ursprünglich ein ganzer Gott, ein voller 
Gott, so wie ihn das Gemüth des Menschen verlangt, der im 
Gefühl der Unzulänglichkeit seiner Kräfte eines überweltlichen 
Wesens bedarf, das ihm in allen Lebenslagen helfen kann, ohne 
dafs er sich zu besinnen braucht, an welcher Tempelpforte er 
anklopfen soll, an welchen unter den Vielen er sich zu wenden 
habe als den Specialisten in dem besonderen Fache. Dies 
natürliche Gottesbedürfnifs des Menschen tritt uns auch bei den 
Naturvölkern entgegen, wie wir sie durch die Missionare kennen 
lernen. Von den Bassuto Transvaals z. B. sagt Merensky in 
seinen Erinnerungen aus dem Missionsleben in Süd- Afrika: ,.sie 
reden von Gott als einem höchsten AVesen, verbinden aber mit 
dieser Vorstellung nicht den Begriff einer Persönlichkeit. Gott 
ist die lebenspendende und todsendende Macht." 

Cartius, Gesanunelte Abhandlungen, üd. H. O 



34 II- Studien zur CTescliichte des griechischen Olymps. 

Die Geschichte der Götter ist mit dem Eintritt in den 
Zwölfkreis nicht zu Ende. Innerhalb desselben behalten die 
Gottheiten zu den einzelnen Stämmen und Städten ihr besonderes 
und lebensvolles Verhältnifs, Der ideale Inhalt des Gottes- 
bildes wächst mit der geistigen und politischen Entwickelung 
der Volksgemeinde, und die Poesie nimmt die Ausgestaltung 
der Götterwelt nach Art eines menschlichen Familienkreises in 
ihre Hand. Das Schicksal der göttlichen Personen ist aber 
sehr verschiedenartig ; ihre ursprüngliche Ebenbürtigkeit tritt 
immer zurück und das Mafs von Ehrerbietung, das ihnen gezollt 
wird, hängt damit zusammen, wie weit die Stämme und Ge- 
schlechter, denen sie ursprünglich angehören, an der vollen 
Entwickelung hellenischer Geistesbildung Antheil haben oder 
zurückgeblieben sind. Ares behält den Charakter seiner Lands- 
leute im Norden ; ungebärdig, ein wüster Rauf hold, ist er dem 
Vater der Götter verhafst und wird von Athena wie ein 
Junge behandelt, bei dem keine Aussicht vorhanden ist, dafs 
er zu einer von Leidenschaften freien, sittlichen Persönlich- 
keit reife. 

Der Einflufs des Standesgefühls macht sich geltend. Je 
mehr sich der Dienst des Hephaistos auf die Handwerkerkreise 
beschränkt, um so dreister werden alle Mängel des Handwerker- 
standes im Vergleich mit den das Gemeinwesen nach aufseu 
vertheidigenden und im Innern leitenden Eupatriden auf den 
Gott übertragen ; im Sinne der ritterlichen Poesie wird er zu 
einer lächerlichen Figur, der sich zwischen den Olympiern 
ebenso wenig zu benehmen weifs, als wenn ein in den Werk- 
stuben hockender Lohnarbeiter in den Kreis von Edelleuten 
eintritt. Am auffälligsten ist die Degradation oder Ehren- 
minderung bei Hermes, der, wenn Einer der zwölf, die deut- 
lichen Kennzeichen einer ursprünglichen vollen Göttlichkeit an 
sich trägt. Er behält nicht nur aus seiner nordischen, der 
Entwickelung des städtischen Wesens ungünstigen Heimath den 
Charakter des Bäuerlichen, sondern ihm wird am wenigsten ein 
selbständiges Herrschaftsgebiet zu Theil ; er erscheint als ein 
Lückenbüfser, ein Aushelfender, ein Diener, und nachem er in 
diese untergeordnete Stellung geschoben ist, werden ihm nun 
auch alle die Schwächen aufgebürdet, welche in der mensch- 
lichen Gesellschaft dem dienenden Stande anhaften. AVie 
Hephaistos wird er mit Humor behandelt; schon aus den 



II. Studien zur Geschichte des griechischen Olymps. 35 

Windeln heraus beginnt er seine diebischen Streiche. Es sind 
also vorzugsweise die von Norden zugewanderten Götter, welche 
eine ungünstige, unehrerbietige Behandlung erfahren haben. 
Das hängt damit zusammen, dafs von den continentalen Stämmen, 
so zu sagen, am wenigsten geistiges Capital eingeschossen ist 
zur hellenischen Cultur; darum waren ihre Gottheiten in 
ihrer göttlichen Würde weniger unangreifbar als ApoUon und 
Athena, denen keine frivole Mythenbildung etwas anhaben 
konnte. 

Religion und Poesie gehen immer mehr ihre verschiedenen 
Wege. Die wuchernde Phantasie hat den Kern des religiösen 
Volksglaubens immer dichter umsponnen, und wie es den religiös 
gestimmten Hellenen, den Dichtern sowohl wie den Philosophen, 
eine Gewissensache war, den Kern religiöser Ueberlieferuug 
von den willkürlichen Zuthaten der Poeten zu reinigen, so 
beruht auch für uns das Verständnifs der griechischen Religion 
auf einer richtigen Scheidung dieser zwei grundverschiedenen 
Elemente. 

So wenig man also auch ernsthaft daran festhalten kann, 
die homerischen Gedichte als eine Urkunde griechischer Volks- 
religion anzusehen, so hört man doch nicht auf, die novelli- 
stischen Tändeleien der Poeten mit dem Inhalt volksthümlicher 
Gottesideen zusammenzutlum. l\Ian pflegt noch immer die 
Züge des ursprünglichen Gottesdienstes mit profanen Ertindungen 
zusammenzuwerfen, als wenn Beides gleichwerthig wäre ; man 
glaubt in der Buhlschaft zwischen Ares und Aphrodite Mysterien 
einer uralten Naturreligion zu erkennen und hält es für möglich, 
dafs ein vernunftbegabtes Volk einen Gott anbeten könne, zu 
dessen angeborenen Charaktereigenschaften die Dieberei gehört. 

Es giebt nur einen Ort, wo es uns vergönnt ist, der Aus- 
bildung des hellenischen Religionsvvesens stufenweise nachzugehen 
und uns eine Vorstellung der wichtigsten Entwickelungsepochen 
zu bilden ; das ist Athen. Hier hat man am treusten das Alte 
festzuhalten, alle fruchtbaren Keime auswärtiger Gottesdienste 
sich anzueignen und das Alte mit dem Neuen harmonisch zu 
verbinden gewufst. Der älteste Dienst, den die Landeskinder 
dem strömenden Wasser wie den das Jahr ordnenden Gestirnen 
widmeten, hat durch den überweltlichen Zeus seine höhere Weihe 
empfangen, und an diesem Höchsten haben sie unerscliüttert 
festgehalten ; sie haben ihn nicht durch die Artemis zurück- 

3* 



36 II. Studien zur Geschichte des griechisclien Olymps. 

drängen lassen, wie es an den jenseitigen Gestaden der Fall 
gewesen ist. Sie haben dem Zuge, der durch die alte Welt 
geht, einem weiblichen Wesen die Hut des Gemeinwesens anzu- 
vertrauen, nicht widerstanden. Sie haben erst Aphrodite und 
dann Athena als Pflegerin der Geschlechter und als volk- 
sammelnde Göttin geehrt; Athena aber hat den Vorrang ge- 
wonnen, indem sie sich Zeus als Tochter unzertrennlich anschlofs. 
Ursprünglich, wie alle weiblichen Gottheiten, mütterlich gedacht 
und als Spenderin der Acker- und Baumfrucht, hat sie sich, 
wie keine andere Gottheit, mit der geistigen und staatlichen 
Entwickelung der Athener immer reicher ausgestaltet. • als ritter- 
liche Jungfrau ihr Gemeinwesen schirmend. Zum Heil der 
Stadt sind auch ihre alten Widersacher, Poseidon und Ares, 
nicht verdrängt, sondern gewonnen worden ; Poseidon ist ihr 
Hausgenosse, Ares ist auf seinem Hügel ein befreundeter Nachbar 
geworden, und selbst, wenn von seiner nordischen Heimath die 
Rede ist. nennt Sophokles ihn ayyiTCohg (Antig. 97U), ein Aus- 
druck, der nach meinem Urtheil nur aus der Topographie von 
Athen zu verstehen ist. Aus altpelasgischer Zeit wird als eine 
heilige Reliquie noch ein Holzbild des Hermes im Athenatempel 
aufbewahrt und sein Dienst als ein besonders volksthümlicher 
erhalten. Hephaistos. den vielfach verunglimpften, haben die 
Athener von allen am treusten geehrt ; als einer ihrer Stamm- 
väter tritt er uns nicht nur auf den Werken der Thonmalerei, 
die seinem Gebiete entstammen, sondern auch in der bildenden 
Kunst, bei Aeschylos und Piaton in voller göttlicher Würde 
entgegen. Demeter hat sich mit Athena über das ursprünglich 
beiden gemeinsame Segensgebiet verständigt und hütet den Fufs 
der Stadtburg. EndHch kommt Apollon, um Athen in den 
vollen Völker verkehr einzuführen und den ganzen Reichthum 
ionischer Cultur ihm zuzueignen. Mit ihm schliefst die volks- 
thümliche Geschichte der attischen Religion ; ihre höchste Ent- 
faltung knüpft aber wieder an den Anfang an, der jüngste Gott 
will nichts Anderes sein als der Prophet des Zeus, des alle 
Zeit unbedingt Höchsten, und vereinigt sich mit ihm und Athena 
zu der für Athen charakteristischen Gruppe. 

In Athen ist der antike Polytheismus auf die würdigste 
Weise ausgebildet worden; hier erkennen wir am deutlichsten 
das dem Göttervereine zu Grunde liegende Motiv, die geistigen 
Kräfte aller Nachbarstämme, die einen für das Volksleben 



11. Studien zur (-reschichte des griechischen OlymiDs. 37 

bedeutenden Cultus in ihrer Mitte ausgebildet haben, zur Her- 
stellung eines vollen Nationalgefühls zu vereinigen. Die Athener 
haben dies am sichersten erkannt, am glücklichsten durchgeführt, 
und der Zwolfgötteraltar der Pisistratiden kennzeichnete ihre 
Stadt schon als einen Sitz öffentlicher Gastfreundschaft und 
friedlichen Völkerverkehrs, als einen geistigen Mittelpunkt 
aller Land- und Seestämme, welche an der Ausbildung des 
hellenischen Volkscharakters einen wesentlichen Antheil ge- 
nommen haben. 

So lange den Menschenkindern nicht zum Bewufstsein ge- 
bracht ist, dafs sie nach dem Bilde Gottes geschaffen sind, 
machen sie die Gottheit nach ihrem Bilde, und auf diesem 
Wege der Anthropomorphie haben die Hellenen das Höchste 
geleistet, indem sie alle edelsten Kräfte des Menschengeistes, 
Weisheit, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Wahrheitsliebe auf ihre 
Gottheiten übertrugen. Dadurch wurden dieselben ethische 
Vorbilder, ideale Gestalten, um welche die Besten des Volks 
sich einigten. Daher die Erbitterung gegen d i e Poeten, welche 
die Ideale herabzogen, zu denen auch Sokrates und Piaton mit 
Ehrerbietung aufschauten. 

Im Anschlufs an frühere Betrachtungen habe ich den Ver- 
such gemacht, das Götterwesen in seiner geschichtlichen Be- 
wegung aufzufassen, denn alles geschichtlich Gewordene läfst 
sich doch nur begreifen, wenn man es werden sieht. 

Das Gewöhnliche aber ist bis auf den heutigen Tag, dafs 
man die Götter als stereotype Figuren hinstellt und sie als 
etwas beschreibt, was immer dasselbe geblieben sei. Ohne 
Früheres und Späteres, ohne das lose Spiel der Poesie von dem 
religiösen Kern zu unterscheiden, pflegt man noch immer sämmt- 
liche Prädikate und Thätigkeiten, die den Gottheiten zuge- 
schrieben wurden, als gleicliwerthig und gleich echt an einander 
zu reihen, und dann den Scharfsinn daran zu üben, im Natur- 
leben etwas aufzutinden, worauf möglicher Weise die ganze, 
bunte, scheinbar unvereinbare Mannigfaltigkeit von Charakter- 
zügen sich vereinigen lasse. So ist die griechische Mythologie 
zu einem Käthselspiel geworden. Die ganze Natur wird in 
Anspruch genommen, um bald in den verschiedenen Schichten 
der Luft, bald in den Wirkungen der Himmelskörper, bald im 
Wasser, bald im Feuer den versteckten Keim zu finden, aus 
welchem die Götter herangewachsen sind. Nur der wahre, 



38 II. Studien zur Geschichte des griechischen Olymps. 

allgemein menschliche Keim aller Religion ist dabei nicht ins 
Auge gefafst. und Niemand hat im Olymp die Vertretung 
elementarer Kräfte nachweisen. Niemand erklären können, wie 
ein vernunftbegabtes Volk dazu kommen konnte, aus der Salz- 
fluth oder der Erdnässe oder dem Winde die Idee einer Gott- 
heit zu gewinnen, dem es sich in Glück und Noth, im Leben 
wie im Tode anvertrauen will. 

Zum Wesen einer Gottheit gehört die Vorstellung einer 
unbegrenzten Machtfülle; Particulargottheiten mit öffentlichem 
Cultus hat es vor Asklepios kaum gegeben, und hier waren es 
ganz besondere Verhältnisse, weil die sich immer mehr vor- 
drängende Sorge um persönliches Wohlsein nach solchen Götter- 
diensten verlangte, welche durch ihre Priesterschaft und priester- 
lichen Anstalten eine Bürgschaft für Leben und Gesundheit 
in Aussicht stellte. Hier war es die Wissenschaft und Technik 
der Asklepiaden, welche eine neue Art von gottesdienstlicher 
Mission ins Leben rief. 

Im Grofsen und Ganzen stimmt meine Anschauung mit 
dem, was H. D. Müller über die Entstehung des griechischen 
Polytheismus gelehrt hat. Nur in zwei Punkten kann ich nicht 
zustimmen. Er läfst den Olymp aus der Verbindung solcher 
Stämme hervorgehen, welche von Hause aus zu ein er Völker- 
familie gehören. Ich vermag nicht zu erkennen, was uns be- 
rechtigt, die stammfremden Völker auszuschliefsen, welche doch 
die ersten gewesen sein müssen, die zu Wasser mit den Auto- 
chthonen zusammenkamen, und die Einwirkung semitischer Volks- 
elemente halte ich gerade für besonders anregend und einflufs- 
reich. Darin stimmt mir auch L. Friedländer in der Deutschen 
Eundschau 1887 S. 94 bei. Zweitens kann ich darin nicht 
folgen, dafs jedem der Stammgötter von Hause aus eine be- 
sondere Machtsphäre zugewiesen wird, weil jede centrale Gott- 
heit, in deren Dienst die Stammgenossen sich vereinigen, eine 
universale Macht haben mufs. Darum konnte auch K. Fr. 
Hermann in seiner Culturgeschichte der Griechen und Römer 
S. 39 mit einem gewissen Rechte sagen, die Herleitung des 
olympischen Kreises aus Stammgottheiten hebe den Poly- 
theismus auf. 

Das ist aber nicht der Fall ; denn es hat, wie wir gesehen 
haben, eine Naturreligion gegeben, welche neben dem Zeus- 
dienste an den natürlichen Segensorten des heimathlichen Bodens, 



II. Studien zur üeschichte des griechischen üljmps. 39 

an Quellen. Bächen und Flüssen, ihre heiligen Stätten hatte, 
welche auch die See mit menschenähnlichen Wesen bevölkerte 
und den Himmelsgestirnen mit Opfern und Gebeten nahte. 

Dieser Naturdienst hat sich in der Stille ungestört durch 
Jahrtausende erhalten als ältester Volksglaube; seine Gestalten 
sind nie verdrängt und entthront, nie verabsäumt und vergessen 
worden. Ohne sie war auch die Götterwelt nicht zu denken. 
In unzähligen Sagen sind sie mit den Olympiern verbunden 
worden, ja, bei feierlichen Anlässen werden die Landestöchter, 
„die in den lieblichen Hainen wohnen und an den Quellen der 
Ströme", aus ihren heimlichen Plätzen in den Olymp berufen 
(Ilias XX 7). Aber sie bilden nur die Plebs im aristokratischen 
Götterrathe, stimmlos und machtlos, ohne Einflufs auf die Welt- 
begebenheiten, auch ohne individuelle Persönlichkeit. Den 
Landesbewohnern sind sie menschlich immer die nächsten ge- 
blieben, im öffentlichen Cultus aber hinter den Olympiern 
zurückgetreten, denen das Nationalgefühl der Hellenen die 
Tempel errichtet, die Bilder geschaflfen, die grofsen Feste ge- 
stiftet hat. Hier würden wir nach meinem Urtheil irre gehen, 
wenn wir nach einer „Naturbasis" suchen wollten ; die Olympier 
lassen sich nicht aus Aether und Luft, aus Erdwärme und 
Bodennässe, aus Wind und Gewittern erklären; sie sind als 
ganze und volle Gottheiten in den Verein eingetreten, den 
Hestia zu einem Familienkreise gemacht hat. 



III. 
Die Altäre von Olympia. 



Man ist gewohnt, Olympia nur als Schauplatz der natio- 
nalen Festlichkeiten in das Auge zu fassen. Es hat aber auch 
für den von den Festspielen unabhängigen Cultus eine hervor- 
ragende Bedeutung, weil es keinen Ort im alten Griechenland 
giebt, wo unseres Wissens so viel Cultusstätten auf engem 
Räume neben einander lagen und wo wir von denselben eine 
so genaue Kenntnifs haben. Denn Pausanias beginnt V 14, 4 
mit den Worten: q)eQe öt) STtiAS-w^uer y.ai rä elg aTzarvac Iv 
"'O'kvf.utia rohe, ßto/iiovg, mit denen er an einen ihm besonders 
wichtigen Gegenstand herantritt und sich zu einem vollstän- 
digen Bericht verpflichtet, eine Aufzählung der Altäre inner- 
halb und aufserhalb der Altis, wie sie ihm auf dem Rundgang, 
dem der Text genau folgt {ovf.m£QivoaTÜ), von einem sach- 
kundigen Führer gezeigt waren, und zwar nicht so, wie sie 
örtlich neben einander lagen {^/.aja oror/or rrjg lÖQVöuog), ^) 
sondern nach der Reihenfolge, in welcher nach Satzung der 
Eleer an ihnen geopfert wurde {y.utä ra^iv, -/.ad-' Ijp ot ^H'Aeloi 
d^vEtv ini Tiöv liojttcüi' vout'Couoiv), so dafs dieser Abschnitt eine 
Art Ritualbuch für Olympia ist, eine in ihrer Art einzige Ur- 
kunde für das griechische Sacralwesen. Die Altarperiegese 
kreuzt also mehrfach die anderen Wanderungen des Periegeten; 
da es aber häufig vorkam, dafs die durch den Cultus mit ein- 
ander verbundenen Altäre auch räumlich benachbart waren^ 
versäumte Pausanias es nicht, wenn ein besonders grofser Ab- 
stand zwischen zwei nach einander genannten Altären vorhan- 
den war (wie zwischen den Altären der Themis und des Zeus 



') Pausanias V 14, JO. 



III. Die Altäre von Olympia. 



41 



Kataibates), seine Leser ausdrücklich darauf aufmerksam zu 
machen, dafs sie aus der Reihenfolge keine topographischen 
Schlüsse machen möchten: eine Gewissenhaftigkeit, welche wohl 
geeignet ist, das Vertrauen zu seiner Führung zu erhöhen. 

Aufserdem läfst er es aber auch an mancherlei die Lage 
betreffenden Andeutungen nicht fehlen, um dem topographischen 
Gesichtspunkte seines Werks Rechnung zu tragen, und so ge- 
ring auch die Zahl der Altäre ist, die wir in Fundamenten 
nachweisen können,^) so ward es bei unserer jetzigen Terraiu- 
kenntnifs doch gelingen, uns Olympia in seinen Gottesdiensten 
deutlicher zu veranschaulichen. Die chaotische Menge der 
Cultusplätze läfst sich übersichtlicher ordnen und deshalb ver- 
dient die Altarperiegese eine eingehendere Beachtung. Eine 
üebersicht ihres Inhalts giebt die folgende Tabelle. 



1. 


Hestia 


20. 


Altar der unbekannten 




(Aschenaltar im Prytaneion). 




Götter. 


2. 


Zeus Olympios 


21. 


Zeus Katharsios 




im Zenstempel. 




und Nike. 


3a 


• 1j- (Kronoa und ßhea.) 


22. 


Zeus Chthonios. 


4" 


■• b- (Zeus Laoitas, Poseidon 


23. 


Altäre aller Götter. 




Laoitas.) 


24. 


Hera Olympia 


5== 


i-V». (^Hera Laoitis, Athena 


des Klymenos (Aschenaltar). 




Laoitis.) 


25 = 


'b. Apollon, Hermes. 


6. 


Ergane 


26. 


Homonoia. 




(Phädyntenaltar). 


27. 


Athena. 


7. 


Athena. 


28. 


Göttermutter. 


y. 


Artemis. 


29. 


Hermes Enagonios, 


9 a.b. Alpheios, Artemis. 


30. 


Kairos. 


1(1. 


Alpheios. 


31. 


Herakles 


11. 


Hephaistos 




bei dem Schatzhunse der 




(= ZeusAreios) Oinomaos- 




Sikyonier. 




altar. 


32. 


Ge 


12. 


Herakles 




Aschenaltar auf d. Gaios. 




Parastates. 


33. 


Therais 


IS- 


— IG. Heraklesbrüder. 




bei dem ..Stomion-. 




Epimedes. 

Idas (Akesidas). 


34 


Zeus Kataibates 




Paionaios. 




eingezäunt bei d. grofsea 




lasos. 




Aschenaltar. 



17. Zeus Herkeios. 
l.s. Zeus Keraunios, 
19. Zeus 

AsclieiKiltar. 



30 a b. Dionysos, Charites 

bei dem Pelopion. 

36. Musenaltar 

zwischen beiden. 



37. 


Xymphenaltar. 


3S. 


Aller Götter 




Altar im Ergasterion. 


39. 


Aphrodite. 


40. 


Hören. 


41. 


Nymphai 




Kallistephanoi. 


42. 


Artemis Agoraia. 


43. 


Despoina 


44. 


Zeus Agoraios. 


Ab. 


Apollon Pythios 




vor der Proedria. 


46. 


Dionysos. 


47. 


(Zeus) Moiragetas. 


48. 


Moirai. 


49. 


Hermes. 


Dl». 


Zeus Hypsistos. 


51. 


Zeus Hypsistüs. 


52. 


Poseidon 




Hippies. 


53. 


Hera Hippia. 


54. 


Dioskurenaltar. 


55. 


Ares Hippios. 


56. 


Athena Hippia. 


57. 


Tyche Agathe 




im Embolen. 



') Es sind die in ,,OIym])ia und Umgegend"', Berlin 1n."^2 Blatt 3, 
mit A bezeichneten Stellen, denen 8. 26 f. noch einige andere angereiht 
werden. 



42 



III. Die Altäre von Olympia. 



58. Pan 

im Eml)olon. 

59. Aphrodite 

im Embolon. 

60. Nymphai Akmenai 

im Embolen. 

61. Artemis. 



62. Kladeos 



67. Pan 



ira Gemach vor dem 
Tlieekoleon. 



hinter dem Heraion. 

63. Artemis. 

64. Apollon. 6b. Artemis Agrotera 

65. Artemis Kokkoka. '^o'' «^em Prytaneion. 

66. Apollon ti9. Pan 

Thermios. im Prytaneion. 



AVir unterscheiden zunächst die wirklichen Altäre von den 
scheinbaren, d. h. von solchen, welche ihrer Form wegen Altäre 
genannt wurden, aber nicht zum Opfer dienten. So stand in 
der Altis neben dem Eingang zum Stadion ein Postament in 
Altarform, auf welchem die Trompeter wie die Herolde stan- 
den, wenn sie vor dem versammelten Volke ihre Wettkämpfe 
hielten (V 22? 1). So war der Taraxippos am Südrande des 
Hippodroms seiner Form nach ein Rundaltar {oxfj/na ßioi^iov 
niQUfeQOcg VI 20. 15). 

Auch zu Denksteinen wurde die Altarform von den Eleern 
benutzt, wie die Altäre bezeugen, welche sie im Ammonion 
weihten als Denkmäler ihrer alten Verbindung mit dem liby- 
schen Heiligthum (V 15, 11). Denn auf denselben waren die 
Fragen geschrieben, welche man an den Zeus Ammon gerichtet 
hatte, sowie die darauf ertheilten Antworten. 

Bei den Altären, die Opferaltäre waren, beginnen wir mit 
den äufserlichen Gesichtspunkten. 

Die Gröfse ist nur bei einem Altar der Altis überliefert, 
der durch Umfang und Höhe eine Merkwürdigkeit von Hellas 
war, dem Brandopferaltar des olympischen Zeus, welcher als 
ein Mittelpunkt des heidnischen Cultus gewifs absichtlich zer- 
stört worden ist, so dafs sich von seinem steinernen Stufenbau 
nichts erhalten hat. Um so wichtiger war es, dafs nach langem 
Suchen im vierten Jahre unserer Ausgrabung der elliptische, 
aus Flufskieseln gebildete Ring zum Vorschein kam in der 
Mitte der Altis. die uralte Umgränzung des heiligen Platzes, 
auf dem im Laufe von Jahrhunderten immer prächtiger und 
höher, mit einem Unterbau von 125 Fufs Umfang, der Altar 
seinen aus Opferresten anwachsenden Gipfel 22 Fufs hoch 
emporhob, alle anderen Altäre weit überragend, der König 
der Altis, wie ja der Zeusaltar auf der heiligen Höhe 



III. Die Altäre von Olympia. 43 

Arkadiens von Pindar der König des Lykaion genannt 
^Yird. ') Darum wird der j.grofse Altar" von Pausanias auch 
schon vor der Altarperiegese besonders angeführt, um später 
in der Reihe noch einmal genannt zu werden. 

Es war das Kennzeichen einer altheihgen Opferstätte, dafs 
Menschenhand möglichst wenig daran gemacht hatte. Daher 
der Aufbau aus zusammengelesenen Felsstücken, wie wir ihn 
auf alten Altarzeichnungen sehen; daher auch bei dem Zeus- 
altare der Ring unbehauener Steine. -J Die Gottgefälligkeit 
einer Opferstätte sollte darauf beruhen, dafs dieselbe ohne 
künstliche Vorrichtung gleichsam naturwüchsig und wie von 
selbst sich gestaltete, nämlich aus den Ueberresten, welche 
vom Brandopfer an Ort und Stelle zurückblieben und sorgfältig 
gesammelt wurden. So waren auch unter den olympischen 
Götteraltären die Aschenältäre ausgezeichnet, an welche sich 
die Wundersage knüpfte, dafs nur das den Göttern besonders 
wohlgefällige AlpheiosAvasser die Eigenschaft besitze, sich so 
mit der Opferasche zu mischen, dafs sich daraus ein fester Teig 
zur stetigen Auf höhung der Altäre bildete.^) Die Höhe der- 
selben war also keine willkürlich bestimmte, sondern eine ge- 
schichtlich gewordene, ein Denkmal und Mafsstab für das Alter 
des Dienstes und den pflichttreuen Eifer der Gemeinde. Solche 
Aschenaltäre waren unter den G9 olympischen Altären 4: der 
grofse des Zeus (19), der der Hestia (1), der Hera (24) und der 
Gaia (32). Bei den übrigen Altären wird nur ausnahmsweise 
eine besondere Beschatfenheit oder Gestalt bezeichnet; so die 
längliche Gestalt bei dem der Moiren d^toud^ l:riui/.i]^ 48). 
Die Götteraltäre hatten alle einen stufenartigen Unterbau; nur 
der der Artemis (8) zeichnete sich dadurch aus, dafs er eine 
pyramidale Form hatte {t'onia drr/X'jv ei^ iipo^), indem die vier 
Seiten desselben sich allmählich nach oben zusammenneigten: 
eine Zurichtung, welche an den rampenartigen Aufgang er- 
innert, den man über dem Stufenbau des Artemisaltars in 



») Ol. XIII 107. 

2j Vgl. Attische Studien 1 S. 89, oben I S. 3'A>. Altar aus Fels- 
stücken: Archäolog. Zeitung 1845 S. I6'i. 

') So finden wir auch auf Abbildungen von Altären die Oberfläche 
so gezeichnet, dafs sie nicht künstlich geebnet erscheint, sondern eine mehr 
zufällige Form zeigt. Vgl. das Relief Torlonia bei Roma vecchia an der 
Via Appia gefunden, Abgufs im ßerl. Museum n. 246 D. 



44 III- ßie Altäre von Olympia. 

Pati-ai herstellte, um auf sclirägen Flächen die Opferthiere 
hinanzutreiben (Paus. VII 18, 11). — Die Altäre lagen frei 
innerhalb der Altis oder sie waren von einer besonderen Ein- 
fassung umgeben, wie der des Zeus Kataibates (34) mit seinem 
Zaune {(pQcr/^ia), dessen er des Blitzmals wegen nicht entbehren 
konnte.') Sie waren dem allgemeinen Cultus zugänglich, oder 
sie waren besonderen Personen zu bestimmten Zwecken vor- 
behalten, wie der Erganealtar der Phaidynten (6). 

Die Altäre gehörten entweder dem ganzen Heiligthume an, 
oder sie waren mit bestimmten Gebäuden und Räumlichkeiten 
verbunden; so der Hestiaaltar mit dem Prytaneion, der Zeus- 
altar (17) mit dem Palaste des Oinomaos, der bis auf geringe 
Ueberreste verschwunden war, während der Altar, an dem der 
alte König seinem Zeus Herkeios geopfert haben sollte, noch 
vorhanden war; er war das Denkmal der Gründung des Königs- 
hauses, während der des Zeus Keraunios (18) daneben an das 
Gewitter erinnerte, welches dem Hause ein Ende gemacht hatte. 
So gehörte der Zwölfgötteraltar (38) zu der Werkstätte des 
Pheidias und seiner Nachkommen, um die verschiedenartigen 
Kunstarbeiten, wenn sie religiöser Art waren, mit Anrufung 
der Gottheit, auf welche sie sich bezogen, beginnen zu können. 
Die Altäre des Hermes Enagonios und des Kairos (29 u. 30) 
gehörten zum Stadion; am Eingange zu dem Schnabel {t^ißo'kov) 
des Hippodroms waren {rf} (.ilv — t/^ öl V 15, 0) die Altäre 
des Ares Hippios und Athene Hippia (55 u. 56) symmetrisch 
aufgestellt; ebenso entsprechen sich Poseidon und Hera (52 
u. 53) mit gleichen Beiwörtern. So sind auch den Diöskuren 
nebst der Tyche und dem Moiragetas wie den Moiren, mit 
Rücksicht auf die Rennspiele, die Altäre errichtet worden. 
Diese gehörten also zur Ausstattung der grofsen Anlagen, 
während andere daselbst schon früher gestanden haben mögen, 
wie die benachbarten Altäre von Pan und Aphrodite (58 und 
59) und der Nymj)hai Akmenai (GO), die wohl an den zur 
Tränkung der Renner dienenden Becken verehrt wurden. Wir 
haben noch eine andere Gruppe von Gottheiten, deren Bei- 
wörter einen topographischen Anhalt geben : Artemis Agoraia, 



^) Pollux 1X41: in]).vai<f ovrros corofia^eTO, eis u xnTaay.i]y'£ie ßeXoä 
t'l ovoui'ov ■ 7ctoieio'/')'ti^ru ök 7« EvrjXvaid ayavaja dfetzo, Welcker, Griech. 
Götterlehre II 1!)0. 



III. Die Altäre von Olympia. 45 

Zeus Agoraios (42 u. 44). Ihre Altäre standen auf dem cen- 
tralen Platze, welcher den grofsen Brandopferaltar umgab. 
Um aber den Festgesandten, den Beamten und anderen hervor- 
ragenden Personen die Theilnahme an den Opferhandlungen 
an einem ausgezeichneten Platze zu sichern, diente, wie eine 
Art Tribüne, die „Proedria", deren Lage vor der Echohalle, 
dem grofsen Altar gegenüber, am Ostrande der Agora, mit 
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen worden ist, und es pafst 
durchaus, wenn den Marktgötteraltären sich in der Altarreihe 
Apollon Pythios (45) anschliefst; denn dessen Altar wird von 
Pausanias vor der Proedria angesetzt. 

Was endlich den Phaidyntenaltar betrifft, an welchem vor 
jeder Reinigung des Zeusbildes geopfert wurde, so dürfen wir 
mit Wahrscheinlichkeit voraussetzen, dafs er vom Zeustempel 
nicht fern lag (Paus. V 14, 5). 

Durch ihre Beziehungen zu bestimmten Lokalitäten wer- 
den einzelne Altäre als verhältnifsmäfsig junge Stiftungen er- 
kannt; so diejenigen, welche der Ausbildung der Agonistik ihre 
Entstehung verdanken; sie unterscheiden sich von denen, welche 
Pausanias zu dem alten Stamm der Altäre {01 /ti'dat) rechnet. 
Einzelne waren unter priesterlicher Autorität von Privatpersonen 
als Weihgeschenke gestiftet, wie der des Dionysos (46). 

Es gab Altäre mit Inschriften, die den Namen der Gott- 
heit angaben oder blofs ein Epitheton, wie „Moiragetas". Bei 
anderen konnte man über den Inhaber zweifelhaft sein. Den 
bei dem sikyonischen Schatzhaus gelegenen eigneten die Einen 
dem Kureten Herakles, die Anderen dem Sohne der Alkmene 
zu. Auch die Altäre der Brüder des Herakles (IH — IG) ge- 
hörten insofern zu den ])robleniatischen, als man an zweiter 
Stelle zwischen Idas und Akesidas schwankte; dies war, wie es 
scheint, nur eine Verscliiedenheit der Lesung. Diese Opfer- 
stätte der „Brüder" nmfs eine Gruppe von vier Altären ge- 
wesen sein, da einer von ihnen als ein Altar für sich erwähnt 
wird; sie standen wohl auf gemeinsamer Basis, wie etwa die 
Altäre in PomiJeji vor der SO-Ecke des Cerestempels.') Auf 
Altar 21 wurde Nike neben Zeus verehrt. 

Von besonderer Wichtigkeit waren aber für Olympia die- 



^) Nissen, Porapejanisclie Studien S. Ab. 



46 III. Die Altäre von Olympia. 

jenigen Altäre, an welchen je zwei Gottheiten {Iv -/.oivo} Icp' 
IviK ßio^Ku) geopfert wurde, indem jede ihren eigenen, beson- 
deren Opferplatz hatte. Nach alter Ueberlieferung hatte Herakles 
die sechs Doppelaltäre gestiftet, die zu den charakteristischen 
Eigenthümlichkeiten der Altis gehörten.^) Drei derselben sind 
in der Eeihenfolge bei Pausanias erhalten: Artemis und Al- 
pheios (4), Hermes und Apollon, Dionysos und die Chariten 
(25 u. 35); von dem vierten Doppelaltar ist die Dedication 
nur in verstümmelter Form kenntlich: Athena Ijaoitis (5); sie 
ist von Buttmann glücklich ergänzt: Hera Laoitis "und Athena 
Laoitis. Zwei Götterp:Tare sind ausgefallen in der Lücke, an 
welcher der Anfang der Altarperiegese leidet; man hat sie 
nach Cap. 24, 1 wie ich glaube, dem Sinne nach richtig: 
Kronos und Rhea, Zeus Laoitas und Poseidon Laoitas her- 
gestellt.-) 

Diese Doppelaltäre waren ihrer Einrichtung nach ver- 
schieden von den gemeinsamen Altären, wie sie z. B. neuer- 
dings am Südabhange der Akropolis gefunden sind, längliche 
Steine mit einer Reihe von Escharen in der Deckplatte, welchen 
die verschiedenen Dedicationsinschriften an der Vorderseite des 
Steins entsprechen (Mittheilungen des Deutschen Instituts in 
Athen II 216) oder der im Fels ausgemeifselte Opfertisch der 
hymettischen Nymphengrotte (Atlas von Athen Tafel VIII). 
Es waren vielmehr gesonderte Altarwürfel, wie wir annehmen 
müssen, da zwischen je zwei Altären der d^w'T oi^ißtouoi ein 
dritter eingeschoben werden konnte, wie z. B. der Musenaltar 
zwischen Dionysos und den Chariten (35). Die Einrichtung 
der sechs Doppelaltäre beruht auf einem lokalen Göttercyklus, 
dem Ergebnisse einer amphiktyonischen Vereinbarung. Die 
Motive, welche der Paarung der olympischen Altargötter [zu 
Grunde lagen, sind nur an einer Stelle von Pausanias an- 
gedeutet, wo es sich um Artemis und Alpheios handelt. 

Auch unter den Einzelaltären lassen sich gewisse Nachbar- 
gruppen erkennen, und zwar nicht blofs solche, die sich an 



') Find. Ol. V .ö mit den Scholien und Böckh, Expl. p. 147. Apol- 
lodor II 7, 2. 

-J Also die ganze Stelle (V 14, 4j ist mit 1. Bekker zu lesen .^Tt^/T« 
rV« en'i Lroi liiouov KqÖixo d'vovoi y.<ü 'Ptrf tha Adoira Jii y.n'i noostSdti't 
Aaoira' iTii Sh iro^ ßcouov xal «Uta/ yjdHoTi^y.tr r) i9voi(C neunra "Iloq 
AuoiriÖi d'vovoi y.al Aaoiziöi 'Ad'in'ü. 



III. Die Altäre von Olympia. 47 

Oertlichkeiten, wie Hippodrom und Stadion, anschliefsen. So 
finden wir den Moiragetas und die Moiren neben einander (47 
u. 48); so zwei Hypsistos- (5U u. 51), zwei Athenaiiltäre (6 u. 7) 
neben einander. Hier waren es also den Göttern geweihte 
Räume, wo sich die Altäre aneinander reihten. So bildete 
auch der Heraklesaltar mit dem der Brüder eine Gruppe (12 
bis 16); so die Altäre aller Götter (23). An einer Stelle 
zählt Pausanias fünf Altäre auf. deren Reihe mit dem des 
Kladeos (62) hinter dem Heraion schliefst und zwei Artemis- 
wie zwei Apollonaltäre enthält. Häufig werden auch die nach 
der Folge des Opferdienstes an einander gereihten Altäre 
durch 7th^öiov, 7iaQc'c, /.lerä, tcfe^rig als örtlich benachbart be- 
zeichnet.^) 

Andererseits stehen auch weit von einander gelegene Altäre 
mit einander in liturgischem Zusammenhange. So folgt auf 
Gaia und Themis, die w^ir westlich von der Altis anzusetzen 
Ursache haben, Zeus Kataibates (34) neben dem grofsen 
Brandopferaltar, ein Sprung, der sich dadurch erklärt, dafs 
der Sitz des Orakels von Themis und Gaia hierher verpflanzt 
worden ist. 

So lassen sich wohl hier und da Motive der Opferordnung 
erkennen; im Allgemeinen aber wird es unmöglich bleiben, sie 
zu erklären. Auf keinen Fall ist es die Anciennität. welche 
der Folge zu Grunde liegt. Denn inmitten derselben werden 
einzelne angeführt, die nicht zu den alten (01 Ttd/.ca) gehören 
und die von Privaten gestiftet sind. Eine gewisse Systematik 
des Dienstes glauben wir darin zu erkennen, dafs der Rund- 
gang, welcher jeden Monat an den 69 Altären gemacht wird, 
mit der Hestia beginnt, der TTO(')oa loi^if^g, wie sie Sophokles 
nennt (Fragm. 650), und im Prytaneion, dem Sitze der Hestia, 
abschliefst. 

Ganz Olympia war Jahrhunderte lang ein Heiligthum 
ohne Tempel, ein grofser Altarplatz, anderen gottesdienstlichen 
Plätzen vergleichbar, die uns auf klassischem Boden bekannt 
sind: So die Terrasse bei Argos, der ausgedehnte Bezirk {/.noor 
■/.tu fJäijr/.or u/.aog) mit zahlreichen Cultusstätten, die auch um 
Zeus gruppirt waren, ein Sammelort der L^mwohner {j.ca'jv yßoog), 



^) Vgl. Att. Studien oben Bd. 1 S. 321 f., wo die topographischen 
Bezeichnungen aus Aeschylos zusannnengestellt sind. 



43 III- Die Altäre von Olympia. 

eine /.owoiicütda mit ihren idgai ^To'/.r^iot, ein rtayog uyiovnov 
i^eiov, wo das Epitheton mit der Agonistik nichts zu thun hat, 
die auch in Olyrnj^ia erst das später Hinzukommende war. 
Denn aytov bezeichnet nach epischem Sprachgebrauch eine 
ovvayioy}] ^ewr. Eine solche y.oiroßwf.iia habe ich in der Terrasse 
des Zeus Hypsistos in Athen nachzuweisen gesucht (I 319); 
eine solche war auch die Altis von Olympia vor der Stadt der 
Pisäer. wie die der Argiver aufserhalb Argos. 

Wie aber die argivische Götterterrasse nicht blofs eine 
Stätte der Wallfahrten und Opferdienste war, sondern auch 
ein Platz, wo öffentliche Angelegenheiten berathen und unter 
Vorsitz des Staatsoberhaupts Beschlüsse gefafst wurden,^) so 
finden wir auch in der Altis nicht blofs lieilige Gründungen, 
sondern auch die Spuren eines Herrscherpalastes, wo der 
Landeskönig dem Zeus als seinem Hausgotte opferte; so stehen 
bürgerliches und gottesdienstliches Gemeindeleben im engsten 
Zusammenhange. 

Die Altäre waren aber nicht blofs Opferplätze, sondern 
auch Niederlagen von Weihegaben ; denn man schmückte sie 
nicht nur vorübergehend mit Laubgewinden, Blumen und Bändern, 
sondern man liefs als Erinnerungszeichen Geschenke zurück, 
Geräthe und Figuren aus Thon und Erz, welche, wie wir es 
neuerdings an den altkorinthischen Thontäfelchen kennen gelernt 
haben, an den umherstehenden Bäumen aufgehängt oder auf den 
Altarstufen niedergelegt wurden. 

Die massenhafte Auffindung dieser Weihegaben gehört zu 
den merkwürdigsten Ergebnissen unserer Ausgrabungen in Betreff 
der Gottesdienste von Olympia.-) Die Altäre selbst (die in 
byzantinischer Zeit gewifs mit besonderem Eifer zerstört wurden) 
sind bis auf geringe Spuren verschwunden, aber in breiten Lagen 
haben sich die Schichten der Opferasche erhalten, tief unter 
dem Niveau der Bauten, welche für das geschichtliche Olympia 
charakteristisch waren. Die aus der Aschenschicht hervor- 
gezogenen Fundstücke, einzeln betrachtet so unscheinbar, gering- 
fügig und werthlos, gehören dennoch zu denen, die uns in ihrer 

') Daher rrov/ira Ttoltco? (Attische Studien S. 92, I \V2.2) der Platz, 
wo das Staatsschiff die entscheidende Lenlani<jr erhält. lieber aycov 
ebenda. 

'^) A. Furtwängler, Die Bronzefunde von 01yuii)ia, Abhaiidl. der 
K. Akademie der AVissenschaften 18^0. 



III. Die Altäre von Olympia. 49 

Art am meisten überraschen mufsten, und sie sind in ihrer 
Gesanimtheit ein unschätzbares Material zur Geschichte von 
OlymiDia. Wir können uns Olympia jetzt in einem älteren Zu- 
stande veranschaulichen, als es die Alten selbst kannten, ein 
Olympia ohne Tempel, ohne Statuen, ohne Nationalfest, ohne 
hellenische Kunst, als einen Hain mit Altären, und von diesen 
Altären können wir aus den massenhaften Überresten ältester 
Pietät diejenigen erkennen, welche in hervorragender Weise von 
der umwohnenden Landbevölkerung geehrt wurden. Das war 
der grofse Zeusaltar (9), der Altar vor der Westseite des 
Metroon, der auch durch die dort gefundenen metallenen Schall- 
becken als der Göttermutter gehörig (28) erkannt worden ist;^) 
drittens der Altar vor der Ostseite des Heraion, viertens der 
vor der Südseite, von dem sich die Fundschicht von Votiv- 
gegenständen unter die Fundamente des Heraion hinzieht (wahr- 
scheinlich der Aschenaltar der Hera 24); endlich die unter 
dem Bauschutt des Zeustempels nachgewiesenen Opferstätten, 
deren Centrum vor der Südhalle des Tempels gelegen haben mufs. 

So sehr sich nun Olympia seit jener, wir können sagen, vor- 
historischen Zeit umgewandelt hat, der Cultus ist immer derselbe 
geblieben, ein von Bild und Gotteshaus unabhängiger Altardienst, 
wie sich aus Pausanias ergiebt, welcher die Altardienste sorg- 
fältig aufzeichnet ohne eines Tempeldienstes zu gedenken und 
die Beschreibung der beiden Haupttempel von der Beschreibung 
der Gottesdienste vollständig getrennt hat. 

Allerdings folgen in dem lückenhaften und verderbten Texte 
auf Hestia Opferdienste an einer oder an mehreren Stellen 
innerhalb des Zeustempels. Diese Opferplätze haben aber ohne 
Zweifel auf der Tempelterrasse bestanden, ehe der Tempel 
gebaut war, der ja eine verhältnifsmäfsig sehr späte Gründung 
war und, soviel wir wissen, keinem altern Gebäude gefolgt ist. 

Wir müssen voraussetzen, dafs der Tempel des Zeus auf einem 
Platze erbaut worden ist, der seit Gründung der Panegyris eine 
hervorragende Bedeutung gehabt und wohl schon seit älterer 
Zeit zur Vertheilung der Preise gedient hat. Dieser Platz war 
durch Altäre geweiht, die bei dem Tempelbau nicht beseitigt 
werden durften. Man wird also bei Aufhöhung der Terrasse 
auch die alten Opferplätze an alter Stelle auf dem erhöhten 



^) Furtwängler a. a. 0. S. 33. 

Gurt in 8, Gesammelte Abhandlungen. Bd. H. 



50 III- I^ie Altäre von Olympia. 

Bodeu hergestellt haben, so dafs sie nun in dem hypäthralen 
Eaume ihre Stätte fanden. Die Opferdienste daselbst folgten 
unmittelbar auf den der Hestia ; die Beschreibung derselben 
läfst sich im Texte des Pausanias nicht mit Sicherheit her- 
stellen; die Vulgata lövrtQ ist sinnlos; ich schlage vor ifvovteQ 
inl Twv ßiof^uov Tiov fVTog rov vaov und dann, mit Buttmann: 
KoSvo) y.cu 'Picc, eira Auoira Ju v.ai TIooeiÖLÖvi .laoLTcr inl de. 
evog ßioiiov y.cd airt] y.ad-sarr^y.tv i^ d-ioia. 

Von den Opferdiensten dieser in den Zeustempel aufge- 
nommenen Altargruppe sind im Bauschutte des "Tempels die 
Spuren zu Tage gekommen. Der ursprüngliche Zeusdienst aber, 
der an dem grofsen Brandopferaltar inmitten der Altis seine 
Stätte hatte, steht mit dem Zeustempel in keinerlei örtlicher 
oder liturgischer Bezieliung. 

In Betreff des Heraion läfst sich nachweisen, dafs der 
Tempel ebenfalls mit seiner Terrasse auf einem durch Altar- 
dienst geweihten Platze nachträglich erbaut worden ist. Der 
ganze Bau ist auf engem Raum zwischen dem Altar und dem 
Rande der Felshöhe eingeklemmt, so dafs der Weg auf die Höhe 
durch die "Westhalle des Tempels hindurch führte ; der Tempel 
hatte gar keine freie area, so dafs ein feierliches Umwandeln 
desselben ganz unmöglich war. Der Zugang war von Süden, 
also von derselben Seite, auf welcher der Altar stand, von dem 
sich die ihm gespendeten Weihegaben in tiefen Bodenschichten 
unter dem Stufenbau des Tempels gefunden haben. 

Die Ausstattung des Innern ist in zwei bestimmt getrennten 
Epochen erfolgt, einer früheren, welche nur durch ganz alter- 
thümliche Kunstwerke vertreten war, und einer viel späteren. 
Von der ersteren nennt Pausanias eine thronende Hera mit 
einem daneben stehenden bärtigen Zeus mit Helm, ^) eine Gruppe, 
die wir uns in der Mitte der schmalen Rückwand des Tempel- 
hauses zu denken haben, das AVerk eines Künstlers, dessen 
Name in der verdorbenen Stelle eQya dn'/.ä steckt,'-) Es folgen 
die Hören und Themis, als Mutter ihnen beigesellt; diese das 
Werk des Lakedämoniers Dorykleidas, die Hören von Smilis, 
dem Aegineten. Dann die fünf Hesperiden von Theokies, dem 



'J V 17, 1. Einen dritten Namen hier einzuschieben ist kein ge- 
nügender Grund. Vgl. Franz, Berl. Jahrbücher für Wissenschaft), Kritik 
1841 S. 223. 

^) So urtheilt nach I. Bekker u. a. auch Brunn, Künstlergesch. 1 47. 



III. Die Altäre von Olympia. 51 

Lakeclämonier, und die behelmte Atliena von Dorykleidas' Bruder 
(Medon oder Dontas). Dann vier Bilder, einerseits Kora 
und Demeter einander gegenüber sitzend, andererseits Apollon 
und Artemis einander gegenüber stehend. Endlich vriederum 
vier Gestalten : Leto, Tyche, Dionysos und die geflügelte ^ike. 
Ihre Meister waren unbekannt, aber auch sie. wie Pausanias 
meldet, offenbar sehr alt. und die aufgezählten Bildwerke, fährt 
er fort, sind von Gold und Elfenbein. 

Diese Sculpturen haben lange Zeit allein das Tempelhaus 
gefüllt, bis in einer viel späteren Zeit zwei andere Bildwerke 
dazu kamen, die sich wieder einander entsprachen, der Hermes 
des Praxiteles mit dem Dionysoskinde und die eherne Aphrodite 
des Kleon mit einem vor ihr sitzenden Eros. 

Bei keinem Tempel des Alterthums ist der Inhalt so genau 
inventarisirt uns überliefert. Es müssen hier besonders sorg- 
fältige Aufzeichnungen vorgelegen haben, die sich auch auf die 
für den Tempel beschäftigten Künstler und ihren geschicht- 
lichen Zusammenhang erstreckten. In der älteren Abtheilung 
waren lauter Werke einer Schule, der des Dipoinos und 
Skyllis. Es ist die aus Kreta stammende Schule der Plastik, 
deren besondere Virtuosität in der Bildschnitzerei lag. Diese 
Technik der dyd'uiura ti'ioa hat in Lakedämon besondere Pflege 
gefunden ; es sind auch meist lakedämonische Künstler, Dory- 
kleidas und sein Bruder, dessen Kamen unsicher ist ; ebenso 
Theokies und vielleicht auch der Vierte, dessen Namen in 
ctTt'/.cc verdorben ist. Dadurch wird die Zeit der Aus- 
führung im Allgemeinen gesichert; denn Dipoinos und Skyllis 
Schüler können nicht vor der Mitte des sechsten Jahrhunderts 
als Meister thätig gewesen sein. Dies war aber die Zeit, da 
Sparta auf der Höhe seines Einflusses stand, wo es für den 
damals modernen Putzstil, die polychrome Bildschnitzerei, das 
Gold aus Lydien bezog. 

Mit dieser Ausstattung bezeugte Sparta in Olympia seinen 
Einflufs und sühnte die Gewaltthätigkeit. mit der es in die 
Landesverhältnisse eingegriffen und die Ehre der alten Landes- 
göttin beeinträchtigt hatte. Das ganze Heraion war ein Kunst- 
museum mit genau geführten Inventarien, und Pausanias kommt 
nur auf den Tempel zu sprechen, um das in demselben Auf- 
bewahrte nach der Beihe aufzuführen. Es war lange Zeit das 
einzige Schatzhaus in der Altis. wo auch Korinth seine Gaben 



52 III- Die Altäre von Olympia. 

niederlegte. Auch die Säulen des Peristyls sind, namentlich 
nach Süden, der alten Vorderseite, mit tiefen und breiten Ein- 
schnitten versehen, die zur Aufnahme geweihter Tafeln dienten; 
das ganze Innere des Tempelhauses mit seinen einander gegen- 
über liegenden Bildkapellen scheint zur Aufstellung von Weih- 
geschenken eingerichtet. 

Von dem dritten Tempelgebäude der Altis, dem Metroon, 
ist es vollkommen deutlich, dafs der benachbarte Altardienst 
der Tempelgründung lange vorhergegangen ist; zwei Schichten 
von Aschenerde liegen unter der Unterkante des Tempels.^) 



Ein besonderes Interesse nehmen die Altäre in Anspruch, 
welche sich auf die Mantik beziehen, der Aschenaltar der Ge 
nebst dem Altare der Themis und des Zeus Kataibates 
(33 und 34). 

Strabon p. 350 unterscheidet zwei Perioden des nationalen 
Ansehens von Olympia und zwei verschiedene Grundlagen des- 
selben. Die erste war das Orakel, die zweite, nachdem dasselbe 
an Bedeutung verloren hatte, die Panegyris und der Wettkampf. 

Auch die Mantik in Olympia hat ihre Geschichte. 

Das älteste Manteion war ein Erdorakel; Gaia ist die 
Urprophetin, welche auch den Göttern weissagt.-) Bodenrisse, 
Erdspalten, feuchte Grotten sind es, aus denen die Dünste 
aufstiegen, welchen man die aufregende Kraft zusclirieb. In 
Delphi sind noch Spuren des Conflikts zwischen der älteren 
und der jüngeren Mantik erhalten'^) und es waren gewifs örtliche 
Legenden, auf welche sich Euripides bezieht, wenn er Zeus 
von Apollon anrufen läfst, er möge die Sterblichen aus der 
Abhängigkeit von nächtlichen Orakeln erlösen.^) 

Durch ganz Hellas verbreitet finden wir Stätten der Erd- 
orakels, die sich an den Namen der Gaia, Chthon, Demeter 
anschliefsen ; auch die Nyx, welche in Megara Orakel spendet 
(Paus. I 40, G), ist dasselbe Wesen, da die nächtige Tiefe für 
Erdorakel charakteristisch ist. 



1) Furtwängler a. a. ü. S. 10. 

^J Bouche-Leclercq, Histoire de la divination II 25 J. 

'*) A. Monnii.sen, Delphica p. 21. IUI. 

*) Iphigen. Taur. 1270. 



III. Die Altäre von Olympia. 53 

Die Stätten der tellurischen Mantik pflegten ihrer Xatiir 
nach so gelegen zu sein, dafs man daselbst der Erdtiefe näher 
zu sein glaubte. Bei Aigeira (Paus. YII 25, 13) stieg die 
Priesterin der Gaia SLoiaTSQrog als Prophetin zur Tiefe hinunter; 
in Patrai holten sich die Orakelsuchenden selbst in der Tiefe 
der Demetergrotte aus dem dortigen Quellspiegel die Zeichen 
der Zukunft (Paus. VII 21, 12). Auch das Heihgthum der 
Demeter Chamyne (VI 21, 1) in Olympia war mit einem Zu- 
gange zum Hades verbunden. Im Olympieion zu Athen knüpfte 
sich der Gaiadienst an einen Erdspalt, den tiefst gelegenen 
Punkt der Umgegend, wo die letzten Wellen der Fluth sich 
verlaufen haben sollten (Paus. I 18, 7). Die Tieflage des 
spartanischen Gaiaheihgthums erhellt daraus, dafs über dem- 
selben ein Apolloheiligthum errichtet war (III 12, 8). Auch 
der Name vö rdoij7iT0i>'^) zeugt von dem Alter des Dienstes, 
und ebenso alterthümlich ist die Benennung des Gaiaheihgthums 
bei Bura: Fcdog (VII 25, 13), wo ein uraltes Xoanon der 
Eurysternos vorhanden war.-) Daran reiht sich die Stätte in 
Olympia : e^il t([) JcaV-^ y.a?.ovi.uvq) ßtü{.ioQ Fi]^ /.cd avo^uoi" lul 
CO) OTOiuo) Oii-udog ßwtitdg TtETtoLr^raL (V 14, 10). Wir können 
hier aus den angeführten Analogien also zuerst den Namen in 
der Form ralog d. h. yatog roTiog und aufserdem das hohe 
Alter des Dienstes erweisen. Dasselbe wird für Olympia 
noch dadurch bezeugt, dafs der Gaiaaltar einer der vier Aschen- 
altäre war. 

Diese Orakelstätten, die Denkmäler vorzeitiger Religion, 
sind nicht isolirt geblieben ; sie wurden mit den olympischen 
Gottheiten in Zusammenhang gebracht, vor Allem mit Zeus, 
dem als y.caaißchrig die Erdspaltung zugeschrieben wurde. Das 
Gaiaorakel wurde Zeusorakel und als solches in die Altis ver- 
pflanzt. Der Kataibatesaltar stand neben dem grofsen Brand- 
opferheerde, und dafs hier auch ein Erdspalt vorhanden war, 
geht schon daraus hervor, dafs derselbe wie ein Blitzmal von 
einer Schranke {(fQcr/ua) umgeben war. Der ursprüngliche 
Zusammenhang mit dem Gaios wird aber dadurch bezeugt, dafs 
der elischen Opferordnung zufolge immer erst am Altar der 



•) Vielleicht (nach Analogie von onroj = 6xri6) soviel wie T^» ar,y.6i. 
Terrae saeptum. Andere Lesart: FixoenToi' (von aißead-ai nach Analogie 
von d'eöoETnot'i). 

-) Peloponnesos I 471. 



54 III. I^ie Altäre von Olympia. 

Gaia und dann an dem des Kataibates geopfert wurde. Während 
also in Delphi auch nach dem Siege Apollons das Erdorakel 
thatsächlich als solches fortbestand, wurde in Olympia die 
chthonische Mantik wesentlich zur Pyromantie ; der grofse Altar 
wurde das Manteion, der offizielle Sitz der olympischen Weis- 
sagung. Das Opfern am Zeusaltar galt schon als eine Frage 
an den Gott. Deshalb wurde König Agis garnicht zum Opfer 
zugelassen {ad-uzog airr^ld-tv), weil es verboten war : (^n] XQijaTri- 
QU(UO&ai "Ellrjvag Icp" 'Elkijvior.^) 

Nachdem das Orakel in die Mitte der Altis " verlegt war, 
blieb der ursprüngliche Orakelsitz dennoch in Ehren, wie die 
Periegese des Pausanias bezeugt, und von ihm lernen wir auch, 
wie die Ueberleitung des chthonischen Orakels in eine höhere 
Sphäre hier wie bei den Delphiern durch die Göttin Themis 
erfolgte. Während sonst aber Themis und Gaia ganz in ein- 
ander übergehen, waren die Culte hier benachbart, aber bestimmt 
geschieden; der Themisaltar stand tjtl tov 6voi.iaZoi.ievüv oio{.iiov 
und war schon dadurch, dafs er kein Aschenaltar war, als der 
jüngere neben dem Gaiaaltare bezeichnet. 

Das chthonische Orakel hat sich in Olympia an Zeus 
angeschlossen, wie anderswo an Apollon. Wie in Delphi die 
Erdspalte in den pythischen Tempelraum aufgenommen wurde, 
so wurde in Sparta das Gasepton eine Art Krypte des Apollon- 
heiligthums.-) Auch in Olympia ist der Einfluis der apollinischen 
Religion sehr deutlich zu erkennen. Apollon ist als Thermios 
der Gesetzgeber von Olympia gewesen ; hier aber hat kein 
Conflikt stattgefunden wie in Delphi, hier ist das Orakel nicht 
von Gaia-Themis durch Zeus an Apollon übergegangen, sondern 
es hat die Hebung der Mantik auf eine höhere Stufe hellenischer 
Weissagung dadurch stattgefunden, dafs Prophetengeschlechter, 
die von Apollon ihr Amt herleiteten, die Mantik in Olympia 
übernahmen. Apollon giebt seinem Sohne lamos mit dem Seher- 
blicke zugleich das Ehrenamt Ziivög In'' (hfjoraKa i-}\üjii<f>.'^) Das 
Gaiaorakel wird also apollinisch wie in Delphi, aber Zeus bleibt 
wie in Dodona der eigentliche Orakelgott, dessen Zeichen die 
lamiden deuten. Nur diese werden bei Pindar genannt, während 



1) Xenoph. Hellen. 11 2, 23. 

•) 111 J2, iS: l'aariTiTov leQov //^s' 'Anükhut' Si V7ii() aiTOÜ idftififu. 

^) Pindar Ol. VI 70. 



III. Die Altäre von Olympia. 55 

Pausanias neben ihnen die Klytiaden nennt. Mit Pindar stimmt 
Herodot IX 33, 2 : Tioc(f.itvdg 'Hkelog y.ai yeveog rov ^laiudetov 
KlcTidör^g. Der Text Herodots ist von Valckenaer angefochten, 
weil die Klytiaden zu den Melampodiden gerechnet werden, 
und Böckh hat dies Bedenken wieder aufgenommen; man 
hat ov KlvTiädr^g oder iq KAvTiddrg lesen wollen oder auch 
K?attiadr^g für eine Glosse erklärt. Der Text ist aber wohl 
bezeugt und ohne Zweifel richtig. Wir müssen nur eine zwie- 
fache Ueberlieferung anerkennen ; nach der einen gingen die 
Stammbäume beider Prophetengeschlechter neben einander her, 
nach der anderen wurden auch die Klytiaden auf lamos als 
den gemeinsamen Patriarchen der olympischen Mantik zurück- 
geführt. 

Beide Geschlechter sind peloponnesische. Die Eurotasnymphe 
Pitane gebar dem Poseidon die Euadne. die, in Arkadien auf- 
gezogen, am Alpheios von Apollon Mutter des lamos ward. 
Die Klytiaden sind Abkömmlinge des Amphiaraos. Mit der 
Ausbildung des peloponnesischen Staatensystems hängt auch die 
Organisation einer peloponnesischen Mantik zusammen. Die 
Herakliden in Messenien*) und in Korinth'-) benutzten die 
elische Prophetenschule, und je mehr Sparta die Leitung der 
Halbinselstaaten in seine Hand nahm, um so mehr ehrte man 
dort die Seher von Elis, errichtete ihnen Denkmäler in der 
Stadt (uvf^iia xolg e'^ "Hhöog jLiävTtai III 12, 8, wo der lamiden- 
name wieder als Gesammtname dient), und machte Tisamenos 
zum Bürger. Man that Alles, um sich der elischen Mantik, 
die eine Macht im Peloponnes war, zu versichern und um dem 
vorzubeugen, was später eintrat, dafs nämlich diese Macht sich 
bei inneren Zerwürfnissen auf die Seite der Particularisten stelle 
und gegen den Vorort Partei nehme. 

Während also in Delphi die Mantik dem Priesterthum 
durchaus untergeordnet wurde, haben in Olympia mantische 
Geschlechter eine selbständige Bedeutung behauptet; sie sind 
aber in ein priesterliches CoUegium aufgenommen und einer 
Corporation eingegliedert worden, von der wir voraussetzen 
können, dafs sie nach gemeinsamen Grundsätzen handelte und 
gleiche Interessen vertrat. 



'J Kresphontes und Eumantis: Paus. IV 16, 1. 
2) Böckh zu Find. Ol. VI ?I p. 153. 



5ß III. Die Altäre von Olympia. 

Auf Grund des Pausanias und der grofsen Menge olym- 
pischer Inschriften, deren Sammlung und Eevision noch nicht 
vollendet ist, haben wir jetzt eine so vollständige Uebersicht 
der geistlichen Aemter in Olympia, wie sie uns sonst nirgends 
vorliegt; wir erkennen die ganze Organisation eines geisthchen 
Consistoriums. Die Spondophoren warten des heiligen Eechts, 
die Kleiduchen haben die Tempelhut, die Manteis üben und 
lehren die Kunst der Weissagung; für Opferdienst und Feste 
sorgen die Tagesopferer (/.ad^r^^iegod^vTi^g), die Auleten, die Tänzer 
Q.7tL07iovöoQxrioti]g), die Weinschenken uud Köche ; der Bau- 
meister (oTeyavö/iiog oder dQ%iT£y.Tiov) sorgt für die Baulichkeiten, 
der Förster {'§vl£vg) für die Forsten, die das zum Opfern vor- 
geschriebene Holz liefern. Dem ganzen Collegium präsidiren 
die Theekolen, welche einen Grammateus zur Seite haben. 

Man erkennt, dafs hier eine Ordnung vorliegt, welche von 
einem herrschenden Punkte aus eingerichtet worden ist. Die 
einzelnen Culte sind alle in einen olympischen Gesammtdienst 
aufgegangen; ein Zeuspriesterthum wird nur als Ehrenposten 
erwähnt. Von Elis mufs diese Organisation ausgegangen sein. 
Olympia war die sacrale Vorstadt von Elis, wie Eleusis von 
Athen; alles Religiöse geschah daselbst im Namen der Landes- 
hauptstadt: ol ^HleloL d-vovOL, und wir dürfen voraussetzen, dafs 
diese Einrichtung sich von der Zeit herschreibt, da Elis nach 
dem Synoikismos als die einzige Stadt der Landschaft auftrat. 

Seitdem waren die Pfründen und Würden des olympischen 
Heiligthums ein Privilegium des elischen Stadtadels, welchem 
auch die lamiden eingeordnet waren, die Einzigen, die als Ge- 
schlecht fortbestanden und durch Adoption bis in die spätesten 
Zeiten erhalten wurden; sie werden auch in Olympia selbst 
ihren Sitz behalten haben. Die anderen Beamten, wenigstens 
die vornehmeren, denken wir uns in der Stadt Elis wohnhaft, 
von wo aus diejenigen, welche dort Dienst hatten, für die Zeit 
desselben nach Olympia gingen, wo sie wie eine priesterliche 
Garnison den täglichen Götterdienst besorgten, bis sie von einer 
anderen Mannschaft abgelöst wurden.^) 

Bei dieser Einrichtung müssen auch Gebäude vorhanden 
gewesen sein, die zur Aufnahme der dienstthuenden Beamten 
sowie zur Besorgung der gemeinsamen Geschäfte bestimmt 



') Vgl. Dit<onberger, Archäol. Zeitung XXXVII S. 59. 



111. Die Altäre von Olympia. 57 

waren. Die Lage dieser Lokale kann im Allgemeinen nicht 
zweifelhaft sein; denn die Fragmente der geistlichen Personal- 
listen sind sämmtlich im Westen der Altis aufgefunden; hier 
finden sich auch Gruppen von Bauten, welche nach ihren 
Grundrissen für solche Zwecke geeignet waren. 

Zunächst sind es zwei quadratische Bauanlagen, jede mit 
einem geräumigen Hofe in der Mitte. Die kleinere, west- 
lich gelegene, ist die ältere, ein Bau aus guter hellenischer 
Zeit. Er enthält acht Gemächer; vier derselben öffnen sich 
nach dem Brunnenhofe; die vier Eckzimmer stehen durch 
Thüren mit den anderen in Verbindung. Der Haupteingang 
war in der Mitte der Südseite. 

Um mehr B.aum zu schaffen, ist östlich ein dreitheiliger 
Vorbau angelegt, welcher auch noch hellenischer Zeit angehört. 

Dieselbe Anlage wiederholt sich in dem östlich anliegen- 
den, doppelt so grofsen Bau römischer Epoche mit einem um- 
säulten Binnenhofe, von dem die Thüren nach den an den vier 
Seiten herumliegenden Gemächern führen. Dieser zweite Bau 
ist eine geräumigere Wiederholung des ersten, dessen Anlage 
man bei dem Neubau möglichst geschont hat, und es läfst 
sich nach meinem Urtheil für die beiden quadratischen Ge- 
bäude, die vielleicht auch noch obere Gemächer hatten, kaum 
ein anderer Zweck voraussetzen, als dafs es Wohnräume für 
AmtscoUegien waren, -/.oivü^iiu, AVohngebäude, welche au Klöster 
erinnern, deren Zellen um einen Brunnenhof gruppirt sind. 

Das gröfsere Quadrat, welches von den Ueberresten des 
spätrömischeu Baus eingenommen wird, stammt aber seiner 
Raumanlage nach aus einer viel älteren Zeit, Das erkennen 
wir daraus, dafs eine alte Wasserleitung den äufseren Band in 
Osten und Süden genau umzieht. Es mufs also ein alter Be- 
zirk von gleicher Gröfse hier gelegen haben, vielleicht ein 
Garten, welcher zu der älteren Priesterwohnuug gehörte und 
dann als Bauplatz für die Erweiterung derselben benutzt wurde, 
so dafs die Gartenanlage auf den inneren Hof beschränkt 
wurde. Vertiefungen im Boden, welche zu Pflanzungen ge- 
dient zu haben scheinen, haben sich in dem gepflasterten Hofe 
des kleineren Quadrates gefunden. 

Die geistlichen Beamten mufsten aber auch einen Ver- 
sammlungsraum haben, wo unter Vorsitz des Theekolos die 
Sitzungen des Collegiums stattfanden und wo das Archiv war, 



58 IJI- Die Altäre von Olympia. 

das von dem Grammateus verwaltet und auch von Privaten 
benutzt wurde, um Dokumente zu deponiren, wie wir aus der 
Analogie von Chalia schliefsen dürfen.') AVir werden also den 
Sitz des Theokolos oder Theekolos, den sogenannten Theekoleon, 
den Pausanias V 15, 8 als ein namhaftes Gebäude in Olympia 
anführt, im Westen von der Altis suchen, wo die priester- 
lichen Beamten ihr Quartier hatten und durch die nahen Pfor- 
ten der Westmauer täglich die Altis betraten, um dort der 
regelmäfsigen Opferdienste zu warten. Wir müssen uns also 
die Centralstelle dieses geistlichen Collegiums als ein Gebäude 
denken, welches einen ansehnlichen Versammlungsraum hatte 
und einen gewissen festlichen Charakter an sich trug. Denn 
wir können voraussetzen, dafs hier die Festschmäuse gehalten 
wurden, welche bei priesterlichen Genossenschaften nirgends 
fehlen, bei denen die unter den ständigen Würdenträgern ge- 
nannten Mundschenke und Küchenmeister ihre Pflicht thaten, 
und zu denen auch die auswärtigen Festgesandten, namentlich 
die das Orakel befragenden, hinzugezogen wurden. Als ein zu 
gastlicher Aufnahme bestimmtes Gebäude mufste also der 
Theekoleon charakterisirt sein, und diese Voraussetzungen er- 
füllen sich, wie mir scheint, in vorzüglichem Grade bei der 
byzantinischen Kirche, deren östlicher Vorraum durch eine 
ganz ungewöhnlich breite Thür (4,50 m) ausgezeichnet ist. Sie 
ist ein antikes Gebäude der besten Zeit, dessen Backsteinwände 
auf trefflich gearbeiteten Porosquadern ruhen. Es war kein 
Tempel, aber ein zu öffentlichen Zwecken bestimmter, monu- 
mentaler Bau, ein Prachtbau, dessen Hauptbestandtheil ein 
100 Fufs tiefer Saal war, wo circa hundert Personen sich 
feierlich versammeln konnten, mit zwiefacher Säulenreihe, durch 
hohes Seitenlicht erhellt, mit einem Vorraum, der zum Empfang 
der Festgäste bestimmt scheint. 

War hier in alter Zeit das Centrum der priesterlichen 
Verwaltung, so begreift sich auch, wie man in byzantinischer 
Zeit darauf kam, hier die christlichen Gottesdienste einzurichten. 
Kein olympisches Gebäude war von Anfang an zu einem Ver- 
sammlungs- und Gemeindehause mehr geeignet. 



') C. Inscr. Gr. 1607: rag toväe tb avxiy^affov ^vXdaoovxi oi d'eoxoloi 
rot W:iö)Mi}foi. Tlieokolen mit Grammateus an der Spitze eines Syne- 
(Irion in Dyme: n. 1543. 



111. Die Altäre von Olympia. 59 

Nördlich von der byzantinischen Kirche und westlich von 
dem älteren der beiden quadratischen Gebäude, von letzterem 
durch eine schmale Gasse getrennt, findet sich eine alte Bau- 
anlage, die in jeder Hinsicht unsere besondere Aufmerksamkeit 
erregt. Den Kern bildet ein kreisförmiger Raum, von einem 
polygonalen Ring mächtiger Porosquadern eiugefafst. Dieser 
Ring ist von einem Quadrat gleich hoher Steinplatten umgeben, 
an das sich im Westen wie im Süden ein Vorbau anschlofs. 
Der Steinring hat einen Durchmesser von 8 Meter; an seinem 
inneren Rande auf der südlichen Seite stand der Heroenaltar, 
von dem wir den ganzen Bau als Heroon bezeichnet haben 
(Ausgrabungen von Olympia V S. 38). 

Dieser Fund gehört zu den merkwürdigsten unter den 
kleineren Ergebnissen unserer olympischen Ausgrabungen und 
verdient, weil er einzig in seiner Art ist, wohl eine genauere 
Beschreibung. Es ist das an seinem ursprünglichen Standort 
wohl erhaltene Denkmal eines alten Gottesdienstes; ein vier- 
seitiger Altar aus Erde geformt, an den drei sichtbaren Seiten 
mit Kalkputz bekleidet, oben mit einer Ziegelplatte, 0,37 m 
hoch, 0,38 m breit, ohne Stufen auf dem Boden stehend, also 
eine echte Eschara {loxäqa — ivd-a mpayiaZüvai roig xa'rw, 
f.1^ exoi'oa vipog «ÄÄ' ItcI rr^g yr^g ocoa im Gegensatz zu 
den ßw(iioi ix 'UO-lov vipwf.uvoL • ßw/iiol looTttdot ovo' t/. kiO^wv 
7C€7toirif.uvot avev uvaßüotwg). ^) 

Der Altar ist ein Brandopferaltar gewesen, wie die deut- 
liche Brandstätte auf der oberen Fläche zeigt; auch fanden 
sich unten Aschen- und Kohlenreste. An beiden Seiten be- 
merkte man die Reste von Opfergüssen, welche hier herab- 
geflossen waren. 

An den Rändern des Altarwürfels konnte man sehen, dafs 
etwa zwölf Putzschichten, eine über der anderen, safsen; es 
hatte also von Zeit zu Zeit ein neuer Ueberzug stattgefunden, 
indem man weifse Tünche mit dem Pinsel auftrug. ^j 

Da sich bei genauerer Untersuchung auch noch Spuren 
von Malerei und Schrift erkennen liefsen, konnten wir nicht 
anstehen, die Vorderseite des Altars wie einen Palimpsest zu 



») Schol. Eur. Phoen. 274. 284; Hesych. Suidas. 

2) Vgl. calce linere, calce uda dealbare in C. 1. Lat. I n. 577, II 18 
und das Verbot des Ueberweifsens eines Altars n. 5712 hanc aram 
nequis DEALB. 



ßQ in. Die Altäre von Olympia. 

behandeln und eine Schicht nach der anderen vorsichtig ab- 
zulösen. .Von jeder Schicht wurde durch Herrn Graf eine 
genaue Durchzeichnung angefertigt; demselben verdanke ich 
auch eine farbige Skizze des Altars (Abhandlungen der Aka- 
demie, philos -histor. Klasse, 1881). 

Von Blattkränzen umgeben, deren flüchtige Zeichnung 
keine botanische Bestimmung gestattet, findet sich abwechselnd 
der Genitiv HP20P oder die Vulgärform HP120I oder HP2QN. 

Ueber Heroencultus in Olympia sind wir, von Pelops ab- 
gesehen, nicht durch schriftliche Ueberlieferung unterrichtet. 
Von zwei Geschlechtern aber wissen wir, dafs sie mit den 
Priestern zusammen hier im Westen der Altis ansässig waren, 
und dafs sie einen Ahnencultus hatten, welcher bald auf einen, 
bald auf zwei Heroen zurückgeführt wurde — das waren die 
lamiden und Klytiaden. Auf diese Weise würde sich am ein- 
fachsten der seltsame Umstand erklären, dafs derselbe Altar 
eine m und mehreren Heroen gelten konnte, wie die Inschriften 
bezeugen. 

Fassen wir nun das den Altar einschliefsende Gebäude 
ins Auge, welches in dem Dörpfeld'schen Plan von Olympia 
mit seiner Umgebung aufs genaueste dargestellt werden wird, 
so zeugt schon dieser Platz von der Bedeutung und dem Alter 
des Heroendienstes, der hier gepflegt wurde. Der Steinring 
umschlofs offenbar eine besonders heilige Stätte; er gleicht 
einem festen Einschlufs (jipQdy(.ia), mit welchem man geweihte 
Plätze einhegte, die unnahbar waren und unter freiem Himmel 
liegen mufsten. Ein fester Boden hat sich im Innern nicht 
gefunden, sondern ein trichterförmiges Loch (oben 2,40 m, 
unten 1,70 m lichtes Mafs), das in byzantinischer Zeit als 
Kalkofen benutzt worden ist. Im Innern des Rings zeigte 
sich eine gelbliche Thonerde, wie sie sich nur im Kronion 
findet. Wenn diese Erde von dem Sitz des ältesten Landes- 
cultus hergebracht ist, so wird dadurch eine enge religiöse 
Verbindung mit demselben und ein hohes Alter dieser Cultus- 
stätte bewiesen. 

Ich glaube es daher als eine nicht unbegründete Ver- 
muthung aussprechen zu dürfen, dafs dieser Steinring der alte 
Gaios ist, den wir, wie oben bemerkt, an einer tiefgelegenen 
Stelle vorauszusetzen haben, der Ursitz der Mantik in Olym^iia, 
und dafs an seinem Rande lamos, der Stammvater der dortigen 



III. Die Altäre von Olympia. ßj^ 

Propheten, seinen Heroendienst hatte, dem ein zweiter Prophet 
aus dem Stamm der Melampodiden ebenbürtig an die Seite 
gestellt wurde (S. 55). Es war der Ahnenoultus des Doppel- 
geschlechts, welcher durch Adoption bis in die späte Kaiserzeit 
erhalten blieb. 

Ist diese Vermuthung richtig, so werden auch die Vor- 
bauten nach Westen und Süden, welche von dem Quadrat 
ausgehen, in welches der alte Steinring, der Kern des Ganzen, 
eingehegt ist, mit der Mantik zusammenhängen. Der Westbau 
war die Eingangshalle, wo die sich meldeten, die Orakel be- 
gehrten; der südliche Vorbau läfst sich nicht mit Sicherheit 
im Grundrifs herstellen. Man hat in demselben die Basis eines 
Altars zu erkennen geglaubt. War es ein heiliger Raum, wie 
der unmittelbare Anschlufs an den Centralbau voraussetzen 
läfst, so würden wir darin das Heiligthum der Themis erkennen, 
die bei dem Erdspalt des Gaios (Ircl rov 6voi.icCoi.Uvov gtouiov) 
ihren Altar hatte. Diese heiligen Stätten mufsten mit dem 
Heroenaltar der Prophetenfamilien einen gemeinsamen Platz 
haben, und ich wüfste nicht, an welcher anderen Stelle wir 
sie suchen sollten. 

Hier war der Schwerpunkt des religiösen Olympia, ehe es 
ein agonistischor Centralpunkt wurde; hier blieben die Seher- 
geschlechter thätig, auch nachdem sie in das Priestercollegium 
eingeordnet waren, das im Westen der Altis seine Geschäfte 
besorgte, seine Feste feierte und seine Ehrendenkmäler erhielt. 
Nördlich von der Kirche sind die Basen von Ehrenstatuen 
geistlicher Würdenträger gefunden (Arch. Zeitung XXXV 96). 

Der Altar im Rundbau wird von Pausanias nicht erwähnt; 
er gehörte ja auch ganz dem Geschlechtscultus an. Aber auch 
den berühmtesten aller Heroenaltäre Olympias übergeht der 
Perieget, den Altar im Pelopion, den von Herakles gegrün- 
deten, wo Pelops die „herrlichen Brandopfer genofs an seinem 
umwandelten Grabhügel unfern des vielbesuchten Zeusaltars".*) 
Man hat südlich von dem Erdhügel, der in seinen Ueberresten 
noch zu erkennen ist, Reste von Asche und Kohle im Boden 
gefunden und auf die Altarstätte geschlossen, wo das Jahres- 
opfer des scliwarzen Widders von den Beamten dargebracht 



*) Pind, Ol. 190: iv uiu<ixov()iai-; ayXitulai iiiuixTitt, 'AX<fEov ndfjq) 



52 III- Die Altäre von Ohrnpia. 

wurde. In den Cyklus der priesterlichen Opfer gehörte dieser 
Altar nicht und. deshalb wird er im Register der Altäre nicht 
aufgeführt. 

Von den der Eeihe nach aufgeführten können wir aufser 
dem Heraklesaltar neben dem Schatzhause von Sikyon (N. 31), 
dem Zeus- und Heraaltar vielleicht noch einen an alter Stelle 
nachweisen. Es ist der Nymphenaltar (N. 41) an dem Hinter- 
hause des Zeustempels. Derselbe bedurfte zum Nymphendienste 
und zur Pflege des Kranzbaums, der l'udu y.akUorkpavoq, eines 
ergiebigen Wasserzuflusses, und wir finden eine der "Altismauer 
parallel laufende, „alte" Thonröhrenleitung vom Kronionfufse 
in gerader Eichtung auf einen Platz gerichtet, der hinter dem 
Tempel am Rande der Tempelterrasse liegt und die Spuren 
einer alten Gründung nebst zwei benachbarten Bassins zeigt. 
Wurzelte hier in ausgetieftem Boden der auch seines Alters 
wegen berühmte Kotinos, so können wir daraus die Ansicht 
beglaubigen, dafs vor dem Bau des Tempels und der Tempel- 
terrasse derselbe Platz zur Vertheilung der Siegespreise be- 
nutzt worden ist (S. 49). 

Ein zweiter Altar, dessen Lage wir vielleicht nachweisen 
können, ist der des Zeus Horkios im Buleuterion. Wenn näm- 
lich dies Gebäude mit grofser Wahrscheinlichkeit in der grofsen, 
dreitheiligen Bauanlage südlich unterhalb der Tempelterrasse 
erkannt worden ist, so liegt die Vermuthung sehr nahe, dafs 
in dem quadratischen Mittelbau, der mit den beiden Lang- 
häusern nicht unmittelbar zusammenhängt und in seiner ganzen 
Anlage den Eindruck einer mit der Religion zusammenhängen- 
den Einfriedigung, eines unbedeckten Temenos von selbständiger 
Bedeutung macht, der heilige Bezirk zu erkennen sei, in dessen 
Mitte das Bild des Zeus Horkios gestanden hat, vor welchem 
die Athleten und die Beamten auf die olympischen Satzungen 
im Buleuterion vereidigt wurden (Paus. V 24, 9), Dazu be- 
durfte es eines eingehegten Versammlungsraumes, dazu bedurfte 
es eines Altars, um die Eidopfer zu vollziehen. Es ist also 
sehr wahrscheinlich, dafs die Fundamente inmitten des quadra- 
tischen Bezirks, die man auch auf eine Dachstützung bezogen 
hat, den Standort des Zeus Horkios bezeichnen (vergl. Aus- 
grabungen von Olympios IV S. 45). Der hier l)etindliche 
Altar gehörte nicht zu dem grofsen Altarcyklus, weil er nur 
bei ganz besonderen Gelegenheiten benutzt wurde. — Endlich 



III. Die Altäre von Olympia. ß3 

können wir noch eine, bei Pausanias nicht erwähnte Altarstelle 
nachweisen, nämlich in dem Gemache, welches neben dem öst- 
lichen Eingange an der Südseite der Palästra lag. Man trat 
von der Eingangshalle, die im Innern mit Sitzbänken umgeben 
war, links in einen quadratischen Raum, an dessen Westwand, 
dem Eintretenden gegenüber, das Fundament eines Altars 
steht, von dessen Benutzung der mit Aschen- und Kohlenresten 
durchsetzte Boden zeugt (Ausgrabungen V 40). Es liegt die 
Vermuthung nahe, dafs die zur Theilnahme an den Uebungen 
sich meldenden Jünglinge hier auf die Gesetze des Gymnasions 
vereidigt wurden. Es ist auch für die bauliche Einrichtung 
griechischer Altäre nicht ohne Interesse, dafs wir deutlich das 
Beispiel eines an die Wand gelehnten, nicht zu umwandelnden 
Opferaltars haben. 

Wenn die monumentalen Ueberreste olympischer Altäre 
im Ganzen so geringfügig sind, so erklärt sich dies aus ver- 
schiedenen Gründen. Erstens sind die Opferstätten des Alter- 
thums, an denen die Pietät der Alten am längsten festhielt, 
mit Absicht zerstört worden; zweitens waren die Gründungen 
selbst von Anfang an bescheiden und gerade an den heiligsten 
Plätzen absichtlich kunstlos. Auch bei dem Altar nördlich 
vom Pelopion (S. 6 1 ), einem der heiligsten Plätze, fanden sich 
nach Dörpfelds Untersuchungen zusammengesuchte Feldsteine 
und formlose Mergelkalkbrocken. Dazu kommen, um die ur- 
sprünglichen Gründungen unkenntlich zu machen, die vielfachen 
Umbauten, welche durch die fortschreitende Veränderung der 
Niveauverhältnisse nothwendig wurden. So ist auch das, was 
jetzt vom Heraklesaltar bei der Exedra sichtbar ist, der Ueber- 
rest eines späteren Baues, und von dem Altar im Westen des 
Metroon liegen die Erdschichten mit den alten Votivbildern 
unter der Sohle der jetzt sichtbaren Fundamente. 

Die sichersten, urkundlichen Zeugnisse des Altardienstes 
bleiben die Aschen- und Kohlenreste, an manchen Stellen, Avie 
beim Pelopsaltar, die einzigen übrigen Zeugnisse, und je nach- 
dem sie mit Votivgegenständen angefüllt sind oder nicht, zeugen 
sie noch heute von der Bedeutung des Altardienstes. Diese unter- 
irdischen Ueberreste, zu denen auch die alten AVasserleitiingen 
gehören, sind die sichersten und lehrreichsten W^egweiser für 
die Religionsgeschichte und Topographie von Olympia. 



64 III- -Diß Altäre von Olympia. 

Die vorstehenden Untersuchungen sind nur ein erster Ver- 
such, die noch wenig bearbeiteten Gebiete der gottesdienstlichen 
Alterthümer Olympias schärfer in das Auge zu fassen. 

"Was wir an anderen Orten in Hellas von Gottesdiensten 
kennen, knüpft sich immer an Stadtgeschichte an und kommt, 
wie ein dunkler Hintergrund, von dem politischen Treiben des 
Tages überdeckt, nur hie und da gelegentlich zum Vorschein. 
Hier hat schon 100 Jahre vor der Schlacht bei Salamis alle 
Geschichte aufgehört. Hier finden wir keine Bürgergemeinde 
ansässig; hier giebt es keine Wohnquartiere einer städtischen 
Bevölkerung, keine Verkehrstrafsen der lebenden, keine Fried- 
höfe der vorangegangenen Generationen. Die Welle, welche 
in jedem fünften Jahre eine Menschenmenge, so grofs wie die 
Bevölkerung einer ansehnlichen Stadt, zu Festspi'^1 und Jahr- 
markt zusammenführte, flofs vorüber. Das grofse Thor der 
Altis wurde geschlossen, und es blieb keine andere Bevölkerung 
zurück, als die priesterliche mit ihrem Dienerpersonal; keine 
Fremden kamen, als die, welche die Merkwürdigkeiten sehen 
und das Orakel befragen wollten; keine Thätigkeit herrschte, 
als der Opferdienst, Avelcher in einförmigem Kreislaufe Tag 
für Tag an den Altären pflichtmäfsig wahrgenommen wurde. 

Das Wesen des antiken Cultus hat sich also ungestört 
ausgebildet und in grofser Eeinheit erhalten; wir können auch 
die verschiedenen Gottesdienste, welche nach einander in Hellas 
Geltung gewonnen haben, hier deutlicher als anderswo erkennen, 
wie sie sich über einander abgelagert und neben einander ge- 
staltet haben. Darum ist Pausanias' Beschreibung des gottes- 
dienstlichen Olympia eine so wichtige Urkunde für griechische 
Cultus- und Culturgeschichte. 

Versuchen wir uns die verschiedenen Schichten des reli- 
giösen Lebens in ihrer geschichtlichen Folge zu veranschaulichen, 
so liegen zu Grunde diejenigen Culte, welche wir aller Orten 
als die ältesten und autochthonen ansehen dürfen, die der 
Landesflüsse und Quellnymphen, ohne welche wir uns die im 
Lande zerstreute Urbevölkerung nicht denken können. 

Das geschichtliche Leben beginnt mit überseeischen Zu- 
wanderungen, für welche das Mündungsland des gröfsten Flusses 
der Halbinsel eine besondere Anziehung haben mufste. Sie 
sind durch Gottesdienste bezeugt, welche nicht im Lande ein- 
heimisch sind, vor allen durch den Dienst des Kronos, der 



III. Die Altäre von Olympia. ß5 

nach dem Volksglauben der Hellenen Repräsentant ihrer 
frühesten Vorzeit ist. Nirgends ist er deutlicher bezeugt als 
in Olympia. Von ihm trägt die herrschende Höhe ihren ge- 
schichtlichen Namen. Sein weitschauender Gipfel ist die älteste 
Opferstelle, einer der heiligen Berggipfelaltäre (irtl rf] äy.Qa rrj 
avojTUTCü rov ooorg Paus. VIII 38, 7), sein Fufs der Baugrund 
der ältesten Heiligthünier; seine Erde wurde an andere Stellen 
übertragen, die man mit ihm in Verbindung setzen wollte (S. 60). 
Der unstät wandernde, listig verschlagene (^cr//.i/.ouf^rr^g)^) und 
doch getäuschte Kronos, dessen Sagen mit barbarischen Opfer- 
bräuchen verwachsen sind, ist unverkennbar ein Vertreter des 
semitischen Seevolks, das gewifs auch diese Küsten aufgesucht 
hat. Davon zeugen der Jardanos und andere schon besprochene 
Spuren des Alterthums. 

Dann wurde Kreta der Kreuzpunkt, welcher durch den 
Kronosdienst einerseits mit den Syrern und Solymern. anderer- 
seits mit Hellas in Verbindung steht. In Kreta wurde der 
phönikische Kronos mit dem hellenischen Zeus verwoben, und 
als Ausgangspunkt olympischer Gottesdienste wird es durch den 
orgiastischen Cultus der Göttermutter, durch die idäische Grotte 
im Kronion,"-) durch die Person des Klymenos, durch Kureten 
und Korybanten reichlich bezeugt. Es folgen die Einwirkungen 
anderer Seevölker. Von der karischen Küste stammt der Dienst 
des Zeus Areios (in Hoplitengestalt),^) der Poseidondienst, die 
Endymionsage; ionischen Einfiufs bezeugt der benachbarte Dienst 
ionischer Nymphen.^) 

Das ist der Inhalt der vorhistorischen Zeit, welche nur in 
Sagen und Gülten nachklingt; die Zeit der Abhängigkeit des 
unteren Alpheiosthals von überseeischen Inseln und Küsten, die 
Zeit vor Beginn der continentalen Wanderungen und Umwälzungen 
im diesseitigen Griechenland. 

Von dieser Periode zeugen auch die Fundstücke in den 
untersten Schichten des Altisbodens, die ältesten der Votiv- 
gegenstände, welche hier ebenso gefunden worden sind, wie 



^) Vgl. die entsprechenden Züge bei Sisyphos, Falaniedes, Atlas (Mit- 
theilungen des Athen. Instituts I 211). 
2) Böckh, Explic. Find. p. 15U. 
') Welcker, Griech. Götterlehre II 24. 
*) Peloponiiesos II 72. 

Curtius, Geeiimmelte Abhandlungen. Bd. II. 



ßß III. Die Altäre von Olympia. 

in den Heiligthümern von Idalion und Golgos. Ferner die 
Symbole der karischen Doppelaxt, die Kymbala der Rhea 
u. a.^} 

Einheimische Geschichte beginnt mit den Gauverbindungen 
an beiden Ufern des Alpheios. Die Muttergöttin am Kronion- 
fufse wird als Hera eine amphiktyonische Göttin; für ihr Bild 
wird von den umliegenden Gemeinden der Peplos gewoben; das 
alte Erdorakel gab dem Buudesorte eine höhere Bedeutung, 
und wenn uns überliefert wird, dafs acht Jahre nach Oxylos' 
Ankunft der HeratemjDel von den Skilluntiern erbaut worden 
sei,^) so liegt dieser Ueberlieferung wohl die Ansicht zu Grunde, 
dafs man den von Norden vordringenden Fremdlingen gegen- 
über die Gemeinschaft der in Triphylien und Pisatis umher 
wohnenden Gemeinden zu befestigen bestrebt war.^) 

Mit den Aetolern ziehen Achäer ein. Jene brachten wahr- 
scheinlich ihren Artemisdienst in das Land; diese, das Gefolge 
des Agorios aus Helike, waren für die weitere Entwickelung 
von Olympia von eingreifendem Einflüsse ; denn sie bringen 
als Orestes Nachkommen den Dienst des Pelops und schütten 
des Ahnherrn Grabhügel zwischen Kronion und Alpheios auf. 
Die Altis wird nach Süden erweitert und auch Zeus, der hier 
als Kataibates verehrt und als Zeus Areios der Hausgott 
des Oinomaos war, erhält nun neben Pelops, dem Ersten der 
Heroen, als Götterkönig eine neue Bedeutung. Der Brand- 
opferaltar des Zeus erhebt sich inmitten der Altis; auf ihn 
wird jetzt von der Landesgöttin Hera die Herrschaft über- 
tragen; die Festlokale der Heräen werden für die neue Feier 
eingerichtet. Die Gründung des olympischen Festes wird von 
Ephoros den Achäern zugeschrieben, und die herrschende Stel- 
lung, welche ihre Geschlechter hier eingenommen haben, erhellt 
auch daraus, dafs am Altare des Pelops bis in die späteste 
Zeit die jährlichen Beamten von Olympia noch alterthümliche 
Todtenopfer darbrachten.'*) 

Die achäischen Einrichtungen gingen in die Hände der 



*) Furtwängler a. a. O. S. 32 f. 
-) Pausanias V 16, 1. 
'_) Peloponnesos II 47. 

*) Paus. V 13, 2: d'covaii' nviJ> >c«i vvv ert ol y.ara txos rus do//ts 
tyovies' to 8e itoelüv tan y.oiO:; fiilas. 



III. Die Altäre von Olympia. ß7 

elischen Adelsgeschlechter über/) welche mit den Herakliden 
in Sparta verbunden sind. Ihr Vertreter ist Herakles, der nun 
als Heros neben dem älteren Gotte (dem Parastates) in die 
Geschichte von Olympia eintritt. Er erneuert die Pelopsfeier 
und macht aus dem nachbarlichen Landesfeste eine pelo- 
ponnesische Panegyris, Das ist die letzte der Entwickelungs- 
stufen. die Epoche des dorischen Einflusses. Von ihm zeugen 
die dorischen Hymnen im olympischen Ritus, von ihm die 
Einführung des Apollodienstes und der apollinischen Mantik^) 
und die Beziehungen des peloponnesischen Heiligtums zu Xord- 
griechenland, dem alten Wohnsitze der Dorier. Von den 
Hyperboreern bringt Herakles den Kotinos an den Alpheios 
und vielleicht trat damit erst die Uebertragung der Namen 
Olympos und Ossa auf die Höhen von Pisa und des Namens 
Olympia auf die Flufsebene ein. Wie in der nordischen 
Heimath des dorischen Stammes wurde jetzt auch hier ein 
Zwölfgöttercyklus gegründet, die Stiftung desselben Herakles, 
und zwar wurden dabei die älteren Ueberlieferungen des Orts 
in merkwürdiger Weise berücksichtigt, so dafs der Landesflufs 
nel)en der Artemis, dafs Kronos und Rhea an den Doppel- 
altären des Herakles ihre Verehrung fanden. 

Diese Satzungen, die mit der Gründung des peloponnesischen 
Staatensystems zusammenhangen, sind alle Zeit unverändert ge- 
blieben, während Alles, was mit der Agonistik zusammenhängt, 
den mannigfaltigsten Neuerungen unterlag. Im Cultus von 
Olympia hat sich das alte Herkommen besonders fest erhalten, 
und zugleich ist hier, als an einem Orte von centralem An- 
sehen Manches ausgebildet, was auch für die Hellenen auswärts 
mafsgebend wurde. So spricht Piaton (Politeia IX p. 583) 
von einer eigenthümlichen Spendeform, die man ^O'/.vfiTtixiog 
OTTtröuv nannte. Ebenso gab es für religiöse Enthaltsamkeit in 
Olympia eigenthümliche Normen {uyuntitiv rot vo^icj toi ^Iluiior 
Paus. VI 20, 2). Charakteristisch ist auch die strenge und 
scharfe Normirung der Mafse in Allem, was zum Gottesdienste 
gehört. So war Pelops, dem Heros, das Temenos gerade auf 
die Hälfte der Länge des Zeustempels bemessen (Paus. V 13, 1). 

*) naoa).aßeii', meldet Ephoros bei Strabon 3Ö7, (toj's Ahtolov^) aa» 
ri]v k7itue).BiHi' lov le^ov, rji' tV/^ot-' ol 'A//(ioi. 
«) Vgl, Band I S. 228. 

5* 



68 III- Die Altäre von Olympia. 

Hundert Fufs als hieratisches Mafs finden wir bei dem qua- 
dratischen Bau des Prytaneion, bei dem von mir sogenannten 
Theekoleon, bei der Krypte des Stadions und als durchschnitt- 
liches Breitenmafs bei dem Stadion. Es wurde also nach dem 
hergebrachten Brauch das hieratische Mafs auch auf solche An- 
lagen angewendet, welche an und für sich keine sacrale Be- 
deutung hatten. Mit der Reform von Olympia, welche sich an 
Herakles Namen auschliefst, sollen durch seinen Schritt auch 
die Mafse in Olympia geregelt worden sein, und. während wir 
früher nur vom Stadion wufsten, dafs es neu vermessen worden 
sei, seit es aus der Bestimmung für die Heräen in den Dienst 
bei dem Zeusfeste überging,^) können wir jetzt nach Dörpfeld's 
Untersuchungen auch im Tempelbau den olympischen Fufs 
genau von dem unterscheiden, der dem Bau des Heraion zu 
Grunde lag. 

Auch die Breite der Wege mufs genau normirt gewesen 
sein, denn das Wort äycic'c wird als Mafsbestimmung benutzt 
(dyvicty öuarrf/.e Paus, V 15, 2). Typische Dimensionen gehen 
durch Alles hindurch, was näher oder ferner zum Gottesdienste 
in Beziehung steht, auch bei den heiligen Geräthen und deren 
Nachbildungen, So bei den Votivdreifüfsen, auf deren fest 
normirte Proportionen (Durchmesser des Kessels gleich Höhe 
der Füfse) Furtwängler aufmerksam gemacht hat.^) 

Das Festhalten am Gegebenen zeigt sich auf allen Gebieten. 
Die zahllosen Votivbilder in Thon und Erz wiederholen dieselben 
kunstlosen Formen, und ebenso bleiben die Kunstformen stereotyp, 
wie es an den Profilen der Simen und anderen Baugliedern von 
unseren Architekten häufig beobachtet worden ist. In der 
Sprache wurde das Provinzielle und Alterthümliche festgehalten 
(z. B. dyvid für orevcoitög Paus. V 15, 2), und Niemand konnte 
einen so langen Fortbestand des Aeolismus voraussetzen, wie 
es die Inschriftfunde in überraschender Weise gelehrt haben. 
Zeugt doch auch der Heroenaltar wieder von dem zähen Fest- 
halten am Rhotacismus. Unter dem Einflufs der dorischen 



') Gellius I J. Paus. V 16,3: iKftiiQovoiv avxaii (d. li. den Jung- 
frauen der Hera) e» mop 8i>6(^iov rov oraSiov 16 iv.xov uaXiaTa. Dies 
„verkürzte Stadion" war aber ursprünglich das zu dem Festlokale der 
Landesgöttin geliöiige, bis zur Einrichtung der Zeusfeste. Vgl. üljer die 
olympischen Mafse Dörpfeld in den Ausgrabungen III 20; V 37. 

•-•) a. a. ü. S. 17. 



III. Die Altäre von Olympia. ß9 

Staaten wurden dorische H3'mnen eingeführt; sie wurden aber 
nur im Prytaneion gesungen, dem Mittelpunkt staatlicher Ver- 
waltung, und auch hier waren es immer dieselben alten Weisen, 
deren Urheber, wie Pausauias ausdrücklich bemerkt (V 15, 12), 
nicht genannt werden. Alles Persönliche sollte im Cultus zu- 
rücktreten. 

Zu den charakteristischen Zügen der Alterthümlichkeit ge- 
hört auch der Reliquiendienst, wie er sich z. B. an die Gebeine 
des Pelops anschlofs, deren Hut den Nachkommen des Damar- 
menos (der sie im euböischen Meer aufgefischt hatte) als erb- 
liches Ehrenrecht übertragen war (V 13, 5), und ebenso die 
mancherlei Wundersagen, welche sich an den olympischen 
Altardienst anschlössen; so die Sage von der einzigartigen Be- 
schaffenheit des Alpheioswassers, von den Raubvögeln, welche 
keinen Altar schonten mit Ausnahme des grofsen Brand- 
opferaltars der Altis (V 14, 1), von den Stechmücken, welche 
durch das dem Zeus Apomyios dargebrachte Opfer jenseits des 
Alpheios gebannt wurden, um den heiligen Dienst nicht zu 
stören (V 14, 1), ebenso die Sage von der Trübung der Arethusa 
während der olympischen Festzeit u. a. 

Auch die Mantik, welche ihre Bedeutung in Olympia nie 
verloren liat (^OlvuTtia ötij7ioiv a/Md^tia^ Pind. Ol. VIII 1), ver- 
harrte in gewissen alterthümlichen Formen. Die chtbonische 
Mantik ist nie erloschen. Auch die von Apollon eingesetzte 
Mantik ist immer Zeichenorakel geblieben, und. wie uns das 
Standbild des lamiden Thrasybulos lehrt, dem eine Eidechse 
die Schulter hinaufkroch und ein Hund mit aufgeschnittenem 
Leibe zur Seite lag (Paus. VI 2, 4), ist die Eingeweideschau 
an den Opferthieren immer in Uebung geblieben. Die beiden 
Sehergeschlechter, welche die alte Tradition erhielten, hatten 
innerhalb des Priestercollegiums eine ausgezeichnete Stellung. 
Sie waren in allen Angelegenheiten des heiligen Rechts die 
Sachverständigen und mit den politischen Vorständen zusammen 
die Aufsichtsbehörde, welche jeder Entweihung der Altäre vor- 
zubeugen und alle Unreinen von denselben fern zu halten hatte 
(Arch. Zeitung XXXVIII S. 1 1 9). Sie ordneten den Festkalender 
und hatten bei dem liturgischen Ceremoniell die Jahrestage zu 
beachten (^fpv'/.a^avrtg irjy tvair^v hei öt/.a roc 'E/uapi'or ui^rö^^ 
Paus. V 13, 11). 



YQ III. Die Altäre von Olympia. 

Das Merkwürdigste bleibt immer die in Olympia deutlicher 
als sonst bezeugte Autonomie der AJtäre, neben denen die 
Tempel als Luxusbauteu erscheinen, welche für den Gottesdienst 
völlig entbehrlich sind. Die Altäre und Altargruppen sind von 
der vorgeschichtlichen Zeit an die geschichtlichen Urkunden für 
die allmähliche Entwickelung des olympischen Cultus. Das 
Kronion ist immer der Mittelpunkt geblieben, nach welchem 
ganz Olympia bezeichnet wurde; denn so sind Pindars Worte 
zu verstehen: r/.ovio ö' vilnfkolo nhqav ccAißaTOV Kqoriov (Ol. 
VI, 64). Der heilige Berg ist, wie es scheint, von der Altis 
nie durch eine Mauer abgeschieden gewesen, wenn auch der 
Bergaltar, an welchem als ein Ueberrest pisäischer Vorzeit die 
Basilai in der Tag- und Nachtgleiche des Frühlings opferten, 
und das Eileithyiaheiligthum daselbst mit dem mystischen Dienste 
des Sosipolis, des alten genius loci, in den Cyklus der olympi- 
schen Altardienste nicht aufgenommen waren. 

Nirgends ist auch so deutlich wie hier Herakles als Gott, 
Parastates, der älteste der Daktylen, von dem späteren Heros 
im Dienste zu unterscheiden. Seine alte Opferstätte am Fufse 
des Kronion ist, wie die Fundamente bei der Exedra zeigen, 
an alter Stelle erhöht und dann aus einem Rundbau (der noch 
heute den Kern der Ruine bildet) in einen viereckigen umge- 
modelt worden. Hier ist auch der Standort noch zu erkennen, 
so dafs der Opfernde nach Osten schaute. Wenn man also 
auch bei diesem Altar zweifelte, ob er dem altern Herakles, 
dem phönikisch-kretischen Gotte, oder dem Sohne der Alkmene 
geweiht gewesen sei (V 14, 9), so spricht die Orientirung für 
den Gottesdienst. 

Die vorhellenischen Culte, welche Helhis mit dem Morgen- 
lande verbinden, sind aber nicht nur in den Altären bezeugt. 
Vielmehr sind aus den Tiefen der Altis neuerdings auch Denk- 
mäler wieder an das Licht gezogen, welche den Zusammenhang 
mit der assyrisch-phönikischen Welt zweifellos bezeugen, Relief- 
streifen, Schalen mit punischer Schrift, und jene decorativen 
Flügelgestalten, welche an den ältesten Bronzen, den Kesseln 
aus Blech, angebracht waren, Figuren mit assyrischem Gesichts- 
typus, mit assyrischen Symbolen, ganz so, wie sie einerseits in 
Präneste, andererseits in Armenien gefunden werden. Sie sind 
handgreifliche Zeugnisse des phönikischen Küstenverkehrs, mit 
welchem auch hier die Landesgeschichte begonnen hat, und 



III. Die Altäre von Olympia. 71 

beglaubigen die Ueber liefer ung von den auf dem Kronion und 
am Fufse desselben errichteten Altären.') 

Vom Kronion rückten die Altäre immer weiter in die 
Ebene hinunter. Kronos, oben allein, am Bergfufse mit der 
Muttergöttin gepaart, wird unten in den Zwölfkreis der Olympier 
aufgenommen ; so treu ist man hier dem geschichtlich Ueber- 
lieferten geblieben. Andererseits ist der religiöse Particularismus 
der griechischen Städte, deren Götterdienste in einzelnen Gülten 
zu gipfeln pflegten, hier nie zur Herrschaft gekommen. In der 
Acliäerzeit wurde freilich die Altis das Haus des Zeus und die 
Priesterschaft sein Hausgesinde (ol/.eTai tov Jiog Paus. V 13, 3); 
die Altis hatte ihren Hausherd mit ewiger Flamme, und die 
vom Hestia- zum Zeusaltare übertragene Asche war der sym- 
bolische Ausdruck für die Einheit des idealen Hausstandes. 
Innerhalb des Zeusbezirks waren aber alle Culte der Hellenen 
gleich berechtigt, sie wurden alle von denselben Händen bedient. 
Die jungen und die älteren Götter waren mehr als anderswo 
gleichberechtigte Hausgenossen, und diesen amphiktyonischen 
Charakter zu pflegen lag in dem wohlverstandenen Interesse 
der Eleer. 

In besonderem Sinne amphiktyonisch waren die sechs Doppel- 
altäre, die deshalb auch für die Siegesfeier eine hervorragende 
Bedeutung hatten. -) An ihnen opferten die Sieger, wie es 
Böckh zu Pindars fünfter olympischer Ode von Psaumis nach- 
gewiesen hat. 

Eine andere, jüngere Gruppe bildeten die Altäre von rein 
agonistischer Geltung, wie die des Hermes Enagonios, des Kairos, 
der Tyche und der Hippioi. Ein symbolischer Ausdruck für 
den nationalen Gedanken, welchen Olympia vertrat, war der 
Altar der Concordia (^üiiöroia), der sich an volkstbümliche 
Bräuche anschlofs^) und wieder für viele andere Orte vorbild- 
lich geworden ist. Im Sinne dieser Stiftung sind die „olym- 
pischen Reden" entstanden, wie die des Lysias. 



\) Furtwängler in der Archäologischen Zeitung XXX VII S. 180. 

-j Darauf bezieht sich wohl das mir noch räthselhafte Beiwort 
Adoiras und Auoais, dem vielleicht die Bedeutung der „Volksammler" 
beiwohnt. 

^) Xenophon, ^lemor. IV 4, 1G8 Tintrct/ov ev tF; 'EllüSi röuoi xeUnt 
Toi'S Tiokiras dfti-'vt>t(i ofio^'otjOeip. 



72 m- Die Altäre von Olympia. 

Endlicli die Altäre ausländischer Gottheiten, d. h. solcher, 
welche nicht in der Vorzeit der Hellenen sich eingebürgert haben. 
Denn, wenn Olympia auch strenger national war als Delphi, 
so verschmähte es doch die Verbindungen mit dem Auslande 
nicht, am wenigsten die mit Libyen (S. 4), wie Hera Ammonia 
und Hermes Parammon bezeugen. (Paus. V 15, 11). 

So sind die Altäre von Olympia ein Archiv der Volks- 
geschichte, weil die Denkmäler der verschiedensten Epochen 
hier vollständiger als anderswo nebeneinander fortbestanden 
haben. Die Vorzeit, welche im städtischen Leben ver- 
gessen wurde, • hat sich hier um so treuer im Gedächtnifs 
erhalten, je weniger eine politisch bewegte Gegenwart die 
Aufmerksamkeit fesselte und Neuerungen der Gottesdienste 
veranlafste. 

Um noch anderer Züge des Alterthümlichen in Olympia 
zu gedenken, erinnere ich an die Aschenaltäre, die unsers 
Wissens nirgends so zahlreich und angesehen waren wie hier, 
an die Grundlegung der Altäre mit losen Feldsteinen, an die 
massenhafte Darbringung primitiver Votivgaben an den Stufen 
der Altäre. Besonders merkwürdig ist dabei die Abwesen- 
heit aller Zeichen von Idololatrie. Furtwängler hat schon 
(a. a. O. 28, 32) darauf hingewiesen, dafs kein einziges altes Idol 
von Zeus oder Hera im Altisboden gefunden worden ist: eine 
Thatsache, die den reinen Altardienst, den bildloseu Cultus in 
Olympia, deutlich bezeugt. Ja, wir sind trotz des massenhaften 
Materials von Fundstücken bis jetzt noch aufser Stande, uns 
von der Gestalt der alten Landesgottheit, welcher der PejDlos 
gewoben wurde, und von dem Orte, wo sie gestanden hat, eine 
sichere Vorstellung zu machen.^) 

Auch die Opfergebräuche haben sich in Olympia besonders 
alterthümlich erhalten: -D-vovaiv äq^cdöv itva TQOJtov (V 15, 10). 
Rauchopfer mit Gerste und Honig war die herkömmliche Dar- 
bringung. An den drei Altären (denen der Nymphen, der 
Despoina und aller Götter) wurden nur weinlose Spenden dar- 
gebracht. Für alle Brandopfer war das Ceremoniell so streng 
geordnet, dafs Gemeinden wie Privatpersonen verpflichtet waren, 



'J Dafs Heraklos der Gott in Olympia bildlich verehrt worden sei, 
könnte man aus der Geschichte von Daidalos schliefsen, bei A2)ollodor 
II G. Die Erwähuuii"- von Pisa ist sehr merkwürdity. 



III. Die Altäre von Olympia. 73 

sich das vorgeschriebene Brennholz in abgemessenen Stücken 
von dem olympischen Holzverwalter zu verschaffen. 

Die strenge Handhabung des heiligen Rechts in Olympia 
kannten wir schon aus dem Prozefs gegen den Erzstier, an dem 
ein Knabe sich verletzt hatte (Paus. V 27, 10) u. a. Zügen. 
Jetzt erkennen wir die strengen Ordnungen des heiligen 
Eechts aus den neu gefundenen Bronzetafeln, so weit das 
Verstand nifs derselben bis jetzt gelungen ist, die Geldbufsen 
und Körperstrafen so wie die Excommunication von Altar und 
Mantik. In nächster Beziehung zum Opferdienst stehen die 
religiösen Ordnungen, welche den Mifsbrauch des Altars ahnden, 
und wie es in Olympia verboten war, dafs hellenische Staaten 
wider einander am Hochaltare des Zeus Orakel begehren 
sollten, so war es auch verjDÖnt, Opfer darzubringen, die einem 
Volksgenossen zum Schaden gereichen sollten. Das ist das 
•/.ccTiagaceiv (in dem Sinne von y.ateuxed^ai) nach der Erklärung 
von Ahrens in der olympischen Inschrift n. 362 (= Inscriptiones 
Gr. Antiquissimae n. 112); Rheinisches Museum XXXV, S. 578. 
Ist diese Deutung richtig, so schliefst sich hier an die äufsere 
Zucht eine ethische Norm von tiefem Sinne, der Grundsatz, dafs 
ein Opfer nur dann wohlgefällig sein könne, wenn es arglos und 
mit reinem Gewissen dargebracht werde. 

Wo so viel Wissen von allen Seiten zusammenströmte, wurde 
die Aufbewahrung der Tradition unwillkürlich ein besonderer 
Gegenstand der Aufmerksamkeit. So war es auch eine Art von 
Reliquiendienst, wenn man die eine alterschwache Holzsäule 
des Königspalastes, mit Klammern rings umfafst, unter einem 
von vier Säulen getragenen Schirmdache mit ängstlicher Sorg- 
falt aufrecht zu erhalten suchte. 

Endlich gehört zu den Zügen des alterthümlichen Wesens 
das streng geordnete System geistlicher Aemter, wie es uns hier 
vorliegt und das auch Pausanias so merkwürdig erschien, dafs 
er genau darüber berichtet (V 15, 10), in fast vollkommener 
Uebereinstimmung mit den jetzt gefundenen Urkunden. Wir finden 
hier eine Organisation geisthcher Würden, einen Fortbestand 
uralter Sehergeschlechter, eine Verbindung von Priesterthum 
mit städtischem Patriziat, dessen Söhne sich in diesen Aemtern 
folgen, eine hierarchische Stufenfolge der Aemter, wie sie uns 
sonst nirgends in Griechenland überliefert ist, und so führen 
uns die Studien über Olympia, welche jetzt erst begonnen haben, 



74 lil- -Die Altäre von Olympia. 

des neu gewonnenen Materials allmählich Herr zu werden, zu 
neuen Anschauungen des höheren Alterthums und ergänzen 
unsere Kenntnifs hellenischer Culturgeschichte auch auf den 
Gebieten, für welche wir am wenigsten Aufklärung erwartet 
hatten. In dem stillen Olympia, das Jahr aus Jahr ein seiner 
Altardienste wahrnahm , dem Olympia aveo Tfjg TtavrjyvQsiog 
(Paus. V 13, 10) lernen wir das Volksleben von einer Seite 
kennen, wie es uns in der griechischen Staatengeschichte am 
wenigsten vor Augen tritt. 



B. 

Kimstgescliiclite. 



lieber Wappengebraiicli und Wappenstil im 
griecliisdien Altertliuin. 

(Hierzu Tafel I.) 



Von Babel und Assur sind nicht nur Mafs und Gewicht 
so wie Erfindungen und Kunstweisen mannigfaltiger Art den 
westlichen Ländern mitgeteilt worden, sondern auch gewisse 
Formen der Darstellung oder Kunsttypen. 

Nachdem einzelne Darstellungen, wie z, B. der Stier mit 
dem bärtigen Menschenkopf, lange Zeit unter den klassischen 
Kunstformen den Eindruck des Fremdartigen gemacht hatten, 
ohne dafs man sich die Entstehung und Herkunft derselben 
klar machen konnte, war man überrascht, dieselbe Gestalt, 
welche am Acheloos, in Sicilien und Grofsgriechenland als 
Münztypus bekannt war, an den Kolossen der Portale von 
Tschilminar wiederzufinden. ') 

Diese Entdeckung machte man, als man zum ersten Male 
mit den Königsstädten des Orients bekannt wurde. Seitdem 
ist die Anzahl der im Orient auftauchenden Vorbilder griechischer 
und italischer Kunst immer gröfser geworden; in den letzten 
Decennien hat man angefangen, auch die Uebergangsländer 
kenneu zu lernen, durch welche sich die Typen des Orients 
nach Westen verbreitet haben und wo dieselben tiefer ein- 
gewurzelt und reicher bezeugt sind als auf griechischem Boden. 
In Folge dessen müssen mancberlei Werke, welche für Anfänge 
europäischer Plastik galten, als Ausläufer der orientalischen 



*) Vgl. Streber: Ueber den Stier mit dem Menschengesicht in den 
Abhandl. der K. Bayer. Akad. der Wiss. 1830 S. 454. 



73 I- Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 

angesehen werden, und es ist für die Culturgeschichte des 
Altertimms eine wichtige Aufgabe, der Uebertragung asiatischer 
Kunsttypen näher nachzuforschen und zu erkennen, wie die 
klassische Kunst dieselben übernommen hat und erst allmählich 
eine selbständige und nationale geworden ist. Es ist ein ähn- 
licher Vorgang wie der, durch welchen die Kunst der Italiener 
aus der byzantinischen erwachsen ist, indem sich aus dem 
Typenvorrathe einer abgelebten Kunst neue Lebenskeime ent- 
wickelt haben. 

Die Kunstformen Asiens haben sich auf zwiefachem Wege 
nach Westen verbreitet. 

Einmal auf dem Landwege durch Kleinasien, welches 
Jahrhunderte lang unter dem Einflüsse Assyriens gestanden 
hat. In den namenlosen Ruinen der alten Städte Kappadociens 
und Phrygiens, welche durch Steuart, Hamilton, Texier, Barth 
und namentlich durch Perrot näher bekannt geworden sind, 
erkennen wir dieselben Grundformen der Baukunst und Bildnerei 
wie in Ninive, die entsprechende Einrichtung grofsartiger Palast- 
bauten und weitläuftiger Terrassen, denselben Putzstil, welcher 
sich in den mit Ornamenten überzogenen Felswänden zeigt, die- 
selben Thierbilder (Löwe, Stier, Antilope) und dieselben Misch- 
gestalten und Gruppen von Thieren. Daneben besteht un- 
verkennbar eine gewisse Selbständigkeit kleinasiatischer Kunst, 
die wir bei der langsam fortschreitenden Kenntnifs des klein- 
asiatischen Binnenlandes sehr allmählich kennen zu lernen an- 
fangen, namentlich auf dem Boden Phrygiens; sie ist in dem 
harten Felsgesteine begründet, das man hier im Gegensatze zu 
dem Alabastersteine des unteren Tigristhals zu verarbeiten 
hatte und das eine wirksame Schule des ausdauernden Fleifses 
war, und zweitens in dem Charakter des phrygischen Volks, 
welches, den Griechen verwandt, auch in seinem Sinne für das 
Solide und Monumentale von der assyrischen Kunst zur klassischen 
einen Uebergang bildet. 

Vom continentalen Zusammenhange der Länder und Völker 
unabhängig waren die Einwirkungen orientalischer Kunst, welche 
sich an Erzeugnisse der Kleinkunst und der Kunstindustrie an- 
schlössen, und da waren es vorzugsweise zwei Gattungen, die 
ihrer Beschaifenheit nach zu weiterer Verbreitung besonders 
geeignet waren, die gewebten Zeuge und die geschnittenen 
Steine. Sie haben deshalb ganz besonders als Vorbilder gedient, 



I. Wappengebrauch und "Wappenstil im Alterthum. 79 

und die beiden Stilarten, welche am meisten Nachahmung im 
Occident hervorgerufen haben, sind die der Teppichmuster und 
der Siegel Wappen. 

Beide haben unverkennbar einen gemeinsamen Charakter. 
Beide bewegen sich mit Vorliebe in der Darstellung von Thier- 
gestalten, und schon das AVort CioyQcapla kann als Beweis 
dienen, dafs es eine Zeit gab, in welcher auch die hellenische 
Kunst vorzugsweise Thierdarstellung war. Alle Zweige der 
klassischen Kunst haben eine solche Zeit durchgemacht, und 
namentlich kann man die Münzen der griechischen Städte danach 
unterscheiden, ob sie bis in die Thierperiode hinaufreichen, und 
wenn sie eine solche gehabt haben, ob sie darin geblieben sind 
oder ob sie dieselbe überwunden haben, die einen vollständig, 
die anderen so, dafs immer ein Ueberrest derselben zurück- 
geblieben ist. 

Von den gemeinsamen Gegenständen der Darstellung und 
ihren conventioneilen Formen abgesehen haben beide Stilarten 
einen verschiedenen Charakter. Die gewebten Muster sind be- 
stimmt gröfsere Flächen zu bedecken. Sie gehen in die Breite 
und bilden Reihen von Thiergestalten, indem entweder dieselben 
Elemente wiederkehren oder in bunter Mannigfaltigkeit ab- 
wechseln. Auf dem Siegel ist die Darstellung in das Enge zu- 
sammengezogen; sie ist gleichsam ein plastisches Epigramm, 
denn der Zwang des Raums ^) erheischt strenge Zeichnung und 
fest umgrenzten Abschlufs der Formen. Darum fehlen die auf 
Teppichmustern üblichen Fisch- und Schlangenleiber: der Wappen- 
stil liebt massige Körper, keine hoclibeinigen Vögel, keine lang- 
gestreckten Gestalten; der Teppichstil umgekehrt; hier werden 
die leeren Plätze durch Ornamente ausgefüllt, die der Wappen- 
stil nicht gebrauchen kann. 

Eine Mittelstellung nehmen die Cylinder ein, deren Figuren 
bestimmt sind in Thon abgerollt zu werden. Sie haben reihen- 
artige Darstellungen, wie die Teppiche, aber auch geschlossene, 
concentrirte, wappenbildartige Gruppen, wie die Siegelsteinc. 
Auch auf ringförmigen Compositionen, wie an den Silberschalen 
von Kition,-) und in friesartigen Säumen finden wir beide Stile 
combinirt, indem längere Figurenreihen von paarweise einander 



^) of^nylSo^ ipy.oi Soph. Traoli. 615. 

^) Longperier, Musee Napoleon III i>l, X. XF. 



30 I- Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 

gegenübergestellten Figuren unterbrochen werden; in der Regel 
wird man aber schon bei den einzelnen Figuren, je nachdem 
die Umrisse gestreckt und aus einander gehend oder knapp be- 
messen und zusammengehalten sind, erkennen, welcher von 
beiden Stilarten sie angehören.^) 

Die erstere der beiden Stilarten ist auf den bemalten 
Thongefäfsen in einer Fülle von Denkmälern vertreten, und es 
läfst sich an denselben nachweisen, wie die Thierreihen auf 
ihnen erst unbedingt herrschen, dann den menschlichen Ge- 
stalten einen bescheidenen Platz einräumen, später von diesen 
verdrängt, auf Nebenorte zurückgeschoben und am Ende ganz 
beseitigt werden. 

Die andere Stilart hat eine viel umfassendere Verbreitung 
gefunden. Sie ist von den Babyloniern zu den Assyriern, von 
diesen zu den Persern gekommen; sie hat sich als monumentaler 
Wai^penstil bei den kleinasiatischen Völkern ausgebildet. Sie 
ist auf Siegelsteinen mit aramäischer, phönikischer und alt- 
hebräischer Schrift bezeugt.^) Sie ist in Siegel- und Stempel- 
schnitt wie im Goldrelief zur Herstellung von Schmuck und 
Amulets bei Etruskern, Griechen und Römern einheimisch ge- 
worden und hat sich, ähnlich wie die Normen für Mafs und 
Gewicht, durch das Mittelalter bis in unsere Tage fortgepflanzt. 
Als Hamilton 1835 des kappadokischen Doppeladlers ansichtig 
wurde, glaubte er, dafs derselbe in neuerer Zeit ausgehauen 
worden sei. Bei den Löwenbildern in Thasos hat man ähnliche 
Zweifel gehabt, und diese Zweifel können gerechtfertigt sein, 
weil sich dieselben Typen durch alle Jahrhunderte erhalten 
haben, und je mehr wir die Macht eines in festen Formen aus- 
geprägten Stils erkennen, unter dessen Einflufs die Anfänge 
europäischer Bildnerei stehen, je mehr sich eine aus Mesopotamien 
stammende, durch Morgen- und Abendland gehende Tradition 
erkennen läfst, um so mehr wird es sich lohnen, derselben etwas 
genauer nachzugehen. Indem ich dazu einen Beitrag zu geben 
versuche, spreche ich zuerst vom Wappengebrauch im Alter- 
thum, um an einigen Beispielen zu zeigen, wie weit sich der- 
selbe aufserhalb des numismatischen Gebiets erkennen läfst, 



') z. B. die langgestreckten, mit niedergebogenem Kopf vorschreiten- 
den Hirsche auf gestanzten Goldplatten aus Athen im Aiitiquarium des 
Berliner Museums. 

^) Vogiie, Bull. Arch. 1868, Juin. Levy, Siegel und Grernmen 1808. 



I. Wappengebrauch und Wajjpenstil im Alterthum. g| 

und will dann nachzuweisen suchen, wie sich mit dem Wappen- 
gebrauche ein eigenthümlicher Stil künstlerischer Darstellung 
bei den Alten entwickelt hat. 

Der Gebrauch bildlicher Zeichen, um die Beziehung eines 
Gegenstandes zu seinem Besitzer urkundlich anzugeben, hängt 
mit dem Gebrauch der Siegel eng zusammen, wenn auch nicht 
behauptet werden kann, dafs jedes Petschaft ein Wappeubild 
enthalten habe. Der Siegelgebrauch war aber bei den Griechen 
ein ungemein verbreiteter, und es ist allgemein bekannt, dafs 
im täglichen Leben viel mehr unter Siegel gelegt wurde als bei 
uns. Das or^utioiv war nur die gründlichere Art des aTto/J.auir, 
und man erkannte ein gut besorgtes Hauswesen daran, dafs 
Alles wohl versiegelt war. Das Siegel hatte die Bedeutung 
eines Schlüssels, der Siegelabdruck war wie ein Nachschlüssel. 
Daher die Vorsicht der solonischen Gesetzgebung in Betreff 
der bei dem Petschaftstecher zurückbleibenden Abdrücke. In 
gröfseren Haushaltungen war es an Stelle der Hausfrau der 
Erste der Dienerschaft, welchem der Hausherr sein Siegel, 
gleichsam den Hauptschlüssel, anvertraute.') 

Der Siegelgebrauch war so alt und so allgemein, dafs 
man ihn nicht wie den Schildwappengebrauch von anderen Völ- 
kern herleitete. Er ist schon mit der Volkssage verwachsen, wie 
die Ueberlieferung von den Ringen der Helena, des Phokos, 
Minos, Odysseus, Orestes beweist. Dennoch sind diese Er- 
wähnungen der eigentlichen Volkssage fremd und es knüpft 
sich allerlei nicht volksthümliche Mystik daran. Ich er- 
innere nur an den Ring des Gyges bei Piaton, an den 
Orakelring des Eukrates (Lukian, Philopseudcs 3^). an das 
Loosen mit Ringen. Das Ausländische der Erfindung wird 
auch dadurch angedeutet, dafs man Herakles als den er- 
findenden und einführenden Heros in Lakonien nannte, und 
dieser mythische Ausdruck für den Zusammenhang mit dem 
Orient erhält dadurch seine Bestätigung, dafs bei den 
Morgenländern seit ältester Zeit der Siegelring als theuerstes 
Besitzthum angesehen wurde und dafs bei den Babyloniern der 
Gebrauch des Siegels ein so allgemeiner war, wie ihn die 
Hellenen nicht kannten. Denn dort führte, wie Herodot als 
eine Merkwürdigkeit meldet, nicht nur der Mann von Stande 



') Aesch. Agam. G03. Clemens, Protr. III p. 11. 
Curtius, Qesiimmelte Abhandlangen. Bd. \l. 



82 !• Wappengebrauch und AVappenstil im Alterthum. 

und der Geschäftsmann, sondern jeder Einwohner sein Petschaft 
bei sich.^) 

-Die Beziehungen, welche durch Petschaft oder Stempel 
ausgedrückt werden, sind entweder religiöser oder staatlicher 
oder privater und persönlicher Art. 

Gegenstände, die zum Tempelbesitze gehören, werden durch 
das Wappen der Tempelgottheit als ihr Eigenthum bezeichnet. 
So tragen die im Pythion zu Knidos gefundenen Schalen das 
Symbol der Leier, ^) ebenso wie die Felswände an der Gränze 
des Territoriums von Delphi das eingemeifselte Zeichen des 
Dreifufses gleichsam als Hausmarke trugen.^) Unter den Henkeln 
des grofsen Steingefiifses aus Amathus, das zur Zeit im Louvre 
ist, sind die Stierbilder, welche sich in ganz übereinstimmender 
Form auf den Münzen in Kypros finden, als Zeichen der Gott- 
heit aufzufassen, welcher das Tempelgeräth geweiht war.*) Unter 
den Henkeln brachte man bei Trinkgefäfsen gern die charakte- 
ristischen Kennzeichen an.^) Lampen waren durch einen Esels- 
kopf als der Vesta heilig gekennzeichnet.*^) Göttersessel er- 
halten durch die Zeichen der Eule oder durch Köcher, Bogen 
und Schlange ihre Beziehung auf die Gottheit, der sie ange- 
hören, wie man die Fufsbänke in Aphroditeheiligthümern durch 
Schildkrötenform als zum Tempelinventar gehörig kennzeichnete 
(Athen. 589). 

Hier liegt der Ursprung für die symbolische Verzierung 
der antiken Geräthe und Gefäfse. Denn dafs diese Zeichen 
den Charakter des Wappenbildes haben, geht aus ihrer Ver- 
wendung bei den Münzen hervor, wo sie, wie anderswo nach- 
gewiesen ist, ebenfalls die Beziehung der Metallstücke zu ge- 
wissen Heiligthümern ausdrücken. Die angebrachten Zeichen 
sind also dem Sinne nach gleich den Genetiven der Götter- 
namen, wie man zlLog oder Volcani 'pocolom und ähnliches an 
geweihten Gegenständen angeschrieben sieht. An Stelle des 
Symbols tritt dann wie auf den Münzen der Kopf der Gott- 
heit. So der Kopf des Zeus Ammon auf derselben Stelle, 



^) Herodot I 195. Creuzer, Zur Gemmenkunde 1(S34. S. 3 f. 

^) Monatsbericht der K. Preul's. Akad. der VVissensch. bS69 S. 46G. 

') T()i7iov-; eyy.ey.ölaTZTai: Wäscher, Monument bilingue de Delphes p. 85. 

*) Longperier, Musee Napoleon 111 pl. XXXIII. 

^) Wahrzeichen unter den Henkeln, llias XI 034. 

«) Hirt, Bilderbuch VIII 12. Jordan, Vesta und die Laren S, 14. 



I. WaiDpengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 33 

WO der Stier am Gefäfse von Amathus angebracht ist.-^) Ein 
weiblicher Kopf findet sich als Wappenzeichen an den (im 
britischen Museum vorhandenen) Muscheln, die, wie man sagt, 
aus dem rothen Meere stammen und als Schöpfgeräthe in 
griechischen Heiligthümern gedient zu haben scheinen. Geräthe 
mit Götterbildern gezeichnet, kommen in den Tempelinventaren 
vor,^) und die am Boden von thönernen wie metallenen Schalen 
angebrachten Brustbilder haben ursprünglich dieselbe Bedeutung. 

Nicht nur Geräthe trugen religiöse Wappenbilder, sondern 
auch Menschen und Tliiere. Aus ägyptischem Brauche wird 
die Bedeutung des ocpQayi^uv hergeleitet, welches ursprünglich 
den Akt bezeichnet, durch welchen das tadellos gefundene 
Opferthier mit dem hieratischen Stempel versehen wird, und 
welches dann von Kirchenschriftstellern gebraucht wird, um 
das Einsegnen der Geräthe durch das Zeichen des Kreuzes zu 
bezeichnen.'^) 

Die Priester trugen beckenförmige Schilder (phialae), welche 
mit dem Wahrzeichen der Gottheit versehen waren, in deren 
Vollmacht sie handelten. So werden cpiuUti Boouiov erwähnt; 
so finden wir die Diener der ephesischen Gottheit, Cistophoren 
und Archigallen, mit hieratischen Wappenbildern ausgezeichnet, 
welche den Brustschildern ägyptischer und hebräischer Priester 
entsprechen.*) Götterbilder auf gestanzten Goldplättchen wurden 
umgehängt, wenn sich die Tempeldiener zu heiligem Dienste 
anschickten. Das Tragen solcher Wahrzeichen bedeutete die 
völlige Hingabe der Person. Darum trugen auch die im heiligen 
Kriege für die Rechte des Gottes Kämpfenden an Helm und 
Schild die göttlichen Insignien, wie die Kreuzfahrer das Kreuz. 
So beschreibt Statins die für Delphi kämpfen;len Heerschaaren, 
und Lactantius sagt dazu : „ita se devotos Apollini demon- 
strabant".'^) Man trug die Zeichen derjenigen, in deren Bot- 
mäfsigkeit man stand, wie Diener ihres Herrn Wappen tragen. 

^) Ficoroni, vasi Aretini T. VII. 

^J Vgl. in den IJebergab- Urkunden die Bezeichnungen iV« 6 Zevi 
(Böckh, Staatsh. II'' 256), ipn 6 W.:i6).hoi' u. a. Böukii dachte an ürts- 
bezeichnungen. Für Stempelornament zeugt: 6:tov ro a}.cf<i C. I. A. 
II G79. 

»J Gildemeister, Zoitschr. der Morgenl. Ges. XX VHS. 1,31. 

*j Ü. Jahn, Codex Pigliiaiius, Ber. der K. Sachs. Gesell, der Wissen- 
schaften 186« S. 177. 

6) Thebais V :<51. Stark, Niobe S. 147. 

6* 



84 J^' Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 

Satrapen setzten das Wappen ihres Oberlierrn auf ihre Münzen 
und freie. Gemeinden erklärten ihre Selbständigkeit für er- 
loschen, indem sie eines auswärtigen Fürsten Wappen als 
Prägbild einführten, wie es die Athener mit denen des Mithra- 
dates thaten. 

Plinius berichtet an Traianus^) über einen Fugitivus, der 
sich durch eine Gemme mit dem Kopfe des Pacorus über sein 
früheres Dienstverhältnifs zu diesem Fürsten auswies ; die zu 
Octavians Hauswesen gehörigen Personen trugen die Bildnisse 
von Augustus und Livia an sich wie eine Uniform. Die Ein- 
geweihten in Samothrake erkannten sich an einer besonderen 
Art von Ringen, und Plinius ereifert sich über die vielen Römer, 
welche sich durch das Tragen von Harpokrates- und Isisringen 
als Diener barbarischer Religionen auswiesen.-) 

Wappen bezeichnen an allen Gebäuden die Vorderseite, 
welche für den Herankommenden auf eine dem Innern ent- 
sprechende Weise charakterisirt werden soll. Dazu dienen die 
rechts und links vor den Heiligthümern aufgestellten Gegen- 
stände, monumentale Fackeln, Candelaber, Phallen,'^) dazu die 
wappenartig geschmückten Stirnziegel mit dem Gorgoneion u. a., 
die Akroterien (wie z. B, die Böcke über der Pansgrotte in 
Thasos), dazu die heiligen Thiere, wie die beiden Adler vor 
dem Altar des Zeus auf dem Lykeion, die dämonischen Ge- 
stalten zu beiden Seiten des Eingangs in ass}a-ischen Palästen 
wie in etruskischen Gräbern.^) 

Die Thoreingänge wurden vorzugsweise unter göttlichen 
Schutz gestellt und die darauf bezüglichen wappenartigen 
Embleme finden wir über oder neben dem Eingange angebracht; 
ein Gebrauch, welcher sich vom Orient in die euroi3äischen 
Länder hinüberzieht. 

Auf einem bei Tyros erhaltenen Thore findet man das weit 
verbreitete Symbol des Sonnendiscus und des Halbmondes ; ^) in 
Mylasa waren die Thore der Stadt durch das auf dem Keilstein 
eingemeifselte karische Münz- und Wappenbild der Doppelaxt 

^) Ep. ad Traianum 74. 

2) Isidor. ürig. 19, 32. Plinius XXXIII 23. 

3) C. I. Gr. II p. j80 n. 2158. ßötticher, Bericht über die Aus- 
grabungen auf der Akropolis S. 228. 

*J Monuin. d. Inst. II 31. 

'') Longperier, Musee Napoleon III pl. XVIII. 



I. Wapiiengebrauch und "Wappenstil im Alterthum. 35 

unter den Schutz des ZeusLabrandeus gestellt; an derselben Stelle 
ist das Ostthor von Poseidonia mit Delphin und Sirene geschmückt. 

Ueber dem Ostthore von Antiocheia war eine säugende 
Wölfin dargestellt ^) und das merkwürdige Marmorrelief im 
Louvre mit dem stierwürgenden Löwen, dem Prägbilde der 
akanthischen Didrachmen, ist wahrscheinlich auf ähnliche Weise 
über einem Stadtthore angebracht gewesen.-) Die Krönung 
der Eingänge mit monumentalen Symbolen war etwas so Ge- 
wöhnliches, dafs sie auf Gräber übertragen wurde. So die 
liegenden Löwen auf den Gräbern von Lykien und in Kypros, 
die säugende Kuh über dem Eingange des sogenannten Harpyien- 
denkmals und die vielen Thiere und Thiergruppen an den Front- 
seiten phrygischer Felsmonumente. 

Auch der Löwe am Eingange der Höhle von Paros scheint 
nur eine wappenartige Bedeutung gehabt zu haben, •^) denn 
ebenso verbreitet und alt ist die Aufstellung der Wappen- 
figuren zur Seite des Eingangs nach Art der Portalkolosse in 
Assyrien und Persien. So die weiblichen Flügelfiguren und 
die Doppeladler an den Stadtthoren des nördlichen Kappadociens 
und an griechischen Stadtthoren das Relief des Herakles, 
welcher als Thorhüter noch heute am Eingange von Alyzia 
steht, einer der merkwürdigsten Thorwnppensteine des Alter- 
thums. Auch an den Burgmauern wurden Embleme ange- 
bracht, wie die Gorgoneia an der Larisa in Argos und an der 
attischen Akropolis : dahin rechne ich auch den thasischen Stein 
mit den beiden Augen, worin ich eine Abbreviatur des Gorgo- 
Antlitzes sehe. Wir können die Gorgoneia in die Reihe der 
Wappensteine stellen, insofern sie als ]\rün/,bilder wiederkehren 
und der monumentale Ausdruck für das Abhängigkeits- und 
Schutzverhältnifs einer Gemeinde sind : ebenso das Bild des 
Perseus in Ikonion, das Constantinus entführte, um es in seiner 
neuen Hauptstadt aufzustellen, wie man Adler und Standarten 
als Siegeszeichen verwendet.') 



') Malalas, Chron. p. 309. Köpfe über etruskischen Tlioren: Uerhard, 
Abhandlungen I 293. 

*) Cousincry, Voyage dans la Maccdoine I p. 99. 

•■') Welcker, Griech. Götterlehre II GJ7. 

*j Leake, Num. Hell. As. p. 69. Unklar ist die Ausstattung eines 
Thorsteines mit zwei konischen Hüten, Zange u. a. Geräth, Archäolog. 
Zeitung XIV, T. 93, S. Ui; XV 9ö. 



gß I. Wappengebraucb und AVappenstil im Altertbum. 

Es wurden aber die als Wappen benutzten Wahrzeichen 
auch selbständig aufgestellt. So stand der Halbmond auf einer 
Säule neben dem Tempel von Sidon/) so die heilig verehrte 
Ziege in Phlius und die Thiergruppe auf dem Markte von 
Argos, die in echtem Wappenstile den lykischen Wolf als Stier- 
würger darstellte und durch den Sieg eines Wappenthiers über 
das andere den Eintritt einer neuen Epoche in der alten Landes- 
geschichte bezeichnete.-) Zu vergleichen ist auf den italischen 
Münzen der die römische Wölfin niederwerfende Stier. 

Im Orient gab es nur dynastische, priesterliche und Privat- 
wappen; Gemeindewappen finden wir erst in der hellenischen 
Welt.^) 

Mit dem öffentlichen Siegel (aTTi/.ov at]{.ielor) versehen 
wurden die attischen Proxeniedekrete in die Heimath des Ge- 
ehrten versendet ; auch Steinpfeiler wurden mit dem Bilde der 
Eule ausgestattet. Das Staatssiegel diente zur amtlichen Be- 
glaubigung der Legitimationen, mit denen Staatsangehörige in 
das Ausland gingen; daher der Name ocpqayig auch für den 
Reisepafs gebraucht wurde,*) Es diente dazu, Gegenstände, 
deren Besitz streitig war, bis zur Entscheidung unter öffent- 
lichen Scliutz zu stellen. Es wurde den Gewichten und Gefäfsen 
ein gestempelt, um ihre normale Beschaffenheit zu bezeugen, wie 
es auch bei den Münzen der Fall war, deren Gültigkeit der 
Staat verbürgte ; es wurde als Marke auf die Erztäfelchen 
geprägt, mit denen sich die Bürger als zu öff'entlichem Dienste 
berufen ausweisen konnten Zu diesen mannigfaltigen Zwecken 
wurde nicht überall ein Zeichen angewendet. AVir finden bei 
denselben Staaten verschiedene Zeichen als Prägebilder und 
Aichungsstempel in Gebrauch, ohne dafs wir nachweisen können, 
nach welchem Grundsatze sie neben einander benutzt wurden. 
So bei den Rhodiern die Rose und der Helioskopf, bei den 
Athenern Gorgoneion und Eule. Im allgemeinen zeigt sich bei 
den Griechen auch im Gehrauche der öffentlichen Wappen ein 
unverkennbares Streben nach Mannigfaltigkeit und Abwechslung. 
Ihr beweglicher Geist und rastloser Erfindungstrieb sträubte 
sich gegen die starre Typik, und dadurch wurde das orientalische 

'j Museum Hunter ed. Combe XLIX 14. 
2) Welcker, Griechiscbe Götterlehre I 379. 
'J Kevuc Arch. 1862 p. 247. 
*; Aristüphanes, "Vögel 128. 



I. Wappengebrauch und "Wappenstil im Alterthum. 87 

Wappenwesen auf griecliischem Boden wesentlich umgeändert. 
Indessen hat sich auch hier gerade in Betracht der öffentlichen 
Wappen ein stark conservativer Sinn bewährt, wie die in alter- 
thümlicher Strenge festgehaltenen Münz typen beweisen und die 
vielen Wappenlegenden, die durch den Versuch hervorgerufen 
sind, die aus verschollenen Beziehungen zu den städtischen 
Schutzgottheiten entstandenen Stadtwappen zu erklären. So 
die Geschichten über den Doppelkopf aus Tenedos (Steph, 
Byz. s, V.), die Flügelsau von Klazomenai (Aelian N. A, XII 
38), die zwei Stadtkrähen von Krannon (Antig. Hist. mir, 15), 
die Ziege von Elyros (Paus. X 16) u. a. 

Das öffentliche Wappen wurde auch als besondere Marke 
den Gegenständen angehängt, ähnlich den Siegelabdrücken, 
welche, mit Schnüren an die Urkunden befestigt, im Archiv 
von Ninive gefunden worden sind,^) Hierher gehören die runden, 
dicken, gestempelten Thonstücke mit durchgebohrten Löchern 
am Eande. wie sie besonders in Kleinasien häufig vorkommen. 
Ein Stück dieser Art, das aus der Gonzenbach'schen Samm- 
lung in Smyrna stammt,-) trägt als Gepräge einen Frauenkopf, 
welcher mit dem der Aphrodite auf den Münzen von Knidos 
die gröfste Aehnlichkeit zeigt. Endlich gehören zu den kleinen 
gestempelten Metallstücken auch die Bleie (piombi) welche zum 
Theil dieselbe^ Wappenbilder tragen wie die Münzen, und von 
denen man, so weit sie attischen Ursprungs sind, die Meinung 
aufj^estellt hat. dafs es für den Lokalgebrauch bestimmtes Credit- 
geld der Gauorte gewesen sei. '^) 

Die Staatsschiffe hatten neben dem besonderen Abzeichen, 
das dem Schutzdämon des Fahrzeugs galt, das öffentliche 
Wappen ; so scheinen sich ot^iifioi' und jiaQÜariuov zu unter- 
scheiden. Ueber Staatswappen auf Wati'en haben wir merk- 
würdigerweise nur ein sicheres Zeugnifs, nämlich aus dem 
thebanischen Kriege, da die Arkader ihre Sympathien für Theben 
in der Weise kundgaben, dafs sie die Herakleskeule auf ihre 
Schilder malten.*) Dadurch verzichteten sie auf ihre Selbständig- 
keit, wie es sonst durch Annahme fremder Münztypen gescliielit. 



'J Layard, Ninive und Babylon S, 1J9. Abdrücke in Siegelerde (/// 
orjuarrois) Herod. II iJS. 

-) Im Berliner Antiijnarium, Terracottcn No. G27'J. 

'_) Postülacca, Annali vol. XL p. 270. 

*) Xenoph. Hell. VII f). Vgl. (iriech. Geschichte III" S. 770. 



gg I. WajDpengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 

In der Eegel vertraten die Anfangsbuchstaben des Städte- 
namens die Stelle des Wappenbildes, und dieser Gebrauch er- 
streckt sich auch auf die Schleuderkugeln, von denen wenigstens 
die korinthischen durch KOP und KOPIN kenntlich sind.^) 
"Wappenbilder können überall durch Schrift ersetzt werden, wie 
die Aufschrift (t/'/Jfjpog ör^fwaia) der attischen Stimmsteine zeigt, 
die keinen Stempel tragen.-) Schrift und Bild kommen ab- 
wechselnd bei den Thieren vor, welche als aus öffentlicher 
Zucht hervorgegangen gekennzeichnet werden sollten. Denn 
so ist das Koppa an den korinthischen Pferden ohne Zweifel 
zu erklären, während von den Paropamisaden gemeldet wird, 
dafs ihre Rinder, d. h. die Gemeindeheerden, das gemeinsame 
Zeichen einer Herakleskeule trugen.^) 

In der Mitte zwischen öffentlichen und Privat wappen stehen 
diejenigen, welche gewissen Ständen eigen sind. So hat man 
das auf griechischen Grabsteinen vorkommende Pferd als 
Wappenzeichen der attischen Eitterklasse aufgefafst.^) Neuer- 
dings sind in gröfserer Anzahl Grabreliefs zum Vorschein ge- 
kommen, wo anstatt des Pferdekopfes oder eines einzelnen 
Pferdes Züge von Reitern oberhalb des den Hintergrund bilden- 
den Vorhangs sichtbar Averden. Es ist also zweifellos eine 
Hindeutung auf die Lebensstellung, die der Verstorbene als 
Reiterführer hatte, ohne dafs wir berechtigt sind, ein eigent- 
liches Standeswappen darin zu erkennen, wie es bei den equites 
singulares der Fall war. 

Die Römer haben sich überhaupt in Hervorhebung der 
Standesunterschiede mehr den Orientalen angeschlossen, deren 
Kastengeist feste Standeszeichen hervorgerufen hat, wie bei 
den Aegyptern der Scarabäus das Kennzeichen der Krieger- 
kaste war.^) So haben auch die Römer durch Ringe ver- 
schiedenen Metalls die bürgerlichen Stände unterschieden und 
in ihrer realistischen Kunstweise auch auf den Grabsteinen, wo 
die Hellenen die besonderen Beziehungen vor dem allgemein 
Menschlichen zurücktreten Hefsen, eine genauere Angabe des 
irdischen Berufs geliebt. 



'j W. Vischer, Kleine Schriften II 240. , 

2) 'E(fr-iieois 'Ao/atok. 1863 p. 305. 

»j Eustath. Dion. Per. 1153 p. 314 ed. Bernhardy. 

••) Gerhard, Gesammelte Abhandl. I 344 Anm. 208. 

■') Aelian V. H. X 15. 



I. "Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 39 

Erst in späterer Zeit kommen analoge Darstellungen auf 
attischen Grabsteinen vor. wie das Gartenmesser auf dem Grab- 
steine des Winzers (C. I. A. III 14n4) und vielleicht auch 
die Spindel (1988, 1625), wenn diese nicht ein allgemeines 
Symbol weiblicher Thätigkeit ist, ebenso wie der Arbeitskorb 
unter dem Stuhle, der Schlüssel (Arch. Zeitung 1862 S. 296) 
und andere Symbole, welche die Wirksamkeit der Hausfrau 
andeuten. Ganz im Sinne römischer Kunst gedacht und aus- 
geführt ist der merkwürdige Grabstein aus Kotieion, der durch 
Perrot bekannt geworden i^t,-") wo verschiedene Symbole männ- 
licher und weiblicher Thätigkeit, Lanzen, Arbeitskorb und 
Spinngeräth, dargestellt sind. 

Der Waffendienst hat zu allen Zeiten am meisten Veran- 
lassung zum Gebrauch von AVappen gegeben. Die runde Schild- 
fläche war der geeignetste Platz, den man dafür finden konnte, 
und schon in Ninive sind Königsbilder in schildförmigem Ringe 
angebracht.-) 

Der Schild wappengebrauch stammt aus dem Solddienst. 
Hier sollte der Waffenschmuck dazu dienen, bei dem zusammen- 
gelaufenen Volk militärische Ordnung zu erhalten, die Lust am 
Dienste zu erhöhen und Standesgefühl zu wecken. Die Volks- 
stämme des ägäischen Meeres sind als abenteuernde Kriegsleute 
in die Geschichte eingetreten ; wir lernen sie zuerst als Frei- 
schaaren kennen, dem heimathlichen Boden entfremdet, bei aus- 
wärtigen Dynasten Dienst suchend. Im karischen Sohldienste 
ausgebildet, ist der Schildwappengebrauch '') bei den Griechen 
einheimisch geworden, und die bunte Fülle kriegerischer Insignien 
ist ein wesentlicher Charakterzug des heroischen Zeitalters und 
seiner Anakten geworden. Daher der Fleifs der bildenden 
Kunst und der Eifer der Dichter in Beschreibung und Dar- 
stellung der Schildzeichen. Sie gehören zu dem antiken Ritter- 
thum und hängen mit dem Adelsstolze alter (jeschlechter zu- 
sammen. Daher rühmt der demokratisch gestimmte Euripides 
am Amphiaraos, dafs er als ein ernster und schlichter Mann 

'J üalatie pl. 9. 

-) Layard XVIII p. 4(31. Münzwapjien auf Scliildeni: Braiidis 
S. 48« u. 491. 

') Tu ai]firiut tn'i lai dnnlÜiai 7Joiit<f{)'((i Herod. I 1?1. Zusaiiinieii- 
hang der karischen Erfindungen und assyrischen Bräuche: Layard II 338 
und 317. 



90 ^- Wapi^engebrauch und WaiDpenstil im Alterthum. 

an dem junkerhaften Scliildgepränge kein Gefallen gehabt, 
sondern-, eine wappenlose Rüstung getragen habe.-^) 

Wenn man die in Wort und Bild bekannten Schildzeichen 
mustert, so erkennt man leicht, dafs weder für diese noch für 
den Schmuck an Helm und Harnisch alte Traditionen vorlagen. 
Man dichtete die Schildzeichen im Sinne des Heroen und 
stattete die Waffen mit symbolischen Beziehungen auf die Ge- 
schichte desselben aus. Polyneikes trug die Dike als Schild- 
zeichen, Achilleus Seethiere als Helmrelief. Onatas gab dem 
Idomeneus einen Hahn als Emblem, um dadurch, wie Pausanias 
annimmt, seine Herkunft von Helios anzudeuten.") In der Be- 
ziehung auf die Herkunft begegnen sich also die Schildwappen 
mit Siegeln und Münzgeprägen. Denn die Perseussymbole auf 
bithynischen Königsmünzen scheinen darauf hinzudeuten, dafs 
Prusias' II Mutter eine Schwester Philipps V war, der selbst 
den Perseuskopf auf einem makedonischen Schilde als Prägbild 
benutzte, um der Temeniden Abstammung von dem argivischen 
Heros zu bezeugen,'^) Andererseits galt Perseus auch als Ahn- 
herr der Achämeniden, und so finden wir ihn als Gepräge auf 
den Münzen pontischer Städte, deren Beherrscher sich von den 
Achämeniden herleiteten. Zu den Wappen, welche auf die 
Ahnen und Stifter einer Dynastie zurückgehen, gehört u. a. 
der Kopf des Philetairos auf den Münzen der Pergamener, der 
Kopf Alexa,nders auf denen seiner Nachfolger. Auch das 
persische Reichswappen wurde, wenngleich irrig, im Alterthum 
auf den älteren Kyros gedeutet. Besonders hervorragende Mit- 
glieder der Dynastien w-urden der guten Vorbedeutung wegen 
auf das Siegel gesetzt, wie das Bild des Polydoros auf das der 
spartanischen Könige. Das Gleiche erzählte man von dem Kopfe 
der siegreichen Rhodogune, den man auf persischen Königs- 
siegeln zu finden glaubte.^) 

In Lakedaimon, wo die Traditionen des achäischen Zeit- 
alters sich am längsten erhalten haben, finden sich auch von 
Kriegerwappen am meisten Spuren. Man verspottete den 
Spartaner, welcher eine Fliege auf seinem Schild führte, weil 



Phoen. 1118. 
") Pausanias V 25, 9. 

^) Vgl. Leake, Num. Hell. Kings and Dynasts p. 15. 41. 
*) Kyros: Schol. Thuk. I 129. Brandis S. 230. Rhodogune: Polyaen. 
VIII 27. 



I. Wappengebraucli und Wappenstil im Alterthum. 91 

er dieselbe so sehr in Miniatur hatte darstellen lassen, dafs 
man ihm vorwerfen konnte, er wolle im Kampfe nicht erkannt 
werden.') So sehr dienten die Schildwappen als Erkennungs- 
zeichen der Person. 

Euripides folgte in einer vielbewunderten Stelle seines 
Theseus der Ueberlieferung, dafs die Heroen ihre eigenen Namen 
auf den Schildern trügen.-) Diese Vorstellung schliefst sich 
an die in verschiedenen Staaten herrschende Sitte an, die Initialen 
des Stadtnamens als Wappen auf die Schilder zu setzen. Daher 
der Name Lambda oder Labda für lakedämonische Kriegs- 
schilder. ■^) Derselbe wappenartige Gebrauch von Buchstaben 
wiederholt sich auf den Münzen und er entspricht der Sitte der 
Aegypter, welche, da ihre Schrift selbst Bilderschrift war, auf 
ihre Siegel geschriebene Namen setzten. Von dem Gebrauche, 
dafs die Gefolgschaften auf dem Schilde "Wappen oder Namen 
ihres Oberliauptes trugen, rührt, wie ich glaube, auch die Be- 
deutung von l/tiyQcctpto^ai her in dem Sinne, dafs die Platoniker 
OL röv Illutcova tTtr/Qacpöiiievoi genannt werden.*) 

Bei dynastischen Wappen sind die sich kreuzenden reli- 
giösen und politischen, allgemeinen und persönlichen Beziehungen 
am deutlichsten zu verfolgen. 

Es gab Zeichen, welche den Stand des Fürsten ausdrückten, 
wie der Buchstabe rjr auf kyprischen Denkmälern^) (Ba = 
ßaadel\;), wie das Bild der Biene in Aegypten ; so der Adler 
auf Ptolemäermünzen, wo zwei Adler die an Bang gleich 
stehenden Gatten und Geschwister kennzeichnen. Als Helmzier 
bezeichnet der Adler die königliche Würde Philipps V. 

Ferner die besonderen Haus- und Famlienwappen. 

So nahm Seleukos, als er in den Fürstenstand eintrat, den 
Anker als Hauswappen an, seit ilim dies Zeichen, ein Symbol 
der Sicherheit, auf der Stätte von Babylon durch ein göttliches 
Wunder dargeboten war.") Nach einer späten Ueberlieferung 



*) Plut. Varia Lacon. Apophth. 38. 

-) Athenaeus 454. 

"j Photius 200, 10. Hesychio3 s. v. lüßSa. Ueber den wappenartigen 
Gebrauch der Initialen auf Münzen siehe Imhoof in von Sallets Nuniism. 
Zeitschrift I 130. 

*) Lucian, Hermotimos c. 1 i. 

*) ßrandis, Monatsbericht der K. Preuls. Akad. d. Wiss. lö?.} p. 617. 

") Appian. Syr. 56. 



92 i- Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 

soll auf dem Siegelring, an dem Elektra den Bruder erkannte, 
als Familienwappen das Schulterblatt des Pelops eingegraben 
gewesen sein.^) 

Wie gewisse Culte das Motiv djmastischer Wappen her- 
geben, zeigt am deutlichsten die Doppelaxt des Zeus Labrandeus 
auf den karischen Münzen, so wie die Mondsichel mit Stern 
auf denen des Mithradates. Für Alexander waren Athena und 
Nike die Gottheiten seines besonderen Cultus. Ihnen weihete 
er die Schlachtopfer, ^) ihre Bilder waren daher auch seine neu 
eingeführten Münzwappen. In Sardes war der Löwe das Symbol 
der städtischen Schutzgottheit ; es wurde um die neu ummauerte 
Stadt getragen, um sie unüberwindlich zu machen. Die Merm- 
naden schlössen sich diesem Culte an, und indem sie ihn zu 
ihrem Familienculte machten, weiheten sie auch ihre Geschenke 
an den delphischen Gott in Löwenform, und wenn Polykrates 
mit dem Bilde der Leier siegelte, so geschah dies wahrscheinlich 
im Anschlufs an den Gott von Delos, in dessen Namen er die 
Inseln zu einem Reiche einigen wollte.^) Dynasten verbinden 
auch ihr persönliches Wappen mit dem der Gemeinde. Das 
bezeugt das Beizeichen des Ebers auf den Münzen des Phintias 
(Leake, Num. Hell. Sic. p. 67). 

Ueber den Wappengebrauch im Leben der griechischen 
Freistaaten wissen wir, von ganz vereinzelten Erwähnungen 
abgesehen, nur was sich aus den Denkmälern ergiebt, wo 
Wappen neben den Namen der Bürger vorkommen und ent- 
weder dieselben ergänzen oder ihre Stelle vertreten. 

Die Bedeutung der Familienwappen ist verschieden nach 
der Verfassung der Staaten, Wo ein engerer Kreis amtsfähiger 
Familien bestand, hat sich auch die Tradition der Wappen und 
die Bedeutung derselben erhalten. So in Knidos, einer durch 
starkes Familienregiment ausgezeichneten Stadt, und in Thasos, 
dessen kräftige Aristokratie wir aus der Geschichte kennen.*) 
An beiden Orten finden wir auf den gestempelten Thonkrügen 
das Privatwappen des Beamten neben dem Namen zur Legali- 
sirung der Gefäfse angewendet, während in Rhodos die Aichungs- 



13 Schol. Soph. El. 1222. Creuzer, Zur Gemmenkunde S. 134. 

2) Eckhel, Doctr. Num. II r)4r. 

3J Clem. Protr. III p. 247 Sylb. 

*) Vgl. Griech. Geschichte IP S. 7J5. 



I. Wappengebraucb und Wappenstil im Alterthum. 93 

beamten sich des öffentlichen WajDpens bedienten.^) Auch in 
Abdera ist das Vortreten der Beamtennamen ein Kennzeichen 
der auch sonst bezeugten aristokratischen Verfassung. 

Indessen ist das Vorkommen bürgerlicher !Namen und 
Wappen auf Aichungsstempeln und Siegeln nicht unbedingt 
das Zeichen aristokratischer Staatsordnung oder einer sich vor- 
drängenden Xobilität, wie in Eom,-) sondern es ist auch das 
Zeichen einer gesteigerten Controle in demokratischen Repu- 
bliken, indem das staatliche Wappen allein nicht genügend be- 
funden wird ; man verlangt auch die Bezeichnung der Personen, 
unter deren amtlicher Autorität und Verantwortlichkeit das 
Staatssiegel auf die Münze gesetzt ist. 

So kommen in Athen schon auf Tetradrachmen und 
Drachmen des älteren Stils Beizeichen vor, welche mit Berück- 
sichtigung der jüngeren Eeihe nur als Bürgerwappen anzusehen 
sind. Dann erscheinen auf den ältesten Serien des neuen Stils 
Wappen und Monogramme, die zwischen Wappen und Namen 
in der Mitte stehen. 

Neuerdings sind die durch ihren Reiclithum an Wappen und 
Namen vor allen ausgezeichneten Münzserien von Dyrrhachion 
durch Johannes Brandis a. a. 0. auf das Scharfsinnigste be- 
nutzt worden, um den Gebrauch der bürgerlichen Wappen in 
griechischen Städten aufzuklären. 

Wir erkennen die Stätigkeit der Wappenzeichen, durch 
welche verschiedene Familien, welche nicht durch gleiche oder 
gleichartige Namen ^) unter sich verbunden sind, ein Ganzes 
bilden : man erkennt auch in der Zusammenstellung von je zwei 
Wappenzeichen den Eintritt neuer Familien Verbindungen.'*) 

Hier haben wir also eine älinliche Combination wie auf 
den dynastischen Wappen, welche bei Ausdehnung des Landes- 
gebiets neue Elemente in sich aufnehmen, wie z. B. die make- 
donischen Münzen das thessalische Landessymbol nach Eroberung 
von Thessalien.'^) 

Zugleich dient das veränderte Familienwappen dazu, die 



') J. Brandis in v. Sallets Zeitschrift für Numismatik I S. 50. 
'-) Mommsen, Rom. Münzwesen S. 364. 

^J Vgl. meinen Aufsatz über griechische Personennamen, Band 1 
516 ff. 

*) Brandis a. a. 0. S. 76. 

•') Leake, Num. Hell. Eur. Gr. p. 'Ol. 



94 T. Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthuni. 

einzelnen Zweige des Geschleclits von einander zu unterscheiden, 
wie auch die auseinander gehenden Volksstämme ihre Zusammen- 
gehörigkeit sowohl wie ihre Verschiedenheit durch das Wappen 
anzudeuten wufsten. So ist zu verstehen, was Strabon p. 416 
vom Wappen der Lokrer sagt. Denn wenn die gegen Ä.bend 
wohnenden den Abendstern im Wappen führten,^) so werden 
wir bei den östlichen Stammgenossen das entsprechende 
Symbol voraussetzen müssen , wenn wir auch nicht angeben 
können, wie man sich den plastischen Ausdruck der beiden 
Wappenzeichen zu denken habe. 

Was den bildlichen Charakter der Bürgerwappen betrifft, 
so finden wir eine Auswahl von Zeichen, welche eben so sehr 
den plastischen Formsinn der Hellenen bezeugt wie auch jenen 
Euphemismus, der uns in ihren Personennamen entgegentritt. 
Wir finden keine monströsen Gestalten, wie im Morgenlande, 
sondern einfache, klare, ansprechende Zeichen, die dem Cultus, 
dem Natur- und Menschenleben entnommen sind (Aehre, 
Traube, Anker, Bogen, Füllhorn, Götterkopf, Dreizack, Keule, 
Fackel u. s. w.). 

Zuweilen schliefsen sich die Privatwappen an das öffent- 
liche Wappen an, wie z. B. in Thasos der bogenschiefsende 
Herakles auch als Hauswappen vorkommt. In den einzelnen 
Städten kehren dieselben Wappen häufig wieder, wie es mit den 
Personennamen auch der Fall ist, und wie bei diesen können 
wir auch bei den Wappen erbliche und rein persönliche unter- 
scheiden. Wappenbilder, welche auf den Namen anspielen, wie 
der Löwe auf dem Grabsteine des Leon (C. J. A. II 3346), 
Eidechse und Frosch auf den Arbeiten des Sauros und Ba- 
trachos (Plin. 36, 42) kommen selten vor; häufiger sind die An- 
spielungen auf Familienculte und zwar z. Th. dieselben Culte, 
wie sie auch in den Familiennamen bezeugt werden, z. B. Palme 
und Schwan in einem Hause, wo die Namenmotive der apolli- 
nischen Religion angehören.-) Prunkende Wahlwappen sind ein 
Zeichen der Hoffart und Eitelkeit, wie bei Alkibiades, der, die 
k7iiat](.ia TtccTQia verschmähend, einen blitzschleudernden Eros 
auf seinen Schild setzte.'^) Wappen wie Namen werden bei 



») Archäol. Zeitung lö55 S. 3ö. 
-) Brandis a. a. 0. S. 45. 
'j Pluturch Alk. 17. 



1. AVappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 95 

Standeserliöhungen verändert. Aufserdem macht sich wie bei 
den städtischen, so bei den persönlichen Wappen der künstle- 
rische Trieb geltend, Aenderungen anzubringen, welche ein 
bleibendes Thema in anmuthiger Weise umgestalten. Solche 
Wappenvarianten sind : Traube allein, Traube mit Blatt, zwei 
Trauben ; Hermeskopf allein, Hermeskopf mit Caduceus u. a. 
Man sieht, wie der hellenische Geist sich gegen den stereo- 
typen Charakter sträubt, den die Wappenzeichen des Orients 
haben und der aristokratische Familiengeist verlangt. Es diente 
ja auch das Petschaft dazu, ganz individuelle Beziehungen 
zwischen zwei Menschen oder zwischen Mensch und Gottheit 
zum Ausdruck zu bringen. Wie die ovoucaa d-eocpoga^) den 
Anschlufs eines Hauses oder einer Person an einen bestimmten 
Cultus ausdrückten, so konnten auch aus. dem Wappen des 
Siegelrings gewisse ethische Verpflichtungen abgeleitet werden. 
Das göttliche Symbol durfte nicht verunreinigt werden. In der 
Kaiserzeit wurde es als ein Staatsverbrechen gekennzeichnet, 
wenn Jemand mit dem Bilde des vergötterten Augustus am 
Finger in unreiner Gesellschaft gefunden wurde. Der Ring- 
finger aber hatte, wie Gellius sagt, seine Auszeichnung dem 
Umstände zu danken, dafs er nach Entdeckung ägyptischer 
Anatomen mit dem Herzen der Menschen in nächstem Zusammen- 
hange stehen sollte.-) So geht der typische Charakter der 
Wappen in die allerpersönlichsten Beziehungen über, und auch 
der Sage vom Prometheusringe liegt die Vorstellung zu Grunde, 
dafs das in demselben gefafste Symbol ein Denkmal des Erlebten 
sein soll, w'elches der Träger des Ringes stets vor Augen haben 
und beherzigen soll.'^) 

Wappenbilder vertreten die Namen, indem sie an sich aus- 
reichen die Person zu bezeichnen, eben so wie die Attribute 
eines Gottes die Gestalt desselben oder seinen Namen vertreten; 
denn es ist im Wesentlichen dasselbe, ob man auf einem Stein 
Adler und Blitz darstellt oder Jiö^ aufschreibt. So finden wir 
auf dem älteren Gelde von Athen nur AVappen von Personen, 
aber keine Namen. 

Für die Verbindung von Wappen und Namen giebt es kein 



>) Band I h21. 

-j Gellius X 10. 

«) Plinius N. H. XXXVII i. Welcker, Trilogie S. 52. 



96 !• Wappengebrauch und Wappenstil im Altertlium. 

merkwürdigeres Aktenstück als die Tafeln von llerakleia. Hier 
treten die AYappenzeichen als Ergänzung eines unzulänglichen 
Namensystems ein, welches bei der Wiederkehr l^eliebter 
Namen in verschiedenen Häusern einer Stadt die Schwierig- 
keit der Identifikation der Personen nicht beseitigte. Konnte 
man doch erst bei einer längeren Reihe von Namen mit 
Sicherheit die charakteristische Familientradition erkennen. 
Indem man also dem Namen des Bürgers und seines Vaters 
das Hauswappeu vorsetzte, ersetzte man das nomen gentile und 
kennzeichnete zugleich den Genannten als den einer angesehenen 
ßürgerfamilie Angehörigen. Wird nun als Viertes auch die 
Phylenzahl angemerkt, so erkennen wir hier einen Geist der 
Ordnung und statistischen Gewissenhaftigkeit, wie uns kein 
anderes Zeugnifs aus einer griechischen Gemeinde vorliegt. 
Man möchte geneigt sein, hier schon einen Einflufs von Rom 
anzunehmen. 

Auch bei den Römern ist das Wappen als Kennzeichen der 
Person, wenn auch als rechtliche Institution früh abgekommen 
(Mommsen, Rom. Forschungen I S. 12), uralt und fest ein- 
gewurzelt ; es wird also erlaubt sein die Frage aufzuwerfen, ob 
nicht der Verbreitung der Schrift ein ausgedehnterer Gebrauch 
bürgerlicher Hand- und Hauszeichen vorangegangen sein möchte, 
und ob nicht auch in den klassischen Ländern einmal ein ähn- 
licher Zustand stattgefunden habe, wie ihn Herodot in Babylon 
fand, wo Jedermann sein Wahrzeichen bei sich führte, um sich 
damit selbst ausweisen und jede Urkunde auf der Stelle be- 
glaubigen zu können. 



Das Eigenthümliche des Wappenstils beruht auf sehr 
einfachen Voraussetzungen. Denn das Wappenzeichen soll auf 
knappem Räume in deutlichen Umrissen etwas Cliarakteristisches 
darstellen, mag es in monumentaler Form an Thoren und 
Pfeilern, im Siegelringe oder auf dem Münzfclde angebracht sein. 
Unter den Bildern, welche die Babylonier als Wahrzeichen trugen, 
nennt Herodot beispielsweise Früchte, Blumen und Vögel. Ich 
vermuthe, dafs dies die in den bürgerlichen Kreisen, von denen 
Herodot spricht, üblichsten Zeichen waren. Denn unter den 
heiligen und staatlichen Wappen, welche auf orientalischen oder 



I. "Wappengebrauch und "Wappenstil im Alterthura. 97 

orientalisirenclen Münzen vorkommen, finden wir selten Gegen- 
stände aus der Vegetation ; aus der Thierwelt aber sind es vor- 
wiegend Vierfüfsler, zahme und wilde, also die Thiere, 
welche durch den Nutzen, den sie gewährten, oder durch den 
Schrecken, den sie einflöfsten. das Interesse in besonderem Grade 
in Anspruch nahmen und im Cultus als Symbole göttlicher 
Macht eine höhere Bedeutung hatten. Sie waren auch für 
künstlerische Verwerthung die vorzugsweise geeigneten, weil sie 
durch ihre ausgebildete Gliederung die mannigfaltigsten Stellungen 
einnehmen und den verschiedenartigsten Eaumflächen sich am 
fügsamsten anbequemen können. 

Im Teppichmuster und den davon abgeleiteten Stilarten 
kommen auch Vögel zahlreich vor, indem die Lücken zwischen 
den Thierformen durch allerlei Zierrath ausgefüllt wurden. 
Der Wappenstil verschmäht diese Art der Füllung und ist 
dadurch der Lehrmeister eines strengeren Systems der Eaum- 
benutzung geworden. 

So ist im Siegelgebrauch ein engerer Kreis von AVappen- 
thieren entstanden, welche gleichsam den Stamm derselben 
bilden, eine Art von hieroglyphischem Alpliabet, welches sich 
wie die Schrift von Land zu Land verbreitet hat. 

Mustern wir die Thiergruppen, welche auf Steinen, Münzen 
und Vasen in orientalischem Stil vorkommen, so tritt uns gleich 
die Thatsache entgegen, dafs das Löwenbild niclit nur das am 
meisten verbreitete ist, sondern auch das stilistisch am meisten 
durchgearbeitete, sowohl als Ganzes als auch in seinen Theilen. 

Wir finden den Löwen hingestreckt, liegend und schlafend, 
stehend, lauernd, fressend, gehend, rennend, anspringend, sitzend 
und zwar ruhig oder mit erhobenen Tatzen, mit offenem oder 
geschlossenem Maul, brüllend, aufschauend, vorschauend, rück- 
schauend, den Schweif anziehend oder in die Höhe streckend. 
In Theilformen ist kein Thierkörper auf gleiche Weise plastisch 
ausgenutzt worden, indem nicht nur Vordertheil und Kopf allein 
(und zwar von vorn und im Profil) oder Kopf mit Hals oder 
Kopf und Tatze, sondern auch das Kopffell ein gebräuchlicher 
T}pus wurde. Dann ist der Löwenkörper in phantastischer 
Ausstattung der fruchtbare Keim neuer Bildungen geworden, 
indem er durch den Menschenkopf zur Si)hinx, durch den 
Adlerkopf zum Greifen, durch Verbindung mit Schlange und 
Ziege zur Chimaira wurde. Endlich kehrt er in allen Gruppen 

CnrtiuE, Gesammelte Abhandlungen, lid. II. i 



9g I. Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 

von Thieren oder von Thieren und Menschen am häufigsten 
wieder ; er kommt von allen Thieren am meisten gedoppelt vor 
in ganzer oder halber Gestalt, und wo verschiedene Wappen- 
thiere friedlich oder feindlich verbunden werden, fehlt der Löwe 
nie, während die anderen Thiere wechseln. 

Darum ist der Löwe für die Kenntnifs des Wappenstils 
das wichtigste Element. Er ist, wenn man die Bildersprache 
mit der Lautsprache vergleicht, derjenige Wurzelstamm, welcher 
ohne Vergleich die reichste Entfaltung, die grÖfste Fülle von 
Flexionen und Compositionen zeigt. 

Der liegende Löwe ist das herkömmliche Modell der Erz- 
gewichte in Assyrien und als solches auch unter den Achäme- 
niden in Gebrauch geblieben. Als Münzbild ist er der, soviel 
bekannt, ältesten Prägstätte der alten Welt eigen ; denn auf 
dem lydischen Weifsgolde vor Kroisos fehlt er nie, während das 
zweite Element, der Stier, fehlen kann. Mustern wir die 
ältesten griechischen Prägstätten, so finden wir in Phokaia bei 
roh eingeschlagenem Viereck neben dem Robben Löwenvorder- 
theil und Löwenkopf, ^) und wenn in Hyele und Massalia beide 
wiederkehren, so sind wir wohl zu der Vermuthung berechtigt, 
dafs das Lokalwappen der Phokäer erst allmählich den Löwen- 
typus verdrängt habe. Kyzikos prägte, wie man jetzt annimmt, 
sein ältestes Weifsgold mit dem Löwen und hatte denselben 
als erstes Gepräge in Silber,-) Milet ist dem Löwen immer 
treu geblieben. In Chios kommt der Löwe mit und ohne 
Flügel neben der Sphinx als Stempel des legirten Geldes vor.^) 
Auch in Klazomenai fehlt der Löwe nicht.*) Samos hat Löwen- 
kopffell als stehendes Wappen, Mytilene den Löwenkopf als 
Reverstypus seines Vereinsgeldes in legirtem Golde. '') 

Diese Thatsachen führen zu der Annahme, dafs die Prägung, 
wie es kaum anders sein konnte, von einem Mittelpunkte aus- 
gegangen ist und dafs die griechischen Küstenplätze den Lydern 
nachgeprägt haben, wie später die Barbaren des Binnenlandes 
den griechischen Seestädten. 

Frühere Untersuchungen haben zu beweisen gesucht, dafs 



*) BranJis, Münzwesen Vorderasiens S. 396. 

-) Brandis S. 388, 407, 339. 

"j Leake, Inscr. Gr. p. 8. Brandis S. 415. 

'») Brandis S. 463. 

^) Brandis S. 452. 



I. Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum, 99 

Sardes, wie die Alten überliefern, und zwar das dortige Kybele- 
heiligthum als die Wiege der Münzprägung anzusehen sei.^) 
Der Löwe ist das Symbol der sardischen Gottheit, das Scbutz- 
symbol der Stadt, welche nach dem Ausspruch der Propheten 
von Telmessos deshalb von Kyros erobert wurde, weil nicht der 
ganze Umkreis mit dem Löwenbilde umgangen worden war.^) 
Nimmt man also an, dafs die am Paktolos geprägten Münzen 
in den Umlanden nachgeprägt worden sind, so erklärt sich die 
weite Verbreitung des Typus in Kleinasien von Kyzikos bis Milet 
und das Wiederauftauchen desselben in den fernsten Colonien. 
Dann müfsten wir also eine Zeit annehmen, in welcher nach 
lydischem Vorbilde überall Löwenmünzen geprägt wurden, bis 
die einzelnen Städte ihre Lokaltypen feststellten und sich ent- 
weder an das Urbild anschlössen (wie Samos, Chios, Mytilene) 
und demselben eine neue Bedeutung gaben, wüe Milet durch 
Hinzufügung des Sterns, oder ganz davon absprangen, wie 
Phokaia. dessen Phoka schon als redendes Wappen einen jüngeren 
Ursprung zu verrathen scheint. 

Versuchen wir den Stil der Wappenthiere nach gewissen 
Entwickelungsstufen zu verfolgen, so finden wir zunächst das 
Thierbild ohne Rücksicht auf den Raum an seiner Stelle ange- 
bracht wie einen Buchstaben. So steht der Stier auf Münzen 
ebenso wie unter dem Henkel des Gefäfses von Amathus (S. 82) 
und wie in der Mitte von Rundschildern ; so die Robben auf 
phokäischen Münzen, das Münzfeld quer durchschneidend. Dann 
giebt das Bestreben, den gegebenen Raum zu füllen und 
dem wiederkehrenden Thierbilde möglichst mannigfaltige und 
charakteristische Formen abzugewinnen, Veranlassung, den Körper 
aus seiner ruhigen Stellung heraustreten zu lassen und in Be- 
wegung zu setzen. 

Das einfachste Mittel ist die Antinomie; so nenne ich den 
Gegensatz, welchen man in die plastische Darstellung des 
Thierkörpers einführt, indem man bei stehenden wie liegenden 
Figuren Kopf und Rumpf eine verschiedene Richtung gicbt. 
Die Umdrehung des Kopfes verkürzt die Figur und macht sie 
geeigneter, einen runden Raum zu füllen ; sie giebt ihm den 
Ausdruck des Lebens, wird aber zu einer unnatürlichen Ver- 



') Monatshericlit der K. Preufs. Akad. der Wissenscli. Idü'J S. 177. 
-) Herodot I 84. 



IQO I. Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 

schränkung, wenn auch bei gestrecktem Vorwärtsrennen der 
Kopf des' Thieres völlig nach hinten umgebogen ist.'^) 

Eine zweite Art schematischer Kopfdrehung ist die, dafs 
der Rumpf im Profil, der Kopf frei gearbeitet in Vorderansicht 
vorspringt. Diese Darstellungsart gehört dem asiatischen 
Wappenstile an, wie die Ruinen von Eyuk zeigen. Hier sind 
die Sphinxe und der den Widder zerreifsende Stier in flachem 
Relief auf den Felsblock profilirt, während die Vordertheile frei 
gearbeitet sind.-) 

Die Kopfdrehung ist die einfachste Form einer Reihe von 
Verschränkungen und gezwungenen BeAvegungen, welche aus 
dem Bestreben nach Ausfüllung der Siegelfläche hervorgegangen 
sind, und wenn man die gewaltsamen Stellungen menschlicher 
wie thierischer Körper als ein Kennzeichen des ältesten Münz- 
stils geltend macht, so ist diese ganze Darstellungsweise von 
dem Einflüsse des Petschaftstils abhängig. Je dünner und 
schlanker die Figuren sind, um so gröfsere Mühe kostete es, 
mit ihnen den gegebenen Raum zu füllen, um so gewaltsamer 
sind die Stellungen, z. B. bei den Ziegen und Hirschen, wie 
sie die vertieft geschnittenen Kieselsteine zeigen, welche auf 
den Inseln des Archipelagus gefunden werden. •') Auch der 
Löwenkörper wird zum Zwecke der Raumfüllung mit unnatürlich 
hohem Rücken auf den Münzen von Massalia u. a. dargestellt.*) 

Das bequemste Mittel, um ohne Gewaltsamkeit der Be- 
wegungen die Raumfüllung zu erreichen, war die Beflügelung. 
Der Doppelflügel entspricht dem Bedürfnifs nach Symmetrie; 
in der abgezirkelten Form, wie die Flügel auf den alten Dar- 
stellungen griechischer und etruskischer Kunst üblich sind, 
fügen sie sich trefflich der Rundfläche ein und man hatte den 
Vortheil, die Körper bewegt darstellen zu können, ohne dem 
strengen Schematismus untreu zu werden. So die stehende 
Eule mit zwei ausgebreiteten Flügeln. ^) 

') Hierher gehören die vielen Typen, welche als leo, Ijos, aquila, 
aries etc retrospiciens bezeichnet werden, Sestini VIII 5, 14; auch Cen- 
taurus retrosp. V 17, 18, 58. 

^) Perrot, Expl. pl. 17. L'art de l'Asie mineure p. 7. Vgl. Conze, 
Reise auf den Inseln des thrakischen Meeres S. 9. 

•'') Rofs, Inselreisen III 21. Intailles archaiques de l'Archipel von 
Fr. Lenorniaiit, Revue Arch., Juillet 1874. 

*) Museum Hunter ed. Combe T. 3G, VI. 

'') Monumenti dell' Inst. VIII 92 n. 53. 



I. Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. j[()| 

Auf etruskischen Graffiti sieht man den Ziegenhals aus 
dem Löwenrücken ebenso hervorwachsen, wie den Flügel an 
dem gegenüberstehenden Tliiere;^) das rein schematische Motiv 
tritt hier recht deutlich zu Tage. Der Körper ist nur als 
Ornament aufgefafst, und wie man dem Raum zu Gefallen die 
Umrisse und die Gliederstellung unnatürlich behandelte, so half 
man sich auch durch phantastische Ausstattungen, welche die 
Formen verschiedener Thierarten vermengten. Man findet daher 
dieselben Thiere mit und ohne Flügel, ohne dafs Veranlassung 
vorhanden wäre, eine verschiedene Bedeutung der Thiere anzu- 
nehmen ; es findet sich deshalb aucli bei den Thieren, die ihrer 
schlanken Formen wegen einer plastischen Ergänzung am 
meisten bedürftig waren, die Beflügelung vorzugsweise ange- 
wendet. So erscheint das Pferd auf älteren Darstellungen nie 
unbeflügelt. Man findet endlich aus keinem Grunde als aus 
dem der RaumfüUung die Beflügelung am Ober- und am Unter- 
körper angebracht. Ein altassyrisches Vorbild ist der Käfer 
mit vier Flügeln.-) 

Der wesentlichste Fortschritt in Ausbildung des Wappen- 
stils ist die Gruj)i)irung verschiedener Figuren. 

Eines der ältesten Gruppenbilder ist die säugende Kuh, 
welche durch den Höcker als zur Zeburace gehörig gekenn- 
zeichnet, auf den Siegeln von Ninive vorkommt und wesentlich 
unverändert in Cilicien und Lykien wie in Dyrrhachion und 
Kerkyra wiederkehrt. Diese Darstellung ist aber nur die Er- 
weiterung und Ergänzung einer Figur, aus dem Streben 
nach Raumfüllung hervorgegangen, ebenso wie der unter den 
Füfsen sprengender Rosse liegende Löwe auf assyrischen 
Jagdreliefs. "^) 

Auch wo zwei selbständige Wappenthiere vorhanden sind, 
ist darum noch keine Gruppe. So z. B. auf den alten klein- 
asiatischen Goldmünzen, wo der Thunfisch als Beizeichen an- 
gebracht ist. Hier bezeichnen die beiden Zeichen ein doppeltes 
Cursgebiet. Sie gleichen einem Doppelnamen, der die engeren 
und weiteren Beziehungen angiebt, in denen ein Individuum 
steht. So stehen auch doppelte Familienwappen, um die Ver- 



^) King p. !,')(). Aul der beifolpfonden Tafel I No. 13. 
«) Layard, Ninive und Babylon T. XIV G. 

'j Layard, Ninive. II. Seiie n. G^. Sestini IV 23. I^randis, As.syric.i 
in Paulys Kcalencyklopädie I 11107. Sielie Tal'el I No. '>. 



j^QO I. Wappengebrauch und Wappenstil im Altertliura. 

bindung zweier Häuser anzugeben, stilistisch unverbunden auf 
Münzen und Thonhenkeln neben einander (S. 92 f.)- 

Der Wappenstil beginnt erst, wenn die beiden Zeichen zu 
einer Gruppe construirt werden, wie zwei Redetheile zu einem 
Satze; denn indem aus mehreren Elementen eine Einheit her- 
gestellt wird, erhält die Darstellung den Charakter eines Kunst- 
werks, das in engem Kaume ausgeführt und auf knappen Aus- 
druck berechnet, eigenthümlichen Stilgesetzen unterliegt. 

Die Zusammenordnung kann eine rein äufserliche sein, wie 
z. B. wenn das eingeschlagene Viereck der Symmetrie zu Liebe 
in zwei gleiche Rechtecke getheilt wird. Ein AVappenbild 
entsteht, wenn zwei Thiere oder Thiertheile einander so zuge- 
kehrt sind, dafs sie in unverkennbarem Zusammenhange mit 
einander stehen. So die Ziegenvordertheile auf den delphischen 
Silbermünzen, ^) wo beide Figuren vollkommen identisch sind. 
Eine freiere Form ist es, wenn verschiedene Thiere einander 
gegenüber gestellt sind, wie die Vordertheile von Stier und 
Löwe auf dem Golde des Kroisos") und die entsprechenden 
Thierpaare auf lykischen Münzen.'') 

Die Art der Zusammenstellung ist von der Beschaffenheit 
der Thiere abhängig. So erscheint der Delphin, der seinem 
Wesen nach einem starren Schematismus widerstrebt, als ein 
belebendes Element des Wappenstils, indem man mit der strengen 
Symmetrie desselben anmuthige Bewegung zu verbinden sucht. 
Zwei Delphine werden einander parallel gegenüber gestellt, so 
dafs die Rückseiten einander zugekehrt sind,*) oder man. paart 
sie in entgegengesetzter Richtung/'^) und mit dieser geringfügigen 
Aenderung beseelt man den todten Parallelismus, indem mau 
der Gruppe eine rhythmische d. h. antistrophische Bewegung 
giebt. Wie sehr diese dem hellenischen Sinne entsprach, sieht 
man daraus, dafs auch unbelebte Wappenbilder ebenso zu- 
sammengestellt werden wie z. B. die beiden Köpfe auf den 
Münzen von Istros, die beiden Krüge auf denen von Thasos, 
hier wie dort das eine Bild nach unten, das andere nach oben 
gerichtet. Man sollte auf den ersten Blick erkennen, dafs die 

') Revue Numisinatique 1869 p. 156, Siehe Tafel I No. 5. 

2) ßrandis S. .S.SG. Siehe Tafel I No. 4, 

8) Fellows, Coins IV 8-10. 

*J Revue Numismatique 1869 p. 155. Vgl. Tafel I No. 6. 

'>) Münze von Argos. Tafel I No. 7. 



I. Wappengebrauch und "Wappenstil im Alterthum. jQß 

beiden Gegenstände nicht zufällig neben einander stehen, sondern 
in Bezug auf einander componirt sind. 

Die angeführten Bilder sind Beispiele loser Gruppirung. 
Eine geschlossenere Einheit wird erzielt, indem zwei identische 
Figuren so im Profil an einander gerückt werden, dafs die 
Fronten sich in der Mitte der Bildfläclie mit senkrechter Stofs- 
linie berühren. So die beiden AVidderköpfe auf dem Grofs- 
silber von Delphi,^) ein Musterbild schematischer Wappen- 
composition, die vollständigste Eaumfüllung mit dem charakte- 
ristischen Detail des Thierkörpers verbindend. Als Motiv denke 
ich mir zwei nach dem Opfer neben einander aufgehängte 
Widderköpfe, Dafs dies ein typisches Wappenbild war, schliefse 
ich daraus, dafs dasselbe Bild auf einem von der Südküste 
Kleinasiens stammenden Chalcedon wiederkehrt.^) Eine Analogie 
erkenne ich in dem Bilde der beiden Skythen, welche einen 
Becher haltend mit den Stirnen zusammenstofsen und eine eng 
geschlossene Gruppe ohne Zwischenraum bilden.^) Auf den 
delphischen Münzen zeigt sich (wie auf dem Siegelstein) im 
oberen Abschnitte als anmuthiger Gegensatz zu dem starren 
Wappenbilde ein Paar von Delphinen, welche sich spielend 
begegnen. 

Die im Profil gestellten Parallelfiguren kehren in einer Fülle 
von Varianten wieder, entweder einander gegenüber lagernd oder 
sitzend, wie die Sphinxe mit aufgehobener Tatze auf der Borte 
der Ficoronischen Cista, oder auch bewegt und im Conflikt mit 
einander. Die Thiere sind auf den Hinterbeinen aufgerichtet 
und berühren sich mit den Tatzen, wie die beiden Flügellöwen 
(No. 11), oder sie sind in heftigem Ansprunge wider einander 
begriffen. Dann wird also der schematische Gegensatz zu einer 
Antikrusis. 

Der bekannteste aller hierher gehörigen Typen ist die 
Gruppe der sich stofsenden Böcke, eines der verbreitetsten 
Reliefmotive, welches als Akroterion über der thasischen Pans- 
grotte. als Krönung von Grabpfeilern und Weihgeschenken, 
als Schmuck der Vorderseite von Thongefäfsen , als Münz- 



') De Longperier in der Revue Numisniatique 1869 p. 149. Siehe 
Tafel I No. 19. 

'^) Sammlung von M. James Cove Jones in Loxley: Revue p. 170. 

*) Antiquites du ßosphore Cimm. pl. XXXII. Friederichs- Wolters, 
Oypsabgüsse No. 1810. 



J^O-4 I- Wappengebraucb und WapjDenstil im Alterthum. 

Wappen in Sagalassos und sonst vorkommt/) Analog ist die 
Gruppe der zwei streitenden Hähne auf Münzen, Stempeln und 
Relieftafeln.-) 

Dies Doppelbild bleibt des heftigen Conflikts ungeachtet 
ein starres Schema, indem sich zwei ganz identische Figuren 
in vollkommener Symmetrie gegen einander erheben. Drama- 
tisches Leben entwickelt sich bei Darstellung verschiedener 
Thiere, welche einander bekämpfen. 

Wir finden, dafs dieselben AVappenthiere, welche auf einem 
Münzfelde wie zwei Buchstaben unverbunden neben einander 
standen, in Folge des Strebens nach lebendiger Gruppirung in 
einen Kampf mit einander verwickelt werden, wie Löwe und 
Robbe auf phokäischem Golde, ^) und dafs diese Thiergrui^pen 
mit dem Wappenstil eng zusammenhängen, erkennt man schon 
daraus, dafs sie vorzugsweise als Schildzeichen in Gebrauch 
waren. Es kommen auf beiden Seiten wilde Thiere vor, Löwe 
und Eber, Einhorn und Löwe ; in der Regel ist es aber ein 
Raubthier mit einem schwächeren Geschöpfe zusammen, so dafs 
der widerstandslose Erfolg des ersteren ein passendes Symbol 
heroischer Kraft und Siegerstärke sein konnte. So Löwe, Greif, 
Wolf mit dem zu Boden sinkenden Stier oder Hirschen in 
unzähligen Wiederholungen, deren Urbild im südlichen Klein- 
asien einheimisch zu sein scheint.*) Auf kyprischen Münzen 
schiefst der Löwe aus der Höhe auf den Hirsch hinunter; auf 
den Münzen von Akanthos ist der Kampf am vollständigsten 
in das Rund hinein componirt. Anstatt des Kampfes wird 
auch der Erfolg desselben, der gelungene Fang dargestellt, das 
Raubthier im Besitz seiner Beute, ein Wappenbild, das un- 
mittelbar aus dem Wahrzeichen hervorgegangen zu sein scheint. 
So der Adler mit dem Fisch, der Schlange, dem Hahne. ^) 

In diesen Kampfgruppen ist der orientalische Stil am 
meisten aus seiner Starrheit herausgegangen ; darum hat sich 

') Pervanoglu, Grabsteine 8. 111. Archäol. Zeitung 1864 S. 28 i*; 
1865 S. 11*. Als Emblem des Latmos auf dem Endymionsaikopliag zu 
Mantua 

-j Poole, Greek coins, Italy p. 64. Fellows XI V^ G. Eine farbige 
Terrakottengruppe im Berliner Antiquarium. 

'j Musee Luynes. Brandis, Münzwesen Vorderasiens S. 390. 

*) >Jational])h(")nikisch nacb King, Gems and Rings I 117, 126. Luynes^ 
Choix II 10, 16; XI 10 — 17. Luynes, Satrapie p. 80. 

'') Aigle peeheur sur un dauiiliin; Luynes, Satrii2)ie p. 46. 



I. Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthuni. j^Q5 

auch die griechische Kunst hier am engsten an ihn ange- 
schlossen. Selbst die Gruppe des stehenden Mannes (des assy- 
rischen Herakles) mit dem gegen ihn aufgerichteten Löwen ist 
als "Wappenbild auf kleinasiatische Münzen übergegangen.^) 

Die Kampfgruppen erweitern sich auf drei Figuren : zwei 
Greife stürzen sich auf einen Hirsch. Das dritte Thier wird 
entweder erst angepackt, oder es ist schon bis auf einen Ileber- 
rest verschlungen, und um den letzten Rest kämpfen die beiden 
andern, so dafs die Trias wieder in die Doppelgruppe zurückkehrt 
und der Kopf des verzehrten Thieres nur dazu dient, die Lücke 
zwischen den beiden gegen einander vorgehenden auszufüllen,") 

Die besprochenen Gruppirungen sind sämmtlich aus der 
Gegenüberstellung zweier Wappenthiere hervorgegangen. Diese 
Frontstellung ist die dem Wappenstile am meisten entsprechende, 
weil sie eine concentrische Gruppirung veranlafst. Es finden 
sich aber auch Zusammenstellungen, in denen die Waiipenthiere 
eine centrifugale Richtung haben. 

Liegende Löwenpaare, die mit dem Hinterkörper an ein- 
ander lehnen und die Köpfe dem Beschauer zuwenden, kommen 
in wappenmäfsiger Strenge besonders in Cypern als Pfeiler- 
krönung vor.") Em verwandtes Motiv liegt den Gruppen zu 
Grunde, in denen zwei skythische Jünglinge, knieend, mit dem 
Rücken an einander gelehnt, Pfeile abschiefsen oder Greife 
tränken.*) Auch in Bewegung kommen die excentrisch gewen- 
deten Wappenthiere vor, so z. B. auf einer merkwürdigen 
Silbermünze der Fox'schen Sammlung, wo vor einer Stadt, bei 
welcher ein Schiff liegt, zwei Löwen, in vollkommener Symmetrie 
dargestellt, nach rechts und links aus einander rennen.^) 

^) R Rochette, Mem. de l'Academie XVII 2 p. 123. Waddington, 
Äielanges de Numismaticiue pl. V. 

-j Monum. del Inst. VI 12. Merkwürdig ist, dafs sich diese Kampf- 
gruppe auch auf einem Thongefäfse findet, dessen Zeichnung sonst von 
der primitiven Art ist, welche, wie man anzunehmen pflegt, allen orienta- 
lischen Einflüssen fern steht. Die Vase ist aus Athen nach Copenhagen 
gekommen. 

*) Doli, Die öamnilung Cesnola S. 53. Nuove Memorie p. 379. 
Vgl die beiden Wappenlöwen der Kybele bei Roulez, Acad. de Belgique 
XII n. 10. 

*) Antiquites du ßosphore pl. XX. 

•'•) R. Rücliette, J\lem. de l'Inst. XV'l pl. 10 n. G. Auf unserer 
Tafel I No. lü. 



j06 !• Wappengebrauch und Wapi^enstil im Alterthum, 

Diese divergirenden Figuren werden die Keime neuer Thier- 
compositionen, welche wir nach Analogie der Schrift Ligaturen 
nennen können, indem Theile verschiedener Thierkörper so 
zusammengeschohen werden, dafs Mischformen entstehen. Hier 
begegnen sich wieder monumentale Plastik und Münzwappen. 
Die lydische Münzreihe beginnt mit dem Zwitterbilde eines 
rückwärts verbundenen Paares von Stier und Löwe ; ^) ebenso 
finden wir auf lykisclien Stempeln in entgegengesetzter Richtung 
verbundene Thiervordertheile ; -) die gleichen Motive begegnen 
uns an den Kapitellen von Persepolis u. a. und in den Doppel- 
thieren etruskischer Halsgeschmeide. ■^) 

Durch Verschmelzung verschiedenartiger Thierkörpertheile 
war der Weg zu einer Reihe naturwidriger Formbildungen 
eröffnet, bei denen besonders zwei rein formale Gesichtspunkte 
mafsgebend waren, das Princip eines symmetrischen Parallelismus 
und das der Concentration. 

Aus dem ersten sind die doppelköpfigen Figuren ent- 
standen, die dufp/TtQoocü/ra^) so wie die doppelköpfige Eule, 
wie sie in einer kleinen Bronze aus Gerhards Besitz in unser 
Antiquariura übergegangen ist, ^) der doppelte Menschenkopf 
auf Münzen von Tenedos (wo die Doppelaxt der Rückseite 
demselben formalen Prinzipe entspricht), Lampsakos und Athen 
sowie auf griechischen Bleimarken, der Doppeladler in Cappa- 
docien u. s. w.^) 

Dem andern Prinzip entsprechen die Bildungen, welche je 
zwei Leiber in einen Kopf gipfeln lassen. Sie werden archi- 
tektonisch verwendet wie die doppelleibige Sphinx im Giebel 
eines attischen Pfeilers, wo sich die beiden von rechts und links 
ansteigenden Dachschrägen in der S])hinx harmonisch ver- 
einigen.'') Das einköpfige Eulenpaar attischer Diobolen ist be- 
kannt. Einköpfige Doppelthiere kommen auch auf Stirnziegeln 



1) Sestini IX 53. Brandis S. 28G. Unsere Tafel I No. 9. 
-) Brandis S. -i89. 

'J Vgl. Beiträge zur Tnpngr. und Geschichte von Kleinasien S. 43. 
Unger, Mittheil, aus dem Göttinger anthropol. V^erein J8T3 S. 24. 
*) Aelian N. A. VI 29. 

"^j Gerhard, Zwei Minerven. Winckelniannsprogrannn 1848. 
«) Annali dell' Institute XL p. 276. 
'j Siehe Scholl, Mittheilungen aus Griechenland S. 112. 



I. Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. IQY 

und Schmuckgeräthen vor ; so die Doppelsphinx auf einem 
Lauersforter Medaillon und auf einem Stirnziegel aus Pella/) 

Der Dualismus ist das Grundprinzip des Wappenstils. Aus 
ihm entwickelt sich die Trias, welche den Gegensatz der zwei 
Elemente zu einer höhern Einheit zu verbinden sucht. Der 
Charakter der hierher gehörigen Compositionen bestimmt sich 
darnach, welche Stellung und Bedeutung das dritte Element 
einnimmt. 

Es tritt in sehr unscheinbarer Weise als Blatt- oder 
Linienornament auf, indem es nur dazu bestimmt scheint, den 
Zwischenraum zu füllen und die Mitte scharf zu kennzeichnen.") 
So auf dem etruskischen Graffito (No. 13), wo im Felde zwischen 
Sphinx und Chimaira ein Blatt senkrecht aufsteigt. So finden 
wir auch aut einer von Imhoof veröffentlichten lykischen Münze^) 
zwischen den beiden katzenähnlichen Thieren, welche steil gegen 
einander aufgerichtet sind und sich mit den Vordertatzen be- 
rühren, in der Mitte eine feine senkrechte Linie angegeben. 
Ein breiteres Blattornament trennt die Köpfe der zwei an- 
springenden Löwen auf dem Schilde von Caere. ^) 

Ganz anders ist es auf dem assyrischen Brunnenrelief zu 
Bavian.'^) Hier ist das Mittelglied nicht blofs ornamental, 
sondern das wirkliche Centrum, das Wesentliche des Bildes, der 
Ring, aus dem, wie aus einem Fasse, das Wasser vorströmt. 
Die Löwen sind, wie die beiden Panther, welche in symmetrischer 
Streckung an der Vorderseite eines Schmucks das Gefäfs empor- 
heben,") zu gemeinsamer Thätigkeit verbunden, wie zwei echte 
Schildhalter. 

Die Trias erscheint in loseren und geschlosseneren Gruppen. 
Zu den ersteren gehören die phrygischen Grabfronten, wo Krüge, 
Schilder u. a. Gegenstände zwischen zwei Adlern oder zwei 
heranschreitenden Thieren die Mitte einnehmen.') Gedrungener 



') .Jahn, Lauersforter Phalerae S. 9. Cousinery, Voyagc dans la 
Macedoine p 99. 

2j King p. lOi). 

*} Imhoof, Choix Tafel V. Auf unserer Tafel I No. 8. 

*) Museum Gregorianum I, XV. Tafel I No. 3. 

") Layard, Ninive u. Babylon, D. Uebers. I S. IGI. Tafel I No. 12. 

"J Arneth, Gold- und ISilbermonumente G I. Auf unserer Tafel I 
No. 4. 

'') Perrot, (lalatie p. 14G. Barth, Heise von Trapezmit IH(i(» S. 98. 
Auf unserer Tafel I No. 23. 



J^Qg I. \Vap2iengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 

wird die Composition, wenn ein schmaler und hoher, pfahl- 
oder säulenartiger Gegenstand die Mitte einnimmt, der in ver- 
schiedener Form wiederkehrt und auch als phallisches Symhol 
gedeutet worden ist. Mit einem spitzen Aufsatze versehen, 
gleicht er einem zum Stehen eingerichteten Köcher, wie er auf 
Münzen von Sinope und sonst vorkommt.^) Es scheint mir 
einstweilen unmöglich, über die Bedeutung dieser Darstellungen 
ein Urtheil zu fällen. Von grofser Wichtigkeit aber ist es, 
dafs diese dreifigurigen Wappenbilder im Dreieck über der 
Eingangspforte ein phrygisclier Lokaltypus sind, der sich viele 
Jahrhunderte hindurch erhalten hat und sich in wirklich alter- 
thümlichen Felssculpturen wie in denen mit nachgeahmter Holz- 
architektur nachweisen läfst. 

Auch auf einem äginetischen Vasenbilde des ältesten 
orientahsirenden Stils steht eine runde Säule zwischen zwei 
Löwen als Centrum einer Figurenreihe.-) Sie ist für die 
plastische Vollendung des Wappenbildes zu drei Figuren das 
wichtigste Element. Hoch aufgestellt in der Mitte der Com- 
position, bildet sie als fester Körper zu den an ihr sich empor- 
richtenden Thierleibern einen ansprechenden Gegensatz ; sie 
giebt dem Bilde den Charakter der Festigkeit, der Einheit und 
des pyramidalen Abschlusses, welchem die Trias von Anfang 
an zustrebt. 

Diese Composition tritt uns jetzt in dem Karneol des 
britischen Museums vor Augen, welcher vor Kurzem in den 
Gräbern von lalysos gefunden worden ist,^) eines der merk- 
würdigsten Denkmäler des antiken Wappenstils. Zwei schlank 
gebaute Thiere, welche mit Hunden Aehnlichkeit haben, stehen 
rechts und links an einer runden Säule, an deren Schaft oben 
und unten ein Ring befestigt ist. Es ist aber nicht möglich, 
die Beschaffenheit dieses Gestelles näher zu bestimmen, wie 
überhaupt die Umrisse der Zeichnung einen weichlich verschwom- 
menen und unklaren Charakter haben, so dafs man auch kaum 
geneigt sein wird, für ein hohes Alter dieses Intaglio einzustehen, 

Gewifs liegt aber ein alter Typus zu Grunde und wir er- 
kennen hier die in das Enge zusammengezogene Darstellung 

») Vgl. Imhoof, Choix III 117. 

-) R. Rochette, Memoiros de l'Institut XVII pl. VIII. No. 20 
unserer Tafel. 

'j Archäologische Zeitung ISi'J S. 100. 



I. Wappeiistil und Wappengebrauch im Alterthum. 109 

desselben Wappenbildes, das uns in monumentaler Würde über 
dem Stadtthore von Mykenai erbalten ist. Wir dürfen voraus- 
setzen, dafs bei weiterer Durchforschung Kleinasiens auch 
monumentale Vorbilder des Löwenthors sich finden werden. 
Schon jetzt aber ist es ein Gewinn, dafs dasselbe unter den 
Denkmälern der alten Welt nicht mehr so einsam dasteht, dafs 
wir in Lycien, dem Mutterlande argivischer Kunst, und in 
Rhodos entsprechende Typen und einen stilistischen Zusammen- 
hang wappenartiger Composition auf Münzen, Gemmen, Vasen- 
bildern und Baudenkmälern nachweisen können. 

Man hat die zwischen den Thieren aufgestellte Säule als 
ein göttliches Bild zu deuten gesucht.^) Sicherer ist diese Deutung 
bei anderen, wo zweifellos ein Idol die Mitte des Bildes ein- 
nimmt, so dafs die Seitenfiguren zu Nebenfiguren werden. 

Dies ist am deutlichsten auf den Münzen von Marion mit 
dem kegelförmigen Stein in der Mitte, dem Symbole der dort 
verehrten Gottheit, dem der paphischen Göttin entsprechend, 
rechts und links eine hängende Traube, welche den übrig 
bleibenden Raum ausfüllen. Die Nebenzeichen wechseln, während 
das Hauptbild bleibt. Um nach Analogie anderer AVappen- 
bilder zwei Thiere auf den Seiten zu haben, machte man aus 
den Trauben Tauben und zwar in so spielender Weise, dafs 
man an den Vogelleibern noch die i\Iuster der Weinbeeren 
gelassen und denselben zwar Vogel köpfe, aber keine Füfse 
gegeben hat.^) 

Häufiger als Götteridole werden gottesdienstliche Geräthe 
und Symbole, Kandelaber, Thymiaterien, Altäre, Dreifüfse nach 
Analogie der phrygischen Felsfa^aden zwischen zwei lebenden 
Wesen aufgestellt; so auf Friesplatteu der Kandelaber zwischen 
Tempeldienerinnen oder der Krater zwischen Panthern;'^) so 
auf geschnittenen Steinen die bacchische Cista zwischen zwei 
heranspringenden Böcken oder der Todtenkopf zwischen zwei 
einander gegenüber lagernden Sphinxen.*) Diese Gru])i)irung 



') Ueber die Säule als Sonnensymbol im Cultus des lyrischen 
Herakles: R. Röchelte a. a. ü. p. -17, 53, 81. Movers, Phönizier I S. 401. 

-J Waddington, Melanges IV. Auf den Exemplaren der Foxschen 
Sanmdung sieht man deutlich diese Spielerei. Siehe Tafel I No. 1. 

•'j Campana Tav. XLT. CVII. 

■*) Tölken, Verzeichnil's der K. Gemmensaniml. Kl. III n. I 17.^. Auf 
unserer Tafel No. lf:<. 



110 I- Wappengebraucli und Wappenstil im Altertlnnn. 

ist auch auf Gewebe übertragen und wiederholt sich als ein 
uraltes Muster auf sassanidischen Seidenstickereien, wo je zwei 
Löwen vor einem brennenden Kandelaber stehen.^) 

Merkwürdiger ist, dafs an Stelle der Thiere und Menschen, 
welchen die Symbole oder heiligen Gegenstände gleichsam in 
Obhut gegeben sind, Göttergestalten zur Rechten und Linken 
der centralen Figur auftreten. So zwei in der Hauptsache 
ganz identische Minerven rechts und links von einem Tropaion,-) 
zwei Abundantiafiguren an den Seiten eines Dreifufses.^) Das 
rein formale Prinzip der symmetrischen Gegenüberstellung hat 
hier zur Verdoppelung mythologischer Wesen Veranlassung ge- 
geben, und ebenso werden wir uns auch die zwei Laren zur 
Seite der Vesta oder^der Victoria zu erklären haben.*) 

Endlich treten die Gottheiten selbst an Stelle ihrer Sym- 
bole oder der ihnen geweihten Gegenstände in die Mitte der 
Composition, von zwei identischen Thierfiguren symmetrisch 
umgeben, die entweder ruhend neben der Gottheit angebracht 
werden, wie die Hirsche bei dem ephesischen Tempelbilde, 
oder mit der Gottheit zu einer dramatischen Gruppe verbun- 
den.^) Auch hier ist die Grundform des Schemas in der 
babylonisch-assyrischen Kunst gegeben, wo Löwen, Antilopen, 
Schwäne u. a. dargestellt sind, an welchen die Gottheit ihre 
Macht bezeugt, indem sie dieselben an den Vorderfüfsen vor 
der Brust eng zusammenhält oder mit den Armen, am Hals 
oder am Schwanz gepackt, frei emporhält, der gewaltsamsten 
Energie ungeachtet immer in schematischer Starrheit, wie sie 
dem orientalischen Wappenstil eigen ist.^) Dieser Typus hat 
in den Darstellungen der „persischen Artemis" und des phry- 
gischen Sonnengottes die weiteste Verbreitung gewonnen.'^) 

Nur in fernerem Zusammenhange mit diesen Compositionen 
steht das Silbermedaillon mit dem schönen Kopfe der so- 

^) Semper, Der Stil I p. lof». 

-) Tölken, K. CTreinniensammlun<? n. l'Jb?. 

*J Gerhard, Zwei Minerven. Berliner Winckelmannsprogramni J848. 

^) Archäologische Zeitung 1852 S. 424. 

'') Athena zwischen zwei Panthern mit aufgehobener Tatze als Ab- 
breviatur einer Tempelgiebelgruppe auf delphischen Münzen. Imhoof in 
v. Sallcts Numismatische Zeitschrift I 115. 

«j R. Kochette a a. O. p. 113, lißfü. 

') Archäolog. Zeitung 1853 S. 177. Vgl. den phrygischen Sonnen- 
gott S. 193. 



I. Wappenstil und Wappengebrauch im Alterthura. jj^j^ 

genannten Artemis Aiginaia; es ist aber lehrreich zu beobachten, 
wie zu den Seiten eines so vollkommenen Idealbildes die beiden 
Widder rechts und links den typischen Charakter identischer 
Wappenthiere beibehalten haben. ^) 

Der orientalische Wappenstil hat sich aufserhalb des 
Orients besonders in Etrurien und am Pontus erhalten. Unter 
den Alterthümern der Krim sind es vorzugsweise die Reliefs 
in getriebenem Metall an Gefäfsen und Geräthen, Thier- und 
Menschengruppen in Stein, Metall und Thon, in welchen sich 
die Motive des orientalischen Stils erhalten haben.-) Von 
etruskischen Arbeiten führe ich nur die „Diana von Grächwyl" 
an, als das hervorragendste Beispiel eines heraldischen Aufbaus 
von Figuren, in welchen sich alle Formen des alten Wappen- 
stils, die steife Symmetrie, die Kopf(h-ehung, das Halten der 
Thiere an den Vorder- und an den Hinterfüfsen u. s. w. nach- 
weisen lassen.'^) Auch in der malerischen Dekoration etrus- 
kischer Gräber finden wir über den Thüren dieselben Gruppen 
rückwärts zusammensitzender oder einander zugekehrter Thiere, 
wie im Wappenstile des Orients. "^j 

Auch die Griechen sind ursprünglich in allen Stücken von 
den Orientalen abhängig gewesen. In Milet und Kyzikos haben 
sie mit den assyrischen Gewichten auch den assyrischen Löwen 
unverändert übernommen. Sie haben in den Gegenden, wo sie 
mit Aegyptern, Assyrern, Phöniziern und Persern zusammen- 
safsen, ihre Symbole nachgeahmt und in ihrem Kunststile ge- 
arbeitet. Man kann die griechische Hand bei Ausführung 
asiatischer Typen deutlich erkennen, z. B. an den Silberschalen 
von Kition. Denn hier erscheint, so unselbständig auch die 
Kunstübung noch ist, der starre Schematismus schon gelöst; 
die Figuren werden lebendiger und freier; man spürt ein selbst- 
erworbenes Naturverständnifs. Man sieht auf den mit dem 



') Monumenti dell' Inst. I pl. XIV. 

•-) Äntiq. du Bosph. Cinnn. pl. XIII, XVI lU, XX, XXIl, XXXII, 
LXXVI. 

^) Archäol. Zeitung \xhA T. LXIll. Genthe, Etruskisclior Tausch- 
handel S 128. 

*) Vgl. die zwei Löwen dos ä dos, die zwei auseinander rennenden 
Panther: Museum Gregor. I 103. Merkwürdig, wie sich auch an dem 
Amazonensarkophag in Florenz trotz der Freiheit des Stils in beiden 
Giebelgruppen ein strenger Wappenstil zeigt. 



112 -'■• Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. 

altassyrischen Perlenkranz umgebenen Münzen die Thierbilder 
mit frischem Leben beseelt und die Gestalt des Aurumazda, 
der dem Gotte Assur nachgeformt ist, in vollkommen helleni- 
scher Körperbildung aus dem Kreise aufsteigen;^) endlich zeigt 
das mykenische Löwenrelief mit seiner feinen Linienführung, 
wie man das asiatische Wappenschema zu veredeln wufste. 

Die Nachahmung des Fremden war die Vorschule natio- 
naler Kunst. Mit dem Sinne für Ordnung und Ebenmafs, der 
den Griechen angeboren war, eigneten sie sich bereitwillig die 
strenge Typik an, welche alle Figuren dem Gesetz der Sym- 
metrie unterordnet. Es beherrscht die Darstellungen alt- 
griechischer Kunst wie ein herkömmlicher Zwang: man kann 
ihn auch in den dramatischen Bildern echtgriechischer Sage, 
wie z. B. in dem Zweikampfe zwischen Hektor und Menelaos 
auf der Thonscheibe von Kamiros wie in dem Kerkopenrelief 
von Selinus nicht verkennen, wo die einander gegenüber ge- 
stellten Figuren wie Wappenbilder ganz identisch sind, als 
wenn diese Art der Entsprechung zum Wesen künstlerischer 
Darstellung gehörte. Im Orient sind die Typen constant. 
Wenn man die assyrischen Sculpturen des britischen Museums 
betrachtet, so findet man dieselben Muster auf den ältesten 
Reliefs, die Layard aus Nimrud gebracht hat, und auf den 
durch Loftus in den jüngsten Palästen von Kujundjik ent- 
deckten. Wo und wie dies Formensystem entstanden ist, 
können wir nicht nachweisen. Wir kennen die monumentale 
Kunst der Assyrer, wie die der Aegypter, nur in einem Zu- 
stande conventioneller Erstarrung, und in diesem Zustande ist 
sie auf die Perser übergegangen. Bei den Griechen ist dies 
Formensystem aber der Keim eines neuen Kunstlebens geworden. 

Die freie Bewegung der hellenischen Kunst zeigt sich 
darin, dafs sie die gezwungene Symmetrie in eine natürliche 
umzugestalten weifs, wie auf den Münzen von Aspendos, wo 
die beiden identischen Figuren in Gestalt von zwei Kingern, 
welche sich mit gleicher Kunst zu fassen suchen, vollkommene 
Naturwahrheit zeigen. Die wappenmäfsige Symmetrie ist er- 
halten, aber der Zwang ist verschwunden und der todte Schema- 
tismus mit vollem Leben durchdrungen. 



*J Silherniünze des K. Münzkabinets, nach Luynes Satr. p. 1 des 
Tiribazos. 



I. "Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. ^13 

Die Selbständigkeit der griechischen Kunst zeigt sich 
ferner darin, dafs sie in frommer Scheu vor Allem, was der 
Natur Gewalt anthut und ihren Gesetzen widerstrebt, das Mon- 
ströse ablehnt, die bizarren Verbindungen thierischer vmd 
menschlicher Formen und thierischer Körper unter einander 
verwirft, die überlieferten Formen veredelt und nur solche Misch- 
gestalten aufnimmt, -welche sich naturgemäfs darstellen lassen. 
Von den Gruppenbildern werden die häfslichen und wider- 
wärtigen beseitigt (so die Göttergestalten, welche je zwei Löwen 
an den Schwänzen emporhalten), aber die natürlichen und an- 
sprechenden beibehalten, wie z. B. das uralte Wappenbild der 
säugenden Kuh. Auch die Vögel auf dem Königsscepter sind 
im Grunde nichts Anderes als die Wappenzeichen auf den 
Stäben der Babylonier, und die kämpfenden Thiergruppen^) 
wiederholen sich als Münz- und Schildwappen, wie in der 
monumentalen Gruppe auf dem Markte von Argos, wo sie eine 
Epoche der Landesgeschichte darstellt. 

Denn das ist die Hauptsache, dafs Alles, was rein schematisch 
war, Sinn und Bedeutung erhält. So erwächst aus den Wappen- 
bildern gleichsam ein neues Alphabet, das dazu benutzt wird, 
die Qualität geprägter Metallstücke zu bezeichnen. Der Ur- 
sprung dieser Verwendung liegt im Orient, denn wir finden bei 
den Nineviten Löwen und Enten als Typen verschiedener Ge- 
wichte angewendet.-) Die Griechen haben diese Prägbilder 
einzeln und doppelt, ganz, gehälftet und geviertelt benutzt, um 
die verschiedenen Gattungen der Gewichte, so wie die Münzen 
und Theilmünzen zu kennzeichnen. So bezeichnet der Delphin 
die ganze, der getheilte die halbe Mine. Aehnlich wurden die 
Symbole der Schildkröte, der Amphora, der Sphinx, der Mond- 
sichel, des Schildes u. s. w. benutzt.'^) Audi monströse Ge- 
stalten, die aus dem gedankenlosen Schematismus des Wappenstils 
hervorgegangen sind, erhalten nun ihre Bedeutung, wie z. B. 
die einköpfige Doppeleule auf den attischen Diobolen.^) 

*) Eine Thiergruppe zu drei, streng symmetriscli, aber frei und von 
liöchster Lebendigkeit: Annali dell' Inst. 186:3 Tav. d'agg. F. 

^) Brandis, Münzwesen Vorderasiens S. 45. 

') Schilll>ach, de ponderibus in den Annali doli' Inst. vol. 30 p. 17o. 

*) Ueber die liilderschrilt auf böot. Münzen: Jndiooi'-Blunier, Zur 
Jilünzkunde Böotiens S. 44. Uebei' Tliasos vgl. Friedlaeuder und v. Sallet, 
das K. Münzkabinet 187:5 S. 84. 

Curtius, Gesiiniiuolte Abhandlungen. IJd. II. 8 



114 ^' Waiipengebrauch und Wappeiistil im Alterthum. 

Ueberall wo in der griechischen Kunst der Zweck der 
Decoration vorherrscht, nähert sie sich unwillkürHch dem orien- 
talischen Formensystem. So finden wir in den Friescom- 
positionen eine Reihe von Gruppen, welche auf der Gegenüber- 
stellung identischer Figuren beruhen und sich schablonenmäfsig 
wiederholen, wäe die sitzenden Skythen, welche die Greife 
tränken und die aus eine m Krater trinkenden Satyrn, die 
Köpfe zwischen liegenden Sphinxen, die um brennende Kande- 
laber gruppirten Frauen u. dergl. Denselben schematischen 
Charakter zeigen die gegen einander aufgerichteten Drachen 
an der Vorderseite von Rüstungen, die Paare von Greifen, 
Sphinxen und Löwen auf den Nebenseiten von Sarkophagen 
u. a. So tritt uns auch am Sessel des Dionysuspriesters in 
Athen eine unverkennbare Analogie mit orientalischer Orna- 
mentirung entgegen, an dem herabhängenden Saume der Sessel- 
decke, dessen ins Breite gehende Decoration dem Teppichstil 
angehört, ^) wie an der Rückwand in den beiden symmetrisch ge- 
stellten Silenen und in den Flügelknaben der beiden Armlehnen. 
Gemeinsam ist die auf Wiederholung identischer Figuren be- 
ruhende Symmetrie, aber wür sehen das Gesetz mit der vollen 
Freiheit des griechischen Geistes behandelt. 

Wie man die assyrischen Wappenthiere mit hellenischer 
Phantasie zu deuten suchte, zeigen die erwähnten Wappen- 
legenden (S. 87). Es wurde ihnen aber auch eine ganz neue 
Bedeutung verliehen, indem man sie zu Vertretern einheimischer 
Oertlichkeiten und zu Trägern örtlicher Sage machte. Wolf 
und Eber, in strengem Wappenstile nebeneinander gestellt, 
werden Sinnbilder des Lykos und Kapros auf den Münzen von 
Laodikeia, avo sich die Flüsse vereinigen,^) der bärtige Mann- 
stier wird zum Gelas, der Hund der Mylitta zum Krimisos.''^) 
Das Flügelrofs ist seit ältester Zeit in Ninive einheimisch, aber 
bei den Griechen wird es zum Pegasos.*) Ebenso sind Sphinx, 
Greif und Chiraaira orientalische Formen, von hellenischem 
Geiste beseelt. Die Thiere werden in mythische Vorgänge 
hineingezogen, in die Wandlungen des Zeus, in die Kämpfe 
des Herakles, Theseus, Perseus u. A. Die Gruppirung von 



') Vgl. Conzc, Gott. Gel, Anz. lcS6« S. 813. 
-) Streber, Numism. nonnuUa Gr. p. 249. 
*) Holm, Geschichte Siciliens I S. 89. 
*; Layard, Niniveh. D. Uebcrs. 1850 S. 422. 



I. Wappengebrauch und Wappenstil im Alterthum. j^j^5 

Götter- und Thierbildern ist beibehalten, aber nicbt die starre 
Symmetrie. Der Löwe legt sich vertraulich auf die Kniee der 
Kybele. die nebenstehenden Thiere fressen vom Schofse der 
nährenden Göttin,^) der Hirsch hüpft dem milesischen Apollon 
entgegen, und Artemis, anstatt die Thiere zu würgen, liebkost 
ihr Reh und jagt mit ihm durch die Wälder. So treten über- 
all anmuthige und sinnvolle Beziehungen ein, wie frische Säfte, 
welche den erstorbenen Stamm des orientalischen Figuren- 
systems mit Leben durchdringen und eine neue Entwickelung 
beginnen. 



1) Vgl. die von Reifferscheid, Ann. 1863 p. 127, 1866 p. 227 be- 
sprochene Gemme der Epona auf unserer Taf. I No. 17 und Conze's treffende 
Bemerkung, Gott. Gel. Anz. 1868 S. 1418. 



II. 

Die 

knieenden Figuren der altgriecliisclien Kunst. 

(Hierzu Tafel IL) 



Wenn es schon für ein sicheres Verständnifs der alten 
Autoren nöthig ist, dafs wir die conventioneilen Wendungen 
der Sprache kennen und sie von denjenigen Wortverbindungen 
zu unterscheiden wissen, welche dem einzelnen Schriftsteller 
eigenthümlich sind : so ist die entsprechende Forderung für das 
Verständnifs der bildenden Kunst von ungleich höherer Be- 
deutung. Denn hier ist des Gegebenen und Herkömmlichen 
noch viel mehr, als in der Litteratur. 

Den durch den Gebrauch gegebenen Ausdruck eines Ge- 
dankens nannten die Griechen oy/n-iu und bezeichneten damit 
ebensowohl die typisch gewordenen Ausdrucksweisen von Malern 
und Bildhauern ( z. B. oyj.ua d.vuoiitvov bei Pausanias X, 31), 
wie die formelhaften Ausdrücke der Sprache (Thuk. VIII, 89). 
Die Behandlung der ersteren können wir die archäologische 
Schematologie nennen, welche einen wiclitigen und noch über 
Gebühr vernachlässigten Zweig unserer AVissenschaft bildet. 

Zu den Typen, welche in den Kreis dieser Betrachtung 
fallen, gehört auch der des Knieens, und zwar müssen wir, um 
uns vor Mifsverständnissen zu hüten, welche in Betreff wich- 
tiger Kunstdarstellungen bis in die neueste Zeit geherrscht 
haben, die scheinbar von den wirklich knieenden Figuren unter- 
scheiden. 

Was die letzteren betrifft, so stellen sie in Gruppen und 
Einzclgestalten den Zustand körperlicher und geistiger Er- 
schöpfung, der Bestürzung und Demüthigung dar. So sehen 



IL Die knieenden Figuren der altgriechischen Kunst. j J7 

wir auf der Dareiosvase die tributpflichtigen Gemeinden in 
zitternder Unterwürfigkeit vor dem königlichen Zahlmeister, so 
auf Spiegelzeichnungen Aktaion und den überwundenen Amykos 
in die Kniee sinken (Gerhard, Vasenbilder Taf. 153, 157); so 
liegt Dryas gnadefleiiend vor dem rasenden Lykurgos (Müller- 
Wieseler II, 440), ebenso der sogenannte Kiobide der Glypto- 
thek, in welchem ich den durch den nahenden Adler bestürzten 
Ganymedes zu erkennen glaube. 

Diese Ausdrucksweise kann in Bezug auf die Personen und 
Begebenheiten verschiedener Deutung unterliegen ; an sich aber 
ist sie vollkommen verständlich und steht mit dem Sprachge- 
brauche der Alten, bei denen tlg yövv ßcü.'/.eiv den Begriff des 
Demüthigens, uea^ui ini yoivu, yövv /.ad-ievca u. a. den der 
gebrochenen Kraft bezeichnet, in völligem Einklänge und be- 
darf keiner eingehenderen Erläuterung. 

Schwieriger ist die Stellung des Halbknieens, wo das eine 
Bein mit dem Knie den Boden berührt, das andere entweder 
ausgestreckt oder aufgestützt ist, eine Stellung welche bei den 
alten Künstlern viel häufiger vorkommt, weil sie den Vortheil 
einer gröfseren Mannigfaltigkeit der Linien und lebendigerer 
Motive darbot. Deshalb ist sie in den verschiedensten Stilarten mit 
Vorliebe angewendet, theils im ähnlichen Sinne wie das volle 
Knieen (z. B. bei dem vom Wetterstrahle getroffenen Kapaneus 
und bei belasteten Figuren, welche auf ihrem Nacken tragen), 
oder es liegen ihr besondere Motive zu Grunde. 

Es ist z. B. die Stellung der im Hinterhalte Lauernden 
und insbesondere dei' Bogenschützen, welche in sicherer Deckung 
ihre Wafi"e richten (to^ÖTai tlg yorc /.t/xiO-i/Mit^ Diod. XVII, 
115). Es ist ferner die Stellung solcher Personen, die sich 
mit einem niedriger gestellten Gegenstande angelegentlich be- 
schäftigen, wie der sein Geschofs zurechtmachende Skythe hi 
den Antiq. du Bosph. Taf. XXXIII, oder die auf den Münzen 
des Bundesgenossenkrieges bei dem Opferthiere niederkauernden 
Personen (J. Friedlaender Osk. Münz. S. 82); es ist die Stellung 
aufmerksamer Wächter, wie des Hermes, welcher ein am Boden 
liegendes Kind hütet (Xuove Memorie p. 12(5). und desselben 
Gottes, wenn er die Leier erfindet, auf dem Bhicas'schen Diskos 
(Müller-Wieseler II 320). Ebenso sind die mit Weinschläuclion 
beschäftigten Satyrn und die in Holz oder Tiion arbeitenden 
Handwerker in halbknieeuder Stellung bei ihrer Arbeit zu 



IIS il -Di^ knieenden Figuren der altgriechischen Kunst. 

treffen. Herkömmlich ist dieselbe Stellung bei den Personen, 
welche Kampfliähne zum Wettsj^iele bereit halten (vgl, Annali 
1863 Tav. G und das bekannte Relief am Sessel des Dionysos- 
priesters). Nirgends aber habe ich sie in anmuthigerer Weise 
angewendet gesehen, als auf den Vasen von Bengazi, welche 
jetzt einen auserwählteu Schmuck des britischen Museums 
bilden. Da sitzt die als Göttin gedachte Helena in der Mitte 
des Bildes, und in der Höhe ihres Kopfes ist ein Eros, Po[thos] 
genannt, mit einem Bein knieend, auf das emsigste "beschäftigt, 
ihr den Kranz in das Haar zu flechten. Endlich kommt das 
Motiv des Halbknieens bei Darstellungen des Bades zur An- 
wendung, wie dies durch allgemein bekannte Figuren bezeugt 
wird. 

Es ist aber nicht meine Absicht, die Mannigfaltigkeit der 
hierher gehörigen Kunstmotive zu erschöpfen, sondern nur die- 
jenige Anwendung näher zu betrachten, welche das Halbknieen 
in der älteren Kunst gefunden hat; eine Anwendung, welche 
nicht so wie bei den genannten Beispielen dem Beschauenden 
unmittelbar einleuchtet ; sie nimmt deshalb eine eingehendere 
Erörterung in Anspruch und zwar um so mehr, da sie zu den 
charakteristischen Zügen altgriechischer Zeichnung gehört und 
wohl häufig berührt, aber auffälligerweise noch niemals im Zu- 
sammenhange behandelt und deshalb mancherlei Missverständ- 
nissen bis heute ausgesetzt gewesen ist. 

Ich glaube am sichersten zu gehen, wenn ich die Beispiele, 
welche mit Hülfe der beigegebenen Bildtafel (II) erörtert wer- 
den sollen, in zwei Beihen vertheile, indem ich zuerst diejenigen 
Fälle bespreche, wo die Haltung der ganzen Figur über die 
Bedeutung des Motivs keinen Zweifel läl'st, und dann zu den- 
jenigen übergehe, deren Deutung nur durch Analogie mit den 
Beispielen der ersten Reihe festgestellt werden kann. Zum 
Schlüsse wird die geschichtliche Entvvickelung dieses plastischen 
Ausdrucks zur Sprache kommen. 

Zu der ersten Reihe rechne ich diejenigen Figuren, welche 
unverkennbar in lebhafter Bewegung begriffen sind. Es sind 
beflügelte oder unbeHügelte Gestalten, bei denen das eine Bein 
80 gebogen ist, dafs die Haltung an ein Knieen erinnert. Daher 
kommt es auch, dafs man die Figur Nr. 7 auf der Rückseite 
eines elischen Tetradrachmons und die ganz entsprechende 
Nr. G auf den Münzen, welche Marion zugeschrieben werden, 



II. Die knieenden Figuren der altgriechischen Kunst. j^lQ 

als knieende Figuren beschrieben findet (femme ailee s'age- 
nouillant ä droite nach Luynes) ; ebenso wird die Pallas auf 
den Münzen der Perrhäber (Nr. 4) bei Leake in den Num. 
Hell. Eur. p. 47 bezeichnet: „kneeling on her right knee", 
während doch aus der Stellung der Figur, dem bewegten Ge- 
wände und der Haltung des Speers vollkommen deutlich ist, 
dafs hier keine im Hinterhalte lauernde, sondern eine vorwärts 
stürmende Kriegsgöttin zu erkennen ist. 

In die Reihe dieser weiblichen Gewandfiguren mit gebogenem 
Knie gehört als ein ausgezeichnetes Exemplar die Nr. 2 zum 
ersten Male abgebildete. Sie befindet sich auf einen Spiegel 
aus Tolfa, dessen Durchzeichnung Otto Benndorf gemacht und an 
Gerhard eingesandt hat. Wir werden in dieser Figur, die das 
weibliche Putzgeräth schmückt, keine andere als Aphrodite er- 
kennen wollen, welche mit der Blüthe in der Hand als eine ge- 
rufene und durch die Luft herankommende Göttin zu denken ist. 

In derselben Stellung erscheint sie auf den schon ange- 
führten Münzen von Marion, und zwar auf denen des äginetischen 
Fufses mit ausgestreckten Armen, in der einen Hand ein Skep- 
tron haltend, in der andern einen Kranz, auf denen des baby- 
lonischen Fufses aber mit einem Diskos in der Hand (s. Brandis, 
Münzwesen Vorderasiens S. öOl f.). Dieser Diskos tritt zugleich 
mit dem Schwane der Rückseite auf; er kommt mit einem 
Sterne gezeichnet vor und wird jetzt nach Movers als der vom 
Himmel gefallene und in Phönizien aufgelesene Stern gedeutet, 
welchen Astarte eilend fortträgt, um ihn in Tyros zu weihen. 
Die Deutung wird dadurch erschwert, dafs der getragene 
Gegenstand auch eiförmig erscheint und die tragende Person 
männlich ; hier genügt es, darauf hinzuweisen, dafs wir in 
einem alten und religiösen Typus das gebogene Knie als Sym- 
bol der Eile angewendet sehen, und derselbe Tyj)us ist also 
auf die in Gnaden heranschwebende Aphrodite, auf die mit der 
Siegesbinde nahende Nike so wie auf die zum Kampfe vor- 
stürmende Pallas übertragen. 

Noch charakteristischer zeigt sich der Typus des gebogenen 
Knies in den Darstellungen der Gorgonen, welche den Mörder 
ihrer Schwester verfolgen (Nr. H). Hier ist er am unverkenn- 
barsten ein Ausdruck leidenschaftlicher Hast und kommt dabei 
dem wirklichen Knieen so nahe, dafs in einigen Darstellungen (z. ß. 
Annali löGG Tav. R) das niedergebogene Knie den Boden berührt. 



j^OQ II. Die knieenden Figuren der altgriechisclien Kunst. 

Diese Darstellung beruht auf der Analogie mit den Furien, 
denn die Perseus nachsetzenden Gorgonen sind von den Fluch- 
göttinnen, welche den flüchtigen Verbrecher baschen, im Be- 
griffe nicht wesentlich verschieden; die Gorgonen kommen hier 
auch mit Schlangenhaaren vor, sie tragen Schlangen als Arm- 
spangeuj sie halten Schlangen in der Hand (Jahn, Vasen- 
catalog Nr. 619. 910, Stephani im Compte-Rendu 1860 p. 88), 
sie erscheinen also durchaus furiengleich. Bei den Furien war 
die Kniebeugung aber so charakteristisch, dafs sie davon bei den 
Dichtern genannt wurden. Denn dafs die yM(.iipL7iovg fQivig in 
Aischylos Sieben v. 772 ebenso wie yMfiTrmiyovvog bei He- 
sychios nichts Anderes als „die mit dem gebogenen Knie", 
d. h. die schnellfüfsige bedeutet, ist aufser Zweifel, obwohl 
trotz Schütz und Gottfried Hermann das Mifsverständnifs eines 
Scholiasten bis auf den heutigen Tag in Geltung geblieben ist, 
so dafs noch in Welcker's Götterlehre III S. 85 von den 
Erinyen die Rede ist, „welche dem Sünder die Kniee beugen". 
Auch Preller in der Griech. Mythologie I 654 folgte noch der 
falschen Deutung, und Gerhard (Spiegel III S. 12) schwankt, 
ob „die Kniebeugung den Erinyen als den lauernden oder als 
den zwingenden Gottheiten beigelegt werde." 

Fassen wir das äschvleische Beiwort richtig auf, so haben 
wir in demselben den klassischen Ausdruck für den Kunsttypus, 
mit dem wir uns beschäftigen, und die Archäologie der Kunst 
ist hier in dem seltenen Falle, dafs sie einen dichterischen 
Ausdruck, dessen Bedeutung schon in alter Zeit streitig war, 
in zweifelloser Weise erläutern kann. 

Den Gorgonen und Erinyen verwandt ist dem Begriffe wie 
der Darstellung nach ein ganzer Kreis weiblicher Gestalten, 
welche in grauenhaften Formen feindselige ]\Iächte versinnlichen, 
die das Menschenleben bedrohen, wie die EPH' (Gerhard Ge- 
samm. Abb. Taf. X 5), Ker u. a. Schicksalsgottheiten, die so 
häufig die Fläche etruskischer Spiegel ausfüllen (Gerhard I, 
Taf. 27). Wir haben hier eine ganze Reihe von „schreitenden 
oder hüpfenden" Figuren; es ist dies aber kein anderer Typus 
als der von uns besprochene, wenn auch z. Th. in sehr abge- 
schwächter Form. Die Lebhaftigkeit der Bewegung wird aber 
überall auch durch die Flügel angedeutet. 

Den weiblichen entsprechen männliche Grauengestalten, 
Dämonen des Kampfes und Todesschreckens, bärtige wie un- 



II. Die knieenden Figuren der altgriechischen Kunst. |21 

bärtige, wie sie mit derselben Kniebeugung auf Vasenbildern 
vorkommen (Gerhard Ges. Abb. Taf. XII, 4 und 5). 

Sonst ist unter den männlichen Gestalten, welche denselben 
Typus zeigen, keine bekannter, als die kleine Figur, die auf dem 
ausgestreckten Arme des Apollon dahineilt, wie ihn die Di- 
drachmen von Kaulonia zeigen (Xr. 5). Auch hier ist das 
Knie bald mehr, bald weniger gesenkt, während die Haltung 
der Hände die Aufregung veranschaulicht, in welcher sich die 
dargestellte Person befindet, die, wie ich mit 0. Müller glauben 
möchte, kein anderer ist als Orestes, der Repräsentant der 
schuldbeladenen und sülmungsbedürftigen Menschheit. 

Aber nicht blofs in Darstellungen von Gottheiten und 
Heroen oder von unsichtbaren Mächten, welche mit grauenhafter 
Geschwindigkeit die Welt durchziehen, finden wir den Typus 
des gebogenen Knies. Er ist auch auf ganz reale und mensch- 
liche Verhältnisse übertragen, denn er tritt uns zweifellos in 
der Figur des Grofskönigs entgegen (Nr. 1) und kann hier 
schwerlich einen anderen Begriff versinnlichen sollen, als die 
Macht des Einen, dessen Wille das Reich zusammenhält, der 
überall gegenwärtig ist zu helfen wie zu strafen. So durcheilt 
er, den Göttern und Dämonen gleich, mit Speer und Bogen 
sein unermessliches Herrschaftsgebiet. 

Die besprochenen Bilder haben das Gemeinsame, dafs die 
Bedeutung des Motivs bei ihnen nicht zweifelhaft sein kann ; 
sie sind alle in augensclieinlicher Bewegung. 

Nun kommt es aber auch bei solchen Figuren vor, die 
scheinbar in voller Ruhe verliarren, wo also von einem wirk- 
lichen Knieen die Rede sein könnte. So z. B. bei dem Eros 
auf dem Spiegel Nr. 12, von dem der Herausgeber (III S. 119) 
sagt: „mit dem linken Knie aufruhend-'. Aber wie? Es sind 
ja auf das Deutlichste Wellenlinien angegeben, wie kann Einer 
auf Wellen knieend ausruhen?! 

Ich denke, nachdem wir den Typus des Halbknieens kennen 
gelernt haben, kann nicht der geringste Zweifel darüber sein, 
dafs der Flügelknabe über die Wellen hineilt, wie schon Schiazzi 
deutete ; die Schnürstiefel, die wohlbekannte Haltung der Hände, 
deren eine nach unten, die andere nach oben gerichtet ist, 
charakterisirt den Renner, den auch das Meer nicht zu 
hemmen vermag, sei es nun, dals er als Eros oder als Agon 
gecUicht ist. 



•J^02 II- Die kuieenden Figuren der altgriechischen Kunst. 

So verschieden die äufsere Erscheinung sein mag, so ist 
die Haltung der Figur auf Nr. 11 doch eine durchaus ent- 
sprechende. Fragen wir aber, wie die heftige Bewegung, welche 
in Armen und Füfsen ausgedrückt ist, zum knosischen Mino- 
tauros passe, so müssen wir bedenken, dafs nach Apollodoros 
auch Talos den Namen Tauros führte; wir dürfen uns also 
nicht nur den Hüter des Labyrinths, sondern auch den der 
ganzen Insel, welcher den Küstenrand rastlos umkreist und 
alle Landenden mit Steinwürfen empfängt, stierköpfig vorstellen. 
Da nun auf einzelnen Exemplaren die alterthümliche Figur 
deutlich etwas Kugelartiges in den Händen hält, so sollte ich 
glauben, dafs dadurch nicht nur die Deutung auf Talos be- 
stätigt, sondern auch der Typus des Eennens vollkommen er- 
klärt sein dürfte. Denselben Talos erkenne ich auch in der 
merkwürdigen Zeichnung, welche Benndorf in den Griechischen 
und sicilischen Vasenbildern Taf. 12 herausgegeben hat. Hier 
führt er deutlich Wurfsteine in jeder Hand; er hat das rechte 
Knie als Rennender gebogen und streckt zugleich nach Stieres 
Art den Kopf zum Angriffe vor. 

In edlerer Weise als Talos haben wir den Perserkönig 
als rastlosen Landeshüter dargestellt gesehen, und wenn der 
plastische Ausdruck dieses Gedankens richtig erkannt worden 
ist, so wird es uns auch nicht befremden, wenn wir nach Ana- 
logie des Grofsherrn die Unterkönige dargestellt finden; wir 
werden also den „knieenden Bogenschützen" auf den Satrapen- 
münzen von Soloi (ßrandis S. 431) in dieselbe Reihe von 
Figuren stellen, deren niedergebogenes Knie das Rennen an- 
deutet. Was sollte auch ein wirkliches Knieen bei dem Sa- 
trapen bedeuten? Er zielt und schiefst ja nicht, sondern auf 
Nr. 13 hält er den Bogen, wie ein Symbol seiner Macht, vor 
sich mit der linken Hand, und auf Nr. 14 einen Pfeil oder 
eine Schleuder. Wie auf anderen Satrapenmünzen ruhi-^f thro- 
nend, so ist hier der Regent in voller Action, in rastloser 
Geschäftigkeit vor Augen gestellt. 

Anders verhält es sich mit dem selinuntischen Relief 
(Nr. 20). Hier kann ohne Zw^eifel das Halbknieen als Aus- 
druck der Erschöpfung verstanden, hier könnte also eine wirk- 
liche Ruhe angenommen werden. Wenn wir aber gesehen 
haben, wie das gebogene Knie als Tyi)us des Rennens den 
Gorgonen eigenthümlich ist, so niufste nach Analogie aller 



II. Die knieenden Figuren der altgriechischen Kunst. {23 

äliiiliclien Darstellungen auch hier jeder Beschauer an eine 
rennende Gorgone denken; sie wird im Eennen von Perseus 
beim Schöpfe gefafst; es sind also auf eine sehr merkwürdige 
Weise in diesem Bildwerke drei auf einander folgende Momente 
mit Hülfe symbolischer Ausdrucksweisen in Eins zusammen- 
gezogen: 1. das Ereilen, 2. das Enthaupten und 3. die Geburt 
des Pegasos aus dem Blute der enthaupteten Gorgone. 

Nachdem wir uns bei den letzten Figuren überzeugt haben, 
dafs der scheinbaren Ruhe ungeachtet das niedergebogene Knie 
doch wohl lebhafte Bewegung ausdrücken soll, die sich aus der 
Bedeutung der dargestellten Figuren leicht erklärt, kommen 
wir nun zu anderen, deren Deutung schwieriger ist und zweifel- 
hafter bleibt. 

Betrachte ich aber die Figur auf der Silbermünze von 
Termera (Nr. 9), welche Newton aus Karlen heimgebracht und 
in seinen Travels und Discoveries (I 228) herausgegeben bat, so 
l)in ich auch hier nicht im Stande, mit ihm eine knieende 
(kneehng figure of Hercules) zu erkennen. Denn der mächtig 
ausholende rechte Arm, den man sich keulenschwungend denken 
mufs, verträgt sich schlecht mit einem wirklichen Kuieen. Wir 
werden also geneigt sein, der Kniebeugung dieselbe Bedeutung 
beizulegen, wie bei den früher besprochenen, vorwärts stürmen- 
den Figuren, und diese Auffassung wird dem die Welt durch- 
stürmenden, lyrischen Wandergotte gewifs nicht unangemessen 
gefunden werden. 

Wie hier des Herakles siegreiche Ankunft, so möchte auf 
anderen Denkmälern wohl das Kommen des Dionysos und 
seiner Gaben dargestellt sein. Wenigstens wüfste ich den 
Satyr auf den Münzen von Thasos (Nr. 21) kaum in anderer 
Weise zu erklären. Denn wenn man nicht etwa annehmen 
will, dafs er einer vornehmen Person den Becher Wein knie- 
end überreicht, so bietet sich nur die Deutung dar. dafs er 
mit der Gottesgabe herankommend gedacht ist. Hier würde 
also dienstfertige Eile der durch die Kniebeugung ausgedrückte 
Gedanke sein, und ebenso bei den mit dem Schlauche halb- 
knieenden Satyrn, wie sie sich als Verzierungen der Füfse von 
pränestinischen Cisten finden. 

Einen ähnlichen Sinn finde ich in dem anmuthigen Gemmen- 
bilde (Nr. 22), welches Hermes mit dem Schlangenstabe in 
der Hand in halbknieender Stellung zeigt; er ist dadurch, wie 



[24 II' ^^^ knieenden Figuren der altgriechischen Kunst, 

wir nach dem früher Gefundenen urtheilen dürfen, als der be- 
hende, unermüdet dienstbeflissene Bote gekennzeichnet. 

Auch Apollon ist ein wandernder, zu Land und Wasser 
kommender Gott. Wenn wir ihn also auf den merkwürdigen 
Didrachmen von Tarent (Nr. 15) so dargestellt sehen, dafs er 
auf dem linken Knie zu ruhen scheint, während doch die Arme, 
deren einer die Leier, der andere eine mit ihrem offenen Kelche 
dem Gesichte zugekehrte Blume hält, eine lebhafte Bewegung 
verrathen, so wird man auch hier geneigt sein, den in Eile 
herankommenden Gott zu erkennen, wie er sonst in feierlicher 
Weise auf dem Dreifufse oder dem DeliDhine naht. 

Natürlich können diese Deutungen nur verrauthungsweise 
aufgestellt werden, und noch weniger werde ich mir über die- 
jenigen Figuren ein mafsgebendes Urtheil erlauben, welche 
ungriechischen Ideenkreisen angehören. Dahin gehört der an 
Schultern und Fersen geflügelte Jüngling auf cyprischen Mün- 
zen (Nr. 16), über dessen rechtem Flügel ein heiliges Geräth 
sichtbar ist, und zweitens die Figur (Nr. 17) auf Münzen von 
Melite, ein Mann mit Mitra, vierfach geflügelt, mit einer 
Geifsel in der Hand, humi quasi considens, wie Eckhel sagt, 
welcher ihn zum Osiris macht, während Venuti ihn Mithras, 
Abela Mercurius nennt. Auf jeden Fall ist es ein Wesen, 
dessen übermenschliche Macht ausgedrückt werden soll, und es 
ist daher wahrscheinlich, dafs die ruhige Stellung auch hier 
nur eine scheinbare ist. 

Zum Schlüsse noch ein Wort zur Geschichte des plastischen 
Ausdrucks, welchen wir in seinen Hauptformen betrachtet haben. 

Wenn derselbe auch vielleicht der Bildersprache des Morgen- 
landes entlehnt ist, so haben die Hellenen ihn sich doch voll- 
kommen zu eigen gemacht, wie die zahlreichen Beispiele zeigen 
und wie dies namentlich auch aus Nr. 10 einleuchtet. Denn 
hier haben wir das gebogene Knie, welches wir an den ver- 
schiedenen Figuren beobachtet haben, als ein Symbol für sich, 
als griechische Hieroglyphe für den Begriff der Geschwindig- 
keit; denn dafs die Alten es nicht anders aufgefafst haben, 
beweist am besten das E{)igranim des Dioskorides (Anth, Pal. 
VI 12()), welches den Mann, der einen Schild mit solchem 
AVappen trägt, folgendermafsen bezeichnet: 

iQKSOoig T()v layjy uvÖqu /roaiv. 
Dieser Siini wird noch bestimmter ausgedrückt, wenn den 



II. Die knieenden Figuren der altgriechischen Kunst. 125 

Fersen Flügel gegeben werden, wie dem Dreibeine auf den 
Münzen von Syrakus (Duc de Luvnes, Etudes Numismatiques 
p. 84). 

Die Hellenen konnten sieb aber diesen Typus um so mebr 
zu eigen macben, weil er, so befremdlich er anfangs erscbeinen 
mag, mit hellenischem Naturverständnisse durchaus nicht in 
"Widerspruch steht. Das Knie ist ja vorzugsweise ein Sitz 
menschlicher Stärke und seine Biegsamkeit die beste Probe 
elastischer Schwungkraft, welche durch gymnastische Hebung 
gestählt wird. Darum sieht man auch auf einem der Wood- 
house'schen Bronzedisken einerseits einen stehenden, andererseits 
einen auf ein Knie sich niederlassenden Athleten (W. Yischer, 
Epigr. Arch. Beitr. S. 2; Kl. Schriften II 6). Darum findet man 
auf Schildern auch einzelne gebogene Beine als Wahrzeichen von 
Gelenkigkeit und Behendigkeit; und deshalb pflegten die Alten 
auch bei Thieren, wie bei dem Mannstiere auf grofsgriecbischen 
Münzen, die energische Bewegung des Rennens oder Schwim- 
mens durch ein eingeknicktes Knie auszudrücken. 

So erklärt sich, wie es möglich war, dafs die knieende 
Stellung, welche wir oben als einen Ausdruck der Schwäche 
und Erschöpfung kennen lernten, dazu dienen konnte, ein Typus 
der Schwungkraft, der Geschwindigkeit und Macht zu werden, 
der in alter Zeit eine so aufserordentliclie Verbreitung ge- 
wonnen hat. 

In späterer Zeit wurde er der Kunst fremd. Er wurde 
aufgegeben oder in solcher Weise umgemodelt, dafs ein ganz 
anderer Sinn hineingetragen wurde. Dies zeigt am deutlichsten 
Nr. 19, denn hier ist der scheinbar Knieende zu einem wirk- 
lich Knieenden, der sein Reich machtvoll durchwandelnde 
Grofsherr nach Verlust seines Speers zu einem zielenden Bogen- 
schützen geworden, in welchem ohne die Tiara Keiner den 
Herrscher erkennen würde. Es ist eine spätere Reihe von 
Königsmünzen, für welche allein, wenn man es genau nimmt, 
der Name ro^ötai pafst. Ich möchte glauben, dafs Herakles, 
der auf älteren Münzen mit gebogenem Knie voranstürmt (Nr. U), 
eine ähnliche Metamorpliose erfahren habe, so dafs er, aus der 
Reihe der Vorkämpfer verdrängt, in die hintere Reihe der aus 
sicherem Verstecke Schiefsenden zurückweichen mufste, wie er 
uns auf den Münzen von Thasos, Herakleia u. s. w., sowie in 
der äginetischen Gruppe vor Augen steht. Dabei soll nicht 



126 ^^- -Die knieenden Figuren der alti^riechischen Kunst, 

in Abrede gestellt werden, dafs bei diesen Umwandelungen ge- 
wisse neue Motive eingetreten sein mögen, wie bei dem Perser- 
könige die Analogie mit dem scliiefsenden Persergotte und bei 
Herakles die Beziehung auf den Sonnengott. 

Sehr merkwürdig ist, dafs auch mit Apollon eine ent- 
sprechende Umwandlung vor sich gegangen ist; auf älteren 
Münzen von Sikyon ist er halbknieend dargestellt, den rechten 
Arm auf den Boden gestemmt; s])äter erscheint derselbe Gott 
in kleiner Figur neben der Chimaira als zielender Bogenschütze, 
wie ich in der reichen Serie sikyonischer Münzen im britischen 
Museum gesehen habe. 

Seitdem der alte Typus aufser Uebung gekommen war 
und mit mehr oder minder bewufster Al)sicht in andere Typen 
überging, taucht er nur ganz einzeln wieder auf, namentlich 
da, wo er zu ornamentalen Zwecken willkommen war. Die 
halbknieende Stellung ist nämlich sehr geeignet zur Ausfüllung 
kleiner, runder wie ovaler Flächen, weil sie Gelegenheit giebt, 
die oberen Tlieile der menschlichen Gestalt mehr zur Geltung 
zu bringen, als es bei stehenden Figuren möglich sein würde. 
So findet er sich ausnahmsweise auch noch auf Vasen mit 
rothen Figuren, wie in dem Innenbilde der Schale des Pan- 
phaios (Nr. 8), wo der Satyr, mit dem Trinkhorn in der Rechten 
und dem vollen Weinschlauch auf der linken Schulter, rennend 
dargestellt ist. Wie sehr er sich aber für ovale Münz- und 
Gemmenfelder eignet, zeigt Nr. 18 (eine vielleicht nach Kyzikos 
gehörige Münze) und die schon besprochene Gemme (Nr. 22). 



III. 

Die 

Plastik der Hellenen an öuellen und Brunnen. 

(Hierzu Tafel III.) 



Die Xatur giebt der bildenden Kunst nicht nur den Raum, 
den Stoff und die vorbildliche Form, sondern auch Gelegen- 
heiten und Anlässe mannigfaltiger Art zu schöpferischer Thätig- 
keit. So mufs es jedem höher begabten Volke ein Bedürfnifs 
sein, diejenigen Plätze, welche von Natur eine hervorragende 
Bedeutung für das Menschenleben haben, auch künstlerisch 
auszuzeichnen, und nicht nur den dargebotenen Natursegen 
zweckmäfsig zu verwerthen, sondern auch die Freude daran, 
so wie die dankbare Aneignung zu bezeugen. Dies findet be- 
sonders auf die Quellen des Landes seine Anwendung. Sie 
erschienen auf dem dürren Felsboden südlicher Länder als un- 
mittelbare Bethätigungen göttlicher Wunderkraft; sie waren 
auserwählte Plätze des Gottesdienstes und ebenso Sammelplätze 
im Mittelpunkte des bürgerlichen Lebens. 

Es ist daher eine anziehende Aufgabe, der thätigen 
Menschenhand in allen den Einrichtungen nachzugehen, mit 
denen sie die Quellorte ausgestattet hat, und wenn wir uns 
dabei vorzugsweise auf Griechenland beschränken, so finden 
wir hier, dafs schon die Pflanzung des Baums, welcher das 
Wasser beschattet und dem dabei rastenden Wanderer als 
Obdach dient, für eine wichtige und wohlthätige Stiftung galt, 
an welche man den Namen von Königen der Heroenzeit an- 
knüpfte, wie die Platane Agamemnons an der Kastalia von 
Delphi bezeugt, ^j 



') Theophrast, H. PI. IV 13. i'linius. N. U. XVI ->. 



j^28 ^II* Pl<'istik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

Von den Anlagen, welche die im Felsen versteckte Quelle 
zugänglich machten und entfernte Bergwasser in die Städte 
hinabführten, habe ich früher gehandelt (Bd. I S. 117 f.). Hier 
will ich nur von der Thätigkeit der bildenden Kunst reden; 
denn wie der Quell das natürliche Leben um sich herum zu 
vollerer Wirksamkeit erweckt, so hat er auch seit ältester Zeit 
den menschlichen Kunsttrieb angeregt, sich gleichsam in AVett- 
eifer mit der Natur thätig zu bezeigen. 

Bei den Quellen sind die ältesten Heiligthümer des Lan- 
des. Hier finden wir Griechen wie Römer in ihrer ursprüng- 
lichsten Religiosität, und von allen auswärtigen Einflüssen am 
wenigsten berührt. Es wurde dieser Cultus nicht zurück- 
gedrängt. Auch die Kunst der späteren Jahrhunderte konnte 
sich nicht genug tliun, um die Quellen durch Säulenhallen, 
durch Anlage von Grotten, durch Mosaiken, durch Garten- 
anlagen, durch Reliefs und Malerei zu schmücken; man sah 
in den Brunnenhäusern die Findung der Quelle dargestellt, 
wie die Legende sie zu erzählen wufste.^) In hellenistischer 
und römischer Zeit machte sich Pracht und Künstlichkeit auf 
Kosten der natürlichen Anmuth des Ortes geltend. luvenal 
(III 12) klagt bei der Egeria, dafs die göttliche Nähe der 
Nymphe durch fremdartigen Luxus zurückgedrängt werde und 
Ovid läfst die Diana an solchen Quellen weilen, wo die Natur 
selbst die künstlerische Ausstattung übernommen habe (simu- 
laverat artem ingenio natura suo. Metam. III 158). 

Bei den Griechen kam es nicht leicht zu solchem Gegen- 
satz zwischen Kunst und Natur. Was sich bei ihnen an Bild- 
werken neben den Quellen fand, war zwiefacher Art. Entweder 
waren sie gelegentlich bei denselben aufgestellt oder ursprüng- 
lich für sie bestimmt und geschaffen. 

Zu der gelegentlichen Ausstattung gehörten die AVeih- 
gaben, welche natürlich bei solchen Quellen am reichlichsten 
vorhanden waren, welche in besonderem Rufe wohlthätiger oder 
erquickender Wirkung standen, ferner bei Orakelquellen und 
solchen, welche zu hochzeitlichem Gebrauche bestimmt waren. 

In Piatons Phaidros (230 B) wird ein Heiligthum der 
Nymphen und des Acheloos daran erkannt, dafs es mit Thon- 



'j Froiitinus, de aquae ductibus 10. Eiitdeckun^if der aqua Virgo: 
Berliner Gemnfiencatalog V 2 p. 327 (mit schlalender Nymphe). 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. ;[29 

figuren (/.ögai) ausgestattet war, und auf Vasenbildern^) sehen 
wir die Fontänen mit weiblichen Statuetten reich Ijesetzt. Zu 
ihnen gehörten die Thonpuppen, die als Spielwerk der Kind- 
heit von den Jungfrauen vor der Hochzeit an Quellen geweiht 
wurden. Ein anmuthiges Epigramm der Anthologie beschreibt, 
wie die vielen Votivstatuetten (/.oauia xuvra (.ivqia) von dem 
aufspritzenden Wasser benetzt werden."-) Man erkennt in den 
Statuetten noch einzelne ganz alterthümliche Typen, '^j und die 
Mannigfaltigkeit der Stilart war ein anschauliches Zeugnifs für 
das ehrwürdige Alter eines Quelldienstes. 

Man wählte zu den AVeihgeschenken auch solche Gegen- 
stände, die zu dem Lokale in einer besonderen Beziehung standen ; 
also z. B. Thiere, die in feuchten Niederungen leben; so den 
Frosch, den Diener der Nymphen, wie ihn ein Epigramm des 
Piaton nennt (VI 43), der den durstigen Wanderer auf die 
richtige Fährte geleitet hatte. Man schenkte Trinkhörner und 
Trinkschalen, wie eine Reihe von Epigrammen bezeugt;*) man 
stiftete in gastfreundlichem Sinne, was dem rastenden Pilger zu 
Gute kommen konnte. So war bei dem Quell des Thespios 
eine Sonnenuhr aufgestellt.^) 

Fine weitere Entwickelung dieser plastischen Ausstattung 
ist die rein decorative Kunst, welche Fontänen oder Wasser- 
bassins mit Prachtanlagen umgiebt und durch Aufstellung von 
Bihlwerken belebt. Das sind die Luxusanlagen, wie sie als 
conchae sigillis ornatae in der von W. Wattenbach heraus- 
gegebenen Passio IV coronatorum angeführt werden. In kleinem 
Mafsstabe finden wir diese Verbindung der Fontänen mit Bild- 
werken in den Impluvien der pompejanischen Häuser. Im 
kaiserlichen Rom war es Agrippa, welcher diese Anlagen ins 
Grosse übertrug; die erwähnte Schrift zeigt, wie Diocletian 
dieselbe Gattung von Prachtanlagen liebte. Die decorative 
Kunst stellt Bildwerke an Quellen und Brunnen auf, weil sie 
nirgends anmuthiger stehen und mit mehr Behagen betrach- 
tet werden können, ohne dafs ein innerer Zusammenhang 



') Monum. dell' Inst. JööU, T. XIV. Archäol. Ztg. il, 1.^44, T. lö. 
0, Jahn in der Archäol. Zeitung VI, J848, S. 1240. 
•^) Meineke, Delectus poet. Anthol. Gr. p. 123. 
") Conze, Gott. Gel. Anzeigen 1860, p. 358. 
*) Jacobs, Anthol. I 159. 180; II 89. 162. 228. 
^) Ulrichs, Reisen und Forschungen 1.1. 85. 
Curtius, Gesammelte Ablmodlungen. Bd. II. 9 



130 III' Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

zwischen dem Bildwerk und dem Aufstellungsorte vorhan- 
den wäre. 

Wichtiger als die gelegentlichen Votivgaben und die rein 
decorative Ausschmückung sind uns die Kunstbildungen, welche 
au der Quelle zu Hause sind. Denn der bildende Trieb giebt 
sich nicht zufrieden, das aufquellende Wasser zu leiten, zu 
umhegen und möglichst nutzbar zu machen, sondern er sucht 
auch für das, was in der Natur vor sich geht, einen ent- 
sprechenden Ausdruck, und die Fülle von Symbolen, in denen 
dies geschah, zeigt uns, wie seit ältesten Zeiten die Quelle 
einer der anregendsten Gegenstände für das Gemüthsleben und 
die Phantasie des Volkes war. 

Das Wasser ist das lebendige Element der Schöpfung und 
deshalb haben es die Hellenen in Sage und Bild mit rasch be- 
weglichen Thieren verglichen, wie die Namen ihrer Flüsse und 
Bäche bezeugen (Band I S. 510). In dem Wiesenbache sah 
man eine Schlange sich am Boden hinwinden ; bei der von 
Stein zu Stein hüpfenden und rennenden Welle des Bergwassers 
dachte man an die entsprechende Bewegung der Ziegen, Pferde, 
Hunde. Die verlaufenen Pferde im Pheneostliale, von denen 
die Sage spricht, sind nichts als die durch unterirdische Gänge 
plötzlich verschwundenen Wellen des Pheneossees, ^) und wenn 
auch mit dem Hufe von Pferden die Quellen in Verbindung 
gesetzt werden, so hängt diese befremdliche Anschauung, wie ich 
glaube, damit zusammen, dafs die Senkungen, in welchen Berg- 
quellen zu Tage treten, in Folge von Erdfällen häufig einen 
huf förmigen Umrifs haben. 

Andererseits wird die Energie des felsspaltenden Wasser- 
strahls mit der unwiderstehlichen Kraft reifsender und stofsen- 
der Thiere (Löwe, Wolf, Eber, Widder, Stier) verglichen, und 
eine Reihe plastischer Symbole, wie das Stirnhorn der Flüsse, 
wurzelt in dieser Anschauung. 

Endlich beruht eine besonders wichtige Form des plastischen 
Ausdrucks auf der bei den Völkern des Alterthums weit ver- 
breiteten, den Griechen und Italikern gemeinsamen und auch 
im Neugriechischen durch alte Tradition erhaltenen Anschauung, 
dafs man die Quelle das Haupt des Wassers nannte,^) Dem- 
gemäfs war es ein allgemein verständlicher Ausdruck der Plastik, 

'J Peloponnesos I 192. 

^) Kifah], y.efnhä (Herod. IV 91), Caput, iigr. xeijald^iov. 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. -[31 

wenn man den Vorderkopf von Löwe, Eber u. s. w. bei Quell- 
mündungen verwendete. Das ofi'ene Maul gewährte den der 
organischen Natur entsprechenden Ausdruck für die Ausmün- 
dung des Wassers, und so wurde die Thiermaske in Erz und 
Stein die constante Form des Ausgusses an Traufrinnen, Wasser- 
leitungen und Laufbrunnen.^) 

Deshalb werden diese Thierköpfe, auch ohne als Ausgufs 
zu dienen, als Symbole des Strömens an Trinkhörnern angebracht. 

Den Thierköpfen schliefst sich als plastisches Symbol in 
demselben Sinne der Menschenkopf an, indem er entweder selbst 
als Ausgufs diente oder nur als Symbol des Wassersegens. Als 
Wassermündung finden wir ihn an pompejanischen Fontänen 
angebracht ; -) als Wassersymbol auf den sich typisch wieder- 
holenden, meist aus Athen stammenden Nymphenreliefs, die 
Michaelis zusammengestellt hat.'^) Hier bezeichnet der am 
Rande angebrachte Kopf den Bergquell, an welchen der Nym- 
phendienst sich anschliefst. Es ist, wie allgemein anerkannt 
wird, der Kopf des Acheloos, der nicht nur als Symbol des 
Wassersegens vorkommt, sondern auch als Cultusobjekt ; so auf 
dem Saburofi'schen Marmorrelief.*) 

Bei diesem Kopfe verbinden sich menschliche und thierische 
Formen in zwiefacher Art. Entweder werden einzelne thierische 
Attribute, wie das Hörn, das Symbol durchbrechender Natur- 
kraft, mit dem Menschenhaupte vereinigt (so entsteht der stier- 
hörnige, zuweilen auch mit Stierohren versehene Achelooskopf), 
oder der Wassergott erscheint als Stier mit Menschenhaupt. 
Diese Form, in phönikischen Colonialländern vorzugsweise ein- 
heimisch, dürfen wir wohl als einen aus dem Orient übertragenen 
Typus ansehen, als eine ausländische Zwittergestalt, welche die 
Hellenen sich angeeignet und veredelt haben (S. 77 ff.). 

Dem Stierhorn entspricht das Hörn des Widders, nach 
welchem heftig strömende Quellbäche mehrfach benannt sind, 
und nach Analogie des gehörnten Acheloos wird auch der 
widderhörnige Zeuskopf als Symbol des Quellenspenders gedeutet 



') Koovfol leoiToTTooafDTToi. Haupt im Index lect. Berol. 1869 — 70. 
Bronzener Eberkopi in Neapel : Gädecliens im Jahrbuch des Vereins von 
Alterthumsfr. XL VI vS. 29. 

-) Mazois 11, pl III 7. 

») Annali dell' Instituto IHG'} p. all. 

*) Furtwängler, Sammlung Saburotl' I Tai'. '27. 

9* 



132 I^I- Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

werden dürfen. Als solcher ist Zeus Ammon von den Griechen 
aufgefafst worden, und seine aus Erz getriebene Maske wird in 
einer Inschrift aus der Nähe von Berytos als Ausgufs einer 
Wasserleitung beschrieben : 

Texvaöf.ia TToS-eivöv, 
".:/fiiuorog y.egaov xaXy.eov avTitUTCov 
— TToo/Jovra ßQoroig leQOÖQoiitov vdcoQ.^) 

Menschen- und Thiermasken bilden den üebergang aus der 
symbolisch andeutenden zu der frei darstellenden Kirnst. 

Im Peloponnes bei Asea, wo der bis dahin unterirdische 
Al^Dheios aus dem Boden hervorbricht, und neben ihm die Quelle 
des Eurotas, lagen einst als Denkmäler des seltenen Wasser- 
segens zwei Marmor-Löwen vor dem Tempel der Göttermutter. 
Denn nach einheimischer Sage war sie es gewesen, welche, mit 
ihrem neugeborenen Kind das wüste Hochland durchirrend, jene 
Zwillingsquellen hervorgerufen hatte.-) Deshalb sind die Löwen 
hier ohne Zweifel nicht als Werke decorativer Kunst anzusehen, 
sondern als Symbole der Gottheit und ihrer befruchtenden Kraft, 
wie sie es in Sardes waren. Es waren im Alterthume be- 
rülimte Werke; denn der Alpheios selbst hiefs wahrscheinlich 
von dem an seinem Quellorte aufgerichteten Löwenpaar die 
Löwenfurt. •^) 

Auch der bärtige Mann scheint nicht blofs als Kopf, son- 
dern in voller Gestalt als Wasserspender monumental dar- 
gestellt worden zu sein. Dies schliefse ich aus einem Bruch- 
stücke des Tagebuchs von H. Barth über seine zweite türkische 
Keise (August 1865), welches ich der gütigen Mittheilung des 
Herrn Kiepert verdanke. 

Barth fand zwischen Ehodope und Orbelos bei dem heu- 
tigen Bukova mitten in der Thalsohle des Nessos ein riesiges 
Steinbild, das er leider nur von der gegenüberliegenden Flufs- 
seite betrachten konnte: eine menschliche Gestalt auf dem linken 
Arm ruhend, an welcher hauptsächlich nur der bärtige Vorder- 



^) C. I. Gr. 4535. Das in allen Abschriften wiederkehrende le^o- 
SQiiitor «laube ich gegen Letronne und Franz festhalten zu müssen, indem 
ich annehme, dafs in der gezierten Sprache dos späteren Hellenismus der 
Weg durch eine üöttermaske als eine heilige Bahn bezeichnet wird. 

'^) Pausanias VIII 44, 3. Peloponnesos I 274. 

'j Atöi'Teioi TTÖoos Hesychios. 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. j^33 

köpf maskenartig ausgearbeitet gewesen zu sein scheint, mit dem 
er, auf einer breiten Basis ruhend, vom Flusse halb umflossen, 
in das Thal hinabschaut. 

Barth glaubte in dem Schnurrbart und in einer kreis- 
runden Verzierung am Kinn einen entschieden barbarischen 
Typus zu erkennen und hielt den Kolofs für ein Werk ein- 
heimisch thrakischer Kunst, das den Nessos darstellen sollte. 
Hoffentlich gelingt es bald einem Eeisenden diesen merkwür- 
digen Ueberrest des Alterthums genauer zu erforschen. 

Kunstwerke in natürlichem Gestein ausgehauen, zur plasti- 
schen Auszeichnung eines Quellortes bestimmt, finden sich auch 
aufserhalb der hellenischen Welt ; so die Reliefs und Denksteine 
bei der durch S. Taylor entdeckten Tigrisquelle unweit des 
Dorfes Korkhar.^J Wie die Perser ausgezeichnete Quellen 
durch Denkmäler ehrten, zeigt die Verherrlichung des thrakischen 
Tearos durch König Dareios.-) Die Lykier hatten eine be- 
sondere Aufmerksamkeit für die Quellen ihres Landes. Schön- 
born hat mehrfach an denselben verhüllte Frauengestalten 
(Nymphen) gesehen, die von bewaffneten Männern umgeben 
sind.^) Wie reichen Anlafs zu Reliefcompositionen das auf- 
quellende Wasser den Alten gegeben hat, zeigen die Mün- 
dungen der Fontänen sowie die Verzierungen an Geräthen 
und Denkmälern, welche mit dem Wasser in Verbindung 
standen. 

Eines der einfachsten und schönsten Ornamente dieser Art 
ist das Brunnenrelief von Bavian, die Gruppe der zwei gegen- 
einander aufgerichteten Löwen, welche den Felsenquell umgeben 
und hüten, ein Muster des antiken Wappenstils, welches wir 
uns seinem Hauptmotiv nach auch auf griechischem Boden 
denken können.*) Andere Verzierungen entspringen dem Aber- 
glauben der Alten, welche alle werthvollen Gegenstände, also 
auch das fliefsende Wasser, vor bösem Zaul)er zu schützen 
suchten. Dahin gehört der Phallus an der Wasserleitung bei 
Nismes^) und das in Relief oder Farbe bei Fontänen ange- 



1) Ausland 1863 S. 326. 

•-') Herodot IV 91. 

'J Ritter, Erdkunde XIX 2, 518. Bachofen, Lykien S. 16. 

•*) Tafel I No. 13. 

^) 0. Jahn, Ueber den bösen Blick S. 74. 



j^34 11^' Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

brachte Gorgoueion.^) Ein merkwürdiges Denkmal dieser Art 
hat Dilthey beschrieben, eine kleine Marmorfontäne in Rom 
mit der abenteuerlichen Gestalt eines Akrobaten, der mit 
emporgestrecktem Fufse zwischen den aufgestützten Armen einen 
mit starrem Blick nach vorne schauenden Negerkopf zeigt. 
Unter demselben ist die Mündung der Fontäne von allerlei 
Gethier umgeben.-) 

Andere Eeliefs dienten an den Fontänen zu charakteristischer 
Verzierung der Brunnensteine oder der Wasserbehälter. Wir 
finden sie in gröfserem Mafsstabe an öffentlichen Wassermonu- 
menten, wie z. B. an der meta sudans, an deren Basis die 
Münzen Figuren zeigen,^) welche in Nischen stehen, oder in 
kleinem Mafsstabe an den Steinwürfeln, welche auf einer Stufen- 
pyramide stehend in Gärten und Atrien vorkommen, wie in 
der casa del Apolline in Pompeji. Ein antiker Aufsatz dieser 
Art mit den Figuren eines Jägers, eines Flötenbläsers, eines 
Schiffers und einer Frau dient noch heute im Cortile del Bel- 
vedere als Springbrunnen. 

Ein reicher ausgestattetes, viereckiges Marmorgefäfs, mit 
den Haterierdenkmälern zusammen gefunden, ist als Aschen- 
gefäfs verwendet,*) doch ist es unzweifelhaft als Brunnenmün- 
dung componirt. Die vier Ecken sind oben mit Bocksköpfen 
geziert, unter denen Körbe mit Weintrauben angebracht sind. 
Die unteren Flächen sind als Wasser decorirt, das aus Muscheln 
herausfliefst, von trinkenden Fischen und Enten umgeben. Unter- 
wärts sind Delphine paarweis gruppirt. Die Brunnen werden 
also wie die Quellen als die Plätze gesteigerter Naturkraft 
mit reichem Schmucke ausgestattet und als die von allem, 
was lebt, gesuchten Plätze der Erquickung. Man vergleiche 
die schöne Brunnenmündung in der Villa Albani,'^) wo 
Dämonen im Kreise der Aphrodite und des Dionysos be- 
schäftigt sind, den durstigen Thieren das Labsal zu ver- 
schaffen. Flügelknaben reiten sie zur Tränke, Satyrn und 
Pane heben mit grofser Anstrengung die Amphoren, um die 



*) Heibig, Bullet. 1865 p. 234. Gädechens, Gorgo, in Ersch und 
Gruber's Encyclopädie S. 432. 
2j Bullet. 1869 p. 15. 

') DonaUlson, Arch. nuniisniatica, Tafel LXXX. 
*) Benndorf und Schöne, Lateranisches Museum S. 226. 
'') Braun, Ruinen iionis, S. 762. 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. j^35 

Krüge und Schalen zu füllen. Die Candelaber deuten auf eine 
bacchische Festlichkeit. 

Den Brunnenmündungen entsprechend werden die Posta- 
mente, auf welchen Denkmäler im oder am Wasser stehen, durch 
Wellenlinien, Wassergeschöpfe und Wasserdämonen charakterisirt. 
So z. B. die Basis der Gruppe von Delphin und Eros im 
Lateran,^) wo in den Wellenlinien Fisch und Seekrebs zum 
Vorschein kommen. 

An einer aus sehr hartem und schwerem, feuersteinartigem 
Material gearbeiteten Basis des Berliner Museums (0,175 hoch, 
0,415 laug, 0,17 breit), die oben einen viereckigen Einschnitt 
mit einem 0,035 hohen Rande hat, ist die Vorderseite mit 
Relief geschmückt.^) Die kleine Basis ist im Ganzen wohl 
erhalten, bis auf die Nasenspitzen zweier Figuren. Die Dar- 
stellung ist trotz der flüchtigen und rohen Arbeit nicht 
ohne lebendigen Ausdruck und lehrreich für die Composition 
der Alten auf Wassermonumenten. Auf der Basis haben wir 
uns das Bild einer Seegottheit aufgestellt zu denken, zu welcher 
Seedämonen aus dem Wasser verehrend und bewundernd em- 
porschauen. Links eine Nereide mit langem fliefsenden Haar, 
einen Delphin in den Händen haltend; rechts ein Triton mit 
satyresken Zügen und spitzem Ohr, ein Ruder in der Linken. 
Beide haben wie die Flufsgötter Hörner an der Stirn. In der 
Mitte kommt das Vordertheil eines Delphins zum Vorschein. 
Die beiden Schmalseiten sind ganz mit Wellenlinien bedeckt, 
aus denen auf der einen ein Seedrache sichtbar wird. 

Unter den aus S. Maria di Capua erworbenen Terrakotten 
des Berliner Museums sind mehrere Basen, die eine ähnliche 
Bestimmung und Ornamentirung haben. Auf der einen zeigt das 
Relief eine auf einem Seepferd reitende Frau ; auf einer anderen, 
(oben 0,17 breit, 0,23 hoch) sehen wir eine Wassergottheit, 
welche sich auf den Rücken eines Delphins hebt und auf dem- 
selben zurecht setzt. — Auch bei Brückenbauten wurden die aus 
dem Wasser aufsteigenden Pfeiler so charakterisirt, dafs man 
Seegeschöpfe daran in Relief darstellte. Das sehen wir an den 
merkwürdigen Ueberresten von der alten Isonzobrücke, die jetzt 



^) Benndorf und Schöne n. 366. 

^) Das kleine Denkmal stammt aus der Gegend von Smyrna und 
gehört zu den Geschenken des Herrn Consul Spicgelthal. 



^36 -fll- Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

in Triest aufbewahrt werden ; ein Denkmal, dessen Veröffent- 
lichung wir von den dazu berufenen Gelehrten dringend er- 
bitten. 

Eine besondere Klasse bilden die Reliefs an heiligen Ge- 
räthen. die mit dem Wasser in Verbindung stehen, die Reliefs 
der Tempelbrunnen, deren einhegende Brüstung mit Gottheiten 
verziert ist, welche den Brunnen umwandelnd gedacht werden. 
Aber auch einzelne Scenen der Tempellegende finden wir dar- 
gestellt, wie z. B. den Dreifufsraub auf dem merkwürdigen 
Fragmente eines ßrunnenrandes, welchen das Berliner Museum 
besitzt.^) Bei verschiedenen Denkmälern ist die Beziehung zum 
Brunnen unsicher. So bei dem vaticanischen Rundwerke in 
der sala dei Candelabri, welches wahrscheinlich als ein ausge- 
höhlter Altar anzusehen ist, während Andere die daran befind- 
lichen Darstellungen, Oknos mit dem Brunnenseil und die Danai- 
den, auf die Ausstattung eines Brunnens beziehen zu müssen 
glaubten.-) Auch bei der capitolinischen Brunnenmündung hat 
man, wenn auch mit Unrecht, an dieser Bestimmung ge- 
zweifelt.-') Der ursprünglich für heilige Brunnen bestimmte 
Reliefschmuck ging später in einen weiteren Gebrauch zur 
Aussclimückung bürgerlicher "Wohnungen und Gärten über. In 
diesem Sinne bestellte Cicero für seine Villen beim Atticus 
„putealia sigillata".*) 

Unter den Wassergeräthen. welche zum alten Tempeldienste 
gehörten, nenne ich noch die Schalen des Weihwassers, welche 
eine besondere Betrachtung verdienen. Ich bemerke hier nur, 
dafs das muschelförmige Gefäfs aus Megara in der Sammlung 
Saburoff in Athen, welches AVieseler zuerst herausgegeben 
hat,^) nach meiner Ansicht dieser Gattung angehört. Das 
Centrum der bildlichen Ausstattung ist der auf einen hei- 
ligen Tisch gestellte Kopf des Acheloos und charakterisirt da- 
durch das ganze Gerätii als eine VVasserschale. Die sieben 
Göttergestalten umher, darunter Zeus und Pan, bezeichnen die 



*) Beschreibung^ der antiken Sculpturen. 1891. Nr. 894. 

^) 0. Jahn, Wandgemälde des Columbariums in der Villa Pamfili 
S. 18. Braun, Ruinen und Museen Roms S. 493. 

'j Friederichs, Bausteine I n. 69. 

*) ('ie. Att. 1, 10. Für „Brunnenrand" hat man in neugriechischen 
Dialekten das Wort ffotor/tiloi. Vgl. (TcUtingcr Nachrichten 1857 S. ;)()4. 

""'J Wieseler, Ein Votivrelief aus Megara, Göttingen 1875. 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. J37 

verschiedenen heiligen Plätze, für welche man sich vor dem 
Eintritt durch Besprengung aus der Muschelschale vorbereitete/) 
Ich vermuthe, dafs auch die Marmorschale aus Gabii, deren 
ursprüngliche Bestimmung noch immer fraglich ist (Altar nach 
Clarac, Sonnenuhr nach Fröhner), ursprünglich ein Gefäls 
für Weihwasser war. Bei dem Eintritt in einen gröfseren 
Tempelraum konnte man gleich einem bestimmten Gotte seine 
Huldigung bezeugen, wie man auch bei den Zwölfgötteraltären 
sich einen Gott aussuchen konnte. 

Endlich gehören in den Kreis der Brunnenreliefs auch die- 
jenigen, welche an Stelle der einfachen Thiermasken zugleich 
für den Wasserabflufs dienten. So das pompejanische Relief 
mit der Kampfgruppe von Adler und Hase.-) Man verwen- 
dete dazu auch Bildtafeln von grösseren figurenreichen Com- 
positionen. wie das von Kekule auf Asklepios" Geburt ge- 
deutete Flachrelief der Sammlung Borgia (jetzt im Lateran).^) 
wo der stehende bärtige Mann Trinkhorn und Kantharos hält, 
nach denen das am Boden sitzende Kind zu greifen scheint. 
Beide Gefäfse waren für den Wasserabflufs durchbohrt. Ebenso 
das Trinkhorn auf dem Amalthearelief,*) welches die Frau in 
der gesenkten rechten Hand liält und mit der Linken unter- 
stützt, während ein am Boden sitzender Satyrknabe den Rand 
desselben mit beiden Händen fafst. Dies sind also spielende 
Formen späterer Erfindung und Technik, indem gebohrte Mün- 
dungen, mit Röhren versehen, die altgriechischen Formen des 
Wassergusses ersetzten und zwar so, dafs derselbe in den Zu- 
sammenhang eines mythologischen Vorgangs hereingezogen 
wurde. Auch auf Terrakottafriesen, welche mit neptunischen 
Symbolen geschmückt sind, finden sich gebohrte Oeffnungen zum 
Wasserabflufs. 

Mannigfaltiger sind die Werke freier Plastik, welche mit 
künstlicher Wasserleitung verbunden sind. Denn wenn die 
Hellenen auch das zu Grunde liegende Gesetz nicht kannten, 
so haben sie die Steigekraft des Wassers höher gelegener 
Quellen seit alter Zeit sehr gut gekannt und zu Lauf- und 



*) Vgl. Heino Pfannenschmidt, Das Weihwasser im heidnischen und 
christlichen Cultus. Hannover 1869. 
-) Mazois II pl. III. 
') Lateranisches Museum n. 11. 
■*) Lateranisches Museum n. 2-i. 



j38 lil- -t*lastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

Springbrunnen in Städten und Tempeln, an Landstrafsen und 
in Gartenanlagen auf das Mannigfaltigste verwendet. Wir 
werden daher die ganze Menge der auf Quellen bezüglichen 
"Werke hellenischer Plastik in zwei Hauptgruppen zu trennen 
haben, indem die einen unmittelbar mit dem Wasserergusse in 
Zusammenhang stehen, die anderen aber nur eine ideelle Be- 
ziehung zu demselben haben. 

Denn auch die erste Gruppe entbehrt einer solchen Be- 
ziehung nicht. Man wählte vielmehr solche Gestalten, welche 
ihrer Natur nach dazu besonders geeignet schienen. Also zu- 
erst diejenigen Thiere, deren Köpfe als Wassergüsse schon 
besprochen sind. So ist z. B. der durch Morosini entführte 
Löwe durch seinen aufgesperrten Bachen als Wasserspeier 
charakterisirt; auch sieht man am Hinterkörper die Eöhren- 
leitung, welche ihn mit den athenischen Wassercanälen in Ver- 
bindung setzte.') Der eine der beiden Molosser im Cortile del 
Belvedere hat noch eine Bohre im Maul, und wie auch der 
Hund als Symbol des strömenden Wassers diente, zeigen ja 
die Münztypen von Segesta. Die liegende Kuh im Lateran 
(n. 33;")) hat ebenfalls noch eine durch den Kopf gehende Eöhren- 
leitung, 

Dafs auch die menschlichen oder gemischten Gestalten von 
Wasserdämonen zu j^'ontänen benutzt wurden, glaube ich aus 
Münzen schliefsen zu dürfen. Denn der Wasserstrahl, welcher 
auf Münzen von Celsa dem jugendlichen Kopf des Hiberus ent- 
strömt und ebenso dem Munde des Stierraannes von Alontion, 
ist schwerlich Erfindung des Stempelschneiders,-) 

Unter den Gottheiten wählte man diejenigen, welche ihrer 
Natur nach dazu geeignet schienen, dafs man die Attribute 
derselben benutze, um das Wasser als ihre Gabe den Menschen 
zuströmen zu lassen. Also zuerst die weibliche Gottheit, welche 
im Allgemeinen die sprossende Fülle des Naturlebens darstellt, 
deren erste Bedingung der feuchte Erdboden ist. Sie ist als 
Kybele, vorzugsweise aber als Aphrodite mit den Quellen in 



*) Adler glaubt auch seinen ursprünglichen Standort bei dem Dipylon 
aufgefunden zu haben. Archäologische Zeitung XXXII p. 158 f. 

-) Archäologische Zeitung XIX S. 319, Der wasserspeiende Stier- 
inann scheint auch in Neapolis Campaniae vorzukommen. Sicher ist er 
auf einer von mir in Kleinasien erworbenen Kupfermünze mit YA (0» 
welche Friedlaender nach Hydramia in Kreta zu setzen geneigt ist. 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen, j^39 

Verbindung gesetzt. Aphrodite ist namentlich als badende 
Göttin die beliebteste Fontänentigur geworden, indem Delphine 
oder Eroten ihr das Wasser spenden. ^) 

Verwandt ist als segenspendeude Naturgottheit Dionysos, 
welcher wie Aphrodite seine Heiligthümer in feuchten Niede- 
rungen hat. Die bacchischen Dämonen sind wesentlich Quell- 
dämonen. Silene in voller Gestalt oder in Hermenform dienen 
zur Bezeichnung von Quellorten. Sie halten, um nur an einige 
der bekanntesten Motive zu erinnern, auf einem Beine knieend, 
den durchbohrten Schlauch auf der Schulter (drei solcher Sta- 
tuetten sind im Vatikan zu einer Gruppe vereinigt und tragen 
in der gegenwärtigen Restauration gemeinsam eine Schale),-) 
oder mit schwerem Schritte wandelnd, lassen sie das Wasser aus 
dem Schlauche fliefsen. Satyrknaben mit umgeknöpftem Fell 
tragen mit beiden Händen den Schlauch, dem das Wasser ent- 
fliefst, auf der Schulter. Ebenso kommen Pane als Schlauch- 
träger vor; ein nackter Panisk hält eine auf einem Pfeiler 
ruhende Kanne, deren Mündung durchbohrt ist, und Dionysos 
selbst steht neben Pfeilern und Baumstämmen, aus denen das 
Wasser auf einen schlürfenden Panther niederströmt. ^) Priapus 
kenneu wir als Quellgott aus Wandgemälden.^) 

Auch Poseidon erscheint als Wasserspender, und die ge- 
nannten Naturgottheiten gehen mit den eigentlichen Elementar- 
gottheiten so in einander über, dafs es fast unmöglich wird, 
die liegende Aphrodite von einer Nymphe und den hingestreck- 
ten Dionysos von einem Flufsgott zu unterscheiden. Aphrodite 
am Quell des Hyllikos wurde als Nymphe verehrt.^) 

Es trat auch das Mythologische ganz zurück, und au Stelle 
der Eroten, welche bei dem Bade der A])hrodite ministriren, 
treten gewöhnliche Knaben mit Gewand auf der linken Schulter, 
auf der sie mit beiden Händen anfassend die Amphora tragen, 



») Clarac IV 604 

^) Braun, Ruinen Roms, S. 484. Die naivste Art der Wasserspende, 
an einen berühmten Brunnendämon neuerer Kunst (le plus ancien bourgeois 
de Bruxelles) erinnernd, ist der pompejanische Silen bei Overbeck, Pom- 
peji II No. 296 a. Dasselbe Motiv bei dem Hercules bibax. Vgl. Gott. 
Gel. Anzeigen 1863 S. 479. 

'') Gerhard, Berlins antike Bildwerke p. 74. 

*) Heibig, Untersuchungen S. 296. 

^) Pausanias II 32. Nymphe oder Aphrodite: Dütschke, Antike 
Bildwerke in Oberitalien Band II S. 20 f. 



140 m« Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

wie sie in den verschiedenen Abtheilungen des Vaticans und 
der capitolinisclien Sammlung mehrfach vorkommen. ^) 

Unsere Museen sind noch nicht hinreichend durchsucht, um 
unter den erhaltenen Statuen diejenigen zusammenstellen zu 
können, bei welchen in einem nebenstehenden Pfeiler oder Baum- 
stamm oder auch in dem KörjDer selbst die Steigröhren ange- 
bracht sind, um durch GefäFse oder Thierköpfe das Wasser 
ausströmen zu lassen. Die Zerstörung der Attribute hat viel 
dazu beigetragen, das ursprüngliche Motiv zu verdunkeln. ^) 

Unter der grofsen Anzahl hierher gehöriger Bildwerke 
lassen sich gewisse Gruppen unterscheiden, je nachdem die Motive 
einfacher oder gesuchter sind. 

In die erste Reihe gehören Aphrodite mit wasserspeiendem 
Delphin ;"^) die Eroten mit Delphin unter dem Arm oder Urne, 
auf der Schulter ; Dionysos und die bacchischen Dämonen mit 
Urne und Schlauch, die aus abgeschwächtem Aphroditetypus 
erwachsenen, halbbekleideten Nymphen, welche auf ein liegendes 
Wassergefäfs den Fufs stellen*) oder mit der Linken eine auf- 
gestützte Vase halten^) oder auf eine Urne gelehnt ausgestreckt 
liegen ; ebenso die gelagerten Flufsgötter mit ihrer Urne. Das 
sind die sich wiederholenden Figuren von dekorativem Charakter, 
allgemeine Typen ohne besondere Motive. 

Charakteristischer ist die Darstellung, wenn die Nymphen 
mit übergeschlagenen Beinen, den müden Kopf auf die Hand 
gestützt, liegend oder sitzend beim Rauschen des Wassers ent- 
schlafen, das aus dem Gefäfse unter ihrem Arme mündet.'^) 
Verwandt ist die Darstellung schlafender Silene und Eroten. ') 

Ein künstlicheres Motiv ist es, wenn Silen sitzend einen 
Schlauch mit beiden Händen empor zieht, dessen offene Mün- 
dung nach unten hängt, oder wenn er in der Trunkenheit 
wandelnd oder schlafend den Schlauch auslaufen läfst.^) Hier 
ist schon das Wasser als Wein zu denken. Man componirte 

*) Vgl. Friederichs-Wolters, Bausteine Nr. ib8\. 
-) Mit herzlichem Danke habe ich einige von Hrn. Dr. Körte in den 
römischen Museen für mich gemachte Notizen benutzen können. 

3j Michaelis in der Archäol. Zeitung XXXII, KS7f) S. 24. 53. 

*) Grerhard, Beschreibung Roms II S. 2.")8, 4. 

'>) Dütschke a. a. 0. S. 20. 

®J Lateranisches Äluseum 367. 

'j Lateranisches Museum 214. 215. H70. 

«J Clarac PI. 7ö4 c. 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. |4j^ 

bewegtere Gruppen, bei denen die an den Gewässern einhei- 
mischen Vögel eine Rolle spielen. So der Kampf des Pan mit 
Silen, dem eine Ente entschlüpft ist und die andere entrissen 
werden solP), und der mit der Gans ringende Knabe, eine Com- 
position, welche gewifs erst später zu dem Zwecke verwendet 
worden ist, dafs der aufgesperrte, nach Luft schnappende 
Schnabel Wasser speit. 

Man verwendete auch andere Kampfgruppen zu gleichem 
Zwecke, so die Gruppe von Herakles und der Hindin, welche 
statt Blut Wasser ausspeit. Auch in der Gruppe von Theseus 
und Minotauros, deren Ueberreste bei H. Demetrios Kathephöri 
in Athen zu Tage getreten sind, hat man den Kanal gefunden, 
welcher im Stiermaule mündete.") 

Man verirrte sich immer mehr zu gesuchten und unplasti- 
schen Motiven. So stellte man in einer Fontänengruppe von 
Neu-Korinth Bellerophon dar mit dem Pegasos und liefs das 
Wasser aus dem Pferdehufe ausströmen ; eine spielende Er- 
innerung an den ursprünglichen Zusammenhang von Huf und 
Quelle (S. 130). Es finden sich in den Museen muschelhaltende 
Nymphen, aus deren Leibe das Wasser fliefst.^) In Libethrion 
hatten Quellmündungen die Gestalt weiblicher Brüste, ebenso 
wie die Gefäfse bei den Isisprozessionen. •^) Das Aeufserste in 
dieser Richtung ist der Niobekopf, an welchem das Wasser als 
Thränenstrom aus den Augen geleitet wurde. **) 

Für die Geschichte der griechischen Plastik ist es von un- 
gleich gröfserer Bedeutung, diejenigen Bildwerke in das Auge 
zu fassen, welche nur in einem ideellen Zusammenhange mit 
den Gewässern stehen, in deren Nähe sie sich befinden. 

Die Quellen des Landes sind die Lieblingsplätze der Sage 
und stehen zu ihr in zwäefucliem Verhältnifs. Entweder 
kommen die Götter und Heroen nur gelegentlich mit denselben 
in Berülirung (wie Minerva, die sich von dem im Wasser er- 
blickten Spiegelbilde abwendet,") Hercules, der müde unter 



') Palazzo Corsini al Prato, Dütschke a. a. 0. II S. IdO. 

2) Archäol. Zeitung XXIV T. 208, S. 160. 

^) Gerhard, ßeschreibun.of Roms II S. 261, 8. Über humoristische 
Motive bei Silenen vgl. oben S. 139 Anm. 2. 

•1) Paus. IX, 34. Apulejus Metam. XI 10 p. 77t>. 

<■') Schol. Soph. Eleotra 451. Stark, Niobe S. 91. 

••) Auf einem Sarkophage in Pisa nach Conze, Zeitschrift für österr. 
üymn. 1875 S. 402. 



142 ^^^- -Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

einem Löwenkopfe sitzt und sich aus ihm überrieseln läfst/) 
Europa, Odysseus und Penelope u. s. w.), oder sie gehören 
ihrem Wesen nach zu den Quellen, wie Narkissos, dessen Stand- 
bild Kallistratos beschreibt „bei einer schönen Fontcäne stehend", 
so dafs sein gesenkter Blick träumerisch auf der Wasserfläche 
ruhte. ^) Anders ist eine Narkissosstatue gar nicht zu denken, 
und wir sind nur durch die Aufstellung der Antiken in unsern 
Museen zu sehr daran gewöhnt, dieselben als Schaubilder will- 
kürlich geordnet zu sehen, so dafs wir kaum darnach fragen, 
für welche Umgebung sie ursprünglich bestimmt waren. Reliefs 
und Gemälde müssen dazu dienen, die versprengten Werke der 
bildenden Kunst in ihren richtigen Zusammenhang zu bringen. 
Auf Gemälden sitzend, auf Gemmenbildern stehend, ist Nar- 
kissos immer mit einer Quelle in Verbindung, die durch einen 
Steinrand und auch durch Löwenkopf charakterisirt ist. Auf 
beiderlei Denkmälern sehen wir Narkissos auf einen Brunnen- 
rand sich stützend oder an einen die Quelle beschattenden Baum 
sich anlehnend. Mag er schwermüthig hinabstarren oder selbst- 
bewundernd staunen, immer ist es das Wasser, welches die 
Situation erklärt, und dafs die Narkissossage auch für Brunnen- 
verzierungen ein beliebtes Thema war, zeigt am besten die 
ostiensische Brunnenmündung. ^) Man hat auch die gleichfalls 
in Ostia gefundene Statue des Braccio nuovo im Vatican, den 
sogenannten Ganymedes, der an einen Baumstamm sich anlehnt 
und aus einem Kruge Wasser giefst. auf Narkissos gedeutet.*) 
Wäre dies richtig, so müfste man annehmnn, dafs die Bedeu- 
tung desselben ganz zu einem Dämon des Wassers verblafst 
und er als solcher bei einem Wasserwerke angebracht sei; 
denn eine Steigröhre war in dem Baumstamme angebracht und 
mündete in dem Krug. Die Statue war aber in der mit 
Mosaiken bedeckten Nische eines Calidariums angebracht. Ohne 
weitere Analogien wird man also diese decorative Statue, die 
den Namen des Phaidimos trägt, nicht als Narkissos erweisen 
können. 

Sicher aber scheint mir, dafs dem capitolinischen „An- 
tinous", auch Avenn er mit Recht diesen Namen trägt, eine un- 



') Annali dell' Inst. 18(32 p. 15. Monuni. VI. VII T. üi. 

■) Callistr. Statuae V. 

■■») Wieseler, Die Nymphe Echo, Tafel 11, 1. 

*) Wieselcr, Narkissos. 1856. S. .'39. 



in. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. ^43 

verkennbare Analogie mit jenem Heros zu Grunde liegt, wie 
Welcker und Wieseler') erkannt haben, und denken wir uns 
den Liebling Hadrians im Momente vor seiner Selbstaufopferung 
am Rande des Nilufers stehend, so gab es für ihn kein geeig- 
neteres Vorbild als Narkissos. 

"Wenn wir uns also diejenigen Quellen, an denen die Nar- 
kissossage zu Hause ist, wie die nach ihm benannte Quelle bei 
Thespiai, nicht ohne eine entsprechende plastische Ausstattung 
denken können, so gilt dasselbe auch von den andern, durch 
besondere Sagen ausgezeichneten Quellen des griechischen Landes, 

Dahin gehört die Quelle Akidalia bei Orchomenos, das 
Bad der Chariten. Hier werden die Darstellungen zu Hause 
sein, welche uns die Chariten, mit Baden beschäftigt, in ihrer 
elementaren, den Nymphen verwandten Bedeutung erkennen 
lassen. -) Die an solchen Plätzen entstandenen Kunsttypen 
wurden, je mehr sie in nationales Eigenthum übergingen, mit 
der Entfernung von dem ursprünglichen Lokale immer allge- 
meiner und unbestimmter. Indessen haben sich in Weihge- 
schenken noch deutliche Zeugnisse des ursprünglichen Zusammen- 
hangs zwischen Chariten und Quelle erhalten. So finden wir 
namentlich auf dem capitolinischen Votivrelief, welches Cäsars 
Freigelassener Epitynchanus „Fontibus et Nymphis sanctissimis" 
geweiht hat, die Chariten in bekannter Gruppirung. die beiden 
nach aufsen stehenden mit Aehren in der Handr') ebenso ein 
Wassergefäfs umtanzend, durch Inschrift bezeugt;"*) so auch 
zwischen zwei auf Pfeilern aufgestellten Wassergefäfsen auf 
einer antiken Paste der Berliner Sammlung.^) 

Auf dem Relief des Epitynchanus ist andererseits der 
Raub des Hylas dargestellt. Jahn wollte die Doppelgruppe so 
deuten, dafs durch Hylas das zeitweilige Ausbleiben, durch die 
Chariten die Wohlthat des wiederkehrenden Wassers dargestellt 
werden sollte. Diese Deutung hat nach meiner Ansicht nichts 
Ueberzeugendes. Wir werden, wenn wir die ursprüngliche 
Nymphennatur der Chariten ins Auge fassen, auch weder die 



^) Narkissos p. 48. 

2J Clarac IV pl. 632. Jahn, Europa T. VI. Wieseler, I). a. K. 
II n. 722 ff. 

") Gerhard, Beschreibung iioms III S. 197. 

*) Clarac pl. 632 E. 

») Tölken, Verzeichnü's III, 5, J308. 



j^44 ^I^- Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

künstliche Erklärung der Paste bei Tölken billigen, welcher an 
das Ueberlassen (xaQi'^eo^ai) des Brunnens zu öffentlichem Ge- 
brauche denkt, noch Gerhard beistimmen, wenn er in dem vati- 
canischen Votivrelief,^) wo ebenfalls die Chariten vorkommen, 
ihre Figuren als allegorischen Ausdruck des Dankes (gratias agere) 
auffafst; wir werden vielmehr in den Chariten und dem Hylas 
ein zweites und drittes Beispiel dafür erkennen, dafs die an 
einem bestimmten Orte einheimischen Quellmythen als frucht- 
bare Motive auf andere Lokale übertragen und von den Künst- 
lern verwendet worden sind. 

So ist auch auf dem ostiensischen Brunnenrelief Hylas 
neben Narkissos verwendet. Aber auch bei Hylas würde man 
zu weit gehen, wenn man wassergiefsende Knaben, wie den 
der Glyptothek n. 121, mit Schorn mit jenem Namen benennen 
wollte. 

Zu den Figuren, die nur in fernerer Beziehung zu den 
Quellen stehen, aber den genannten Darstellungen sich an- 
schliefsen, gehört die Nymphe Echo, die an rauschenden Wald- 
quellen einheimische, welche auf Gemälden mit Wahrscheinlich- 
keit neben Narkissos nacligewiesen ist, auf einem Marmorrelief 
von den Aquae virginis dem Fan gegenüber sitzend.-) 

Es giebt aber auch eine Reihe hieher gehöriger Kunst 
werke, deren Motive nicht in der Sage wurzeln, vielmehr in der 
Quelle selbst und ihren Beziehungen zum menschlichen Leben. 
Es sind wohl mythologische Personen, welche zu diesen Dar- 
stellungen benutzt werden, und zwar solche, welche durch die 
Sage mit dem Element des Wassers verbunden sind, aber sie sind 
nicht, wie Narkissos und Hylas, Träger bestimmter Mythen; es 
sind vielmehr dämonische Gestalten ohne individuelles Gepräge, 
so namentlich Nymphen- und Satyrgestalten, mit denen des 
Künstlers Phantasie nach Belieben schalten und an denen sie 
das Leben an den Quellen mit freier Laune zum Ausdruck 
bringen konnte. 

Die Quellorte sind Plätze der Einsamkeit und stillen An- 
dacht wie der Geselligkeit, der Ruhe sowohl wie des Geschäfts. 
Daher sind die von ihnen entlehnten Comixjsitionsmotive von 
unendlicher Mannigfaltigkeit. Ihrer Anziehungskraft folgt Alles, 



') Log-gia scoperta IJ S. 192. 

2j Wieseler, Echo S. 29, 40. flelbig, Wandgemälde 1 S. 301. 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. j^45 

was lebt. Daher sehen wir in musivischer Arbeit, die ja vor- 
zugsweise für Quellorte bestimmt war. Laufbrunnen dargestellt, 
welche von Thieren aller Art, vierfüfsigen wie Vögeln, im 
Kreise umgeben sind. ^) Hirsche mit vorgestrecktem Hals zum 
Wasser gehend sind ein beliebtes Motiv von Gemmenbildern. 
Troilos führt sein Rofs zur Tränke und wird dabei von x^chill 
überrascht.-) Denn je einfacher das Leben der Menschen war, 
um so mehr bildete auch für sie die Quelle den Mittelpunkt 
der Ereignisse. Alles Aufserordentliche drängte sich hier zu- 
sammen, Liebesabenteuer nicht weniger als Kampf- und Mord- 
scenen, wie sie das Epos schilderte und die Kunst mit Vor- 
liebe darstellte. Hinterhalte am Brunnen bilden das Thema 
einer grofsen Reihe von Vasenbildern, ^) und wo der Brunnen 
fehlt, verrathen die am Boden liegenden Hydrien das zu Grunde 
liegende Quellmotiv. 

Andererseits ist es wiederum das Alltägliche, das regel- 
raäfsig Wiederkehrende, welches bei den Quellen zur Darstellung 
kam, so das Wandeln der Frauen zum Wasserholen; denn nicht 
nur die Kriegsgefangenen waren es, die zur Herrenburg die 
Krüge trugen,*) sondern auch die Freigeborenen und Königs- 
töchter. In feierlichem Gange wurde das Wasser zum Braut- 
bade geholt wie zum Tempeldienste. La'is wurde von Apelles 
gemalt, wie sie von der Peirene zur Tempelhöhe mit dem Kruge 
ging, und die zahlreichen Figuren von Hydrophoren bezeugen, 
wie gern man in der Plastik die Erinnerung an den heiligen 
Dienst festhielt, welchen die Töchter des Landes versahen.^) 

Als ein Ort der Begegnung und AViedererkennung erscheint 
der Brunnen auf den Spiegelreliefs, welche Odysseus und Pene- 
lope darstellen, wenn, wie ich nicht zweifle, der medusenartige 
Kopf mit den Satyrohren, der die Mitte einnimmt, eine Brunneu- 
mündung bezeichnet.") 

Waldquellen werden als Plätze stiller Abgeschiedenheit 
betrachtet; so die bei der immergrünen Platane unweit Gortys, 



*) Mosaik des Kgl. Antiquariums in Berlin. 

-) Jahn, Troilos und kein Ende S. 13. 

*) Zusammengestellt bei (ierhard, Etrusk. und Camp. \'asenbilder T. E. 

*) Ilias VI 457. Peloponnesos II 240. 

*) Jahn, Archäol. Beiträge S, 30. Statuetten von Lutrophoren in 
Grräbern: Stark, .Jahresbericht der class. Alterthumsw. II S. 1484. 

®) Annali vol. 39, 1867 p. 337. Ein Exemplar, in Chiusi gekauft, 
besitzt das Berliner Museum. 

Cartias, Gesaramelte Abhandlungen. Bd. H. 10 



J46 ^^^- Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

unter deren Schattendache Europa sitzt, vorgebeugt, den Kopf 
stützend, in tiefe Gedanken versenkt. Dies anziehende Bild, 
welches, wie auf gortynischen Silbermünzen, so auch in Terra- 
kottareliefs wiederkehrt,^) führt uns zu einem der fruclitbarsten 
aller Kunstmotive, welche dem Leben an der Quelle angehören. 
Denn wenn sie auch gelegentlich ein Schauplatz der heftigsten 
Scenen wird, ist sie doch an sich ein Ruheplatz, und dem ent- 
sprechen die behaglich liegenden Gestalten, in welchen man 
wohl geradezu die personificirte Quelle zu erkennen pflegt.^) 
Dieser Typus ist aber ein weit verbreiteter Ausdruck griechischer 
Kunst für alle Wasserwesen, welcher sich in bärtigen und un- 
bärtigen Männern wie in weiblichen Gewandfiguren mit den 
Conventionellen Attributen von Urne, Füllhorn,' Schilf, Zweig 
u. s. w. für Flufs, Bach und Quelle wiederholt, und die Typen 
gehen so in einander über, dafs eine durchaus flufsartige Gestalt 
auf Münzen von Pompeiopolis die Beischrift 7Tr]yrj lovriag trägt. ^) 
Diese Gestalten sind nicht als Münztypen componirt. Man 
erkennt auch auf Münzen von Odessos deutlich die Basis, auf 
deren Rand die Inschrift steht;*) das Münzbild ist also nur die 
Copie eines auf einem öffentlichen Platze aufgestellten Denk- 
mals. Wir lernen diesen Typus zuerst in den Eckfiguren von 
Terapelgiebeln kennen, zu denen Olympia neuerdings zwei wich- 
tige Beiträge geliefert hat. Dann ist er im hellenistischen Zeit- 
alter für städtische Monumente ausgebildet und endlich in der 
römischen Zeit bei ihrer Liebhaberei für allegorische Dar- 
stellung von Ländern und Städten zu weitester Verbreitung ge- 
kommen. Die kleinasiatischen Kaisermünzen sind mit liegenden 
Wassergottheiten überschwemmt; der alte Typus ist ganz zur 
allegorischen Phrase geworden, so dafs man einzelnen Wasser- 
gottheiten Attribute gab, welche mit dem ursprünglichen Wesen 
der Figur nichts zu thun haben. ^) 



^) Von einem solchen besitzt das Antiquariura in Berlin eine sehr 
schöne Form aus Perj^amon. Vgl. O. Jahn, Europa, Wien 1870, S. 26. 

-) „Fontaine persnnifice", Mionnet IV p. IGI. 

^) Gardner, Grreek River-worshij) (Royal Society of Lit. Vol. XI. 
New Seriesj Fl. II 17. 

*) Leake, Num. Hell. Eur. p. 79. 

0) So auf ephesischen Kaisermünzen mit MAPNAC (siehe Gardner, 
üreek River-Worship T. II 5), wo ein Schild sicher ist (vielleicht eine 
Anspielung auf den Namen). Vgl. die Nymphe der Landschaft Argolis 
mit dem Schil<le: Miliin, G. M. CXIII h. 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. J47 

Wir können bei den Quellgottlieiten, welche diesem Typus 
ruhig sitzender oder gelagerter Wasserdämonen folgen, eine 
zwiefache Auffassung unterscheiden. Wollte man die N^'mphe 
als eine mächtige Naturgottheit, als eine Segenspenderin dar- 
stellen, dann ist der Oberkörper stolzer aufgerichtet ; es ist ein 
Wesen höherer Art, dessen gnadenreiches Walten in dem aus- 
fliefsenden Giefsgefäfs angedeutet wird.^) Diese vornehme Hal- 
tung tritt besonders da hervor, wo die Nymphe sich als Orakel- 
göttin den Sterblichen bezeugt, denn bei den Quellen fühlte man 
sich der Gottheit näher, und an ihrem Rande gelagert suchte 
man im Traume göttliche Weisungen zu erlangen.-) Ein 
Quellorakel, von zwei Frauen aufgesucht, ist in einem schönen 
pompejanischen Bilde dargestellt, auf dem bei aller Würde, die 
eine religiöse Handlung verlangt, zugleich das Motiv lässiger 
Ruhe durch den über den Kopf gelegten Arm sehr bestimmt 
ausgedrückt wird.^) 

Dies Motiv beherrscht die ganze Gestalt, wenn sie bei ge- 
ringer Hebung des Oberkörpers vollkommen ausgestreckt liegt, 
ein Bild sorgloser Behaglichkeit, so dafs die Nymphen selbst 
die Ruhe geniefsen, welche die Menschen bei ihnen finden, 
jener Umwandlung gemäfs, welche seit Skopas und Praxiteles 
in der Bildung der hellenischen Gottheiten vor sich ging, indem 
sie selbst unter den Einflufs der Gaben gestellt wurden, die 
von ihnen ausgehen. 

Man hat in den weichen Umrifslinien der lagernden Ge- 
stalten eine Analogie mit Wellenlinien zu sehen geglaubt und 
rühmte bekanntlich an gewissen Meisterwerken von Flufsstatuen, 
dafs ihre Glieder fliefsender seien als das Wasser selbst.*) 
Man würde aber gewifs zu weit gehen, wenn man aus einer 
Naturmalerei den Ursprung des plastischen Typus herleiten 
wollte, welcher sich einfacher daraus erklärt, dafs sich die 
Plätze des fliefseiiden Wassers als bequeme und anmuthige 
Lagerstätten darbieten. 

Wie man menschliche Zustände und Handlungen auf die 
elementaren Gottheiten übertrug, zeigt ein anderes Beispiel 
recht deutlich. Es dienten nämlich die Quellen und Brunnen 

') Clarac p. 753. 

-j Vgl. die Incubation des Latinus. Vergil, Aeneis VII 88. 

») Heibig n. lUOl. 

*) Plinius 34, 78. 

10* 



j^4S -^li- Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen, 

als ein Platz für müfsigen Zeitvertreib. In der kühlen Grotte 
am AusHusse des Peirene war ein Raum, neaaoi genannt, wo 
die Korinther sich am Brettspiel vergnügten.^) Da nun die 
Wellen mit den Steinen, welche das Bett füllen, von Natur un- 
aufhörlich ihr Spiel treiben, lag es um so näher, auf die Nymplien 
das Bild des menschlichen Spiels zu übertragen. So finden wir 
auf den Münzen von Kierion die Nymphe Arne als ein nieder- 
kauerndes Mädchen, welches mit Steinen oder Würfeln spielt."^) 
Das anmuthige Bild ist gewifs nicht für die Münze erfunden. 
Wir dürfen vielmehr mit Sicherheit annehmen, dafs die thessalische 
Quellnymphe in dieser Weise bildlich dargestellt war^) und dafs 
sich so eines der lieblichsten Motive hellenischer Plastik ent- 
wickelt hat, das Bild halberwachsener Mädchen mit leichtem, 
von Schulter und Oberarm herabsinkendem Gewände, am Boden 
bequem hingelagert, mit dem einen Arme sich aufstützend, mit 
dem andern die Knöchel werfend oder die geworfenen auf- 
merksam betrachtend; ein Spiel, dafs nach Anschauung der 
Alten ein Symbol des von keiner Sorge getrübten, harmlosen 
Mädchenlebens war (vgl, Becker, Charikles II 30(3). 

Dies Bildwerk ist in fünf bis sechs Exemplaren bekannt. 
Das beste, aus Tyndaris stammende, ist Privatbesitz in Neapel. 
Ein zweites ausgezeichnetes Exemplar ist das Bildwerk des 
Berliner Museums, die „Knöchelspielerin", welche mit beiden 
Armen nach den vor ihr liegenden Astragalen gerichtet ist. 
Der Kopf zeigt unverkennbare Porträtbildung ; es lag also dem 
Bildwerke wahrscheinlich die Absicht zu Grunde, ein ver- 
storbenes Mädchen (Levezow dachte an ein Glied der Familie 
der Antonine oder des M, Aurel) als Nymphe darzustellen.*) 
In der berühmten Zeichnung aus Herculaneum, wo die Töchter 
der Quellmutter Niobe beim Knöcholspiele dargestellt sind, 
liegt das Vorbild einer Nymphe ebenfalls sehr nahe. 

Das besprochene Motiv wird weiter und freier ausgebildet. 



*) Eurip. Medea 68. 

'^) Millinp^en, Ancient coins p, 49. 

') 8o urtlieilt auch Leake, Num. Hell. Eur. p. 38. 

*) Eine männliche Brunnenfigur mit Porträtkopf findet sich in Venedig: 
Museo della Ularciana Nr. 20. Die Statue aus Tyndaris abgebildet in den 
Abh, der Akad. 18.^7 Taf, 5. Vgl, G, Wolft' in den Nuove Memoria 1865 
p, 333, der auf eine Gruppe mit Eros schliefst. Eine vorzügliche Terra- 
cotta desselben Motivs aus Tanagra besitzt Dr. Imhoof-Blumer. 



III Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. J49 

Die Haltung eines am Boden kauernden Mädchens wird aufgegeben 
und andere Spielwerkzeuge werden eingeführt. Auf den Münzen 
von Larisa sehen wir das Mädchen sitzend oder laufend mit 
einem Balle spielen, und darnach müssen wir auch die weibliche 
Gestalt auf den Silbermünzen von Terina deuten, welche, wie 
J. Friedlaender nachgewiesen hat/) mit zwei rundlichen Steinen 
spielt ; der eine ist in die Höhe geschnellt, der zweite liegt auf 
dem Bücken der andern Hand. Aus der Beischrift NIKA darf 
man wohl, schliefsen, dafs die nymphenartige Lokalgottheit, 
ebenso wie Parthenope, ursprünglich keine andere ist, als die 
einheimische Gottheit, welche, wie Athena Xike in Athen, als 
stadtschirmende Siegesgöttin verehrt wurde. 

Es sind aber die von Quellorten entlehnten Motive deshalb 
so wichtig für die Plastik der Alten, weil sie ihr Anlafs gaben, 
das Leben der Götter und Menschen von solchen Seiten auf- 
zufassen, welche ihr sonst fern lagen. 

Die Verehrung der Gewässer war die älteste und allge- 
meinste. Die dort ansässigen Götter waren die Autochthonen 
im Lande ;^J sie waren dem Volke viel näher und vertrauter 
als die hohen Olympier. Darum sind die griechischen Nymphen- 
reliefs wie anmuthige V'^olkslieder. welche das dämonische Leben 
an den heimathlichen Quellen in naiver Weise zum Ausdruck 
bringen. Ebenso kam das Menschenleben hier in einer anderen 
Weise zur Darstellung. Denn während sonst aus Palästra und 
Stadium die Motive entlehnt und hervorragende Persönlichkeiten 
mit Beziehung auf bestimmte Momente eines bewegten, that- 
kräftigen und von edler Ruhmbegierde erwärmten Lebens dar- 
gestellt wurden, hatten die Künstler an Quellen und Brunnen 
Gelegenheit, die Mensclien in iiirer alltäglichen Natürlichkeit 
zu sehen, wo Einer wie der Andere ist, und das behagliche 
Sichgehenlassen als Kunstmotiv aufzufassen. 

Freilich kann die Quelle auch elektrisiren und Energie 
wecken. So sehen wir auf der Ficoronischen Ciste den Jüng- 
ling, der sich, wie wir voraussetzen, aus der nahen Quelle ge- 
labt hat, seine Arme von Neuem zu gymnastischer Anstrengung 
ausstrecken ; die Quelle ermuntert zu froh bewegter Geselligkeit. 

') Archäologische Zeitung 1869 S. 101. 

") AvTÖ/D-orn; (^toi heifsen die Paliken bei Polemon, ed. I'reller 
p. J26. Wichaelis, Paliken S. 41. 



j50 III- Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

und wir sehen die Nymphen, gewöhnlich drei an der Zahl, zum 
Reigentänze auf grasigem Boden einander die Hand reichen. 
Pan tanzt mit ihnen oder spielt ihnen auf. Auch Hermes wird 
in den traulichen Kreis hereingezogen.^) 

In der Regel aber ist es ein dolce far niente, wozu das 
strömende Gewässer einladet, und besonders im Süden zeigt 
sich der Mensch hier (wie die Erinnerung an italienische Brunnen 
Jedem in das Gedächtnifs rufen wird) in voller, selbstvergessener 
Behaglichkeit mit allen den anmuthigen Motiven,, welche sich 
dem Auge des Künstlers darbieten. 

So wird der Zustand behaglicher Abspannung ein Gegen- 
stand der plastischen Kunst und zwar auf sehr verschiedene 
Weise, in stehenden, sitzenden und liegenden Figuren. Auch 
Apollon erscheint vermenschlicht und der Ruhe geniefsend, mit 
dem über den Kopf gelegten Arm ; aber sie ist der Lohn edler 
Anstrengung und die stille Sammlung zu neuem Wirken. Beim 
Silen dagegen auf der eben genannten Cista. der den allzu 
eifrigen Jüngling als einen Thoren verspottet, ist es das niedrige 
Behagen am völligen Nichtsthun und die vollständige Abspannung 
an Leib und Seele, die stumpfe Trägheit, wie sie in bekannten 
Bildwerken dargestellt ist."^) 

Zwischen beiden Extremen stehen die musicirenden Dä- 
monen. Denn diese Thätigkeit ist die einzige, welche mit dem 
dolce far niente am Brunnen vereinbar ist, ja die Musik ist ja 
an den Quellen recht eigentlich zu Hause. Die Waldquelle ist 
der Ursitz des hellenischen Musendienstes, wie Aganippe und 
Hippokrene bezeugen, und nachdem die Musen selbst vornehm 
geworden und ihrem heimathlichen Boden entfremdet sind, haben 
ihre Schwestern, die Nymphen, ihre Gesangesliebe immer be- 
wahrt; die alte Naturmusik hat sich in der Nymphe Echo er- 
halten, und die bacchischen Dämonen bezeugen am deutlichsten 
den ursprünglichen Zusammenhang zwischen Musik und Quelle. 

Marsyas ist zugleich Silen und Plufs ; als Flufsgott gelagert, 
trägt er die Flöten in der Hand.'') Pan erscheint als Flöten- 
spieler auf den Münzen von Caesarea, so wie er in der be- 

') Hermes als owotkuov der Naiaden am oberen Brunnenrande 
(y.or]vr-i -xoc/rös sTi' atrdov) aufgestellt: C. 1. Gr. n. 457. Vgl. den Hermes 
am Quellbache des Jordan in Caesarea n. 4^38 B. 

^) Namentlich Augusteum 91. MüUer-Wieseler, D. d. a. Kunst II 498. 

^) üardner, Kiver-worship p. 20 sq. 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. lol 

naclibarten Quellgrotte des Paneion aufgestellt war,^) oder er 
sitzt mit gekreuzten Beinen vor seiner Grotte. Bei ihm und 
den hockenden Silensfiguren mit der Syrinx am Munde (welche 
auch an Erzkrügen angebracht wurden, weil man die Vorraths- 
gefäfse wie Quellorte charakterisirte,-) erkennt man den Einflufs 
eines volkstliümlichen Humors, welcher sie mit halbthierischen 
Formen in possierlicher Stellung darstellte. Auch Satyrknaben 
spielen die Querflöte. Bei der in edlem Stil ausgebildeten 
Satyrgestalt sollte die Flöte nicht das Gesicht entstellen oder 
verdecken ; es blieb also nur die nachlässig angelehnte Gestalt, 
das Bild des behaglichen Dämmerlebens im Waldschatten, eines 
der beliebtesten Bilder antiker Plastik, das jetzt allgemein der 
praxitelischen Kunstschule zugeschrieben und ebenso allgemein 
als ein ursprünglich zur Waldquelle gehöriges angesehen wird. 
Man unterscheidet zwei Variationen, welche den Grundgedanken 
nicht ändern. Entweder fehlen die Flöten, oder der Satyr hält 
sie in den Händen. In letzterem Falle nimmt man eine augen- 
blickliche Unterbrechung des Spiels an. Von diesem Typus 
sind zwei Exemplare in Berlin, und an dem einen ^) zeigt der 
Baumstamm, der als Stütze dient, eine doppelte Oeffnung zum 
Wasserabflüsse, deren eine als Löwenkopf charakterisirt ist. Der 
Baum ist selbst als Fontäne gedacht, wie die Platane bei 
Korone.*) Ein ähnliches Motiv lag dem ebenfalls aufgestützten 
Satyr des Protogenes zu Grunde,'^) bei dem das auf dem Pfeiler 
sitzende Rebhuhn wohl dazu dienen sollte, die Nähe der Quelle und 
zugleich die tiefste Waldeinsamkeit zu veranschaulichen. Man 
betrachtet das Prädicat ai'a;iac6ueyo^, welches dem berühmten 
Bilde eigen war, gewöhnlich als Bezeichnung des vom Flöten- 
spiel Ausruhenden. Doch liegt dazu, wie ich glaube, kein 
Grund vor ; wir sehen ja, dafs das Femininum uvcntacoiUrij bei 
demselben Autor (§ 99) als Gattungsbegriff für ruhende Frauen- 
gestalten gebraucht wird, und sind also bei dem Satyr nicht 
berechtigt an etwas Anderes zu denken, als an ein anmuthiges 



') Arehäolojjische Zeitung 1869 S. 97. 

'^) So an dem etruskischen Erzgefäfse des Berliner Antiquariums 
Arch. Zeitung 1856 S. 161. 

*) Gerhard, Berlins antike Denkmäler p, 112. 

*) Paus. IV H4 : öei iy. Tihnüiov lö vSioo ■jtXuTeiui. Aehnliche Baum- 
fontäne in Bad Kreuth, 

») Plinius 35, 106. 



■]^ryO III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

Bild der caÜTTcaaic, der vollkommendsten Sorglosigkeit und des 
heitersten Naturgenusses. 

Aus den ruhenden Quellfiguren entwickelt sich ein neues 
Kunstmotiv, der Schlummer im Freien, der Schlummer der 
Siesta, welcher in der Nähe eines murmelnden Wassers den 
Ausruhenden unvermuthet beschleicht; ein Kunstmotiv, das die 
Alten sorgfältig und meisterhaft ausgebildet haben, und zwar 
mit Vorliebe an Bacchantinnen, welche von äufserster Leibes- 
und Seelenanstrengung erschöpft auf ihren Irrwegen endlich 
am Ufer eines Bachs oder an einem Quellrande in schwellendem 
Grase niedergesunken sind, mit der Schlange, welche sie als 
bacchisches Kennzeichen am Arm oder am Busen tragen,^) Sie 
unterscheiden sich darnach, ob sie liegend dargestellt sind, oder 
sitzend, wie die sogenannte Thetis,-) mit dem auf die rechte 
Schulter gesenkten Kopfe, indem sie die belastete Seite durch 
den aufgestemmten Arm stützt. Hier tritt das Zufällige des 
Schlummers noch lebendiger hervor als bei den gestreckten Fi- 
guren, und das Einnicken ist in der anmuthigsten Weise dar- 
gestellt, so dafs das Gesicht vollkommen frei bleibt, recht im 
Gegensatze zu dem vvorättiv der Silene, bei denen der schwere 
Kopf vornüber mit dem Kinn auf die Brust gesunken ist.-') 

Ueber die ganze Denkmälerreihe dieser schlummernden 
Bacchantinnen, der c(vurrav6f.ievai, wie sie mit technischer Be- 
zeichnung genannt wurden, hat zuletzt Dilthey gehandelt und 
mit vollem Rechte den Satz aufgestellt, dafs diese Figuren alle 
am Wasser zu stehen bestimmt waren.'*) 

Es ist ein Vorrecht des kindlichen Alters, an jedem Ort 
und in jeder Stellung^) sanft und leicht entschlummern zu können 
und deshalb ist dies Motiv mit grofsem Glücke auf Knabenge- 
stalten übertragen. 

Die Eroten sind mit Aphrodite in den Kreis der Quell- 
und Brunnengestalten eingetreten. Sie stehen einzehi am Brunnen 
angelehnt, ähnlich den bacchischen Dämonen. 

Eine vorzügliche Terracotte des Berliner Museums, 0,1 1 
hoch, zeigt uns einen Eros in behaglicher Stellung, halb stehend, 



') Properz I 3. Wieseler in den Gott. Nachrichten 1871 S. 588. 

2j Clatac p. 729 A „Thetis endormie". 

»j Böttiger, Kl, Schriften II ;-55tJ. 

•'j Rhein. Museum für Philologie XXV 1870, S. 1.^4. 

■') „temere" Üv. Am. I J4, l'J. 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. |53 

halb sitzend, den Kopf etwas vorgeneigt, an einer Fontäne, 
wie auf eine Begegnung wartend. Der linke Schenkel ist auf 
den Rand eines viereckigen Wasserbeckens gelegt, über dem 
sich ein Pfeiler erhebt, dessen Vorderseite mit einem Löwen- 
kopf geschmückt ist. Der linke Arm, von Gewand umhüllt, 
ruht oben auf dem Pfeiler; die rechte Hand ist in die Seite 
gestemmt. Unter dem rechten Arm und um das rechte Bein 
gewickelt, kommt das Gewand zum Vorschein; sonst ist der 
Körper unbekleidet. Die anmuthigste Ruhe spricht sich in 
diesem Brunnenbilde aus. 

Die Eroten kommen aber auch bei dem Bade der Aphro- 
dite vor, als dienstthuende Knaben thätig ; sie giefsen das Bade- 
wasser ein oder warten geduldig, auf einem Steine sitzend. Dann 
verfallen auch sie dem Zauber des Quellgemurmels und schlum- 
mern ein, das linke Bein aufgestützt. Darauf liegt das Köpf- 
chen, dem die beiden flach auf einander gelegten Hände als 
Polster dienen. Um das Motiv recht klar zu machen, ist bei 
einzelnen Exemplaren ein Wasserabflufs am Sitzsteine angebracht 
oder angedeutet.^) 

Der liegende Flügelknabe aus Tarsos-) läfst sein Köpfchen 
auf dem linken Arme ruhen ; unter demselben liegt der mit Ge- 
wand bedeckte Krug, dessen Mündung durchbohrt ist. Die 
Eidechse, welche in der Sonnenhitze am muntersten über die 
Felsen schlüpft, ist das natürliche Symbol des Mittagschlafs, 
der den am Brunnen Rastenden übermannt und seine Glieder 
gelöst hat. Hier ist das Quellmotiv deutlich bezeugt. Es ist 
aber in anderem Sinn verwendet : der schlummernde Knabe ist 
zum Todtengenius geworden und als solcher in unzähligen 
Exemplaren mit mancherlei noch unerklärten Einzelheiten wieder- 
holt worden.'') 

Nun ist es eine auf verschiedenen Gebieten klassischer 
Kunstdarstellungen gemachte Wahrnehmung, dafs mythologische 
Motive in einer AVeise verallgemeinert werden, durch welche der 
Inhalt ganz zurücktritt. Die Begegnung von Orest und Elektra 



^) Eroten, Badewasser eingiefseud, auch bei Narkissos (Wieseler, 
Echo S. 40). Clarac, pl. 644 A: „Amour endorini", dieselbe Stellung wie 
bei dem noch wachenden pl. Ü04. 

^) Brit. Museum. Berliner Gipsabgüsse n. 1584. 

') Vgl. Gerhard, Berlins antike Bildwerke 298 f., 339, 372 f. Ueber 
die Eidechse Kekule, Arch. Zeitung 1861 S. 911. 



154 m* Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

wird zum Typus eines unverhofften Wiedersehens am Eiterngrabe ; 
die Scenon von Kriegern, die im Hinterhalt liegen, werden 
wiederholt, ohne dafs Troilos gemeint ist. Bei den Eroten 
ist die ursprüngliche Bedeutung am frühesten erblafst, und man 
stellte einfache Menschenkinder, Hirtenknaben mit dem Hunde,') 
Fischerjungen mit gefülltem Korbe unter dem Arm,-) die am 
Bache oder am Fischteiche vor Müdigkeit eingeschlummert sind, 
in derselben Weise dar wie die Quelleroten; eben sowie die 
Eroten, die mit dem Kruge auf der Schulter an Wassenbassins 
standen, auch als einfache Knaben sich wiederholen.") 

Hieran schliefsen sich die mancherlei Gruppenbilder, welche 
Knaben mit Wasservögeln am Brunnen darstellen. Der Vogel 
wird ruhig unter dem einen Arm gehalten und mit der anderen 
Hand, wenn sie nicht zum Halten eines Krugs \ erwendet wird, 
gefüttert, oder die Scene wird dadurch belebt, dafs der Vogel 
sich sträubt und entweder beide Arme in Anspruch nimmt 
(s. oben S. 141) oder nur den linken, während der rechte auf 
einem durchbohrten Giefsgefäfse ruht.*) Bei diesem Motiv 
lernte die alte Kunst Kindergestalten mit so meisterhafter Leben- 
digkeit darstellen, wie sie Winckelmann mit Recht an dem 
Capitolinischen Knaben bewunderte, der den Hals eines Schwans 
umfafst.^) Zu vergleichen sind die mancherlei Spiele mit Del- 
phin, Ente u. s. w., welche aus den ursprünglich erotischen 
Brunnenmotiven erwachsen sind.*^) 

Ein anderes Motiv ist ebenfalls dem Leben am Brunnen 
entsprungen. Ein Knabe, der barfufs einen Botengang gemacht 
hat, hat sich einen Dorn in die Sohle getreten. Er benutzt 
das erste Wasserbassin, an dem er vorübergeht, um seinen Fufs 
zu waschen und dann von dem stechenden Dorn zu befreien. 

Dafs dies Motiv vom Brunnen stammt, ist durch ver- 
schiedene Denkmäler zu erweisen. Erstens durch die Gruppe 

') „Amour berger", ganz gleich dem Eros, nur flügellos, Clarac 
pl. ti44 A. 

-) „Enfant pecheur", S'/a' hoch, Mus. Pio Clem. III 33, in verschie- 
denen Copien. 

') Knabe mit dem Kopf auf dem aufgestützten linken Knie in Villa 
Albani, Clarac pl. 726 B. 

*) Gal, dei Candelabri 242. 

^) Gerhard, Beschr. Korns III S. 247. 

^) Lateranisches ]\Luseum S. 240. 



III. Plastik der Hellenen an Quellen und Brunnen. j^55 

aus Villa ]\[attei im Vatican, in der Paii einem Satyr den 
Dorn aus dem Fufse zieht, eine mittelmäfsig ausgeführte, aber 
höchst lebendig entworfene Gruppe, die von einer Brunnen- 
mündung stammt.^) Dazu kommt der Castellanische Dorn- 
auszieher, jetzt im Britischen Museum (Arch. Zeit. XXXVII 
Taf. 2 — 3). Er ist als ein Sclavenjunge gedacht, weit vor- 
gebeugt mit unübertrefflicher Lebendigkeit der schmerzhaften 
Operation hingegeben. Das vorzügliche, in seiner Art einzige 
"Werk ist gewifs nicht weit unter Alexander des Grofsen Zeit 
hinabzurücken und liefert, da in dem Steine, auf dem der 
Knabe sitzt, die Wasserlöcher deutlich vorhanden sind, einen 
neuen Beweis, wie die Brunnenmotive den Künstlern Anlafs 
gaben, mitten ins Leben hineinzugreifen und Situationen der 
Alltagswelt in voller Xatürlichkeit darzustellen. Das Leben 
der Familie gelangte auf den Grabsteinen zu einem ver- 
klärenden Ausdruck; das Leben draufsen auf Strafsen und 
Plätzen zur Anschauung zu bringen, dazu haben Quellen und 
Brunnen eine nicht zu unterschätzende Anregung gegeben. 
Hier ist zum Theil der Anfang dessen zu suchen, was wir das 
antike Genre nennen können. 

Es beginnt mit Figuren, die noch dem mythologischen 
Kreise angehören, dem Kreise der Wassergötter, der Aphro- 
dite, des Dionysos, die allmählich in den Charakter des rein 
Menschlichen übergehen. Die Nymphen gehen, gleichwie die 
Töchter des Landes , zum Wasserschöpfen aus , und die 
Anchirrhoe, welche auf Reliefs an Tempelgeräthen aus der 
Urne Wasser spendend dargestellt wurde,-) schreitet nun selbst, 
wie sie nach einer vielfach wiederholten Statue uns Allen vor 
Augen steht, das Gewand von dem vortretenden Fufs empor- 
ziehend, zum Wasserrande hinab ; ein Bild, das nur am Bande 
einer Quelle verständlich war.^) 

Auch auf dem seltsamen Vasenbilde des früher Blacas'schen 
Museums sehen wir eine Nymphe, auf einem stierförmigen Flufs- 
gotte reitend, mit leerer Urne zu einem Wasserbecken kommen. 
So wird das, was am Brunnen geschieht, in höchst naiver 



') Gerhard, Beschr. Roms II 250. 
2) Paus. VIII 31. 

^) lieber die Statuen der Anchirrhoe 0. .Tahn, Arch. Aufs. S. 27. 
Zuletzt Matz, Arch. Zeit XXXI 31 und Michaelis ebenda XXXII 24. 



^56 ^^^- flfistik der Hellenen an Quellen und Brunnen. 

AVeise auf die Wesen übertragen, von denen der Wassersegen 
stammt, '^y 

Nun entfernt sich die Kunst immer mehr von Mythus und 
Poesie und erfindet ohne Vermittelung derselben neue Motive. 
Bei dem Astragalenspiel tritt schon das Quellmotiv sehr zurück, 
und Pausanias erkennt darin nur noch ein Bild harmloser 
Kindlichkeit. Bei den Bildern ringender Knaben erinnern die 
Wasservögel noch an den Ursprung; der Dornauszieher ist 
nichts als ein dem Leben am Brunnen abgelauschtes Motiv. 

Es hat einen grofsen Eeiz , den inneren Entwickelungen 
des hellenischen Kunstlebens nachzugehen, die wir in der Regel 
nur nach äufseren Thatsachen zu überblicken pflegen. Wir 
unterscheiden deutlich eine ältere Kunst, welche sich aus- 
schliefslich mit dem an sich Bedeutenden und Inhaltvollen 
beschäftigt, und eine jüngere Richtung, die sich von Cultus 
und Legende entfernt, um das natürliche Leben nach den an- 
sprechenden Seiten, die es darbietet, in voller Unmittelbarkeit 
darzustellen. Diese Richtung wird schon durch Myron vor- 
bereitet; gewisse Werke des Praxiteles tragen einen genre- 
artigen Charakter. In der Diadochenzeit kommt diese Rich- 
tung zum Durchbruche und hat in der römischen Welt als 
decorative Kunst die weiteste Verbreitung gefunden. 

Zu einer Geschichte der inneren Bewegung des griechischen 
Kunstlebens sollte auch die vorliegende Abhandlung einen Bei- 
trag geben, welcher, ohne auf erschöpfende Behandlung des 
Gegenstandes Anspruch zu machen, doch vielleicht die Fund- 
stätten gewisser Kunstmotive richtiger zu erkennen hilft. Wie 
die natürliche Vegetation um die Quelle reichlicher aufspriefst, 
so hat auch die Kunst der Alten dort frische Triebe angesetzt 
und sich nach solchen Seiten entwickelt, die der älteren, reli- 
giösen und monumentalen, Plastik fern lagen. 



^) Panofka (Musee Blacas PI. 32) p. 94 nimmt aus diesem Bilde 
einen Beweis gegen die Flul'sbedeutung des Mannstiers, weil doch ein 
Flufsgott nicht dursten könne. 



IV. 

Brimnenfiguren. 

(Hierzu Tafel III.) 



Als ich im Herbste 1876 die Museen Italiens besuchte, 
hatte ich meine Abhandlung über die „Plastik der Griechen 
an Quellen und Brunnen" eben vollendet, und unwillkürlich 
suchte mein Auge unter den kleineren Werken alter Kunst 
nach solchen Motiven, welche von Fontänen herrühren. Am 
meisten Ausbeute fand ich in Neapel und liefs eine Reihe 
solcher Bildwerke, welche, an sich unscheinbar, in den Wand- 
schränken leicht unbeachtet bleiben, photographiren. Nach den 
Photographien sind die Zeichnungen auf Tafel III gemacht. 
No. 4 ist nach dem Original neu gezeichnet auf gütige Ver- 
anstaltung des Herrn Dr. Mau, dem ich auch für eine Reihe 
wichtiger Notizen dankbar bin, und ebenso dem Herrn Direktor 
de Petra für die aus dem Inventar des Museums gemachten 
Auszüge. 

Die Figuren sind sämmtlicli aus weifsem Marmor, an 
welchem vielerlei Ueberreste von Farbe sichtbar sind, und 
stammen aus Pompeji und Herculaneum. Sie sind in der Haupt- 
sache gut erhalten ; nur ist bei No. 4 der Kopf aus Gips er- 
gänzt, und No. 1 scheint auch an den oberen Theilen ergänzt 
zu sein. 

Meine Erläuterung der Tafel schliefst sich an frühere Be- 
trachtungen an. An Quellen und Brunnen, suclite ich zu zeigen, 
hat man die Menschen in behaglicher Abspannung, schlummernd 
oder in träumerischer Ruhe oder in harmlosem Gespräch be- 
obachtet, und hier lernte die bildende Kunst, welche sich sonst 
nur mit mythologischen Gegenständen oder mit siegreichen 



158 I^' Brunnenfiguren. 

Wettkämpfern beschäftigte, auf solche Motive eingehen, deren 
Darstellung ohne jeden Anspruch auf einen bedeutenden Inhalt 
nur den Zweck haben, das Menschenleben in voller Natürlich- 
keit zur Anschauung zu bringen. 

Die Brunnenfiguren sind zwiefacher Art. Entweder sind 
es "Werke von selbststäudiger Bedeutung, welche nur gelegent- 
lich mit einem Wassergufs verbunden werden, oder es sind für 
den Wassergufs componirte Kunstwerke, welche sich zu drama- 
tischen Gruppen erweitern, wie das vorliegende Blatt an einigen 
Beispielen zeigt. 

Die plastische Ausstattung, schlofs sich volksthümlichen 
Anschauungen an. So berichtete die Sage von Quellen, welche 
durch Hufschlag entstanden seien, und in einer korinthischen 
Fontäne diente der Pferdehuf als Wassermündung. ^) Noch 
seltsamer war die Statue des Chalkon, dem die Koer ihre 
Burina verdankten, mit der dem Fufs des Königs entspringen- 
den Quelle, wenn dem Scholiasten des Theokrit zu trauen ist.^) 

Das sind vereinzelte Seltsamkeiten, während die gewöhn- 
liche und volksthümliche Form für den Wassergufs der Kopf 
ist, in Anschlufs an den sprachlichen Ausdruck /.ifpah], caput, 
neugriechisch y.tffcdäQioi'. Man wählte den Kopf solcher Thiere, 
welche entweder durch ihre Kraft das Ungestüm des vor- 
dringenden Wassers charakterisiren, oder die mit dem Element 
des Wassers in besonderer Beziehung stehen. 

Zu diesen gehört der Frosch, der Nachbar und Freund 
der Quelle, dessen Stimme den durstenden Wanderer zum er- 
sehnten Ziele führt. Darum fand man ihn in Erz als Weih- 
geschenk an Quellorten aufgestellt, und das schöne Epigramm 
Platon's feiert 

tÖv Nv/.i(fwv d-eQdjcovTa, (/lAof-ißgiov vyqhv doiööv, 

xbv 'KißdoLV ytovcpaig TeQ7t6(.iBvov ßärga^ov 

Xcth/jJ) f.iOQ(piöoag rig odoacoQog evxog sd^r/.ev, 

y.ai\uaTog IxO-QorärtjV öiipav dy-cOGäf-Uvog.^) 

So erscheint er auch hier in der kleinen Marmorgruppe aus Her- 

culaneum No. 1. Ein Knabe sitzt auf einem Stein, der im 



*) Siehe oben IS. 141. 

*) Theoer. ed. Meineke p. 248: ix tov nodos avjov ixQeei ij ntjyri. 
„minime fietum videtur quod tradit scholiastes" sagt M. Dies Beispiel 
ist in der Al^handlung unerwähnt geblieben. 

•••j Anthul. Pal. VI 43. 



IV. Brunnenfiguren. 159 

Wasser steht; das Wasser ist durch blaue Farbe angedeutet. 
Aus der Tiefe desselben taucht urplötzlich der Frosch mit auf- 
gesperrtem Maul als Wasserspeier hervor und erschreckt den 
Knaben. Die Höhe beträgt 0.12. Die Basis zeigt schwarze 
Färbung, der Stein Spuren von braun und schwarz. An dem 
Knaben sind die Augäpfel mit dunkler Farbe angegeben ; Haar 
und Augenbrauen zeigen einen gelben Ton. 

No. 2 (c. 0,25 hoch) stammt aus Pompeji. Ein sitzender 
Knabe spielt mit einem Häschen, das er erhascht hat und 
zwischen den Beinen hält, während er es oben mit den Händen 
festhält und mit der Linken seine Kehle drückt, um dadurch 
das Aufsperren des Mundes zu veranlassen. 

Viel lebendiger und schöner componirt ist No. 3, eine 
Thiergruppe von 0,25 Länge, 0,16 Höhe. Ein Hund mit löwen- 
artigem Kopf stürzt gierig über einen Kuhkopf her, um ihn zu 
zerfleischen. Das offene Maul dient als Wasserspeier. No. 4 
ist die am mannigfaltigsten gestaltete und im Einzelnen am 
sorgfältigsten durchgeführte Gruppe. Sie stammt aus der 
Nähe von Torre del Greco und ist mit dem in unverhältnifs- 
mäfsiger Gröfse hergestellten Kopfe 0,225 hoch. Ein Satyr- 
knabe sitzt auf rauhem Gestein ; über der linken Schulter hängt 
eine offene Tasche, aus welcher der Kopf eines Lammes hervor- 
ragt. Mit der linken Hand stützt er sich auf den Felsen, um 
mit der senkrecht gestellten Rechten um so fester und nach- 
drücklicher den Nacken eines Panthers zu packen, welcher 
angstvoll den Rachen aufsperrt. 

In allen vier Gruppen erfolgt der Wassergufs nicht, wie 
gewöhnlich ist, durch eine Thiermaske, auch nicht durch ein- 
zelne sitzende oder liegende Thierfiguren, durch deren Körper 
eine Röhrenleitung gelegt ist, wie bei dem Morosinischen Löwen, 
den Molossern des Vatikan, der Kuh im Lateran u. a. nach- 
weisbar ist, ^) sondern die wasserspeiendeu Thiere sind als Mittel- 
punkte einer genreartig componirten Gruppe verwendet, bei 
welcher eine Mannigfaltigkeit plastischer Motive entwickelt ist. 
Wir finden eine komische Scene, in welcher der Frosch, wie ein 
Ungethüm aus der Tiefe auftauchend, den Knaben erschreckt, 
während in den anderen Gruppen das Aufsperren des Thier- 



') Siehe oben S. J38. 



■[QO IV. ßrunuenfiguren. 

maules, dem das Wasser entspringt, durch den Druck motivirt 
ist, welcher auf die Kehle des Thieres ausgeübt wird. 

Die Alten dachten sich, dafs die versteckten Quellen wie 
durch einen Kampf dem Boden abgerungen würden. So heifst 
es vom König Chalkon,^) er habe die Quelle zum Ausströmen 
gezwungen ev iveQEiodf^ievog nerqu yövv, einem Ringer ähn- 
lich, so wie Theseus dem Minotauros das Knie in die Hüfte 
stemmt. Was die Theoretiker sich als einen Druck des Pels- 
bodens dachten, welcher die Bergquellen mit solcher Gewalt 
hervortreibe (terrae pondere expressa siphonum modo emicat),^) 
das wurde in der Poesie und in der bildenden Kunst als ein 
von menschlicher Kraft ausgehender Zwang aufgefafst. Daher 
die Brunnenfiguren in Form von Kampfgrujopen, wie Herakles 
und Minotauros, Herakles und die Hündin, Knabe und Gans.^) 
Diese Kämpfe sind bald ernsthaft, bald mehr scherzhaft und 
spielend aufgefafst, und zu dieser Gattung gehört auch der 
Knabe, der das Häschen an der Gurgel hält, und der den 
Panther pressende Satyr. 

Endhch giebt es menschliche Figuren, welche als Wasser- 
speier benutzt wurden, Flufsgötter, wie sie auf den Münzen von 
Celsa vorkommen,*) und andere mit Quellen verbundene Dämonen, 
wie die Genossen des Dionysos sind. So zeigt uns Nr. 6 (0,35 
hoch, aus Herculaneum) einen Satyrkopf, aus dessen Munde der 
Wasserstrahl ausging, wie aus dem des Iberus. Er hat in der 
Kopfbildung, den Augenbrauen, dem Gesichtsausdruck und 
namentlich in dem charakteristischen Vorspringen des Ober- 
kiefers grofse Aehnlichkeit mit der Terrakottabüste des Pan, 
welche Furtwängler (Mitth. des ath. Inst. III 155) herausgegeben 
hat. Der Kopf ist vortrefflich modellirt und dient mit den vier 
nebenstehenden Gruppen, die von flüchtiger Ausführung und 
untergeordnetem Kunstwerthe sind, dazu, uns die mannigfaltigen 
Schöpfungen von genreartigem Stil, zu denen die Phantasie der 
Alten bei Ausstattung ihrer Fontänen angeregt wurde, anschau- 
lich zu machen. 

Wenn ich den fünf Brunnenfiguren als sechste eine schon in 
den Monumenti inediti X T. 30 veröffentlichte Statue anreihe, 

1) Theokrit VI! 7. 
") Plinius II ti6. 
3) Üben S. 141. 
*) Oben S. 137. 



IV. Brunnenfiguren. j[ßj[ 

SO liegt die Veranlassung dazu in einem besonderen Umstände. 
Als nämlich der Dornauszieher des Herrn AI. Castellani durch 
die Güte des Besitzers eine Zeitlang im Berliner Museum aus- 
gestellt war, erweckte er Adolf Menzel's Interesse in so hohem 
Grade, dafs er vier Zeichnungen davon machte, welche er auf 
meine Bitte der Archäologischen Zeitung (XXXVII Taf. 2—3) 
zur Verfügung stellte. Dafür haben wir gewifs alle Ursache 
dankbar zu sein. Denn es ist für unsere Studien ein seltenes 
Glück, wenn einer der hervorragendsten unter den Künstlern 
der Gegenwart ein neu gefundenes Denkmal der Antike mit 
solcher Wärme auffafst und mit solcher Meisterhand wieder- 
giebt. Aufserdem ist das Werk an sich von solcher Bedeutung 
für die Kunstgeschichte, dafs auch nach dem Stich in den Mo- 
numenti eine neue und mehrseitige Darstellung desselben nur 
willkommen sein kann. Xach der eingehenden Besprechung von 
Robert in den Annali ^) beschränke ich mich auf einige Be- 
merkungen, welche dazu beitragen mögen, das Verhältnifs dieser 
Statue zu dem capitolinischen Erzbilde zu erläutern; denn die 
geschichtliche Stellung dieser beiden Werke zu einander ist jetzt 
eines der anziehendsten Probleme der Kunstwissenschaft. 

Es handelt sich um die Zeit, in welcher die realistische 
Darstellung von Scenen des Alltagslebens bei den Griechen 
aufgekommen ist. Nach der noch immer herrschenden Ansicht 
geht man damit in die Periode des Hellenismus hinunter. Ich 
kann die Ansicht nicht für hinlänglich begründet ansehen und 
glaube vielmehr, dafs auch in der klassischen Zeit neben der 
idealistischen Richtung eine andere vorhanden gewesen sei. 
welche die unmittelbare Darstellung des Natürlichen erstrebte. 

In der Poesie ist die mimische Darstellung volksthümlicher 
Charaktere nicht erst alexandrinisch und nicht blofs in Si- 
cilien und Grofsgriechenland zu Hause; wir können auch nicht 
der Ansicht beistimmen, dafs in der peripatetischen Schule die 
scharfe Beobachtung des den einzelneu Ständen und Charaktern 
Eigenthümliciien ihren Anfang genommen habe. Aischylos und 
Sophokles haben es wohl verstanden, die Monotonie des tragischen 
Pathos durch solche Reden zu unterbrechen, in welchen die 
Denkart und Ausdrucksweise untergeordneter Stände mit Meister- 



*) II fanciullo dalla spina, statua di niarnio, Aiinali dell' Inst. lÖiG 
S. 124 tav. d'agg. .N.ü. Monumenti X T. XXX. 

Curtius, Qesuinmelte Auhandlun^en. Bd. IL 11 



-j^gO IV. Brunnenfiguren. 

band gezeichnet ist. Was aber die Plastik betrifft, so zeigen 
uns attische Grabreliefs des sechsten Jahrhunderts schon das 
Streben nach individueller Darstellung einzelner Persönlich- 
keiten;^) tanagräische Terrakotten von durchaus alterthünilichem 
Stil führen uns die gelungensten Scenen aus dem Handwerks- 
leben vor Augen, und selbst in dem Tempelgiebel des Alkamenes 
finden wir fremdländische Sklaven mit charakteristischen Be- 
wegungen und Gesichtszügen meisterhaft dargestellt. 

"Wie können wir also behaupten, dafs das Eingehen auf die 
Sitte untergeordneter Stände, das Herabsteigen der Kunst zur 
alltäglichen Welt erst mit der ly sippischen Zeit begonnen habe, 
als wenn die alexandrinische Epoche einen Wendepunkt bezeichne, 
an dem die hellenische Kunst auf einmal eine früher ganz un- 
bekannte Richtung eingeschlagen hätte! Nach meiner Ueber- 
zeugung ist der Zug des Naturalismus und Realismus, wne es 
bei jeder gesunden und volksthümlichen Kunstentwickelung der 
Fall sein mufs, auch in der Plastik immer neben der idealisti- 
schen Richtung hergegangen, wie Satyrspiel, Komödie und Mimus 
neben dem Kothurn der Tragödie, und er hat im Gegensatze 
zu dem hohen Stil des Phidias in Myrons Schule seine künst- 
lerische Ausbildung erhalten. Myron verstand es durch seine 
Genialität die untergeordnete Gattung so zu heben, dafs ihre 
Leistungen als ebenbürtig angesehen wurden. Er wirkte bahn- 
brechend, indem er eine Fülle plastischer Motive unmittelbar 
aus dem Leben nahm (multiplicavit veritatem), und diese Motive 
schlössen sich, wie wir aus den Werken seiner Schule sehen, 
gern an die Aufstellung und örtliche Verwendung der Statuen 
an. So bei dem Knaben des Lykios, welcher das Weih- 
wasserbecken hielt, und dem puer suffitor. Man waifste ganz 
unbedeutenden Vorgängen des täglichen Lebens durch die Dar- 
stellung ein künstlerisches Interesse abzugewinnen, und der 
Lieblingssklave des Perikles, den Styppax darstellte, wie er 
mit vollen Backen die Kohlen anblies, zeigt, wie beliebt 
damals auch solche Genrebilder waren, welche ohne Entstellung 
der Gesichtszüge gar nicht zu denken sind. 

Solche gelegentliche Motive fanden sich auch bei öffentlichen 
Brunnen, und ich glaube, dafs der neugefundene spinario ur- 

') A. Kirchlioll und E. Curtius, Altattisclies Gralnnonuiiicnt, Abh. 
der k. Akad. d. Wissensch. 1873 S. 158. 



IV, -Brunnenfisfuren. 1Q3 

sprünglich für einen solchen bestimmt war. Ich denke mir 
einen Sklavenjungen, der von einem Botengange über Land 
heimkehrt und den Brunnen am Thore benutzt, um sich den 
Dorn auszuziehen und den Fufs zu waschen. Dafs zwei 
WasseröfFnungen in dem Steine eingebohrt sind, hat nichts Be- 
fremdliches, 

Ich kann an dem Kunstwerke nichts entdecken, was 
den Charakter der hellenistischen Periode verriethe. Ich finde 
kein Prunken mit technischer Virtuosität, kein Suchen nach 
Effekt, keinen Anflug von Rhetorik, wie er schon bei dem 
Apoll von Belvedere unverkennbar hervortritt. Schliclit und 
einfach ist das "Wesentliche dargestellt, die Energie des Willens 
bei Durchführung einer schmerzhaften Operation. Da ist die 
vollste Frische und Naivität, die volle Unbefangenheit und 
Selbstvergessenheit, welche die Werke der klassischen Zeit 
kennzeichnet. Die kecke Originalität verbindet sich mit einer 
gewissen Gewaltsamkeit und eckigen Härte der Bewegungen, 
besonders in den Beinen; eine Eigenthümlichkeit, welche mich 
bei dem ersten Anblick an das distortum et elaboratum des 
Myron erinnert hat. Wir haben hier auch seine Liebhaberei 
für starke, fast übertriebene Biegungen des Körpers: man ver- 
gleiche das Rückgrat des spinario mit dem des Diskobolen. 

Ich glaube, dafs Alles, was Furtwängler^J angeführt hat, 
um die Erzstatue im Conservatorenpalast der Schule Myrons 
zuzueignen, nur auf den neuen spinario Anwendung hat. Es 
ist jetzt nicht mehr möglich, von dem „frischen, vollen, kühnen 
Leben" des Capitoliners zu sprechen. Bei ihm ist im Vergleich 
mit jenem Alles abgeschwächt, ins JMilde üliertragen und ge- 
glättet; die scharfen Umrisse sind in einen sanften Flufs der 
Linien aufgelöst; es ist Alles zahm, elegant und zierlich. Ich 
kann also in dieser Beziehung nur mit Kekule und Robert 
übereinstimmen , welche die Erzstatue und ihre Nachbilder 
der Schule des Pasiteles zuweisen. Ich erkenne aber in dem 
neu gefundenen spinario das Urbild, und zwar ein Werk der 
klassischen Kunst, welches den Stempel myronischer Schule 
trägt. 



'J Ä. Furtwängler, Der Dornauszieher und der Knabe mit der Gans. 
Berlin 1876. 



IJ 




V. 



Das Harpyienmomiment von Xantlios. 



Je deutlicher wir erkennen, dafs eine Geschichte Griechen- 
lands nicht anders als in Kleinasien anheben kann, um so mehr 
steigert sich unser Verlangen, die kleinasiatischen Völker aus 
ihren Denkmälern immer gründlicher kennen zu lernen. Hier 
hat die Arbeit kaum begonnen. Denn wer wollte in Abrede 
stellen, dafs selbst die Kunstwerke Lykiens wohl ein allge- 
meines und freudiges Erstaunen bei ihrem ersten Bekanntwerden 
erweckt haben, aber kein so eingehendes und so fruchtbares 
Studium, wie es die Bedeutung des Gegenstandes fordert. Es 
ist aber in ganz Kleinasien, es ist überhaupt seit Auffindung 
der Aegineten kein merkwürdigeres Denkmal alter Kunst zum 
Vorschein gekommen , als der ehrwürdige Grabthurm von 



V. Das Harpyienmonument von Xanthos. j^ß5 

Xauthos, welchem man der unverkennbaren Todesgottheiten 
wegen den Namen des Harpyien - Monuments gegeben hat. 
Ich versuche, das Verständnifs desselben durch einige Be- 
merkungen, welche seine Bauweise und namentlich seine Kunst- 
sprache betreifen, zu fördern.^) 

Nirgends sind wir über die alten Gräber, ihre Theile und 
die Benennungen derselben besser unterrichtet als in Klein- 
asien. Denn eine lange Reihe von Inschriften, namentlich aus 
Aphrodisias, beschreibt ausführlich die Denkmäler, über deren 
Eigenthumsverhältnisse jene Steinschriften als Urkunden ausge- 
fertigt worden sind. Nun gehören diese Inschriften gröfsten- 
theils einer Zeit an, da Kleinasien schon voll von römischen 
Namen war; man hat darum auch wohl die ganze Bauform, 
welche dort beschrieben wird, sowie die darauf bezügliche 
Terminologie für spät gehalten, wenigstens für ein Ergebnifs 
der hellenistischen Zeit. Um so merkwürdiger ist es also, dafs 
jene Beschreibungen in wichtigen Punkten auf das Harpyien- 
monument passen, nur mit der Ausnahme, dafs dies in alter- 
thümlicher Einfachheit aus einer monolithen Masse besteht, 
während die späteren Bauten aus verschiedenen Gliedern künst- 
lich zusammengesetzt sind. 

Unter den Hauptgliedern des Grabgebäudes wird immer 
zuerst ein thurmartiger Unterbau^) erwähnt, auf welchem das 
„Denkmal" im engem Sinne, das Mnemeion, ruht. Dies Denk- 
male ist mit der sargartigen Kammer"^) verbunden, um die 
üeberreste der Bestatteten zu umschliefsen. Ein wesentlicher 
Theil an dieser oberen Gliederung des Grabbaus ist der mit 
Bildwerk geschmückte Fries, ^) welcher die Ruhestätte umgiebt. 
Die Grabzellen selbst heifsen Eisosten, ^) weil hier die Ueber- 



') Schon der erste Jahrgang der Archäologischen Zeitung Nr. 4 
brachte die Reliefs des Monuments mit der gelehrten Erklärung Panoflcas. 
Seitdem hat sich Niemand eingehender und fruchtbarer mit dem Denk- 
male beschäftigt als Emil Braun, dessen geistvolle Aufsätze im Rhein. 
Museum, Neue Folge, Jahrg. III 1845: „Ueber die Marmorwerke von 
Xanthos" und in den Annali ddl' Instituto 1814: „Sepolcro di Xanthos 
detto dalle Arpie" mich zu den folgenden Bemerkungen vorzugsweise an- 
geregt haben. 

^) Oooöi;. 

*) släo^dpos. 



j^ßß V. Das Harpyienmonument von Xantlios. 

reste hineingeschoben wurden, und diese Eisosten werden als 
„im Bilderfriese liegend" angeführt.^) Niemand kann verkennen, 
dass dieser Ausdruck vollkommen auf das xanthische Denkmal 
pafst, und es folgt daraus, dass die in Inschriften römischer 
Zeit bezeugte Gräbersitte nicht dem Hellenismus angehört, 
sondern dem alten Kleinasien eigenthümlich ist, namentlich dem 
Südwesten der Halbinsel, Karlen und Lykien; durchaus ver- 
schieden von der Sitte Lydiens, die wir von den Achäern fort- 
gepflanzt sehen. In Lydien ist die Ruhestätte tief im Erd- 
boden versteckt und vom 'hochragenden Erdhügel belastet; in 
Lykien und Karlen ein hoch aufgebautes, thurmartiges Denk- 
mal und in der Höhe desselben die Todtenkammer, ganz ent- 
sprechend dem Grabthurme des Kyros im Garten von Pasargadai.^) 
Besonders merkwürdig aber scheint mir dabei, dafs der Bild- 
schmuck als ein wesentlicher Theil des Grabbaus angeführt 
wird. Es mufste also mehr als ein müfsiger und willkürlicher 
Zierrath sein, namentlich da der Fries unmittelbar der Ruhe- 
stätte zur Einfassung diente. Das ehrwürdigste Beispiel eines 
solchen Grabfrieses giebt uns nun der durch die Winterstürme 
von Jahrtausenden auf seiner E'elshöhe wunderbar erhaltene 
Grabthurm von Xanthos. 

Der Eingang der Kammer ist an der Westseite, wie bei 
allen vom Lichte des Tages abgekehrten, den Göttern der 
Unterwelt zugewandten Anlagen. lieber der Thüre steht eine 
säugende Kuh — das kann keine bedeutungslose Verzierung 
sein, sondern wir treten hier gleich in den Kreis einer tiefen, 
aber klaren und durchsichtigen Symbolik ein. Die Thüre der 
Kammer ist zugleich die Pforte des Hades ; sie bezeichnet die 
Macht des Alles zu sich herabziehenden Gottes der Unterwelt, 
welche die Alten in bekannten Beispielen durch eine in Stein 
ausgemeifselte Pforte sinnbildlich darzustellen gewohnt waren. 
Ueber der Pforte erkennen wir das Gegenbild, das Symbol 
nährender Pflege und lebenspendender Naturkraft. Denn so 
weit wir auf Münzbildern orientalischer und griechischer Städte 



') Corp. Inscr. Gr. no. 2840: elacöoT)] ei> rä> etSofÖQco. 

^} Die Beschreibungen des Kyrosgrabes bei Strab. 730 und Arrian 
VI 29 {Tufos — h TtToüycoi'Ov o/j]fin nE7Toir,T<ti • (ivwd'ev Sa o'ixi]fin stteoti, 
Xld'i'i'oi' iareyaofievor, O'vfjiSu iy^ov <fe()ovoav taio axEvqi', cos ftolis /u' tri 
uvä()i ov (ieyäho Tiokka xaxoTTaO'ovvxi. ■:ia(jeXd'Eli') passen wörtlich auf das 
Harpyienmonument. 



V. Das Hari^yienmonument von Xanthos. j^ß'J 

die Kuh mit dem saugenden Kalbe antreffen, ist sie das Sinn- 
bild einer die Welt durchdringenden und erhaltenden Schöpfungs- 
kraft oder der diese Kraftfülle in ihrer Person darstellenden 
Gottheit. 

Die Grabpforte ist eingefafst von zwei Bildern ; links ist 
es eine sitzende Frau, rechts sitzt ihr gegenüber eine Frau, 
auf welche drei andere in Prozession zuschreiten. Beides sind 
Göttinnen ; durch Körpermafs, durch Thron und Diadem als 
herrschende Gottheiten bezeichnet — aber die links thronende 
ist eine einsame, die andere eine gesellige; jene ist gemieden, 
diese wird begrüfst und verehrt; die eine empfängt nur Opfer, 
wie die starr hingehaltene Schale andeutet, die andere freudige 
Huldigung. Von den hinzuschreitenden Frauen erweist die 
erste durch Vorziehen des Schleiers und Aufziehen des Schlepp- 
gewandes der Göttin ihre Ehrerbietung ; die zweite trägt Blüthe 
und Frucht, die dritte ein Ei. Granaten, Blüthe und Frucht 
hält die Göttin selbst in ihren Händen ; es wird ihr also nach 
einer tief religiösen Anschauung nur wiedergegeben, was von 
ihr stammt, was ihr Eigenthum ist ; dies ist aber nichts Anderes 
als Leben und Lebenskraft und zwar in drei Stadien der Ent- 
wickelung , als verborgener Lebenskeim im Ei , als aufge- 
schlossenes Leben in der Blume und endlich des Lebens reife 
Frucht im Granatapfel, der in seiner harten Schale neue 
Samenfülle einschliefst. Der Lebensgöttin sitzt die Todesgöttin 
gegenüber. Wer beide im Originale oder im Abgüsse ver- 
gleicht, der empfängt unwillkürlich links den Eindruck einer 
ernsten und starren Herrscherin, rechts den einer den Menschen 
näheren und huldreichen Göttin. Jene ist, weil sie die nächt- 
liche, die Schattenseite des Lebens darstellt, winterlich gekleidet 
mit dichtem Mantelwurfe ; der Sessel, das Sitzkissen, der Fufs- 
schemel sind schmucklos, nur die Lehne wird von einer Fliigel- 
sphinx gestützt. Die hoch gehol)(jne Linke hielt wahrscheinlich 
ein Scepter oder — wie es nicht selten vorkommt — es ge- 
nügte auch ohne Scepter der hochgehobene Arm die scepter- 
haltende Herrschermacht zu bezeichnen, welcher sich kein Erd- 
geborener zu entziehen vermag. Gegenüber welch ein Gegen- 
satz! Die Körperformen sind jugendlicher, die Haltung ist 
freier, anmuthiger, die Bekleidung leichter. Der Fufsschemel 
ist in schön geschwungenen Linien ausgeschnitzt ; die Thron- 
füfse sind geschmückt mit frei aufsteigenden Palmetten. Das 



^ßg V. Das Harpyienmonument von Xanthos. 

breite Querholz ziert ein reicher Kranz von Blumenformen, 
selbst das. Polster schimmert mit bunter Stickerei zwischen den 
beiden Füfsen durch, welche mit Volutenkapitellen die eigent- 
liche Sitzbank leicht emporhalten ; darüber erheben sich Rück- 
und Seitenlehnen, Die Rücklehne läuft in einen Schwanenhals 
aus, die Seitenlehne in einen Widderkopf. So ist der ganze 
Sessel mit Lebensformen reich geschmückt, um die Königin des 
Lebens zu bezeichnen, die auf ihm thront. Wie aber die 
Symbolik der Thronsessel sich vorzugsweise in den frei enden- 
den Gliedern der Seitenlehnen zu offenbaren pflegt, so auch 
hier. Sphinx und Widder — Tod und Leben ; denn der 
Widder ist in mannigfacher Beziehung ein Lebenssymbol und 
namentlich auch in der Medeasage unverkennbares Sinnbild der 
aus dem Tode verjüngt hervorgehenden Lebenskraft. 

Auf bekannten Vasenbildern sieht man den Widder bald 
von der Medea geführt, bald aus dem Kochkessel, den sie mit 
Zauberkräutern gefüllt hat, emportauchen zur Beglaubigung 
ihrer Verjüngungskunst. Die beiden einander entgegenstehen- 
den Symbole, welche hier auf zwei göttliche Figuren vertheilt 
sind, kommen an andern Orten vereinigt vor zum prägnanten 
Ausdrucke einer den Tod überwindenden Lebenskraft. So auf 
dem attischen Grabsteine, den ich in der Archäologischen 
Zeitung (Jahrg. III S. 145) herausgegeben habe. Hier wird 
an dem Armsessel der sitzenden Frau die Lehne von einer 
Sphinx gestützt; über der Sphinx aber springt der Widder- 
kopf vor, in welchen die Lehne ausläuft. 

_ Wie Grabthüre und säugende Kuh, so verhalten sich 
auch die thronenden Gottheiten zu einander ; Satz und Gegen- 
satz. Bild und Gegenbild, klar ausgesprochen und auf das Ge- 
naueste durchgeführt. Die Grabpforte ist aber nicht einem 
äufserlichen Gesetze der Symmetrie zu Liebe in der Mitte 
angebracht, sondern weit links gerückt, so dafs die Schale der 
Todesgöttin den Pfosten der Grabpforte berührt. Dadurch 
wurde erreicht, dafs die rechte, die Licht- und Lebensseite 
sich dem Auge sogleich als die grcifsere, vollere, in jeder Hin- 
sicht vorwaltende darstellte, und so erhielt der Beschauer schon 
an der Vorderseite des ganzen Denkmals die trostreiche Ver- 
sicherung, dafs die Mächte des Lebens auch den in die dunkle 
Kammer Hineingeschobenen nicht verlassen. 

Mit diesem Tröste konnte man dann zu den Nebenseiten 



V. Das Harpyienmonunient von Xanthos. \QQ 

hintreten, wo des Todes raffende Allgewalt in den krallen- 
füfsigen Harpyien schonungslos dargestellt scheint. Doch auch 
diese Gestalten müssen schärfer in das Auge gefasst werden, 
um den in ihnen ruhenden Sinn zu verstehen ; denn so viel 
mufs auch dem, welcher bis jetzt daran zweifeln mochte, klar 
und gewifs sein, dafs in diesen mit höchster Andacht der Kunst 
gebildeten Reliefs keine Linie bedeutungslos ist. 

Zunächst bemerken wir an allen vier Harpyien mit Aus- 
nahme der Krallen, die das Unentfliehbare des Verhängnisses 
kurz und sicher ausdrücken, durchaus nichts Schreckhaftes oder 
Schaudererregendes. In den Gesichtern liegt ein ruhiger, milder, 
freundlicher Ernst, wie er dem königlichen Diademe entspricht, 
welches ihr Haupt schmückt. Diese friedliche Ruhe ist auch 
in dem wohlgeordneten Haare ausgedrückt, das durch seine 
lockige Fülle zugleich den Reiz von Anmuth und Jugend ver- 
leiht. Selbst das Häfsliche der Krallen ist dadurch auf das 
Feinste gemildert, dafs aus den Flügelschultern weibliche Arme 
hervorwachsen, welche die Kinder weich und sorgsam umfangen. 
Also die Gestorbenen bleiben im Arme der Liebe ; sie werden 
getragen von menschlichen fühlenden AVesen, ja sie werden 
sogleich getränkt und gespeist. Denn die Flügelfrauen sind 
mütterlich dargestellt; sie halten die Kinder an ihre volle Brust, 
und die Kinder strecken beide Aermchen zu ihnen empor, wie 
zu einer Mutter. Die grofsen Flügrl, die man im mächtigen 
Schwünge rauschen zu hören glaubt, bezeichnen wie die schräge 
Stellung des Körpers die sturnigleiche Schnelligkeit, und die 
Schwanzfedern, in die der Vogelleib ausläuft, gleichen einem 
Steuerruder, das die sicher auf das Ziel gerichtete Fahrt ver- 
bürgt. 

Aber der Rumpf, an den sich alle die besprochenen aus- 
drucksvollen Gliedmafsen anschliefsen, will noch in das Auge 
gefafst sein. Denn bei schärferer Betrachtung werden wir dem 
Urtheile von Emil Braun, welcher den ganzen Körperbau dieser 
Dämonen einen durchaus harmonischen nennt, kaum beiptiichten 
können. Weder Kopf noch Schwanz wachsen natürlich aus 
dem Leibe hervor; der Rumpf ist gar kein Vogelleib; er ist 
ohne Federn, von glatter Oberfläche, die einer harten Schale 
gleicht; die Umrisse des Rumpl'es bilden eine Ellipse, die mit 
harter und strenger Linienführung noch unter dem Schultertlügel 
durchschimmert (siehe S. 164). Wollte man in dieser Darstellung 



I'^Q V. Das Harpyienmonument von Xanthos. 

das ÜDgescbick einer noch stümperhaften Kunst wahrnehmen, 
so genügt ein Blick auf Hahn und Taube, um sich zu über- 
zeugen, mit welcher unbedingten Meisterschaft die Künstler, 
welche dies Denkmal geschaffen, Tiiier- und namentlich Vogel- 
gestalten darzustellen verstanden. AVir können also mit voller 
Sicherheit annehmen, dafs diese Abweichung von der natür- 
lichen Form eine absichtliche sei und dafs sie den Zweck habe, 
einen bestimmten Gedanken zur Geltung zu bringen, selbst auf 
Kosten der Harmonie der Form. Es ist aber dies Mittelstück, 
welches sich so unorganisch aus dem Ganzen ausscheidet, 
nichts Anderes als ein Ei, das wir so zum zweiten Male auf 
demselben Denkmale als das Sinnbild eines verborgenen Lebens- 
keims erkennen. Von den Kräften dieses neuen Lebens giebt 
die Todesgüttin ihre Nahrung, und nun erst begreifen wir, 
warum sie nicht als ein lebensfeindliches, unfruchtbares Wesen, 
sondern als nährende Amme, als mütterliche Pflegerin dar- 
gestellt wird, an welche sich die Kinder vertraulich an- 
schmiegen. Nicht die Geraubten sind es, welche trauern, 
sondern die Zurückbleiberden. Diese Trauer ist einfach und 
ergreifend in der am Boden sitzenden und die Hand an die 
Wange legenden Figur dargestellt,^) in der mau wohl eine 
Schwester des geraubten Kindes vermuthet hat. Aber was 
berechtigt uns, in den fortgetragenen Gestalten nur Kinder 
zu erblicken? Es wäre seltsam, wenn auf dem ganzen Denk- 
male nur die in frühzeitigem Hinwelken sich offenbarende 
Todesmacht dargestellt wäre. Viel wahrscheinlicher ist es doch 
und durch die bekanntesten Analogieen der antiken Kunst- 
sprache gerechtfertigt, wenn wir in der wiederkehrenden Kinder- 
gestalt die menschliche Seele erkennen, welche an den Brüsten 
der Todesgüttin ein neues Leben beginnt. 

So sind wir allmählich und, wie ich hoffe, auf dem metho- 
dischen Wege einfachster Kunsterklärung zum Verständnisse 
einer Reilie tiefsinniger Gedanken vorgedrungen, welche bei 
aller Mannigfaltigkeit im Ausdrucke als gemeinsamen Kern den 
Glauben an die Unsterblichkeit der Seele enthalten, welcher 
im Tode das Leben, im Ende den Anfang zu erkennen vermag. 
Und wie tief mufs dieser Glaube das geistige Leben des Volks 
durchdrungen haben, da er mit seiner tröstenden Kraft in so 



') Siehe über diese Gebärde: Archäologische Zeitung 1845 S. HS. 



V. Das Harpyienmonument von Xanthos. ;[7| 

mannigfaltigen Symbolen der Kunst seinen festen Ausdruck 
gefunden hat. wie wir ihn erst in der säugenden Kuh über der 
Grabpforte, dann in dem Gegensatze der Todes- und Lebens- 
göttin und endlich in der symbolischen Gestalt der Harpyien 
erkannt haben. 

Wir nennen diese dämonischen Wesen Harpyien nach der 
homerischen Erzählung von den Pandareostöchtern, welche in 
der tiefsinnigen Lebensanschauung der Lykier wurzelt^ aber 
ihren wesentlichen Inhalt bei der griechischen Umformung ein- 
gebüfst hat ; denn es ist nichts übrig geblieben, als das Bild 
eines raschen Todes und der wehmüthige Ausdruck mensch- 
licher Hinfälligkeit, welche ihr Opfer fordert, wenn gerade der 
mit allen Güttergaben geschmückte Mensch in voller ßlüthe 
steht. Die lykischen Todesgenien sind ihrem Wesen nach ganz 
etwas Anderes ; sie können eher mit den Nymphen verglichen 
werden, denn auch diese sind zugleich milde, nährende Gott- 
heiten und Todesgöttinnen, die den Hylas hinraffen, wie auch 
jenen attischen Knaben, den seine Eltern auf einer Felshöhe 
Attikas „nahe bei den Nymphen" bestatteten, indem sie einen 
Trost darin suchten, ihren Knaben als einen von den Nymphen 
Geraubten sich vorzustellen.^) 

Namen geben sollte billig beim Kunsterklären immer das 
Letzte sein. Der Name ist das Siegel, das mit voller Um- 
schrift aufgedrückt wird, wenn Alles in (Jrdnung gebracht ist. 
Wie sollten wir aber zu solcher Sicherheit gelangen bei dem 
Denkmale eines Volks, dessen Herkunft, dessen Sprache und 
Religion uns noch so unbekannt sind? Hier können wir schwer- 
lich etwas Anderes thun, als die in allgemein gültiger Formen- 
sprache ausgedrückten Symbole mit solchen Vorstellungen in 
Verbindung bringen, von denen wir wissen, dafs sie in Lykien 
einheimisch waren. 

Nun ist eines der wenigen lykischen Wörter, welche ent- 
ziffert und verstanden werden, das Wort lad, lada, Frau, 
welches man mit vollem Rechte in dem Namen Leda wieder 
erkannt hat.-) Die griechische Heroine dieses Namens mufs 
in Lykien eine hohe Göttin gewesen sein, und die beiden Leda- 
symbole, welche sich bei den Griechen erhalten haben, gestatten 



•) Corp. Inscr. Gr. no. 997. 

2) Siehe Preller, Mythologie 11' S. 90. 



■J^'J'2 V. Das Harpyienmonument von Xanthos. 

eine etwas genauere Auffassung ihres Wesens. Denn der 
Schwan," welcher die Tyndaridensage begleitet, ist ein von 
Dichtern und Bildnern reichlich bezeugtes Symbol der schöpfungs- 
kräftigeu Naturgöttin, welche von Cypern her nach Hellas ge- 
kommen ist/) und das Ei der Leda hat ebenfalls eine unver- 
kennbare Beziehung auf die Göttin der Lebenserzeugung, mit 
der es nicht blofs durch den orphischen Eros in Verbindung 
gesetzt ist. Da sich nun bei der rechts von der Grabthüre 
thronenden Gottheit beide Symbole wiederholen, der Schwanen- 
hals an der Rücklehpe ihres Throns und das Ei in ihrer Hand 
sowohl wie in der Hand einer ihr huldigenden Dienerin, so 
sind wir, glaube ich, wohl befugt, diese Göttin, die Lebens- 
königin der Lykier, Leda zu nennen, Ihr Wesen scheint dem 
der syrisch-griechischen Aphrodite am verwandtesten zu sein, 
und darum heifst es in der homerischen Redaktion der Pan- 
dareossage, die Harpyien hätten die Töchter geraubt, „als 
Aphrodite zum hohen Olympos gestiegen sei"; also während 
die Lebensgöttin fern war, verfielen die Kinder dem Banne des 
Todes. 

Die Westseite des Denkmals sowohl wie die Gestalten der 
Todesgenien sind in ihren wesentlichen Beziehungen erklärt, 
üeber die anderen Gottheiten erlaube ich mir, der ich ferne 
von dem Gedanken bin, dafs auf einmal Alles erklärt werden 
könne, nur einige kurze Bemerkungen. Die drei Zeus ähn- 
lichen Gestalten erinnern, wie von mehreren Seiten richtig er- 
kannt worden ist, an die Cultusformen der alten Welt, welche 
den höchsten Gott in dreifacher Manifestation darstellten, und 
es ist eine wichtige Thatsache, dafs gerade von Ilion, von 
Argos, von Korinth, von lauter Orten, welche mit lykischen 
Gottesdiensten erfüllt waren, die Verehrung des dreifachen Zeus 
überliefert wird;^) ja der Heros vom lykischen Zeleia hiefs 
Triopas — so sehr gehörte jene Cultusform zur Nationalität 
der Lykier, wo sie auch auftreten mag. 

Die Beziehungen unter diesen drei Göttern sind natürlich 
viel schwieriger zu enträthseln als der einfache Gegensatz, der 
die westliche Seite erfüllt; ja es scheinen unsere Hülfsmittel 



>J 0. Jaliii, Aiihrndite und Scliwan, Ar(;lnif)l Zeitung 1M44 Taf. XIV. 
Vgl. jetzt: Killkniann, Jalirbucli des Instituts, Band I S. 2.il. 
2) Panof'ka in der Archäologischen Zeitung 1843 S. 54. 



V. Das Harpyienrnonument von Xanthos. j[73 

ung'enügeiicl zu sein, um das ßäthsel jener Dreiheit zu lösen. 
Indessen ist es leicht, den Gott der Ostseite als den vornehmsten 
der drei, als den Hypsistos zu erkennen. Sessel und Fufsbank 
bezeugen seinen Vorrang; der Blumenschmuck des Sessels, die 
Blüthen und Früchte, ferner die in der Frühe wachen Thiere, 
wie Hahn und Hund, bekunden, als Symbole des Tages, die 
Gottheit des Lichts. Ich wage die Vermuthung auszusprechen, 
dafs wir in diesem lykischen Lichtgotte den Lykeios erkennen 
dürfen, den Hauptgott und Xamengeber des ganzen Volks, 
welcher auch auf diesem Denkmale nicht fehlen durfte ; der, 
ursprünglich nur eine Form des Himmelsgottes. ^) unter seinem 
Beinamen Apellon oder ApoUon ein griechischer Gott neben 
Zeus wurde, welcher noch in der homerischen Zeit vorzugs- 
weise auf der üstseite des ägäischen Meeres zu Hause war. 
Das Ungethüm unter der Armlehne des Gottes ist ein dem 
Python analoger Drache, fischschwänzig, wie auch der delphische 
Drache auf Spiegelzeichnungen vorkommt ; eines jener Geschöpfe 
sumpfiger Finsternifs, durch deren Erlegung die Lichtgötter und 
Lichtheroen ihre Triumphe feiern. Vielleicht nannten es die Lykier 
Belleros, das Stammwort des Heroennamens Bellerophontes. 

Bei dieser Dreiheit des höchsten Gottes ist es eine für die 
Eeligionsgeschichte des Alterthums wichtige Frage, wie weit 
die Lykier in der Dreiheit die Einheit festhielten ; ob sie 
unter den drei Einen als den wahren Zeus betrachteten, und 
die Macht der anderen nur als eine von ihm zu Lehen ge- 
tragene, oder ob sie gar die drei Personen als die Hypostasen 
eines im Verborgenen waltenden Gottes ansahen. Weit ent- 
fernt, diese Frage entscheiden zu wollen, weise ich nur auf den 
Namen des Zeus Triopas hin, welcher bezeugt, dafs die Drei- 
heit als Eigenschaft des Einen angesehen wurde. Und für 
diese Auffassung, welche allerdings die grobpolytheistischen 
Ansichten, wie man sie gewöhnlich den Alten beilegt, an Er- 
habenheit weit übertrifft, glaube ich noch einen Beleg anführen 
zu dürfen. Wenn es nämlich feststellt, dafs die Unterscheidung 
des in sich abgeschlossenen und des an die Welt sich hin- 
gebenden Gottes eine dem frühen Morgenlande gemeinsame ist,-) 



^) Siehe Schönborn, Ueber das Wesen ApoUons S. G7. 
-J Vgl. Jacobi, üeber die Fragmente des Phi'i'ecydes l)ei den 
Kirchenvätern S. 15. 



-] 74 ^^' -Das Harpyienmonument von Xanthos. 

und wenn für den zurückgezogenen Gott in gleicher Verbreitung 
das Symbol des Rings vorkommt, so wird es vergönnt sein, 
auch in dem vielbesprochenen Münzstempel der Städte Lykiens, 
dem sogenannten triquetrum, den die Mitte bildenden Ring als 
das Sinnbild der von der Welt zurückgezogenen Gottheit zu 
betracliten, die drei vorspringenden Arme aber als Symbole 
der drei Formen, in denen die Gottheit auf ein besonderes 
Sein eingeht.^) Der Ring ist die Hauptsache, der feste, un- 
veränderte Kern des Münzbildes; die Zahl der Arme wechselt, 
da sie von religiösefi Vorstellungen abhängt, welche örtlich ver- 
schieden sind. Namentlich kommt der Ring mit zwei Armen 
vor, und diese Darstellung findet eine Erklärung in dem korin- 
thischen Cultus, in welchem der Clithonios und der Hypsistos 
neben dem unbekannten und namenlosen Zeus verehrt wurden.^) 
Wenn die vorgetragenen Bemerkungen, in denen ich ab- 
sichtlich alles Fremdartige fern gehalten liabe, in der Haupt- 
sache richtig sind, so ist ein tieferer Einblick in Religion und 
Kunst des lykischen Volks eröffnet. Bis jetzt hat man nur 
die grofse Verwandtschaft zwischen den xanthischen und den 
altgriechischen Reliefs in das Auge gefafst, aber nicht die Ver- 
schiedenheit. Die Verwandtschaft des Stils ist allerdings so 
grofs, dafs in dieser Beziehung nur von einer gemeinsamen 
Kunst die Rede sein kann; es ist unverkennbar der Stil einer 
hieratischen Kunst, welcher sich in strenger Feierlichkeit ge- 
bunden hält, während sich in Nebenwerken und Verzierungen 
die freieste Bewegung schalkhaft verräth. Die Verschiedenheit 
aber zeigt sich darin, dafs die hellenische Kunst den Gegen- 
satz zwischen Form und Gedanken, zwischen plastischem Aus- 
drucke und symbolischer Andeutung überwunden hat, die 
lykische Kunst aber nicht. Ihr gilt der im Symbole vertretene 
Gedanke höher, als die klare Form ; sie ist tiefsinnig auf 
Kosten natürlicher Schönheit. In dieser Beziehung bildet also 



*) Auf den Dienst eines dreifachen Zeus ist das Triquetrum schon 
von Andern gedeutet worden (siehe v. Paucker, Archäologische Zeitung 
1851 S. 380); aber der mittlere Ring ist unbeachtet geblieben, der doch 
nicht blofs ein äufserlich verbindendes, sondern ein sell)ständiges und zwar 
das wichtigste Glied der ganzen Figur ist; wie sollte also, wenn das 
Ganze symbolisch ist (und daran kann Niemand zweifeln), der Hing ohne 
Bedeutung sfinV 

2j Tansanias II 2,1. 



V. Das Harpj-ienmonument von Xanthos. j^'75 

Lykien für die Kunstgeschichte einen merkwürdigen Uebergang 
von Asien nach Hellas, und darum hoffe ich, dafs die hier aus- 
gesprochenen Gedanken über die religiöse Kunst der Lykier 
nicht ohne fruchtbare Einwirkung auf die Betrachtung der ge- 
sammten Kunstwelt der alten Völker bleiben werden. 



Nachtrag (Rede am Winckelmannsfeste). 

Das Andenken Winckelmanns vereinigt uns heute. Wir 
ehren ihn als den Gründer einer Wissenschaft, welche unserer 
Pflege anvertraut ist ; wir bekennen uns verpflichtet, in seine 
Lebensarbeit einzutreten und sein Werk nicht untergehen zu 
lassen. Die letzte seiner selbständigen Arbeiten ist der Ver- 
such über die Allegorie, von welchem im vorigen Jahre eine 
Säcularausgabe erschienen ist. mit handschriftliclien Nachträgen 
Winckelmanns ausgestattet, aus denen hervorgeht, wie sehr ihm 
diese Schrift am Herzen gelegen hat. Und in der That ist sie 
trotz vieler Mängel im Einzelnen und im Ganzen ein grofs an- 
gelegtes Werk, als der Versuch einer wissenschaftlichen Be- 
handlung der gesammten Kunstsprache, von der AVinckelmann 
erkannte, dafs sie ebenso wie jede andere Sprache, in welcher 
geistiger Inhalt dargeboten wird, in wissenschaftlichem Zu- 
sammenhange behandelt werden müsse, wenn man des Inhalts 
gewiss werden wolle. 

Es kommt mir vor, als w^enn wir auf diesem zuletzt von 
Winckelmann bearbeiteten Gebiete am wenigsten vorwärts ge- 
kommen wären ; denn während an Kenntnifs des Materials so 
riesige Fortschritte gemacht worden sind, dafs die AVissenschaft 
AVinckelmanns mit der heutigen gar nicht zu vergleichen ist, 
herrscht auf dem Gebiete der Kunsterklärung noch immer eine 
peinliche Unsicherheit, sobald die Analogien bekannter Sagen- 
kreise uns im Stiche lassen. Wir empfinden es täglich, dafs 
niclits so schwierig ist, als für authentische Interpretation eine 
sichere Methode aufzustellen, und wenn schon bei Erklärung 
der Schriftsteller eine zwiefache Gefahr vorhanden ist, dafs 
man entweder am Buchstaben klebt ohne in den tieferen Sinn 
einzudringen, oder dafs man zu viel in den Worten sucht und, 
wie man sagt, zwischen den Zeilen liest : so ist bei der stummen 



^76 ^- ^^^ Harpyienmonument von Xanthos. 

Mittheiliing der bildenden Kunst diese Gefahr noch ungleich 
gröfser und die Aufgabe dessen, der die dem Kunstwerke zu 
Grunde liegenden Gedanken nachweisen will, eine ungleich 
schwierigere , namentlich wenn es sich um solche Gedanken 
handelt, welche die alte Kunst nur anzudeuten pflegt ; denn es 
ist bekannt, wie blöde und zurückhaltend die Alten in Allem 
sind, was sich auf das Gemüthsleben und die religiöse Em- 
pfindung bezieht, wie sie sich hier auf eine halb verstohlene 
Zeichensprache beschränken, die nur dem aufmerksameren Blick 
offenbar wird. Sie mufs aber erforscht und verstanden werden, 
wenn man dem Geiste der Alten gerecht sein will, denn so 
lange ihre Kunst religiös blieb, ist die Symbolik ihr Lebens- 
element, und insofern ilir Zusammenhang mit der Religion 
niemals aufgegeben ist, hat sie auch den symbolischen Charakter 
nie ganz verleugnet. Darüber kann keine Meinungsverschiedenheit 
obwalten. In der Praxis aber ist das Verhalten der Kunst- 
gelehrten ihren persönlichen Neigungen zufolge ein sehr ver- 
schiedenes. Die Einen betrachten die Symbolik wie eine 
Schwäche der unmündigen Kunst, eine Kinderkrankheit, welche 
im Alter wiederkehrt; in den Augen der Anderen giebt sie 
den Kunstwerken erst ihren wahren Werth; demgemäfs werden 
die Einen immer eine gewisse Scheu empfinden, symbolische 
Beziehungen anzuerkennen und jenes Halbdunkel ängstlich 
meiden, welches über die Denkmäler ausgebreitet ist, die sich 
auf religiöse Vorstellungen und menschliches Gemüthsleben be- 
zielien, während die Anderen sich hier in ihrem Elemente 
fühlen und auf dieser Lieblingsfährte weiter gehen, als dafs die 
nüchterner Gestimmten ihnen nachkommen könnten. 

Bei solchen , die Forschung beherrschenden Stimmungen 
darf es sein Bewenden nicht haben, das ist klar; und es ist 
von den Aufgaben unserer "Wissenschaft, wie sie uns am 
Winckelmannstage billig vor Augen treten, gewifs eine der 
wichtigsten, dafs über den symbolischen Charakter der älteren 
Kunst eine gründlichere Verständigung erzielt werde. 

Zu diesem Zwecke giebt es kein besseres Mittel, als wenn 
Denkmäler aufgefunden werden, an denen die Wissenschaft zu 
einer festen Methode erzogen wird und sich gewissermafsen ge- 
nöthigt sieht, jeder subjektiven Einseitigkeit abzusagen, Denk- 
mäler, denen der religiös-symbolische Charakter so deutlich 
aufgeprägt ist, dafs auch die nüchternste Betrachtung sich der 



V. Das Harpyienmonument von Xauthos. 177 

Anerkennung desselben nicht entziehen kann, und wo zugleich 
die bildlichen Darstellungen in solchem Zusammenhange vor- 
handen sind, dafs ein Zug den anderen erläutert, Denkmäler 
endlich, von denen man überzeugt sein kann, dafs ihre Dar- 
stellungen nicht auf willkürlichen Einfällen Einzelner beruhen, 
sondern auf volkstliümlichen Anschauungen. 

In allen diesen Beziehungen ist ohne Frage einer der 
wichtigsten Ueberreste des bildlichen Alterthums der Grabpfeiler 
von Xanthos. ein Werk von streng religiöser Haltung, dabei 
so figurenreich, so in sich abgeschlossen und von so einziger 
Erhaltung, dafs, wenn irgendwo, so hier, wenigstens für eine 
gewisse Gattung religiöser Kunstwerke, aus dem Werke selbst 
der Schlüssel des Verständnisses und eine Art Regulativ der 
Erklärung gefunden werden mufs. 

So erschien mir das Werk, seitdem es uns im Abgüsse 
vor Augen steht; es zog mich durch seinen geheimnifsvollen 
Charakter unwiderstehlich an, und ich versuchte an unserem 
Winckelmannsfeste 1854 das, was sich mir nach langer Be- 
trachtung als Inhalt des Werks unabweislich herausstellte, zu 
einem Gedankenbilde zu vereinigen. Es war die Unsterblich- 
keit der Menschenseele, welche ich in einer Reihe von Symbolen 
als das Thema der ganzen Composition ausgesprochen fand. 
Selbst unsicher, war ich bei der Veröffentlichung') auf Wider- 
spruch gefafst, auf Belehrung gespannt. Indessen ist meine 
Auslegung des Denkmals, das in allen kunstgeschichtlichen 
Vorträgen und Büchern eine hervorragende Stelle einnehmen 
mufste, nirgends bestritten worden ; vielmehr haben Gelehrte, 
die von den verschiedensten Standpunkten an das Denkmal 
hinangetreten sind, den Gedankeninhalt desselben durchaus an- 
gemessen von mir ausgedrückt gefunden ; auf dem streitigsten 
Gebiete archäologischer Forschung schien zu guter Stunde eine 
Uebereinstimmung gewonnen und damit in der Erklärung sym- 
bolischer Kunstwerke ein Schritt vorwärts gethan. Man wird 
es also begreifen, warum ich, da neuerdings gewisse Haupt- 
punkte meiner Deutung in Zweifel gezogen sind.'-) diese Ge- 
legenheit dankbar ergriffen habe, um meine Ansichten von 
Neuem zu prüfen und die Berechtigung jener Zweifel zu be- 



') Archäoloi^ische Zeitung 1855 S. 1 ff. 
^) Vgl. Friederichs, Bausteine S, 44. 
Curtiaa, Oesanimelte Abhandlangen. Bd. U. 12 



j78 ^" -^^^ Harpj'ienmonument von Xanthos. 

leuchten, nicht aus kleinlicher Rechthaberei, sondern aus sach- 
lichem Interesse. Denn es kommt doch Alles darauf an, dafs 
wir uns endlich einmal aus dem Widerspruche subjectiver 
Meinungen und Stimmungen herausarbeiten. Und zu diesem 
Zwecke erlaube ich mir heute wenigstens einige Gesichtspunkte 
geltend zu machen, die bei Betrachtung des Denkmals noch 
nicht zur Sprache gekommen sind. 

Ich beginne mit dem Schwierigsten , dem Eileibe der 
Flügelfrauen, Die Eiform kann angesichts des Denkmals 
Niemand leugnen ; sie kann auch weder aus Bequemlichkeit 
(wie dies auf lUichtigen Vasenbildern A-orkommt) ^) noch aus 
Ungeschick erklärt werden ; die anderen Thierleiber, namentlich 
Hahn und Taube, sind mit grofser Genauigkeit und vollkommenem 
Natur verständnifs gemacht. 

Nun kommt dazu, dafs die Eiform sich an einer Gestalt 
findet, welche eine aus verschiedenen Elementen zusammenge- 
setzte und verschiedene, einander ganz entgegengesetzte Eigen- 
schaften, wie die der Mütterlichkeit und der Raubgier zu einem 
Begriffe vereinigende Wundergestalt ist, deren einzelne Glieder 
also doch etwas bedeuten sollen, denn wozu wären sie sonst so 
seltsam zusammengesucht und zusammengestellt ! Wir werden 
also durch vernünftige Ueberlegung darauf hingewiesen, den 
einzelnen Bestandtheilen eine symbolische Bedeutung zuzu- 
schreiben. 

In der Auswahl ihrer Symbole sind die Griechen — und 
wir dürfen die Lykier, als sie diesen Grabthurm bildeten, mit 
ihrer dem attischen Reliefstile so nahe verwandten Kunst un- 
bedenklich dem Kreise der griechischen Stämme anreihen — 
durchaus nicht selbständig und unabhängig. Es zeigt sich immer 
mehr, wie viel Symbole vom Morgenlande übernommen sind, 
entweder mit dem Inhalte, welchen orientalische Speculation 
ihnen gegeben hat, oder mit veränderter Bedeutung ; am meisten 
ist dies von Lykien zu erwarten, dem äufsersten Grenzlande 
hellenischer Cultur, dem Nachbargestade Syriens und Aegyptens, 
dessen Hauptstadt von einem Aegypter Xanthos ihren Namen 
haben sollte. 

So können wir denn auch die symbolische Vogelgestalt 



^) z. B. in der Darstellung von Herakles und Kerberos in Mon. dell' 
Jnst. VI, tav. 30. 



V. Das Harpyienmonument von Xanthos. ^79 

mit voller Sicherheit auf den Boden von Aegypten verfolgen. 
Hier ist der Vogel mit dem Eileibe zu Hause ; mit Geier- oder 
mit Sperberkopf als lebenspendender Schutzgott über dem 
Könige schwebend, mit einem gesenkten und einem gestreckten 
FlügeP). Am merkwürdigsten aber ist das Monument aus 
Karnak, aus der Zeit Ptolemäus Euergetes II, in Lepsius' 
Denkmälern Abtheilung IV Bl. 31. 

Hier hat der Vogel JVlenschenkopf, Eileib und Schwung- 
federn, ganz wie auf dem lykischen Grabmale,-) und diese 
Uebereinstimmung ist um so wichtiger, da es sich hier auch 
um den Gegensatz von Leben und Tod handelt. Der Wunder- 
vogel schwebt nämlich über einem liegenden Todten ; der Todte 
ist Osiris, der Vogel die Seele des Amun Ea, wie ihn der 
Kopfschmuck bezeichnet und die Inschrift nennt. Hier sind 
die Vorstellungen, denen das Bild seine Entstehung verdankt, 
aus dem Todtenbuche vollkommen bekannt.^) Ha ist der Ur- 
sprung, der Urgrund alles Lebens; er ist das Kinetikon, der 
Beweger der Materie, der das Weltei sprengt und zur Ent- 
wickelung bringt. In dem über dem Todten schwebenden 
Vogel des Amun Ra ist die Lebenssubstanz enthalten, welche 
in eine neue Daseinsform übergeht ; daher das Ei, daher auch 
der Phallus, welcher vor dem Eileibe sichtbar ist. Der Einzel- 
mensch ist, sofern er sich nicht durch Sünde entweiht hat, ein 
Theil der Gottheit, und wenn er gestorben, giebt er sich als 
Gott zu erkennen und nimmt die Güter der jenseitigen Welt 
in Anspruch. So bezeugt es die Urkunde des Todtenbuchs 
und darauf beruht die Identität von Ra und Osiris : der Tod 
ist der Uebergang des Ra-Osiris aus einem Leben in das andere; 
es ist eine Kette von Entwickelungen, wo kein Anfang und 
Ende zu unterscheiden ist. 

Dem Volke der Hellenen lagen diese Speculationen ferner. 
Sie waren hier vom Oriente abhängig (aus der persischen 
Mythologie leitet Plutarch das Weltei ab ; die syrische Göttin 
kam aus dem Ei)*) und namentlich von Aegypten. Es ist die 



») Lepsius, Denkmäler, Abtheil. III 129. 243, 257. 272. 

2) Vgl. die Abbildung in der Archäolog. Zeitung 1855 Taf, LXXIII. 

^) Vgl. Lepsius, Aelteste Texte des Todtenbuchs, 1867, S. 4G. 48 tT, 

*) Plut. delside47. Welcker, Griech, Götterl. 2,418. Vgl. über die 
Symbolik des Eis: Bachofen, Versuch über die Gräbercsymbolik der Alten 1859. 
Gerhard, Das Ei auf Kunstdenkmälern, Archäolog. Zeitung 1859 S. 57*. 

12* 



IgQ V. Das Harpyienmonument von Xanthos. 

einstimmige Ueberlieferiuig der Hellenen, dafs sie in der Un- 
sterbliclikeitslehre Schüler der Aegypter gewesen seien, und 
wir wissen jetzt, wie grofsartig diese die Lehre entwickelt, und 
dafs sie allein ihre kosmogonischen Theorien auch ethisch zu 
verwerthen und einen orientalischen Pantheismus mit einem 
Individualismus zu verbinden wufsten, wie dies dem ethischen 
Gefühle der Griechen und ihrer Fi'eiheitsliebe allein zusagen 
konnte. Ein so begabtes und ideal angelegtes Volk, wie das 
der Lykier, ist in Aneignung dieser Weisheit gewifs den anderen 
Hellenen vorangegangen. Ein Reihe von Unterv/eltsagen ist 
aus Aegypten in den griechischen Volksbesitz übergegangen; 
selbst so populäre Sagen, wie die von den Danaiden und vom 
Oknos waren bei den Aegyptern zu Hause.') Anderes hat die 
Theologie der Or^ihiker aufgenommen und hellenisirt. 

Wir können nun nachweisen, dafs auch die orientalische 
Kosmogonie, welcher das Ei angehört, bei den Lykiern vor- 
zugsweise Eingang gefunden hat. Bei ihnen ist die Ledasage 
einheimisch, die einzige unter den griechischen, in welcher das 
Ei eine bedeutende Rolle spielt und selbst als Cultusobject 
vorkommt,-) und in Xanthos gab es eine Sage, nach welcher 
Arnos, der Stadtheros von Arne d. h. Xanthos, mit Protogonos 
gekämpft hatte. ^) Protogonos aber, gleich Phanes, ist eine 
orphische Figur, aus dem Weltei geboren. Also hier finden 
wir orphische Dogmen mit städtischer Mythologie verwachsen. 
Nach orphischer Lehre war das Ei so heilig, dafs der Genufs 
desselben als Frevel angesehen wurde, es war das heilige Sym- 
bol allverjüngender Kraft, die aQxrj ysviotwi^. Thoneier finden 
wir in Gräbern als Unsterblichkeitssymbole, Eier auf dem 
Tische bei Gräbermahlen.*) 

Wenn nun also ein so heiliges Symbol in unverkennbarer 
Form als Glied eines phantastischen Wesens an einem Grab- 
male, an welchem das Ei auch sonst neben Frucht und Blüthe 
als Symbol erscheint, in einem von orphischen Sagen ganz durch- 



') Das an der Temijeldecke hängende Ei, y.aTEilr,uuEvov jaiincus, im 
fleiligthum der Hilaeira und Phoibe: Pausanias III 16, 1. 

-) Diodor. 1, 97. Bachofen S. 61. 

^J Steph. Byz. "A<^)va, eine Stelle, welche M. Haupt (Opuscula III 
\). 64) zu einer Emendation des pseudovergilischen Culex trefflich be- 
nutzt^hat. 
l!"^ *) ßachofen S. 49. 



V. Das Harpyienmonument von Xanthos. ;[g| 

drungenen Lande vorkommt, so begreife ich in der That nicht, 
aus welchem Grunde wir an der symbolischen Bedeutung 
desselben zu zweifeln berechtigt wären, wenn nicht etwa aus 
dem Grunde, dafs das Ei sonst nirgends an dem Rumpf eines 
Wundervogels vorkomme. Nun haben wir aber ein ganz ent- 
sprechendes Beispiel aus Aegypten, dessen Anblick jeden Ge- 
danken au eine zufällige Eigestalt beseitigt ; die Aneignung 
dieses Typus aus Aegypten ist unzweifelhaft. Auf dem ägyp- 
tischen Denkmale findet derselbe seine volle Erklärung ; es ist 
der aus dem Tode verjüngt sich erhebende Lebensgott. Es 
fragt sich also nur, ob dieser Typus der Palingenesie aus dem 
Lande, welches als das Vaterland des Unsterblichkeitsglaubens 
bei den Griechen angesehen wurde, ohne Bedeutung herüber- 
genommen worden sein soll oder nicht; eine Frage, die nur 
aus dem Charakter des ganzen Denkmals entschieden werden 
kann. 

Da darf ich aber jeden Unbefangenen fragen, ob wir es 
liier mit einem Denkmale zu thun haben, wo eine gedankenlose 
Ornamentik mit Formen spielt, oder vielmehr mit einem Werke, 
das von Anfang bis zu Ende mit ernstem Bedachte ausgeführt 
ist, getragen von dem Geiste andächtiger Feierlichkeit und 
strenger Ueberlieferung. 

Wollte ich dies im Einzelnen durchführen, so müfste ich 
längst Gesagtes wiederholen. Will man aber auf der Ansicht 
bestehen, dafs an diesem Relief Körperformen. Bewegungen und 
Gruppirungen vorkommen, welche nur zufällig veranlafst und 
ohne Bedeutung sind, da mufs mau sich auch gestehen, dafs 
man damit zugleich dem ganzen Werke seinen Kunstwerth ab- 
spriclit; denn gedankenlose W^illkür ist mit dem Charakter 
eines hellenischen Kunstwerks unvereinbar. Auf jeden Fall 
entzieht es sich dann jeder wissenschaftlichen Behandlung, denn 
von der Laune eines Künstlers kann man sich keine Rechen- 
schaft geben, und Niemand wird Neigung haben, sich noch 
ernst und eingehend mit dem Bildwerke zu beschäftigen, so 
wenig wie man Lust haben wird einen Dichter zu studiren. 
wenn man inne wird, dafs er Phrasen macht. 

Ist denn aber, fragen wir weiter, der Inhalt, welchen wir 
in den Bildwerken zu erkennen glaubten, etwa der Art, dafs 
es an sich durchaus unwahrscheinlich ist, ihn iu einem alten 
Kunstwerke zu finden? Mit anderen Worten, ist die homerische 



-[g2 V. Das Harpyienmonument von Xanihos. 

Ansicht von einem trostlosen Schattenleben im Jenseits so 
herrschend und so mafsgebend gewesen, dafs der Ausdruck 
einer entgegengesetzten Anschauung befremden müfste? Um 
dieser noch immer mehr als billig verbreiteten Ansicht ent- 
gegenzutreten, will ich hier nur noch mit wenigen AVorten auf 
die Zeugnisse aufmerksam machen, welche die bildlichen Denk- 
mäler dafür ablegen, dafs die Alten nicht müde geworden sind, 
ihre über das Grab hinausgehenden Hoffnungen an den Gräbern 
auszusprechen, und zwar in dreifacher Weise. 

Erstens durch die sinnreiche Auswahl der Sagenstoffe für 
die Ausstattung ihrer Marmorsärge, wie dies von Gerhard, von 
Stephani u. A. nachgewiesen worden ist.') Denn Niemand 
wird in Abrede stellen, dafs der gottbegnadigte Schlummer 
eines Endymion, einer Ariadne u. s. w. ein trostreiches Todes- 
bild sei, und ebensowenig, dafs die Admetos- und Protesilaos- 
sage, dafs selbst Katastrophen, wie die des Phaethon, wegen 
der endlichen Erhöhung der dabei Betheiligten, auf die Be- 
ruhigung trauernder Gemüther berechnet sind. Eingemischte 
Porträtzüge zeigen deutlich, dafs die Sagenbilder nur Symbole 
des allgemein Menschlichen sind, und ebenso dienen bacchische 
Attribute, die den Mysterien angehören, Masken, Fackeln, 
Cymbeln, Flöten dazu, die mythische Darstellung zu durch- 
brechen und unmittelbar auf die Person des Verstorbenen hin- 
zuw^eisen. 

Dies führt uns auf die zweite Art, die gelegentlich ange- 
brachten Ausdrücke des Unsterblichkeitsglaubens, welche uns 
recht anschaulich machen, wie stark und lebendig diese Ge- 
danken sich überall vordrängen. Dahin gehören die aufserhalb 
der Handlung stehenden Eckfiguren der Sarkophage, die Schlaf- 
götter und ihre bedeutungsvolleren Stellvertreter, die Victorien, 
welche Blumen im Schofse tragen, die gewifs richtig auf die 
Kränze gedeutet worden sind, mit denen Griechen und Römer 
ihre Todten ausstatteten.^) Sieht man doch auch Todesgenien 
sich einen Kranz aufsetzen, den Kranz des Ueberwinders. Ein 
versteckteres Symbol ist die Eidechse auf den Sarkophag- 



') Gerhard, Beschreibung der Sladt Rom I S. 320. Stepliani, Aus- 
ruhender Herakles S. 17 ff. 

-) Die Victorien an Sarkophagecken als Schmuck nach Visconti 
Mus. P, Cl. 4, 44 ; „Hören" nach Jahn, Archäol. ßeitr, S. 64. Vgl. Wie- 
seler, Phaethon S. 74. 



V. Das Harpyienmonument von Xanthos. j^gß 

deckein, welche die Wiedereröffnung der geschlossenen Augen, 
das Wiedererwachen zu einem neuen Leben ausdrückt.^) Auf 
den Querseiten der Sarkophage sieht man in flacherem Relief 
nicht selten solche Bilder, in denen das Epische der Darstellung 
zurücktritt und der Mythus ganz zum Symbole wird. So auf 
dem Sarkophage Michelozzi in Florenz, wo sich auf der Haupt- 
seite in reicher Fülle der Raub der Kora entfaltet, während 
die Nebenseiten in Bild und Gegenbild das Schicksal der 
Menschenseele darstellen ; links wird eine verhüllte Frau von 
Hermes geführt, rechts eine gleiche von Herakles. Hier ist 
Alkestis also nur Symbol der Palingenesie.^) 

Endlich noch ein Wort über die den Unsterblichkeitsglauben 
bezeugenden Darstellungen, welche keinen mythischen Inhalt 
haben; ich meine besonders die attischen Grabsteine. Hier 
sind die Scenen des Mahls, wo der Verstorbene als ein Er- 
höhter unter den Seinigen fortlebt und ihre Huldigungen ge- 
niefst, gewifs von allen plastischen Zeugnissen jenes Glaubens 
die unzweideutigsten und werthvollsten, denn sie bewahren uns 
vor dem Irrthume, dafs sich etwa erst in der Zeit der Sarko- 
phage eine höhere Ansicht von dem Schicksale der Menschen- 
seele entwickelt habe. Gehören doch gewisse Darstellungs- 
weisen , welche ohne Frage zur Beruhigung der über ihr 
künftiges Schicksal besorgten Menschen dienen sollen, wie z. B. 
die Verbindung von Schlaf und Tod zu einem Zwillingspaare, 
zu den ältesten Typen der griechischen Plastik. AVir finden 
sie schon auf dem Kypseloskasten in Verbindung mit anderen 
Zügen, welche dem Mysterienglauben angehören,^) und ebenso 
finden wir auf den ältesten Denkmälern der griechischen Kunst 
Rückführungen aus der Unterwelt, welche wie jene Sarkophag- 
bilder und wie die lykischen Grabreliefs den Sieg des Lebens 
über den Tod darstellen. Beachten wir doch besonders die 
Basis des amykläischen Apollon ! Sie war ja auch im Wesent- 
lichen ein Grab, und wie das lykische Grab war auch das 
des Hyakinthos mit Darstellungen umgeben, welche Triumphe 
über den Tod darstellten, Rückführungen Verstorbener und 
der Unterwelt Verfallener in die Sphäre der olympischen 



•) Stephani, Ausruhender Herakles S. 32. 

■-) Reale Galleria di Firenze Serie IV, Vol. III p. 239. 

'') H. Brunn, Nuove Memorie p. 386. 



134 ^- ^^^ Harpyienmonument von Xanthos. 

Götter, des Hyakinthos, der Semele, des Herakles. Dionysos 
war in Bezug auf seine Mutter wie Herakles ein Durchbrecher 
der Pforten des Hades. 

Schwieriger ist die Behandlung der anderen Gattung 
attischer Grabreliefs, weil ihre Bedeutung bis heute noch immer 
verschieden aufgefafst wird. Verstellt man sie aber so, wie 
sie nach meiner Meinung einzig richtig verstanden werden 
müssen,-') so legen auch sie, wenn ich nicht irre, ein Zeugnifs 
für denselben Volksglauben ab. Denn wenn man über dem 
Grabe die Ehegatten mit vereinigten Händen darstellt, so liegt 
darin doch stillschweigend die Voraussetzung ausgesprochen, 
dafs diese Verbindung den Tod überdauern soll. Es sind aber 
auf diesen Steinen unverkennbar zwei Momente vereinigt ; denn 
wenn in der plastischen Gruppirung auch nur das Beisammen- 
sein und Zusammengehören zum Ausdrucke gebracht worden 
ist, so macht sich doch nebenbei auch das eigentliche Grab- 
motiv geltend und zwar in der stillen Wehmuth, welche über 
die ganze Darstellung ausgebreitet ist und gelegentlich auch in 
dem xcuQE ihren Ausdruck erhält. 

Ein solches Doppelmoment glaube ich auch in dem be- 
rühmten Orpheusrelief zu finden, über welches ich bei diesem 
Anlasse meine Ansicht anzudeuten mir erlaube. 

In Uebereinstimmung mit Pervanoglu'-J erkenne ich darin 
ein Grab monument, halte aber den Mythus fest, indem ich 
denselben nach seiner ursj)rünglichen Form, auf welche schon 
Zoega hingewiesen hat, als Symbol persönlicher Fortdauer 
auffasse. So hat Hermesianax den Orpheus als glücklichen 
Bezwinger des Hades gefeiert, ohne eines zweiten Verlustes 
zu gedenken; die Rückführungen der Semele, der Alkestis, 
der Eurydike konnten durchaus in gleichem Sinne benutzt 
werden.^) 

Nur auf diese Weise läfst sich nach meiner Ansicht das 
schöne Relief begreifen und würdigen. Denn ein momentanes 
Wiedersehen, dem ewige Trennung folgt, könnte vielleicht den 
Gegenstand einer hoch pathetischen Darstellung bilden, aber 
schwerlich für den Reliefstil der älteren attischen Plastik sich 



^) Archäolog. Zeitung l.s45 8. 146. Fricdericlis, Bausteine S. 2U1. 

2j Archäologische Zeitung 1868 S. 74. 

'J Diodor 4, Jo; Hermesianax bei Athen, p. 597. 



V. Das Harpyieuraonument von Xanthos. J^35 

eignen. Denn diese sucht das Friedliche und Harmonische; 
sie würde sich ihrem Charakter nach nie dazu verstehen, einen 
so grellen Mifston, wie den selbstverschuldeten Verlust des 
Theuersten, einen Abschied auf immer, im Bilde festzuhalten. 
Ein solcher Inhalt ist auch in dem vorliegenden Relief durch- 
aus nicht zu erkennen. Eine milde Wehmuth, wie sie allen 
attischen Grabreliefs eigen ist, liegt über dem Bilde, aber von 
Abschied ist keine Spur.^) Orpheus hat durch die Leier, 
welche er nach dem Spiele hat heruntersinken lassen, die 
Gattin zurückgeholt; sie ist auf dem Todeswege, welchen sie 
an Hermes Hand angetreten hatte, umgekehrt, dem Gatten zu- 
gewendet und hebt, gleichsam als Neuvermählte, in bräutlicher 
Scham den Schleier empor; er blickt ihr tief in die Augen 
und fafst sie zärtlich, aber noch zaghaft an, weil er des wieder 
gewonnenen Besitzes noch nicht vollkommen sicher ist ; denn 
noch steht sie in der Mitte zwischen Ober- und Unterwelt ; 
noch hat auch Hermes sie angefafst, aber er steht so bescheiden 
zur Seite und hält sie so lose, dafs man sieht, er ist im Be- 
griff sein Anrecht aufzugeben und sie dem Gatten zu lassen. 

Fassen wir so die Gruppe auf, dann steht der milde und 
friedliche Ton des Ganzen damit im schönsten Einklänge. Dann 
war sie vollkommen geeignet, als trostreiches Bild der Palin- 
genesie attische Gräber zu schmücken ; dann erklärt sich auch 
die mehrfache Wiederholung des Reliefs , welches sich nach 
meiner Ansicht den plastischen Denkmälern des Unsterblich- 
keitsglaubens als ein auserwähltes Kleinod anreiht. 

So ist jener Glauben, von dem Aristoteles im Eudemos 
bezeugt, dafs er seit undenklichen Zeiten im Herzen des Volks 
lebe,-) durch orientalische Speculation genährt, im Anschlüsse 
an ägyptische Theologie gereift, am äufsersten Rande der 
griechischen Welt in halbbarbarischer Symbolik zum Ausdrucke 
gekommen; dann ist er durch die ]\Iysterien, welche ebenfalls 
auf Aegypten zurückgehen, und zwar auf dieselbe Osirisreligion, 



') Denn wenn die alte Kunst einen solchen ausdrücken will, pilegt 
sie dies immer in sehr bestimmter Weise durch die Gruppirung aus- 
zusprechen, wie die Darstellungen von Frotesilaos, Amphiaraos, Kora u A. 
zeigen. Es wird die Idee des Abschiedes immer durch eine weggehende 
Figur versinnlicht. Bei den Grabreliefs hat man nie sagen köiinLMi, wer 
denn eigentlich der Abschied Nehmende sei. 

-) Vgl. Zellcr, Philosophie der Griechen II 2 (I8ß'2) S. 40.). 



^gß V. Das Harpyienmonument von Xanthos. 

der das oben (S. 179) besprochene Denkmal angehört, im wei- 
teren Umfange ein heiliger Volksbesitz geworden; er ist mit 
seinen ethischen Anschauungen, die der epischen Mythologie ganz 
fremd waren, frühzeitig auch in die bildende Kunst eingedrungen, 
wie der Kypseloskasten u. a. alte Denkmäler zeigen, und hat 
dann in unerschöpflicher Fülle bildlicher Gestaltung wie ein 
unvertilgbares Hoffnungsgrün um die Gräber der Hellenen 
und Römer gewuchert. Um so weniger, denke ich, werden 
wir Anstand nehmen, das lykische Grabdenkmal als das älteste, 
tiefsinnigste und ehrwürdigste an die Spitze der Kunstdenk- 
mäler zu stellen,, welche wie in einem mächtigen Chore den 
Unsterblichkeitsglauben der alten Welt verkünden. 

Wir haben allen Grund, uns vor den Irrgängen zu hüten, 
auf welche die Verfolgung symbolischer Anspielungen verlockt. 
Andererseits sollen wir nicht durch spröden Rationalismus und 
übertriebene Skepsis die Kunstwerke entwerthen und ihrer Weihe 
berauben, sondern nach Winckelmanns Vorgange bestrebt sein, 
uns die ganze Fülle von Gemüth und Geist, welche in den 
Werken der Alten niedergelegt ist, mit voller Freude anzu- 
eignen. 



VI. 

Die Darstellungen des Kairos. 

(Hierzu Tafel lY.) 



Wir sind zu sehr gewöhnt, die griechische Götterwelt als 
ein fertiges System zu hetrachten. Sie ist vielmehr, so lange 
die Nation innerlich lebendig blieb, in fortwährender Ent- 
wickelung begriffen gewesen, und uur wenn wir diesen ge- 
schichtlichen Prozefs der griechischen Götterlehre verstehen, 
werden wir die Ideen und Gestalten derselben richtig zu be- 
urtheilen im Stande sein. 

So lange die Hellenen vom Morgenlande abhängig blieben, 
war die Vorstellung von einer Gottheit mit unbegränzter Macht- 
fülle vorherrschend. Sowie das Volk geistig selbständig wurde, 
trat die pantheistische Auffassung zurück; mit der Gliederung 
in Stämme und Staaten erhielten auch die Gottheitsbegritfe 
an den verschiedenen Orten ihr eigenthümliches Gepräge und 
es gestaltete sich aus persönliclien Wesen mit verschiedenen 
sich gegenseitig begränzenden Machtsphären der olympische 
Götterkreis. 

Darin hat aber der gestaltende Trieb des griechischen 
Geistes keinen Abschlufs gefunden, sondern es entsteht nun 
eine Reihe von göttlichen Wesen zweiten Ranges, ötLifQoc 
^eol, wie sie Maximus, der Platoniker aus Tyrus, nennt, ^) und 
diese sind wieder verschiedener Art. Entweder gehören sie 
dem ältesten Volksglauben an und sind nur deshalb, weil sie 
keine umfassendere Anerkennung gefunden haben, gleichsam 
durch Annexion, den grofsen Nationalgotthciten beigeordnet 
worden, wie z. B. Hebe der Hera und Eros der Aphrodite, 



1) Maximus Tyiius XIV. 



■|g3 VI. Die Darstellungen des Kairos. 

oder es sind Ideen, welche im Fortschritte nationaler Bildung 
als besonders inhaltvolle, für, öffentliches und Privatleben 
wichtige sich geltend machten, so dafs sie zu dämonischen 
Persönlichkeiten erhoben wurden. 

Der üebergang aus dem abstrakt Gedachten zu dem per- 
sönlich Vorgestellten erfolgt so allmählich, dafs eine scharfe 
Gränzlinie unmöglich ist ; daher ist man bei der unter uns üb- 
lichen Schreibweise so häufig in Verlegenheit, ob man in den 
Dichtertexten ein Wort, das einen solchen Begriff ausdrückt 
(wie z. B, Dike, Pheme, Concordia u. s. w.) als Eigennamen 
kennzeichnen soll oder nicht. 

Einige Begriffe sind von den Dichtern als persönliche 
Wesen aufgcfafst, z. B. Angelia, des Hermes Tochter, bei 
Pindar (Ol. VIII 81), ohne dafs die bildende Kunst diesem 
Vorgange gefolgt ist ; andere sind bildlich als Personen darge- 
stellt, aber von den Dichtern nicht als solche behandelt, wie 
z. B, der Agon. 

Wenig Begriffe treten aber sowohl in der Litteratur wie 
in der Kunst so bedeutend hervor und gehören so sehr zu der 
Signatur des hellenischen Volkscharakters, wie der Begriff des 
Kairos. Denn keine Sprache hat wohl mit so scharfer Logik 
den Begriff der Zeit nach zwei Seiten aufgefafst und in zwei 
Wörter gespalten, wie die griechische in Kairos und Chronos, 
indem der eine die Zeit bezeichnet als den äufseren Bahmen, 
innerhalb dessen alles menschliche Thun sich bewegt, der andere 
die Zeit so weit sie unser ist, die unmittelbare Gegenwart, die 
Zeit in Beziehung auf den Inhalt, welchen wir ihr geben, 
also den für jedes Handeln entscheidenden Augenblick, dessen 
Benutzung die Voraussetzung und die Bürgschaft des Ge- 
lingens ist. 

Dem homerischen Epos ist Kairos noch fremd; bei Hesiod^) 
taucht er auf in dem Sinne des dem richtigen Maafse nahe 
verwandten Begriffs des passenden Zeitpunkts, und in dem 
Wettkampfe zwischen Homer und Hesiod wird es als Kenn- 
zeichen des Weisen angegeben „die Gegenwart recht zu ver- 
stehen und dem Kairos zu folgen".-) 

Während der höchsten Entfaltung hellenischer Thatkraft 



') Erga G94 uf.xon if i/.äaoEoü'ai- y.tiioo^ (V etiI Ttäoir doioroi 
-') p. :521 ed. üöttliiig. 



VI. Die Darstellungen des Kairos. Ig9 

ist auch der Begriff des Kairos zur vollsten Geltung gekommen, 
und Kimons Freund Ion bat ihn zuerst als jüngstes Kind des 
Zeus mit seiner dämonischen Macht in einem Hymnus gefeiert.^) 
Nun wird er das rechte Wahrzeichen attischer Spannkraft, wie 
sie Thukydides mit dem Worte ÖQaazrjoiov bezeichnet.-) In 
Sophokles' Elektra bewegt sich der ganze Eingang der Tra- 
gödie um den Begriff des Kairos als des Helfers und Beistandes 
bei jeder kühnen That, und wo sie sich dem Schlüsse nähert, 
indem Orest mit Pylades ins Vaterhaus eindringt, tritt derselbe 
von Neuem in den Vordergrund : die entschlossene Thatkraft 
des Mannes im Gegensatze zu weiblicher Gefühlsschwelgerei.'^) 
Gorgias schrieb eine Lobrede auf den Kairos,*) Menandros 
nannte ihn einen Gott und den Lehrer der Menschen. In der 
Arzneikunde hat er eine grofse Bedeutung gewonnen und auch 
die Phantasie der Künstler in vorzüglichem Grade angeregt. 
Denn während Chronos eine kalte, abstracte Vorstellung war, 
welcher man nur schwer eine plastische Seite abgewinnen konnte 
— daher der Anstofs an dem „Fufse der Zeit" in Euripides' 
Alexandra.^) — hat ein so vielseitig wichtiger, lebensvoller, 
inhaltreicher Begriff wie der des Kairos zur bildlichen Auf- 
fassung hingedrängt, und auch, nachdem mit dem Verfalle 
hellenischer Nationalität die begriffliche Scheidung zwischen 
Kairos und Chronos sich verloren hatte, hat sich der bildliche 
Ausdruck, den die Griechen dem Kairos gegeben, lange er- 
halten und ist merkwürdig populär geblieben. 

Welcker hat die ganze Ueberlieferung von der bildlichen 
Darstellung des Kairos zuerst zusammengestellt; 0. Jahn hat 
ihn in einem verschollenen Kunstwerk glücklich nachgewiesen.'') 
Es bleibt noch eine zwiefache Aufgabe, zu welcher ich einen 
Beitrag zu geben versuche: erstens die Entstehung des bild- 



') Pausanias V J4, 4. 

2) Thukyd II G3. Vgl. bei demselben die Ausdrücke xatQov rrjoeiv, 
Xnßead'at, ziufjiivai. Oertlich: evavXi^sad'ai rtür lioonov ov y.aiooi eirj (IV 54). 

') Vers 1292 ist y.ni^os y^Qovov nicht nach Analogie von nr^fia vöaov 
zu nehmen, sondern ganz wörtlich: innerhalb der Zeit der entscheidende 
Moment. Vgl. EUendt, Lex. Sophocl. 

*j Dionys. n. oiv'&. p. GS R. Blafs, Att. Bereds. I S. 53. 

^) Aristophanes, Frösche V. 100. Vgl. Hense, Poetische Personi- 
fication in griechischen Dichtungen I iS. 89. 

") Welcker, Philostratorum imagines p. 09.") sq. 0. Jahn, Berichte 
der Sachs. Gesellsch. der Wissensch. 1853 S. 49. 



jjQQ VI. Die Darstellungen des Kairos. 

liehen Ausdrucks genauer festzustellen, und zweitens die Ge- 
schichte der Kairosdarstellungen auf Grund eines vollständiger 
vereinigten Materials zu ergänzen. 

Man pflegt den Kairos geradezu in die Reihe der Alle- 
gorien zu stellen und sein Bild als Personification eines ab- 
strakten Begriffs aufzufassen, so dafs man das Bildwerk des 
Ljsippos mit der Calumnia des Apelles zusammenstellt.^) AVir 
werden aber sowohl die Kunstgattungen genauer unterscheiden 
müssen, indem die Malerei in Darstellung des Abstrakten der 
Plastik mit gröfserer Freiheit vorangeht, als aucli die ver- 
schiedenen Perioden der bildenden Kunst. 

Nachdem sich dieselbe in Darstellung der grofsen Götter- 
gestalten gewissermafsen erschöpft hatte, versuchte sie, durch 
den Geist der Sophistik angeregt, die religiösen Gedankenkreise 
mannigfaltiger zu gliedern. Mit psychologischer Eeflexion be- 
gann man in der Zeit nach Phidias und Polyklet die im Wesen 
der olympischen Gottheiten ruhenden Ideen zu sondern : es 
drängten sich also keine willkürlichen Abstraktionen in den 
Kreis der Götter ein, um die Geltung derselben abzuschwächen, 
sondern man wollte ihre vielseitige Wirksamkeit nur anschau- 
licher machen und gleichsam die Lichtfülle derselben in ver- 
schiedene Strahlenbrechungen und Farbentöne zerlegen. 

Von Peitho, Himeros, Pothos umgeben, erschien Aphrodite 
nur um so göttliclier. Nike wurde nur in Verbindung mit 
Zeus und Athene gedacht. Hygieia ist eine Segenskraft der- 
selben Gottheit, von welcher die Athener alles leibliche und 
geistige Heil zu empfangen glaubten. Auch Eirene war nur 
eine Seite der Athena ; denn wenn man bei der Athena Nike 
nicht an den blutigen Kampf, sondern an die glorreich er- 
kämpfte Sicherheit des von ihr beschirmten Staates dachte, so 
war sie selbst ja schon, so gut wie die Parthenos, ihrem Wesen 
nach eine Friedensgöttin, und der den Plutos tragenden, scepter- 
führenden Frauengestalt, wie sie Kephisodotos bildete, lag im 
Bewufstsein der Athener gewifs die Idee der Athena zu 
Grunde, als der mütterlichen Göttin, welche das Unterpfand 
des Heils von Athen, den Knaben Erichthonios, auf ihrem 
Arme trägt. 



*) Brunn, Künstlergeschichte I 36ö. Heibig, Untersuchungen über 
camp. Wandmalerei S. 216. 



VI. Die Darstellungen des Kairos. -191 

Suclien wir nun nach dem Kreise mythologischer Ideen, 
in welchem der Kairos wurzelt, so kann meiner Meinung nach 
kein Zweifel darüher sein, dafs er in der Palästra zu Hause 
ist. Dies beweist der Altar des Kairos am Eingange des 
Stadions von Olympia,^) an welchem die zum Wettkampfe sich 
Rüstenden opferten. Beim Wettkampfe zu Fufs, zu Rofs und 
zu Wagen erweist sich die Geistesgegenwart in Benutzung jedes 
Vortheils, welchen der Augenblick darbietet, ganz besonders 
als das die Entscheidung Bringende. Daher die häufige Er- 
wähnung des y.cciQog in Pindars Epinikien. Der Zusammenhang 
des Kairos mit HiiDpodrom und Stadion zeigt sich auch in den 
grammatischen Verbindungen, in welchen das griechische Wort 
vorkommt, wie VTToy.üiiTrreiv rov y.aioöv, VTTtQßa'fleiv tov yxhqov, 
y.aiQov nequ, wo der Zeitbegriff übergeht in die Bezeichnung 
einer örtlichen Schranke, deren vorsichtige Berücksichtigung den 
Erfolg in der Rennbahn bedingt.-) Aus demselben Zusammen- 
hange erklärt sich, dafs Kairos als der Name eines Renn- 
pferdes vorkommt.^) 

Hermes ist der Gott der Rennbahn, das Vorbild aller 
Geschicklichkeit, welche der Wettkampf verlangt, und der 
Spender des Siegerglücks. Von ihm hat sich die Gestalt des 
Agon abgelöst, welcher, je nachdem er mit Attributen des 
Wettkampfes (Halteren, Lanze, Hahn) oder mit denen des 
Siegs (Libationskanne, Dreifufs, Kranz) versehen ist, den einen 
oder den anderen Begriff darstellt,*) von ihm auch die Gestalt 
des Kairos, welcher sich zum Hermes verhält, wie Nike zu 
Zeus und Athena. 

In Olympia standen die Altäre des Kairos und des Hermes 
Enagonios einander gegenüber. Die örtliche Nachbarschaft be- 
zeichnet den inneren Zusammenhang, wie man Tempel und 
Bilder ursprünglich identischer Gottheiten neben einander zu 



1) Pausanias IV 14, 9. 

-) Aeschylos, Agamemnon 787 Dind. (7ö'2 Herm.), wo y.m^oi y/tonos 
das richtige Maafs der Huldigung bezeichnet. Man soll hinter demselben 
nicht zurückbleiben (vTxoai ot(fEod'ni), noch darf man dasselbe zu weit über- 
schreiten (vneoßr^i'fu, excedere). Beide Ausdrücke sind von der Meta 
entlehnte Bilder, wie die verwandten Ausdrücke y.üfuiai (Üiai/.ov y.wXoi', 
sy.^ioEod'ai, £io> Sootiov (fioeod'ai zeigen. 

') Pferd des Adrastos nach Antimachos bei Pausanias VIII 2'>, in 
demselben Sinne wie Niy.i] Schitisname ist. 

*) Archäologische Zeitung XXV (1867) S. 96. 



j^92 ^"I- ^iß Darstellungfen des Kairos. 

errichten pflegte; so die der Gaia und der Demeter in Athen 
und in Phlya, die der Demeter, Kora und Gaia in Patrai, die 
der Syrischen Götter und der Aphrodite Urania in Aigeira.^) 
Wie der Thor- und Thürgott Hermes, stand der Kairos nach 
Poseidippos Irrl jTQod^iQOLg.^) Den unmittelbaren Zusammen- 
hang zwischen Kairos und Hermes hebt auch Ausonius in 
seinem Epigramm auf das Bild des Kairos deutlich hervor, 
indem er ihn als den Dämon bezeichnet, welcher die Gaben 
des Mercurius den Menschen übermittele.^) 

Hermes war ja der Gott, welcher von allen Göttern dem 
Menschenleben am nächsten stand, der Gott der Praxis, dessen 
Thätigkeit Himmel und Erde, Leben und Tod, Tag und Nacht, 
Geschäft und Spiel, kurz alle denkbaren Gegensätze umfafste. 
Deshalb war er auch von allen Gottheiten am meisten geeignet, 
mithandelnd gedacht und dargestellt zu werden. Die Flügel, 
die ihm von allen Olympiern allein die entwickelte Kunst ge- 
lassen hatte, machten ihn besonders geschickt, in dämonische 
Wesen überzugehen. Endlich kam die Knabengestalt, in welcher 
man ihn auf Grund alter Volkssagen darstellen konnte, der 
bildenden Kunst zu mannigfaltiger Verwerthung seines Typus 
wesentlich zu Statten. 

Ich glaube, dafs wir hier zwei Gestalten, welche ihrer Be- 
deutung nach wie Tag und Nacht von einander verschieden 
sind, in ihrer plastischen Form aber eine unverkennbare Ueber- 
einstiramung zeigen, als von Hermes ausgehend mit einander 
verbinden dürfen, den Hypnos und den Kairos. 

Gemeinsam ist beiden die geflügelte, vorgeneigte Knaben- 
gestalt, gemeinsam das behende Wandeln, der leichte Schritt, 
das heimliche, aber sichere und unaufhaltsame Nahen, die un- 
widerstehliche Macht, welche einem zarten Körper einwohnt 
und ohne Kraftanstrengung überwältigt. Dafs aber der Schlaf- 
gott noch augenscheinlicher als der Kairos ursprünglich kein 
Anderer als Hermes sei, wird man nicht bezweifeln können, 
wenn man des Gottes gedenkt, der vor Ilion die Wachen der 
Achäer einschläfert und welchem bei den Phäaken die letzte 
Spende vor Schlafengehen dargebracht wurde, des Senders der 

') Welcker, Griech. Götterlehre I 324. Peloponnesos I 47(3. 
-j Vgl. ßenndorf in Gott. Gel. Anzeigen 18(j9 S. 2()G5. 
^J Ep. Xll f): Mercurius quae fortunare solet trado ego, quam volui 
(nach Gyraldus' Verbesserung). 




VI. Die Darstellungen des Kairos, j^93 

Träume. Als solcher erscheint er mit zwei Mohnstengeln im 
linken Arm, mit geflügeltem Petasos, mit der Rechten das 
Traumhorn ausschüttend, auf zwei Gemmen der 
Berliner Sammlung.*) 

Sie sind in dem Verzeichnisse derselben den 
Darstellungen des Mercur zugeordnet worden-) und 
zwar mit vollem E,echt, wenn auch die genauere 
Deutung erst durch die neueren Forschungen von 
Jahn u. A. über den Hypnos an die Hand gegeben ist. 
Jetzt wird Niemand anstehen, hier dasselbe Motiv zu er- 
kennen, welches in der Madrider Statue allen Kunstfreunden 
bekannt ist. 

Der Schlaf- und Traumgott hat seine in der besten Zeit 
griechischer Kunst ihm gegebene Gestalt im Wesentlichen be- 
halten. Anders verhält es sich mit dem Kairos. 

Nachdem derselbe sich einmal als eine besondere Figur 
von dem Gott der Palästra abgelöst hatte, wurde er unter 
Einfluls der Poesie, der Sophistik und sophistischen Rhetorik 
Gegenstand einer rastlos fortbildenden Ertindungslust. Der 
agonistische Ursprung trat zurück, wie die Agonistik selbst, 
und als Repräsentant des glücklichen Erfolgs wurde er den 
Glücksgöttern zugeordnet, die in demselben Maafse an Bedeutung 
gewannen, wie die altheiligen Gestalten der Mören und der 
unter ihnen das Menschenleben regierenden Olympier im Volks- 
bewufstsein erblafsten. Dafs aber die Schicksalsgottheiten mit 
der Rennbahn in engem Verhältnisse stehn, zeigen die an 
Stadien errichteten Heiligthümer der Tyche, und so wurde auch 
der Kairos im Sinn von Occasio oder JvToiiarla als ein der 
Tyche nahe verwandtes Wesen zum Vertreter der an sich un- 
plastischen Vorstellung von der Allmacht des Zufalls. Er 
wurde deshalb durch eine mehr und mehr in allegorische 
Spielerei ausschweifende Phantasie mit einer Masse von Attri- 
buten überladen, unter denen der Kern seiner Gestalt mehr 
und mehr verschwand. 

Man hat von diesem Ballast mehr als mir richtig scheint 
dem Meister Lysippos aufgebürdet, von dem wir nur im All- 
gemeinen wissen, dafs er als Urheber des Kairostypus gegolten 



^) Klasse III n. 890. 891. 

2) Archäologische Zeitung XX (1862) S. 217. 

Cnrtias, Gesammelte Abhandlungen. Bd. IL l'd 



194 ^J-' ^i® Darstellungen des Kairos. 

hat.^) Die poetischen und prosaischen Beschreibungen des Ly- 
sippischen Kairos geben uns keine Klarheit ; sie bezeugen nicht 
einmal mit Sicherheit, dafs er eine freie Figur gewesen sei f) 
es gilt also den Versuch, die Kunstdenkmäler selbst darauf zu 
prüfen, was sich in ihnen als der ursprüngliche Kern nach- 
weisen läfst. 

Unter den erhaltenen Denkmälern sind die Gemmen von 
Wichtigkeit, weil sie ihrer Natur nach auf knappen Ausdruck 
des Wesentlichen angewiesen sind. Eine Gemme des Berliner 
Museums, die schon von Benndorf in diesen Kreis gezogen ist, 
zeigt einen vorsichtig vorwärts eilenden Knaben 
mit geflügelten Füfsen, nach vorne geneigt wie 
der Hypnos, aber die Rechte niedriger haltend, 
weil er vor sich eine Wage trägt; die Linke 
streckt er nach hinten, um seinem Körper das 
Gleichgewicht zu sichern, denn er läuft auf der 
scharfen Kante eines Steuerruders.'^) 

Beide Symbole sind dem Hermes eigen, das eine dem 
Handels- und Verkehrsgotte, das andere dem Gott der Agone. 
Mit der Wage in der Rechten erscheint Mercur als Mann 
stehend auf Gemmen;*) sie ist der unentbehrliche Begleiter 
und das Wahrzeichen des Kananiters, des Erfinders des Handels 
im Mittelmeer; sie ist dann aus einem Werkzeuge des Markt- 
verkehrs zu einem Symbol der Glücks- und der Schicksals- 
entscheidung geworden. Das Steuerruder ist von Anfang an ein 
Schicksalssymbol, welches der Gott des Wettkampfes auf Grund 
seiner Verwandtschaft mit Tyche führt. Es wird mit Hermes- 
symbolen vereinigt ; wir linden den Caduceus auf einem Steuer- 
ruder liegend dargestellt.^) Es hat also denselben Sinn wie 
Scheibe, Kugel und Rad, die Zeichen des unstät rollenden Ge- 
schicks. 




^) Vgl. Overbeck, Schriftquellen S. 276. 

^) Kai^dg rjt' eis liyaKfxa rervTico/uivos ix xf'Xy.ov bei Kallistratos spricht 
nicht gegen Relief; denn dafs ayaXun von Reliefs gebraucht wird, hat 
Fränkel (de verbis potioribus quibus opera statuaria Graeci notabant 
p. 19) bewiesen. 

') Carneol Klasse III n. 1430. Archäologische Zeitung XXI (1863) 
S. 85. 

*) III 897. 

(*) Carneol n. 967. 



VI. Die Darstellungen des Kairos. ^95 

Auf einer Gemme von sehr guter Arbeit^) erblicken wir 
den Mercur als jungen Mann mit einer Chlamys, stehend, den 
Caduceus in der Rechten haltend, im linken Arm ein Füllhorn. 
Den einen Fufs stellt er in einer dem Poseidon entsprechenden 
Haltung auf eine Scheibe oder Kugel.-) Auf dem Kopfe trägt 
er einen Helm. Im Felde sind Waffen dargestellt; vor ihm 
ein kurzes Schwert (Harpe?), hinter ihm ein Schild. 

Wenn wir sehen, wie der Wettkampf selbst als Agon 
Waffen tragend personificirt wurde, ^) so werden wir geneigt 
sein auch auf dieser Gemme die kriegerischen Symbole, nament- 
lich den Helm, welcher der Gestalt einen aresartigen Charakter 
giebt, auf die unwiderstehliche Macht des Glücks zu deuten. 
In diesem Sinne finden wir auch unter dem Flügelfufse des 
Hermes eine Keule dargestellt, und so wird auch wohl die 
Sage zu deuten sein, dafs Herakles in Troizen seine Keule zu 
den Füfsen des Hermes niedergelegt habe.^) Es ist dieselbe 
Allgewalt des günstigen Moments, welche in der Ge- 
stalt des Kairos, des /ravdainazioQ, des jüngsten Sohnes des 
Zeus, wie ihn Ion nannte, anschaulich gemacht ist. 

Fassen wir nun die anderen Sculpturen ins Auge, welche 
den Kairos als Einzelfigur darstellen, so ist das Hauptstück 
das Relief aus Turin, das Tafel IV (oben) nach einem Ab- 
güsse in getreuem Nachbilde vorliegt, während es früher nicht 
sicher beurtheilt werden konnte.^) 

Man hat an der Echtheit des Werkes gezweifelt, und eine 
gewisse Stillosigkeit der Arbeit erregt Verdacht.") Ich halte 
das Relief für ein Werk alter, aber später Zeit, und wenn es 
in neuerer Zeit gemacht sein sollte, so könnte es nur die ge- 



*) n. 889. Tölken hebt den strengen Stil hervor und nimmt die 
Kugel als pila in Beziehung auf den Wettkampf, 

2) Mercur auf einer Kugel: Wieseler, Gott. Nachr. 1874 S. 569. 

"'') Flügeljüngling mit Speer: Archäolog. Zeitung XXX (1873) S. 74. 

■*) Pausanias 11 ol. Vgl. De Witte, La consöcration de la massue 
d'Hercule. 

^) Monum. Taurinensia, Tom. 11 tab. 22. Das Original befindet sich 
im Hofe der Universität. Den Abgufs verdanke ich der gütigen Be- 
mühung des Herrn Löscher in Turin. 

«) Conze, Archäolog. Zeitung XXV (1867) S. 73*. Brunn, Archäolog. 
Zeitung XV (i8f)7) S. 3h* hat keinen Zweifel an der Echtheit. Beide be- 
rufen sich auf das kahle Hinterhaujjt, das auch in der Abbildung deutlich 
zu erkennen ist, um gegen Jahns Zweifel den Kairos zu erweisen. 

13* 



196 



VI. Die Darstellungen des Kairos. 



naue Nachbildung einer Antike sein. Denn die Figur ist von 
einer solchen dramatischen Lebendigkeit und so aus einem 
Gusse, dafs sie nicht als ein Product neuerer Sculptur ange- 
sehen werden kann. Auch steckt in den Einzelheiten soviel 
abgelegene Gelehrsamkeit, wie sie bei einem neueren Fälscher 
unmöglich vorausgesetzt werden darf. Dahin gehört das Scheer- 
messer, auf dessen runder Schneide der Kairos den Wage- 
balken balanciren läfst, eine Ansjjielung auf das sprichwörtliche 
tTtl^ ivQov a/./in.g. Dahin gehört auch das Auflegen des Zeige- 
fingers der linken Hand auf die eine der Wagschalen. 
|.- , Diese Handbewegung wird in einer Beschreibung des 
Kairos bei Himerios ausdrücklich angedeutet in den Worten 
Ci^yo) TTJp '/Miuv 6716 xwv,^) aber man hat mit den Worten nichts 
anzufangen gewufst. Jahn hat sie als ..gänzlich unverständlich" 
beanstandet, Benndorf hat 67i6yMV als Glossem beseitigt"-) — 
es ist aber zweifellos richtig und ganz unentbehrlich ; denn die 
dämonische Macht des Kairos soll gerade dadurch ausgedrückt 
werden, dafs er die Entscheidung herbeiführt. Das ist eine 
der klassischen Zeit angehörige Vorstellung ; denn auch der 
homerische Zeus ist nicht blofs der die Wagschalen haltende 
und neutral beobachtende, sondern er bringt die gleichschweben- 
den durch seinen Druck in eine schräge 
Stellung und bewährt sich so als den 
Taf-iir^g Tcü.ävrov. Das ist das /Mveiv 
Talavra; diesem Ausdrucke entspricht 
das 67tLQQ67iELv %aKavx(x bei Theognis 
und das yßlqa 67T6-/ßLv bei Himerios. 
Wie sollte ein Künstler neuerer Zeit 
diesen Gestus ersonnen haben ! 

Für den alten Ursprung spricht 
auch der Umstand, dafs ein ganz ent- 
sprechendes Relieffragment auf der 
Akropolis gefunden ist, freilich nur 
ein Flügelfufs, aber die ganze Hal- 
tung läfst keinen Zweifel, dafs es 
derselben Darstellung angehört.") 




1) Eclofjae XIV 1. 

2) Arcliäolojrische Zeitung XXI (18(33) S. 82. 

■'') Hier abgebildet nach einem Gipsabgüsse des Berliner Museums. 
Dem Originale sind die Geschlechtstheile weggemeifselt. 



VI. Die Darstellungen des Kairos. |97 

Das sind die Einzelfiguren des Kairos. 

Dazu kommt das Gruppenbild, welches durch Jahn zuerst 
für die Kairosdarstellungen verwerthet worden ist, von ihm aber 
nach einer falschen Notiz bei R. Röchelte Mon. ined. pl. 
XLIII. n. 2 (nach Miliin) für ein Mosaik angesehen wurde. 
Es ist ein Relief, welches noch heute an derselben Stelle be- 
findlich ist. wo es Siebenkees in einem Briefe an Cardinal 
Borgia (Venezia. 8. Nov. 1789) zuerst beschrieben hat, im 
Fufsboden der alten vereinsamten Bischofskirche in Torcello 
bei Venedig, ein geringer Ueberrest der einst prachtvollen 
Lagunenstadt Altinum.^J deren Einwohner nach Torcello ge- 
flüchtet sind, Diis Relief ist auf Tafel IV (unten) nach einem 
Gipsabgüsse genau abgebildet und kann jetzt vollständig ver- 
standen werden,-) 

Ich bemerke nur. was sich aus der Anschauung des Monu- 
ments zur Ergänzung und Berichtigung der Jahn'schen Be- 
schreibung ergiebt. 

Erstens ist der Gegenstand, den der Kairos in seiner 
Rechten hält, unverkennbar keine Keule, sondern ein Messer, 
an dem man Stiel und Klinge deutlich unterscheidet. Zweitens 
kann man aus der Beschaff"enheit des Randes, welcher, so weit 
er alt ist. einem geflochtenen Seile gleicht , mit Siciierheit 
folgern, dafs der Kairos gerade in der Mitte der Composition 
stand. Es ist nämlich beim Einfügen der Steinplatte in den 
Fufsboden am ersten Absätze der Kanzeltreppe ein Stück am 
linken Ende abgeschlagen worden, und erst, wenn wir dies 
wissen, gelingt es die ganze Figurengruppe richtig zu verstehen. 
Wir erkennen jetzt eine Centralgruppe von drei Figuren, d, i, 
Kairos mit dem von vorn zugreifenden, lächelnden Jünglinge 
und dem in Betrübnifs nachschauenden Alten ; diese Gruppe 
war wiederum von zwei einander entsprechenden Figuren ein- 
gefafst, von denen nur die eine erhalten ist. Sie sind an der 



') Aemula Baianis Altini littora villis Mart. IV 25. 

*) An demselben Tage, wo ich die Abhandlung über den Kairos in 
der Archäologischen Gesellschaft in Berlin vortrug, am 9. Decbr. 1^74, 
sprach mein Freund Wiescler in der Göttinger Gesellscliatt der Wissen- 
schaft über dasselbe Moijument und berichtigte seinerseits die bisherigen 
falschen Vorstellungen über dassell)e. Vgl, Göttinger Nachricliten 1874 
S, 591, Das Berliner Museum verdankt den Abgufs den freundlichen Be- 
mühungen des Herrn Professor Nerly in Venedig. 



j^98 ^^- ^^^ Darstellungen des Kairos. 

Handlung nicht betlieiligt und dienen als allegorische Personen 
dazu, die Gemüthszustände der beiden ihnen zunächst stehen- 
den Figuren der Innern Grui^pe zu veranschaulichen. 

Rechts steht die „Metanoia", in ihrer ganzen Haltung der 
abgewendeten und trauernd das Gesicht verhüllenden Gestalt 
entsprechend, welche auf der Durisschale mit dem Würfelorakel 
denjenigen darstellt, welcher das Spiel verloren hat.^) Wenn 
also die Metanoia neben dem Alten, der den Kairos hat 
vorübereilen lassen, das bittere Gefühl über den unwiderbring- 
lich versäumten Moment ausdrückt, so mufs auf " der linken 
Seite neben dem glücklichen Jüngling etwa eine Prometheia 
oder Pronoia gestanden haben, welche im Gegensatze zu der ge- 
beugten, weinenden Reue durch frohen Aufblick und vielleicht 
durch Siegessymbole gekennzeichnet war. 

Es erhellt, wie dadurch das ganze Bild an Zusammenhang 
und Abschlufs gewinnt und wie sich in der rohen Arbeit etwa 
des dritten oder vierten Jahrhunderts nach Chr. eine wohl- 
durchdachte und trefflich geordnete Composition erkennen läfst ; 
es ist eines der spätesten Denkmäler klassischer Bildkunst, das 
aber in der Geschichte des griechischen Reliefs gewifs eine nicht 
unbedeutende Stelle einnimmt. 

Vergleichen wir diese Darstellungen mit den litterarischen 
Schilderungen, so erkennen wir in noch höherem Grade, wie 
alle hier überlieferten Züge sich in den Denkmälern nach- 
weisen lassen : das Scheermesser bei Poseidippos, das Ltexeiv 
Xelga bei Himerios, das pendere in novacula bei Phaedrus. 
Denn das Balanciren auf der hohen Kante eines Steuerruders 
ist offenbar dem ßuivuv enl 'S,vqov ci/.(.uß oder «/rt t,vQov rvxrjg 
nachgebildet. 

Man kann in den Attributen eine schrittweis fortgehende 
Entwickelung erkennen, indem die darstellende Kunst sich immer 
mehr von dem Plastischen zu dem der bildenden Kunst Wider- 
strebenden verirrt. 

Um also den Lysippischen Typus herzustellen, müssen wir 
die Attribute abstreifen, welche einer schon unplastisch er- 
findenden Kunst entstammen. Dahin gehört nach meiner Ansicht 
nicht nur das Scheermesser. das die Figur nach Poseidippos 
und dem Relief von Torcello in der Rechten hält, sondern auch 



') Annali XXXIX p. 142. 



VI. Die Darstelluiisfen des Kairos. ^99 

die Wage. Die Wage ist eine symbolische Zuthat, welche, in 
dei- vorgestreckten Hand gehalten, eine ruhig stehende Figur 
voraussetzt, wie wir sie auf der Gemme sehen, aber mit einer 
lebhaft bewegten, ja hastig rennenden Figur in vollem Wider- 
spruch steht. Wenn wir uns den Kairos als freie Figur denken, 
so ist, wie Jeder fühlen wird, eine solche vorgestreckte Wage 
vollends unerträglich. 

Hat der Kairos, wie wir gesehen haben, im griechischen 
Stadion seinen Ursprung, so ist nichts wahrscheinlicher als dafs 
der peloponnesische Erzbildner auch von hier sein Hauptmotiv 
entlehnt hat, und wenn wir auf den besprochenen Gemraen- 
bildern sowie in dem Fragment von Athen und in der Turiner 
Tafel einen rennenden Epheben sehen, dessen Gestalt auch noch 
in späten Wiederholungen den Charakter hellenischer Gymnastik 
deutlich erkennen läfst, so glaube ich annehmen zu dürfen, dafs 
diese behende, auf den Fufsspitzen über den Boden hineilende 
Figur, in welcher die Verbindung von Vorsicht und Schnellig- 
keit auf das Feinste ausgedrückt war, die eigentliche Schöpfung 
des Lysippos gewesen sei, der sie vielleicht zuerst als Altar- 
relief in Olympia componirt hat. Es war eine Figur der 
Palästra. 

Der folgenden Zeit genügte die einfache Darstellung nicht. 
Die Palästra und Gymnastik hörten auf, der Mittelpunkt des 
Volkslebens zu sein; die abstrakten Ideen von Glück und 
Schicksal drängten sich unaufhaltsam vor und so wurde dem 
Kairos-Begriffe nach dieser Seite eine neue Entwickelung ge- 
geben. 

Wie der Hermes Enagonios (S. 195) mit einem Fufse auf 
die Kugel tritt, so liefs man nun den Kairos mit beiden Fufs- 
spitzen auf einer Kugel sich erheben wie die herculanische 
Fortuna (Müller-Wieseler II 924), um das Uustäte und jeden 
Augenblick des Umschwungs Gewärtige des glücklichen Erfolges 
zur Anschauung zu bringen. Dies war also im Wesentlichen 
eine ruhige Figur, wie sie der Beschreibung des Kallistratos 
zu Grunde liegt (siaTrfAU tTti rivog atpai^ag), wenn auch viel- 
leicht im Haar und in der Chlamys etwas von der Beweglich- 
keit des Köri)ers angedeutet war. Als genaueres Kennzeichen 
wurde dieser Figur dann eine Wage in die Hand gegeben. 

In einem spätem Stadium (so denke ich mir die weitere 
Entwickelung) wurden beide Motive, das bewegte und das un- 



200 



VT. Die Darstellungen des Kairos. 



bewegte, mit einander verschmolzen ; man gefiel sich immer 
mehr darin, des Schicksals launisches Gaukelspiel in recht 
augenfälliger Weise zum Ausdruck zu bringen ; man stellte den 
laufenden Kairos auf Kugeln oder Räder und kam so aiu^ das 
geschmacklose Bild des Eadlaufs, welches man irriger Weise 
bei Kallistratos vorausgesetzt hat,') ein Bild, welches zu häfs- 
lich und widersinnig ist, um einem klassischen Meister wie 
Lysippos zugemuthet zu werden. 

Nachdem man sich einmal von dem Einfachen und Ver- 
nünftigen entfernt hatte, war kein Halt mehr. Immer mehr 
wurde das unkünstlerisch Gedachte und sprachlichen Formeln 
Entnommene in den bildlichen Ausdruck hineingetragen, immer 
zuchtloser griff der allegorisirende Trieb um sich, die Stirn- 
locken mit dem kahlen Hinterhaupte, das Scheermesser u. s. w. 
wurden als witzige Zuthaten eingeführt. 

Es ist dem Kairos ergangen wie einem Volksliede, das in 
mündlicher Tradition allmählich so umgestaltet und so zersungen 
worden ist, dafs es eine schwierige Aufgabe der Kritik wird, 
aus der Masse von Interpolationen den Urtext herzustellen. 

Mit dem Verfall des griechischen 
Volkslebens verdunkelte sich auch die 
Idee des Kairos immer mehr, so dafs 
sie mit der des Chronos zusammenfiel; 
aus dem Ly sippischen Epheben wurde 
ein alter Mann, und in dieser Form 
erscheint er auf einer Reihe von Gem- 
men, wo er in die eine Schale einen 
Schmetterling legt, eine unklare Re- 
miniscenz, wie es scheint, der Psycho- 
stasie.^) 

Das immer unklarer und bunt- 
scheckiger gewordene Kairosbild hat 
endlich auch zu Fälschungen Anlafs 
gegeben. Dahin rechne ich das neben- 
stehende Relief in der Sammlung Montferrand. •^) 

Hier hält der geflügelte Chronos die Wage mit demselben 




p. / 



») Arcliäol. Zeitung XXI 84. 
2) Cadc VIII n. 69-78. 

'') Köhne, Menioires de la Societc Imii. d'Archeologie Vol. VI 1852 
1. Höhe 1' IP/,", Länge 1' b'/a". 



VI. Die Darstellungen des Kairos. OQ [ 

Gestus der rechten Hand wie anf dem Turiner Eelief, welchen 
der Herausgeber richtio deutet (il fait descendre la coupe droite). 
Der alte Kopf steht aber mit dem nackten Ephebenkörper in 
grellem Widerspruch, und durch ein handgreifliches Mifsver- 
ständnifs ist aus dem sichelförmigen Scheermesser. mit welchem 
der Nachahmer nichts anzufangen wufste, eine Himmelskugel 
geworden, die gar keinen Sinn hat.^) Aufserdem ist die Gruppe 
durch eine ebenfalls unklare Figur erweitert, welche sich aus 
einem mit Feuer angefüllten Gefäfs zu erheben scheint. 

Dieselbe Darstellung hat Lupulus im Iter Venusinum als 
Titelvignette abgebildet, wo die jugendliche hermenartige Figur 
mit ihrer Rechten die höhere Schale zu stützen scheint. Ob 
dieser Stein mit dem Petersburger identisch ist, weifs ich nicht 
zu entscheiden ; sicherlich aber hat dies Denkmal keinen besseren 
Anspruch auf antiken Ursprung.-) Das sind die letzten Aus- 
läufer der Kairosbilder, deren wechselvolle Geschichte ich auf- 
zuklären gesucht habe.'^) 



^) Ueber die halbmondförmigen Rasirmesser aus Bronze hat Helbior 
neuerdings im römischen Institut gehandelt, (Ärchäolog. Zeitung XXXII 
(1874) S. 168.) Friederichs erklärte diese Instrumente (im Antiqiiarium 
n. 1217—1221) für Geräthe des Lederarbeiters, ihm folgt ßlümner, Tech- 
nologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei den Griechen und 
Römern I S. 282. 

^) Michaelis Archangeli Lupuli Iter Venusinum vetustis monumentis 
illustratum. Neapoli 1793. 4. p. 49. (Tripaldae in hortis Principis Abelli- 
natium vetus anaglyphum ante hos dies eft'ossum.) Als Fälschung von 
Jahn angesehen, während Brunn nur die Inschrift oTrevSe ßonSetoi für 
falsch halten wollte. Die vollkommene Uebereinstimmung zwischen dem 
Montferrand'schen Relief und dem bei Lupulus bezeugt auch Conze, Archäo- 
logische Zeitung 1867 S. 73*. 

^) Zum Schlufs erinnere ich noch an den Heroldsruf, welcher von 
Julian in den Caesares p. 318 d dem Hermes in den Mund gelegt wird 
und die Beziehung des Kairos zum Stadion recht deutlich macht: 

uQ'/ti fiet' (iycüi' rcor y.aXXimotr 

(id'XioV Tn/uira; y.niooi de y.nXel 

/.ir^y.tTi /.iiXf.eiv. 
Vgl. Über griechische Heroldsrufe M. Haupt in den Nuove Memorie delF 
Instituto di corr. arch. 18G5 p. 209. 



VII. 

Die Geburt des Ericlitlioiiios 

Terracotta des Berliner Antiquariurns. 
(Hierzu Tafel Y.) 



Die kleine Gruppe, deren Abbildung ich hier mittheile, 
gehört in diejenige Klasse plastischer Darstellungen, welche 
mit dem Gattungsnamen der „melischen Thonreliefs" bezeich- 
net zu werden pflegt und unter diesem Namen zuerst von 
R. Schöne in seinem Werke über griechische Reliefs S. 59 f. 
übersichtlich behandelt worden ist. Um so wichtiger sind die 
Exemplare, welche nach Fundort und Stil unzweifelhaft attischer 
Kunstübung angehören, wie das vorliegende. Es stammt aus 
einem der Gräber, welche jenseits des Ilisos an dem Wege 
nach Halimus liegen. Die Bruchstücke, in denen es gefunden 
wurde, konnten vollständig zusammengesetzt werden. In der 
Mitte der Gruppe war die Überfläche abgesprungen, so dafs 
Kopf und Oberleib des Knaben sowie der anliegende Arm des 
Mannes mangelhaft erhalten sind. 

Die gröfste Ausdehnung nach Höhe und Breite beträgt 
0,14, die Dicke 0,06. So lange der Thon noch weich war, 
hat man an dem Aufsencontur der Figuren entlang den Belief- 
grund weggeschnitten und denselben auch innerhalb der Gruppe 
entfernt. Beides ist offenbar rasch und mit geringer Sorgfalt 
geschehen. So hat man den inneren Reliefgrund an den Stellen 
stehen lassen, wo es schwierig wurde ihn ohne Beeinträchtigung 
der Figuren herauszuschneiden, wie z, B. in der Ecke zwischen 
dem Rücken des Knaben und dem rechten Unterarm des 
Mannes und ebenso zwischen dem linken Oberarme desselben 
und dem Ende des Drachenschweifs. Auch die äul'seren Um- 



VII. Die Geburt des Erichthonios. 203 

risse sauber abzuputzen hat man sich nicht die Mühe gegeben ; 
so ist man namentlich am unteren Rande des Drachenleibes 
unvorsichtig mit dem Messer entlang gefahren. 

Diese Behandlungsweise steht mit dem Charakter der 
Innenzeichnung in auffallendem Contraste, denn diese ist mit 
gröfster Sorgfalt gemacht, und zwar ist sie, wie eine genauere 
Beobachtung der Arbeit vermuthen läfst, nicht als Relief 
modellirt, sondern in der flachen Form, aus welcher der Ab- 
druck genommen ist, vertieft ausgeführt worden. So erklärt 
sich am einfachsten die volle Gleichmäfsigkeit der Oberfläche, 
die vollkommene Regelmäfsigkeit der parallelen Striche im 
Haar und im Gewände. Den Gewandfalten der Athena sieht 
man deutlich an, dafs sie in eine glatte Fläche eingedrückt 
worden sind ; eben so sind die kleinen runden Erhebungen, 
welche den Schlangenleib ganz bedecken, offenbar durch Punk- 
tiren in der weichen Form hervorgebracht worden; denn es 
würde eine unverhältnifsmäfsig grofse Mühe verursacht haben, 
wenn man die dichte Menge derselben in erhabener Arbeit 
hätte herstellen wollen. An der Unken Hand des Schlangen- 
mannes verräth sich dasselbe Verfahren. Sie ist nicht frei 
modellirt, sondern die Umrisse der Finger sind in die Form ein- 
geritzt worden ; darum tritt die Hand nicht in plastischer 
Deutlichkeit hervor, sondern macht den täuschenden Eindruck, 
als wenn ihre innere Seite dem Beschauer zugekehrt wäre. 
Kurz man hat, wie ich glaube, die ganze Innenzeichnung des 
Reliefs negativ ausgeführt und die Form, aus welcher es ab- 
gedrückt worden ist, wie einen Stempel bearbeitet Daraus 
erklärt sich auch die feine Miniaturarbeit, welche unserem 
Relief im Vergleich mit anderen Terracottareliefs eigen ist, 
bei denen das Detail der Farbe überlassen worden ist. Der 
dunkelfarbige Thon, der eine grofse Härte besitzt, ist mit 
einer sehr feinen, milchweifsen Thonlage wie mit einer Haut 
überzogen: von einem Farbenüberzug sind keine Spuren er- 
halten. 

Der Gegenstand der Darstellung ist unverkennbar, und 
mit Freude begrüfsen wir hier die erste aus dem Boden Athens 
hervorgegangene, die erste in allen Hauptsachen vollständig er- 
haltene plastische Darstellung des Erichthoniosmythos, von der 
wir voraussetzen dürfen, dafs sie unmittelbar aus dem Geiste 
attischer Ueberlieferung entsprungen ist, und die also auch 



204 "^'JI- ^i^ Geburt des Erichthonios. 

für die Erkenntnifs aller Darstellungen gleichen Inhalts von 
mafsgebender Bedeutung sein mufs. 

Den Mittelpunkt der Gruppe bildet Gaia, hier nur mit 
Kopf, Armen und Schultern aus dem Boden hervorragend, 
eine Darstellung, welche, mit den Reliefs verglichen, auf denen 
sie mit halbem Leibe sichtbar ist, ungleich lebendiger und 
wirkungsvoller ist. Der Vorgang erscheint wunderbarer, die Per- 
son der Gaia riesiger, so wie es ihrer Bedeutung entspricht.^) 
Denn wie im Mythus und in der Poesie der Begriff der Gaia 
sich von dem Elementaren niemals abgelöst hat, sondern immer 
wieder in dasselbe übergeht,-) so ist auch in der bildenden 
Kunst die Göttin nicht auf gleiche Weise vermenschlicht und 
individualisirt worden wie die olympischen Gottheiten. Die 
überirdische Gröfse versinnlicht den Charakter des Unermefs- 
lichen; die grofse Einfachheit der Gestalt, die Fülle des lang 
und schwer herabwallenden Haares, der mächtige Glieder- 
bau, das volle, in starken Zügen ausgeprägte Gesicht stehen 
mit dem Typus eines urkräftigen Naturwesens ganz im Ein- 
klang, und dieser Typus wird noch anschaulicher durch den 
Gegensatz der Athena, welche neben der schwerfälligen, mit 
dem Boden zusammenhangenden Erdmutter um so freier und 
schlanker aufzutreten seheint. 

Leicht und behende kommt sie von der Linken heran. 
Ihre Haltung zeigt ein doppeltes Moment geistiger und körper- 
licher Bewegung. Aus der Entfernung hat sie wahrgenommen, 
was sich im Schoofse der Erde vorbereitet; sie ist im Herbei- 
eilen begriffen, und ehe noch die Füfse ruhig neben einander 
stehen, streckt sie schon, mit dem Oberleibe vorgeneigt, dem 
emporgehobenen Knaben die Hände entgegen. 

So mäfsig und zart die Bewegung ist, so erscheint sie 
dennoch in hohem Grade ausdrucksvoll und lebendig. Man 
erkennt die Jungfrau an der schlanken Gestalt sowie an einer 
gewissen Zurückhaltung und Befangenheit, aber zugleich ist 
sie ganz selbstvergessen und in mütterlicher Freude dem Kinde 
zugewandt. Die sanfte Neigung des Kopfes spricht die hin- 
gebende Zärtlichkeit aus, welche sie dem Kinde entgegenbringt 

^) yaln 7it?M(jr] fieyälrj (vgl. Welcker, Griech. Götterl. I 322). 

^) tey.E Sii ^iii<)f»(}Oi UQovQa. Vgl. auch Soph. Ant. 337 f., wo vTTEordTa 
ein Beiwort der Göttin ist, während afft9no^ und (ixa/uno^ sich auf das 
Element bezieht. 



VII. Die Geburt des Erichthonios. 205 

und die seine Schulter fassende Hand giebt zu erkennen, wie 
bereit und entschlossen sie ist, sich das Kind anzueignen, welches 
schon ihr mehr als der Gaia angehört. 

Erichthonios ist ein vollkräftig herangewachsener Knabe; 
er ist nicht blofs ein Gegenstand, um dessen Uebergabe es 
sich handelt, sondern selbstthätig und voll eigener Empfindung. 
Nach Kinder Art streckt er beide Hände in paralleler Richtung 
der Göttin entgegen, so dafs sie fast bis an das Kinn reichen, 
während die Augen ihr mit kindlichem Vertrauen entgegen- 
blicken. 

Auch Gaia ist nicht ohne eigene Theilnahme. Mit starken 
Armen, von denen der linke den Schenkel ergreift, während 
der rechte den Leib umfafst hält, hebt sie ihn fest und sicher 
empor, indem sie ihren Kopf ganz zurückgelegt hat, um mit 
gespanntem Blick dem Knaben zu folgen und sich davon zu 
überzeugen, dafs ihr Kind wohlbehalten in die neue Pflege 
übergehe. Es ist ein Wunder, das sich begiebt, aber es er- 
weckt keine Unruhe, keine Ueberrascliung; man sieht, dafs die 
am Vorgange Betheiligten in voller Uebereinstimmung ge- 
meinsam vollziehen, was nach göttlichem E,athschlufs vorge- 
sehen war. 

Athena ist, wie billig, ohne die schreckende Aegis dar- 
gestellt. Sie trägt einen lang herabwallenden Aermelchiton mit 
einem Ueberwurfe, der bis auf die Hüften reicht, eine auf 
attischen Reliefs gewöhnliche Tracht. Der Aermel ist bis auf 
den Ellenbogen zurückgeschoben, damit der Gebrauch des 
Unterarms unbehindert sei. Ueber der Schulter und auf dem 
Oberarm bemerkt man eine Reihe von Knöpfen, durch welche 
der bis oben aufgeschnittene Aermel zusammengefafst ist, und 
zwischen denselben die nackten Stellen des Fleisches mit den 
umgebenden Eältchcn des Gewandes, Alles auf das Genaueste 
angedeutet. Der Kopf ist wie auf attischen Münzen behandelt 
und zwar mit einer so genauen Entsprechung, wie sich dies an 
plastischen Arbeiten nur selten nachweisen läfst. Der eng an- 
schliefsende Helm mit einem sehr weit nach vorn vorspringen- 
den Bügel ist vorn durch vier aufrechtstehende Oelblätter ver- 
ziert. Von dem hinteren Theile des Helms, welcher den Nacken 
schirmt, rankt sich eine Blume nach vorne in die Hölie, wie 
sich dies auf den Münzen deutlicher erkennen läfst. Ebenso 
übereinstimmend ist die Behandlung des Haares, welches unter 



206 VJI. Die Geburt des Erichthonios. 

dem Helm auf den Nacken herabfällt und über der Stirn in 
doppeltem Bogen sorgfältig geordnet ist.^) 

Vergleicht man die beiden weiblichen Profile mit einander, 
so hat das der Gaia (wie es schon der gröfsere Mafsstab mit 
sich bringt) ungleich derbere Züge ; die Lippen, Augenbrauen^ 
Augenlider springen stark vor ; die Haare sind viel gröber ge- 
arbeitet. Wohl hat auch der Athenakopf noch eine gewisse 
alterthümliche Strenge ; aber er ist ungleich feiner und geistiger ; 
ein milder Ernst ist darin ausgedrückt, eine echt attische 
Anmuth, die durch keine Zeichnung wiederzugeben ist, und 
wenn wir mit Eücksicht auf die entsprechenden Münzgepräge 
eine ungefähre Zeitbestimmung zu machen wagen, so werden 
wir nicht weit über die Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. 
zurückgehen dürfen. Damit stimmt, von dem Typus der Athena 
abgesehen, die freie Bewegung des sich emporstreckenden Knaben, 
und wenn in den anderen Personen auch eine dem hieratischen 
Charakter des Reliefs entsprechende herbe Alterthümlichkeit 
unverkennbar ist, so werden wir doch, wenn wir die Profil- 
bildung des Auges, die wenig zurückliegende Stirnlinie und den 
Ausdruck des Mundes beachten, keine Kennzeichen finden, 
welche uns nöthigen, eine frühere Entstehungszeit unserer 
Terracotta anzunehmen. Sie gehört einem Uebergangsstile an, 
welcher für die Entwicklung dieser Denkmälergattung auf 
attischem Boden in vorzüglichem Grade lehrreich ist. 

Die drei Figuren bilden eine Gruppe, w^elche den Kern 
der Sage darstellt, die in Athen so populär war, dafs sie in 
der Hauptsache gewifs sehr frühe eine typische Form erhielt, 
welche bei fortschreitender Kunstübung, den Münzstempeln gleich, 
im Einzelnen behutsam ausgebildet wurde. Es war ein Gegen- 
stand, welcher sich wegen seiner Beziehung zum Familienleben 
zu Weihgeschenken und zu religiöser Ausstattung häuslicher 
Räume besonders eignete. Denn wie das Kind nach der Ge- 
burt auf die Erde gelegt wurde, welcher es als der gemein- 
samen Mutter alles Lebendigen vorläufig geliörte, bis der Vater 
es durch Emporheben vom Boden feierlich anerkannte, in 
seine Familie aufnahm und zu seiner Auferziehung sich ver- 
pflichtete : so war es hier Athena, welche den Erstgeborenen 



'j Vfrl. ZU (li'iii Kopie der Atlieue /,. \i. Comljo, J!lluseuni Hunter 
VIII no. 7. 



VII. Die Geburt des Erichthonios. 207 

der eigentlichen Athener von der Erde entgegennahm,^) in ihr 
Haus einführte und sich für sein Gedeihen verbürgte. Es war 
ein mythisches Vorbild des häuslichen Aktes des drcciQelod^ai. 
(tollere, suscipere, levare), und die Stadtgöttin Athens entspricht 
in dieser Beziehung der römischen Levana.-) 

Nun die vierte Figur, welche die rechte Hälfte der Relief- 
gruppe bildet, ein vollbärtiger Mann, auf dem Drachenleibe 
steil emporgerichtet, feierlich ruhig und mit seinem kurzen, 
dicken Hals, seiner breiten Körpermasse ein wohlberechnetes 
Gegenstück zu der lebhaft bewegten, feingegliederten Göttin. 
Ein ärmelloses wollenes Wamms bedeckt den Oberleib und 
dient dazu, den Uebergang aus dem Menschenleibe in die Thier- 
form zu verhüllen. Der Thierleib ist in zwiefacher Weise 
charakterisirt, erstens durch Schuppen, welche durch kleine, 
runde Erhebungen bezeichnet sind, und zweitens durch einen 
äufseren Ring, eine Reihe eiförmiger Blätter. Sie entsprechen 
den Bauchschildern, wie sie sich bei den in Europa einheimischen 
Natterarten finden und welche, wenn man diese Thiere im 
Profil sieht, ebenso wie hier unter den Schuppen zum Vor- 
schein kommen. Auf der vorliegenden Terracotta erkennen wir 
eine zwiefache Windung, indem die erste unter dem Ellen- 
bogen in die zweite übergeht. An der ersten Windung sieht 
man die Bauchschilder wie einen Saum am Schuppenleibe sich 
entlang ziehen, während man bei der zweiten Windung, welche 
sich hinter der ersten verbirgt, nur die Bauchschilderreihe vor- 
ragen sieht. Der Schwanz, welcher wie eine Art Lehne das 
Rückgrat stützt, bezeichnet das Ende der doppelten Spirale.^) 
Man hat die entsprechende Figur auf dem Krater aus 
Chiusi*) Nereus genannt, und Jahn fand denselben an dieser 
Stelle sehr bedeutsam, indem durch die Anwesenlieit von 
Hephaistos und Nereus angedeutet werde, wie die im Schoofse 

*j yr^d-Eu s^aveilato Eur. Ion 269. 

2) Becker, Gallus II 63: Levana (levat infantes de terra). Augustin. 
Civ. Dei IV 11. 

*) Prof. Peters, mit dem ich die entsprechenden Thiergattungen im 
zoologischen Museum ansehen durfte, schreibt über die Mischgestalt "der 
TC: „Das Körperende läfst sich deutlich als Schwanz erkennen, welcher 
in einer doppelten Spirale aufgerollt ist, aus welcher das Schwanzende 
hervorragt. Die Schuppen des Körpers, die Bauchschilder, der Mangel 
eines Flossensaums lassen über die Deutung keinen Zweifel." 

*) Monum. III 30. Conze, Vurlegeblätter, Serie 3 Tafel II. 



9Q3 ^'II. Die Geburt des Ericbthonios. 

der Erde gezeitigte Frucht durch Einwirkung von Wärme und 
nährender- Feuchtigkeit an das Liclit komme. ^) Indessen 
scheint es mir bedenklich, aus der Grundlage physikalischer 
Vorstellungen, welche in dem Mythus vorausgesetzt wird, die 
mafsgebenden Motive für die Gruppirung ableiten zu wollen. 
Aus der mythischen Ueberlieferung läfst sich des Nereus 
Anwesenheit nicht erklären. In unserer Terracotta ist aber 
an einen Wassergott gar nicht zu denken, da die Flossen 
fehlen und die sich aufrollenden Fische glatthäutig sind. AVir 
werden also bei dem Schlangenfüfsler nur an Kekrops denken 
können, den zwiefach gestalteten (geminus. öufLi'.g), und wenn 
man bei Gelegenheit des vermeintlichen Nereus geltend gemacht 
hat, dafs Kekrops auf den Kunstdenkmälern bisher nur in 
menschlicher Gestalt nachgewiesen worden sei,-) so kann dies 
kein Grund sein, eine Darstellung mit Mifstrauen aufzunehmen, 
welche nicht nur im Allgemeinen als volksthümlich bekannt, 
sondern auch in alten Kunstwerken bezeugt ist ; so namenthch 
im Ion, wo Euripides den Kekrops beschreibt : ^vyaieQwv rrfkag 
OTiHQuioiv ti)dGO0VT\ l^d-t]vaicov Tivog dvad-riua.'^) 

Demgemäfs ist nicht zu zweifeln, dafs auch auf dem vor- 
liegenden Eelief Kekrops in seiner Doppelgestalt zu erkennen 
sei. Er ist der bei des Ericbthonios Geburt zunächst Betheiligte, 
des Landes Urkönig, das er der Athena zugesprochen hat, der 
Gründer der Stadt, welcher sie ein Unterpfand des Segens 
verleiht, der Vater der Nymphen, denen der Neugeborne zur 
Pflege übergeben wird. Durch seine Gegenwart wird nicht nur 
der Schauplatz des Vorgangs, sondern auch die mythische 
Epoche desselben (zwischen den Kranaern und den Erechthiden) 
und seine Bedeutung für die Geschichte der Stadt bezeichnet. 
Denn Kekrops ist nicht nur als Lokalgott zufällig anwesend, 
sondern als der berufene Zeuge ; darum trägt er den Oelzweig 
in der Hand, als das Zeichen der Anbetung und festlicher 



' j O. Jahn, Archäologische Aufsätze S. 66. 72. 

-j Nouv. Ann. I p, oJ9. 

*) V. 1163 (Kirchhof!) nach G. Hermann; die Handschrift: anei^ats 
cvvEiXioooi z\ Canter: oTitifja^ ovreiliaaom'' (mit dem Leibe Ringe bildend, 
sich aufrollend), was zu einer ruhigen Gruppe besser pafst, als das eine 
Bewegung bezeichnende tD.iooouru. Wenn Böckh, princ. trag. p. 192 diese 
Darstellung mit dem bei Pausanias X 10 angeführten Kekrops identificiren 
wollte, so hat sich G. Hermann zu Ion p. 119 mit Recht dagegen erklärt. 



VII. Die Geburt des Erichthonios. 209 

Theilnahme, das Symbol des Heils und Segens. Mit seinem 
Oelzweige in der Hand ist er gleichsam das ideale Vorbild der 
attischen Thallophoren, der festlichen Vertreter des athenischen 
Bürgerthums, Der Charakter des Ehrbaren und Würdigen ist 
in seiner Haltung und in seinem Gesichte ausgeprägt, wenn 
die Züge desselben im Gegensatze zur Athena auch etwas 
Plumpes und Ungeschlachtes haben. Die Binde im Haar 
(welche auch der Gaia nicht fehlt) gehört zu den Attributen 
der Festgenossen. Besonders ausdrucksvoll aber ist der Gestus 
der rechten Hand, die mit ausgestrecktem Zeigefinger gegen 
den Mund gehoben ist. Er soll den Mund schliefsen, dafs kein 
den feierlichen Vorgang störendes Wort über die Lippen komme; 
es ist das prägnante Symbol der ecrpr^f.da. 

So ordnen sich die Figuren des attischen Thonreliefs zu 
einer in sich geschlossenen, inhaltreichen und mannigfach ge- 
stalteten, aber übersichtlichen und leicht verständlichen Gruppe 
zusammen, in der nichts Ueberflüssiges vorkommt und nichts 
Wesentliches fehlt. 

Es bleibt noch übrig, von dieser Gruppe aus die verwandten 
Darstellungen zu beleuchten. 

Zuerst die berühmte und vielfach abgebildete volcenter 
Vase, jetzt in München, in schlichter Einfachheit der Composition 
unserem Relief am nächsten verwandt, aber von ungleich freierer 
and idealerer Auffassung. \) Gaia ist auch hier hinaufblickend 
dargestellt, ebenfalls in gröfserem Mafsstabe und mit lang 
herabfliefsendem Haar. Athena hat keinen Helm, dafür die 
Aegis, deren Schlangen nach hinten geschoben sind, um das 
Kind nicht zu erschrecken. Links ein bärtiger Mann, die 
Rechte in die Seite stemmend, den Stab in der Linken hal- 
tend, aufmerksam zuschauend; eine Gestalt voll edler Würde, 
von Panofka für Hephaistos erklärt, von den Herausgebern der 
Elite für Poseidon, von Jahn für Zeus und dann wieder (Be- 
schreibung der Münchener Vasensammlung S. 108) für He- 
phaistos. Die sichere Deutung (welche um so wichtiger ist, 
weil die Voraussetzung von Zeus' Anwesenheit") Anlafs gewesen 
ist, die ganze Scene auf des Dionysos Geburt zu deuten) kann 



^) Monum. I 10. Müller-Wieseler, Denkmäler der alten Kunst 
1211«. .Jahn, Vasensammlung des K. Ludwig no. 345. 

'-) Dagegen Gerhard, Auserlesene Vasenbilder III zu Tafel 151. 

Cartins, Gesammelte Abhandlungen. Bd. U. 14 



210 ^-^■'■- ^^^ Geburt des Erichthonios. 

bei dem Mangel entscheidender Attribute nur aus der Mittel- 
gruppe gewonnen werden, und wenn diese im Hinblick auf 
unser Relief noch zuversichtlicher als früher auf Erich- 
thonios gedeutet werden darf, so werden wir in dem ersten 
Zeugen seiner Geburt auch hier keinen Anderen als Kekrops 
erkennen, in edelster Mannesgestalt als Landeskönig dar- 
gestellt, dessen oberrichterliche Gewalt durch den Stab be- 
zeichnet ist. 

Von anderen Kunstwerken kommt besonders das Pracht- 
gefäfs der Camuccinischen Sammlung, der Krater aus Chiusi, 
in Betracht.-') Wir erkennen hierin, wenn wir unser Relief 
vergleichen, deutlich die Grundlage eines gemeinsamen Vor- 
bildes, aber es ist nicht mehr der einfache, schlichte Vortrag 
attischer Kunst, der sich auf das Wesentliche beschränkt. Die 
Darstellung ist erweitert, viel bunter, unruhiger und bei über- 
reicher Zuthat an äufserem Zierrath ungleich ärmer an innerem 
Leben und dramatischer Wahrheit, So ist die Gaia, welche 
mit schweren Prachtgewändern angetlian sich höher und in 
senkrechter Haltung aus dem Boden hebt, in Vergleich mit 
unserm Relief steif und leblos. Athena, durch die Lanze ge- 
hindert, das Kind selbst anzufassen, breitet zu seiner Aufnahme 
ein Tuch aus, in ihrer ganzen Haltung viel theilnahmloser, 
ärmer an Gefühl und Bewegung. Der Schlangenmann stimmt 
im Ganzen mit dem des Reliefs genau überein, und wir werden, 
nachdem dasselbe bekannt geworden ist, wohl nicht anstehen, 
ihn als Kekrops anzuerkennen, wie es schon früher die An- 
sicht von de Witte war.-) Auch seine Figur ist viel reicher 
ausgestattet. Das Skeptron bezeichnet den Landeskönig, wie 
der Stab auf der volcenter Vase. Statt des wollenen Ueber- 
wurfes trägt er ein reich gesticktes Prachtkleid, das in gleicher 
Weise den Uebergang in den Drachenleib umhüllt. Er trägt 
auch heilige Zweige, und zwar einen als Kranz, den anderen 
als Gürtel um den Leib, Der Schweif ist ganz ähnlich auf- 
gerollt, aber vorne mit Andeutung von Flossen. Das ist ein 
Mifsverständnifs, welches sich dadurch erklärt, dafs Drachen- 
und Fischformen leicht mit einander verwechselt werden, nicht 
nur in der Zeichnung, sondern auch in der Dichtung; so wird 



") Monum. III 80. Conze, Vorlegeblätter, Serie 3 Tafel II. 
2) Elite Ceram. I p. 277. 



VII. Die Geburt des Erichthonios. 211 

auch bei Eupolis dem Kekrops der untere Leib vom Thunfisch 
gegeben.^) 

Bei der äufserlichen Behandlungsweise, wie sie in der 
ganzen Malerei sich zeigt, können Einzelheiten, die von Mifs- 
verständnifs zeugen, um so weniger befremden ; dahin rechne 
ich auch die Gestalt der Blätter, welche mehr nach Lorbeer 
als nach Oliven aussehen.-) Wenn also hier, wie wohl nicht 
mehr zweifelhaft sein kann, Kekrops zu erkennen ist, so wird 
man für die Erklärung aller verwandten Kunstvorstellungen 
den Grundsatz aufstellen dürfen, dafs seine Person zu dem 
überlieferten Typus der Gruppe gehörte und dafs immer an 
ihn zuerst gedacht werden mufs, wenn neben Athena, Gaia und 
Erichthonios als vierte Figur ein bärtiger Mann, sei es in reiner 
Menschengestalt, wie auf der volcenter Vase, oder in Mischge- 
stalt auftritt. 

Als fünfte Figur tritt Hephaistos hinzu, dessen Anwesen- 
heit erklärlich und gerechtfertigt, aber entbehrlich ist, da die 
Sage in ihrer ältesten Form seiner nicht gedenkt. Wir finden 
ihn auf dem Krater von Chiusi als einen aufserhalb der 
typischen Grujipe Stehenden ; man erkennt ihn als spätere 
Zuthat, welche lose angereiht ist. Jahn glaubte freilich zu 
merken, dafs Athena mit einem fast zärtlichen Ausdruck den 
Blick auf ihn gerichtet habe.'*) Wenn dies gegründet ist, wovon 
ich mich aus den vorliegenden Zeichnungen nicht überzeugen 
kann, so würde allerdings zwischen ihm und der inneren Gruppe 
eine Verbindung bestehen, aber es wäre ein befremdlicher Zug 
von Sentimentalität und ein die Einheit der Hauptgruppe 
störender Fehler, da die Aufmerksamkeit der Göttin doch ganz 
vom Kinde, dem Mittelpunkte der Darstellung, in Anspruch 
genommen sein sollte. 

Vom Einfacheren zum Schwierigeren fortschreitend, kommen 

wir zu den Kunstwerken, welche eine von allen anerkannte 

Analogie mit denen der Erichthoniosgeburt haben, zugleich aber 

so viel Eigenthümliches und Absonderliches, dafs man die 

• 

^) Meineke, Com. Gr. V 1 p. LXXVIIl tw*' A'^'x^jo-t« Tai(od-ef 
dvbfjü^ ij na' i/tif fii/^^i TW*' y.o/oirüit', cü öe y.uxiod'Ev O'vvi'iöoä. Preller, 
Griech. Mythol. II S. 137. 

-) Uaruin kann ich auch auf den vermeintlichen Lorbeer nicht solches 
Gewicht legen wie Jahn, Archäol. Aufsätze S. ü7. 

»j ebd. S. 64. 

14* 



2\2 ^'^■'•^' ^^^ Geburt des Erichthonios. 

Uebertragung jener Darstellung auf einen ganz fremden Sagen- 
kreis angenommen und einen Mythus erkannt hat, welcher in 
schriftlichen Ueberlieferungen gar nicht erwähnt wird, näm- 
lich die üebergabe des von der Gaia gezeitigten Dionysos- 
kindes an Athena. Ich meine das Eelief im Louvre^) und 
die von Gerhard und den Herausgebern der Elite cer. ver- 
öffentlichte Vase aus Chiusi.-) 

Ich mache keineswegs den Anspruch , die obwaltenden 
Schwierigkeiten lösen zu können, aber das aufserordenthche 
Interesse, welches sich an diese Darstellungen knüpft, recht- 
fertigt es, wenn ich im Anschlüsse an unser neu entdecktes 
Relief zur Erklärung derselben einen neuen Beitrag ver- 
suche. 

Auf dem Vasenbilde steht links von der Gruppe der üeber- 
gabe hinter Gaia ein bärtiger Mann, gespannt zusehend, die 
Rechte in die Seite stemmend, in der Linken den Blitz haltend; 
eine zarte, weibliche Gestalt legt ihm die Hand auf die Schulter, 
neugierig vorgeneigt und nach demselben Punkte blickend. 
Darüber Oiväv&r^ /mIi]. Jahn hat durch eine Reihe von Bei- 
spielen erwiesen, dafs solche Inschriften auf eine der darge- 
stellten Personen bezogen werden können; geboten ist diese Be- 
ziehung aber bekanntlich keineswegs. Die Deutung alter Kunst- 
werke aus Sagen, die nur bei Nonnos vorkommen, findet Jahn 
selbst sehr bedenklich,^) und es ist ihm nicht gelungen, das 
Befremden zu entfernen, welches die vertrauliche Gruppirung 
einer bacchischen Nymphe mit Zeus erwecken mufs. Man 
wird nicht umhin können, hier zwei gleichartige Wesen voraus- 
zusetzen. 

Das fühlte Gerhard, aber seine Deutung auf Demeter 
und speciell Demeter Chloe hat nichts Ueberzeugendes ; in 
der schlanken, nymphenartigen Gestalt ist keine Erdmutter 
zu erkennen, deren Erscheinen neben Gaia durch nichts 
motivirt ist. 

Wenn wir aber mit Gerhard den Erichthoniosmythus fest-^ 



') Gal. Myth. LIV 224. 

-) Gerhard, Auserl. Vasenbilder III Tafel 151. Relief und Vasen- 
bild neben einander in Müller-Wicseler, Denkmäler der alten Kunst 
JI 400. 40 J. 

') S. 78; auch ist bei Nonnos XL VIII 948 von Gaia keine Rede. 



VII. Die Geburt des Erichthonios. 213 

halten und aus dem Zusammenhange des Mythus das Personal 
zu bestimmen suchen, so werden wir bei dem zuschauenden 
Manne, welcher mit dem auf der Münchener Vase die gröfste 
Aehnlichkeit hat, nur an Kekrops denken können, und neben 
ihm Pandrosos voraussetzen, die nächst dem Vater bei dem 
dargestellten Vorgange am meisten betheiligte. Damit würde 
die Gruppirung der beiden Figuren, so wie die Haltung jeder 
einzelnen gewifs sehr gut stimmen. 

Aber der Blitz ? Will man hier nicht ein Mifsverständnifs 
des Malers voraussetzen, wie es auf Vasen nachlässiger Arbeit 
unzweifelhaft vorkommt (z, B. bei den Flossen am Drachenleib 
des Kekrops). aber gewifs mit Recht ungern als Auskunftsmittel 
der Kunsterklärung benutzt wird, so bietet sich nur die Erklärung 
dar, dafs Kekrops als Priester des Zeus das Attribut seines 
Gottes trägt. Priesterliche Personen nehmen ja im Cultus 
Tracht und Abzeichen der Gottheiten an, so dafs es unter 
Umständen schwierig ist, in den bildlichen Darstellungen Götter 
und Priester sicher zu unterscheiden. Diese Sitte ist im Dienste 
des Apollon, Poseidon. Hermes, Dionysos, Herakles, der Athena, 
Demeter, Artemis bezeugt.') Was Zeus betrifft, so war die 
Doppelaxt, welche das Symbol des Blitzes vertritt, zugleich ein 
Symbol der Gottheit und des priesterlichen Königthums.-) Es 
würde also den Vorstellungen des Alterthums nicht wider- 
sprechen, wenn wir uns den Landeskönig dächten, das Macht- 
symbol des Gottes, dessen ürpriester er war, über dem Knaben 
haltend, der nach Zeus' Rathschlufs als Stammherr der Athener 
hier geboren wird. 

Ich bitte diese Bemerkungen nur als einen Versuch anzu- 
sehen, die erste eclit attische und wohlerhaltene Darstellung der 
Erichthoniosgeburt für die Erklärung verwandter Kunstdenk- 
mäler zu verwerthen, eine Darstellung, welche mir zugleich für 



'J 0. Jahn, Berichte der Sachs. Gesellsch. der Wiss. 18ÜÖ S. 17S. 
Back, De cerimoniis, in quibus homines deorum vice fungebantur. 1883. 

'-) Vgl. Schömann, Griech. Alterth. ll^l.i; Geizer, Rhein. Museum 
XX VIII p. 41. In Betreff des Dionysos vgl das Relief in Neapel bei 
Gerliard und Panolka p. 150. Müller-Wieseler, Denkm. der alten Kunst 
II ÜUb. In Betreff des Zeus Plut. Quaest." Gr. 45. Vgl. Diocletian als 
Zeus nach Malalas ed. Bonn. p. 410; die Triumjjhatoren mit dem Ab- 
zeichen des capitolinischen Zeus : Mommsen, Römisches Staatsrecht 
1). 329. 



2J4 ^^^- ^^^ Geburt des Erichthonios. 

die ganze Gattung der Terracottareliefs und ihre verschiedenen 
Stilarten von hervorragender Bedeutung zu sein scheint. Die 
Marmorreliefs, welche hierher gehören,^) habe ich absichtlich 
bei Seite gelassen, weil sie zu sehr verstümmelt sind, um über 
das auf denselben dargestellte Personal ein Urtheil zu ge- 
statten. 



•) Das vaticanische Relief Monum. dell' Inst. I 12, 2 ; vgl. Friede- 
richs, Bausteine n. 493, der sich S. 280 gegen die Deutung auf Dionysos' 
Geburt ausspricht. Von dem Relief im Louvre ist nur die .untere Hälfte 
erhalten. 



VIII. 

Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 

OVinckelmannsprogramm. Hierzu Tafel VI.) 



Jedes ansehnlichere Denkmal, das aus dem verschütteten 
Schatzhause der hellenischen Kunst au das Tageslicht tritt, 
pflegt auf uns einen doppelten Eindruck zu machen. Es spricht 
uns an wie ein Altbekanntes, denn es begegnet uns dasselbe 
Gesetz der Form, es wehet uns derselbe Hauch des Lebens 
an, welcher im Grofsen wie im Kleinen alle Schöpfungen der 
Hellenen durchdringt. Andererseits ist von allen Werken alter 
Kunst keines dem anderen gleich. Je gründlicher die antiken 
Bildwerke oder die heiligen Bauwerke der Hellenen untersucht 
werden, desto mehr taucht aus der scheinbaren Gleichförmig- 
keit die reichste Mannigfaltigkeit hervor, und selbst in den 
untergeordneten Gattungen des Kunstbetriebes finden wir nir- 
gends fabrikmäfsige Wiederholung. Die eigenthümliche Kraft 
des bildenden (Tcistes der Hellenen offenbart sich gerade 
darin, dafs er, ohne das Althergebrachte mutbwillig zu ver- 
lassen oder im Haschen nach Originalität Gesetz und TTeber- 
lieferung zu verschmähen, in unerschöpflicher Frische immer 
Neues hervorgebracht und der Natur gleich Gesetz und Frei- 
heit, Einheit und Mannigfaltigkeit zu verbinden gewufst hat. 

Jenen zwiefachen Eindruck, der uns in das eigenthümliche 
Wesen griechischer Kunst einführt, macht auch das Doppelbild 
eines unteritalischen Thongefäfses; es ist vor längerer Zeit in 
der Fontana'schen Sammlung in Triest für Gerhard abgezeichnet 
worden.^) Es sind zwei Darstellungen, die sich ihrer Gruppirung 



*) Was die Herkunft der Vase betrifft, so bemerkt Gerhard wie 
folgt: „Diese zunächst dem arcliäologischen Apparate des hiesigen König- 



216 VIII. Herakles der Satj-r und Dreifufsräuber. 

•wie dem Inhalte nach genau entsprechen. Das Lokal, in 
welchem die Handlung des oberen Bildes gedacht werden soll, 
ist durch einen Lorbeerbaum angedeutet; er bezeichnet den 
Hain, in welchem der delphische Apollotempel lag, denselben 
Hain, von dem noch jetzt ein Baum sich erhalten hat, dessen 
immergrüne Zweige benutzt werden, an den christlichen Festen 
die Kapelle zu schmücken, welche sich oberhalb des Apollinischen 
Heiligthums erhoben hat. Es ist also der delphische Tempel- 
hof, auf welchem ein breitköpfiger, bärtiger Satyr, geschwänzt 
und ziegenohrig, den aus dem Heiligthume entwendeten Drei- 
fufs forttragen will. Die Ringe zwischen den Füfsen desselben 
sind über der rechten Schulter des Satyrs angedeutet; der 
vordere Ring aber, welcher einen Theil der Figur verdeckt 
haben würde, ist der freieren und klareren Zeichnung zu Liebe 
weggelassen worden. Dem Tempelräuber folgt auf dem Fufse 
der bekränzte Apollon, dem bei eilendem Schritte das leichte 
Gewand rückwärts flattert. Mit geschwungener Keule bedroht 
er den Fliehenden, welcher, wie aus seiner Haltung deutlich 
hervorgeht, gleich nach verübter That angstvoll und verzagt 
die Strafe des zürnenden Gottes über sich herankommen sieht. 
Er verkriecht sich gleichsam zwischen den Füfsen des Tempel- 
geräthes; ihm gebricht es an Muth zur Gegenwehr, ja selbst 
zur Flucht; er sieht nur rückwärts und sucht in sklavenmäfsiger 
Feigheit sich, so gut es gehen mag, vor der wohlverdienten 
Züchtigung zu schützen. 



liehen Museums (L. 302) entnommene Zeichnung ist treue Kopie einer 
anderen, welche im Jahre J832 von dem verstorbenen Hrn. Carlo d'Ottavio 
Fontana zu Triest, unvergefslichen Angedenkens, zugleich mit anderen 
Zeichnungen von Vasen seines Besitzes mir nach Rom gesandt und dort 
dem archäologischen Institute von mir überreicht worden war. Der reiche 
Handelsherr hatte öfters Gelegenheit, von Bari her unteritalische Vasen 
zu erlangen, welche neben seinen berühmten Münzschätzen bald eine acht- 
bare, jetzt längst zersplitterte, Vasensammlung bildeten. Da ein Theil 
dieser Sammlung nach England gegangen, ein anderer aber in Triest ver- 
blieben ist, so blieb die Veröll'entlichung gegenwärtiger Zeichnung bis 
jetzt in der Hott'nung verschoben, zugleich aus Anschauung des Originals 
über Gefäfslorm und über durchgängige Treue der Zeichnung berichten 
zu können — , was nun auf Anlafs dieses Programms auch anderen 
archäologischen Freunden empfohlen werden kann. Im Ganzen dürfte 
für die Treue der von geschickter Hand ausgeführten Zeichnung ein- 
zustehen, als Gefäfsforni aber eine Amphora oder Pelike vorauszusetzen 
sein." 



Vin. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 9|7 

Auf der anderen Seite sind es ebenfalls zwei Figuren, 
welche die einfache Handlung bilden. Ein Satyr kommt von 
der Linken auf Perseus zugelaufen. Aber mitten im Laufe 
hält er inne ; er bedeckt sein Gesicht, der rechte Fufs haftet 
wie eingewurzelt am Boden; der rechte Arm ist mit ausge 
reckten Fingern in die Höhe gestreckt — jede Bewegung zeigt, 
dafs ihm etwas Unerhörtes entgegentritt, das ihn in vollster 
Bewegung plötzlich lähmt und aller Besinnung beraubt. Dies 
Schrecknifs ist das Medusenhaupt, das ihm Perseus entgegen- 
hält. Perseus bildet dem Satyr gegenüber den vollkommensten 
Gegensatz. Mit der heiteren Ruhe des Heros, voll Anmuth 
und Würde, in der Gewifsheit des leichten Sieges steht er da, 
ohne den überw^undenen Feind nur eines Blickes zu würdigen. 
Der über der Brust zusammengehaltene Mantel fällt hinter dem 
Rücken nieder und läfst die jugendliche Gestalt frei, welche 
durch Helm, Schwert, Harpe und Jagdstiefel näher bezeichnet 
ist. Von oben trägt eine Eule die Siegerbinde herbei; eine 
zweite Binde ist, wie herabfallend, vor den Füfsen des Satyrs 
angebracht ; aus dem Boden spriefsen blumenartige Verzierungen 
auf; der blätterlose Baum endhch, w^elcher zwischen Perseus 
und dem Satyr steht, scheint anzudeuten, wie auch in der Natur 
dem Medusenhaupte gegenüber alles Leben erstarrt. Es ist ein 
ähnlicher Gedanke, wie wenn die Sage meldet, ganz Seriphos 
sei durch Perseus in eine dürre Steinklippe verwandelt worden. 

Wir sehen, es entsprechen sich die beiden Bilder nicht 
blofs in der Zahl der handelnden Personen, in der äufseren 
Symmetrie und dem auf beiden Seiten wiederkehrenden Gegen- 
satze von Feigheit und Muth, Sieg und Niederlage — sondern 
es haben beide Darstellungen auch den gemeinsamen Inhalt, 
dafs sie Göttern und Heroen Satyrn gegenüberstellen. 

Warum Satyrn die Lieblinge der bildenden Künstler waren, 
lehrt auch ein nur oberflächliches Kunstverständnii's. Es waren 
nach der griechischen Vorstellung Naturkinder, deren Bewegungen 
durch kein Patlios, wie es den heroischen Gestalten eigen war, 
durch keine Convenienz der Sitte gehemmt, in jeder Lage mit 
voller Naivität alle Stimmungen ausdrückten, Angst und 
Schrecken, Uebermuth und Laune, lüsterne Begierde und Wider- 
willen, Staunen, Schmerz und Jubel konnte der Künstler, sei 
es in der Zeichnung, sei es in freier Gestalt, nicht völliger zum 
Ausdrucke bringen, als in der Darstellung von Satyrn. Daher 



218 VIII. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 

diese Fülle bacchischer Schwärme und Tänze, in deren Vor- 
führung die alte Kunst nicht müde wurde ; ein unerschöpf- 
liches Feld für künstlerisches Studium und erfreuende An- 
schauung. 

Es giebt aber eine andere Gattung satyresker Darstellungen, 
welche der Forschung noch reicheren Stoff darbietet ; es sind 
solche, welche Satyrn aufserhalb des dionysischen Tbiasos mit 
Scenen der Götter- und Heroengeschichte in Verbindung setzen. 
und zwar läfst sich, wie ich glaube, eine dreifache Art unter- 
scheiden, in welcher sich Satyrn bei nicht dionysischen Scenen 
betheiligen. 

Zuerst giebt es eine Reihe von Kunstwerken, wo sich im 
Hintergrunde Satyrn in ganzer Gestalt, als Kopf oder Brust- 
bild blicken lassen. Hier beweist schon ihre Stelle und 
der Mangel an Ausführung, dafs sie als Nebenwerk zu be- 
trachten sind ; mit dem Hintergrunde verwachsen, sind sie eine 
symbolische Andeutung der Gegend, in welcher die den Vor- 
grund einnehmenden Figuren handeln. Sie bezeichnen die 
Wildnifs des Landes, welche der höheren Kultur, dem durch 
heroische Thaten begründeten Stadtleben, voranging. Daher 
sind sie am Orte z, B. bei dem Drachenkampfe des Kadmos. 
dem Vorspiele der Gründung von Theben. 

Wichtiger ist eine zweite Gattung von Denkmälern, wo 
die Satyrn in den Vordergrund treten , um sich mit den 
handelnden Heroen in lebendige Beziehung zu setzen. Die 
Zahl der Satyrn ist dabei gleichgültig; lehrreich aber ist es. 
die verschiedenartigen Beziehungen in das Auge zu fassen, 
welche nun zwischen der satyresken und heroischen Welt 
finden. Das Natürlichste ist, dafs die Heroen, sobald sie in 
den Kreis der nichtsnutzigen Satyrn eintreten, durch ihre blofse 
Erscheinung Schrecken und Angst hervorrufen. So sehen wir 
Herakles Ankunft bei einem Zecligelage des Dionysos und seiner 
Gefährten, welche, von dem unerwarteten Anblicke überwältigt, 
im Gefühle ihres Nichts zu Boden stürzen. Anders zeigen 
sie sich, wenn der thatenmüde Herakles ausruht und sie in 
vorwitzigem Uebermuthe die Gelegenheit benutzen, ihm die ab- 
gelegten Waffen fortzutragen und allerlei Possen zu spielen. 
Treten endlich die Heroen den Satyrn im^Kampfe gegenüber, 
so fliehen diese bei d( m ersten Angriffe und flehen um Gnade 
in widerstandloser Feigheit, oder der Held, der sie keines ernst- 



VIII Herakles der Satyr und Dreifutsräuber. 2J9 

liehen Angriffs würdigt, benutzt ilire Feigheit, um sie durch 
blofse Schrecknisse zum Besten zu haben. 

Zu dieser zweiten Gattung gehört das untere Bild der 
vorliegenden Tafel, dessen Verständnifs, an sich einfach, durch 
Vergleichung ähnlicher Darstellungen gefördert wird. Am 
meisten entsprechend ist das Vasenbild, wo Perseus zwischen 
zwei Satjrn steht und dem einen derselben, der, sich mit Ent- 
setzen abwendend, auf die Kniee stürzt, das Medusenhaupt 
vorhält.^) 

Bei dieser ganzen Gattung von Darstellungen ist die Ana- 
logie mit dem Satyrdrama der attischen Bühne unverkennbar, so 
mifslich es auch bleibt, Nachbildungen bestimmter Bühnenspiele 
darin zu erkennen. Denn je ebenbürtiger sich in Griechenland 
die verschiedenen Kunstgattungen neben einander entwickelt 
haben, desto weniger ist in guter Zeit zu erwarten, dafs eine 
Kunst nachbildend sich der andern angeschlossen habe. Aus 
gleicher Quelle entsprungen, von gleichen Ideen geti-agen, 
stellte jede die Sagenwelt in der ihr entsprechendsten Form 
dar. Wie sollte die bildende Kunst nicht in ihrer Weise die 
Vortheile ausgebeutet haben, die sich aus der Verbindung der 
heroischen und satyresken Welt ergeben mufsten ! Wo sie 
aber die Mythen gleichsam aus zweiter Hand empfangen hat. 
da pflegt diese Entlehnung durch Bühnendekoration und 
Masken deutlich genug ausgesprochen zu sein. Bei der vor- 
liegenden Darstellung kann nur von einer Analogie mit ent- 
sprechenden Scenen des attischen Dramas die Rede sein ; 
diese aber tritt auch um so entschiedener hervor, wenn wir in 
der Eule, welche die mit aufgesticktem Blätterkranze gezierte 
Tänia herbeiträgt, eine Anspielung auf Athen erkennen. Dann 
würde also der Sieg, der in zwiefachem Symbole auf dem Bilde 
angedeutet ist, nicht der Sieg des Perseus selbst sein, sondern 
der von einem Dichter in der Behandlung dieser Sage errungene 
Preis. 



') Milliny;en, Peintures de vases 3. Ueber die Darstellun«? des Per- 
seus mit Satyrn ist vor allem zu vergleichen: O. Jahn „Ueber eine Vase 
des archäologischen Museums der Universität Leipziir" in den Berichten 
über die Verhandlungen der Kgl. Sächsischen Gesellschaft der Wissen- 
schaften Band 1. — Herakles beim bacchischen Zechgelage: (ierhard, 
Auserlesene V^asenbilder I 59. 00. Neckereien mit dem '//««xA;";» din- 
■nnvofieioi: Millingeii, Peintures de vases 35. Vgl. Jahn a. a. (). S. 293 f. 



220 • ^'lil- Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 

In der sachlichen Erklärung des Bildes kann nur die 
Frage streitig sein, ob die Abenteuer des Perseus mit den 
Satyrn von den Dichtern ersonnen seien, oder ob sie sich an 
einen Hintergrund örtlicher Sage anlehnen. Das Letztere ist 
deshalb das Wahrscheinlichere, weil ein Kampf des Perseus 
gegen den Dionysosdienst in griechischen Sagen vorkam, nament- 
lich in Argos, wo die von den Inseln herüberschwärmenden 
Bacchantinnen, die „Meerfrauen" genannt, von Perseus nieder- 
geworfen wurden. Er erscheint hier, dem Eindringen fremder 
Kulte wehrend, als ein Vorkämpfer einheimischer Sitte, ob- 
gleich er selbst auch auf unserem Bilde durch seine Kopf- 
bedeckung — einen, wie es scheint, mit buntem Felle über- 
zogenen Helm — als ein Ausländer bezeichnet ist. Sein Kampf 
mit Dionysos und dessen Gefolge stellt also den Conflikt dar, 
welcher einst zwischen asiatischen Einflüssen verschiedener Zeit 
und verschiedener Herkunft auf dem Boden der Inachosebene 
ausgefochten worden ist.-^) 

Während die Verbindungen von Heroen und Satyrn, wie 
sie der zuletzt besprochenen Gattung angehören, durch Ana- 
logie des Dramas leicht verstanden und mit Hülfe gleichartiger 
Denkmäler, die sich gegenseitig erklären, durch Welcker, Jahn 
und Andere hinlänglich erläutert worden sind, giebt es noch 
eine dritte Gattung hierher gehöriger Darstellungen, welche in 
einer bisher noch nicht näher erwogenen Weise satyreskes 
und heroisches Wesen mit einander in Verbindung setzen. 
Hier erscheint der Satyr weder im Hintergrunde heroischer 
Scenen, noch als Gegensatz der Heroen bei gemeinsamem 
Handeln, sondern der Heros selbst im satyresken Gewände. 

Der antike Polytheismus gestattete den Sagen gegenüber 
einen sehr verschiedenen Standpunkt. Während das religiöse 
Bedürfnifs im eifrigen Cultus der Haus- und Staatsgottheiten 
seine Befriedigung suchte, während die Weiseren des Volks, 
so lange sie auf dem Boden des vaterländischen Glaubens 
standen, aus dem Chaos der überlieferten Sagen die bedeuten- 
deren hervorzuheben und den sittlichen Kern derselben möglichst 
gereinigt aus der Mythenbülle herauszuschälen suchten, nahm 
die bildende Kunst, so weit sie nicht unmittelbar im Dienste 



') lieber die argivische Perseusfabel siehe Pausanias II '23, 8. Jahn, 
S. 290. 



VIII. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 221 

des Tempelkults arbeitete, die Göttergeschichten hin, so wie 
sie durch Volkssage und Dicliterwort gestaltet waren, und je 
mehr die Götter und Heroen in die Sphäre der Menschlichkeit 
hereingezogen wurden, desto freier und kecker wurden ihre Ge- 
stalten von der Kunst behandelt. Die Parodie wagte sich in 
solchen Punkten zuerst an den Mythus heran, wo der Contrast 
zwischen göttlicher Natur und menschlichen Zuständen am 
grellsten hervortritt, wie bei Göttergeburten, bei Zänkereien 
und Liebesgeschichten. Solche Scenen, wie des Zeus Werbung 
um die Gunst Alkmenens, der er als Lockspeise Halsband und 
Goldbecher entgegenhält, können wir uns, selbst auf dem Kasten 
des Kypselos, kaum ohne einen Anflug von Parodie dargestellt 
denken. Ja dafs man kein Bedenken trug, in eine noch tiefere 
Sphäre hinabzusteigen und sich der Olympier Höchsten in dem 
Typus zu denken, welcher sinnliche Lüsternheit in thierischer 
Zügellosigkeit darstellt, beweist die Sage von Zeus, der als 
Satyr die Antiope überfällt.^) 

In jedem Typus, den die Kunst geschaffen, liegt der Trieb 
sich auszudehnen, sich anderen Kreisen zu nähern und sich mit 
verschiedenen Gestalten zu verbinden. Dafs alle mit dem 
Dionysosdienste zusammenhängenden Zustände und Genüsse, 
sobald sie persönlich gedacht werden, wie Komos, Hedyoinos, 
Tyrbas, Dithyrambos u. a. als Satyrn dargestellt werden, be- 
darf keiner Rechtfertigung oder Erklärung. Aber auch fern- 
stehende Figuren, wie Midas, wie Marsyas und Andere, die 
ursprünglich mit dem dionysischen Thiasos nichts zu thun 
hatten, wurden in diesen Kreis der Bildung hereingezogen. 
Man verkleidete Götter in Silenstracht, wie den Hermes in der 
alexandrinischen Prozession ; so erwuchs aus der Parodie die 
Travestie und am Ende travestirte man ganze Mythen im saty- 
resken Stile, wie dies auf einem Vasenbilde geschehen ist, wo 
der sitzenden Sphinx kein Oedipus gegenübersteht, sondern ein 
alter Silen. Dieser Darstellung schliefst sich unter allen mir 
bekannten am nächsten das obere Bild der vorliegenden Tafel 
an; denn so wenig man bei dem vor der Sphinx Stehenden an 
einen Anderen als Oedipus denken kann, eben so wenig kann 
man im Dreifufsräuber den Herakles verkennen ; seine im Tempel 



^) Ovid. Metam. VI I 10: Safyri celatus imagiiie — .lupitcr etc. 
Vgl. Müllers Archäologie, .'i. AuH. S. 521. 



222 VIII. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 

zurückgelassene und dann von Apollon aufgenommene Keule 
läfst keinen Zweifel — also in beiden Fällen wird ein bekannter 
Vorgang der heroischen Mythologie in der Weise parodirt, dafs 
der Held zu einer satyresken Figur wird.^) 

Die lange Reihe von Darstellungen des Dreifufsraubes, 
denen hier eine so wichtige hinzugefügt werden kann, ist in 
neuester Zeit nach den verschiedenen Rücksichten auf Material, 
Stil und Gruppirung mit erschöpfender Gelehrsamkeit behandelt 
worden. Aufser den aus dem Alterthume erwähnten Denk- 
mälern und den archaischen Reliefs kennen wir über sechzig 
Thongefäfse älteren und jüngeren Stils, welche denselben Gegen- 
stand darstellen. Jedes Denkmal, welches diesen Vorrath ver- 
mehrt, erregt von Neuem das Verlangen, in den Sinn dieser 
Kampfsage einzudringen, welche von epischen Dichtern behandelt 
worden ist, aber abgesondert von dem Cyklus der Herakles- 
thaten. In der uns erhaltenen Litteratur wird sie nur so ge- 
legentlich erwähnt, dafs wir ohne Hülfe der Denkmälerkunde 
gar keine Ahnung davon haben würden, wie diese Sage, so 
weit Hellenen wohnten, zu den allerbekanntesten gehörte und 
zu den Lieblingsgegenständen der bildenden Kunst.-) 

Auf den zu Grunde liegenden Sinn der Sage hinzuleiten 
sind die Denkmäler nicht geeignet, da sie sich begnügen, in 
kurzer Bildsprache den thatsächlichen Gegenstand darzustellen. 
Wichtiger sind zu dem Zwecke die von Pausanias aufbewahrten 
örtlichen Ueberlieferungen, die Volkslegenden, in welche jener 
Streit verwoben ist oder mit denen er eine innere Verwandt- 
schaft hat. Die einfachste Dreifufslegende, von welcher das 
Verständnifs dieses Sagenkreises ausgehen mufs, ist die, welche 
dem megarischen Tripodiskos den Namen gab. Koroibos hat 
sich nach Tödtung der Poine in Delphi sühnen lassen und 
kehrt von dort nach Argos zurück. Pythia entläfst ihn aber 
nicht anders in die Heimath, als dafs er einen Dreifufs zu 
tragen erhält, welchen er nicht niedersetzen darf, bis derselbe 
von selbst entgleitend den Boden berührt. Wie Koroibos die 
Geraneia hinansteigt, fällt der Dreifufs von seiner Schulter und 



'j lieber die satyrisirten Midas, Marsyas siehe Welcker, Nachtragjzur 
Trilogie S. 301. Silen mit Petasos und Kerykeion: Athenaeus V 198 a. 
iSilenopappos vor der Sphinx: Mus. Borb. XU 9. Jahn S. 294. 

2j Welcker, Der Dreifufsrauh des Herakles, im dritten Theile der 
„Alten Denkmäler" S. 2l)ö. 



VII [. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 223 

er gründet daselbst einen Apollotempel. Hier ist das Fort- 
tragen des Dreifufses ein Sinnbild delphischer Mission, der 
hieratische Ausdruck für eine dem Gotte wohlgefällige und 
unter seiner Autorität erfolgende Filialstiftung in Megara.^) 

Von diesem sicheren Ausgangspunkte führt uns die Orts- 
sage der Gytheaten weiter, auf deren Stadtmarkte Herakles und 
Ai3ollon neben einander standen, weil sie über den Dreifufs in 
Streit gekommen waren und nach Ausgleichung desselben die 
Stadt gegründet hatten. Ein stadtgründender Gott oder Heros 
ist aber nichts als der religiöse Ausdruck für die jenem Gotte 
oder Heroen huldigenden Stämme und Geschlechter. Wenn 
Herakles also in den dorischen Staaten der Vertreter der Dorier 
ist, deren königliche Geschlechter sich auf Herakles zurück- 
führten, so ist Apollon der vor Ankunft der Dorier in Lakonien 
einheimische Karneios. der Stammgott der Aegiden, die mit 
den Minyern nach dem Peloponnese gekommen sind. Da wir 
nun aus anderen Zeugnissen wissen, nicht nur dafs die dorischen 
Herakliden ältere äolische Bevölkerung mit dem Apollon Kar- 
neios in Lakonien vorfanden, sondern auch dafs sie mit diesen 
im Streite waren, wie unter anderem die minysche Besetzung 
des Taygetos beweist, bis endlich diese Minyer theils aus- 
wanderten, theils mit den Doriern zu gemeinsamen Gründungen 
sich vereinigten, so wird, glaube ich, mit hinlänglicher Sicher- 
heit der Satz aufgestellt werden können, dafs in Gytheion 
Kampf und Versöhnung der beiden Götter nichts anderes aus- 
drücke als die Vereinigung ursprünglich feindseliger Geschlechter 
minyscher und dorischer Abkunft zu gemeinsamer Stadtgrün- 
dung. Darum stand als dritter Dionysos neben ihnen, der 
Vertreter des Landvolks."-) Wie sehr es hellenischer Vor- 
stellungsweise entspreche, Herakles dem Apollon gegenüber als 
ein historisches Symbol aufzufassen, bestätigt ein anderes Bei- 
spiel, welches aus örtlichen und geschichtlichen Verhältnissen 
seine volle Erklärung findet; ich meine das Weihgeschenk der 
Phoker, welche nach dem thessalischen Kriege Herakles und 
Apollon im Kampfe um den Dreifufs darstellten. Denn wenn 
Pindar Lakedaimon und Thessalien zusammen selig preist, weil 
beide aus des Herakles Stamme Könige haben, so kann kein 

') Gründung von Tripodiskos: Pausanias I 43, 8. 
^) Ueber die Gründung von Gytheion siehe Peloponnesos II 270, 
vgl. 210. 24t). 



224 VIII. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 

Zweifel darüber sein, dafs der den ApoUon bekämpfende 
Herakles der Vertreter des thessalischen Volks sei, wie dies 
durch die Begleitung der Athena noch mehr bestätigt wird.^) 

Nachdem so das Symbol des Dreifufstragens wie der histo- 
rische Charakter des Herakles durch Beispiele erwiesen ist, 
kann man sich mit sichererm Schritte den Sagen und Bildern 
des Dreifufsraubes nähern. Herakles trägt den Dreifufs fort 
— also es gilt die Stiftung eines apollinischen Heiligthums ; 
er trägt ihn aber gewaltsam fort — d, h. zu dieser Stiftung 
fehlt die Sanktion, wie sie dem Koroibos geworden war; er 
trägt ihn endlich nach dem Peloponnese — er ist also, wie es 
scheint, der Vertreter der dorischen Staaten, welche in der 
Halbinsel gegründet waren. Darnach könnte der historische 
Inhalt etwa so gefafst werden, dafs in der ganzen Sage ein 
Versuch peloponnesischer Herakliden, sich von der delphischen 
Autorität loszusagen und ohne Sanktion des pythischen Drei- 
fufses apollinische Heiligthümer zu gründen, der über diesen 
Abfall entfachte Zorn des Gottes, das Verstummen seines Orakels 
bis zur endlichen Wiederherstellung der delphischen Autorität 
mythisch dargestellt sei. 

Gegen diesen Erklärungsversuch erheben sich verschieden- 
artige Bedenken. Zuerst wird er durch keine Ueberlieferung 
entsprechenden Inhalts unterstützt. Dann ist die Sage vom 
Dreifufsraube unter allen peloponnesischen Orten vorzugsweise 
in Pheneos zu Hause. Denn dorthin entführt Herakles nach 
dem Berichte des besten Kenners delphischer Alterthümer, nach 
Plutarchos, den Dreifufs. Der Bannfluch des erzürnten Gottes 
trifft die Pheneaten, deren Fluren nach Vernichtung der hera- 
kleischen Dämme und Kanäle überfluthet werden. Auch hier 
tritt Versöhnung ein ; die Abzüge öffnen sich, die pheneatischen 
Gewässer fliefsen nach Elis ab (was die Sage als einen Heeres- 
zug des Herakles von Pheneos nach Elis darstellte) und darum 
wird erst nach dem elischen Feldzuge. d. h. nach Entwässerung 
von Pheneos, 15 Stadien vor der Stadt der Pheneaten, ein 
Tempel des pythischen Apollon gegründet. So weisen alle 
Züge der Sage nach Pheneos hin, und mit Pheneos haben 
dorische Herakliden nichts zu schaffen. Endlich aber ist man 



') Paus. X 13, 7. Herod. VIII 27. Vgl. Müllers Archäologie der 
Kunst § 8U. Pind. Pyth. X: 'OXßiic Auy.eSuiuiov, udy.aiQa &taa(i}.ut. 



VIII. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 225 

überhaupt durchaus nicht berechtigt, Jeu peloponnesischen 
Herakles überall für den dorischen zu nehmen. Seine Gestalt 
ist auf sehr verschiedene Weise und an verschiedenen Orten in 
den hellenischen Sagenkreis verwebt worden, wie das Sprich- 
wort „Wieder ein anderer Herakles" beweist, und wenn die 
alten Mythologen mehrere Personen des Herakles unterscheiden, 
so hat diese Ansicht, richtig gefafst, ihre volle Wahrheit. 
Nirgends tritt diese Verschiedenheit merkwürdiger und deut- 
licher hervor als in Sikyon, wo die dorischen Herakliden als 
Stiftung einer älteren Heraklidendynastie orientalischen Herakles- 
kultus vorfanden. Seitdem durch Movers' Forschung die 
phönizischen Colonialmythen in ihrem geschichtlichen Zusammen- 
hange aufgehellt worden sind, wissen wir, dafs die tyrischen 
Wanderungen als Herakleszüge dargestellt werden und dafs 
der ägyptische oder kanobische Herakles von dem libysch- 
phöuizischen nicht wesentlich verschieden ist. Pausanias aber 
wufste von dem Vater des Sardos, Makeris, der von Libyern 
und Aegyptern Herakles genannt werde, dessen berühmteste 
That der Zug gegen Delphi gewesen sei. Wenn nun Phönizier 
tief in das böotische Land eingedrungen sind, wenn sie am 
ganzen Gestade des krisäischen Meeres einmal geherrscht haben 
— was ist dann weniger unwahrscheinlich, als dafs das apol- 
linische Heiligthum von den Barbaren und ihren Göttern be- 
drängt und seine Autorität bekämpft wurde? Orientalische 
und hellenische Weissagung traten hier in den heftigsten Con- 
flikt. Darum stöfst Herakles des Apollon mantischen Dreifufs 
um und richtet, wie ApoUodor sagt, statt dessen sein eigenes 
Orakel ein ; er höhnt den Gott durch freche, gottlose Fragen, 
er verwüstet das ganze Heiligthum, damit seine Stätte auf 
Erden vergessen werde — man erkennt, es handelt sich hier 
nicht um eine einzelne Auflehnung gegen eine sonst aner- 
kannte Autorität, sondern um grofse nationale Gegensätze, wo 
nur die Vernichtung des einen oder des andern den Kampf 
entscheiden kann. Erwägen wir nun, dafs in dem peloponne- 
sischen Herakles zu Pheneos und seinen Thaten offenbar nicht 
die dorische Zeit, sondern die allerfrühste Culturperiode des 
Landes dargestellt ist, ebenso wie in dem elischen Herakles, 
der die Disteln ausrodet, ferner dafs in seiner Geschichte die 
Schuld in Form einer Krankheit auftritt, wie es so häufig in 
semitischen Mythen ist; dafs endlich von der Befeindung Delphi's 

Cnrtiuij, Gesammelte Abbandlungen. Bd. II. lö 



226 VIII. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 

durch Phönizier sich ganz bestimmte örtHche Ueberlieferungen 
erhalten haben, so ist die einfache Schlufsfolgerung die, dafs 
die ganze KamjDfsage, welche sich an Pheneos anschliefst und 
die doch aller Wahrscheinlichkeit nach auch den bildlichen 
Denkmälern vorzugsweise zu Grunde liegt, aus uralten Kämpfen 
der Hellenen und Barbaren, ihrer Cultusformen und Orakel- 
stätten hervorgegangen sei. Dafs die Phönizier von der achäi- 
schen Küste, an welcher ich ihr vorhellenisches Treiben nach- 
gewiesen zu haben glaube, in das nahe überragende Hochland 
Arkadiens hinaufgestiegen sind, wohin hochstämmige Waldung 
und reiches Getreideland sie locken mufste. hat nichts Ueber- 
raschendes. Das Merkwürdigste aber ist, dafs sich hier wirk- 
lich in der Nähe der Pheneaten Herakles als Orakelgott in 
einem wohlbekannten Heiligthume nachweisen läfst — das ist 
das Herakleion bei Bura — , und dafs dieser buräische Herakles 
der phönizische sei, glaube ich durch die bei dem Orakel üb- 
liche Benutzung der Würfel, dieser palamedischen Erfindung, 
bestätigen zu dürfen. Dies Heraklesorakel, welches dem kri- 
säischen Meerbusen und dem Parnasse wie ein Trotz-Delphi 
gegenüber lag, mag von den antiapollinischen Orakelstätten im 
Peloponnese, welche von den Tyriern herstammen, durch Zufall 
allein übrig geblieben sein.^) 

Der Herzog von Luynes besitzt einen Broncehelm, auf 
welchem der Kampf nicht um den mantischen Dreifufs, sondern 
um ein anderes Symbol der apollinischen Gottheit, um das Reh, 
geführt wird. In der Abhandlung, welche die Herausgabe 
dieser merkwürdigen Darstellung begleitet, hat er dem hyper- 
boreischen Gotte gegenüber Herakles als Tyrier aufgefafst und 
so denselben Grundgedanken ausgesprochen, dessen weitere Be- 
gründung und Ausführung hier versucht worden ist.^) 

Wenn wir bei Durchmusterung der alten Darstellungen 
des Dreifufsraubes nur die Haltung derselben in das Auge 
fassen, so treten uns, während auf den Reliefs eine hieratische 



^) "AlXog "^HQuy.lriS Zenob. V 48. Doppelter Herakles in Sikyon : 
Peloponnesos II S. 494 und 585. Movers, Phönicier. Gesch. der Colon. 
S. 122. Pausan. X 17, 2. Apollod. II 6, 5. Plut. Sera num. vind. c. 12: 
araoTiuods tov TQinoSa rov uuvtihov eh ^Pf.veov aifr^veyy.e\ vgl. C. 17: 
uvaiqelv y.ul Öia<fd'ei()Eiv i6 /or^oir^iiiov. Ueber die iBqa toaos siehe Stark, 
(jaza S. 31.'i. 

"j Duc de Luynes, Nouvelles Annales de l'Institut Archeologique, 1836. 



VIII. Herakles der SatjT und Dreifufsräuber. 227 

Feierlichkeit durchaus vorherrscht, in den Bildern schalkhafte 
Züge entgegen, wie sie so leicht bei einem lebhaften Kunst- 
volke sich auch den ernsthaftesten Darstellungen anhängen, 
schon um der Langweiligkeit ermüdender Wiederholung zu ent- 
gehen. Dazu gab nicht nur die Handlung selbst Gelegenheit, 
welche, je lebhafter sie aufgefafst wurde, um so leichter in eine 
komische Scene, in ein neckisches Hin- und Herzerren um- 
schlug, sondern auch die Person des Herakles, der seiner vielen 
Schicksale, seines laudstreicherischen Abenteurerlebens, seiner 
derben Sinnlichkeit wegen der Kunst zu Späfsen allerlei Art 
Veranlassung gab. Wenn ihn die Komödie als Vielfrafs und 
Prahlhans parodirte, so lag es nicht mehr weit, den Heros als 
Satyr darzustellen, wie es auf unserem Bilde geschehen ist. 
Alles Grofsartige herakleischer Natur ist abgestreift, es ist nur 
die Keckheit des unberufenen Eindringens, die Frechheit des 
Tempelraubes und die Feigheit nach Ausführung der diebischen 
That dargestellt. 

Wenn ich in dem Satyr keine ernsthaftere Beziehung auf 
delphische Mythologie und den Antheil dionysisclier Religion 
an derselben erkenne, sondern nichts als eine satyreske Parodie 
des Dreifufsraubes, so werde ich darin, glaube ich, von Seiten 
Sachverständiger keinen Widerspruch erfahren. Denn jene 
Rechte des Dionysos waren zu sehr sanktionirt, um als Gegen- 
stand des Raubes, zu heiliges Dogma, um als Posse behandelt 
zu werden. Bedeutsamer ist die Frage, ob sich für solche 
Parodie, wie die vorliegende, in der poetischen Litteratur etwas 
Entsprechendes finde. Denn so wenig auf unserm Doppelbilde 
Nachahmung dramatischer Aufführung nachgewiesen werden 
kann, so liegt doch die Voraussetzung sehr nahe, dals wie im 
unteren Bilde eine durchaus im Geiste des Satyrspiels ge- 
dichtete Scene vorliegt, so auch der Dreifufsraub einer Art 
antiker Theaterspiele entspreche. 

Freilich scheint, was hier verbunden ist, im Drama durch- 
aus getrennt gewesen zu sein. Wie wir das attische Satyr- 
drama kennen, ist es sein Zweck nicht, tragische Stoffe zu 
parodiren ; die mythologische Parodie hingegen, wie sie auf 
der komischen Bühne beliebt war, hat nichts mit dem Satyr- 
wesen zu thun ; wenigstens möchte es schwer sein, unter den 
Fragmenten der alten und neuen Komödie eines zu finden, 
aus dem hervorginge, dafs ein Heros als Satyr angeredet oder 

15* 



228 VIII. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 

von ihm, als einem solchen, die Eede sei, Dafs aber diese 
beiden Sphären der Auffassung und Darstellung nicht voll- 
kommen getrennt geblieben sind, das zu erkennen ist der Ge- 
winn, der sich aus diesem Vasenbilde ergiebt. Eine ent- 
sprechende Verbindung ist auch auf der Bühne anzunehmen, 
begegneten sich doch Satyrspiel und Komödie in denselben 
Stoffen ! War nicht die Rückführung des aus dem Olymp ent- 
wichenen Hephaistos (dem es gerade so erging, wie den nach 
Tibur ausgewanderten Musikanten, auf deren durstige Kehlen 
der wohlberechnete Plan angelegt war, sie im Rausche zurück- 
zuführen) ein herrlicher Stoff für die Komödie und findet sich 
nicht die Komödie selbst im Thiasos? Derselbe Stoff war 
aber Inhalt eines Satyrspiels des Achaios.^) 

Dafs man überhaupt das Satyrspiel zu scharf gegen die 
Komödie abgegränzt und im Satyrspiele zu ausschliefslich den 
Satyrn die Orchestra, den Heroen die Bühne angewiesen habe, 
scheint aus mehreren Spuren hervorzugehen. Silen ist schon 
unter den Schauspielern erkannt worden ; die von Pollux auf- 
gezählten Satyrmasken sind offenbar Charakter- also Bühuen- 
masken und endlich wurden die Heroen selbst vom satyresken 
Wesen ergriffen. AVenn der Grammatiker Diomedes sagt: die 
römischen Atellanen unterschieden sich dadurch von dem grie- 
chischen Satyrspiele, dafs in diesem meistens Satyrpersonen ein- 
geführt würden oder die als satyrähnlich lächerlich wären, wie 
Autolykos, Busiris — so mufs doch dieser Ueberlieferung etwas 
Sicheres zu Grunde liegen, um so mehr, da bestimmte Dramen 
genannt werden. Wenn wir uns darnach also den Busiris 
satyresk auf der Bühne vorzustellen haben, warum denn nicht 
auch die dem Busiris oder Burris verwandten Persönlichkeiten 
eines Kerkyon, Amykos, Skiron? Ebenso die dem Autolykos 
entsprechenden verschmitzten, diebisch gearteten Heroennaturen, 
wie etwa Sisyphos, Odysseusund endlich den delphischen Herakles? 
Wie mannigfaltig man im Drama mit Silen- und Satyrkostüm 
schaltete, können wir unter anderem auch aus dem bekannteu, 
von Welcker auf die Psychostasie gedeuteten Vasenbilde 
schliefsen, wo die Genien des Lebens und Todes auf Silcnen 
reitend dargestellt sind. Eine noch treffendere Analogie hätten 
wir, wenn sich Panofkas Vermuthung erweisen liese, dafs zwei 



') Ueber Hephaistos von Achaios: AV^elcker, Nachtrag S. 300. 



VIII. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber. 229 

Silene, die auf dem Halse einer Münchener Hydira sich um 
einen Hirsch reifsen, eine Travestie von Herakles und Apollon 
wären. Gewifs ist. dafs in sehr verschiedener Weise das Satyr- 
spiel auf das Gebiet der Komik übergehen und umgekehrt die 
Komödie die Satyrmaske benutzen konnte. Es gab in der That 
Mischgattungen, wenn auch frühere Versuche, ein komisch-saty- 
risches Drama in der griechischen Litteraturgeschichte einzu- 
bürgern, darum nicht gutgeheifsen werden sollen.^) 

Endlich ist zu bedenken, dafs die scharfe Abgränzung des 
Satyrdramas gegen die Komödie, wie sie namentlich durch 
Welcker gemacht worden ist, doch jedenfalls nur dem Gebrauche 
der attischen Bühne entlehnt ist. Von Sicilien und ünter- 
italien, wo aus denselben Elementen des Volkswitzes, wie im 
eigentlichen Griechenlande, eine reichgestaltige Komik erwuchs, 
wissen wir nicht, dafs jemals solche Gränzen bestanden haben, 
und je mehr gerade dort, wie ein Ueberblick epicharmischer 
Titel lehrt, die mythologische Komik überwog, desto freier 
benutzte diese alle zu ihrem Zwecke brauchbaren Mittel. 
Der Phlyakographie des Rhinthon wird es als hauptsäch- 
liche Tendenz zugeschrieben, tragische Stoffe in das Lächer- 
liche umzusetzen, und in solchen dorischen Satyrpossen Unter- 
italiens oder Siciliens mag auch, wie auf unserem Bilde, des 
Herakles Dreifufsraub in satyresker Travestie behandelt wor- 
den sein. 

So knüpfen sich mancherlei Betrachtungen, die auf das 
Gebiet der Denkmälerkunde, der Religionsgeschichte , der 
Litteraturgeschichte der Griechen sich erstrecken, an das vor- 
liegende Vasenbild, zu weiterer Ausführung anregend. Auf die 
Bedeutung desselben hingewiesen zu haben, genügt der Auf- 
gabe dieser Zeilen, die zur Jahresfeier unsrer archäologischen 
Gesellschaft einladen. Von jedem Denkmale aus in das Ge- 
sammtleben des Alterthums einzudringen war das Streben 
Winckelmanns, aus dem die Schöpfung einer neuen "Wissen- 
schaft hervorgegangen ist. Darum gilt uns jede Gedächtnifs- 



') Silen als Schauspieler: Fr. Wieseler, Das Satyrspiel, 1848, S. 28. 
PoUux IV 132. Wieseler S. 31. Diomedes in Gramm, lat. auct. vet. ed. 
Putsch p 488. Sisyphos als Satyr: Panofka. Zeus und Aigina S. 14. 
Psychostasie : Welcker, Nachtrag S. 290. Panofka in der Archäolog. 
Zeitung 1847 S. 17*. Man könnte nach Analogie des 'Ht)ay.).eio^nt>iHai in 
den Fröschen V. 499 unsern Herakles einen 'IfonyJ.eoasilr^vüg nennen. 



230 VIII. Herakles der Satyr und Dreifufsräuber, 

feier des Meisters als ein neues Gelöbnifs, nirgends an der 
Schale kleben zu bleiben und die Wissenschaft von der alten 
Kunst nicht auf den von Winckelmann überwundenen Stand- 
punkt antiquarischer Vielwisserei zurücksinken zu lassen ; als 
ein Gelöbnifs, die Kunst mit sauberen Händen zu pflegen und 
ihren geschichtlichen Inhalt, ihren Innern Zusammenhang und 
ihre organischen Gesetze nach Kräften an das Licht fördern. 
Das heifst Winckelmann feiern! 



IX. 



Herakles der Dreifiifsträger 



Gegenstand dieser Abhandlung ist ein Thongefäfs aus 
Vulci, das mit der Sammlung Candelori in die Münchener 
Pinakothek gekommen ist, in Jahns Verzeichnifs no. 1294, 
abgebildet Archäol. Z2itung XXV Taf. 227. Wir sehen hier 
eine in ihrer Art einzige Varietät in der zahllosen Menge von 
Darstellungen, welche Herakles mit dem Dreifufse zum Gegen- 
stande haben. Die Figuren sind schwarz mit Zuthat von Weifs 
und Roth; die Zeichnung erscheint mehr roh und nachlässig 
als alterthümlich streng.^) Die Vase ist mehrfach erwähnt 
worden, aber nirgends eingehender besprochen : auch der Heraus- 
geber des Verzeichnisses hat im Register der Gegenstände nur 
angedeutet, dafs er Bedenken trage, sie den Darstellungen des 
Dreifufsraubes beizuzählen. 

Und gewifs mit vollem Rechte. Denn auf allen Bildern 
dieser Gattung, welche am übersichtlichsten in Welckers Alten 
Denkmälern III S. 268 ff. zusammengestellt sind, finden wir 
eine Kampfscene und zwar so, dafs entweder beide, Apollon 
wie Herakles, den Dreifufs anfassen und ihn an sich zu reifsen 
suchen, oder dafs Apollon dem Herakles nacheilt und ihm den 
Raub abnehmen will, während dieser ihn mit geschwungener 
Keule trotzig vertheidigt. Hier ist aber keine Spur von einem 
Conflikte wahrzunehmen, und doch ist es ohne Zweifel ein 
mantischer Dreifufs, dessen Geschichte den Gegenstand der 
beiden Vasenseiten bildet. Wenn dies des Beweises bedürfte, 
so erhellte es aus der Rückseite. Denn hier sehen wir auf 
den ersten Blick, dafs es sich nicht um einen Dreifufs der Art 

^) Zu den Kennzeichen des* altcrthümliclien Stils gehören die kreis- 
runden Augen der männliclien und die lan<jgeschlitzten Augen der weib- 
lichen Gesichter. Vgl. 0. .Tahn, Vasensamnilung König Ludwigs S. CCVIII. 



232 ■^■^- Herakles der Dreifufsträger. 

handelt, welche ich in der Archäol. Zeitung XXV S. 89 ff. 
behandelt habe ; denn es fehlt der Untersatz von Stufen oder 
Säule , dessen kein geweihter Siegesdr eifufs entbehren konnte : 
riy.i]oag dveO^rf/.a TQLTCoöa Icp^ vilnfAov, heifst es deshalb vom 
dithyrambischen Dreifufse des Andokides im Leben der zehn 
Kedner 320. Vgl. über die Aufstellung von Siegstripoden auch 
Pervanoglu in den Annalen 1861 S. 114. 

Den Kampf um den mantischen Dreifufs habe ich aus der 
alten Volksgeschichte der Hellenen zu erklären gesucht und 
ich glaube nicht, dafs Viele dem trefflichen Preller beistimmen 
werden, wenn er in seiner Gr. Myth, 2, 163 die ganze Kampf- 
sage für einen Mythus hält, welcher nur zu dem Zwecke er- 
dichtet worden sei, um die spätere Verbrüderung um so nach- 
drücklicher hervorzuheben. Für einen solchen Hülfsraythus, 
dessen Zweck aufserdem nicht recht zu verstehen ist, tritt uns 
doch jene Sage mit einem zu alterthümlichen und volksthüm- 
lichen Charakter, in zu grofser Verbreitung und zu ernster, 
religiöser Auffassung entgegen. Ich glaube vielmehr, dafs ein 
Conflikt semitischer und hellenischer Gottesdienste, der in 
Delphi seinen Schauplatz hatte, als die Grundlage jener Sage 
immer deutlicher hervortreten wird. Als Inhaber einer un- 
hellenischen Mantik ist Herakles Delphi gegenüber in Bura 
bezeugt, und wir werden jetzt weniger als früher uns berech- 
tigt halten, die alten örtlichen Ueberlieferungen von der Ver- 
wüstung Delphis durch Herakles-Makeris und von dem Versuche 
des Herakles, sein Orakel an Stelle des pythischen zu setzen, 
für inhaltleere Erfindungen später Mythographen zu halten.^) 

Hier aber haben wir es mit einer anderen Sage zu thun; 
für unser Vasenbild gilt also das Sprichwort: oviog ällog 
'Hoa/JJ^c;. Freilich haben alle Heraklessagen einen gemeinsamen 
Kern, aber der tyrische Melkar ist in sehr verschiedener Form 
hellenisirt und in dem Grade nationales Eigenthum geworden, 
dafs man in vielen seiner Gestalten, wie z. B. in der des 
attischen Theseus, den ursprünglichen Barbaren nicht wieder 
erkennt. Als hellenischer Heros ist er bei den Stämmen, 
welche sich den Apollodienst mit besonderem Eifer angeeignet 
haben, vorzugsweise zu Ehren gekommen, und dadurch ist er 
selbst zu einem Diener Apollons und eifrigen Verbreiter seines 



') Paus. X J7, 3. Apollod. II G. Plut. sera num. vind. c. 12. 



IX. Herakles der Dreifufsträger. 233 

Dienstes, aus einem Verwüster des Lorbeerhains zu einem 
öacpv)]cp6Qog (Paus. IX KT, 4). aus einem Dreifufsräuber zu einem 
Dreifufsträger geworden. So sehen wir ihn hier. 

Das Dreifufstragen als eine von der Pythia gebotene 
liturgische Handlung ist uns am deutlichsten in der Sage von 
Koroibos bezeugt. In Delphi gesühnt, wird er nur unter der 
Bedingung entlassen, dafs er einen Dreifufs auf seine Schultern 
nimmt, welchen er nicht niedersetzen darf, bis derselbe von 
selbst entgleitend den Boden berührt. Dies geschieht, wie er 
die Geraneia hinansteigt, und er gründet daselbst Tripodiskos 
mit seinem Apolloheiligthume (Paus. I 43, 7). Dieser Sage 
von der Gründung eines delphischen Filials entspricht in seinen 
Hauptzügen unser Vasenbild. Herakles, die einzige Figur, 
welche mit einiger Sorgfalt (und nicht ohne einen gewissen 
Humor) ausgeführt ist, hat sich dazu hergegeben, sich die über- 
grofse Last des Dreifufses auf seinen Nacken aufladen zu lassen, 
einem demüthigen Sklaven gleich vtto/.vtttcji' rch' tv/mv (Arist. 
Ach. 954). Die Füfse des heiligen Geräths berühren den 
Boden: er ist also entweder im Begriffe, es erst von seinem 
ursprünglichen Standorte aufzuheben, oder es ist schon an 
der Stelle angelangt, wo es nach göttlicher Anordnung seine 
neue Stätte finden soll und mit unwiderstehlicher Wucht zu 
Boden sinkt. Der Dreifufs hat nur zwei Füfse; der dritte sollte 
vorne herunter gehen, wie der Vergleich mit dem unteren Drei- 
fufse zeigt, ist aber weggelassen, weil er die Figur des Herakles 
schneiden würde, nach demselben Principe der alten Kunst, 
nach welchem man es auch vermieden hat, durch einen wage- 
recht ausgestreckten Speer oder Dreizack einen Theil des Ge- 
sichts der dargestellten Person verdecken zu lassen, wie z. B. 
bei dem Poseidon auf pästanischen Münzen. 

Apollon, nackt, mit langem Haare und Kopfbinde, in der 
Rechten, wie es scheint, eine Binde, in der Linken eine 
Lorbeerruthe haltend, wandelt friedlich hinter Herakles, zum 
Zeichen, dafs das Forttragen des Dreifufses in seinem Sinne 
und seinem Dienste geschehe. Hinter ihm erwartet man Artemis, 
aber es folgt ein nackter Jüngling mit Binde um den Kopf 
und einer auf die Brust herabhängenden Haariiechte, in der 
Rechten, wie der voranschreitende Apollon, eine reifförmige 
Binde haltend. Diese Figur wird sich ebenso wenig mit 
Sicherheit benennen lassen, wie die auf der anderen Dreifufs- 



234 I^- Herakles der Dreifufsträger. 

Seite, welche dem keuchenden Herakles zuzusprechen und etwa 
das Ziel seiner Wanderung zu bezeich"nen scheint. Beim änn- 
lichen Personen, welche den Thaten des Herakles beiwohnen, 
denkt man zunächst an Hermes und lolaos, und es kommt 
auch beim Dreifufsraube vor, dafs die zu Herakles gehörigen 
Personen auf beide Dreifufsseiten vertheilt sind (Roulez, Me- 
langes 1843 no. J). Sicher ist nur am Ende rechts Athena 
in voller Rüstung, um den Helm eine Binde tragend ; der Speer 
ragt über dem Schilde hervor, ohne dafs man sieht, wie er 
gehalten wird. Die Flüchtigkeit der ganzen Zeichnung verräth 
sich auch darin, dafs die linke Hand des vor Athena stehenden 
Mannes gar nicht gezeichnet ist. 

Die andere, durch einen schönen Ornamentstreifen aus- 
gezeichnete^ Seite zeigt den weggetragenen Dreifufs an Ort 
und Stelle. Binden hängen auch hier aus den Kesselringen 
herab; zwei Lorbeerreiser bezeichnen die feierlich vollzogene 
Gründung. Links vom Dreifufse steht eine langbekleidete Frau 
mit Kopfbinde, rechts ein bärtiger Mann mit langem, vollem 
Haar und zierlich gesäumter Chlamys. Beide fassen den Drei- 
fufs an. Man mufs an zwei Gottheiten denken, welche die Grün- 
dung durch ihre Betheiligung festmachen, und man wird zunächst 
an Athena und den nach seinem mühseligen Frohndienste nun 
im Sonntagskleide dastehenden Herakles denken; beide erscheinen 
wie billig ohne kriegerische Attribute. Rechts und links assistiren 
dem heiligen Akte zwei in Festgewänder eingewickelte Priester. 
Inhalt des Doppelbikles ist also die Stiftung eines delphi- 
schen Filials, eines Pythions und vielleicht auch der damit 
verbundenen Stadtgemeinde. Auf dem Markte von Gytheion 
bezeichnete ein von Herakles und ApoUon in Einverständnifs 
gegründeter Dreifufs den heiligen Mittelpunkt der Stadt, und 
von den unter delphischer Sanktion gebauten Pflanzstädten ent- 
behrte gewifs keine eines solchen Dreifufses, des Symbols legi- 
timer Abstammung von der religiösen Metropole. Daher der 
Dreifufs als Stadtwappen von Kroton u. a. Städten, und wo, 
wie in Kroton, Herakles als Oekist geehrt und als solcher auf 
den Münzen neben der taria r^g nöAtwi; dargestellt wurde, da 
gab es gewifs auch Legenden von dem Herakles rQiyioÖiifpÖQog. 
Eine solclje liegt, wie ich glaube, dem Münchener Vasenbilde 
zu Grunde. 



X. 



Die griecMsche Kunst in Indien. 



Unter den Gebieten, welche neuerdings der kunstgeschicht- 
lichen Forschung eröffnet sind, ist ein weit entlegenes und von 
der deutschen Wissenschaft noch kaum beachtetes, ein Gebiet, 
dessen eigentliche Bearbeitung die Aufgabe der Orientalisten 
bleiben wird, dessen ernstliche Berücksichtigung aber auch die 
klassische Archäologie nicht ablehnen darf. Ich meine die 
Denkmäler derjenigen Theile von Centralasien, welche man jetzt 
nach politischem Gesichtspunkt die 'neutrale Zone' zu nennen 
pÜegt, d. h. die Mittelzone zwischen den englischen und russischen 
Besitzungen, das Grenzland des Penschab. 

Dieser Theil Nordindiens ist durch Alexander und seine 
Nachfolger in den Kreis hellenischer Cultur hereingezogen, und 
eine lange Reihe von Münzen (um deren Sammlung, Ordnung 
und Erklärung sich nach dem Vorgange von R. Rochette, James 
Prinsep, O. Müller und Grotefend besonders Lassen und in 
neuester Zeit der General Alexander Cunningham verdient ge- 
macht haben) bildete bis vor Kurzem das einzige Denkmäler- 
material, aus welchem man die griechische Herrschaft in Nord- 
indien, den Sturz derselben durch die Skythen, die Fortdauer 
griechischer Bildung unter denselben und die Aneignung 
griechischer Sprache und Religion von Seiten der indischen 
Landesherren nachweisen konnte. 

Seit 1870 hat man mit Ausgrabungen begonnen, aus denen 
eine überraschende Fülle von Architektur und Skulptur hervor- 
gegangen ist, so dafs sich jetzt die wichtige Epoche, welche 
um 250 V. Chr. anhebt, viel genauer erkennen läfst. Sowie 
die Griechen im Kabulthale heimisch wurden, haben sie ihrer 
Bildung auch nach Indien die _ Wege geöffnet : altindische 
Technik ist von griechischer Kunst neu befruchtet worden; 



Oßß X. Die griechische Kunst in Indien. 

der Hellenismus und der Buddhismus, beide ihrer Richtung 
nach kosmopolitisch, durchdrangen sich und schufen eine eigene 
Kunstwelt, deren Anschauung uns jetzt erst vergönnt ist, die 
gräko-buddhistische, bis im Laufe der Zeit ein Ermatten dieses 
Aufschwungs stattfand und damit zugleich ein Zurücksinken in 
die altindische Formlosigkeit, 

Mit diesen Entdeckungen ist also für die griechische Kunst- 
geschichte ein neues Blatt eröffnet, und die indische Alterthums- 
kunde, wie sie durch die umfassenden Forschungen Alexander 
Cunningham's in seinem Archaeological Survey of India (3 
Bände 1871 — 73) neu gestaltet worden ist, darf auch dem 
Forscher der alten Kunstgeschichte, welcher das Leben der 
griechischen Kunst bis in die fernsten Zeiten und Länder ver- 
folgt, nicht gleichgültig sein. Eine Sammlung gräko-buddhisti- 
scher Alterthümer ist zuerst durch Dr. Leitner in Wien 
zur Ausstellung gebracht und dann zu London in Albert Hall, 
wo sie durch James Fergusson u. A. ihrer Bedeutung gemäfs 
gewürdigt worden sind. Inzwischen haben sich in Indien selbst 
bedeutende Sammlungen gebildet, namentlich in Labore, von 
dessen Museum General Cunningham die wichtigsten Stücke 
(51) hat photographiren lassen. Eine zweite Sammlung besitzt 
das Peshawer Museum, eine dritte ist inCalcutta; ausgewählte 
Proben sind in das Berliner Museum gekommen.^) 

Der Fundbezirk dieser Alterthümer urafafst das nördliche 
Penschab an der Grenze von Afghanistan, und es sind beson- 
ders drei Plätze, die sich als ergiebige Fundstätten erwiesen 
haben: Takht-i-Bahi, dessen Trümmer Cunningham II 106 
beschreibt; Buddha-Gaya am linken Ufer des Phalgu, 5 engl. 
Meilen nördlich von der Stadt Gaya, 65 südlich von Patna, 
der Standort des berühmten Bodhi-drum, des Weisheitsbaums, 
neben welchem der grofse Tempel steht, ein Gebäude von 48 Fufs 
im Quadrat, inmitten ausgedehnter ßuinen, und drittens Mathura. 

Mathura wird für die indo - skythische Periode als das 
Centrum anzusehen sein; denn die Aufgabe der Wissenschaft 
besteht wesentlich darin, die neugefundenen Monumente geschicht- 
lich zu ordnen und mit der Fürstengeschichtc, welche sich aus 
den Münzreihen ergiebt, in Einklang zu bringen. 



') Siehe jetzt: Grünwedel, Buddhistische Kunst in Indien (Hand- 
bücher der Kgl. Museen zu Berlin). 



X. Die jjriecliische Kunst in Indien. 237 

Ueber den indischen Kaukasus hatte sich unter baktrischen 
Fürsten die griechische Herrschaft in Kabul den Indus hinab 
ausgebreitet. Demetrios, Eutbydemos' Sohn, war der Eroberer. 
Hermaios gerieth unter die Oberhoheit von Skythen, nachdem 
die Javanaherrschaft 82 Jahre gedauert hatte. Das ist die 
Umwälzung, von welcher bei Trogus Pompejus (Prol. 41) die 
Rede ist, mit welcher die Namen Kozulos, Kadphises u. a. 
auftreten, die in den Königreiheu ein Jahrhundert vor und ein 
Jahrhundert nach Chr. vorkommen. Wie wir diese barbarischen 
Namen in griechischer Schrift auf den Münzen finden, so war 
auch griechische Kunst ein Bedürfnifs der barbarischen Fürsten- 
höfe; griechische Künstler aus Baktrien arbeiten im Dienste 
reicher Buddhisten, und so entwickelte sich ein eigenthümlicher 
Zweig hellenistischer Kunst, dessen reichste Entfaltung wir in 
der Trümmerstätte von Mathura erkennen. 

Was das Material der Architektur und Plastik betrifft, so 
ist es ungemein mannigfaltig. Das vorherrschende Baumaterial 
bilden Backsteine , deren Fabrikstempel nachzuweisen sind 
(Archaeological Survey of India III pl. 31). Von Metall ist 
Eisen zu Pfeilern bis zu 60 Fufs Höhe verwendet. Rothen 
Sandstein liefern die Berge bei Mathura; Granit findet sich 
bei Buddha-Gaya. Mörtel und Gyps wurden als Surrogat für 
Stein angewendet. Man liebte auch Backsteingemäuer mit 
Steinplatten zu verkleiden. 

Von den zerstörten Heiligthümern giebt es Abbiklungen 
in Eelief. Sie zeigen uns das Innere derselben mit Emporen, 
welche von korinthischen Säulen getragen werden. Freistehende 
Säulen wurden zur Aufstellung von Thierfiguren benutzt. Der 
Tempel der Griechen hat als Ganzes, wie es scheint, hier 
keinen Eingang gefunden, aber im Einzelnen hat sich die Orna- 
mentik der griechischen Kunst in reichstem Maafse ausgebreitet: 
cannellirte Pfeiler, Astragalen, Rosetten, Kragsteine, Zahn- 
schnitt und Akanthusblatt finden sich aller Orten. Das letztere 
ist mit Vorliebe angewendet; wir finden Buddhaköpfe in 
Akanthuscapitellen angebracht. 

Charakteristisch sind die im Grundrifs rund oder viereckig 
angelegten Pfeilerbauten, welche heiligen Plätzen oder Gegen- 
ständen (Stupas, Tempeln, Bäumen) zur Einhegung dienen; die 
älteren von Buddha - Gaya, die jüngeren in Mathura. Bei den 
letzteren ist die Pfeilerdicke auf -/.. der Breite, die Höhe auf 



238 



X. Die griechische Kunst in Indien. 



das Fünffache der Breite reducirt. Die Steinpfeiler sind unter 
einander durch Schranken verbunden und oben durch einen 
gemeinsamen Architrav, mit dem sie eine Höbe von circa 
7 Fufs erreichen. Die Pfeiler waren ursprünglich glatt und 
sind dann an der Vorder- und Hinterseite plastisch ausgestattet, 
namentlich mit karyatidenartigen Figuren. Die Architrave 
tragen Friese mit Thierreihen, Prozessionen und Tänzen in 
farbigem Relief. Auch sind die Pfeiler in verschiedener Höhe mit 
Relieftafeln besetzt. Als Beispiele dieser Pfeilerreliefs erwäbne 
ich das Bild eines heihgen Baums in seinem Gehege, von Weibe- 
gaben umgeben, und das durch den ganzen Orient verbreitete 
Wappenbild einer säugenden Kuh, beide aus Buddha- Gaya.^) 
Der Buddhismus stimmt darin mit der hellenischen Religion 
überein, dafs die gröfste Zahl der Bauten und Bildwerke aus 

der Anathesis hervorgeht. Säulen, 
Pfeilerbauten , auch einzelne Bau- 
glieder werden von den Gläubigen 
den Klostertempeln gestiftet. 

Was den Inhalt der Darstel- 
lungen betrifft, so war schon aus den 
Münzen bekannt, dafs griechische 
Göttertypen wie Athena Promachos 
und Helios in Indien Eingang ge- 
funden haben. 

Bei dem Dienste des Sonnen- 
gottes, der in Taxila eine berühmte 
Stätte hatte, war die Annahme des 
griechischen Typus den Indern besonders nahe gelegt, und hier 
können wir am deutlichsten die beiderseitigen Darstellungs- 
weisen unterscheiden, den indischen Surya auf einem Wagen 
mit sieben rennenden Pferden und den Helios auf einem grie- 
chischen Viergespann, wie es auf dem obenstehenden Relief 
(Survey III, pl. 27) dargestellt ist. 

Der Typus des Ganzen ist vollkommen hellenisch , doch 
fehlt es an eigenthümlich nationalen Zugaben nicht. Das sind 
die beiden Genien als Bogenschützen oben rechts und links, 
deren Pfeile die Sonnenstrahlen bedeuten, der Doppelschirm u. a. 

^) Die Abbildungen bei Cunningham Survey I pl. IX und pl. XI. 
Ueber den BaumcuUus vgl, das Prachtwerk von Fergusson „Tree and 
serpent v^rorsbip". London 1873. 




X. Die orriechische Kunst in Indien. 



239 



Die Inder nehmen mit Vorliebe solche Gestalten an, welche 
ihrem Geschmack für das Phantastische entsprechen. Daher 
die vielen tritonartigen Figuren, die in zierlichen Medaillons 
angebracht sind (Survey III, pl. 26), die Flügelpferde, See- 
widder, Seestiere. Ja auf diesem Gebiete ist die indische Kunst 
mit einer gewissen Selbständigkeit den klassischen Vorbildern 
nachgegangen, wenn wir annehmen dürfen, dafs die See-Elephanten, 
die wir neben den griechischen Fabelthieren finden (pl. 29), 




auf indischem Boden geschaffen sind. Auch die spitzen Ecken 
der über einander aufsteigenden Rundbogen, wie sie bei den 
Indern beliebt waren, finden wir mit fischleibigen Menschen- 
figuren ausgefüllt. 

Auch in der Kleidung sehen wir das Indische und das 
Griechische sich begegnen. Je weniger man in Indien für das 
Nackte Sinn hatte, um so mehr gefiel dort die faltenreiche 
Fülle der ionischen Tracht durch die Würde, welche sie der 
menschlichen Gestalt verleiht. Stehende wie sitzende Figuren 
sind mit Unter- und Obergewand ausgestattet, die einen wohl 
studirten Faltenwurf zeigen. Der mönchische Buddha wird zu 
einem Togatus umgewandelt, der nie ohne faltigen Mantel er- 
scheint, aus dem die rechte Schulter frei hervorragt.*) Auf 
das Schuhwerk ist eine ganz besondere Sorgfalt gew^endet; die 
schweren und künstlichen Formen {i7i(jör]^iaxa Xtv/.ov dioaccTog 
neQKJOwg r^oxr^f-teva : Arrian c. 16) sind auf das Genaueste nach- 
gebildet und die Knöchel mit grofsen Ringen umgeben. 

Was die Haartracht betrifft, so ist die Glätte des Gesichts 
für die Inder charakteristisch; denn das Haar erschien ihnen 
wie ein Auswuchs, dessen möglichste Beseitigung religiöse 
Pflicht war. Die Ausländer sind daher durch einen Bart ge- 
kennzeichnet. 

Auch im Gesichtsausdruck hat sich die bildende Kunst 
dem Einheimischen, angeschlossen. Die Köpfe sind rund, breit 
und fleischig, mit einem Ausdrucke stumpfer Gleichgültigkeit, 



') Archäol. Zeitung XXXIil Tafel XI 3 nacli einer Photographie. 



240 -^- ^i^ griechische Kunst in Indien. 

alle einander ähnlich ; dazu kommen als nationale Eigenthümlich- 
keiten die schweren Augenlider, die dem Gesichte den Aus- 
druck der Müdigkeit geben, die künstlich herabgezogenen Ohren 
und endlich das Wahrzeichen (Tilaka oder Tikka) an der Stirn 
über der Nasenwurzel. ^) 

Buddha selbst tritt uns in den verschiedensten Gestalten 
entgegen, mehr oder weniger von dem Geist griechischer Kunst 
berührt, mit unterwärts gekreuzten Beinen (ä l'indienne) sitzend 
oder wie griechische Götter thronend mit Löwen unter dem 
Fufse oder wappenartig zu beiden Seiten. Die fleischigen 
Formen der Brust zeigen gewifs nicht ohne Absicht einen 
androgynen Charakter. Buddha erscheint stehend mit ein- 
gestemmter Linken, ein Lehrer des Gesetzes mit dem Ausdruck 
zweifelloser Sicherheit; er erscheint wandernd, reitend (vor 
einem Stadtthore ankommend) , wunderthuend , nach Art 
griechischer Götter eine Schale in der Hand, aus welcher er 
ausgiefst ; unterwärts spriefsen Gewächse auf. Der grofse 
Heiligenschein, welcher das Haupt des Buddha umgiebt, er- 
scheint einzeln wie eine mit bandartigen Ornamenten verzierte 
Tafel. Bei alterthümlichen Darstellungen gleicht er einer run- 
den Scheibe, welche unten gerade abgeschnitten auf der Rück- 
lehne des Thrones aufliegt. Aufrecht, in schlichter Würde, mit 
eng anschliefsendem, feinem Untergewande und faltenreichem 
Ueberwurfe, mit entblöfster Schulter und hohem Haarschopfe 
auf dem Kopfe, ohne Nimbus, jugendlich, lockig, nähert sich 
Buddha am meisten dem idealen Typus eines griechischen 
Apollon. 

Als hellenische Tyjien, die geradezu übernommen sind, 
können wir aufser der behelmten Athena und dem Sonnen- 
gotte besonders bacchische Gestalten nachweisen , und eines 
der zuerst bekannten Werke gräko - indischer Bildnerei ist 
der 1ö3G von Prinsep besprochene Silen von 3' 10" Höhe, 
mit Epheu und Wein umkränzt, auf eine männliche und eine 
weibliche Figur sich stützend. Die griechische Mythologie ist 
wie ein äufserer Apparat aufgenommen worden ohne eingreifenden 
Einflufs auf das Volksbewufstsein. 



^) In der alten Sprache tilaka = Mal, Hautflecken (einem Sesamkorne 
verglichen); dann aufgelegter Zierrath und Sektenzeichen, auch pundra 
genannt. Ursprung und Alter dieses Stirnzeicliens ist noch nicht fest- 
gestellt. 



X. Die griechische Kunst in Indien. 241 

Zu den nicht - göttlichen Figuren, welche uns auf den 
buddhistischen Bildwerken begegnen, gehören des Buddha Ver- 
wandte, die in seiner Begleitung erscheinen, seine Vorahnen 
und die Donatoren, welche auf beiden Knieen oder auf einem 
vor ihm liegen. 

Von dem indischen Personal unterscheidet sich das nicht- 
indische, dem der Charakter der Peregrinität unverkennbar auf- 
geprägt ist. Die Gestalten der Fremden sind freier, natura- 
listischer behandelt. Es sind bärtige Männer, oberwärts nackt, 
mit muskulösen Armen, ein Schwert an der Seite, Gestalten, 
in denen wir Skythen erkennen dürfen ; wir finden Gruppen 
von Kriegern mit Schilden, die Embleme tragen. Auch rein 
hellenische Gestalten, mit voller Freiheit in ausdrucksvollen 
Stellungen aufgefafst, begegnen uns an den Bildwerken als Zu- 
schauer, nie als Dienstthuende. So z. B. ein drrooy.ojtekov und 
ein bei dem Brande eines Hauses nur mit einem Schurz be- 
kleideter, wassergiefsender Jüngling. 

Von besonderem Interesse sind solche Bildwerke, in denen 
wir historische Persönlichkeiten voraussetzen dürfen, Häuptlinge 
fremder Race, die unter indischer Bevölkerung geherrscht haben. 
Dahin gehören die mit bewundernswürdiger Feinheit ge- 
arbeiteten bärtigen Männerköpfe. Einer derselben mit turban- 
artigem Aufsatz und einem Schmucke, der sich in Form einer 
Palmette über der Stirn erhebt, hat keine Tikka, und ebenso 
zeugt der Bart, welcher sauber gepflegt die Oberlippe ziert, dafür, 
dafs hier ein nordindischer Raya zu erkennen sei, der kein ge- 
borener Inder und kein Buddhist war. 

Auf einer der von Herrn Dr. Jagor aus Indien eingesandten 
Photographien finden wir ein sehr ausgezeichnetes Bildwerk, 
eine sitzende Herrschergestalt mit starkem Schnurrbart, lebens- 
voll und energisch, nach links umblickend, die Lanze in der 
Hand. Der Oberkörper ist scheinbar nackt (vielleicht mit einem 
enganschliefsenden Stoffe bekleidet) ; der linke Fufs ist auf 
einen Schemel gesetzt. Kleinere Figuren sind rechts und links 
sichtbar. 

Endlich begegnen uns mancherlei Kunstformen, die charakte- 
ristisch indisch, aber auf Grund und Boden des Hellenismus 
erwachsen sind. Hierher rechne ich vor allem die Frauen- 
gestalten, die in hohem Relief an der Vorderseite der Pfeiler 
stehen, unbekleidet bis auf einen bunten Gürtel, der mit reichem 

(Jurtias, Gesammelte Abhaudlungen. Bd. 11. lo 



242 ^' -Die griechische Kunst in Indien. 

Schmuck besetzt ist, die eine Hand zum Busen, die andere zum 
Schofs führend ; vorn fallen die Locken herunter ; die Rückseite 
ist von blühendem Lotes überwuchert. Es ist eine wunderliche 
Vermischung hellenischer Kunstmotive mit Eigenthümlichkeiten 
indischer Nationalität. Denn auf der einen Seite ist die Nach- 
bildung von Karyatiden in den Pfeilerstatuen nicht zu verkennen, 
andererseits ist der Typus der breiten ausdruckslosen Gesichter, 
die weichliche Fülle der Glieder, der wollüstige Charakter der 
Gestalten so ungriechisch-barbarisch, so echt indisch, dafs wir 
dabei nur an die lotosäugigen Frauen erinnert werden können, 
welche zum Hofstaate des Fürsten gehörig denselben dienend 
umgeben. Wir kennen der Inder Liebe zu Gesang und Tanz. 
Ueppige Tänzerinnen sind es, welche jenen Pfeilerstatuen zum 
Vorbilde dienten, und als solche ist diejenige am deutlichsten 
gekennzeichnet, welche sich in einem runden Spiegel beschaut, 
den sie sich mit der rechten Hand vor das Gesicht hält. lieber 
die Pfeilerbilder von Mathura siehe Survey III pl. 4. 

Die nationale Liebe zum Tanze si^richt sich in den vielen 
Reliefs aus, welche Züge von Tanzenden darstellen. Auch die 
Liebe zum Wettkampfe ist, wenn wir Arrian Glauben schenken, 
nicht erst durch die Hellenen nach Indien verpflanzt; denn er 
beschreibt es als eine nationale Sitte, dafs der Inder seine 
Tochter am liebsten einem Manne gebe, welcher im Ring- oder 
Faustkampfe gesiegt habe. 

So finden wir auf den Reliefs auch Kampfgruppen mit 
Vorliebe dargestellt. Am reichsten vertreten aber und am 
wichtigsten sind die Cultushandlungen, Anbetung des Buddha, 
Verehrung des Almosenkastens u. a. 

Bei diesen Cultushandlungen treten uns auch gewisse her- 
kömmliche Stellungen und Be.wegungen entgegen, die unser In- 
teresse in Anspruch nehmen, das Knieen oder Halbknieen der 
verehrenden Personen und zweitens das Falten der Hände. 
Es ist bekannt, mit wie ])einlicher Systematik die Inder das 
Ceremoniell der Handbewegungen ausgebildet haben. Mit eige- 
nen Wörtern haben sie das Halten der Hände mit nach oben 
gekehrten Flächen , die hohl an einander gelegten Hände , die 
erhobene, die gesenkte Händefaltung auf das Genaueste unter- 
schieden. Diese ausführliche Terminologie, mit den jetzt in Fülle 
vorhandenen Darstellungen verbunden, legt uns die Frage nahe, 
ob nicht das Händefalten als Gebetsritus hier einheimisch und von 



X. Die griechische Kunst in Indien. 243 

hier ins Abendland gedrungen sei. Das Gebet iunctis manibus, 
digitis compressis, compositis palmis wird als Zeichen der 
Gebundenheit des Menschen Gott gegenüber von dem Papste 
Nicolaus I. (858 — 867) in der Responsio ad Bulgaros der 
Christenheit empfohlen, und die bildlichen Werke der altchrist- 
lichen Kunst zeigen ja, dafs das antike Motiv des Emporhebens 
der Hände bis in das 9. und 10. Jahrhundert festgehalten 
worden ist.') 

Soviel zur Andeutung des Interesses, welches die neuen 
Entdeckungen auf dem Gebiete der indischen Denkmälerkunde 
auch für die klassische Archäologie haben. 



') Vgl. Hildebrant, Rituale orantium p. 55, und Augusti, Handbuch 
der christlichen Archäologie 1856, H 155. Von der Symbolik der Finger- 
und Handbewegungen bei den Indern handelt A. Weber, Ueber ein zum 
weifsen Yajurveda gehöriges Compendium (Abhandlungen der Berliner 
Akademie 1871), dessen freundlicher Mittheilung ich auch die vorher- 
gehende Anmerkung verdanke. 



16* 



XI. 

Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 



Das Metallrelief der Griechen, das wir erst durch die 
neueren Ausgrabungen näher kennen zu lernen anfangen, ist für 
die Geschichte der alten Kunst von hervorragender Bedeutung. 
Denn hier ist die Entwickelung langsamer vor sich gegangen 
und die Ueberlieferung zäher gewesen als in den anderen 
Zweigen der Antike. Es sind in Olympia beschriebene Erz- 
platten gefunden, die in später Zeit tektonisch verwendet worden 
sind; auf der Eückseite dieser Schriftplatten fanden sich sche- 
matische Ornamente der ältesten Art, concentrische Kreise, durch 
Tangenten verbunden.^) Ebenso sind viele dem Morgenlande 
entlehnte Formen mit besonderer Treue festgehalten; nach- 
dem sich aber auch hier ein national-hellenischer Stil allmählich 
durchgebildet hat, ist dieser wiederum in voller Reinheit länger 
festgehalten worden als auf allen anderen Kunstgebieten, wie 
dies die Metallreliefs der römischen Kaiserzeit bezeugen. Im 
Metallrelief gehen Kunst und Handwerk am meisten in einander 
über; in Metall sind typische Darstellungen von mancherlei 
Art zuerst ausgebildet und von hier nachweislich auf Thon, 
Stein und Elfenbein übertragen worden ; als sich aber der Kunst- 
trieb der Hellenen erschöpft hatte, und Byzanz in vielen Stücken 
zur Weise des Morgenlandes zurückkehrte, da ist auch die 
Metalltechnik in Bau- und Bildwerk wieder zu neuer Bedeutung 
gelangt. So greift die Betrachtung des Metallreliefs in alle 
Zweige des antiken Kunstlebens ein und verbindet die ent- 
legensten Theile, Anfang und Ende desselben mit einander. 



') Archäologische Zeitung XXXV, 1877, S. 48. 



XI. Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 245 

Wir unterscheiden ein dreifaches Verfahren. Erstens die 
freie Handarbeit des Treibens. Zweitens das Einhämmern 
dünner Metallbleche in hohlgearbeitete Formen. Eine solche 
Form ist in Olympia gefunden worden, eine aus Erz ge- 
gossene Hohlform, aus welcher ein alterthümlicher Frauenkopf 
mit verschleiertem Kopf, mit beiderseits senkrecht herabhän- 
genden Locken und Halsband abgedrückt ist, wie er im 
Bronzenbande von Olympia (1890. No. 88) abgebildet vor- 
liegt, einer der ältesten Typen, wie ich glaube annehmen 
zu dürfen, der olympischen Hera. Ein anderer, kleinerer 
Frauenkopf mit drei aufrechtstehenden Federn über der 
Stirn ^) scheint aus einer gleichartigen Form abgedrückt 
zu sein. 

Das Berliner Museum besitzt einen Formstein, von dem 
ich glaube, dafs er zu gleichem Zweck diente (Abhandl. der 
Akad. 1879 Tafel III, n. 6). Es ist eine Form aus Talk, in 
Athen gefunden, vollkommen erhalten. Nur ist am unteren 
Rande in rohester Weise eine Gufsröhre ausgehauen, welche zu 
einer Zeit, da man den Stein seiner ursprünglichen Bestimmung 
gemäfs zu benutzen verlernt hatte, dazu gedient haben mufs, 
ihn zum Gufs zu verwenden. Aus dieser Zeit stammen auch 
die vier Löcher an den Ecken, in denen man einen oberen 
Deckel befestigte. Das Helief zeigt, dafs die Form dazu ge- 
macht war, eine Silberschale herzustellen, welche dem Apollon 
geweiht war. Das dünne Blech wurde in die Höhlungen hinein- 
gedrückt und gehämmert. Solche Formen waren in den zu den 
entsprechenden Heiligthümern gehörigen Werkstätten vorhanden, 
um den Verehrern der Gottheit Gelegenheit zu geben, nach 
Auswahl ein Votivgeschenk zu bestellen. 

Die dritte Art ist das Stanzen dünner Metallbleche (relief 
estampe), wie wir es an den Goldplättchen aus Kamiros sehen, 
von denen Vaux eine Anzahl herausgegeben hat;^) einen Nach- 
trag dazu giebt die Arch. Zeitung XXVI, S, 111. Gepresste 
Goldbleche dieser Art sind massenweise in den Gräbern der 
Krimm gefunden; sie sind in Dodona, in Olympia und Athen 
zum Vorschein gekommen. 



1) Vgl. den orientalischen Federschmuck auf alten Scarabäen: Körte, 
Archäologische Zeitung XXXV, S. 114. 

'-) Transactions of the K. Society. New Series VIII. 



246 XI. Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 

Von diesen drei Arten des Metallreliefs ist die erste, das 
opus malleatum. die wichtigste. In ihr geht die Geschicklich- 
keit des Handwerkers ganz in die freie Kunst, über, und die 
künstlerische Thätigkeit wird nicht durch ein mechanisches Ver- 
fahren, wie es beim Pressen, Prägen und Giefsen der Fall ist, 
unterbrochen. Hier arbeitet der Meister von Anfang an mit 
freier Hand und hat sein Werk bis zur Vollendung vor Augen. 
Diese Erzbildnerei wird also auch vorzugsweise unter xcd/.eveiv 
verstanden und Hephaistos erscheint selbst auf unserer Erzgiefser- 
schale als Toreut oder caelator. 

Nach Mafsgabe des Kunstobjekts ist auch hier die künstle- 
rische Thätigkeit eine verschiedene. Bei den Werken, die den 
höchsten Ansprüchen genügen sollen, findet ein wirkliches Treiben 
mit dem Hammer statt (l/./.Qoveiv, excutere) und das in der 
Metallplatte von innen herausgeschlagene Relief tritt als voll- 
kommenes Bild hervor, so gut wie ein Thon- oder Marmor- 
relief, ein Hochbild, in welchem alle Falten der Gewänder, alle 
Muskeln und Sehnen der nackten Körpertheile mit voller Ge- 
nauigkeit modellirt sind. Ja, die Alten selbst erkannten im 
acpvQrj'Aarov die höchste Leistung lebensvoller Darstellung, welche 
die Hellenen erreicht hatten, wie Vergil's Worte bezeugen : ^) 
excudent alii spirantia mollius aera. Die sogenannten „Bronzen 
von Siris" und die stilverwandte Relieftafel aus Dodona-) geben 
uns eine Anschauung von der auf diesem Gebiete geübten 
Meisterschaft hellenischer Kunst. 

Es gab aber auch eine geringere Art derselben Technik, 
eine Art Kleinkunst, wie das figurenreiche Relief an den Silber- 
schalen, welche zuletzt von Heibig'') im Zusammenhang be- 
handelt sind und zu den Denkmälern gehören, welche die merk- 
würdigste Verbindung zwischen Orient und Occident bilden. 
Hier sind die Figuren auch von innen nach aufsen vorgetrieben, 
aber das Metallblech ist so dünn, dafs mit einem Stäbchen bei 
geringem Druck das Flachrelief hergestellt werden konnte. Es 
war eine rasche, leichte und verhältnifsmäfsig flüchtige Arbeit, 
welcher durch Graviren gröfsere Deutlichkeit und Schärfe der 
Umrisse gegeben wurde. 



») Aeneis VI 848. 

2j Carapanos, Dodone PI. XV. 

"j Annali dell' Institute arch. l«7ti, p. 197 ff. 



XI. Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 247 

Auch die eigentlich getriebenen Werke unterscheiden sich 
darnach, ob sie. wie jene Meisterstücke, ganz frei modellirt sind 
oder ob dem von innen arbeitenden Hammer auf der Aufsen- 
seite der Griffel oder die Gravirnadel nachgeholfen hat, um 
durch eingeritzte Linien die Bewegung und Bekleidung der 
Figuren dem Auge deutlicher zu machen. Als Beispiel führe 
ich das Ganymedesrelief in Speier an. das uns von Neuem 
zeigt, wie hellenische Motive gerade im Erzrelief lange festge- 
halten worden sind. Hier sind Muskeln. Haare, Augen, Federn 
durch eingeritzte Innenlinien dargestellt. Das ist eine Zwitterart 
zwischen zeichnender Kunst und erhabener Arbeit.^) 

Was die Verwendung der getriebenen Metallplatten 
betrifft, so ist sie zunächst eine architektonische. 

Die Metallbekleidung der inneren Wände, welche im ganzen 
Mittelmeergebiete verbreitet war, so weit es in Abhängigkeit 
vom Morgenlande stand, diente zu glanzvoller Ausstattung des 
Innern, wie die homerischen Ausdrücke zeigen {yah/.ov oregom]), 
und wue genau man Gewicht und Werth kostbarer Metall- 
arbeiten geschätzt hat, bezeugt Pausanias, wo er von den 
Thalamoi der Sikyonier in Olympia spricht,-) Dieser Kunst- 
brauch ist von den Palästen der Fürsten auf ihre Grab- 
gewölbe übergegangen;'') ursprünglich aber war er, wie wir 
glauben, in den Heiligthümern zu Hause, deren Wände 
nach morgenländischer Sitte mit Teppichen behängt waren. 
Die Teppiche wurden durch Metallbleche ersetzt. Beides nennt 
Philostratos (Apoll. Taf. 34) in Babylon neben einander: rd 
idv xQvooIg [(fuüuaoi, rd öl XQvoo) airoi xf/kaiGTai. Der Ueber- 
zug mit Metall war also gewissermafsen eine monumentale 
Tapisserie. Den üebergang in die monumentale Verkleidung 
sehen wir am deutlichsten in den versteinerten Fufsteppichen 
der Niniviten. Die Fufsteppiche hatten in der Regel geome- 
trische Muster, die Wandteppiche dagegen wurden zu figuren- 
reichen Schildereien benutzt*) und diese gingen auf die stell- 



*) Stark, Drei Metallreliefs, S. 4. (Jahrbuch des Vereins der Alter- 
thumsfreunde 1876). 

•-) VI 19. 

'j An der Tholos in Orchomenos finden sich Spuren der Erz- 
bekleidung. 

*) Tapisseries ä personnages, dites historiques, tapisserie „ä ymaiges." 
Achille Jubinal, Recherches sur l'usage et l'origine des tapisseries. Paris 1840. 



248 -^I- ^^^ archaische Bronzerelief aus Olympia. 

vertretende Wandverkleidung über. So finden wir in dem 
Heiligthimi, welches vollständiger als irgend eine andere Stätte 
des hellenischen Cultus den alterthümlichen Kunstgebraucli be- 
zeugt, dem Tempel der Athena Chalkioikos in Sparta, die 
inneren Räume mit Metallreliefs bekleidet, welche Götter- und 
Heroensage darstellten. 

Die architektonische Anwendung des Metalls mufs besonders 
in Korinth zu Hause gewesen sein (denn von ihren Brzkapitellen 
hiefs die Doppelhalle des Cn. Octavius am Circus Flaminius^) 
die „korinthische"), und sie mufs von da nach Syracus übertragen 
worden sein. Darauf führt mich der Ausdruck „Syracusana 
superficies", wie sie der römische Vestatempel nach dem 
Brande erhielt: ein technischer Ausdruck für Metallbekleidung 
heiliger Bauten, welche wir uns aber nicht nach Analogie 
von Chalkioikos zu denken haben, sondern dem plinianischen 
Sprachgebrauche gemäfs als eine Ausstattung des Daches.'') 
Wir werden also an Dachziegel denken, die mit Erzblech 
überzogen waren. Das war eine uralte Praxis des Morgen- 
landes, wie sie in Ekbatana bezeugt ist, wo keine Holzarbeit 
nackt zu Tage trat, sondern Balken, Felderdecken, Ziegel, 
Säulenschafte mit Gold- oder Silberblech überzogen waren, ^) 
Zu dieser Praxis ist man in Byzanz zurückgekehrt, wo man 
Spitzsäulen mit vergoldeter Bronze überzog und Prachträume 
mit vergoldeten Erzziegeln deckte, wie die berühmte xaXx^ da- 
selbst zeigt.*) 

Anstatt der Verkleidung ganzer Wandflächen werden ein- 
zelne Theile besonders geschmückt. 

Dahin gehören die Erzplatten, welche wie Tafelbilder 
neben einander in den Bewurf der Wände eingelassen wurden, 
wie sie Philostratos beschreibt; Bilder, deren Schildereien mit 



1) Plinius 34, 3, 7. 

*) Ebenso wie superficies wird EniTToh] für Dach gebraucht, Xen. 
Memor. III 1. 

') Polyb. X 27: ovSefilar ^vXeiar yEyvfd'wad'ai avi'tßnire. 

■*) Unger, Byzantinische Kunst in der Allgemeinen Encyklopädie 
LXXXIV S. 323, 393. Von Erzbekleidung der AuCsenwände griechischer 
Bürgerhäuser kenne ich nur das Haus des Phokion, das mit Erz- 
schuppen besetzte {^aly.an Itniai xEy.ooutj^iEvt]') Plut. Phoc. 18. Sie lagen 
wohl wie Schindeln über einander. So kommen ja die Schuppendecken 
als Ornament alter Vasen vielfach vor. 



XI. Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 249 

verschiedenartigem Metall so kunstreich ausgelegt waren, dafs 
sie wie Gemälde anzuschauen waren, ^) 

Vielerlei Ueberreste von Metallschmuck der Wände sind 
uns in den Prachtgräbern Etruriens erhalten, sowohl die Nägel 
wie die angehefteten Platten, aber alles am Boden liegend, so 
dafs die ursprüngliche Art der Verwendung sich nur selten mit 
Sicherheit bestimmen läfst. So die ausgeschnittenen Bronze- 
palmetten in einem cäretaner Grabe.-) Von besonderem Interesse 
sind die runden Erzscheiben, die Medaillons, welche entweder 
von einem hohen Wulst oder von einem flachen Eande um- 
geben sind und aus deren Mitte ein Kopf vorspringt, entweder 
ein Löwenkopf mit offenem Rachen oder ein Götterkopf. Am 
gewöhnlichsten ist der typische Kopf des keilbärtigen Dionysos 
mit Stierhörnern, von dem ein Prachtexemplar im Museum von 
Corneto ist.'^) Man fand in eineiji cornetaner Grabe 11 solche 
Erzrunde, Davon 7 mit Löwenkopf, die anderen mit Bacchuskopf. 

Die Art der Verwendung erhellt aus den Gräbern, an deren 
inneren Wänden sich noch heute Relief köpfe an alter Stelle erhalten 
haben, wie in der sogenannten tomba dei bassirilievi in Cervetri 
(Dennis P, S. 250), Diese Reliefköpfe sind an den Pilastern 
angebracht, welche die Centrainische einfassen, und wir dürfen 
darnach annehmen, dafs die Bronzemedaillons in ähnlicher Weise 
an Pfeilern und Wänden angefügt waren. Bei gut erhaltenen 
Exemplaren (wie bei einem aus Monteromano stammenden des 
Berl. Mus.) sieht man noch an dem nach innen vorspringenden 
Wulste des Mittelstücks die Spuren der alten Befestigung, Wie 
weit sich dieser in etruskischen Gräbern nachweisbare Gebrauch 
von Metallscheiben im Alterthum verbreitet hat, läfst sich nicht 
nachweisen. Doch glaube ich, dafs auch die peloponnesische, 
wie es scheint, weibliche Maske^) aus getriebener Bronze ein 
solcher Wandschmuck gewesen sei, welcher mit dem Rande auf 
die Wandfläche genagelt war; vermuthlich das Bild einer 
Göttin in ihrem Heiligthum, und ein Gleiches möchte ich von 
den im Rheingebiet gefundenen Reliefmedaillons annehmen, dem 



*) Vita Apollinii II 2 : ■/ah/.ol Tiivaxes eyxsy.QOTrjvrat Toi^co exdaru} 
yey^aftftspot. 

-) Abeken, Mittelitalien :}88; Mus. Grejj. XVI. 

^j Es ist derselbe Kopf, der auch mit Stierleib vorkommt. Dennis, 
Etrurien II 306. 

*) Benndorf, Gesichtshelme und Sepulkralmasken S. 36, Taf. XVII. 



250 ^^- ^^^ archaische ßronzerelief aus Olympia. 

Ganymedesrelief aus Erzblech in Speier, dem versilberten 
Kupferrelief in Bonn und dem vergoldeten Silberrelief aus 
Roermonde.^) 

Die Gräber sind den Wohnungen der Grofsen nachgebildet, 
und in diesen war es besonders der Eingang, welchen man aus- 
zeichnete. ,, Schwellen und Thüren aus Erz" bezeichnet Plinius 
als ein Kennzeichen des hohen Alterthums.-) GötterwohnuDgen 
wurden gleich beim Eintritt durch das Erz charakterisirt, und 
die auch in Rom heilige Bedeutung des Metalls erhellt schon 
daraus, dafs man im Hause des Camillus die ostia aerata als 
frevelhaften Uebermuth rügte. In der Heroenzeit aber konnte 
man sich kein Anaktenhaus anders denken, als an allen Wänden 
von der Schwelle an mit Erz bekleidet, wie Homer den Palast 
des Alkinoos schildert.^) 

Auch die tektonische Verwendung des Metallblechs, d. h. 
die Benutzung zur Umkleidung von Geräthen und Geschirren 
aller Art, um denselben höheren Werth und Glanz zu ver- 
leihen, wurzelt im Morgenlande. Im Salomonischen Tempel 
waren bekanntlich nicht nur Wände und Säulen, sondern auch 
die im Tempel stehenden Geräthe durch phönikische Meister 
mit glänzendem Metall überzogen. Von den Heiligthümern ist 
der Gebrauch auf den fürstlichen Haushalt übergegangen, und 
es wird die schimmernde Ausstattung von Menschen und Thieren, 
von Rüstungen und Geräthen mit glänzendem Edelmetall als 
etwas den „Hellenen ursprünglich Fremdes", als ein Kenn- 
zeichen barbarischer Prunksucht hervorgehoben, wie der Schmuck 
am Wagen des Thrakerkönigs Rhesos,*) an den Rossen der 
persischen Grofsen. der Amazonen, der Skythen und Massageten. 

Wie dieser Kunstbrauch, den wir vorzugsweise als orienta- 
lischen Luxus kennen, auf den Hausrath der Hellenen über- 
tragen und unter griechischen Händen umgestaltet worden ist, 
hat sich bis jetzt unserer Kenntnifs entzogen, was sich aus der 
Vergänglichkeit des Materials leicht erklärt, da die Gräber des 
griechischen Bodens wenig Funde dieser Art geliefert haben. 
Erst in neuester Zeit haben die Ausgrabungen von Dodona 



') Vgl. Stark a. a. ü, 

^) N. Hist. 34, 7, 13: Prisci liniina ac valvas in toniplis ex aere 
factitavere. 

■'J Od. 7, 86. Ueber Camillus aufser Plinius a. a. O.: Plutarch Cara. 12, 
*) Ilias 10, 439. 



XI. Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 251 

und von Olympia ansehnlichere Proben dieser Metallreliefs ge- 
liefert. Kunstarbeiten, welche zu den unscheinbarsten aller Aus- 
grabungsgegenstände gehören. Denn es sind zertretene, zer- 
fetzte, durch Oxydation entstellte, dünne Bleche, die aber, bei 
dem fast vollständigen Untergang altgriechischer Metallreliefs, 
für die Kenntnifs der griechischen Kunstgeschichte von unschätz- 
barem Werthe sind. 

Es sind erstens Erzbleche in Form eingerahmter, vier- 
eckiger Tafeln, welche als Beschläge von Greräthen gedient 
haben und die verschiedensten Stilarten darstellen. Eine dodo- 
näisclie Belieftafel (bei Carapanos Taf. XVIII 2) zeigt den 
alterthümlichsten Wappenstil und ist eine wesentliche Bereiche- 
rung derjenigen Denkraälergruppe, die ich bei früherer Ge- 
legenheit besprochen habe, um für das Thorrelief von Mykenai 
bildliche Analogien zusammen zu stellen.^) Die Tafel zeigt 
zwei Greife mit aufgestütztem Vorderfufse und umgewandten 
Köpfen einander gegenüber sitzend ; darunter sind Palmetten- 
ornamente in feinstem Stil gezeichnet, welche den Beweis liefern, 
dafs man in der Thiergruppe einen alterthümlichen Typus nach- 
geahmt hat, um die Vorderseite eines Geräthes zu schmücken. 
Auf demselben Blatt bei Carapanos ist eine Bronzetafel mit dem 
Bilde der Skylla in so vollkommen freiem Stil, wie die schönste 
griechische Terrakotta. 

Es finden sich auch Bronzereliefs mit ausgeschnittenem , 
Hintergrunde, nach Art der Thonreliefs älteren Stils, Das 
ausgezeichnetste Denkmal dieser Art ist der am 3. Mai 1879 
gefundene, knieende Herakles,") innerhalb eines viereckigen 
Rahmens, mit dem der rechte Fufs zusammenhängt. Die Figur, 
ohne den Rand 0,41 hoch, ist auf das Sauberste ausgeschnitten 
und trägt durchaus den Charakter des altkorinthischen Vasen- 
stils. Durch feinste Gravirung sind die Barthaare angedeutet; 
selbst die Naht des Chiton ist zu erkennen. Der Rand diente 
wie bei dem Greifenrelief zur Anheftung auf eine hölzerne 
Unterlage, von welcher noch Reste gefunden sind/') 



') Siehe Seite 109. 

'-) Olympia (1890), Bronzenband No. 717 (Tafel 40). 

"''j Bronzereliefs ohne Hintertrrund als Beschlag hölzerner Throne: 
Layard, Niniveh und Babylon Taf. V und VI. Das Berliner Museum be- 
sitzt solche Relieftiguren aus Foligno (18?5 gefunden), welche den Bauch 
eines Kessels umgürteten. 



252 XI- -D^s archaische Bronzerelief aus Olympia. 

Von besonderem Interesse aber sind die olympischen Bronze- 
reliefs, welche in Streifen oder in viereckigen, von zierlichen 
Säumen eingefafsten Feldern mythologische Scenen und andere 
Vorgänge darstellen; Reliefs, welche einst als Ueberzug hölzerner 
Geräthe gedient haben, die als Weihgeschenke gestiftet waren 
oder zur Aufbewahrung geweihter Kostbarkeiten im Heiligthum 
benutzt wurden. Diese Bronzen veranschaulichen uns das System 
der Ornamentation, wie es an berühmten Kunstwerken des Alter- 
thums bisher nur aus Beschreibungen bekannt war. Sie lassen 
auch in unverkennbarer Weise den Teppichstil als ihr Vorbild 
erkennen, indem die Säume, durch welche die Felderquadrate 
eingerahmt sind, das Muster von Flechtbändern zeigen, welche 
doch aus der Technik der Gewebe übernommen sind.^) 

Einige Proben dieser Reliefs^) sind in Holzschnitten nach 
den Photographien und Gipsabdrücken der Originale veröffent- 
licht (Abhandlungen der Berliner Akademie 1879), 

No, 1 (Bronzenband No. 694 Taf. 37) ist ein in zwei 
Bruchstücken erhaltener, verbogener Streifen, welcher eine fries- 
artige Darstellung zeigt und die Randverzierung eines Geräthes 
gebildet haben mufs ; wir erkennen eine Ochsenheerde, welche 
sich in gedrängter Reihe nach rechts bewegt, als wollten die 
Thiere sich freiwillig dem vor einem Baume sitzenden Manne, 
der das Messer in der Rechten hebt, zum Opfer darbieten, 
, Das vorderste Thier ist schon in die Kniee gesunken, 

No, 2 (Bronzenb. No. 693 T, 37) ist eine Platte aus feinstem 
Silber, deren Relief den alterthümlichsten Charakter der Verzier- 
ung zeigt (aus der Nähe des Zeusaltars, breit 0,075, lang 0,105). 

Die Fläche des Reliefs, die unten und oben mit Flecht- 
ornament eingefafst wird, ist mit Figuren überfüllt, welche aus 
Stempeln hervorgegangen sind. Es ist gestanzte Arbeit, Die 
Verzierungen bestehen theils aus Buckeln, concentrischen Kreisen 
und Palmetten, theils ausThieren von drei verschiedenen Stempeln, 
Oben eine Reihe Löwen, die durch eine Palmettengruppe unter- 
brochen wird ; weiter unten in verschiedner Höhe wechseln 
liegende Löwen und stehende Sphinxgestalten ab. Die schreitenden 
Sphinxe mit dem übermäfsig dicken Kopfe erinnern lebhaft 
an die Flügelgestalten am Eingange ninivitischer Palasträume. 

•) Aehnliches in Dodona: Carapanos PI. XIV. 

^) Vollständig jetzt bei Furtwängler im ßronzenbande von Olympia 
(1890), Text S. 99 fi; 



XI. Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 253 

No. 4 hoch 0,06; breit 0,04. Knabe zu Kofs mit Lanze. 
Oben ein triglyphenartiger Saum mit dem Ueberreste einer 
giebelförmigen Krönung.^) 

No. 5 Bruchstück eines viereckigen Feldes, welches links 
durch einen Saum mit Flechtwerk begrenzt wird ; hoch 0,06 ; 
br. 0,043.') 

Ein nackter Jüngling (Achilleus) steht nach rechts schau- 
end, mit einem Speer (dessen Spitze in einem abgebrochenen 
Stück gefunden ist) in seiner linken Hand. Ihm gegenüber 
eine stehende, langbekleidete Figur (Priamos), welche den 
rechten Arm nach dem Kopfe des Jünglings hebt. Unten die 
Beine eines zu Boden geworfenen Mannes (Hektor). 

No. 6 Ueberreste einer Platte mit zwei zusammenhängen- 
den Feldern, die durch Triglyphensaum von einander geson- 
dert sind.'^) 

Oben rennende Gorgone mit zwei Rückenflügeln und kleinen 
Flügeln an den Füfsen. Unten bärtiger, unbekleideter Herakles, 
der einen Meerdämon mit geschupptem Fischleibe zu überwältigen 
sucht. Links von Herakles Ueberrest seines Namens. Unten 
rechts in der Ecke der Name des Meerdämons (nach Furt- 
wänglers Lesung aliog yeqiov). Derselbe ist als Greis durch 
eine Glatze charakterisirt. Ueber den „Alten vom Meere" bei 
Gythion (Pausanias 3, 21, 8) vgl. Gädechens, Glaukos; und 
Welcker, Götterlehre 3, 158. 

No. 7 ebenfalls Ueberrest von zwei zusammenhängenden 
Feldern, die in ganz gleicher Weise nach aufsen abgeschlossen 
und von einander getrennt sind; hoch 0,09, breit 0,07.^) 

Oben Untertheil einer sitzenden, unbekleideten Figur. 

Unten bärtiger Herakles mit dem Köcher auf dem Rücken, 
die Keule schwingend gegen einen Unhold von häfslichem Ge- 
sicht mit borstigem Haar, der nach rechts entflieht (ein Cacus 
in hellenischer Form?). 

In den seltensten Fällen ist der metallene Ueberzug mit 
dem Geräthe gefunden, für das er bestimmt war; wie es der 
Fall ist mit den hölzernen Gisten aus Praeneste, welche noch 
heute von ihrem Bronzeblech umgeben sind,'*) und an dem 



^) Bronzenband No. 707 (Tafel 3'>), 

-j Bronzenband No. 701. 701=' (Tafel 39). 

■■') Bronzenband No. 699. 699" (Tafel 39). 

*) Friederichs, Berlins antike Bildwerke II S. 126. 



254 -^I- -Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 

Holzkasten von Pompeji, dessen Vorderseite mit dem Relief 
bekleidet ist, welches O. Jahn auf Sokrates und Diotima ge- 
deutet hat.^) 

Mit gepressten Metallstreifen umwunden haben wir uns 
auch die offenen, korbartigen Geräthe zu denken, welche bei 
Prozessionen auf dem Kopfe getragen wurden, wie die Körbe 
(y.ccra) der Kanephoren, und der Goldschmuck, den Lykurgos 
nachträglich bei den Statuen der Kanephoren anbringen liefs,'^) 
wird sich vorzugsweise auf die Körbe bezogen haben. So war 
auch der Blumenkorb der Europa, den Moschos beschreibt, mit 
mehreren Streifen umwunden, welche Göttermythen in fries- 
artigen Compositionen darstellten.^) 

An geschlossenen Geräthen, die als Behälter dienten, haben 
wir uns solche Reliefs zu denken, wie das schildförmige Erz 
aus Orvieto,^) an dessen Bande man noch die Bronzestifte 
sieht, welche zur Befestigung auf eine Holzfläche dienten. Es 
wurden an solchen vier- oder mehreckigen Kasten besonders die 
Vorderseiten ausgezeichnet. Ein vergoldetes Bronzerelief dieser 
Art im Berliner Museum ist in den Abb. der Akademie 1879 
T. III n, 1 abgebildet.^) Kybele thront in einer aedicula zwischen 
Hermes und Attis ; auf der Rücklehne zwei Victorien, die den 
Kranz über dem Haupte der Göttin halten ; oben ein Giebel- 
feld, in welchem Helios mit seinem Viergespann aufsteigt. An 
der rechten Seite der Platte erkennt man ein Scharnier; die 
Reliefplatte bedeckte also, wie Friederichs erkannt hat, eine 
Thür, durch welche ein dem Kybeledienst gewidmeter Kasten 
sich öffnete. In Dodona haben sich zahlreiche Ueberreste von 
Metall beschlagen gefunden, in verschiedenem Metall und mannig- 
faltiger Form ; so z. B. eine kleine Erzscheibe mit einem Loche 
zur Befestigung in der Mitte und einem Monogramm;") also 
wahrscheinlich ein Namenschild, an der Vorderseite eines Ge- 
räthes angebracht. 

') Annali dell' Institute XIII p. 272. 

-j Böckh, Staatshaushaltung ^ I S. 515. 

••') Moschos II 34 f. 

^j Körte, Archäologische Zeitung XXXV, Tafel XI 1, S. 111. 

^J Friederichs, Berliner antike Bildwerke II, n. 20(»5i'. Schlecht ab- 
gebildet in den Rhein. Jahrbüchern des Vereins von Alterthumsi'reunden 
1856, XXIII, Taf. III. Vgl. S. 52. 

") Carapanos XXXIII 17. Andere Deulung: Zeitschr. f. Numism. VII. 
p. ll'J. 



XI. Das archaische ßronzerelief aus Olympia. 25 T) 

Die Verwendung der Metallreliefs an männlicher und weib- 
licher Bekleidung ist ungemein mannigfach. Namentlich ist, 
vom Ueberzug der Schilder und Leder- oder Zeugpanzer ab- 
gesehen, keine Verwendung durch neuere Funde so reichlich 
bezeugt, wie die Verzierung von Gewändern durch goldene oder 
vergoldete Reliefplättchen {Ttixctku, bracteae). Sie sind z. Th. 
als Figuren ausgeschnitten, d. h. in Blattform oder in Form 
von Weintrauben.^) Meistens aber sind es viereckige oder 
runde, sauber umränderte Plättchen mit eingeprefsten Götter- 
figuren, Gorgoneen u. a. Symbolen, eine durch die ganze Welt 
des Alterthums verbreitete, aus der Krimm, aus Rhodos, Cypern, 
Mykenai, Attika, Etrurien reich bezeugte Art des Kleider- 
schmuckes (la^rjg, ovolrj yQVGÖjtaoiog), 

Die Blättchen wurden entweder ganz aufgenäht oder nur 
am oberen Rande, so dafs sie am Saume der Kleidungsstücke 
wie Borten oder Frangen angebracht waren, z. Th. mit herab- 
hangenden Bommeln.-) Die Kleinkunst dieser gepressten Ar- 
beiten hat eine grofse Bedeutung für die Geschichte der alten 
Ornamentik, für Religionsgeschichte und Symbolik. Es giebt 
solche Reliefs aus Kamiros, in denen sich die ältesten Formen 
der Verzierung, concentrische Kreise, Zickzack und Rad er- 
halten haben. '^) Ebenso sehr alterthümliche Typen von Gott- 
heiten, wie die asiatische Göttin mit Bienenleib, Bilder der 
Aphrodite mit den an die Brüste gelegten Armen u. s. w.*) 

Diese Reliefs hatten einen hieratischen Charakter und 
dienten für priesterliche Kleider, die zum Tempelschatze ge- 
hörten. So heifst es von den Arrephoren: lev/.r^v la!^i]iu lipÖQOvr, 
'/.al et 7(>fff/a TtSQie^svTo, ieoä ravra lyivovio.'^) 

Auch im häuslichen Gottesdienst wurden solche mit Gold 
besetzten Kleider angelegt. Darum mahnt Dikaiopolis seine 
Tochter, wie sie die Prozession antritt:^) ffvXdTread^ai arpoÖQa 
f-irj Tig la&iüv oov TtegirQayfj zd %QVola. 



1) Antiq. n. 7279. 7369; Abeken, Mittelitalien S. 373; Mus. Greg XXV. 

'^) Franges de ceintures in Dodona, Carapanos n. 108. 

■*) Anticjuariura n. 64.^8. 

•') Vaux, On the recent additions to the antiquities ot' the British 
Museum (Transactions of the Royal Society N. S. VIII); Archäologische 
Zeiturij,' XXVIi, S. IJl; Köhler, Mittheilungen des athen. Inst. III 7. 

'') Harpokration v, (ioor^ffo^eti^. 

•*) Aristoph. Acharn. 257. 



256 ^^- ^^^ archaische Bronzerelief aus Olympia. 

An Stelle des bescheidenen Flachreliefs von geprefster 
Arbeit traten umgehängte Schmuckgegenstände von anspruchs- 
vollerer Beschaffenheit, metallene Becken und Schalen {(fiälai 
Xal/.eiai), wie wir sie in den Darstellungen finden, welche 
Priester und Priesterinnen in vollem Ornate vorstellen.^) Nach 
Art dieser vorgehängten Schilder sind auch die in Riemen- 
netzen getragenen Ehrenmedaillons römischer Offiziere. 

Es wurden aber geprefste Metallstreifen auch unmittelbar 
als Körperschmuck verwendet. So haben sich in alten Gräbern 
am Dipylon Goldbleche gefunden,^) die jetzt im Berliner Museum 
aufbewahrt werden und Abh. der Akademie 1879 Tafel II. n. 
3 — 5 abgebildet sind. Sie sind zum Umbinden eingerichtet. 
Der schmalere Streif zeigt langgezogene Schlangenlinien, welche 
unterbrochen werden durch eine weibliche Figur, welche die 
beiden Arme an den Kopf legt; es ist die roh gezeichnete 
Gestalt einer Klagefrau, die hier eingestempelt ist, und wir 
werden annehmen, dafs diese Goldstreifen für den Stirn- 
schmuck verstorbener Frauen bestimmt waren. Die beiden 
anderen Streifen enthalten eingeprefste Thierreihen, welche an 
orientalische Vorbilder erinnern, aber eine fein empfundene und 
lebendige Naturwahrheit zeigen, in denen man die griechische 
Hand nicht verkennen kann. 

Auch Götterbilder wurden mit Metallblech überkleidet, wie 
das Tempelbild der Athena Chalkioikos, deren Tempel von der 
aus dem Orient nach Hellas übertragenen Metalltechnik das 
vollständigste Zeugnifs giebt. Nach Pausanias 3,18 waren Bild 
und Tempelwand in gleicher Weise „ehern", d. h. erzbekleidet, 
und deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dafs die horizontalen 
Streifen, welche an dem hermenartigen Bilde auf spartanischen 
Münzen zu erkennen sind, den Beliefschmuck des Bildes dar- 
stellen.-^) 

Ein Figurenkern aus Thon, ganz mit Erz umhüllt, soll in 
Caere gefunden worden sein.*) 

Bei Standbildern von Gottheiten sind es besonders die 
Postamente, an denen die alte Weise der Metallbekleidung durch 



^) Jahn, Codex Pighianus in den lierichten der K. Sachs. Gesellsch, 
der Wissenschaften IMÜH. 

-) Ct. Hirschfeld, Annali doli' Instituto ISTl, )). 171. 
•'') Koner in Köhne's Numism. Zeitschrift iö-15, S. 2 f. 
*) Welcker, Griechische Götterlehre II 101. 



XI. Das archaische Eronzerelief aus Olympia. 257 

alle Zeiten hindurch sich erhalten hat. So sind die yovoä 
TToirjuarcc an der Basis des olympischen Zeus bezeugt. Als 
Metallrelief haben wir uns den Schmuck am Postament der 
Parthenos zu denken, wie auch an dem der Nemesis in Rhamnus. 
Auch an dem altarähnlichen Fufsgestell des amykläischen 
ApoUoD waren die Reliefs in Erzblech getrieben (iuelQyaGTai 
x(7) ya?.y.o)). Ungleich zahlreicher waren die erzbekleideten Posta- 
mente der zum Schmuck der Tempel geweihten oder unmittelbar 
zum Tempeldienste bestimmten Geräthe, der Schalen, Becken, 
Kessel, Dreifüfse, Räucherpfannen. Der technische Ausdruck 
für diese Postamente (cytoarrjucacc), welche entweder feststehend 
waren oder auf Rollen standen, um dorthin geschafft zu werden, 
wo man ihrer gerade bedurfte,^) war lyyvd-r/.r^, ein Wort, das 
als technischer Ausdruck in der Form „incitega" ins Lateinische 
übergegangen ist.^) 

Zu diesen heiligen Geräthen gehören auch die Altäre und 
namentlich die kleinereu, beweglichen Feuerstellen, welche man 
foculi nannte. In den Acta Arvalium^} werden foculi argentei 
genannt; das sind also tragbare altarförmige Feuerstätten, mit 
denen man an beliebigem Orte Opferhandlungen vornehmen 
konnte. Unser Museum enthält ein Metallfragment aus Äugst, 
den Ueberrest eines versilberten Bronzereliefs, das einen runden 
Körper von etwa 0,41 Durchmesser umhüllte (Abh. d. Berl. Ak. 
1879 Taf. III 2). Das Relief zeigt drei durch Pilaster getrennte, 
stehende Götterfiguren, Minerva, Mercur und Apollo. Es kann 
kein Zweifel sein, dafs es ein Bruchstück vom Zwölfgötterkreise 
ist, und da dieser Cyclus vorzugsweise an Altären seine Stelle 
hatte, die darauf eingerichtet sein sollten, dafs sie zu jeder Opfer- 
weiche Einem der Olympier galt, dienen konnten, so ist es nicht 
handlung, unwahrscheinlich, dafs dies römische Metallrelief zu 
der Umhüllung eines foculus gehörte, der in kleinem Mafsstabe 
die Stelle eines ßwuog dcodt/MD-eoi; vertrat. "*) 

Man hat die weitverzweigte Technik der Gebäude und 
Geräthe umkleidenden Metallreliefs bis auf die neueste Zeit 
mit dem Namen der Empästik bezeichnet, obgleich schon 



') KQaxfjQ e.Tt reroay.vyj.qj Athen, 149, 1 . 

^) eyyvd-riy.t] (ein, wie es scheint, mundartliches Wort, vielleicht mit 

äyyeiov zu verbinden) y.al eti' avzijs wne/.kov : Polemon bei Athenaeus 210. 

') Acta Arv. ed. Henzen, p. 21. Bewegliche Altäre: Paus. VI 24, 3. 

*) Zu vergleichen sind die altaria argentea der Perser bei Curtius III 4. 

Curtius, Gesammelte Abhandlungen. Bd. II. 17 



258 ^I- ^^^ archaische Bronzerelief aus Olympia. 

Lobeck in einer ausführlichen Anmerkung zu Sophokles Ajax 
Vers 847 vor der Verwechselung mit dem opus malleatum 
warnt. Die richtige Erklärung des technischen Ausdrucks ver- 
danken wir Athenaeus 481, dessen Worte so klar sind, dafs 
jedes Mifsverständnifs ausgeschlossen scheint, denn er giebt das 
XQvaoig i^koig e^w-d^iv lumiQeöd-ai als das Charakteristische der 
i/n7taiaTr/.i) reyvr^ an. Man sollte meinen, dafs ein so äufser- 
liches und mechanisches Verfahren, wie das Einschlagen glän- 
zender Metallnägel, kaum der Gegenstand einer besonderen 
Kunst sein könne, und doch läfst sich nachweisen, dafs diese 
Technik eine sehr lange Geschichte und die weiteste Verbreitung 
gehabt hat. Wir finden solchen Beschlag vorzugsweise an Stäben 
aller Art, welchen man einen besonderen Werth und Schmuck 
zu geben wünschte. Die ßay.rriQia ya/.xolg rf/Mig l/ii7i€7raQjiifrif) 
war ein Kennzeichen des Stutzers, und des Parrhasios Hoffart 
gefiel sich darin, einen Stab zu führen, an welchem mit Gold- 
nägeln gewundene Linien gezeichnet waren. ^) Vor allen waren 
es die Herrscherstäbe, welche mit eingeschlagenen Nägeln ver- 
ziert wurden, und Achills Skeptron, ygraeioic r^Aoiai neTtaQiifvov 
(II. I 246), galt für das älteste Werk griechischer Empästik. 
Diese Technik hat sich durch alle Jahrhunderte erhalten und 
kommt in Byzanz von Neuem zum Vorschein an den Insignien 
der Grofsvrürdenträger daselbst. Das sogenannte Dikanikion^) 
des magnus Dux hatte eingeschlagene goldene Buckeln, /.öf.tTtovg, 
wie man die gewölbt vortretenden Nagelköpfe nannte (auch 
(fuKoi, Y.vußwLucTa, y.örövlni). Es war das Beschlagen der Stäbe 
auch im früheren Mittelalter noch etwas so Gewöhnliches, dafs 
unter den Reliquien alter Kirchenschätze die sogenannten „bacilli 
Jesu" empästisch verziert sind. 

Derselbe Schmuck fand sich an Schwertern und Schildern. 
Bei ersteren läfst er sich nur am Griff angebracht denken.*) 
Bei den Schildern heftete man die verschiedenen Lagen mit 
Nägeln zusammen und wufste dann das mechanisch Noth- 



') Alciphron III, ep. 14. 

-) Athenaeus p. 843 f. oxitiov y^ovaäs 'ilixas ifineTiaiautroi. 

»j Nach Codinus de offic. pal. Cpolitani IV, p. 18 ed. Bekker hatte 
der Stab y.üfirroi,; y^ovaovs tyy.oTnov^ x«t xorSvloi's XQr<oove xeaXoaiiivovs Stn 
o/oivonloy.iov ufjyvf/nr. Vgl. Hesychios y.oftf^oJuaTd rii h' tuI^ ^df'iöoii fiixooi- 
to^voi' B/oina^ d. h. Köpfe, die einen kleinen Kreis bilden (?). 

*) Ilias 11,29: tv i^i ol i}.oi, yorotioi rtufxquii'or. 



XI. Das archaische Bronzerelief aus Olympia, 259 

wendige zu einem Schmuck umzugestalten, wie es an dem 
grofsen Schilde aus Tarquinii im Berliner Museum der Fall 
ist.^) So sind auch schildförmige Verzierungsplatten mit Erz- 
blech am Rande mit einem Kreise runder Buckeln ausgestattet, 
wie der Schild aus Orvieto,-) und eben solche Kreise finden 
wir als ein primitives Ornament auch auf der im Bronzenband 
von Olympia Taf. 37 No. 693 abgebildeten Silbertafel. Für das 
Besetzen der Schildränder mit Goldnägeln hatte man den tech- 
nischen Ausdruk /.fyxQog; ein Wort, das ursprünglich nur das 
Unebene, Bauhe bezeichnete und dann nach Analogie von „vas 
asperum" ein technischer Terminus des Kunsthandwerks wurde.^) 

Auch Geräthe der Tafel wurden mit Goldnägeln ausge- 
stattet, wie Nestors berühmter Becher^) (deTrag xqi aeinig rjMLGL 
TteTTaQLih'ov). Hier war es aber eine alte Streitfrage, ob man 
sich dem Wortlaute gemäfs wirkliche Goldnägel in das Silber 
eingetrieben denken solle, und als dies archäologische Problem 
unter den Deipnosophisten des Athenaios verhandelt wurde, 
gab der Toreut Apelles aus seiner Praxis die Lösung desselben, 
indem er korinthische Cälaturarbeiten vorlegte und daran nach- 
wies, dafs die Nagelköpfen gleichenden Erhöhungen aus dem 
Metall von innen heraus getrieben, also nur Nachahmungen 
eingeschlagener Nägel seien. Hier ist also der Besatz von 
Nägeln gewissermafsen zu einer Phrase geworden, deren Ent- 
stehung sich aus dem ursprünglichen Kunstbrauche erklärt. 

Wirklich eingeschlagen wurden aber die Ziernägel nament- 
lich an Thüren, wo man an die ursprüngliche Zimmerarbeit zu 
erinnern liebte, wie uns die attischen Bauinschriften lehren;^) 
an den eingetriebenen Bronzestiften befestigte man von aufsen 
in getriebener Arbeit hergestellte Mohnblumen (zwdt'ca). Wir 
haben also bei der Erapästik zweierlei zu unterscheiden, die 
wirkliche und die nachgeahmte Benagelung ; bei der ersten aber 
wieder eine doppelte Praxis, indem man entweder durch die 
eingeschlagenen Nägel gewisse Figuren, wie Kreise und Schlangen- 
linien, als Ornament herzustellen suchte, oder indem man den 



M Heibig, Annali dell' Instituto, vol. 46, p. 252. 
-) Körte, Archäol. Zeitung XXXV, S. 110. 

^') Schol. Eur. Fhoen. 1386: yJyxQov y.nXo'ai lov Tieoi roi' hir rrjg 
doTTiSos y.oottoi'. fiixool öi rjXoi eioiv, öi iy. yovnoi' yivovTni, 
*) Ilias XI 633. 
*) Michaelis, Parthenon S. 317. 

17* 



260 •^^- ^^^ archaische Bronzerelief aus Olympia. 

Köpfen der Nägel die Form offener Blumenkelche zu geben 
pflegte. Aus demselben Motiv der assyrischen und griechischen 
Ornamentik sind bei Etruskern und Römern die bullae ent- 
standen, welche an Thüren angebracht wurden, wie auch an 
Kleidungsstücken, wie namentlich an den Schwertgürteln der 
Soldaten. ^) 

Während wir lange Zeit für die Kenntnifs des Metall- 
reliefs ganz auf die Grabschätze Etruriens angewiesen waren, 
beginnen wir nun mit Hülfe der Entdeckungen in Dodona und 
Olympia uns eine Vorstellung von dem zu machen, was die 
Kunstkenner des Alterthums bei dem Durchwandeln griechischer 
Heiligthümer vorzugsweise erfreute, wie jenen delphischen Pilger, 
von dem Plutarch sagte, dafs die Masse der aufgestellten 
Statuen nur wenig Eindruck auf ihn machte, während die Erz- 
werke mit ihrem milden Glänze sein Auge erfreuten und seine 
Gedanken in Anspruch nahmen.-) 

Auch von der alten Empästik, der wirklichen wie der 
nachgeahmten, hat der griechische Boden Proben geliefert. In 
Dodona ist eine Menge sauber gearbeiteter Nägel gefunden, die 
an Thüren, Sesseln, Stäben als Zierrath angebracht waren. ^) 
Das Metallrelief ist aber jetzt in so mannigfaltigen Proben 
vertreten, dafs es möglich sein wird, hier die Entwickelung des 
Stils in allen Stadien zu verfolgen, so wie es bis dahin nur auf 
dem Gebiete der bemalten Thongefäfse möglich gewesen ist. 
Wir haben jetzt schon, deutlich bezeugt, den Stil der geome- 
trischen Figuren (Kreise, Zickzacklinien u. s. w.) *) ; dann die 
ganze Reihe der vom Morgenlande überlieferten Typen in solcher 
Treue, wie sie in anderen Gattungen nicht erhalten sind ; z. B. 
die Sphinx in männlicher Gestalt^) und die schreitenden 
Sphinxe auf der gestanzten Silberplatte, die an assyrische Vor- 
bilder so nahe heranreicht, ferner einander gegenübergestellte 
Wappenthiere in der alterthümlichsten Form. 

Wir sehen, wie aus dieser Starrheit die Kunst sich all- 
mählich löst; wir sehen, wie in eingerahmten Feldern bewegte 
Figuren und mythologische Scenen auftreten, deren Zeichnung 



») Baltei bullati. Vgl. Stark, Drei Metallmedaillons S. 49. 

2) Plut. orac. Pyth. 1. 

'j Carapanos p. 93: clous d'ornementation. 

*) Ebenda XV, p. 220. 

"^j Ebenda pl. XX. 



XI. Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 26 1 

mit dem Stile der altkorinthischen Thonmalerei vollkommen 
übereinstimmt, bis auch hier die volle Freiheit und Schönheit 
hellenischer Kunst zur Entfaltung kommt. Heuzey hat in seinem 
werthvollen Anhange zu dem Werke von Carapanos die kunst- 
geschichtliche Bedeutung der dodonäischen Bronzen mit vollem 
Rechte hervorgehoben. AVir freuen uns aus Olympia ein Denk- 
mal hinzufügen zu können, welches durch seine Gröfse und 
vorzügliche Erhaltung wie durch die Mannigfaltigkeit der Dar- 
stellung als das wichtigste aller neuerdings aufgefundenen, 
griechischen Bronzereliefs angesehen werden mufs. 

Das Metallrelief der Altis von Olympia, am 12. November 
1877 vor der SW-Ecke des Zeustempels gefunden,^) 0,90 hoch, 
oben 0,26, unten 0,35 breit, hat dadurch eine hervorragende 
Bedeutung, dafs es uns in seinen verschiedenen Feldern die 
Entwickelung der künstlerischen Darstellung vor Augen führt. 
Es zeigt uns deutlich, dafs, wie die Thonmalerei, so auch die 
ßeliefkunst der Hellenen einst von der babylonisch-assyrischen 
Ornamentik beherrscht worden ist. Es ist der Stil der vorder- 
asiatischen Buntwirkerei, deren Erzeugnisse massenhafter als 
die eines anderen morgenländischen Kunstzweiges Griechenland 
überschwemmten ; sie waren die erste Gattung farbiger Dar- 
stellung {nor/ul/iia), deren die Bewohner der griechischen Inseln 
und Küsten ansichtig wurden, und schon der Umstand, dafs 
unter den heroischen Ahnen der Theräer auch ein Poikiles 
seine Stelle hatte, konnte uns zeigen, welche Bedeutung der 
Stand der Buntwirker in der Culturwelt hatte, welche die 
älteste ist, die wir an den Küsten des ägäischen Meeres 
kennen. 

Die Teppiche wurden nach der Weise des Morgenlandes 
in den häuslichen Gebrauch wie in den Cultus der Hellenen 
eingeführt. Denn nicht nur bei den unmittelbar aus dem Orient 
eingefülirten Gottesdiensten, wie bei dem Kybelecult, wo das 
Lager des Attis und der Doppelthron beider Gottheiten mit 
gewebten Decken hergerichtet wurden, sondern, auch bei echt 
hellenischen Diensten, wie z. B. bei dem der Kora in Mantineia, 
wurden, wie aus neu gefundenen Inschriften hervorgeht, die ge- 
webten Stoffe nicht nur zur Umkleiduug der Tempelbilder ange- 
wendet, sondern sie wurden auch dazu benutzt, um religiöse 



») ßronzenband (1890) Taf. 38 No. 696. 



262 ^I* -D^s archaische Bronzerelief aus Olympia. 

Handlungen, die dem Auge der profanen Menge entzogen werden 
sollten, in verhängten Räumen vorzunehmen.^) 

Unter diesen Umständen ist es nicht zu verwundern, dafs 
die vorbildliche Bedeutung der orientalischen Gewebe für Malerei 
und Plastik in Griechenland weiter reicht, als man bisher anzu- 
nehmen geneigt war, und ich benutze diese Gelegenheit, um 
eine früher von mir aufgestellte Ansicht zu berichtigen. Denn 
wenn ich Teppichstil und Wappenstil unterscheiden zu müssen 
glaubte,^) indem ich dem ersten die Reihen auf einander fol- 
gender, dem zweiten die Gruppen einander paarweise gegenüber 
gestellter Thiere zuwies, so habe ich mich jetzt aus den von 
Julius Lessing im Kunstgewerbemuseum gesammelten, persischen 
Seidenmustern überzeugt, dafs auch der zweite Stil, der „heral- 
dische", wie ich ihn genannt habe, den ich aus rhodischen 
Gemmen und lykischen Münztypen, als Seitenstücken des 
mykenischen Löwenreliefs und ähnlicher Bildwerke, nachzuweisen 
suchte, in der Webekunst zu Hause ist.^J Denn für Maler und 
Bildner ist es gleiche Arbeit, dieselbe Figur noch einmal oder 
dafür eine andere herzustellen. Dem Buntwirker aber wird 
seine Arbeit in demselben Grade vereinfacht und erleichtert, 
je öfter dieselben Muster wiederkehren. Die Wiederkehr 
identischer Typen ist also das Charakteristische für den Teppich- 
stil, und von diesem Stil ist es nur eine Nebenart, wenn die 
Figuren nicht nach einer Richtung hin aufgereiht sind, sondern 
zwei und zwei mit den Fronten einander gegenüber stehen. Bei 
diesem Gegenüber treten wiederum zweierlei Formen ein. Ent- 
weder stehen die Thiere starr und steif bei einander (das ist 
der eigentliche Wappenstil, der als Ausstattung von Eingängen 
und Frontseiten aller Art eine monumentale Geltung erlangt 
hat),*) oder die beiden Thiere sind in lebhafter Bewegung und 
dennoch das eine nur eine genaue Wiederholung des andern. 
Solche Gruppen schienen besonders geeignet, einen engen Raum, 
namentlich einen kreisförmigen, mit einer in sich geschlossenen 
Gruppe auszufijllen, was bei ruhig stehenden Figuren schwieriger 
und weniger wirkungsvoll war. 



^) Foucart, Assoc. religieuses p. 190; Inscr. inedite de Mantince p. 9. 
-) Siehe oben S. 96 f. 

"J Die sassanidischen Seidenmuster gehen nachweislich auf uralte 
Typen zurück. 

^) Vgl. die Beispiele auf der Tafel IL 



XI. Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 263 

Die Ausfüllung des Hintergrundes ist ein anderes Kenn- 
zeichen der Einwirkung des Teppichstils, Denn ich wüfste 
nicht, wie Maler oder Bildhauer im Interesse ihrer Kunst 
darauf kommen sollten, den Hintergrund mit Punkten, Kreuzen, 
Rosetten u. dgl. anzufüllen. Dadurch wird ja die Darstellung, 
auf die es ankommt, nur beeinträchtigt ; das Relief wird unklar. 
Wozu sollte man sich in Erz und Stein eine so zwecklose 
Mühe machen? Für den Buntwirker aber ist es keine Mühe, 
wenn er die Grundfläche mit Zierraten anfüllt, sondern ein 
technischer Vortheil : denn er mufs es vermeiden, hinter dem 
Gewebe lange Fäden von Figur zu Figur zu ziehen ; je kürzer 
die Fäden, desto fester das Gewebe. Aufserdem hat der Weber 
das Interesse, die kostbaren Fäden, die er als Einschlag ver- 
wendet, soviel wie möglich auf die Vorderseite zu bringen. 
Das ist der technische Anlafs zur Musterung der Grundfläche, 
und dieser unruhig bunte Teppichstil ist, wie wir hier deutlich 
erkennen, von den Geweben nicht nur auf die Malerei, sondern 
auch auf das Metallrelief übertragen worden. So linden wir 
auch auf unserer Tafel, als wiederkehrendes Füllornament, die 
aus sieben Kugeln gebildete Rosette. 

Dieser Stil ist aber nicht mehr der unbedingt herrschende. 
Wir haben hier keine Copien assyrischer Vorbilder, wie solche 
in Cypern vorkommen, z. B. in dortigen Astartebildern, ^) wie 
sie auch noch auf der gestanzten Silberplatte zu bemerken sind, 
sondern wir erkennen hier deutlich die ersten Stufen der Emanci- 
pation aus der Fremdherrschaft ; wir sehen auf unserm Relief 
die Kunst in Bewegung und bemerken, wie unter einer fremd- 
artigen Hülle der Keim eines selbständigen Kunstlebens sich 
zu entwickeln beginnt. 

Diese Anfange zeigen sich darin, dafs andere Thierliguren 
eingeführt werden als die in den assyrischen Geweben herkömm- 
lichen, und dafs in diesen Figuren sich eine Abkehr von dem 
Monströsen, eine feinere Beobachtung der Natur und eine auf 
treuer Uebung beruhende Darstellung derselben bezeugt. Anstatt 
des doppelköpflgen Wappenadlers Vorderasiens wird der König 
der Vögel hier in voller Würde und Wahrheit dargestellt, und 
auch bei den überlieferten Wunderthieren, wie bei den Greifen, 
ist die Linienführung eine freie, lebendige und uaturwahre. 



•) Cesnola, Cyprus, p. 154. 



264 ^^' ^^^ archaische Bronzerelief aus Olympia. 

Zweitens zeigt sich die Emancipation darin, dafs neben dem 
gedankenlosen Decorationsstil, welcher nur durch bunte Farben 
und Figuren das Auge ergötzen will, sinnvolle Darstellungen 
eintreten. DieThiergestalten, welche das durchaus vorherrschende 
Element der vcfauuccTa ßccQßÜQior, der belluata tapetia, aus- 
machen, werden zurückgedrängt, um der Götter- und Heroen- 
geschichte Platz zu machen. Geschichtliche Darstellungen ^) 
nehmen nun die hervorragenden Stellen ein und damit tritt 
auch das aus der Teppichwirkerei übernommene Verzierungs- 
system zurück. Es ist in der That sehr merkwürdig, dafs 
gerade auf dem Felde der Bronzetafel, welches hellenische 
Heroensage darstellt, der Reliefgrund von allen Ornamenten 
freigehalten ist, damit sich von der glatten Grundfläche das 
wohl componirte Bild klarer hervorhebe. 

Die Darstellung des Metallreliefs ist, wie es bei den Vasen 
der Fall ist, ehe ein Bild die Haujotsache wird, welchem sich 
alles Andere als Ornament unterordnet, in verschiedenen Streifen 
(xioQat) über einander geordnet.^) So war es bei dem Kasten 
des Kypselos und den entsprechenden Prachtgeräthen, so war 
es auch bei den gewebten Darstellungen mit ihren in parallele 
Streifen vertheilten Bildern. Die Streifen des Reliefs sind von 
verschiedener Höhe ; die geräumigeren und dem Auge näheren 
enthalten die bedeutungsvolleren Darstellungen, während die 
mit den Conventionellen Thieren (deren man noch nicht ent- 
behren zu können glaubte) angefüllten, wie auf den Vasenbildern, 
in die Höhe geschoben sind. 

Lehrreich ist auch die auffallende Verschiedenheit in der 
Behandlung der Thier- und der Menschenleiber. 

Die Thiere sind mit voller Sicherheit und unverkennbarer 
Meisterschaft dargestellt. Hier war eine alte Praxis vorhanden, 
und die feine Zeichnung z. B. der Vogelbeine zeugt von einer 
genauen Beobachtung der Naturformen. Dagegen sind die 
menschlichen Gestalten plump und ungeschickt; hier ist die 
darstellende Kunst in ihren ersten Anfängen. Aber sie beginnt 
muthig die neue Bahn ; sie will sich nicht damit begnügen, 
stehende Figuren in lang herabhängenden Gewändern darzu- 
stellen, nach dem Vorbilde dicht umkleideter Tempelidole; 



*) iyyöXaTiros lOTOfjiu bei Athenaeus XI 781e (Jl j). MG Meineke). 
^) 0. Jahn, Archäol. Aufsätze S. 4. Brunn, Kunst hei Homer S. 22. 



XI. Das archaische ßronzerelief aus Olympia. 9ß5 

sie versucht sich in bewegten Gruppen, in Kampfscenen, welche 
das höchste Aufgebot von Kraft und Geschwindigkeit zum 
Ausdruck bringen sollen. 

Bei der Auswahl dieser Scenen ist die alte Tradition mafs- 
gebend. Im Anschlufs an die Thierbilder waren es zunächst 
Jagdscenen, welche man darstellte, wie sie auch schon auf 
assyrischen Geweben und Reliefs vorkamen, und zwar sind diese 
Darstellungen die bei Weitem lebensvollsten, welche man in 
Ninive findet. 

Auch auf unserm Bronzerelief ist das mythologische Bild 
ein Jagdbild. Das Wild, das hier verfolgt wird, ist eine Misch- 
gestalt griechischer Erfindung, ein Halbthier, und man kann 
an dem Kentauren erkennen, wie die thierische Hälfte ungleich 
besser gezeichnet ist als das menschliche Vordertheil mit den 
ungeschickt langen Armen und dem aufgedunsenen Leibe, 
welcher gegen den Pferdekörper sehr unvortheilhaft absticht. 
Auch bei dem Herakles ist kein richtiges Verhältnifs der 
Körpertheile. Der Kopf ist übergrofs. Die Stirn liegt ganz 
zurück, die Nase springt spitz vor wie auf den kyprischen 
Idolen ältester Periode. Dennoch ist in der Figur eine Energie 
ausgedrückt, wie sie den Gestalten des Morgenlandes fremd ist. 
Die höchste, auf ein bestimmtes Ziel gerichtete Kraftanstrengung 
ist mit voller Klarheit zum Ausdruck gebracht; man kann den 
hellenischen Typus nicht verkennen, welcher, glücklich fortge- 
bildet, in dem Herakles des äginäischen Ostgiebels zur Ent- 
faltung gekommen ist. Auch in dem wappenartigen Bilde der 
vierfach geflügelten Göttin auf dem untersten Felde zeigt sich 
ein Fortschritt, welcher über die morgenländischen Typen hinaus 
geht. Das sieht man besonders an der energischen Bewegung 
der beiden Löwen, welche trotz der gezwungenen Stellung, in 
welcher sie zur Ausfüllung des Raumes dienen müssen, eine 
Lebendigkeit zeigen, welche den Beginn einer höheren Kunst- 
entwickelung verräth. Das technische Verfahren war ein 
doppeltes (S. 246): die Umrisse sind von der Rückseite durch 
Treiben hergestellt ; dazu kommt der Graffito, um das Detail 
durch Innenzeichnung zu verdeutlichen und die Haare, die 
Federn der Flügel, die Muskeln, die Muster der Gewänder u, s. w. 
durch sauber und sorgfältig eingeritzte Striche anzugeben. 
Aufserdem sind die nackten Körperflächen durch eine dichte 
Menge kleiner Punkte gesprenkelt. 



2ßß XL Das archaische Bi'onzerelief aus Olympia. 

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen über den stilistischen 
Charakter des Reliefs bespreche ich kurz die einzelnen Felder 
der Metallj^latte, welche die Bestimmung hatte, eine Seite 
eines nach oben sich verjüngenden Untersatzes (einer ly-yvö-ifKri 
S. 257) zu bekleiden, auf dem ein geweihtes Geräth im Tempel- 
Ibezirk des Zeus aufgestellt war. 

Die beiden oberen Felder haben den Charakter decorativer 
Thierreihen; es wird also nicht gerathen sein, eine symbolische 
Beziehung auf eine bestimmte Gottheit darin zu suchen. Die 
Adler sind aus einer Reihe von Adlerj^aaren gleichsam heraus- 
geschnitten, so dafs dem links gestellten sein Gegenüber fehlt. 
Dagegen bilden die beiden Greife ein in sich geschlossenes 
und vollständiges Ganze, eine antithetische Gruppe. Die Ohren 
stehen senkrecht, um die Erregung der beiden gegen einander 
gerichteten Ungethüme anzudeuten. Zwischen den Ohren erkennt 
man oberhalb der Augen den seltsamen Schmuck, welcher sich 
auf anderen Greifenköpfen der Altis deutlich erhalten hat,^) es 
ist ein senkrechter Stiel mit einem Knopfe darauf; ein Kopf- 
schmuck, der sich auch auf alten Vasenbildern wiederholt. 
Dafür kommt in Dodona eine hornartig gebogene Feder vor."^) 

Die Scene des dritten Feldes schliefst sich an orientalische 
Vorbilder an ; denn es ist kein heroischer Kampf, sondern eine 
Verfolgung ohne Widerstand, ein Jagdzug. Das Bild ist aber 
schon auf serlich, wie wir sahen (S. 264), als ein solches charak- 
terisirt, in welchem die Selbständigkeit hellenischer Kunst sich 
kundgiebt. Was den Inhalt betrifft, so ist die Sage, um die 
es sich handelt, aus schriftlicher und bildlicher Ueberlieferung 
bekannt.'^) Herakles jagt mit seinem Bogen die Kentauren 
durch die Wälder der Halbinsel bis zum südlichsten Vorgebirge 
(sTo^evoe öuÖ/mjv ccxqi Trjg MaUag). Ein dreiastiger Baum be- 
zeichnet nach griechischer Symbolik den Wald, ein Kentaur 
die Kentaurenhorde. Der Kentaur hat menschliche Vorder- 
beine, wie auf dem dodonäischen Bronzerelief (Carapanos 
pl. XIX 5). Er flieht verwundet. Ein Pfeil steckt ihm in der 
Schulter, ein zweiter in der Brust, deren Fleisch zerrissen ist; 



1) Furtwängler, Text zu den Bronzen S. 119. Vgl. das ßalsamarium 
(altkorinthisch) im Berl. Antiqu. n. 2334 mit zwei Greifen vis ä vis. Beide 
mit aufgerissenem Rachen; auf jedem Maule stehen zwei Stiele mit Knopf. 

-) Carapanos Tafel XVIII. 

*) ApoUodor II 4. Gerhard, Vasenbilder CXIX. 



XI. Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 267 

denn er hat Kopf und Vorderleib dem Verfolger zugewendet, 
der den dritten Pfeil nachzusenden im Begriff ist. Das Um- 
drehen des Kopfes im Widerspruch mit der gesammten Be- 
wegung gehört zu den Gewaltsamkeiten der alten Kunst ; die 
Glieder der Menschen- und Thierleiber werden ohne Rücksicht 
auf eine naturgemäfse Bewegung so gewendet, dafs sie den der 
Figur zugewiesenen Baum möglichst ausfüllen. Ebenso finden 
wir auf alten Münzbildern rennende Kentauren mit umgedrehtem 
Kopfe. ^) 

Herakles ist in seinem alten Schema dargestellt. Er trägt 
einen knapp anliegenden, kurzen Chiton, den das Köcherband 
kreuzt und der Gürtel umfafst. Der Stoff ist in zwiefacher 
Weise gemustert. Oberhalb und unterhalb des Gürtels zeigt 
sich dieselbe aus sieben Ringen zusammengesetzte Rosette, welche 
auf den anderen Feldern den Hintergrund des Reliefs füllt 
(S. 263) : ein vollgültiger Beweis dafür, dafs auch diese Füll- 
ornamente von der Textur eines Gewebes herstammen. Wo der 
Chiton auf die Scbenkel fällt, ist er mit rechtwinkligen Vier- 
ecken gemustert. Den unteren Saum bilden drei parallele 
Linien mit herabhängenden Troddeln. Der Köcher ist mit 
parallelen Bändern und am oberen Ende mit einer Reihe von 
Spitzen verziert. Das kurze Schwert hat einen künstlich gear- 
beiteten Griff, mit Knöpfen verziert, dreieckig zugespitzt, aber 
oben mit einem Bügel abschliefsend. 

Die Haltung der ganzen Figur, welche dadurch vor allen 
anderen ausgezeichnet ist, dafs sich in ihr der mit Macht vor- 
dringende Geist hellenischer Kunst am deutlichsten zu erkennen 
giebt (S. 265), nimmt unsere Aufmerksamkeit vorzugsweise in 
Anspruch. Wir haben hier für das Schema des Halbknieens. 
das ich nach seiner Bedeutung und seiner kunstgeschichtlichen 
Entwickelung zu erläutern versucht habe.-) ein neues und 
wichtiges Beispiel. Denn hier kann gewifs kein Zweifel darüber 
bestehen, dafs Herakles ebenso wie die den Mörder Perseus 
verfolgenden Gorgonen und die „kniebeugenden" {y.ai.npi7coötS} 
Erinyen in eilender Bewegung gedacht ist; denn er schiefst 



*) Sestini, Stateri antichi V 17, 18, p. 5b f. Vgl. über die schema- 
tische Kopfdrehung oben S. 99 f., dazu jetzt auch den rennenden 
Bronzehirsch, der sich nach seinem Verfolger umsieht: Carapanos 
pl. XX 5. 

■-) Siehe oben S. ] IG ff. 



268 ^I- I^^s archaische Bronzerelief aus Olympia. 

ja nicht aus gedeckter Stellung, sondern er jagt dem entfliehenden 
Kentauren nach. Ebenso ist er auch auf den alten Münztypen 
A'on Termera zugleich rennend und keulenschwingend darge- 
stellt.^) Die alte Kunst, welche aus der conveutionellen Starr- 
heit orientalischer Vorbilder in ein Uebermafs von Bewegung 
und Anstrengung überging, hat in einer Stellung Verfolgung 
und Kampf combinirt. Die spätere Kunst milderte und mäfsigte 
das zu Gewaltsame. Sie liefs das Motiv der Verfolgung fallen 
und machte durch eine geringe Aenderung aus dem rennend 
schiefsenden einen knieend zielenden Herakles ; eine Umdeutung 
des alten Typus, welche um so näher lag, da nach griechischer 
Kampfweise die schildlosen Bogenschützen, von den voran- 
tretenden Hopliten gedeckt, ihr ferntreffendes Geschofs ent- 
sendeten. Dieselbe Umwandlung können wir in den Typen des 
persischen B,eichsgeldes nachweisen.^) 

Wir können also in der Entwickelung des älteren Herakles- 
typus eine dreifache Stufe unterscheiden. 

Ursprünglich sind die Waffen nur Attribute, wie sie in 
den Händen der alten Götterbilder getragen wurden, Symbole 
der Macht. So Bogen und Keule auf den Bildern des tyrischen 
Herakles, welcher den Bogen in der ausgestreckten Linken 
hält.^) Hier ist also an einen Angriff nicht zu denken; eben 
so wenig wie bei dem Grofskönige der älteren Münzreihe, 
welcher, den Bogen in der Linken, den Speer in der Rechten, 
sein Keich durcheilend und überall gegenwärtig gedacht wer- 
den sollte. 

Auf der zweiten Stufe werden die Symbole zu Waffen, 
deren Gebrauch mit dem Typus unentfliehbarer Eile verbunden 
wird, wie auf den Münzen von Termera und auf unserem Relief. 
Daraus wird drittens der im Hintertreffen zielende Bogenschütze; 
eine Figur, welche für die in Giebelfeldern darzustellenden 
Kampfscenen besonders willkommen war. Die äginetische Schule 
hat nachweislich in zwiefacher Form den Heraklestypus ausge- 
bildet. Onatas hat, wie Friederichs erkannt hat, in seinem 
Kolosse den tyrischen Typus dargestellt, während der Bogen- 



•) Tafel II No. t». Newton, Travels in the Levant I, p. 228. 
2) Siehe oben S. 121 ff. 

'J Luynes, Numismatique des Satrapies, pl. 18. Friederichs, Berlins 
antike Bildwerke 11, S. 443. 



XI. Das archaische ßronzerelief aus Olympia. 269 

schütze des Ostgiebels aus dem in unserm Relief vorliegenden 
Typus hervorgegangen ist. 

Die Kentaurenjagd des Herakles war ein beliebtes Thema 
der altgriechischen Kunst. ^) Sie war auf dem Kypseloskasten 
dargestellt und zwar so, dafs man daselbst neben dem Kentauren, 
welchen Herakles verfolgt, andere als Leichen am Boden liegen 
sah. Hier war also die Darstellung schon reicher entwickelt 
und mannigfaltiger. Ebenso in dem oben angeführten Vasen- 
bilde. Wir werden also in unserem Relieffelde die einfachste 
und älteste Darstellung der Sage zu erkennen haben, die 
sich, weil sie noch keinen eigentlichen Heroenkampf zum Gegen- 
stande hat, den Jagdscenen assyrischer Rehef kunst am nächsten 
anschliefst. 

Das vierte Feld giebt uns die „persische Artemis", deren 
Gestalt wir genauer als die einer anderen Göttin in ihrem 
allmähhchen Uebergange zu den Hellenen begleiten können,^) 
in einem durch Strenge des Stils ausgezeichneten Exemplare. 
Nach Art eines Tempelbildes ist sie von einem langen Aermel- 
chiton dicht umhüllt. Quer über die Brust zieht sich ein 
mäanderartig gemustertes und gesäumtes Köcherband. Welcker 
glaubte noch, aus der geflügelten Artemis des Kypseloskastens 
den Schlufs ziehen zu dürfen, dafs der Meister aus Kleinasien 
stamme, und dafs er ebenso für seine Heimathsgottheit Propa- 
ganda machen wolle, wie Bathykles für seine Leukophryne."^) 
Aber eine solche Lokalgottheit ist doch die geflügelte Artemis 
nicht, noch auch so fremdartig im Peloponues, dafs sie gelegent- 
lich daselbst eingeführt werden müfste, und Welcker selbst hat 
ungeachtet seines Strebens, den hellenischen Olymp zu isoliren, 
doch den Untersuchungen seine Beachtung nicht versagen können, 
in denen die Fäden nachgewiesen sind, welche die Culte Spartas 
mit Lydien und die achäischen Pelopiden mit der orientalischen 
Göttin verknüpfen.*) 

Auf dem Kypseloskasten will 0. Jahn die geflügelte Artemis 
mit Hermes und den drei Göttiinien auf einer Bildtafel ver- 
einigen.^) Doch wird man sie nach unserm Denkmal wie nach 



•j Pausanias V 19. 

") Vgl. die Abbildungen in der Archäol. Ztg. XI, 1854, Tat'. 61—63. 

") Griech. Götterlehre II 390. 

■*) Artemis Gygaia in der Archäol. Zeitung XI, S. 148. 

■'') Archäol. Aufsätze S. 12. 



270 XI. Das archaische Bronzerelief aus Olympia. 

den von Gerhard zusammengestellten als ein Bild für sich 
ansehen müssen. Abweichend ist, dafs der Meister des korinthi- 
schen Kunstwerks sie in der einen Hand einen Panther, in 
der anderen einen Löwen halten liefs. Das ist schon eine 
Milderung des strengen Schematismus. Auch in diesem Punkt 
erscheint unser Reliefbild einfacher, strenger, ursprünglicher. 
Dasselbe zeigte sich in der Darstellung der Kentaurenjagd. 
Ich würde also geneigt sein, das Metallrelief von Olympia 
im Vergleich mit dem Kypseloskasten eher für älter, als für 
jünger zu halten. 



XII. 



Die Telamonen an der Erztafel von Anisa. 





eievc J/AHNfOCÄ40YENANUOlC 

AH/W.IO ( 



Die Erztafel des Berliner Museums, welche das vollständige 
Dekret der Anisener zu Ehren des Apollonios entliält,^) hat 
auch für die bildende Kunst eine Bedeutung ; denn sie war 
wie das Ehrendenkmal des Damokrates in Olympia mit einem 
Giebel gekrönt, und die wohl erhaltene Schrifttläche ist rechts 
und links von korinthischen Halbsäulen eingefafst. auf deren 
Kapitellen männliche Gestalten stehen, welche den Architrav 
tragen. Die rechts stehende ist vollständig erhalten ; darnach 
konnte die Figur links, von der nur die Füfse erhalten sind, 
oben im Holzschnitt ergänzt werden ; die Zeichnung ist nach 
dem Original vierfach verkleinert. 

In Bezug auf Zeit und Heimath des merkwürdigen Denk- 
mals ist es auch jetzt nicht möglich über das hinauszugehen, 
was ich bei Veröffentlichung der Inschrift mit aller Vorsicht 



'j Monatsbericht der Akademie, j880, S. 64G. 



272 XII. Die Telamonen. 

angedeutet habe. Gewifs scheint mir nur, dafs es syrischen 
Ursprungs ist und dafs es. wenn auch keine lateinischen Namen 
vorkommen, einer Zeit angehört, da die Eömer ihren Einflufs 
in den hellenisirten Städten Syriens geltend machten. Darauf 
führt Inhalt und Form der Urkunde, damit stimmt auch der 
plastische Schmuck. Die Verwendung stützender Figuren an 
Erz- und Steindenkmälern war eine besondere Liebhaberei der 
römischen Zeit. Hatten doch die Römer auf diesem Gebiete 
dekorativer Kunst, wenn auch durchaus abhängig von ihren 
griechischen Vorbildern, ihre eigene Terminologie, wie Vitruv 
bezeugt: si qua virili figura signa, mutulos aut Coronas sus- 
tinent, nostri telamones appellant, Graeci vero eos atlantes 
vocitant.^) 

Gestalten dieser Gattung kommen in zwiefacher Weise vor, 
entweder scheinbar stützend oder wirklich. Die scheinbar 
stützenden dienen als Dekoration an Wänden und Pfeilern, an 
Altären, Postamenten und Geräthfüfsen. An öffentlichen 
Ehrendenkmälern finden wir die Figuren der weihenden Städte 
oder Völkerschaften so im Relief dargestellt, dafs sie mit ihrem 
Scheitel das oben vorspringende Gesims des Postaments er- 
reichen, wie z. B. die beiden Frauengestalten an der Vorder- 
seite der puteolanischen Basis. Sie erhalten dadurch das Aus- 
sehen von Karyatiden (ebenso wie die sogenannten Helena- 
figuren auf spartanischen Reliefs : Mitth. d. athen. Inst. II, 
S. 395); sie tragen aber nicht,-) ebensowenig die Figuren, 
welche an den Füfsen der Tripoden angebracht waren, wie die 
d'Aoveg yjuX/.a.l /.ad^ %'A.aaxov jcöda an dem silbernen Weih- 
geschenk des Aristeides zu Pergamon.^) So stehen an Ge- 
bäuden vor den tragenden Pilastern dekorative Gestalten von 
historischer oder allegorischer Bedeutung. Nach Analogie der 
Incantada in Thessalonich werden wir uns auch an der Per- 
serhalle in Sparta (Paus. III, 11, 3) die Marmorbilder von 

') VI 10. Im Griechischen wird rslauwv für Bänder und Riemen 
gebraucht, die etwas halten. Nach einem Provinzialismus, der mir nur 
aus Olbia bekannt ist, bezeichnet das Wort ein Postament, C. I. Cxr. II 
n. 2U56A. 

2} Vgl. Jahn, Bericht der Sachs. Ges. der Wiss. 1851 S. 127. Als 
Relieffiguren denke ich mir auch die 60 Stämme der Gallier, indem ich 
bei Strabo 192 tlxopua iy.doxov uiav lese. Anders Jahn. 

") Wieseler, Delphischer Dreifufs S. ö3. 



XII. Die Telamonen. 



273 



Mardonios und Artemisia in der Höhe aufgestellt denken : eben- 
so die „nationes" an den Prachtbauten der Kaiserzeit. Auch 
an Prachtschi ff en finden sich solche dekorative Stützfiguren ; 
so zog sich um das Nilschiff des Ptolemaios (Athenaios 205) 
eine Reihe von Atlanten hin, die den als Triglyphon geformten 
Schiffsbord zu tragen schienen. Scheinbar stützende Gestalten 
sind die einander entsprechenden allegorischen und symbolischen 
Eckfiguren an römischen Sarkophagen.^) Die Rückwand mar- 
morner Prachtsessel wird mit Silenen verziert, welche sich an- 
zustrengen scheinen den Rand der Rücklehne emporzuhalten. 
In der That sind diese dekorativen Figuren sämmtlich nur da- 
zu bestimmt, die starren, stereometrischen Formen der Archi- 
tektur und Tektonik in ansprechender und charakteristischer 
Weise zu beleben. Es ist ein Kunstluxus, w^elcher aus der 
hellenistischen Zeit, der er vorzugsweise angehört, 
in den Orient überging; so finden wir nament- 
lich in dem indogriechischen 
Prachtstil Figuren von Tänze- 
rinnen vor den Pilastern auf- 
gestellt.^) Diese Wand- und 
Pfeilerdekorationen wurden 
wiederum auf Prachtgeweben 
nachgeahmt. Wir kennen 
z. B. aus Vergils Beschrei- 
bung die kolossalen Gestalten von Barbaren, 
welche, in Theatervorhänge eingewebt, mit dem 
Vorhang aus der Tiefe stiegen und, wenn er 
aufgezogen war, den oberen Bühnenrand zu 
stützen schienen.^) In spielender Weise ist das- 
selbe Motiv auf Werke der Kleinkunst über- 
tragen. An nebenstehendem Goldring des Ber- 
liner Antiquariums sind zwei Giganten, deren 
Schlangenbeine in einander geflochten sind, so verwendet, dafs 
sie mit Kopf und Armen den Ringkasten zu tragen scheinen. 
Die dekorative Verwendung stützender Figuren, von der 
ich einige Beispiele zusammengestellt habe, ist eine Nach- 




') Zoega, Abhandlungen S. 370. 

2) Vgl. oben S. 238. 

*) Georg. I.II25: purpurea intecti toUunt aulaea Britanni. 

Cnrtias, Gesararaelte Abhandlungen. Bd. II. 18 



274 ^I^- I^i^ Telamonen. 

ahmung wirklicher Stützung. Denn es ist ein charakte- 
ristischer Zug hellenischer Kunst, in der Architektur und Tektonik 
die mechanisch nothwendigen Stützen durch menschliche Ge- 
stalten zu ersetzen, und so den statischen Verhältnissen einen 
sinnlich lebendigen Ausdruck zu geben. Bei den Aegyptern 
tritt, soviel mir bekannt ist. die Verwendung menschlicher 
Träger an Stelle von Säulen und Pfeilern erst mit den Neue- 
rungen ein, welche Psammetichos einführte.^) Auch an den 
Denkmälern von Persepolis mögen die dekorativ verwendeten 
Figuren, welche den Thron der Achämeniden stützen, auf die 
Einwirkung griechischer Kunst zurückzuführen sein. 

In der Tektonik der Griechen werden die Mischkessel, 
Becken , Schalen, Tischplatten von Figuren getragen ; der 
Kandelaberstamm wird durch Figuren unterbrochen, Spiegel- 
scheiben werden durch stehende Figuren gehalten. Wand- 
gemälde, welche als Tafelbilder charakterisirt werden sollen, 
werden durch menschliche Gestalten emporgehalten. Das sehen 
wir in den bei der Farnesina gefundenen Gemälden, welche jetzt 
im Museo di Diocletiano aufbewahrt werden.-) Die tektonische 
Verwerthung der Stützfiguren gilt entweder dem Körper der Ge- 
räthe oder den vorspringenden Theilen derselben, wie den Arm- 
lehnen der Sessel. Den üebergang zur Architektur bilden die 
Ehrensitze, über welchen von stehenden Figuren eine Decke in 
der Schwebe gehalten wird, fürstliche Thronsitze von Göttern und 
heroisirten Menschen. So erscheint auf der Vase von Altamura^) 
derPalast des Pluton mit einer von zwei Gebälkträgerinnen ge- 
stützten Halle; so ist auch die Südhalle des Erechtheums ein- 
gerichtet wie ein Ehrenplatz, über dem eine schwebende Decke 
festlich ausgebreitet ist. 

Mustern wir die Figuren, welche von der griechischen 
Kunst als Gebälk- und Geräthträger benutzt worden sind, so 
sind es vorwiegend männliche Gestalten, als die zu körperlicher 
Anstrengung zunächst berufenen ; daher auch der Gattungsname 
der atlantes und telamones. Was die Bedeutung der Figuren 



*) Diod. I 67: rijs ßaoileui-; y.voievans 6 Wn/nfitJTixos t(Ö iv Mififsi, 
d'eep tö Tinos i(o Txooiivhuov xnreay.evaoe xnl rot vmö lov TxsoißoXor y.oAor- 
rove vTioarrjong dinl rüiv y.iöviov Sowey.ttTTrjXKis. 

2j Diese Bilder geben dem, was Heibig (Untersuchungen über die 
campanische Wandmalerei S. 123) sagt, eine schöne Bestätigung. 

'J Ann. d. Inst. XXXVI p, 284. 



XII. Die Telamonen. 975 

betrifift. so lassen sich zwei Arten unterscheiden. Erstens sind 
es Vertreter vorgeschichtlicher Epochen, auf deren Ueber- 
windung der Ruhm und die Weltmacht der Olympier beruht : 
so die Titanen , zu denen Atlas gehört, und die Giganten, 
welche in dieser Beziehung so typisch geworden sind, dafs sie 
auch zum Halten eines Ringes verwerthet werden konnten. 
Den Schlangeufüfslern zu vergleichen sind andere Ungethüme, 
deren Mischgestalten den Charakter des Vorweltlichen an sich 
tragen. So dienten am amykläischen Thron Echidna und 
Typhon als stützende Gliederungsfiguren, denen nach dem 
strengen Parallelismus der alten Kunst auf der anderen Seite 
sogenannte Tritone entsprachen, und wir werden schwerlich 
irren, wenn wir uns diese vier Figuren an den beiderseitigen 
Armlehnen vertheilt denken.^) Ein fischschwänziger Unhold 
stützt auch die Armlehne des an der Ostfront des xanthischen 
Grabthurms thronenden Gottes ; schlangenleibige Flügelgestalten 
sind an den Wänden tarquinischer Gräber als Träger ver- 
wendet.-) 

Hier liegt überall der Gedanke zu Grunde, dafs Vertreter 
einer Urzeit, die den neuen Göttern erlegen sind, überwunden 
und dienstleistend erscheinen ; so werden auch die Tritone als 
Vertreter der poseidonischen, d. h. vorapollinischen Epoche am 
amykläischen Throne aufzufassen sein. Derselbe Gedanke wird 
aus dem mythologischen Gebiet auf das geschichtliche über- 
tragen , wenn Vertreter überwundener Barbarenstämme die 
tragenden Figuren sind, und zwar solche, welche die Völker- 
schaften im Ganzen vertreten, Skythen, Perser u. a. Barbaren, 
oder einzelne geschichtliche Persönlichkeiten, wie Mardonios 
und Artemisia am Markt von Sparta. Die stützenden Figuren 
in Persepolis stellen die aus Feinden zu Unterthanen ge- 
wordenen Stämme dar; auch der Typus der „Karyatiden" wurde 
auf Besiegung zurückgeführt nach der bei Vitruv erhaltenen 
Legende, einer Ueberlieferung, welche Preller durch eine Be- 
richtigung zu rechtfertigen gesucht hat.^) 

Eine zweite Gattung stützender Figuren bildet sich aus 
solchen, die dem Kreise gewisser Gottheiten angehören und zu 



') Paus. III 18,7. Vgl. Archäol Zeitung X, 1852, S. 470. 
-) Mon. d. Inst. 11 Tav. 5. Ann. VI 153. 
') Preller, de causa nominis Caryatidum: Aufsätze p. 136. 

18* 



276 XIl^- ßie Telamonen. 

Dienstleistungen in ihrem Heiligthum gewissermafsen eine amt- 
liche Verpflichtung haben. So die männlichen und weiblichen 
Telamonen, welche Platten mit Opfergaben tragen, z. B. an 
dem Hekatebilde von Catajo (Denkm. der alten K. II n. 892), 
so die Silene, Satyrn, Pane an den zum Dionysoskult gehörigen 
Bauten. Postamenten, Sesseln und Biihnenwänden,^) wie auch 
dionysische Thiere Platten der Trinktiscbe tragen.-) Am amy- 
kläischen Thron werden die Chariten und Hören von diesem 
Gesichtspunkte aufzufassen sein. Dem Wesen Apollons nahe 
verwandt und vielfach verbunden — man denke an die Hören 
an apollinischen Altären — waren sie, als zu einer Cultge- 
meinschaft gehörig, unten am Throne abgebildet, und zwar 
gewifs nicht einzeln und frei stehend, die ganze Last des ge- 
waltigen Steinbaus auf ihre Scheitel nehmend,'^) auch nicht 
einzeln vor Pilastern stehend,*) sondern nach Art der oben 
besprochenen Altar- und Postamentfigureu an der Vorder- und 
Hinterseite paarweise neben einander gestellt, so dafs sie den 
Stützen der Armlehnen der Zahl nach entsprachen. Die letzteren 
aber waren wirklich Träger, während von den Relieffiguren der 
Hören und Chariten das uviyiLv rov d-Qovov eine'nur scheinbare 
Gültigkeit hatte. 

Nach den Gattungen der tragenden Figuren bestimmt sich 
auch die Art des Tragens. 

Wo das Motiv der Unterwerfung zu Grunde liegt, wird 
das, was zu tragen ist, als drückende Last aufgenommen und 
die Träger befinden sich in einer peinlichen Zwangslage. So 
das Prototyp aller Gebälkträger, der büfsende Titane mit ge- 
krümmtem Rücken, eingestemmten Armen und rückwärts zu- 
sammengebogenen Ellenbogen, der Atlas gibbosus,^) der also 
mit Recht wi^iocpogoi; genannt wird.^) Diese typische Gestalt 
ist aus den Bädern von Pompeji bekannt; sie ist in kleinen 
gegossenen Bronzen, welche als Kesselstützen sich einzeln er- 
halten haben, vielfach bezeugt.') Ein stehender w^iocfoQog ist 



') Annali 1870 p. 99, 101. 

^) magjno sublimis pardus hiatu, Juvenal XI 123. 

=*) wie Archäol. Zeitung 1852, Taf. 43. 

*) wie Archäol. Zeitung 1854, Taf. 70. 

*) Servius zur Aeneis I 346. 

^) Hesychios unter ailuvTa, wo Salmasius ovQarofo^oi' bessern wollte. 

') Friederichs, Berlins antike Bildwerke II n. lf)17a. 



XII. Die Telamonen. 277 

auch der Satyr aus Marmor, welcher im Stockholmer Museum 
eine Schale trägt.') 

Eine weitere Demüthigung tritt ein, wenn der gebeugte 
Träger zum knieenden wird. So die Barbaren in phrygischer 
Tracht : das linke Knie berührt den Boden, das rechte ist auf- 
gestützt und dient der rechten Hand zum Auflegen, während 
die linke den Block fafst, auf welchem die Last ruht. „Re 
barbaro inginocchiato" nennt Guattani-J die Figur, und es ist 
nicht zu verkennen, dafs in der trefflichen Composition bei 
dem Ausdruck der Unterwürfigkeit eine gewisse Würde ge- 
wahrt ist, welche jene Benennung rechtfertigt. Ein ähnliches 
Motiv dürfen wir bei den Persern aus phrygischem Marmor 
voraussetzen, welche den Dreifufs im Olympieion zu Athen 
stützten, ein Werk, das wohl aus der hellenistischen oder 
römischen Zeit stammt, ebenso wie der prachtvolle Umbau der 
Perserlialle in Sparta, den Pausanias mit grofser Genauigkeit 
von dem alten Bau unterscheidet. Gezwungener wird die 
Stellung der Träger, wenn beide Kniee gegen den Boden ge- 
stemmt sind, wie es Herodot bei dem Mischkrug im Heraion 
zu Samos andeutet.'^) Am unwürdigsten ist die Haltung bei 
dem Silen der attischen Bühnenwand. Hier ist auch der Kopf 
ganz niedergebeugt und der Ausdruck der Ueberbürdung in 
dem Grade übertrieben, dafs er an das Komische streift. 

Eine zweite Art des Tragens ist die in aufgerichteter 
Stellung, das Tragen auf dem Scheitel. Hier trägt entweder 
der Scheitel allein oder die Hände helfen. Das erste Motiv 
ist von der attischen Kunst in mustergültiger Weise zum Aus- 
druck gebracht; sie hat in ihren Gebälkträgerinnen die Ruhe 
und Festigkeit, wie sie die Architektur forderte, mit der Be- 
wegung, welche der entwickelten Plastik nicht fehlen durfte, 
zu verbinden gewufst und einen ethischen Begriff, den freien 
und freudigen Dienst der Bürgertöchter im Heiligthum der 
Stadtgöttin, zum Ausdruck gebracht. Die nur mit dem Kopf 
tragenden Figuren haben am meisten den Charakter von Frei- 
heit und Ungezwungenheit, welcher durch Betheiligung der 
Hände immer beeinträchtist wird 



'J Clarac pl. 721, 1725 a. 

^) Monumenti inediti 1752, Luglio. 

»j Herod. IV 152. Vgl. auch Mazois, Ruines de Pompei IV pl XXIX. 



278 ^I^- I^ie Telamonen. 

Bei der Benutzung beider Hände läfst sich ein doppelter 
Typus nachweisen. Auf AVandgemälden sehen wir die Hände 
nach entgegengesetzten Seiten emporgestreckt ; so bei dem 
Schlangenfüfsler im tarquinischen Grabe (S. 275) und bei der 
das Tafelbild emporhaltenden Figur im Museo di Diocletiano 
(S. 274). Hier ist, um die Kopfhöhe mit den schräge empor- 
gestreckten Händen auszugleichen, als Zwischenglied ein Kopf- 
aufsatz (Kalathos) angebracht. Dagegen ist der in der Plastik 
ungleich häufigere Typus der, dafs die beiden Unterarme im 
rechten \yinkel senkrecht gehoben werden. Diese Form ist 
besonders bei den Spiegelhaltern die gewöhnliche, und zwar 
tritt hier noch eine merkwürdige Modification ein, wenn näm- 
lich die gehobenen Hände den Rand der Scheibe nicht fassen, 
sondern nur mit den Fingerspitzen berühren. Dies ist eine 
manierirte Benutzung des griechischen Motivs. Das Stützen 
des Spiegels wird wie ein Kunststück behandelt ; er wird nicht 
getragen, sondern balancirt.^) 

Das Tragen mit Kopf und einer Hand ist der eigentliche 
Karyatidentypus.-) Das Motiv kommt bei Einzelfiguren vor, 
z. B. bei spiegelstützenden Frauen, welche mit der Rechten 
den Band der Scheibe fassen, während sie die Linke in die 
Seite stemmen.^) Besonders beliebt aber ist dies Motiv, wo 
zwei Stützfiguren gebraucht werden, von denen eine den 
rechten, die andere den linken Arm hebt; denn das Heben 
des linken Arms (in der Dichterstelle bei Athenaios) gehört 
nicht zur Charakteristik des Karyatidentypus, sondern beruht 
auf der Anwendung, die der Komiker macht. So erscheinen 
die Gebälkträgerinnen als Gegenstücke neben einander auf dem 
Marmorrelief in Neapel, das, seiner gefälschten Inschrift unge- 
achtet, das klassische Karyatidendenkmal ist.*) 

Der Typus ist für weibliche Gestalten erfunden, und nach 
den zahlreichen Analogien tragender und stützender Tempel- 
frauen wird es sich als das Wahrscheinlichste empfehlen, dafs 
wir auch in den Karyatiden nicht besiegte Feinde, sondern 
Dienerinnen der Artemis erkennen. Dann erfolgte die Ueber- 



') Overbeck, Pompeji'^ p. 404. 

-) Nach Fragm. Com. Gr. ed. Meineke V 127. Athen. 241 d. 
•■') Uerhard, Etr. Spiegel CXXXVIII. 

*) Zuerst herausgegeben von Parrascandolo, Marino greco rappresen- 
tante le Cariatidi. 1817. 



XII. Die Telamonen. 279 

tragung auf männliche Figuren, und Winckelmann war — trotz 
Lessings Verwunderung über diesen Ausdruck — vollkommen 
berechtigt von männlichen Karyatiden zu sprechen. 

Das bekannteste der hieher gehörigen Denkmäler ist das 
des Aedilen Virtius in Nuceria/) dessen Frontseite mit vier 
Relieffiguren verziert ist; die oberen und gröfseren, zwei Stab- 
träger, sind mehrfach besprochen;-) die untern Figuren, welche 
symmetrisch zu beiden Seiten der sella curulis stehen, halten 
über derselben die Schrifttafel empor. Sie unterscheiden sich 
von den Telamonen der Anisener durch die oben umgebogene 
phrygische Mütze — at caetera paene gemelli. 

Als Träger der Scbrifttafel finden sich ähnliche Telamonen 
an den Frontseiten hochgebauter Grabmäler, wie an dem der 
Caelia Gemella aus Padua^) und an dem sogenannten Scipionen- 
grabe bei Tarragona.'') Charakteristisch ist für alle diese 
Figuren der Leibrock mit Aermeln, die Beinkleider, der von 
den Schultern nach hinten länger oder kürzer herabhangende 
Mantel. De Laborde wollte in dem Schleppmantel das Trauer- 
costüm von Sklaven bei dem Leichenbegängnifs ihres Herren 
erkennen. Doch können wir darin nur eine Tracht des Orients 
nachweisen, wie sie bei barbarischen Königen wiederkehrt und 
bei Attisfiguren, bei ausländischen Frauen, wie Medea, bei 
Amazonen und auch bei Kanephoren ; so namentlich bei den 
sogenannten Karyatiden der Porticus der Villa Albani, deren 
mit Agraffen auf der Schulter befestigte Gewänder hinten lang 
herab wallen.^) Bei Stützfiguren war eine solche Draperie dem 
Künstler willkommen, um der Gestalt einen breiteren Hinter- 
grund zu geben ; so diente z. ß. der Mantel der Dresdener 
Amazonenstatue bei seiner flüchtigen Behandlung nur als 
Hintergrund, um die Statue mit der Wand zu vermitteln.") 

Die männlichen Mantelfiguren in asiatischer Tracht kommen 
auf den Denkmälern in zwiefacher AVeise vor, eiitweder als 

1) Mommsen, I R. N. Neap. 2096. 

") Avellino, üpuscula 111 p. 151. 

*j Monumenta Patavina 1652 p. 29. 

*) AI. de Laborde, Voyage de l'Espagne I p. 20. C. I. L. II 4283, 
wo Hühner bemerkt: qui tabellam ansatam sustinent homines duo vestitu 
barbaro — sunt sine dubio aut servi aut captivi. Ich verdanke meinem 
•Collegen Hübner die Hinweisung auf dies Monument. 

^) Braun, Ruinen und Museen Roms S. 705. 

«) 0. Jahn, Sachs. Berichte 1853, S. 33. 



280 ^11- I^ie Telamonen. 

Telamonen oder als symbolische Figuren, welche eine unver- 
kennbare Beziehung auf die Bestattung haben. Die letzteren 
sind auf Grabsteinen der römischen Zeit, wo man an Sklaven, 
Freigelassene, Gefangene gedacht hat, durch Attribute, Stellung 
und Gebärde unzweifelhaft als Attisgestalten erwiesen worden.-') 
Hier sind sie in dem Grade zu stehenden Figuren geworden, 
dafs man sie ornamental zu behandeln und der Symmetrie zu 
Liebe an beiden Seiten des Reliefs aufzustellen sich gewöhnte. 
Mit der Gebärde der Trauer, die Hand am Kinn, findet man 
sie auf so späten Denkmälern wie z. B. dem Grabstein, 
welcher bei Traismain in Nieder-Oesterreich gefunden ist.-) Es 
hat hier also ein ähnlicher Vorgang stattgefunden wie er neuer- 
dings bei dem praxitelischen Hermes nachgewiesen ist, der all- 
mählich zu einer symbolischen und Conventionellen Grabfigur 
geworden ist. Daraus erklärt sich auch die Verdoppelung der 
Attisfiguren. 

Wie weit nun auch die asiatisch gekleideten Telamonen,. 
mögen sie mit Kopf und Hand stützen wie die auf den Denk- 
mälern von Anisa und von Nuceria, oder bei jvorn gekreuzten 
Armen nur mit dem Kopf, wie an dem sogen. Scipionengrabe, 
auf einen mythologischen Keim sich zurückführen lassen, dar- 
über gestatte ich mir kein entscheidendes Urtheil. 

Bei einem Denkmal, das, wie unsere Bronze, in einem 
Heiligthum der Astarte aufgestellt zu werden bestimmt war,, 
liegt es am nächsten, die ornamentalen Figuren aus dem Tempel- 
dienst zu erklären und an Eunuchen zu denken. 

Ich habe unter den verschiedenen Kategorien stützender 
Figuren absichtlich die Götterfiguren nicht aufgeführt, obwohl 
nichts gewöhnlicher ist als die Annahme, dafs auch sie in dieser 
"Weise, wenigstens an Geräthen, verwendet worden sind. Man 
beruft sich auf die Tripoden in Amyklai mit den Bildern der 
Aphrodite, Artemis und Kora;'^) man hat aber keinen Grund 
sich hier etwas Anderes vorzustellen, als zwischen den drei 
Füfsen frei stehende Figuren, welche dem Geräthe eine religiöse 
Weihe zu geben bestimmt waren, ohne in die tektonische Con- 



*j Urlichs im Jahrb. d. Ver. von Alterthumsfr. im Rheinl. XXXIII 
1855 S. 51. 

2) Keiblinger, Geschichte des Benediktinerstifts Melk, Vol. I S. 126. 
"J Paus. III 18. 



XII. Die Telamonen. 281 

struktion als Glied eingefügt zu sein. So stand ja auch der 
praxitelische Satyr frei inmitten der drei Füfse. Wo Aphrodite 
mit Adonis an einem Spiegelhalter vorkommt, ist die Gruppe, 
in einen geschlossenen Rahmen hineincomponirt,^) von dem Ge- 
räthe selbst durchaus unabhängig. Als wirkliche Telamonen 
sind aber, so viel ich sehe, Götterfiguren architektonisch oder 
tektonisch in der griechischen Kunst nicht verwendet worden. 
Die äufsere Erscheinung berechtigt zu dieser Annahme nicht; 
denn es ist bekannt, dafs Priester und Priesterinnen in ihrer 
Amtstracht mit allen Attributen ihrer Gottheit angethan waren. 
Die auf einer Schildkröte stehende Frau, welche den oberen 
Theil eines Candelabers stützt.-) ist darum noch keine Aphrodite; 
denn es wird ja ausdrücklich bezeugt, dafs die Dienerinnen in 
Heiligthümern der Göttin Fufsbänke in Gestalt von Schild- 
kröten benutzten.^) Die Artemispriesterinnen erschienen wie 
Artemis selbst mit Fackel, Bogen und Köcher.*) Darum sind 
wir auch nicht berechtigt, in den spiegelstützenden Frauen mit 
Taube und Apfel (auch wenn der symbolische Apparat durch 
zuschwebende Eroten vervollständigt ist) die Göttin Aphrodite 
selbst zu erkennen, so wenig wie die Bronze aus Kalavryta 
mit Fackel und Mohn^) eine Demeter ist, sondern vielmehr 
das Bild einer Priesterin, welche ihre Figur in feierlicher Amts- 
tracht als Anathem geweiht hat. 

Darnach wird sich also auch unser Urtheil in Betreff der 
männlichen Figuren bestimmen, welche als Spiegelträger vor- 
kommen. Ich denke namentlich an diejenigen Figuren, welche 
die Scheibe nicht unmittelbar mit Kopf und Armen tragen, 
sondern vermittelst eines einfachen oder doppelten mit Thier- 
figuren verzierten Tragebalkens, wie die Bronze, welche Stark 
als Hermes Kriophoros gedeutet hat.") Dieser Figur schliefst 
sich jetzt eine ganze Keihe von Jünglingsstatuetten an, welche 
in Olympia gefunden und jetzt in dem Werk „Olympia, Die 



») Archäol. Zeitung 1871 S. 45, Taf. 32. 

^) Friederichs, Berlins antike Bildwerke II 707. Gerhard, Gesamm. 
Abhandl. I 260. 

^) Athen. 581. Oben S. 82. 

''j Heliodor, Aethiop. III 4. 

^) Berliner Antiquarium No. 7644. Mittheil, des deutschen Archäol. 
Instituts in Athen III S. 71 f. 

*) Berichte der Sachs. Gesellsch. der Wissensch. XII, 1860, Taf. 1. 



•282 ^11- ^'^ Telamoiien. 

Ergebnisse der Ausgrabungen" (1890. Bronzenband) veröffent- 
licht worden sind. 

Diesen Figuren kann ich jetzt eine Bronze anreihen, welche 
ihrer Herkunft und ihrer Alterthümlicbkeit wegen ein ganz 
besonderes Interesse in Anspruch nimmt, eine jugendliche Erz- 
figur aus Delphi,^) deren Oberkörper sorgfältig modellirt ist 
und bis auf den Rücken der Nase (den ein Hieb getroffen hat, 
durch den auch der linke Unterarm verbogen ist) wohl er- 
halten vorliegt. Auf dem Tragebalken safsen zwei Löwen, 
von einander abgewendet. Der Schweif des rechts sitzenden 
war innerhalb der hinteren Keule herunter gezogen und. wie 
es scheint, von der Hand des Spiegelträgers gefafst; sie mufs 
wie in einen King hineingegriffen haben. Dies kleine Denkmal 
nimmt unter den vielen neuerdings zu Tage getretenen alt- 
griechischen Bronzen eine hervorragende Stelle ein, weil es 
einen orientalisirenden Charakter zeigt und zugleich eine merk- 
würdige Analogie mit dem Erzrelief von Grächwyl, dessen 
oberes Löwenpaar in ganz entsprechender Weise auf dem 
Tragebalken sitzt.-) Dafs wir in diesem Relief keinen echt 
etruskischen Stil erkennen dürfen, wie man gethan hat, scheint 
mir aus der Analogie der delphischen Bronze deutlich hervor- 
zugehen. Wir werden bei dieser Jünglingsfigur aus Delphi 
trotz des über den Nacken herabhängenden Lockenhaars so 
wenig an einen ApoUon zu denken berechtigt sein, wie bei dem 
von Stark herausgegebenen Spiegelhalter an einen Hermes. 
Ob es überhaupt möglich, die Bedeutung dieser Figuren ge- 
nauer zu bestimmen, lasse ich dahingestellt, glaube aber nach 
den voranstehenden Erörterungen den Satz aufrecht erhalten 
zu müssen, dafs die griechische Kunst in Arcliitektur und 
Tektonik nur solche Figuren als Telamonen verwendet, die ent- 
weder als Unterworfene und Besiegte oder als freiwillig dienende 
Cultuspersonen angesehen werden sollten. Gottheiten lassen sicli 
in solchen Stellungen der Dienstbarkeit nicht nachweisen.*^) 



*) Berliner Anfi(iuarium No, 7487. 

-) Archäol. Zeitung XII Taf. LXIII. 

*) lieber Göttercostüm priesterlicher Personen vgl. oben S. 213 mit 
Anm. 1 und 2. Otto Jahn hat in seiner Abhandlung über die Entführung 
der Europa S. 42 von Neuem auf die täuschende Aehnlichkeit göttlicher 
und priesterlicher Gestalten hingewiesen. Vgl. Bütticher, Tektonik II 
S. 132 n. 77 a und S. 234. 



XII. Die Telamonen. 283 

Die Telamonen an der Erztafel der Anisener haben mir 
Veranlassung gegeben , in weiterem Umfange über die den 
stützenden Figuren zu Grunde liegenden Motive zu sprechen, 
da dies wichtige Thema antiker Kunstwissenschaft in auffallen- 
der Weise vernachlässigt scheint und einer zusammenhängenden 
Behandlung noch entbehrt; vielleicht geben die mitgetheilten 
Andeutungen dazu eine Anregung, Zum Schlüsse noch einige 
Bemerkungen über die von den Gesetzen griechischer Kunst 
abweichenden Formen und die mifsbräuchliche Verwendung 
stützender Figuren. 

In der klassischen Kunst werden nur solche Geschöpfe 
zum Tragen benutzt, welche von Natur geeignet sind Lasten 
auf sich zu nehmen und zwar mit den Gliedern, welche von 
Natur dazu geeignet sind. Wenn daher schwache Pflanzen- 
stengel und Blüthenkelche Dreifüfse tragen, wie dies auf der 
Xenophantosvase angedeutet ist ; wenn Thiere, welche in keiner 
Weise zu tektonischer Stützung geeignet sind, gelegentlich so 
verwendet werden, wie die Taube als Stütze eines Steuerruders,^) 
Delphine, die zu dreien mit aufgerichtetem Schweife eine Platte 
stützen,-) Schwäne mit gebogenem Hals und Flügelspitzen einen 
Tisch tragend:^) so sind das Spielereien, welche in kleinem 
Mafsstab und z. Th. nur in Zeichnung ausgeführt ihre Ent- 
schuldigung finden. Aber es spricht sich darin eine Richtung 
des Geschmackes aus, welche sich von den in der Natur gelten- 
den Normen löst und am Willkürlichen Gefallen findet. Häufig 
wird aber auch eine Stützung vorausgesetzt, wo sie in der 
That nicht beabsichtigt ist. So werden z. B. die ausgespannten 
Flügel tragender Figuren benutzt, um einen äufserlichen An- 
schlufs an den Körper runder Geräthe herzustellen.*) Eine 
scheinbare Unterstützung tritt auch da ein, wo aufgerichtete 
Gestalten mit dem Kopf den oberen Rand einer ßildfläche be- 
rühren, wie die Figuren an der puteolunischen Basis und die 
Helenafiguren an spartanischen Reliefs (S. 272). Am wenigsten 
aber vermag ich in den gesenkten Köpfen der Schlangen auf 
den Schmalseiten der spartanischen Reliefbasis das Motiv einer 



^) Wieseler, Denkm. der alten Kunst II 266. 

^) Berliner Antiquarium No. 6298. 

') Pacho, Cyrene 49. 

*) Friederichs, Berlins antike Bildwerke II IfjlTb. 



284 ^^I- ^^® Telamonen. 

Stützung ZU erkennen,^) da die Schlangen, an sich die unge- 
eignetsten aller Geschöpfe, um als statische Träger zu dienen, 
sich in weichen Windungen hinschlängeln, um den Raum zu 
füllen. Auch als Handstütze möchte ich den Schlangenleib 
nicht bei dem Asklepios in Epidauros ansehen, wie man es auf 
den Münzbildern gedeutet hat.-) Pausanias (II, 27) sagt sehr 
vorsichtig: Tt]r krigav röJv x^iQtov vtcIq /.Hfcdr^g ey^u tov 
ÖQ(xv.ovTog., dadurch wurde wohl nur die mansuetudo der dor- 
tigen Schlangen veranschaulicht ; denn die heiligen Schlangen 
von Epidauros waren ihrer Zahmheit wegen berühmt (c. 25). 
Ebenso glaube ich auch das ineorecug bei Herodot IX, 81 und 
das iTvr/Mod^ai bei Pausanias X, 13, 5 so deuten zu müssen, 
dafs die drei Köpfe des pythischen Drachen unmittelbar unter 
dem Dreifufskessel vorsprangen, ohne das Auflager desselben 
zu bilden.^) 

Die gestreckten Stützfiguren hellenischer Kunst sind senk- 
recht gestellt; die Abweichungen vom Geschmack des klassischen 
Stiles zeigen sich daran, dafs man die Figuren in manierirter 
Weise seitwärts und rückwärts bog. um sie so als Henkelfiguren 
bei Bechern zu benutzen, wie es die etruskische Kunst liebte. 
Oben haben wir sogar zwei stützende Figuren zu einem Reif 
umgebogen gesehen. Eine genauere Durchforschung der figür- 
lichen Bronzen wird lehren, wie weit die griechische Kunst in 
dieser Behandlung stützender Figuren gegangen ist und ob sie 
Figuren, die zum stehenden Tragen bestimmt waren, in horizon- 
taler Lage als Grifi'e von Schalen u. s. w. benutzt hat. Stützende 
Figuren, welche keinen Fufs haben, sind darum noch nicht in 
dieser Verwendung erwiesen ; es waren Spiegelgrift'e, die der 
Stellung gemäfs senkrecht gehalten wurden. 

Unklassisch ist ferner der üebergang stützender Figuren 
in eine so lebendige Handlung, wie sie etwa der einen Kande- 
laber tragende Satyr zeigt, der zugleich im Kampfe mit einer 
Schlange begriffen ist ;*) unklassisch die bewegte und gezierte 
Stellung der am Palast des Pluto dachstützenden Frauen auf 
der Vase von Altamura,^) welche schon an die indogriechischen 



^) Löschcke, de basi prope Spartam reperta (Dorpat 1879} S. 16. 

-j Monatsbericht der Berliner Akademie 1877 S. 739. 

3) Archäol. Zeitung 1865 S. 58. 

*J Denkmäler der alten Kunst I 295. 

5j Annali XXXVI p. 289. 



XII. Die Telaraonen. 285 

Bajaderen (S. 273) erinnern. Ebenso ist es ein Verstofs gegen 
hellenische Kunst, wenn man Telamonen aufstellt, die nichts 
zu tragen haben, wie die nackten Männer vom Grabmale der 
Freigelassenen des Sextus Pompejus,^) die mit beiden Händen 
eine Säule emporhalten ohne weitere Belastung, blofse Parade - 
figuren ; ein gleicher Verstofs, wenn Figuren doppelt tragen, 
z. B. erst einen Korb und auf dem Korbe das Gebälk. Diese 
Figuren waren im späteren Alterthum sehr gebräuchlich ; daher 
weifs Winckelmann Kanephoren und Karyatiden garnicht zu 
unterscheiden. Und doch ist es offenbar ein arges Mifsver- 
ständnifs, wenn man den geflochtenen Korb zum Kapitell 
machte,-) wie ich bei der Kanephore von Paestum bemerkt 
habe.^) Endlich ist es dem klassischen Stil zuwider, wenn man 
die Telamonen auf die Säulen stellt, deren Funktion sie über- 
nehmen sollen ; so ist es bei den Karyatiden von Altamura, 
so auch bei den Telamonen auf der Erztafel der Anisener. 
Hier bilden sie gewissermafsen ein zweites Stockwerk, um das 
die Tafel krönende Giebeldreieck zu tragen. 

Die Kunstsprache der griechischen Tektonik hat auch ihre 
Grammatik, deren Gesetze wir kennen müssen, um Echtes und 
Unechtes, Ursprüngliches und Spätes, Griechisches und Nicht- 
griechisches zu unterscheiden. 



') Montfaucon V 16. 

2) Burckhardt, Cicerone, 1869, S. 460. 

•■') Unten 8. 289. 



XIIT. 

Die Kanephore von Pästum.') 



Die hellenische Kunst wurzelt im Gottesdienst, und sie 
hat nicht nur in Darstellung von Göttern und Heroen die 
Aufgabe gefunden, in deren Lösung sie zu ihrer vollen Leistungs- 
fähigkeit erstarkte, sondern auch in Darstellung der zum Cultus 
gehörigen Handlungen. Hier boten sich dem Künstler die 
dankbarsten Motive dar, um jugendliche Gestalten zu bilden, 
in welchen pflichtmäfsiger Dienst und freie Hingabe, naive 
Anmuth und gemessene Feierlichkeit, Ruhe und Bewegung sich 
auf das Glücklichste vereinigten. Die Dienstleistungen waren 
von verschiedener Art. Es waren Ehrendienste im Tempel 
und bei den Festen der Gottheiten, zu welchen Jünglinge und 
Jungfrauen der Gemeinde für eine bestimmte Zeit ausgewählt 
wurden, oder es waren Handreichungen untergeordneter Art, 
zu welchen diejenigen verpflichtet waren, welche aufserhalb der 
bürgerlichen Gemeinschaft standen, die Schutzgenossen, welche 
den Bürgertöchtern Geräthe, Gefäfse, Schirme nachzutragen 
hatten. Denn die Standesunterschiede, welche der Geist der 
Demokratie möglichst auszugleichen suchte, haben sich im Cultus 
dauernd erhalten, und so weit unsere Kunde reicht, ist aufser 
tadelloser Körperbildung und unbeflecktem Hufe vornehme Ge- 
burt die wesentlichste Bedingung für jene Ehrenämter geblieben. 
Darum waren sie ein Gegenstand des Ehrgeizes und der Eifer- 
sucht, so dafs z. B. die Zurückweisung der Schwester des 
Harmodios, die als Korbträgerin bei einem attischen Festzuge 
eintreten sollte, '^) als die bitterste Kränkung der ganzen Familie 
angesehen werden konnte. 

') Vortrag am Berliner Winckelniannsfeste 1879. 
^j y.ufoT'i' o'iuovaa er tiojlctijJ th'i: Thuk. V 56, 



XIII. Die Kanephore von Pästum. 



287 



Gewisse Dienstleistungen waren mit den besonderen Oert- 
lichkeiten und Gebräuclien einzelner Heiligthümer verbunden, 
wie z. B. die Hydrophone in Ithome. wo jeden Morgen die 
dazu erkorenen Jungfrauen frisches Wasser aus der unterhalb 
gelegenen Quelle in das Heiligthum des Zeus hinauftragen 
mufsten. Andere Dienstleistungen waren allen Gülten gemein- 
sam, und da zu jedem Opfer eine Reihe kleinerer Gegenstände 
gehörte, welche ordnungsmäfsig herbeigetragen werden mufsten, 
so war der Dienst des Korbtragens der allerverbreitetste. So 
kommt Chrvsothemis bei Sophokles mit dem 
Korbe, der die Spende für Agamemnons 
Grab enthält. So sehen wir auf den attischen 
Lekythen die von Mädchen getragenen Körbe 
mit Salbgefäfsen, Palmzweigen, Binden, und 
sowie Dikaiopolis bei Aristophanes seine 
Privatdionysien beginnt, läfst er die Tochter 
vortreten, um als Kanephore das zum Opfer 
Nöthige heranzutragen.^) Auch im engsten 
Familienkreise darf das nicht formlos ge- 
schehen. Vater, Tochter und Sklave treten 
zu einem Festzuge geordnet an und der 
Hausvater betet, dafs die Procession und 
dann das Opfer gnädig aufgenommen werde. 

Der häusliche Gottesdienst ist auf die 
Gemeinde übertragen. Wir müssen annehmen, 
dafs der Hausvater der Bürgergemeinde, der 
König, in dessen Rechte dann der Archon 
Basileus eingetreten ist, die Bürgertöchter auswählte, die den 
Dienst versehen sollen. Es war keine willkürliche Auszeichnung; 
denn die ältesten Geschlechter hatten einen Anspruch darauf, 
vor den andern berücksichtigt zu werden. Ihre Töchter waren 
die Iv a^ivjuari Ttagdtvoi.-) Bei der Arrhephorie wurden vier 
Bürgertöchter aus den edelsten Familien durch Abstimmung 
gewählt und daraus zwei durch die zustehende Terapelbehörde 
für den Dienst erkoren.^) 




^) Acharn. 242: rr^o'ti?' }.•; tÖ TT^öad'Ei' oXiyov rj xa^'rjifooos. 

^) y.at'rjifdooi ' tf 'cnli Tzofinals al iv u^KÖuari Tirt^d'efoi sy.itrijcfü^ovf, 
oi 071HI y.al if TOls; n((viti)'i]faiois. ov Tiäaais •)' dtpelro y.avr^ifO()tlf Hesychios. 

J (inorjfooElv ttaouoa^ fitv Byeiootovovt'xo oi evyevttuv tto(jT;fuoot, ovo 
Ük iyoiioiTo Harpokration. 



288 XIII. Die Kanephore von Pästum. 

Das Amt der Kanephorie dürfen wir bei allen Gottes- 
diensten voraussetzen, und es ist zufällig, dafs' wir es, so viel 
ich sehe, nur bei fünf nachweisen können, bei dem Dienst des 
Zeus Basileus in Lebadeia/) wo die zu dem Ehrenamt Er- 
korene vorher in der Herkyna badete, bei den einander ent- 
sprechenden Heradiensten in Argos und in Falerii,-) bei dem 
Dionysosdienst, ^) bei dem der Demeter und der Athena.*) 

Wie wir in Athen die nationalen Gebräuche der Hellenen 
am vollkommensten ausgebildet zu finden pflegen, so weisen 
uns auch hier die Ueberlieferungen vorzugsweise nach Athen. 
Die Kanephore der Demeter wird bei Horaz eine „attica virgo" 
genannt, und mit dem Dienst der Stadtgöttin von Athen ist 
der Ritus so eng verbunden, dafs ihre Einführung unter Erich- 
thonios gesetzt wurde'^) und schon des Kekrops Tochter Herse 
uns vorgeführt wird, wie sie in züchtiger Anmuth den Korb 
auf dem Scheitel tragend die Liebe des Hermes entzündet.*^) 

Wenn sich an den grofsen Festen die Blicke einer ganzen 
Gemeinde auf die Jungfrauen richteten, welche ihrer Gestalt 
und Herkunft wegen vor allen Altersgenossen auserwählt waren, 
dem Festzuge voranzuwandeln, so ist es natürlich, dafs auch 
die Künstler zu plastischer Nachbildung angeregt wurden. 
Indessen war es nicht ein ästhetisches Wohlgefallen, welchem 
die Statuen und Statuetten von Kanephoren ihre Entstehung 
verdankten, sondern der Zweck der Weihung, welchem die 
Kunst der Hellenen ihre fruchtbarsten Keime verdankt, ist 
auch hier der Anlafs gewesen. Nach Vollendung des Ehren- 
amtes sollte das Andenken der durch dasselbe Ausgezeichneten 
nicht erlöschen, und wie man Priester und Priesterinnen im 
Bilde reihenweise aufstellte, um dadurch das Alter und die 
ununterbrochene üeberlieferung des heiligen Dienstes monumen- 



') Plut. narr. am. 1. 

"-) Dion. Hai. I 26. Ovid Am. III 13. 

■'') Aristophanes a. a. 0. Vgl. C I. Att. II 420, 10: olooiuav to Ieqov 
y.arovv reo d'eiö xara t« Tinrpia. 

*) Horat. Sat. II 3, 13: ut attica virgo cum sacris Cereris procedit. 
Cicero in Verr. IV 35: duo signa . . . quae manibu8 sublatis sacra quaedam 
raore Atheniensium virginum reposita in capitibus sustinebant. Vgl. 0. Jahn, 
Archäol. Zeitung XXIV, 1866, S. 253. 

'') 'EoiyDoriov ßdaiktvoi'XO'i ttowtov y.ajioTijaav al tr d^uouari rtnod'eroi 
(pifjtir TU x(u7i rij if'eof Philochoros bei Harpokr. unter auvqfo^oi. 

8) Ovid Metam. H 711. 



XIII. Die Kanephore von Pästum. 289 

tal ZU bezeugen,^) so wurden auch Hydrophoren, Arrephoren 
und Kanephoren in Thon, Erz und Stein als Tempelschmuck 
zu gleichem Zwecke aufgestellt. 

In einer Praxis vieler Menschenalter ist dann gerade das 
Motiv der Kanephorie durch Meister der verschiedensten Schulen 
mit Vorliebe behandelt und so glücklich ausgebildet, dafs eine 
Korbträgerin des Polyklet neben dem Zeus des Phidias als ein 
ebenbürtiges Wunder der Kunst angesehen wurde. ^) 

Wie Skopas und Polyklet dies Motiv behandelt haben, 
können wir auch heute noch nicht nachweisen ; aber wir sind 
so glücklich ein echt griechisches und vollkommen erhaltenes 
Kunstwerk vorlegen zu können, von dem wir sagen dürfen, dafs 
es den Typus der Kanephorie, wie ihn die ältere Kunst bildete, 
zum ersten Male in urkundlicher Form vor Augen stellt, 
während wir bis jetzt nur schriftliche Andeutungen hatten, 
welche so unbestimmter Art sind, dafs sie bis zuletzt von allen 
Kunsthistorikern mifsverstanden werden konnten. Denn ein 
arges Mifsverständnifs mufs ich darin erkennen, dafs man das 
„manibus sublatis sacra sustinere" in der vierten Verrina so ge- 
deutet hat, als wenn die Kanephoren, um den Korb zu halten, 
beide Hände nach oben gestreckt hätten, während der Plural 
sich dadurch erklärt, dafs Cicero von zwei Kanephoren in der 
Sammlung des Heins redet. 

Ein zweites Mifsverständnifs, das den Kanephorentypus 
betroffen hat, besteht darin, dafs man die Mädchen mit capitell- 
artigem Kalathos zu Gebälk trägerinnen gemacht hat, was 
dem Sinne der religiösen Handlung völlig widerspricht. Dieser 
Mifsbrauch von Kanephorenstatuen stammt aber schon aus alter 
Zeit, wie die an der Via Appia gefundenen zeigen, die in der 
Villa Montalto aufgestellt waren. Die eine derselben ist durch 
Townley in das Britische Museum gekommen,'^) die andere in 
die Villa Albani; Nachahmungen sind auch von neueren Künst- 
lern als Karyatiden verwendet worden.*) 



') Pausanias II 17, 3: avS^iümss yvi'aixcöi', nl ysyövdair Uqskh, 

2j Symmach. Epist. I 33. 

^) Antient Marbles of the British Museum, Part. I. London 1812. 
Plate IV. 

*) So im Niobidensaal des Neuen Museum zu Berlin. Vgl. Friede- 
richs, Berlins antike Bildwerke I S. 445. Ueber Verwechslung von Kane- 
phoren und Karyatiden: Auialthea III 150. 

Cortins, Gesaninielte Abhandlungen. Bd. U. 19 



290 XIII. Die Kanepbore von Pästum. 

Nach Abweisung dieser Mifs Verständnisse betrachten wir 
nun die neu zum Vorschein gekommene Statuette, wie sie mit 
Korb und Säule durch die kunstverständige Hand des Pro- 
fessors am Kunstgewerbemuseum, Herrn Behrend, in Gips 
hergestellt und nach diesem Modell in der Archäol. Zeitung 
1980 S. 27 vollständig abgebildet ist; die Figur selbst siehe 
oben auf S. 287. 

Der leichte Korb, vor Antritt der Procession auf den 
Kopf gehoben, wird mit einer (der rechten) Hand gehalten, 
deren innere Fläche nur lose angelegt ist. damit der Korb 
nicht aus dem Gleichgewicht komme. Die Hebung des Unter- 
arms zur Schulterhöhe ist ein sehr anmuthiges Motiv, das ja 
auch von Eatael und andern Künstlern mit Vorliebe nachge- 
bildet ist ; ebenso natürlich und der Situation entsprechend ist 
die Senkung des linken Arms, welcher, vom Ellenbogen an 
bequem vorgestreckt, die Gewandmasse hebt, die, wenn sie 
frei herunterfiele, das Wandeln im Zuge erschweren würde. 
Der Zug ist in Bewegung ; den linken Fufs vorsetzend, schreitet 
die Jungfrau ernst, feierlich, vorsichtig, aber zwanglos und ohne 
eine Spur von Belastung. Der Kopf ist ein wenig gesenkt, 
um die vorliegende Bahn im Auge zu haben ; bei stiller 
Sammlung ist das Auge von Allem, was um sie her vorgeht, 
abgelenkt. Sie ist bekleidet mit einem Aermelchiton aus feiner 
Wolle, der unter der Brust gegürtet ist und senkrecht auf die 
Füfse herabfällt. Darüber ist ein schwereres Obergewand ge- 
worfen, das von der rechten Schulter quer über die Brust 
herunterfällt, so dafs die linke Brust und Schulter frei bleiben. 
Unter der linken Achsel durchgezogen, ist es über den Rücken 
weg von hinten auf den rechten Oberarm geworfen, so dafs es 
hier, breit herunterhangend, sehr passend den rechten Winkel 
ausfüllt, welchen der geho])ene Arm mit dem Körper bildet, 
und zugleich dazu dient, der zarten Gestalt eine ansehnlichere 
Fülle zu geben. Mit unbekleideten Füfsen betritt sie den 
heiligen Boden ; das Haar, von einer Binde eingefafst, fällt in 
breiter Masse über Nacken und Bücken hinunter. Das Ganze 
giebt uns eine Vorstellung von dem „virginalis habitus et 
vestitus", welchen Cicero an der polykletischen Kanepbore im 
Hause des Heius rühmt. 

Eine wohl erhaltene metrische Inschrift belehrt uns über 
die Persönlichkeit der anmuthigen Jungfrau und den Zweck 



XIII. Die Kanephore von Pästum 291 

der Darstellung. Auf der Vorderseite steht in gröfseren Buch- 
staben Tai/c'cra linksläuhg und in gleicher Kichtung auf dem 
schmaleren Raum der andern drei Seiten <Pulco XaQf.ivUöa 
ösAccTCiv; die letzten Buchstaben stehen auf dem Rande der 
Volute. Die Inschrift siehe jetzt bei Kaibel, Inscr. Ital. n. 664. 

Hier haben wir also das erste sichere Beispiel einer solchen 
Widmung. Es ist nur zufällig ein Unicum. und wenn wir an- 
nehmen müssen, dafs es in den alten Heiligthümern ganze 
Reihen solcher Weihefiguren gab, so wirft dies auch auf attische 
Religionsgebräuche ein erwünschtes Licht. Lasen wir nämlich 
in dem Volksbeschlufs zu Ehren des Lykurgos bis dahin mit 
einem gewissen Befremden, -dafs derselbe für hundert Kane- 
phoren den Goldschmuck herstellen liefs, so begreift sich jetzt 
leicht, wie eine solche Galerie von Tempeljungfrauen zusammen 
kommen konnte, welche bis auf die Verwaltungszeit des kunst- 
sinnigen Staatsmannes ihres vollen Schmucks warteten. 

Wenn uns attische Kanephoren geschildert werden , so 
wird aufser dem strengen Amtsgesicht, das sie machen müssen, 
und den bemalten Wangen der Mädchen als charakteristisch 
besonders der Goldschmuck hervorgehoben.^) Sie trugen zum 
Theil goldene Schalen in den Händen ; gemeinsam aber war 
allen das mit Goldblättchen besetzte Gewand und der gold- 
geschmückte Korb. Der Korb war als Behälter der Opfer- 
spenden das eigentlich Heilige und wurde darum besonders 
ausgezeichnet. Wie der von Moschos beschriebene Blumenkorb 
der Europa mit bindenartigen Goldstreifen verziert war, welche 
mythologische Scenen im Relief enthielten,^) so werden wir uns 
auch in ähnlicher Weise die von den Kanephoren getragenen 
mit Gold umwunden denken, und das, was Lykurgos nachträg- 
lich ausführen liefs, war vermuthlich dieser zum Festschmuck 
gehörige Goldbesatz. 

Durch unsere Statuette ist die Breite dieser Körbe sowie 
der Neigungswinkel der Wände mit voller Sicherheit gegeben. 
Um mit Gold bekleidet zu werden, war Holz das beste Material^ 
und dafs wir auch diesen Korb aus feinem Holz gebildet zu 
denken haben, darauf führt die Haltung der Finger ; denn der 

^) ßlsTTovau if'vfifi^ofuyor Arist. Ach. 254. — h'ier^itufiefti Eccl. 730. 
— Lysistr. 1190 mit dem Scholion: x(^vaofo^oiai yuQ al y.uvrjfÖQoi. — 
Vgl. Schol. zu V. 646: efooovr Öi xitl lonuöu^ Tii'Uä {rcrh'^) dloxovaovs. 

-) Siehe oben IS. 254. 

19* 



292 XIII. Die Kanephore von Pästum. 

Daumen war darauf berechnet in eine Höhlung hinein zu fassen, 
um des Geräthes um so sicherer zu sein. 

EndHch lehrt uns auch die kleine Statuette, dafs mit dem 
Ehrenamt der Kanephorie gewisse Einkünfte verbunden ge- 
wesen sein müssen ; denn jeder Zehnte setzt doch einen Ge- 
winn voraus, von dem er abgehoben wird.') Auf einen grofsen 
Ertrag wird die Statuette nicht schliefsen lassen, doch fehlt 
der Korb, den wir uns vergoldet denken, und die Säule 
von Marmor. An der Unterseite des Kapitells ist ein langer 
Dorn erhalten, der auf Stein berechnet gewesen zu sein 
scheint. 

Sehen wir auf das Motiv der Weihung, so erscheint unserer 
Statuette am nächsten verwandt das Erzbeil von Santa Agata, 
welches nach der von Dittenberger (Hermes XIII 391) er- 
klärten Inschrift von einem als Opferschlächter dienstthuenden 
Tempelbeamten der Hera als Zehnter geweiht worden ist,-) 
Hier werden wir auch an einen im Tempeldienst gemachten 
Gewinn zu denken haben. 

Ueber die Aufstellung der Weihgeschenke haben wir in 
letzter Zeit mancherlei Belehrung gewonnen. Wir unter- 
scheiden gewöhnliche Postamente (ßäoeig, ßä^^a) und Unter- 
sätze von hervorragender Höhe, wofür die griechischen Aus- 
drücke {yiioveg, gtüIol, arfjlaL) keine sichere Anschauung geben. 
Früher dachte man bei movsg immer an Rund säulen. Die 
Nikesäule hat sich als ein dreiseitiger Pfeiler erwiesen ; ein 
viereckiger Marmorpfeiler sollte in Delphi das stolze Bild des 
Königs Perseus tragen, an dessen Stelle sein Besieger Aemilius 
Paulus trat. Auf Pilastern und Säulen waren nach Reliefs 
und Vasenbildern-') Statuen des Apollon in seinem Temenos 
aufgestellt. 

Besonders gebräuchlich war es, die der Gottheit heiligen 
Thiere in dieser Weise aufzustellen, wie die Adler des Zeus 
und Pan auf der Höhe des L} keion, die einer Zeit angehören, 
da noch keinerlei Bilder der Gottheiten vorhanden waren.*) 
Es waren die Wappen der unsichtbaren Götter, so wie man 



') Vgl. i^at(jeir Tr]v Öey.urijv züJr tTTiy.efiÖicjr uiui ähnliche Ausdrücke. 
2) Hermes XIII S. 392. 
••»j Annali dell' Inst. 1878 p. 64. 

*; Pausanias VIII 38. Welzel, de Jove et Pane diis Arcad. Bresl. 
J«79 p. 38, 



XIII. Die Kanephore von Pästum. 293 

die Reichs- imd Stadtwappen aufstellt, um einen Herrschafts- 
bezirk symbolisch anzudeuten. Eulen und Bären waren, in 
Stein gehauen, zu Ehren attischer Burggöttinnen aufgestellt.-') 
Als Kampfsymbole kennen wir so die Hähne, die Preisgefäfse, 
die Victorien zu beiden Seiten der Äthena. als Grabsymbole 
die Sirenen, wie eine, sieben Ellen hoch, die über das Vier- 
fache hohe Säule auf des Isokrates Grabe krönte. Unsere 
Kanephore lehrt uns nun, wie auch die aus dem Cultus her- 
vorgehenden, die Personen von Tempeldienern darstellenden 
Weihgeschenke als Säulenbilder behandelt wurden. 

Die ionischen Voluten waren seit alter Zeit besonders be- 
liebt, um bei einem Aufbau den Kopf der tragenden Glieder 
zu charakterisiren, wie z. B. an den Sesseln, auf denen die 
Gottheiten des lykischen Grabthurms sitzen. In Dodona ist 
eine Reihe ionischer Kapitelle gefunden worden, deren ursprüng- 
liche Benutzung durch unsere Statuette aufgeklärt wird. 

Wenn es sich um ein attisches Kunstwerk handelte, so 
würde eine so vollständige Inschrift, wie sie hier vorliegt, mit 
annähernder Sicherheit eine genaue Zeitbestimmung gestatten. 
Die älteren Schriftdenkmäler der achäischen Colonien in Grofs- 
griechenland sind aber so spärlich, dafs hier ein Gleiches un- 
möglich ist. Das Epigramm der Phillo ist jünger als die 
Bustrophedoninschrift auf dem pästanischen Goldplättchen (C. I. 
Gr. 5778), älter als die petelische Bronzetafel mit dem Testa- 
mente der Saotis (C. I. Gr. 4), als die Beilinschrift aus Santa 
Agata (Röhl 543), die Gefäfsinschrift aus Salerno (Bull. Xap. IV 
164) und der Helm von Pästum (C. I. Gr. 5778b); denn diese 
Inschriften sind sämmtlich rechtsläutig. Das geradstrichige 
Iota, von dem hier noch keine Spur vorhanden ist, kommt auf 
Münzen von Pästum seit der ersten Hälfte des fünften Jahr- 
hunderts vor.-) Ich glaube also, dafs unsere Bronze mit ihrer 
linksläufigen Inschrift wenigstens bis an die Schwelle des ge- 
nannten Jahrhunderts, also in den Anfang der siebziger Olym- 
piaden hinaufgerückt werden mufs. 

Als Kunstwerk betrachtet ist die Figur eine ausgezeichnete 
Probe des alten Tempelstils, welcher uns in wohlerhaltenen 
Rundwerken so selten entgegentritt. Hier ist, wie die Inschrift 



») Rofs, Archäol. Aufsätze 1 201. 

2) V. Sallet, Numism. Zeitschrift V 227. 



294 XIII. Die Kanephore von Pästum. 

bezeugt, die man doch gewifs nicht als eine archaisirende an- 
sehen wird, Alles echt und ursprünglicli. Es ist ein Stil, 
welcher nichts Absichtliches oder Gezwungenes zeigt; es ist 
der wahre Ausdruck des religiösen Gefühls, aus welchem die 
Widmung hervorgegangen ist. Das Werk zeigt eine in ihrer 
Gebundenheit vollendete Kunst, ohne eine Spur von Rohheit 
oder Ungeschick, schlicht und einfach, von ethischer Wärme 
durchdrungen, wohl durchdacht in dem rhythmischen Gegen- 
satze der beiden Seiten, voll Harmonie in der Gesammt- 
erscheinung und im Einzelnen auf das Feinste durchgeführt; 
es ist ein unschätzbares Zeugnifs dafür, wie man um 500 v. 
Chr. im griechischen Unteritalien bildete. Damals blühte dort 
die Schule des Pythagoras von Rhegion, den wir aus einer 
olympischen Inschrift als einen von Samos Zugewanderten 
kennen.') Wenn wir nun in unserm Bildwerke eines der ältesten 
Denkmäler der ionischen Säule vor Augen haben, wenn wir 
ferner in der ganzen Haltung und Bekleidung einen Charakter 
erkennen, welcher dem ionisch-attischen nahe verwandt ist, so 
wird vielleicht die Vermuthung nicht zu kühn erscheinen, dafs, 
wie wir im vorigen Jahre die erste Inschrift des Meisters ge- 
funden haben, der Italien und lonien in fruchtbare Verbindung 
gesetzt hat, so dies eines der ersten Denkmäler sei, welches 
der Schule des in Grofsgriechenland tonangebenden Bildhauers 
angehört. 

Stammt die Statuette wirklich aus Pästum, wo Herr Semper 
sie erworben hat, so bezeugt sie, dafs auch hier neben Poseidon 
Athene herrschte. Siclier ist, dafs der pästanische Poseidon 
so gut wie der attische eine Salzquelle hatte ; denn der Abflufs 
der Tempelquelle heilst noch heute il salso. 



1) Archäol. Zeitung XXXVI S. «2. 



XIV. 

lieber die Dariusvase. 



Ein Gefäfsbild von so aufserordentlicher Art, wie das der 
Dareiosvase, wird sich nicht auf einmal in allen seinen Be- 
ziehungen klar machen lassen. Der Reiz, ein volles Verständnifs 
zu erreichen, ist aber um so gröfser, je deutlicher uns hier eine 
völlig durchdachte, künstlerische Composition vorliegt. Darum 
ist auch mit Sicherheit anzunehmen, dafs nicht im Allgemeinen 
der Krieg zwischen Asien und Hellas dargestellt sei, sondern 
ein bestimmter und ein wichtiger Zeitpunkt dieses Kriegs. 
Dazu nöthigt ja auch augenscheinlich der beigeschriebene Name 
des Perserkönigs. Es kommt also darauf an, aus den Regie- 
rungsjahren des Dareios die Situation nachzuweisen, welche dem 
Künstler vorgeschwebt hat und welche namentlich in der Mittel- 
reihe des Hauptbildes dargestellt werden soll. Man könnte 
daran denken, dafs hier die Meldung vom Mifslingen des ersten 
oder zweiten Zuges vor den König gelange. Indessen ist nicht 
wahrscheinlich, dafs hier nur ein Bericht entgegengenommen 
werde. Denn dann würde erstens der Eindruck desselben deut- 
licher hervorgehoben sein, und dann ist von einem Künstler, der 
einer solchen Composition fähig ist, vorauszusetzen, dafs er einen 
bedeutungsvolleren Moment ausgewählt habe, um ihn in die 
Mitte des ganzen Bildes zu stellen. Denn die Anhörung eines 
solchen Berichts wäre der Sache nach ja nur eine abgeschwächte 
Wiederholung dessen, was in ungleich ausdrucksvollerer Weise 
die oberste Reihe darstellt. Endlich spricht ja auch das 
Postament des Redners mit Berücksichtigung des von Aelian 
überlieferten Perserbrauches, so wie die ganze Haltung des 
königlichen Raths dafür, dafs wir hier eine Verhandlung in Be- 
treff eines gegen Hellas zu eröffnenden Angriffskriegs voraussetzen 



296 XIV. Ueber die Dariusvase. 

müssen. So hat ja auch "Welcker die dargestellte Scene erklärt. 
Es fragt sich nur, ob nicht die Situation noch bestimmter auf- 
gefafst werden kann und mufs. 

Dreimal hat Dareios Krieg gegen Hellas beschlossen, das 
dritte Mal ist er aber vor Vollendung seiner Rüstungen ge- 
storben. Es wäre also unpassend gewesen, den Beschlufs eines 
Kriegs, dessen Ausführung seinem Nachfolger überlassen 
blieb und nach mancherlei Zwischenfällen erst vier Jahre nach 
seinem Tode zu Stande kam, zum Gegenstande einer Dar- 
stellung zu machen, deren Mittelpunkt Dareios ist. Auch 
war es durchaus angemessen, die Persermacht auf diesem Bilde 
in ihrer ungebrochenen Kraft darzustellen, wie sie vor der 
Niederlage bei Marathon den Griechen gegenüberstand und 
alles Insel- und Küstenland mit Schrecken erfüllte, die Zeit 
der blühenden Reichsmacht, wie sie in den Chören von Aeschylus 
Persern an den Namen des Dareios geknüpft wird. Es kann 
also nur der erste Kriegsbeschlufs, welcher die Aussendung des 
Mardonios zur Folge hatte, oder der zweite, gegen Eretria und 
Athen gerichtete, gemeint sein. Ehe wir uns in dieser Be- 
ziehung entscheiden, müssen wir uns die Zeitverhältnisse an- 
schaulicher machen, um uns von dem, was damals im Perser- 
reiche vorging, und von den Parteiungen, welche die Grofsen 
des Reichs bewegten, eine Vorstellung zu verschaffen. 

So vollständig auch das ionische Küstenland nach dem 
Falle von Milet dem Grofskönige unterworfen worden war, so 
war man dennoch in Susa mit dem Erfolge nicht zufrieden. Es 
war zu langsam gegangen und für die grofsen Mittel zu wenig 
erreicht. Die Entsetzung aller oberen Befehlshaber in den 
Seeprovinzen (Herod. VI, 43) zeugt von der Stimmung des 
Grofskönigs ; die Ungnade desselben traf besonders seinen 
Bruder Artaphernes, der bis dahin die ionischen Angelegen- 
heiten in seiner Hand gehabt hatte. Es war eine Demüthigung 
dieses erfahrenen Staats- und Kriegsmanns, als Dareios den 
jugendlichen Sohn seines Schwagers Gobryas, den eben mit 
seiner Tochter vermählten Mardonios mit unbeschränkten Voll- 
machten an die Spitze seiner Land- und Seemacht stellte und 
sich von seiner feurigen Thatkraft glänzende Erfolge versprach. 
Wie Mardonios an der Küste loniens hinauffuhr, liefs er sich 
trotz der Ungeduld, mit welcher er dem Schauplätze seines 
Ruhmes zueilte, so viel Zeit, um daselbst die wohlbedachten 



XIV. Ueber die Dariusvase. 297 

Anordnungen des Artaphernes umzustürzen. Die Steuerbezirke 
freilich liefs er bestehen, aber die Vertrauensmänner, denen 
Artaphernes das Eegiment in den einzelnen Städten übergeben 
hatte, wurden ohne Weiteres entfernt und den Volksversamm- 
lungen die Gemeindeangelegenheiten zurückgegeben. Es war 
nicht allein jugendliche Neuerungssucht und eine Lust am 
Widerspruche, sondern gewifs auch ein Streben nach Popularität 
in den Seeprovinzen. Er wollte sich dem engherzigen Griechen- 
hasse der älteren Ratbgeber des Königs gegenüber als ein 
Staatsmann von freierem Urtheile und weiterem Blicke zeigen. 
Er führte auf seinen Feldzügen hellenische Opferschauer bei 
sich. TJeberhaupt ist ja nicht zu verkennen, dafs seit dem 
Regierungsantritte der Achämeniden durch die Berührung mit 
den Griechen vielerlei politische Ideen im Perserreiche Eingang 
gefunden hatten, welche bis dahin, unerhört gewesen waren. 
Das hatte sich schon nach der Magiertödtung bei den Be- 
rathungen der persischen Grofsen gezeigt, und Herodot setzt 
ausdrücklich die liberalen Staatsideen des Otanes mit den 
demokratischen Neuerungen des Mardonios in Zusammenhang 
(VI, 43). 

Deutlicher können wir die Verschiedenheit in der Auf- 
fassung des Krieges erkennen, welche zwischen den beiden 
Parteien am Perserhofe herrschte. Mardonios wollte von 
Züchtigung einzelner Städte, von Rückführung der Pisistratiden 
allein nichts wissen. Er hatte nur das ganze Westland, ganz 
Europa im Auge. Von Thrakien aus die alten Eroberungen 
fortzusetzen, welche beim Skythenzuge begonnen waren, das schien 
ihm die einzige der Achämeniden würdige Politik, welche ihm 
zugleich einen genügenden Schauplatz für seinen Ehrgeiz er- 
öffnete. Die andere Partei dagegen, deren Hauptstütze Arta- 
phernes war, erklärte es für eine Thorheit, mit den wilden 
Stämmen des nordgriechischen Berglandes Fehde anzufangen, 
welche den Persern nichts zu Leide gethan hätten. Sie wollte 
den weiteren Kampf nur als Fortsetzung des ionischen Kriegs 
betrachtet wissen, die griechischen Staaten züchtigen, welche 
durch frevelhaften Antheil an demselben die Rache der Perser 
herausgefordert hätten, die wiederholt verlangte Aufnahme der 
Pisistratiden erzwingen und den Steuerbezirken loniens eine 
Gemeinde nach der andern einverleiben. Das waren die beiden 
Kriegspläne, welche vorlagen, und je nachdem die eine oder 



298 XIV. üeber die Dariusvase. 

die andere Partei die Oberhand Latte, wurde unter den Re- 
gierungen des Dareios und seines Nachfolgers der eine oder der 
andere Kriegsplan in Ausführung gebracht. 

Wenn sich so die Grofsen des Reichs in der Auffassung 
des hellenischen Kriegs schroff gegenüberstanden, so können 
wir bei einer künstlerischen Darstellung, welche uns das Conseil 
des Dareios in Berathung des Kriegs und zwar in lebhafter, 
nach zwei Seiten auseinandergehender Discussion vor Augen 
führt, nichts Anderes voraussetzen, als dafs es eben jene ver- 
schiedenen Kriegsansichten und KriegsiDläne sind, welche zur 
Entscheidung dem Grofskönige vorgelegt werden. Dann müssen 
wir aber auch annehmen, dafs die Hauptvertreter der ver- 
schiedenen Ansichten persönlich anwesend sind, ihre Meinung 
zu vertreten. 

Wir müssen uns die auf dem mittleren Streifen dargestellte 
Versammlung im Halbkreise sitzend denken, zwei Räthe zur 
Rechten, zwei zur Linken des Grofskönigs ; der Redner steht 
ihm gegenüber. Rechts vom Könige steht eine edle jugend- 
liche Gestalt mit Schwert und Lanze. Bei einer so kleinen 
Anzahl von Personen ist nicht vorauszusetzen, dafs solche, die 
bei der Handlung garnicht betheiligt sind, wie etwa ein könig- 
licher Leibwächter, in voller Gestalt zur Seite des Königs 
dargestellt seien. Es ist, wie Welcker annahm, der Oberfeld- 
herr. Beim zweiten Zuge (490) waren zwei Oberfeldherrn und 
unter ihnen Datis, ein älterer Mann, der Erste. Es kann also 
nur der Feldherr des ersten Zugs gemeint sein, Mardonios, des 
Gobryas Sohn, Keine Gestalt war den Griechen bekannter 
und wichtiger ; seine grofse Jugendlichkeit, welche den Stolz 
der zurückgesetzten Gegner besonders verletzte, ist in der Figur 
sehr deutlich ausgedrückt. Der Redende ist sein Gegner, Arta- 
phernes, mit welchem die Griechen, und namentlich die Athener, 
welche ihm schon einmal durch ihre Gesandten Unterwerfung 
versprochen (Her. V 73) und ihn dann in seiner Burg zu 
Sardes belagert hatten, von Anfang der Verwickelungen an am 
meisten zu thun hatten, ihr Hauptfeind im persischen Lager. 
Welche Figur könnte passender auf dem vorliegenden Bilde 
als wortführender Rath des Grofskönigs dargestellt sein? Die 
dritte der stehenden Figuren begleitet, lebhaft vorgebeugt, des 
Artaphernes Rede mit ihren Gebärden, als wollte sie an- 
schaulich machen, dafs Alles, was Jener sage, ihr aus dem 



XIV. Ueber die Dariusvase. 299 

Herzen komme. Es ist ein betagter Mann in griechischem 
Gewände, durch den Stab, auf welchen er sich stützt, als 
ly.fT)]g bezeichnet; es ist der Schützling des Artaphernes. das 
Orakel desselben in den griechischen Angelegenheiten, der den 
verhafsten Athenern vorbehaltene Zuchtmeister — Hippias. 
Mardonios. Artaphernes und Hippias sind in der That die drei 
thätigsten und einHufsreichsten Personen bei der ganzen kriege- 
rischen Verwickelung, die drei Hauptanstifter und Agonisten 
des Dramas, daher als stehende und handelnde Personen vor 
den Uebrigen ausgezeichnet. Artapliernes als dem Bruder des 
Königs dürfte die aufrechtstehende Spitzmütze {yJdaQiq) wohl 
zustehen ; der Wanderstab bezeichnet den von Sardes Ange- 
kommenen und die Inschrift des Postaments den Zielpunkt 
seiner Wanderung und Schauplatz der ganzen Handlung ; denn 
IJeoaai bedeutet den Mittelpunkt des Reichs, den Sitz der 
Regierung. So ward das Wort (lg IJiQoag, Iv n€^Of]oi) von der 
ältesten Perser-Residenz (Parsakarta) bei Ktesias und Herodot 
gebraucht; so konnte es auch von den späteren Residenzen 
der Achämeniden gebraucht werden. 

Bleiben wir einstweilen bei den genannten Figuren stehen, 
so kann noch immer ein zwiefacher Zeitpunkt der Verhand- 
lung dargestellt sein: entweder die Zeit unmittelbar vor dem 
ersten Zuge, wo Mardonios, der eben mit der Tochter des 
Grofskönigs vermählt war, in jugendlichem Elirgeize als glück- 
licher Bewerber um die Oberfeldherrnwürde dem Artaphernes 
gegenübertrat, oder die Zeit vor dem zweiten Zuge. Im ersteren 
Falle würde die Eröffnung der ganzen Befehdung des jenseitigen 
Festlands, die erste Aussendung der fackeltragenden Kriegs- 
göttin von Asien nach Europa dargestellt sein. Indessen spricht 
dagegen zunächst der Umstand, dafs der erste Zug ganz Hellas 
und namentlich Athen zu wenig berührte, und zweitens sieht 
Mardonios auf unserm Bilde, so weit die vorliegende Skizze 
darüber ein llrtheil gestattet, nicht aus wie der im Rathe 
siegende und im Besitze des königlichen Vertrauens voll 
Zuversicht an sein Werk gehende Feldherr. Viel wahrschein- 
licher ist es, dafs er von seinem verunglückten Zuge, nach 
Verlust der grofsen Kriegsflotte, nach Susa heimgekehrt ist 
und nun bei erneuerter Berathung Artaphernes, durch des 
Gegners Unglück ermuthigt, um so zuversichtlicher auftritt. 
Dieser kann jetzt geltend machen, dafs alles Unglück, das er 



300 XIV. lieber die Dariusvase. 

vorhergesagt, eingetroffen sei und dafs man nun wohl endlich 
auf seine Kriegspläne einzugehen geneigt sein werde. Dann 
ist in der That die dargestellte Scene so klar und so inhalts- 
reich wie möglich : die beschämte Heimkehr des Mardonios 
und die unmittelbar darauf erfolgte Annahme des von 
Artaphernes vertretenen Kriegsplans, welcher, auf Athen 
gemünzt, wie der bei weitem verständigere, so auch der un- 
gleich gefahrlosere war, und welcher ferner, indem er das 
ganze unabhängige Griechenland in zwei Heerlager spaltete, 
Athen nöthigte zu seiner eigenen Rettung an die Spitze der 
nationalen Partei in Hellas zu treten. Es war also die Ent- 
scheidung im königlichen Kriegsrathe, welche alle folgenden 
Entwickelungen zur unmittelbaren und nothwendigen Folge 
hatte. — 

An diesen Moment schliefst sich vortrefflich an, was im 
oberen und im unteren Bilde dargestellt ist. Unten die See- 
provinzen, die Artaphernes in Beziehung auf Finanzen und 
Verwaltung geordnet hatte unter Beirath des Hekataios, 
welcher seinen unterworfenen Landsleuten bei den Persern 
ähnliche Dienste leistete, wie später Polybios seinen Lands- 
leuten, als die Eömer ilir Regiment in Achaja einrichteten. Der 
Steuereinnehmer scheint selbst ein Mann ionischer Herkunft zu 
sein. Den tributzahlenden Gemeinden folgen die zur Tribut- 
zahlung sich demüthig bereit erklärenden ; die fliegenden Ge- 
wänder bezeichnen die Eile, mit welcher auch die ferneren 
Städte ihre Unterwerfung vollziehen ; das Costüm erweist sie 
alle als schon zum orientalischen Reiche gehörig. Die obere 
Reihe dagegen macht uns anschaulich, dafs nun erst mit 
dem Siege der artaphernischen Partei der Krieg mitten in 
Hellas hineingetragen werde und die Angst und Verzagtheit, 
wie sie die Figur der Hellas ausdrückt, und zugleich das Be- 
dürfnifs eines unmittelbaren Götterschutzes jetzt recht an der 
Zeit sei. 

Endlich ist zu bemerken, dafs die Rathsversammlung selbst 
in zwei Parteien gespalten zu sein scheint. Zwei Mitglieder 
begleiten die Rede des Artaphernes mit lebhafter Gebärde, die 
beiden andern scheinen sich still zu verhalten, wie Mardonios 
selbst. Und dabei zeigt sich der seltsame und sicher nicht 
zufällige Umstand, dafs die beiden letzteren den Oberkörper 
ganz entblöfst haben. Entblöfst gesehen zu werden war, wie 



XIV. Ueber die Dariusvase. 301 

Herodot I 10 bezeugt, die gröfste Schande bei den Barbaren. 
Aufserdem ist bekannt, dafs unglückliche Rathschläge bei den 
Beamten des Grofskönigs mit Geif seihieben bestraft wurden. 
Soll nun nicht etwa der nackte Oberleib diejenigen bezeich- 
nen, welche, wenn sie auch Sitz und Stimme im Staats- 
rathe behalten, dennoch ihrer üblen Vorschläge wegen als 
solche erscheinen, die Strafe verdient haben ? Indem ich, wie 
natürlich, dies nur als Vermuthung ausspreche, erlaube ich mir 
daran die andere Vermuthung anzureihen, dafs, wenn wir die 
Parteigenossen des Mardonios im Eathe benennen wollen, die 
passendsten Namen Gobryas und Otanes sein werden. Dafs 
Gobryas die aufserordentliche Stellung, die -er beim Dareios 
hatte, als dessen treuster Genosse im Magierkampfe (Herodot 
III 78), als Schwager und Schwiegervater des Königs, benutzt 
hatte, seinem Sohne eine frühe und glänzende Heldenlaufbahn 
zu eröffnen, ist um so wahrscheinlicher, als gleich nach dem 
Sturze des Mardonios der Bruder des Königs Artaphernes 
seinen Sohn in die Feldherrnstelle brachte ; dafs aber Otanes, 
der persische Hofdemokrat, mit der Partei des Mardonios 
zusammenhing, scheint mir aus den Andeutungen, welche Herodot 
(VI 43) bei Gelegenheit der demokratischen Neuerungen des 
Mardonios in den ionischen Städten macht, deutlich hervor- 
zugehen. 

Zu dem, was ich über die dem Mittelbilde zu Grunde 
liegenden historischen Motive bemerkt habe, füge ich in Be- 
ziehung auf die Gruppen der oberen Reihe noch einige An- 
deutungen. 

Ueber das Götterbild, welches hier zur Rechten die Dar- 
stellung abschliefst, wird nur nach Vorlage einer gröfseren 
Zeichnung ein sicheres Urtheil gefällt werden können. Einst- 
weilen aber scheint es mir bedenklicii, die Hermenform im 
Gegensatze zu den Letoiden als i^Lndeutung einer auf älterer 
Entwickelungsstufe zurückgebliebenen Kunst anzusehen (Arch. 
Zeit. 1857 S. 52). Denn die Hermenbildung ist doch etwas 
so entschieden Attisches, dafs sie nicht leicht als Symbol des 
Ungriechischen gelten kann, und dann erscheinen ja auf der 
anderen Seite die Letoiden nicht als Bilder, sondern als lebendige 
Persönlichkeiten. Darum scheint es mir angemessener, die 
Hernie als Grenzmal aufzufassen. Es ist bekannt, wie gerne die 
Griechen Bezirke und ganze Landgebiete durch Hermen sonderten 



3(32 XIV. lieber die Dariusvase. 

oder gesondert dachten. Asia also wird gleichsam vor der 
Schwelle ihres Hauses sitzend zu denken sein, um von hier aus 
die nach der Politik der Achämeniden (Her. VII 8) zu Asien 
gehörigen Westländer mit einem Eroberungskriege zu überziehen. 

Auf dem anderen Ende ist Artemis durch Hirsch, Hund, 
Bogen und Stiefel deutlich als Jagdgöttin gezeichnet. So 
wurde sie in Agrai verehrt. Der Artemis Agrotera waren in 
Marathon die grofsen Ziegenhekatomben gelobt worden, und am 
sechsten Boedromion, ihrem Festtage in Agrai, wurde jährlich 
das marathonische Siegesfest gefeiert (Böckh, Mondeyclen S. 67). 
Ihr Vorkommen auf diesem Bilde kann also kein zufälliges sein. 
Neben Artemis wurde in Agrai Apollon verehrt, der siegver- 
leihende Gott der attischen lonier, der ßnaiyäoc. oder ßot^dfjo^iiog. 
Von ihm hiefs der Monat, in welchen die Siegesfeier und später 
ungenau der Sieg selbst gesetzt wurde. Bei Marathon im Laufe 
den Angriff gewagt zu haben nach Vorbild ihres Apollon 
jiioi-dQÖiiioc: war der unvergängliche Ruhm der Atliener. (Vgl. 
Welcker, Götterlelire 1 S. 535.) Freilich erscheint Apollon auf 
unserem Bilde als friedlicher Gott in heiterer Mufse; aber die 
am Boden liegenden Waffen (die von der unteren Gruppe 
deutlich abgetrennt sind) deuten auf den Siegverleiher. Es ist 
der Gott nach dem Siege, der (TOtt der Festfreude. — Darum 
steht SO schön neben ihm Nike, welche von Zeus, dem Soter 
und Nikephoros, auf die geängstete Hellas zuschreitet. So zer- 
fällt die obere Reihe nach einer in der alten Kunst so häufig 
wiederkehrenden Gliederung (vgl. Brunn, Ueber den Parallelis- 
mus u. s. w, Rhein. Mus. 1847 S. 323) in drei Gruppen, welche 
anmuthig unter einander verbunden und doch deutlich unter- 
schieden sind : rechts der Anfang der Kriegsnoth, in der Mitte 
der göttliche Zuspruch, links Sieg und Festfreude. 

Besonders merkwürdig wird das ganze Bild durch die Ver- 
bindung des Sinnlichen und Uebersinnlichen, des Mytliischen 
und Historischen. Befremden kann dieselbe nicht. Denn es 
geht ja dieselbe Anschauung durch das ganze Geschichtswerk, 
das von den Perserkriegen handelt, und wie vor dem Auge 
Herodots, so schwebt auch hier über dem Unternehmen des 
Grolskönigs die Macht der Götter, welche sich im Grofsen und 
Kleinen offenbart. Historiker und Dichter haben das Ihre 
gethan, um dem darstellenden Künstler den Stoff vorzubereiten, 
und von den Dichtern war es wohl vorzugsweise Simonides, der 



XIV. Ueber die Dariusvase. 3Q3 

Sänger der Freiheitskriege ; er, der nicht blofs in einzelnen 
Epigrammen und Liedern die Thaten der Hellenen feierte, 
sondern, nach erhaltenen Ueberschriften seiner Gedichte, wie 
?; KaiißiGov /.cd Jccq&iov ßaoi'/Ma (Suidas), die griechisch-per- 
sischen Fehden auch in gröfserem Zusammenhange und nach 
innerer Verknüpfung dargestellt hat. Nach solchen Vorgängen 
konnte um so leichter auch die zeichnende Kunst sich des 
Stoffes bemächtigen, und die Dareiosvase in ihrer grofsartigen 
trilogischen Composition ist gerade deshalb ein so unvergleich- 
licher Zuwachs unserer Denkmälerkenntnifs, weil sie uns eine 
Anschauung davon giebt, wie die griechische Kunst historische 
Gegenstände von nationaler Bedeutung in grofsem und ernstem 
Stile zu behandeln wufste. 



XV. 

Die Giebelgruppen des Zeustenipels in Olympia 

und die rotlifigurigen Vasen. 
(Hierzu Tafel VII.) 



Es ist erfreulich, dafs von mehreren Seiten ernsthaftere 
Versuche gemacht werden, den Giebelwerken des Zeustempels 
ihre Stelle in der Kunstgeschichte zu geben, und je verschie- 
dener die Wege sind, die man einschlägt, um so mehr ist zu 
hoffen, dafs allmählich eine Lösung des Problems erfolge, von 
der niemand mehr zweifelt, dafs sie für die Kunstgeschichte 
des fünften Jahrhunderts von durchgreifender Bedeutung sei. 

Meine Aufgabe war es, das Material für eine wissenschaft- 
liche Behandlung vorzubereiten; denn Werke, die bestimmt 
waren als ein grofses Ganze zu wirken, können nur im Zu- 
sammenhang beurtheilt werden. Nachdem ich also den Ost- 
giebel in der nach meiner Ueberzeugung richtigen Weise ver- 
öffentlicht und für Vervielfältigung der Giebelmodelle Sorge 
getragen hatte, versuchte ich die während der mehrjährigen 
Wiederherstellungsarbeit gemachten Beobachtungen zusammen- 
zustellen, um der kunstgeschichtlichen Würdigung eine festere 
Basis zu schaffen (Sitzungsbericht der k. Akademie der 
Wissensch. 1.S83 S. 115). 

Vier Punkte waren es, welche einer besonderen Beachtung 
würdig erschienen. Erstens das Gesetz der Responsion, wie es 
hier an Werken der klassischen Zeit genauer als bisher 
beobachtet werden konnte, und zwar sowohl das Gesetz strenger 
Entsprechung, welches in beiden Giebelfeldern herrscht, als 
auch die Lockerung des Princips durch ein Streben nach Frei- 
heit, welche das starre Gesetz durchbricht, ohne es aufzuheben. 



XV. Giebelgruppen von Olympia. 305' 

Zweitens die besonderen Bedingungen der Giebelplastik und die 
auf tiefe Unteransicht berechneten Stilformen in der Haltung 
des Kopfes, in der verschiedenen Behandlung zweier Kopfseiten, 
in der flachen Bearbeitung des Unterleibes, in der Fufsstellung, 
Armhebung u. s. w. Drittens wurde auf die Uebereinstimmung 
der plastischen Motive mit gleichzeitigen Werken der Malerei 
hingewiesen, und viertens auf die Ungleichartigkeit des Stils, 
welche theils aus der Verschiedenheit der ausführenden Künstler, 
theils aus der gährenden Entwickelung der Kunst während der 
ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts zu erklären ist. 

Zum dritten Punkte habe ich weitere Nachweisungen ver- 
sprochen, um die Uebereinstimmung der Griebelbildwerke mit 
rothfigurigen Vasenmalereien zu zeigen. Dazu scheinen mir 
zwei Vasenbruchstücke aus dem Berliner Museum (abgebildet 
auf Tafel ■ VII) besonders geeignet, welche Scenen aus dem 
Kentaurenkampf darstellen. 

In dem einem Bruchstück sehen wir einen Mann mitten 
im Kampfgetümmel ruhig einherschreiten ; er ist durch ein 
buntgesticktes Prachtgewand ausgezeichnet, dem Dionysos auf 
der attischen Vase, die in der Archäologischen Zeitung XXXI 
T. 14 veröffentlicht ist, auffallend ähnlich. Er erscheint als ein 
Mann mit dunklem Haar und bartlos; doch erkennt man noch 
am Kinn die Flocken des Bartes, welcher mit weifser Farbe 
aufgetragen war, die avd^ea yr^gaog, wie Erinna sagt; er war 
ein rjvO-iajiifvog gleich dem greisen Pädagogen in Sophokles' 
Elektra; ebenso war einst auch der Kopf mit AVeifs über- 
zogen.^) Die Kennzeichen des Greisenalters waren ihm wie 
eine Verkleidung hinzugefügt. Man wird in dieser würdevollen 
Gestalt den Vater der Braut, bei deren Hochzeit der Streit 
sich entspann, König Atrax, zu erkennen haben. Rechts und 
links von ihm ist der Kampf in vollem Gange. Zur Rechten 
sieht man das Bein eines lebhaft vorschreitenden Lapithen, von 
dem noch ein spitzer Ellenbogen sichtbar ist. Bei dem Kampfe, 
in welchem er begriffen ist, scheint ein langes, stangenartiges 
Metallgeräth als AVaffe gedient zu haben, von dem man ein 
Stück quer vor der Brust des Königs in horizontaler Lage 
sieht. Links ist der in gleicher Ausfallstellung vorschreitende 



^) Ich verdanke den Nachweis dieser fast ganz verschwundenen Spur 
A. Furtwängler. 

Curtlug, Gesammelte Abhandlungen. Bd. II. 20 



306 -^^* Giebelgruppen von Olympia. 

Jüngling fast vollkommen erhalten. Der Kranz im Haar ver- 
räth den beim Festschmaus plötzlich entflammten Kampf. Mit 
hoch gehobenen Armen schwingt er das Opferbeil wider seinen 
Gegner, während ein anderer Kentaur, dessen Schweif nebst 
einem Theile des Rückens noch übrig ist, unter ihm am Boden 
liegt. 

Dieser Heroengestalt ist der Peirithoos des Westgiebels 
vollkommen entsprechend. Die geringen Abweichungen sind 
in den Raumverhältnissen begründet. Denn im Vasenbilde 
konnten die Unterarme weit über die Höhe der Ellenbogen 
hinauf gehen, während der Giebelrahmen eine andere Haltung 
verlangte. Hier wird der Kopf von der linken Hand nur 
■wenig überragt, während die Rechte in halber Kopf höhe bleibt 
und die Axt unter die Schulterhöhe hinabreicht. Diese von 
den räumlichen Bedingungen geforderte Darstellung war für die 
plastische Ausführung die entschieden günstigere, weil so bei 
beiden Helden der Kopf höher und freier vortritt. Eine weitere 
Uebereinstimmung zwischen Vasenbild und Giebel besteht darin, 
dafs die Stellungen der beiden nach rechts und nach links 
ausschreitenden Helden einander genau entsprechen. Das Streben 
nach symmetrischer Reponsion war ja auch für den strengeren 
Stil der rothfigurigen Vasen durchaus charakteristisch;^) die 
Verschiedenheit liegt aber darin, dafs im Giebel das Vordringen 
der Lapithen auf beiden Seiten die Rettung einer bedrängten 
Frau zum Zwecke hat, während auf der Vase, wie die in üeber- 
resten erkennbaren Geräthe zeigen, die angegriffenen Kentauren 
keine Frauen gepackt hielten. Der Bildhauer suchte also 
innerhalb des scharf und knapp umgränzten Raums, wie es 
seine Aufgabe war, die prägnantesten Momente des Kampfes 
in geschlossenen Gruppen zusammenzufassen, während der Maler, 
dem freie Flächen zu Gebote standen, die Gruppen in gröfserer 
Breite auseinander treten liefs. 

Eine andere Kampfgruppe, nicht minder lehrreich, befindet 
sich auf einem zweiten Bruchstück derselben Vase. 

Eine Frau wird von zwei Seiten angegriffen. Im Rücken 
naht ein Kentaur, von dem nur die rechte Hand erhalten ist, 
die einen Baumstamm als Waffe trägt. Das Gesicht der Frau 
ist nach der entgegengesetzten Seite abgewendet, um sich eines 



») Vgl. Sitzungsbericht der ßerl. Akademie 1883 S. 785. 



XV. CTriebelgruppen von Olympia. 3Q7 

von links andringenden Kentauren zu erwehren. Hier war also 
eine Gruppe, ganz entsprechend der des Westgiebels. Es ist 
die Peirithoosgruppe. in welcher der Kopf der Braut nach dem 
entsprechenden Frauenkopfe der Theseusgruppe wiederhergestellt 
worden ist. Die Wendung sowie die Senkung des Kopfes ist 
so, wie sie Grüttner modellirt hat, durch die vorhandenen Ueber- 
reste des Nackens zweiffellos gegeben. 

Auf dem Vasenbilde ist der Kopf mehr im Profil und die 
Armhaltung weniger steil. Sonst stimmen die Gruppen voll- 
kommen. Hier wie dort dieselbe Kopfbekleidung mit dem 
Haubenbande, unter dem die Locke über die Schläfe vorquillt. 
Hier wie dort dasselbe Motiv energischer Abwehr mit beiden 
Armen und dabei dieselbe Ruhe des Antlitzes, dessen regel- 
mäfsige Schönheit durch kein Zeichen von Angst und Schrecken 
entstellt ist. Der Kopf des Kentauren, den die Frau von sich 
fortdrängt, war ohne Zweifel auch auf der Vase in Vorder- 
ansicht dargestellt, um das wüste Barthaar der Thiermenschen 
(der (prjgeg IctyvrievTeg) und das rohe Gesicht in voller Breite 
zu geben. Dieselbe Gruppirung mit der Frau in Profil und 
dem Kentaurenkopf von vorn wiederholt sich genau auf anderen 
Vasen desselben Stils, so namentlich auf der rothfigurigen Vase, 
welche die von Kentauren Überfallene Iris darstellt (Hellenic 
Studies Tafelbd. PI. III). Auch hier finden wir dieselbe Frauen- 
tracht, dieselbe Ruhe der Frauen, dieselbe symmetrische Anord- 
nung, auch die Pferdeohren der Kentauren wie im Westgiebel. 

Die Wiener Kentaurenvase (Arch. Ztg. XLI Tafel 18 
zuerst genau abgebildet) giebt eine freiere Darstellung desselben 
Gegenstandes.^) Die symmetrische Anordnung, das Kennzeichen 
des strengeren Stils, ist nicht aufgegeben, aber bei einer mehr 
friesartigen Composition sehr gelockert. Es fehlt jedoch nicht an 
mancherlei auch für die Giebelgruppen lehrreichen Vergleichungs- 
punkten. 

Die ganze Darstellung ist in freie Gruppen aufgelöst; 
Personal und Scenerie sind wesentlich verändert. Neu sind die 
Säulen links und rechts am Ende, neu die Thüre (der Eingang 
zum Palast des AtraxJ, in welche eine der Frauen sich flüchtet, 
neu der Altar vor derselben, neu die Figur des Knaben neben 



^) Ueber die Einzelheiten vgl. Kobert Schneider, Archäol. Zeitung 
XLI 351. 

20 =► 



308 XV. Giebelgruppen von Olympia. 

dem umgestülpten Weinkruge, erschreckt davon eilend. Es ist 
offenbar der Mundschenk des Festes, und sein Auftreten belehrt 
uns über den naig tugcdog der Westgiebelgruppe, der sicherlich 
dieselbe Bedeutung hat. Die Kentauren erscheinen hier als 
Festgenossen, alle bekränzt ; das Festlokal ist durch Pfühle und 
Teppiche gekennzeichnet, sie entsprechen den Kissen im West- 
giebel, die den Sklavinnen als Unterlage dienen. 

Auch hier finden wir die zwei einander entsprechenden 
Vorkämpfer wieder mit ihren hoch über den Kopf gehobenen 
Händen, aber sie sind weit auseinandergerückt und sie schwingen 
nicht Aexte in ihren Händen, sondern brennende Fackeln, wenn 
dieselben sicher sind. Sie sind auch nicht die Protagonisten 
wie im Giebelfelde Theseus und Peirithoos, sondern namenlose 
Lapithen, während Peirithoos selbst, der einzige durch den 
beigeschriebenen Namen Ausgezeichnete, ganz allein dargestellt 
ist, mit dem über den linken Arm geworfenen Mantel, das 
Schwert in der Rechten. Indessen ist die Waffe auch hier 
unsicher, und es ist gegen die ältere Ueberlieferung, dafs beim 
Hochzeitsmahle mit wirklichen Waffeii gestritten wird. 

Auf der von Heydemann herausgegebenen Vase aus Chiusi^) 
ist der Kampf in so flüchtiger Weise dargestellt, dafs das Bild 
im Ganzen wenig Aehnlichkeit mit den Werken der Tempel- 
plastik hat. Indessen fehlt es auch hier nicht an merkwürdiger 
Uebereinstimmung mit dem Westgiebel. Aus ihm können wir 
die vornüber am Boden liegende Frau, bei der man auf dem 
Vasenbilde an Hippodameia gedacht hatte, erst richtig ver- 
stehen ; hier finden wir dieselben Kampfmotive, dasselbe Würgen 
und Bartzausen und dieselbe Darstellung der Kentaurenleiber. 
Auch ist bei dem Kentauren, dessen Hals der Lapithe um- 
klammert hält, der Bart gleichfalls in voller Breite dargestellt, 
obwohl der Kopf im Profil zu denken ist. 

Bei der Münchener Trinkschale (No. 368) sind die vom 
Hochzeitsmahle hergenommenen Motive ganz aufgegeben. Hier 
wird mit Schwertern und Lanzen gekämpft. Ein Schwertkarapf 
kommt ja auch in der letzten Giebelgruppe rechts vor, und 
zwar findet sich hier auch, wie auf der Trinkschale, die 
Darstellungsweise, dafs die AVaffe, — im Giebel das Schwert, 



*) Heydemann, Mittheilungen aus den Antikensammlungen von über- 
und Mittelitalien. Halle 1874, Taf. 3. Vgl. 8. 86. 



XV. Giebelgruppen von OljTnpia. 309 

im Bilde der Speer — in den Leib des Kentauren eingebohrt, 
an einer anderen Stelle wieder herauskommt. 

Die Gesammtentwickelung der Composition wird sich erst 
aus einer vollständigen Uebersicht aller Denkmäler der Kentauro- 
machie ergeben ; schon jetzt erhellt aber deutlich die allmählige 
Fortbildung aus symmetrisch geordneten Gruppen zu freierer 
Darstellung, welche die strengere Zucht lockert und das Bild 
in losere Gruppen auflöst. 

O. Jahn hat die parallele Entwickelung des Vasenstils und 
der monumentalen Plastik schon treffend beleuchtet.^) Beide 
Gattungen sind aber nicht ohne wechselseitigen Einflufs neben 
einander hergegangen. Während Holzschnitzer und Bildhauer 
an ihren Stoff gebunden waren, konnte der Zeichner freier 
coraponiren ; er wagte neue Stellungen, neue Gruppenmotive, 
welche für die Plastik vorbildlich wurden. Gewisse Typen 
tauchen immer zahlreicher in den rothfigurigen Vasengemälden 
auf, wie namentlich die vorschreitende Angriffsstellung mit den 
hoch über den Kopf zurückgebogenen Armen, welche das Schwert 
fassen, das tief über den Rücken hinabreicht.-) Es sind 
Stellungen der lebendigsten Energie ohne die krampfhafte Ueber- 
treibung des schwarzfigurigen Stils, vielmehr mit edlem Anstände 
verbunden. Solche Stellungen sind gewifs aus der Megalographie 
in die Vasenmalerei und in die Plastik übergegangen und sie 
sind in Attika zu Hause. 

Auf der Schale des britischen Museums, welche die Theseus- 
thaten darstellt,^) finden wir den Heros einmal mit beiden 
Händen, einmal mit einer Hand ausholend, ebenso wie Theseus 
und Peirithoos im Westgiebel, und die beiden Figuren, welche 
Theseus vorstellen, sind ebenso symmetrisch einander gegen- 
über gestellt, wie Peirithoos und Theseus im Giebelfelde des 
Alkamenes. 

Wenn man sich die Frage vorlegt, wohin die Blicke sich 
richten mufsten, wenn man im vierten Decennium des fünften 
Jahrhunderts den Zeustempel von Olympia mit plastischen 
Werken würdig ausstatten wollte, so mufs man der Stellung 
eingedenk sein, welche Atlien seit Anfang des Jahrhunderts 

\) W unebener Vasencatalog S. LXXI. 

-) Vgl. Vasi dipinti rinvenuti in Cuma, Tafel VIII. 

») Hellenic Studies, Tafelband PI. X. 



3IQ XV. Giebelgruppen von Olympia, 

im geistigen Leben der Hellenen hatte. Es war unter den 
Städten von Hellas eine Grofsstadt, wie Pindar sie schon 490 
nennt (cd /iieyaloTtölieg 'Ad-ävai), ein Vorbild hellenischer 
Humanität und weiser Rechtsordnung, ein Centrum jeglicher 
Tüchtigkeit und Bildung, auch in den Künsten vorangehend, 
welche vorzugsweise im Peloponnes ihre Entwickelung gefunden 
hatten. „Auch des Ringkampfes Lehrmeister" sagt Pindar 
(Nem. V 49) „mufs man sich aus Athen zu verschaffen suchen." 
Was aber die bildende Kunst betrifft, so waren, wie derselbe 
Dichter bezeugt, alle Städte erfüllt von dem Ruhm der 
Erechthiden, welche dem Apollon in Delphi sein Haus so 
schauwürdig hergestellt hätten. Und auch in Delphi war der 
Tempelbau das Werk eines peloponnesischen Meisters, und den 
Alkmäoniden gebührt dabei nur der Ruhm hochherziger Frei- 
gebigkeit; die plastische Ausstattung stammte von Künstlern 
Athens. Diese Künstler waren aber nicht der Schule des 
Pheidias angehörig, sondern, wie genau bezeugt wird, aus 
älteren Schulen. Praxias war des Kaiamis Schüler, Andro- 
sthenes des Eukadmos. Wir sind also nicht berechtigt, die 
mafsgebende und über die Grenzen von Athen hinausgehende 
Bedeutung attischer Bildhauer von der Wirksamkeit des Pheidias 
abhängig zu machen. 

Im Anfang des fünften Jahrhunderts war in Athen der 
Gegensatz zwischen Hellenen und Barbaren zum vollen Bewufst- 
sein gekommen und hatte zu künstlerischem Ausdrucke gedrängt. 
Die attischen Darstellungen der Amazonen- und Kentauren- 
kämpfe sind, wie Sidney Colvin sagt, die Nachklänge von 
Marathon und Salamis. Bei den Athenern sind unter Ein- 
wirkung polygnotischer Kunst die Bilder des Kampfes durch 
ethische Motive veredelt, indem die Heroen Athens für Gast- 
recht und Frauenehre ihr Leben einsetzen. Wie populär und 
einheimisch bei den Athenern die Peirithooshochzeit geworden 
ist, geht schon daraus hervor, dafs auch in den Hochreliefs 
des Parthenon die Kentauren Weinfässer schleudern. Auf 
diese und andere Ueberstimmung zwischen den Parthenonmetopen 
und Vasenbildern ist mit ^'ollem Recht schon mehrfach hinge- 
wiesen worden,^) und nachdem auf gleichzeitigen Vasen attischer 
Kunst Gruppen nachgewiesen sind, welche denen des olympischen 

') Heydemann a. a. 0. S. 86. 



XV. Griebelgruppen von Olympia. 311 

"Westgiebels so genau entsprechen, dafs eine gemeinsame Schul- 
tradition nicht wohl in Abrede gestellt werden kann, sollte ich 
glauben, dafs über Stil und Herkunft der Composition des 
Westgiebels nicht mehr gezweifelt werden kann. 

Gewifs war Olympia ein Ort, wo sehr verschiedenartige 
Einflüsse sich begegnen konnten, zumal wenn einheimische 
Werkmeister an der Ausführung betheiligt waren, wie ich 
meinerseits nie habe bezweifeln können. Grofsgriechische und 
sicilische Technik ist in der Bauweise nachgewiesen; in der 
Plastik sehen wir Grofsgriechenland nur empfangend. Wir 
kennen Pythagoras als eingewanderten Samier, und es ist der 
Versuch gemacht worden, den von ihm mitgebrachten lonismus 
in einem kleinen Denkmal Campaniens nachzuweisen, welches 
nach epigraphischen Kennzeichen in den Anfang der siebziger 
Olympiaden gehört (oben S. 294 ; Archäol. Zeitung XXXVIII 
Taf. 6 S. 31). 

Für Kopfstudien bieten die Giebel von Olympia das reichste 
Material. Es herrscht aber in der Kopfbildung eine grofse 
Mannigfaltigkeit und nirgends tritt uns etwas Schablonenartiges 
entgegen. Es giebt Köpfe von viereckiger Form, ähnlich wie 
der des Atrax auf unserer Vasenscherbe; dahin gehört der 
Kopf des sitzenden Alten im Ostgiebel und seines Gegenbildes, 
die Köpfe der Sterope und ihrer Tochter. Breiter sind die 
Köpfe des Apollon, des Peirithoos und des jüngeren Lapithen; 
nach unten zugespitzt die Köpfe der Nymphen und Sklavinnen. 
Die idealste und vornehmste, auch in Athen allmählich durch- 
dringende Form, die des Ovals, ist bei der von Theseus ver- 
theidigten Lapithin in dem schönsten Exemplar vorhanden. Vom 
archaischen Stil ist die starke Einbiegung des Hinterkopfes am 
längsten übrig geblieben, sowie die Hochsteliung der Ohren. 
Beide Stilformen dienen dazu, Hals und Nacken höher empor- 
ragen zu lassen. 

In der Behandlung des Gesichts zeigt sich eine Ver- 
schiedenheit zwischen den Giebeln. Vergleichen wir z. B. den 
Peirithooskopf mit dem des Pelops, so ist jener ungleich 
leerer und schematischer, dieser ungleich feiner modellirt, 
indem selbst das Weiche des Fleisches anzudeuten versucht 
worden ist. 

Man hat ganz neuerdings bei Ausstattung von Hausfronten 
mit hoch angebrachten Friesen Erfahrungen gemacht, welche 



312 ^^- Giebelgruppen von Olympia. 

für die Beurtheilung antiker Werke lehrreich sind. Die aus- 
führenden Künstler haben sich überzeugt, dafs die feinere 
Modellirung solcher Bildtafeln nicht nur wirkungslos sei, sondern 
dafs sie auch den Eindruck beeinträchtige ; man hat sich selbst 
veranlafst gesehen, sie von Neuem zu überarbeiten und nur die 
von unten erkennbaren Formen in einfach kräftigen, scharf- 
kantigen Flächen stehen zu lassen. 

Diese aus der Höhe des Standorts sich ergebenden Be- 
dingungen der plastischen Ausführung sind, was die Köpfe 
betrifft, für den Meister des Westgiebels augenscheinlich noch 
mafsgebender und bestimmender gewesen als für den des Ost- 
giebels, so dafs man auf die Vermuthung geführt wird, ihm 
habe für diese Gattung monumentaler Plastik eine reichere Er- 
fahrung zu Gebote gestanden. 

Meine Absicht ist es aber, so lange die Olympiaarbeiten 
im Gange sind, immer gewesen, mich aller voreiligen Combi- 
nationen zu enthalten und nur das Thatsächliche festzustellen, 
auf dem die kunstgeschichtliche Beurtheilung der Bildwerke 
fufsen wird. So habe ich auch hier im Anschlufs an frühere 
Studien nur solche Beobachtungen vorgelegt, welche sich aus der 
mit Bildhauer Grüttner gemeinschaftlich fortgeführten Restau- 
ration der Giebelfelder ergeben haben oder aus dem Vergleich 
mit gleichzeitigen Darstellungen des Kentaurenkampfes zweifellos 
hervorgehen. 

Solche Fragen aber, wie die vielfach angeregte, ob Ost- 
giebel und Nike von demselben Meister herrühren können oder 
nicht, lassen sich aus dem vorliegenden Material nicht ent- 
scheiden. Da ist einstweilen noch Spielraum eines subjectiven 
Stilgefühls, über das sich nicht streiten läfst. Meine Erfahrung 
geht dahin, dafs wir bei kuustgeschichtlichen Untersuchungen 
der verschiedensten Art sehr häufig zu dem Geständnifs geführt 
werden „diese und jene Arbeiten würden wir schwerlich als 
Erzeugnisse eines Meisters ansehen, wenn sie uns nicht als 
solche bezeugt wären", und ich behaupte, dafs wir keinen Mafs- 
stabhaben,um mitZuversicht bestimmen zu können, wie verschieden- 
artig in Auffassung und Ausführung die AVerke eines Meisters sein 
können, der in einem Jahrhundert der raschesten Kunstent- 
wickelung, in dessen Mitte der Genius des Phcidias eintrat, eine 
lange Künstlerlaufbahn zurückgelegt hat, Werke, die in sehr 
verschiedenen Lebensstadien gemacht sind und zu ganz ver- 



XV. Giebelgruppen von Olympia. 313 

schiedenem Zweck, das eine ein Tempelschmuck nach einem 
von der Priesterschaft aufgestellten Programm, das andere ein 
frei geschaffenes Schaustück, in welchem ein Künstler, von 
jedem Zwange frei, seine volle Meisterschaft zeigen will. Ich 
glaube also, dafs wir nicht berechtigt sind, gegen die Tradition 
in Olympia (welche sich ja auch in Betreff des Heraion sehr 
genau erweist) und gegen den ihr folgenden Periegeten in 
dieser Frage zu entscheiden, Pausanias ist von uns in ein 
scharfes Verhör genommen und, nachdem der einzige Verdacht, 
welcher in Betreff seiner Gewissenhaftigkeit vorlag (ich meine 
die Reihenfolge der Schatzhäuser), sich zuletzt als falsch er- 
wiesen hatte, hat er die Probe in Olympia glänzend bestanden. 
Das habe ich immer als ein wichtiges Ergebnifs unserer Aus- 
grabungen angesehen; wir sollten ihn daher billiger Weise mehr 
als je in Ehren halten und nicht ohne die entschiedensten 
Gründe sein Zeugnifs in Zweifel ziehen. 

AVas Alkamenes betrifft, so erfahren wir aus Pausanias 
IX 4 nur die Thatsache, dafs die Reliefbilder mit Athena und 
Herakles, w^elche nach der Befreiung Athens den Thebanern als 
Dank dargebracht wurden, von ihm herstammten, aber nicht, 
dafs sie im Auftrage der Feldherrn gemacht worden seien ; und 
es scheint mir den Zeitumständen zu entsprechen, dafs Thrasybul 
und Genossen zwei fertige Bildwerke aus dem Atelier des Meisters 
benutzten, welche sie sofort als Weihgeschenke nach Theben 
stifteten. Dann konnte Alkamenes sehr wohl ein älterer Zeit- 
genosse des Pheidias sein, dessen Schule er sich später mit 
voller Hingabe angeschlossen hat. Auf ein solches Zeitver- 
hältnifs führt die Künstlerliste bei Plinius, darauf auch die 
in unverwerflichen Zeugnissen wiederkehrende Ueberlieferung 
von der Rivalität der beiden Meister, die kaum denkbar ist, 
wenn er von Anfang an ein Schüler des Pheidias gewesen 
wäre. Verhält es sich so, dann konnte er um 460 in Olympia 
arbeiten. Die Composition des Westgiebels hat den Charakter 
einer Jugendarbeit ; sie stammt, wie mir scheint, aus der Sturm- 
und Drangperiode eines hochbegabten Meisters. Die Kunst vor 
Pheidias schwankte noch zwischen alterthümlicher Gebunden- 
heit und einem Uebermafse leidenschaftlicher Bewegung. Beide 
Entwickelungsstufen treten uns in den Giebeln sehr charakte- 
ristisch vor Augen. Wenn in dem Wettkampfe, wie ich ihn 
annehme, Paionios den Sieg davon trug und Alkamenes den 



314 X.Y. Giebelgruppen von Ulympia. 

zweiten Preis erhielt (ra deuTeQeta iveyy.djiievos aocpiag ig 7toh]Oiv 
«/«/.«arwj' Paus. V 10, 8), so kann man jetzt, nachdem der 
Ostgiebel mit der ganzen Tempelfront im Gipsmodell hergestellt 
worden ist, sich den Gesammteindruck des Gebäudes anschaulich 
machen und man wird, wie ich glaube, nicht anstehen, den 
über die Concurrenz gefällten Schiedspruch als gerecht anzu- 
erkennen. 



XVI. 

Zwei Giebelgruppen ans Tanagra. 

(Hierzu Tafel YIII.) 



Unter den Terracotten, welche zur Verkleidung von "Wand- 
flachen dienten, nehmen diejenigen eine besondere Aufmerk- 
samkeit in Anspruch, welche, in einzelnen Figuren oder Gruppen 
ausgeführt, gröfseren Compositionen angehören, in deren Zu- 
sammenhange sie erst ihr volles Verständnifs erlangen. Sie 
sind, was ihre technische Verwendung betrifft, von zwiefacher 
Beschaffenheit: entweder haben sie besondere Basen, um vor 
der Wandfläche aufgestellt zu werden, oder sie waren unmittel- 
bar an derselben befestigt. Zu der ersteren Gattung gehören 
die Niobiden aus Fasano (Gnathia), welche Minervini unter 
den Schätzen des Rafiaele Barone entdeckt und im Bullettino 
Napolitano 1847 herausgegeben hat.^) Sie dienten als Ver- 
zierung eines cylinderförmigen Geräths von ansehnlicher Gröfse, 
wie die gebogene Form der Leisten zeigt, auf welchen sie 
stehen. In denselben bemerkt man die Löcher, durch welche 
sie auf einem unteren Rande des Geräths befestigt waren. 

Die zweite Gattung besteht aus solchen Relieffiguren, 
welche unmittelbar der Wandfläche auflagen oder mit Stiften 
angeheftet waren ; das sind die eigentlichen Prostypa, im Grunde 
nur erhöhte Profilzeichnungen, wie das über dem Schattenrifs 
durch aufgelegten Thon hergestellte Reliefprofil, das angeblich 
älteste Werk dieser Technik aus der korintliisch-sikyonischen 
Bildnerschule, welches bis zur Zerstörung von Korinth im 
dortigen Nymphaion aufbewahrt wurde.-) 



^) Stark, Niobe S. 1^06. Sie sind jetzt im Oesterr. Museum zu Wien. 
"-) Plinius N. H. XXXV 151 f. 



316 XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 

Was wir von solchen Profilfiguren ohne Hintergrund aus 
Griechenla-nd haben, sind flache Reliefs von alterthümlicher 
Strenge, die meistens in einer mit grofser Schärfe gearbeiteten 
Form ausgedrückt worden sind (Arch. Zeitung XXX S. 51). 
Die Figuren aus Fasano dagegen sind frei modellirt in höherem 
Relief und in fliefsenden Formen ; sie sind breit angelegt und 
zeigen in ihren stumpfen umrissen, dafs sie auf Farbe be- 
rechnet waren. 

Diese Niobiden stehen nicht allein. Wir kennen aus 
Unteritalien eine zahlreiche Gruppe ausgeschnittener Relief- 
figuren, welche freie, dramatische Bewegung zeigen und für 
sich allein unverständlich bleiben. Wir finden z. B. sitzende 
Frauen, welche trauernd das Haupt in die flache Hand gelegt 
haben (s. Abhandlungen der Berliner Akademie 1878 Taf. V 
Figur 3). Das sind Figuren, die auf einen gröfseren Zu- 
sammenhang hinweisen. Anschaulicher ist der Zusammenhang 
bei vergoldeten Thonreliefs, welche Nereiden darstellen (eben- 
daselbst Fig. 1 u. 2) ; auf das Anmuthigste schmiegen sich 
ihre Gestalten den Seerossen an, welche sie durch die Fluth 
tragen und bei lebhafter Bewegung derselben ruhen sie auf 
ihnen mit behaglicher Lässigkeit. Sie sind ganz im Geiste 
der Darstellungen, welche wir auf Skopas zurückzuführen 
pflegen, und wenn eine derselben einen grofsen, mit einem 
Gorgoneion verzierten Rundschild trägt, ganz ähnlich der See- 
göttin auf den Münzen von Larisa in Thessalien (Archäol. 
Zeitung V Taf. X 2), so sind wir gewifs berechtigt an den 
Zug der Nereiden zu denken, welche dem Sohne der Thetis 
die Waffen zutragen, einen der beliebtesten Vorwürfe der alten 
Kunst. Die Meeresfläche war blau gemalt. Zu denselben 
Gruppen gehören kleine Delphine, welche wie die anderen 
Figuren sauber gearbeitete Stiftlöcher zeigen, die zum Anheften 
an die Wandfläche bestimmt waren.') Auch von einem Amazonen- 
kampfe sind im Antiquarium des Berliner Museums No. 641 
und 642 (aus der Koller'schen Sammlung) Fragmente vorhanden, 
welche auf eine schöne, lebendig bewegte Gesammtcomposition 
schliefsen lassen, zwei vergoldete Relieffiguren, beide in der 
Mitte durchbohrt (0,U8 hoch), ein mit Schild und Schwert nach 



') Hygin. 106 (Thetis mater a Vulcano arina ei impetravit, quae 
Nereides per mare adtulerunt), Urlichs, Skopas S. 133. 



XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 317 

rechts vorstürmender Krieger und eine nach links abwehrende, 
rechtshin eilende Amazone. 

So führen uns unscheinbare Terracottafiguren in das Ge- 
biet grofser Compositionen der alten Kunst hinüber, zunächst 
friesartiger Darstellungen. Aber schon bei den Niobiden von 
Fasano ist eine künstliche Abstufung stehender, sich beugender, 
knieender Figuren unverkennbar, welche an giebelartige Anord- 
nung erinnert, und wenn Plinius den Giebelschmuck der Tempel 
unmittelbar mit den farbigen Thonreliefs in Verbindung setzt 
(hinc et fastigia templorum orta), so ist es in der That von 
besonderem Interesse, dafs den Gräbern von Tanagra, welchen 
wir eine ganz neue Anschauung acht volksthümlicher Kunst 
der Hellenen verdanken, auch eine Eeihe von über zwanzig 
zusammengehörigen und im Ganzen wohl erhaltenen Terracotten 
entstiegen ist, die für Gruppirung und tektonische Verwendung 
von Terracottafiguren in der besten Zeit griechischer Kunst ein 
ganz neues Material darbieten : denn sie lassen sich ohne Zwang 
und mit voller Sicherheit zu zwei annähernd vollständigen 
Giebelgruppen zusammenstellen, wie sie, um ein Drittel ver- 
kleinert, in den Abb. der Akademie 1878 auf Tafel 1 und 2 
in Lichtdruck dargestellt sind; die Mittelgruppen daraus zeigt 
unsere Taf. VIII. ^) Sie haben alle das Gemeinsame, dafs sie wie 
die Niobiden von Fasano auf einer flachgerundeten Leiste sich 
erheben, Sie waren aber offenbar nicht von Anfang an für 
die Ausstattung runder Gefäfse bestimmt und erlangen dadurch 
eine besondere kunstgeschichtliche Bedeutung, dafs sie unver- 
kennbar plastischen Compositionen angehören, welche ursprünglich 
zu figürlicher Ausstattung von zwei Giebelfeldern gedient haben, 
so dafs hier der Uebergang aus ornamentaler Kleinkunst in 
monumentale Plastik am deutlichsten gegeben ist. 

Es sind nicht frei gearbeitete Statuetten mit mehr oder 
minder ausgearbeiteter RückHäche, wie die grofse Mehrzahl der 
Terracotten von Tanagra, sondern sie sind hinten offen ; es 
sind hohle Relieffiguren, welche etwa zwei Drittel der vollen 
Körperform darstellen und mit dem lothrecht abgeschnittenen 
Rande auf dem Hintergrunde auflagen, ohne durch Stifte be- 
festigt zu sein. 

^) Sie sind 1875 im Kunsthandel aufgetaucht und durch Vermittelung 
von H. Sauppe und R. Scholl, welche damals in Hellas weilten, in meine 
Hände gekommen. 



313 XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 

Abweichend war die Mittelgruppe gestaltet. Von dem 
Viergespann des einen Giebels sprangen nämlich die Vorder- 
theile in freien Figuren vor, und die der beiden Mittelpferde, 
welche vollkommen erhalten sind, laufen hinten in einen spitzen 
Keil aus, der in die Rückwand eingefügt war. Die Löcher, 
welche rechts und links an diesem zugespitzten Ende sichtbar 
sind, nahmen die Stifte auf, durch welche die Vordertheile der 
beiden Seitenpferde am E-umpf der mittleren befestigt waren. 
Die Seitenpferde sprangen weit nach rechts und links ab, wie 
man aus den Spuren der Vergoldung erkennt, die sich an der 
Oberfläche der Mittelpferde, so weit diese sichtbar war, deutlich 
erhalten hat. Ob die Mittelgruppe des andern Giebels in ganz 
entsprechender Weise behandelt war, läfst sich nicht mit Sicher- 
heit nachweisen. Man sieht aber an den erhaltenen Pferde- 
köpfen, dafs auch hier ein Viergespann war, und erkennt, wie 
die Köpfe in dreifacher Abstufung immer freier herausgearbeitet 
sind, ganz ähnlich, wie wir es an den Viergespannen des Paionios 
in Olympia sehen. 

Was die Bemalung der Statuetten betrifft, so ist dieselbe 
aufs Feinste und Sauberste durchgeführt. Das Haar war röth- 
lich, wie dies bei den Terracotten von Tanagra vorherrschend 
ist ; bei den männlichen Figuren, namentlich bei den Dioskuren, 
bemerkt man einen dunkleren, mehr in das Bräunliche fallenden 
Ton. Alle anderen Theile sind fleischfarbig; die Lippen roth. 
Die Augen der behelmten Frau sind blau, ebenso die der zwei 
neben einander stehenden Frauen. Selbst der Augenstern findet 
sich durch zarte Linien angegeben, wie bei der Frau rechts von 
der Mittelgruppe. Die Gewänder der Männer und Frauen 
waren vergoldet; hier und da sieht man an denselben auch 
Spuren von Violett. Vergoldet waren auch Helm und Stirn- 
schmuck und die sorgfältig angegebenen Ohrringe. Die Pferde 
waren vollständig vergoldet, aber Nüstern und Maul roth. 

Beide Gruppen zeigen durchaus entsprechende Compo- 
sition, sowohl was den Gegenstand der Darstellung betrifft 
als auch in der Anordnung. Wahrscheinlich war auch die 
Zahl der Figuren übereinstimmend, denn wir dürfen wohl 
voraussetzen, dafs jede der beiden Gruppen, von der Central- 
gruppe abgesehen, zehn P^'iguren hatte, welche sich nach rechts 
und links vertheilten. Die Gruppen haben trotz des gering- 
fügigen Materials, trotz des kleinen Mafsstabes und der privaten 



XV^I. Zwei Giebelgrupijen aus Tanagra. 319 

Bestimmung des Geräthes, dem sie angehörten, einen gewissen 
monumentalen Charakter. Sie sind durch den bedeutenden Inhalt, 
der ihnen gegeben ist, und durch den grofsen Stil, in welchem sie 
componirt sind, ein hervorragendes Denkmal griechischer Klein- 
kunst. Auch sind es keine Entwürfe, wie sie ein Bildhauer 
macht, um sich die Motive seiner Composition klar zu machen, 
keine Ttgonluof-iara,^) sondern Arbeiten von vollkommener Aus- 
führung und feinster Durchbildung aller Einzelheiten. Man 
beachte nur die ungemein sorgfältige Behandlung des Haars 
und der Finger. Ja es scheint, als ob in Bezug auf Haltung 
und Bewegung der Hände eine besondere Deutlichkeit erstrebt 
worden sei, so dafs die Gröfse derselben hier und da über das 
richtige Mafs hinausgeht. In ähnlicher "Weise hat man auch 
bei den Figuren des Nereiden-Denkmals die Beobachtung ge- 
macht, dafs die Extremitäten der Gestalten freier gearbeitet 
sind, um den Eindruck der Lebendigkeit zu steigern.-) Während 
die hinten offen gelassenen Statuetten sonst zu der geringeren 
Waare tanagräischer Thonbildung zu gehören pflegen, finden 
wir hier eine so feine Modellirung, dafs wir an die fastigia 
mira caelatura et arte bei Plinius (XXV 158) lebhaft erinnert 
werden; und die beiden Terracottagruppen sind, wenn auch in 
kleinem Mafsstabe, das einzige wohl erhaltene Beispiel der von 
Plinius bewunderten Giebelmonumente. Deshalb reichen sie 
über die engere Sphäre der Terracotten weit hinaus, und nach 
den KolossalgruiDpen von Olympia sind es jetzt diese Miniatur- 
liguren aus Gräbern von Tanagra, welche das geschichtliche 
Verständnifs hellenischer Tempelgiebel, wie mir scheint, in 
mannigfacher Weise neu anregen und föi'dern. 

Sie sind zunächst urkundliche Beweise für den Zusammen- 
hang zwischen Giebelcomposition und Thonplastik in Griechen- 
land, wie ihn die alte Ueberlieferung bezeugt. Sie beweisen 
aufs neue, dafs die Anwendung der Reliefs dabei nicht als eine 
Entartung des Geschmacks in römischer Zeit anzusehen sei und 
dafs die Giebelplastik der Griechen nicht auf den Prachtbau 
von Marmortempeln beschränkt war. Vielmehr sind Giebel- 
dreieck und Giebelschmuck überall verbunden ; in welchem 
Mafsstabe und Material sich auch die Giebel ausgeführt finden, 



1) Archäol. Zeitung XVIII (1860) S. 111. 
-) Annali dell' Institute Vol. 47 (1875) p. 93. 



320 XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 

nirgends zeigt sich das Giebelfeld leer; Rahmen und Bild sind 
zusammen entstanden und nicht von einander zu trennen. Das 
bezeugen alle Nachbildungen, welche auf Reliefs, auf Gemmen 
und Münzen von Giebeln vorkommen; und ebenso die Denk- 
mäler, auf welche die Giebelform übertragen ist. Die plastische 
Ausstattung ist aber nicht blofs eine fuga vacui und der Giebel- 
schmuck kein blofses Ornament, das die dem griechischen Auge 
unerträgliche Oede einer Giebeltläche verkleidet; er ist nicht 
blofs ein Bild, sondern ein Sinnbild, ein Wahrzeichen, welches 
dem geometrischen Schema Inhalt und Bedeutung, giebt. Da 
nun das Giebeldreieck keine tektonische Form von willkürlicher 
Verwendung ist, sondern die Frontseite eines Götterhauses oder 
die Kachbildung eines solchen, so erhielt der Bildschmuck des 
Giebels die Bestimmung, an hervorragender Stelle das göttliche 
Wesen zu kennzeichnen, welches in dem Hause seine Wohnung 
hatte. Je einfacher und knapper die Bezeichnung war, um so 
geeigneter war die Darstellung in Relief. Es war gleichsam 
die Hausmarke des Eigenthümers, die man über dem Eingange 
anbrachte, wie den Tempelgeräthen das Wappen der Gottheit 
als Eigenthumszeichen aufgestempelt wurde, ^) und so finden wir 
auch nach altem Brauche die Symbole der Gottheit als Giebel- 
schmuck verwendet, wie den Adler an Zeustempeln, Bogen und 
Keule an Herakleen.^) Die kreisförmige Scheibe, welche, auf 
einem Postamente aufgestellt, den Giebel des auf ephesischen 
Münzen dargestellten Tempels füllt, ist gewifs nichts anderes 
als die Mondscheibe, das Wahrzeichen der „grofsen Göttin."^) 
Es kommen auch Gruppen von Symbolen vor, welche, 
zu einem Wappenbilde verbunden, den göttlichen Hausherrn 
kennzeichnen. So ist die Vorderseite eines Tempels des Mercur 
auf einer Bronzemünze des M. Aurel dargestellt, wo das 



^j Siehe oben S. 82. 

-) Vgl. die Coburger Zeichnung in der Archäolog. Zeitung XXX 
Taf. 58. 

') Bronzemedaillon des Gordianus bei Donaldson, Architectura numis- 
matica Taf. VI. Dieselbe Scheibe über einem Tisch, von anbetenden 
Figuren umgeben: Taf. XXIV. So unzuverlässig die Darstellungen von 
Tempelfronten auf Kaisermünzen in architektonischer Beziehung sind, so 
ist doch gewifs nicht anzunehmen, dafs die Andeutungen des Giebel- 
schmucks auf willkürlicher Erfindung beruhen. Dagegen spricht die 
Uebereinstimmung zwischen den verschiedenen Münzbildern und die Ana- 
logie mit Marmorreliefs und anderen Denkmälern. 



XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 39| 

Tympanon von einer Reihe von Attributen (Schildkröte, Hahn, 
Bock, Flügelhut, caduceus, Beutel) dicht angefüllt ist.^) 

Die ältesten Symbole waren Thierbilder und diese zugleich 
ihrer Form nach am meisten geeignet, architektonisch ge- 
schlossene Räume zu füllen. So haben auch die letzten Aus- 
grabungen in Athen wie in Olympia, wie auch Entdeckungen in 
Kleinasien (Hirschfeld, Paphlagonische Felsgräber, Abb. der Berl. 
Akad. 1885, Tafel 2) immer von Neuem die mannigfaltigsten 
Thierbilder, Vögel wie Wasserthiere, zu Tage gefördert, welche 
die Giebelflügel füllten, während Menschen- und Göttergestalten 
sich erst allmählich in die Mitte einschieben. 

Dieselbe Bedeutung der Giebelbilder giebt sich da zu er- 
kennen, wo die Form des Tempeldachs auf solche Denkmäler 
übertragen wird, welche nicht religiöser Natur sind. So. z. B. 
auf dem Ehrendenkmal des Damokrates, wo die städtischen 
Wappenzeichen von Tenedos benutzt werden, die Heimath 
des Geehrten anzugeben, welche an seinem Ruhm ihren An- 
theil hat.-) 

Was die stilistische Behandlung der Typen betrifift, so werden 
sie entweder einfach auf die Giebelfläche übertragen oder sie 
werden so gestaltet und gruppirt, wie es der dreieckigen Giebel- 
form angemessen ist. So hat es der Künstler bei der Stele 
des Damokrates mit den Wappenbildern von Tenedos gemacht, 
indem er zu besserer Ausfüllung des Frontons die Doppelaxt 
in zwei Aexte getheilt hat, welche rechts und links von dem 
Mittelbild der Traube den Raum passend ausfüllen. Es eigneten 
sich aber für die dreieckige Fläche besonders solche Gestalten 
oder Gruppen, welche aus menschlichen und thierischen Elementen 
zusammengesetzt nach oben emporragen, unterwärts nach beiden 
Seiten in breiten Formen sich ausdehnen. Mischgestalten, wie 
die fischleibige Flügelfrau in dem Giebel von Savona'^) oder 
Gruppen von Mensch und Thier, wie der zur Rechten wie zur 
Linken von einem Hunde gepackte Aktaion im Giebel des 
Amazonen-Sarkophags von Corneto, ein der Bestimmung des 
Kunstwerks entsprechendes Todessymbol und, stilistisch be- 
trachtet, ein vortrefi'lich erfundener Giebeltypus, welcher in der 

•) Donaldson Tafel XXV. Besser bei Cohen (II p. bV2) abgebildet 
pl. XVII. 

■-) Ausgrabungen von Olympia I Tafel 81. 
3) Mon. Inetl. III 54. Annali 1843 p. 24. 
Curtius, GeBu,mmelte Abhandlungen. Bd. U. 21 



322 XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 

symmetrischen Verbindung von zwei identischen Thierleibern 
mit einer im Centrum emporragenden j\Ienschengestalt den 
Charakter eines im Wappenstil componirten Bildes hat.^) 

Es kommt auch vor, dafs nicht durch Symbole die Be- 
stimmung des Gebäudes im Giebelfelde bezeichnet wird, sondern 
durch die Gestalt der darin verehrten Gottheit. So zeigt sich 
auf einem Medaillon des Antoninus Pius eine in der Mitte des 
Tympanon stehende Figur, in welcher man wohl mit Recht die 
als Juno dargestellte Faustina erkannt hat.-) Auch Götter- 
gruppen kommen vor, wie z, B. die drei Moiren, welche in 
steifer Haltung an einander gereiht den mittleren Fronton eines 
capitolinischen Sarkophagdeckels füllen, in dem rechts und 
links symmetrisch angeordnet zwei identische Figuren knieen.^^) 

Darstellungen dieser Art liegen gewifs ältere Vorbilder zu 
Grunde. Sie zeigen unverkennbar den schematischen Charakter 
von Wappenbildern und reihen sich den Beispielen an, durch 
welche ich das, was Welcker über den Ausgangspunkt helle- 
nischer Giebelsculptur gesagt hat,*) auszuführen und zu be- 
gründen versucht habe. Die wappenbildliche Ausstattung ist 
die älteste Verzierung der Tempelfrontons gewesen und so lange 
diese Form die vorherrschende war, ist auch das Relief die 
zweckentsprechendste Art plastischer Ausführung gewesen. 

Als aber bei zunehmender Pracht des Tempelbaus der 
Giebel sich vergröfserte, löste sich der alte Schematismus, und 
es war jetzt nicht mehr die Aufgabe, den Inhaber des Tempels 
an der Fronte desselben durch ein plastisches Epigramm zu 
kennzeichnen, sondern entweder Handlungen darzustellen, welche 
sich auf den Cultus bezogen, oder mythische Begebenheiten. 
Von der ersten Gattung haben wir Beispiele auf Münzen, welche 
zwei an einem in der Mitte stehenden Altare opfernde Figuren 
zeigen.^) Solche Cultushandlungen bildeten den Uebergang 
zu dramatischen Darstellungen, und dazu eigneten sich vorzugs- 



^) Mon. Ined. IX 60. Anriali 1«72 p. 246. 

2) Donaldson p. 14. Vgl. die Einzelfigur im Centrum des Giebels über 
der Eingangshalle einer Palästra bei Campana, Opere di plast. pl. XCIV. 
Jupiter allein im Tympanon: Koman Medaillons in the British Mus. p. 21. 

*) Müller-Wieseler, Denkmäler der alten Kunst II 858. 

•') Alte Denkmäler I S. 20: „— der Stirn des geweihten Gebäudes 
das Gepräge und das Wappen des inwohnenden Gottes aufzudrücken." 

■') Miliin, Gall. Myth. n. lO'J. 



XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra, 323 

weise solche Begebenheiten, in welchen die Tempelgottheit sich 
als Landesgottheit bezeugt. Die Darstellungen mythischer Ge- 
schichte verlangten freie Sculptur, weil es einer kräftigen Licht- 
und Schattenwirkung bedurfte, um aus dem vorspringenden 
Rahmen eines hohen Tempeldachs die Gestalten der Götter und 
Heroen wirkungsvoll hervortreten zu lassen. 

Die Giebelgruppen aus Tanagra sind Relieffiguren, die 
aber nicht, wie es bei anderen Relieffrontons der Fall ist, mit 
dem Hintergrunde verbunden sind. Wir haben keine Relief- 
platten vor uns, sondern lauter einzeln aufgesetzte Figuren. 
Sie sind auch von den oben besprochenen Terracotten, die in 
flacher Erhebung friesartige Wandbekleidungen bildeten, wesent- 
lich verschieden. Denn sie heben sich so kräftig vom Hinter- 
grunde ab und gehen im Centrum, wo sich die Lebendigkeit 
der Darstellung auf das Höchste steigert, in volle Körperform 
über, so dafs sie ganz den Charakter frei gearbeiteter Giebel- 
bildwerke an sich tragen. Wir suchen also der hellenischen 
Giebelplastik, nachdem wir ihre Anfänge ins Auge gefafst 
haben, in ihren wesentlichsten Entwickelungsstufen zu folgen, 
um zu erkennen, wie sich die neu entdeckten Giebelgruppen in 
die Geschichte der Kunst einreihen. Das wichtigste Kenn- 
zeichen aber, nach welchem die verschiedenen Giebelcompositionen 
sich unterscheiden, liegt in dem Verhältnifs des Centrums zu 
den Seitengruppen. 

Das einfachste Verhältnifs ist dies, dafs die Mittelfigur 
durchaus die Hauptsache bleibt und die Seitenfiguren nur dazu 
bestimmt sind, auf das Centrum hinzuweisen. In dieser Weise 
werden wir uns den Giebel des Asklepieion in Titane zu denken 
haben: Herakles in der Mitte und in den Ecken (ihm zuflie- 
gende?) Siegesgöttinnen, wenn die Worte des Pausauias (was 
allerdings sehr zweifelhaft erscheint) vollständig sind.^) Sicherer 
tritt uns dieser Typus der Giebelcomposition dort entgegen, wo 
centrale Gottheiten von opfernden Dämonen oder anbetenden 
Sterblichen umgeben sind, wie es auf den Giebelflächen des capi- 
tolinischen Sarkophagdeckels der Fall ist.-) 



') Pausanias II 8: t« iv rol-; asTols 'H^nxf.rji; aal Nltcnt ti^os rots 
7ii()(toi. Auffallend ist hier auch, dafs ein Anderer als der Inhaber des 
Tempels, das Centrum bildet. 

2) Siehe S. 322 Anm. 3. Eine knieende Figur neben Jupiter im 
Giebel: Roman Med. in the British Mus. p. 21. 

21* 



324 XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 

So hat man auch den Ostgiebel des Nereidendenkmals, 
das ansehnlichste Werk dieser Gattung von Giebelgruppen, das 
uns aus dem Alterthum erhalten ist. allgemein als Opferscene 
angesehen, in welcher den siegverleihenden Gottheiten der Dank 
des Volks dargebracht wird. Der neueste Erklärer will darin 
nach Analogie lykischer Sarkophagreliefs nur eine Gruppe von 
Hausgenossen, ein Familienbild, erkennen.^) Auf jeden Fall 
sind aber die Figuren der Mitte, mögen es olympische Götter 
oder heroisirte Ahnen sein, als übermenschliche Wesen gedacht 
und gehen auf einen Typus zurück, welcher die Tempelgötter 
in der Mitte eines betenden und opfernden Personals darstellte. 
Der epischen Ruhe, welche über das Ganze ausgebreitet ist, 
entspricht das bescheidene Flachrelief, welches der Giebelform 
ungeachtet an eine friesartige Darstellung erinnert. 

Dramatisches Leben tritt ein, wenn anstatt eines fried- 
lichen und gewohnheitsmäfsigen Zusammenseins bewegte Hand- 
lungen dargestellt werden mit unerwarteten Katastrophen und 
feindlichen Conflicten. Hier sind nach den uns vorliegenden 
Giebelcompositionen zwei wesentlich verschiedene Auffassungen 
mafsgebend gewesen. Erstens : die Hauptfigur der Giebel- 
gruppe steht aufserhalb des Conflicts, während von rechts und 
links gleichsam die Wellen ansteigen bis zu dem unbewegten 
Mittelpunkt, an dem sie sich brechen. Das ist der in zwei 
Parteien gegliederte Tempelgiebel, und es handelt sich bei der 
Motivirung der Gruppe nur darum, ob die centrale Gottheit 
vollkommen parteilos zwischen den Parteien steht, wie der Kampf- 
richter Zeus in der Giebelgruppe des Paionios, oder ob eine 
Parteinahme von Seiten der Gottheit stattfindet. Diese Partei- 
nahme ist entweder nur angedeutet, wie bei Athena in den 
äginetischen Giebelgruppen, oder die Gottheit tritt selbständig 
und entscheidend zwischen die streitenden Gruppen, wie ApoUon 
in dem Giebelfelde des Alkamenes. 

Zweitens : die dramatische Bewegung wird in das Centrum 
verlegt und geht nach den Seiten allmählich in volle E,uhe über. 
Das war der grofse Gedanke des Pheidias, der statt Heroen- 
geschichte Göttergeschichte im Tempelgiebel darzustellen wagte 
und dadurch, dafs er die beiden im attischen Cultus am nächsten 
unter einander verbundenen Gottheiten, einerseits Zeus und 



') MicLaelis in Annali doli' Jnstituto 1875, vol. 47, p. lb\K 



XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 325 

Athena, andererseits Athena und Poseidon, als Paare im Giebel- 
centrum darstellte, zugleich von dem lästigen Zwange einer 
senkrecht aufzustellenden Centralfigur sich frei machte. 

In beiden Formen der Giebelcomposition finden wir den 
Gegensatz von Ruhe und Bewegung; bei der einen sind es die 
Seitenfiguren, in denen die Bewegung herrscht, bei der anderen 
ist das Bewegte, Augenblickliche, Plötzliche auf das Centrum 
beschränkt, während die Gestalten zur Rechten und Linken 
mehr und mehr in volle Ruhe übergehen, wie wir uns die 
Götter Homers in zeitloser Behaglichkeit neben einander ge- 
lagert denken. Mag aber das Centrum der bewegte oder der 
unbewegte Theil sein, immer tritt uns in diesen Giebelfeldern 
ein harmonisches Ganzes entgegen, in welchem durch eine weise 
Oeconomie epische Ruhe und dramatische Bewegung sich mit 
einander ausgleichen, so dafs die Gefahr der Monotonie eben- 
sowohl wie die einer ruhelosen Aufregung glücklich vermieden 
wird. 

Nun giebt es eine dritte Gattung von Giebelcompositionen, 
wo in dem Verhältnifs des Centrums zu den Flügeln keine 
Ausgleichung von Ruhe und Bewegung stattfindet, sondern die 
Mittelgruppe nichts ist als die höchste Steigerung einer das 
ganze Giebelfeld erfüllenden Bewegung. Zu dieser dritten 
Gattung haben wir die Gigantomachie im Tempel von Akragas, 
die Iliupersis am Heraion und die kalydonische Jagd im tegea- 
tischen Ostgiebel zu rechnen ; von diesen Darstellungen haben 
wir aber nur dürftige Beschreibungen und sind daher aufser 
Stande, darüber zu urtheilen, wie etwa auch in diesen Gruppen 
ruhige Mittelfiguren Platz finden konnten. Das erste auschau- 
liche Beispiel dieser Art der Giebelcomposition ist in den 
tanagräischen Gruppen zu Tage gekommen, in welchen zwei 
Entführungen dargestellt sind. Hier ist das entscheidende Er- 
eignifs in die Mitte verlegt und die fieberhafte Erregung steigert 
sich dorthin von beiden Seiten. Darin entsprechen sie der 
tegeatischen Composition, wo die Mitte des Tympanon von der 
Hauptkämpfergruppe (Atalante, Meleager und Eber) angefüllt 
war, wie hier von dem Entführer, der Entführten und dem 
Thiergespann. Die Analogie geht aber noch viel weiter. Wie 
in Tegea rechts und links von der Centralgruppe sich ein Dios- 
kure befand, ebenso auch auf dem einen unserer Terracotten- 
giebcl und zwar merkwürdigerweise an derselben, d. li. dritten, 



326 XVI. Zwei Griebelgruppen aus Tanagra. 

Stelle von der Mittelgruppe. Solche Entsprechungen von Figuren 
auf beiden Seiten an gleicher Stelle dienten dazu, die Unruhe 
zu mildern und die rhythmische Gliederung hervorzuheben. Je 
mehr aber das Motiv der Bewegung in dieser zuletzt be- 
sprochenen Art von Giebelgruppen die Oberhand hatte, um so 
willkommener waren solche Entsprechungen, und um so mehr 
suchte man auch in den Eckfiguren das Moment der Ruhe zur 
Geltung zu bringen. 

Wir können also drei Figurengruppen unterscheiden: die 
Centralgruppe, die Seitengruppen der zunächst Betheiligten und 
endlich die Eckgruppen. Denn es verstärkte den beruhigenden 
Eindruck der links und rechts abschliefsenden Figuren und 
entsprach dem tief eingewurzelten Streben der griechischen 
Plastik nach Gruppenbildung, wenn man auch in den Ecken 
nicht Einzelfiguren, sondern Figurenpaare darstellte. Das 
richtige Verständnifs solcher Eckfigurenpaare in griechischen 
Tempelgiebeln ist noch lange nicht gesichert, aber eine Reihe 
analoger Gruppen läfst sich doch schon erkennen. Ich erinnere 
an Ilisos und „Kallirrhoe" im Westgiebel des Parthenon,^) 
an Alpheios und die vermuthungsweise so genannte Arethusa 
im olympischen Ostgiebel, an die noch weniger mit Namen zu 
bezeichnende Gruppe des Kladeos und des daneben sitzenden 
Knaben, den ich hier von Anfang an (in vollem Einverständ- 
nisse mit Treu)-) als zugehörig betrachtet habe.^) Ferner an 
die Gruppe zweier einander gegenüber kauernden Knaben in 
der rechten Ecke des einen Grabgiebels von Norcia,*) endlich 
an die Gruppe schmiedender Figuren im Giebel des capitolinischen 
Tempels, die gleichfalls eine von dem Mittelbilde gesonderte 
Eckfigurengruppe bilden.^) In die Reihe dieser Eckgruppen 
gehört auch die Nymphe des tanagräischen Giebels mit der 
Blumenpflückerin, welche, auf dem von der Nymphe befeuchteten 
Boden in das Anschauen der Blumen vertieft, von der die andere 
Gesellschaft mit Schrecken erfüllenden Begebenheit noch nicht 
das Geringste merkt. 



') Michaelis, Parthenon S. 201. 
■) Archäol. Zeitung XXXIV S. 179. 

'j Meinen Glauben an die Flufsgötter in den Giebelecken haben 
keine Einwendungen Neuerer zu erschüttern vermocht. 
*) Abeken, Mittelitalien S. 257. 
f») Donaldson T. III. Archäol. Zeitung XXX S. 4. 



XVI, Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 327 

In der dritten Gattung von Giebelwerken, welche uns in 
den vorliegenden Terracotten zum ersten Male vor Augen tritt, 
ist jene epische Euhe, welche noch in den Parthenongiebeln so 
wohlthätig mitwirkt, ganz aufgegeben. Es sind rein dramatische 
Scenen, mit derjenigen Lebendigkeit und demjenigen Pathos 
vorgetragen, wie sie auf der Bühne zu Hause sind. Wir 
glauben in den leidenschaftlich bewegten Figuren dramatische 
Künstler vor uns zu sehen, und das Streben nach voller dra- 
matischer Wirkung war auch die Veranlassung, dafs in der 
Mitte des Bildes das Hochrelief in runde Gestalten übergeht, 
so dafs die plutonischen Bosse uns frei entgegenspringen; eine 
kühne Vermischung zweier Darstellungsarten, die freilich schon 
bei dem ältesten Eeliefstein des griechischen Meifsels vorkommt, 
aber in dieser Verwendung inmitten eines Giebelfeldes doch 
bisher noch nicht beobachtet worden ist. AVir haben hier ein 
volles Gegenbild zum Ostgiebel des Nereidendenkmals, wo die 
Figuren des Centrums unter allen am wenigsten vom Hinter- 
grunde sich abheben und wie in der Ferne gesehen erscheinen, 
während sie hier vollkommen gelöst dem Beschauer entgegen- 
treten und den Eindruck machen, dafs der Entführer vor 
unseren Augen mit unaufhaltsamer Energie seine Beute aus 
dem Kreise der Angehörigen davonführe. 

So habe ich versucht, die Terracottengiebel von Tanagra 
einer Entwickelungsgeschichte dieser Kunstgattung einzureihen. 
Sie gehören einer Zeit an, wo man an dramatische Lebendig- 
keit figürlicher Darstellung die höchsten Ansprüche machte, 
der nach-euripideischen Zeit, und geben uns ein lehrreiches 
Beispiel pathetischer Giebelcomposition, von einem letzten 
Höhenpunkte plastischer Gruppenbildung, welchem bald der 
Verfall folgte. 

Den Beginn des Verfalls oder der Desorganisation des 
hellenischen Tempelgiebels finde ich in der Zeit des Praxiteles, 
der die Einheit der Composition aufgab, als er den Giebel des 
Herakleion in Theben mit den Thaten des Herakles füllte.^) 
Er mufste zu diesem Zwecke, um eine ungleiche Zahl, wie sie 
der Giebel forderte, zu gewinnen, eine weglassen und nahm 
in die Reihe der elf den Kampf mit Antaios auf, offenbar weil 
er diese Gruppe, welche sich in ungezwungener Weise zu her- 



*) Pausanias IX 11. 



328 XVI. Zwei Giebelgrui"»pen aus Tanagra. 

vorragender Höhe aufbaut, für das Centrum benutzen wollte. 
Es ist schwer zu begreifen, was einen Künstler wie Praxiteles 
veranlassen konnte, in so auffallender Weise mit dem Her- 
kommen zu brechen und den schönen Rhythmus einheitlicher 
Giebelcomposition zu zerstören. 

In anderer Weise wird die Einheit verletzt, wenn eine 
Centralgrupiae sitzender Figuren sich wie ein besonderer Auf- 
bau von den Seitengruppen sondert, wie das an dem Vorder- 
giebel von Xanthos der Fall ist. Leblose Gegenstände, welche 
in der klassischen Zeit vermieden werden,^) wie Sessel und 
Fufsbänke, werden eingeschoben. Man fühlt sich aufser Stande, 
durch wohl motivirte Gruppen und Stellungen das Dreieck 
richtig zu füllen ; man hilft sich also durch Einführung ver- 
schiedener Niveaulinien, und man scheut sich nicht, die Figuren 
nach den Ecken hin allmählich zu Zwergen einschrumpfen zu 
lassen. Bei dem Absterben des dramatischen Lebens erscheint 
auch die Darstellung voller Gestalten überflüssig ; man kehrt 
also zum Relief zurück, das, wie wir sahen, die erste Form 
des Giebelschmucks gewesen ist. 

Wenn man die allmähliche Entartung der hellenischen 
Giebelcomposition verfolgt, welche zuletzt in gedanken- und 
formlose Ornamentik ausläuft (vgl. Donaldson 90, 169), so wird 
man sich der Gröfse dessen, was die Hellenen in der organischen 
Ausbildung des Tempelgiebels geleistet haben, erst recht be- 
wufst. Hier ist es ihnen nach langer Arbeit, von welcher wir 
nur die reifen Früchte kennen, gelungen, die starre Schranke 
des geometrischen Mafses mit der Freiheit lebendiger Gruppi- 
rung in glücklichsten Einklang zu setzen. 

Die Bedeutung dessen, was die Hellenen auf diesem Ge- 
biete monumentaler Plastik geleistet haben, zeigt sich auch 
darin, dafs gewisse plastische Motive, welche den eigenthüm- 
lichen Bedingungen der Giebelcomjjosition ihren Ursprung ver- 
danken, in anderen Gattungen bildlicher Darstellung vielfache 
Verwendung gefunden haben, wie z. B. Helios und Selene als 
Schlufsfiguren von Götterreihen,-) die gelagerten Flufs- und 
Quellgottheiten, so weit dieser Typus aus den Giebelecken der 



^) Daher fehlt nach meiner Ansicht auch im Ostgiebcl von Olympia 
auf beiden Seiten der Wagen. 

-) Jahn, Archäologische Beiträge S. 79. 



XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 329 

Tempel stammt. Aber nicht blofs einzelne Typen, auch das 
ganze Schema der Giebelcomposition ist für solche Gruppen 
angewendet worden, welche nichts mit einem Tempelgiebel zu 
zu thun haben. So zeigen die Terracotten von Fasano, die an 
den Wänden eines Todtenbehälters aufgestellt waren, ein ge- 
wisses Streben nach pyramidaler Anordnung.^) Hier und in 
ähnlichen Fällen ist also die nach Mafsgabe des einschliefsen- 
den Rahmens erfundene Form auch ohne äufsere Nöthigung 
angewendet worden, um eine Gruppirung herzustellen, welche 
sich bei möglichst grofser Mannigfaltigkeit der Stellungen durch 
rhythmische Anordnung und klare Uebersichtlichkeit empfahl. 

Endlich wurde das Schema des Tempelgiebels mit der 
entsprechenden künstlerischen Ausstattung auch auf analere 
Werke der Tektonik übertragen. So kennen wir aus Cypern 
monolithe Lampen (von ca. 18 Zoll im Quadrat) in Gestalt 
von kleinen Tempeln mit Anten und Giebel.-) Die Tempel- 
architektur ist übertragen auf Stadttliürme, wie Fellows in 
Ferge und Syllion nachgewiesen hat ■^) und auf Thesauren, wie 
die von Olympia, deren Giebelschmuck nach und nach in immer 
reicherer Fülle zu Tage getreten ist.^) 

Die bei Weitem wichtigste üebertragung der Tempel- 
giebelform ist aber diejenige, welche bei den Gräbern statt- 
gefunden hat. Sie hat in der alten Welt die weiteste Ver- 
breitung erlangt und es bleibt eine wissenschaftliche Aufgabe 
von hervorragendem Interesse, auf Grund eines vollständiger 
gesammelten Materials dem Zusammenhange der gleichartigen 
Formen griechischer Kunst nachzuspüren, welche an asiatischen 
und italischen Grabbauten wiederkehren. Felsgräber, deren 
Fronten die Form von Tempelgiebeln tragen, sind wie in 
Phrygien, Pamphylien und Lykien, so auch in Mittelitalien 
zahlreich vorhanden, am grofsartigsten in der Nekropole von 



1) Stark, Niobe S. 207. 

-) Cesnola, Cyprus S. 157. 

") Fellows, Travels and Researches in Asia Minor 1852 p. 150. 

■*) Paus. VI 19. Die äufsere Breite des niegarischen Thesauros be- 
trägt nach den Messungen unserer Architecten G,69; demnach würde, wie 
Adler rechnet, die lichte Höhe des Tympanon 0,83 betragen, die Höhe 
der Figuren also etwas unter Lebensgröfse bleiben. Reste von marmornen 
(xiebelfiguren dieser Gröfse, aber rund gearbeitet, sind bei dem dritten 
Thesauros (von W.) gefunden worden. 



33Q XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 

Norcia, wo den Felsgräbern ganze Hallen vorgebaut sind, 
welclie dorisches Gebälk und figurenreiche Giebelgruppen 
trugen.^) Aber nicht blofs die Felsgräber haben Tempelform, 
sondern auch die steinernen Todtenkisten, wie sie als Nach- 
bilder von Tempeln mit mächtig ausgebildetem Tempeldache 
zuerst in Ehenaia bekannt wurden-) und dann im ganzen Um- 
kreise griechischer Bevölkerung, auf den Inseln Thera, Anaphe, 
Thasos, auf dem Festlande Kleinasiens und in den Colonien 
immer zahlreicher sich nachweisen liefsen. Der architektonische 
Charakter des griechischen Sarkophags ist von Matz sehr 
richtig aus seiner Bestimmung, im Freien zu stehen, hergeleitet 
worden.-') Aber auch die Griechen stellten Sarkophage in 
Gräbern auf, wo sie als thönerne oder hölzerne Behälter für 
die Ueberreste der Verstorbenen dienten; ovale Thonkisten 
sind in den Gräbern von Tanagra gefunden,*) Von Holzkisten 
(laQvaxeg yivnaQtooivaL) sind in attischen Gräbern ansehnliche 
Ueberreste gefunden worden, ein wohl erhaltenes Exemplar 
aber in dem berühmten Ashik- Sarkophag.^) 

Auch diesen Werken aus geringem Material, welche in 
unterirdischen Grufträumen aufgestellt wurden, hat die Kunst 
der Hellenen eine würdige Ausstattung zu geben und dadurch 
einen gewissen monumentalen Charakter zu verleihen gesucht. 
Man hat Thonwände von Sarkophagen mit Gemälden aus- 
gestattet, man hat die Holzwände mit weifsem Kalkgrund 
überzogen und auf demselben farbige Bilder aufgetragen.*^) 
Man hat die Wände mit musivischer Arbeit ausgestattet, in- 
dem man verschiedene Holzarten (Cypressen- und Eibenholz) 
zu bunten Mustern vereinigte, wie an dem genannten Holz- 
sarkophag, dem ältesten Denkmal dieser Technik eingelegter 
Arbeit. Man hat ferner die Holztafeln mit eingeritzten und 
vergoldeten Götterbildern versehen;") man hat in Holz geschnitzte 



») Abeken, Mittelitalien, S. 169. Dennis, Etrurien S. 160. 

-) Rofs, Inselreisen I 36. 

3) Archäol. Zeitung XXX (1873), S. 11. 

*) Archäol. Zeitung XXXIII (1S76), S. 141. 

'') Ashik, Empire du Bosphore 1848 n. 212. Antiq. du ßosphore 
Tafel LXXXI. 

«) Archäol. Zeitung 1864 S. 162*. Planches d'un catafalque en bois 
d'if, PI. 8;5. 84. 

') Antiquitcs du Bosphore pl. 82. 



XVI. Zwei Giebel^ruppen aus Tanagra. 33j^ 

Figuren und Gesimse als Verzierungen angebracht; man hat 
endlich in Thon und Gips modellirte Figuren zu. diesem Zweck 
verwendet. Dahin gehören die mehrfach gefundenen Masken, 
namentlich Medusenmasken, kleine Gruppen, wie die auf Schwänen 
oder auf Delphinen liegenden Eroten, oder gröfsere Composi- 
tionen, welche friesartig den Körper des Todtenbehälters um- 
gaben, wie auch die Stuccofiguren der Niobiden aus Kertsch, 
die Terracotten aus Fasano, die flachen Thonreliefs, die den 
Nereidenzug und den Amazonenkampf darstellen (Seite 316), 
Gewifs wird man bei genauerer Durchmusterung unseres 
Terracottenvorraths noch eine Reihe anderer Relieffiguren 
finden, welche eine ähnliche Bestimmung hatten, wenn auch 
die tektonische Verwendung nicht mit Sicherheit angegeben 
werden kann. Ich erinnere z. B. an die Terracotten von San- 
lini,^) für welche Brunn gewifs mit Recht eine ornamentale 
Verwendung vorausgesetzt hat. 

Suchen wir nun nach dem tektonischen Zweck, welchem 
die Compositionen der beiden tanagräischen Gruppen ursprüng- 
lich gedient haben, so liegt es am nächsten, auch hier an einen 
Holzsarkophag zu denken. 

Das Thema der beiderseitigen Darstellungen ist mit Rück- 
sicht auf die Bestimmung des Denkmals, dem sie angehören, 
gewählt, wie war auch auf der Wand einer griechischen Grab- 
kammer-) den Raub der Kora und auf den Holzwänden einer 
Todtenkiste einerseits denselben Gegenstand, andererseits die 
Entführung der Leukippiden dargestellt finden.^) Auch mit 
den Niobiden von Gnathia zusammen gefunden ist eine Reihe 
von Terracotten, die eine gleiche Bestimmung hatten und auf 
den Raub der Kora gedeutet worden sind.'*) Die Mythologie 
wird für die Ereignisse des Menschenlebens verwerthet, ohne 
darum zum allegorischen Ausdruck derselben gemacht zu wer- 
den, wie dies in römischer Zeit Gebrauch wurde.^) Die eine 
der beiden Entführungsscenen gehört der Göttergeschichte an, 
die andere der Heroensage. Schon aus diesem Grunde wird, 



') Annali XXXIV p. 276. 

-j Grab des Alkimos (Comte rendu pour l'annee 1867 p. VI). 
3j Ashik a. a. O. No. 211. 
*) Stark, Niobe S. 209. 

■') .Jahn, Archäol, Beiträge S. 295. Purgold, Archäol. Bemerkungen 
zu Claudian S, 95. 



332 XVI. Zwei Gitbelgruppen aus Tanagra. 

wenn wir beide Gruppen einem Sarkophage zutheilen dürfen, 
der Koraraub, den wir jetzt auch in Delos als Mittelgruppe 
eines Tempelgiebels kennen,') wohl als Bild der Vorderseite 
anzusehen sein; die Gestalten erscheinen hier auch kräftiger 
und voller modellirt. 

Wir haben hier also zuerst einen im Stil monumentaler 
Plastik dargestellten Raub der Kora, ein für die Geschichte 
dieser Darstellung ungemein lehrreiches Bild, ohne die Zu- 
thaten, zu welchen die ausmalende Phantasie späterer Dichtungen 
und die ins Breite gehenden Sarkophagreliefs Anlafs geben, 
ohne Hochzeits- und ITnterwelts-Dämonen, ohne den Gegensatz 
helfender und widerstrebender Gottheiten. Es ist die schlichte 
Darstellung des mythologischen Vorgangs, dramatisch concen- 
trirt in einen Mittelpunkt, welcher durch die hier zusammen- 
tretende Gruppe von Figuren, sowie durch das in Rundarbeit 
übergehende Hochrelief sofort als der Hauptact hervortritt, 
während die Figuren rechts und links den Eindruck veranschau- 
lichen, welchen das Ereignifs auf die Umgebung macht. Pluton, 
den Wagen besteigend, mit der Rechten die Zügel haltend, 
erinnert in seiner Gestalt, die von allen mithandelnden Personen 
am meisten Ruhe zeigt, an alterthümliche Darstellungen des- 
selhen Vorgangs. In seiner rauhen Derbheit und männlichen 
Entschlossenheit bildet er einen schönen Gegensatz gegen das 
schlanke Mädchen, das sich, von seinem linken Arm umfafst, 
laut jammernd emporstreckt und sich nach rechts hin wendet. 
Die Frau, gegen welche sie ihre Arme öffnet, kann nach 
meiner Ansicht keine Andere als Demeter sein. Wenn sie auf 
den bei Weitem zahlreichsten Darstellungen des Raubes fehlt, 
so erklärt sich dies daraus, dafs man später eine Vertheilung 
des Personals nach den verschiedenen Scenen einführte, welche 
für die jüngere Reihe von Monumenten mafsgebend geworden 
ist. Ursprünglich hat die Mutter zu dem Bilde gehört, wie 
wir ja auf solchen Vasengemälden, die auf alte Vorbilder zurück- 
gehen, wie auf der Hope'schen Vase^J und gewifs auch auf 
der Petersburger,^) hinter dem Wagen des Entführers Demeter 
als die Nächstbetheiligte finden. Das flatternde Gewand be- 



Jj Bull, de corres]). hell. 1879 Tafel 11, 

-J Müller-Wieseler I n. 21 i. 

3j Mon. deir Inst. VI 42. Stephaiii, Aniuili 1«G') p. H02 f. 



XVI. Zwei Giebelgruppen aus Tanagra. 333 

zeichnet die Eile, mit welcher sie dem Wagen zu folgen ver- 
sucht ; ihre Arme sind verlangend vorgestreckt, um noch ein- 
mal die Tochter zu umfassen. Vor dem Wagen sehen wir 
Athena dem rennenden Gespanne entgegentretend. Sie ist, 
wenn auch nicht in solcher Gefühlsbewegung wie Demeter, 
doch auch ihrerseits mit lebhaftem Antheil herangeeilt und 
nimmt, um sich die Bewegung zu erleichtern, das schwere 
Obergewand mit der linken auf. Der Kopf ist oben vollkommen 
glatt; der Helm war durch die Farbe gekennzeichnet. Ueber 
dem Vorderkopf erhebt sich ein blattartig ausgezackter Schirm. 

Demeter und Athena sind durch Gröfse und Würde der 
Figur, sowie durch den diademartigen Schmuck des Vorder- 
kopfes vor den anderen Figuren, die nach rechts und links 
folgen, als Göttinnen ausgezeichnet. 

Es waren je drei Gespielinnen, deren Stellungen die ge- 
waltsame Unterbrechung des harmlosen Zusammenseins der 
Mädchen auf blumiger Wiese darstellten. Auf der rechten 
Seite ist nur eine leidenschaftlich klagende übrig, auf der 
linken eine heraneilende, welche mit vorgestreckten Armen 
noch helfen zu wollen scheint, und eine niederknieende, welche 
die noch ungestörte Beschäftigung mit Blumenlesen ausdrückt, 
und zwar bezeichnet die linke Hand ihre lebhafte Freude, wie 
es scheint, über eine eben gefundene Blume von besonderer 
Schönheit. Ihr zunächst lagert sehr passend die Nymphe, 
welcher man den Blumenflor verdankt. Wir sind gewifs nicht 
berechtigt an eleusinische Brunnennymphen oder gar an sicilische 
zu denken, sondern eher an die Repräsentantin derjenigen 
Niederung, welche nach ältester Ueberlieferung der Hellenen 
der Schauplatz des Raubes war, also etwa an die Nymphe Nysa.') 

Die Deutung des anderen Giebelfeldes ist durch die bei- 
den Männergestalten gegeben, in denen ich nur die Dioskuren 
erkennen kann. Der eine ist bärtig, der andere unbärtig, wie 
sie auf dem Kasten des Kypselos unterschieden waren.-) Ist 



') Athenäus 198 f. Hom. Hymn. Cerer. 17. R. Förster, Raub der 
Persephone S. 268. 

-j Paus. III 19 (ö trsvog ot'y. i^iov tto) ytisia). Ebenso sind die als zwei 
Brüder gedachten Dämonen, welche auf den die Grablegung darstellenden 
Lekythen den Todten am Kopf- und am Fufsende halten, als bärtig und 
unbärtig unterschieden. Duniont, Vases peiiits de la Grece propre p. 11. 
Vgl. Colignon, Vases peints d' Äthanes n. G3U. Ü.')l. 



334 XVI. Zwei Giebelgruppen von Tanagra. 

diese Ansicht richtig, so kann also an keine andere Entführung 
gedacht werden, als an die der Schwester der Dioskuren, welche 
Theseus vom Altar der Artemis raubt. Die Mittelgruppe ist 
in der Composition ganz mit der des anderen Giebels überein- 
stimmend, nur sind die Figuren schmächtiger, und Helena ist 
bedeutend kleiner als Kora. Sie wendet sich nicht, wie diese, 
nach Angehörigen um, sondern ruft, während sie fortgetragen 
wird, mit zurückliegendem Kopf um Hülfe. Bei den vom Ge- 
spann erhaltenen drei Pferdeköpfen ist der Kopfschmuck an 
den Seiten, sowie vorn an der Stirn deutlich zu erkennen. Der 
lebendige Ausdruck steigert sich mit der Höhe des Reliefs; 
man sieht an den offenen Mäulern, wie sie ungeduldig auf die 
Zügel beifsen, und damit alle Köpfe neben einander zur An- 
sicht kommen, sind dieselben, je mehr sie vortreten, um so 
straffer angezogen und um so schärfer eingebogen. Rechts und 
links stehen auch hier zwei Götter, beide in viel ruhigerer 
Haltung als auf dem Gegenbilde. Die von der Rechten nahende 
kann wohl keine andere sein als Artemis, welche hier mehr 
das Lokal bezeichnet, als dafs sie an der Handlung Antheil 
nimmt. Eine zarte Jungfräulichkeit ist in der Gestalt aus- 
gedrückt. Zur Linken steht Athena, durch Helm mit Helm- 
bügel gekennzeichnet; auch sie ist hier weit weniger bewegt 
als auf dem andern Giebel ; auch sie kommt langsam heran 
geschritten ; sie erscheint voll innerlicher Theilnahrae an der 
Gewaltthat, welche Athen und Sparta in Fehde zu verwickeln 
droht, ohne in gleicher Weise, wie der Koraraub, die Götter- 
welt in Aufregung zu versetzen. Die eigentlich Aufgeregten 
und zunächst Betheiligten stehen hier an zweiter Stelle ; es 
sind die auf den lauten Hülferuf der Helena herbeieilenden 
Brüder, welche in beinahe identischen Stellungen ihre Ent- 
rüstung zu erkennen geben und ihren Entschlufs, die Gewalt- 
that nicht ungestraft hingehen zu lassen. Der bärtige Dioskur, 
von links herbeieilend, mit der von der Schulter flatternden 
Chlamys, hat mit rechts gewandtem Gesicht den Arm hoch 
über den Kopf erhoben, als wollte er das Volk zur Hülfs- 
leistung aufbieten ; der von der anderen Seite kommende hält 
den Kopf nach vorn und hat den rechten Arm vorgestreckt, 
während über dem linken der Mantel herabhängt. Es ist eine 
Art Fechterstellung und darum dürfen wir in dem unbärtigen 
der Brüder den 7cv^ uya^og nolvdevy.i]g erkennen, nach dem 



XVI. Zwei Giebelgruppen von Tanagra. 335 

die Stellung der Faustkämpfer no?Ad{cA6iog v6f.iog in der olym- 
pischeu Inschrift genannt wird.') Ja, die beiden Figuren 
stellen uns den typischen Unterschied, welcher zwischen dem 
ÖQOiiiy.ög und dem jTv/.tly.ü^; von den alten Bildhauern gemacht 
wurde, in merkwürdiger Genauigkeit vor Augen. ^) 

Die freiere Behandlung des zweiten Giebelfeldes zeigt sich 
auch darin, dafs nach der rechten Seite keine gleichmäfsige 
Abnahme der Figuren stattfindet, sondern hinter „Polydeukes" 
steht, ohne Zweifel hier am richtigen Platz, eine Gruppe 
von zwei gleich hohen Figuren, die auch den Dioskuren nur 
wenig an Gröfse nachgeben. Es ist eine der anmuthigsten 
Gruppen antiker Plastik. Es sind zwei Mädchen, die mit 
Helena an den Festtänzen Theil genommen haben und 
nun der Entführung derselben nachschauen. Auch bei ihnen 
ist eine weit gröfsere Ruhe und Gelassenheit als bei den Ge- 
spielinnen der Kora. Die eine weist auf die Mittelscene hin, 
die andere schliefst sich ihr vertraulich an, neugierig vorgebeugt 
und lebhaft nach der Mitte gewandt, aber zugleich scheu und 
ängstlich hinter der Freundin sich bergend. EndUch ist von 
den Figuren der linken Seite noch die liegende Nymphe er- 
halten, welche, ohne Antheil an der Handlung, nur den Ort 
derselben bezeichnet; ich wüfste für dieselbe keinen passenderen 
Namen als Pitane. Denn der Name dieser Quellnymphe, der 
Tochter des Eurotas, bezeichnete zugleich einen der Urgaue 
von Sparta, welcher in der Eurotasniederung mit Limnai zu- 
sammenstiefs, wo die Limuaten mit den umwohnenden Gau- 
genossen der Artemis Orthia die Feste feierten, an welchen 
der Raub der Helena erfolgte.'*) 



Die besprochenen Giebelgruppen geben uns einen neuen 
Beweis für den feinen Kunstsinn der Tanagräer und die würdige 
Art, in welcher sie ihre Famliengräber auszustatten wufsten. 
Es ist ein seltenes Glück, dafs zwei giebelförmige Gruppen in 



') llias 3, 237. Archäol. Zeitung 1878 S. 84. 

^) Plut. Tib. Gracchus 2: ^ rcöv Ttluaaofdvcor xal y()a(pofievcüt' Jioa- 
'/.ovoMD ofioioTris ep^e* jcva rov nvxrixov n^os tov Spofityuv int rrjs uoo^Tjs 

dlUfOQÜv. 

'j Plut. Theseus 31: xoQevova«. er teotö 'A^riuiSo^ 'ö^^/h'«»-, Hygin. 70: 
de fano Dianae sacrificantem rapuerunt. Peloponnesos II 234. 237. 315. 



336 XVI. Zwei Giebelgrupjjen von Tanagra. 

solcher Vollständigkeit wieder aufgefunden worden sind. Aus 
demselben Fundort stammt eine Reihe von Terracotten, welche 
nicht zu Gruppen vereinigt werden können, aber für die 
Technik der zur Ausstattung von "Wandflächen dienenden 
Thonplatten von grofser Wichtigkeit sind. Von den in un- 
serem Museum erhaltenen Stücken nenne ich eine Frauen- 
gestalt, bis auf die Füfse bekleidet, mit zurückwallendem 
Mantel, eine dramatisch bewegte Figur, mit lebhafter Hand- 
bewegung nach links gewendet, während der mit einem 
Diadem geschmückte Kopf in voller Breite dem Beschauer 
zugekehrt ist; es ist eine wie aus einem Bühnenspiel ge- 
nommene Figur, in grofsem Stil behandelt. Noch wichtiger 
ist ein leierspielender ApoUon mit hohem Blattkranze, in 
langem Doppelgewande des pythischen Siegers. Es ist ein 
feierliches AVandeln, das mit dem Rhythmus des Citherspiels 
in harmonischem Einklang steht. Das Gesicht ist auch 
hier, während der Gott nach rechts schreitet, halb nach vorn 
gewendet. Die Gestalt entspricht in allen Hauptzügen der 
vaticanischen Statue, in welcher wir ein Meisterwerk des Skopas 
nachgebildet glauben. Arme und Cither sind bei der Terracotta 
wohl erhalten, und Niemand wird verkennen, wie vollkommen 
sich hier das Instrument an die Gestalt des Gottes anschliefst. 
Die Aermel reichen deutlich bis auf die Handwurzel. Einen 
Gürtel sieht man nicht, doch zieht sich eine Reihe kleiner 
Falten um die Mitte des Leibes. Die Gewandfalten sind in 
beiden Figuren auf das sorgfältigste behandelt. 

Wir haben auch Proben echter Miniaturplastik, welche 
uns zeigen, bis zu welchem Mafsstabe hinunter die sauberste 
Durchführung alles Einzelnen (die mira caelatura des Plinius) 
erstrebt und dabei doch eine gewisse Würde der Darstellung 
erhalten wurde. So die nach rechts vorstürmende Athena und 
eine feierlich schreitende matronale Figur in schwerer Gewan- 
dung, welche in der That nach dem Ausdrucke des Statius 
eine „fines inclusa per artos maiestas" zeigt, ^) 

Diese Figuren (Abb. d. Berl. Akad. 1878 T. IV abgebildet) 
waren sämmtlich zum Anheften an Wandflächen bestimmt. 
Dazu gehört eine Reihe von Greifen, an deren Flügeln die 
bunten Farben zum Thoil vortrefflich erhalten sind. Sie ragten 



'J Statius Silv. IV G, 3b. 



XVI. Zwei Giebelgruppen von Tanagra. 337 

mit der Vorderseite aus der Wand hervor und dienten viel- 
leicht zur Ausstattung desselben Sarkophags, welchem der 
pythische Apollon angehört hat. Besonders merkwürdig ist eine 
männliche Figur in flachem Relief, bis auf den Kopf und den 
rechten Unterarm wohl erhalten ; der linke Arm ist nach_ links 
ausgestreckt, und auch der Kopf war nach dieser Seite ge- 
wendet. Die ganze Figur (0,115 hoch, von der rechten Schulter 
bis zum Ende des linken Arms 0,075 breit) ist von der Rück- 
seite dargestellt. Die Füfse, mit Jagdstiefeln bekleidet, sind 
frei gearbeitet und beide mit den Spitzen nach innen gewendet. 
Der Chiton ist von der rechten Schulter herabgesunken : um 
die Hüften ist ein Mantel gelegt. Diese Figur haben wir uns 
also auch als Glied einer gröfseren, zur Wandverkleidung be- 
stimmten, friesartigen Reliefcomposition zu denken, in welcher 
sie. nach rechts gehend, mit links stehenden Personen, nach 
denen sie umblickt, sich unterhält. Rückenfiguren in Terra- 
cotta. zu tektonischen Zwecken verwendet, kommen als Einzel- 
figuren auch auf Stirnziegeln vor, wie z. B. der Eros bei 
Campana. Tafel CV. 

So lehrreich nach allen Seiten die tanagräischen Giebel- 
figuren für unsere Anschauung antiker Plastik sind, so bleiben 
sie uns doch ein ungelöstes Räthsel. Denn wenn einerseits die 
ursprüngliche Giebelcomposition in beiden Gruppen unzweifel- 
haft ist. so machen andererseits die krummen Leisten, auf 
denen die Figuren stehen, es unmöglich, sie auf einer geraden 
Wandfläche angebracht zu denken. Wir sind also zu der An- 
nahme gezwungen, dafs die für Giebeldreiecke componirten 
Gruppen später zur plastischen Ausstattung grofser Rundgefäfse 
verwendet worden sind, und es bleibt die Aufgabe kunstarchäo- 
logischer Forschung, für solche Verwendung monumentaler 
Plastik an Thongefäfsen andere Beispiele zu finden.^) 



'J Ve:l. über die besprochenen Terracotten: Förster, Analekta zu den 
Darstellungen des Raubes der Persophone (mit den Bemerkungen von Treu). 
Pliilologus Suppl. IV S. 633 fi'. Die dort geäufserten Zweifel an der Echt- 
heit einzelner Theile werden in dem Verzeichnifs der Terracotten des 
Antiquariums eine genaue "Würdigung erfahren. Die Auffassung und 
Deutung der Gruppen ist von der kritischen Frage unabhängig. 



Cnrtius, Gesiimraelte Abhiindlungen. U. Bd. 22 



XVII. 

Der olympisclie Ostgiebel. 

(Hierzu Tafel IX.) 



Für die Anschauung grofser Compositionen hellenischer 
Plastik ist der Wissenschaft noch nie auf einmal ein so reiches 
Fundmaterial geboten worden, wie die Trümmer der beiden 
Giebelfelder, welche seit December 1875 aus dem Schutte der 
Altis hervorgezogen worden sind. Hier war die Aufgabe, das 
Zertrümmerte in seinem ursprünglichen Bestände wieder aufzu- 
bauen, eine unabweisbare. Die Betheiligung an dieser Aufgabe 
ist allgemeiner und lebendiger gewesen, die Lösung derselben 
aber in viel mannigfaltigerer Weise versucht worden, als anfangs 
vorausgesetzt werden konnte. Nachdem ich allen Versuchen 
sorgfältig gefolgt bin, ist es für mich, dem die erste Recon- 
struction für die Olympia-Ausstellung des Berliner Museums 
übertragen war, eine Verpflichtung, der ich mich nicht ent- 
ziehen kann, darüber mich auszusprechen, wie weit die Gesichts- 
punkte, nach denen die Berliner Abgüsse sowie die Originale 
in Olympia aufgestellt worden sind, sich bewährt haben oder 
nach neueren Forschungen zu berichtigen sind. Denn wo der 
Natur der Sache nach im Einzelnen so Manches zweifelhaft 
bleiben mufs, scheint mir Alles darauf anzukommen, Haupt- 
und Nebenfragen scharf zu scheiden und vor Allem die Funda- 
mente festzustellen, auf denen die Arbeit an einer der wich- 
tigsten Aufgaben unserer Denkmälerforschung fufsen mufs, wenn 
sie ihr Ziel erreichen soll. Diese Fundamente sind: 

1. Die Funds tätten an der Nordostecke des Tempels. 

Das sorgfältige Studium der Trümmerstätte, deren Resultat 

Herr Baurath Gräber zusammengestellt hat,^) liefs erkennen, 

*J Funde von Olympia in einem Bande 1SS2 S. 36. 



XVII. Der olympische Ostgiebel. 339 

dafs der durch die Erdstöfse verursachte Einsturz nicht überall 
gleichmäfsig erfolgt sei. An den Ecken bestand durch die 
Eckarchitrave eine festere Bindung, welche länger zusammen- 
hielt. Hier trat ein Conflict zwischen zwei Richtungen ein; 
darum sind die Säulen hier nicht der Länge nach in einer 
Linie vor den Tempel hinausgeschleudert worden, sondern in 
sich zusammengebrochen. Dies ist an der Nordostecke am 
deutlichsten. 

Die derselben nächsten drei Säulen der Südseite und der 
Ostseite bedecken mit ihren Trümmern den Stylobat, und dem- 
gemäfs sind auch die Bildwerke nicht wie die aus dem Süden 
und der Mitte der Ostfront weit hinausgeschleudert worden, 
sondern mit dem Gebälk zusammen niedergefallen: die drei 
Metopen, deren eine noch von einer Triglyphe bedeckt war, 
auf den Boden des Pronaos, und die drei Giebelfiguren 7 Meter 
vor dem Stufenbau des Tempels. 

Mag auch die grofse Katastrophe, welche den Tempel im 
sechsten Jahrhundert nach Chr. zertrümmerte, in einzelnen 
Punkten noch anders erklärt werden, die Thatsache, um die es 
sich bei der Reconstruction des Ostgiebels handelt, steht unbe- 
dingt fest, und da sie wohl nur Wenigen von denen, die an 
diesen Untersuchungen Theil nehmen, anschaulich vor Augen 
steht, so habe ich sie auf der beifolgenden Tafel IX darstellen 
lassen ; es ist die wichtigste Urkundentafel für die Frontseite 
des Tempels. 

Sie zeigt zwei Gruppen von Tempelsculpturen, wie sie an 
keinem andern Punkte des Tempelbodens zusammen liegen, 
die Reliefs auf dem Boden des Pronaos, die Giebelstatuen 
unterhalb der Tempelstufen. Die Reliefs gehören zu der 
Metopenreihe, welche Pausanias oberhalb der Fundstätte 
zwischen den Triglyphen des Pronaos gesehen hat, und es fragt 
sich nur, ob sie in derselben Folge unten liegen, wie sie oben 
angebracht waren. 

Die Entscheidung dieser Frage ist von dem Texte des 
Pausanias abhängig, der hier eine Lücke hat.^) Die Kerberos- 
metope ist ausgefallen, und man hat angenommen, sie sei die 
letzte in der Reihe von Süd nach Nord gewesen.^) Die An- 



») Vgl. A. Michaelis, Archäol. Zeitung XXXIV S. 172. 
•-) Archäol. Zeitung XXXIV S. 320. 



340 XVII. Der olympische Ostgiebel. 

nähme ist ohne Grund, und ich glauhe. wir können durch eine 
sorgfältigere Beachtung des Textes ein anderes Ergebnifs er- 
reichen. Die letzten drei Metopen der Ostseite unterscheiden 
sich von den drei ersten dadurcli, dafs sie keine Kämpfe des 
Herakles darstellen ; die Atlas- und die Kerberostafel haben 
aber unter sich wieder das Gemeinsame, dafs jede derselben 
eine eben begonnene, noch unvollendete Handlung zum Gegen- 
stande hat. Herakles will (nach Pausanias Auffassung), die 
Atlaslast auf sich nehmen, er will den Kerberos hinaufbringen. 
Zu beidem pafst der Ausdruck ^ifkktiv. Ich glaube also die 
Lücke bei Pausanias V 10 so ausfüllen zu dürfen: 'l^rlawos 
xb (poQYifia Exdexeod^ai \xcd rdv KeQßsoov i^ 'Lzliöov yMfii'Ceiv] 
/iislXiov y.al rrjg y.oTtQov vxcd^aiQiov rrjv yi-jP iorlv ^H'Ldoig. 'l'Tthg 
de Tov oTiiododof-tov ^töv d-vQiov etc. Mag nun /ueDuov einmal 
oder zweimal im Texte gestanden haben, auf jeden Fall erklärt 
sich hier zwischen Metope 4 und 6 der Ausfall des Kerberos 
am leichtesten, und diese Ausfüllung der Lücke findet ihre 
Bestätigung in der Thatsache, dafs die betreffende Metope an 
fünfter Stelle zwischen Atlas- und Augeiasmetope in der Mitte 
gefunden worden ist. Es ist also kein Grund anzunehmen, 
dafs beim Sturz der Relieftafeln die Reihenfolge derselben ver- 
ändert worden sei ; die Fundstätten können vielmehr als urkund- 
liche Zeugnisse der ursprünglichen Anordnung gelten. "Wie die 
Metopenreihe im Westen mit einer That in Argolis beginnt, 
so schliefst sie hier sehr passend mit einer Scene in der elischen 
Landschaft. Auch Treu hat jetzt die Augeiasmetope an die 
Ecke gestellt. 

Den drei Metopen entsprechen drei Giebelstatuen, die vom 
21. — 29. December 1875 unten auf dem Tempelboden in einer 
Flucht neben einander auftauchten : Kladeos vor dem nörd- 
lichsten Intercolumnium in zwei Stücken mit zugehörigen 
Faltenfragmenten; einen Schritt entfernt der Knabe in zwei 
Stücken nebst zwei Armfragmenten, der zweiten Säule der Ost- 
halle gegenüber; der Alte in drei Stücken nebst Brustsplittern 
und Faltenfragmenten; Obertheil und Kopf unter einer gekippten 
Säulentrommel, welche mit ihrem Rande dem Capitell der zweiten 
Säule auflag. 

Dieses Nest von Giebelskulpturen an der Nordostecke des 
Tempels wäre ein unlösbares Räthsel, wenn sie nicht zusammen- 
gehörten. Nun fügen sie sich aber in derselben Folge, wie sie 



XVII. Der olympische Ostgiebel. 34j^ 

am Boden lagen, — die liegende, die kauernde und die sitzende 
Figur — so genau wie möglich in den scharf zugeschnittenen 
Winkel der Giebelecke, unter der sie auftauchten. Es war 
also bei unbefangener Beachtung des Thatbestandes nur ein 
Schlufs möglich : wie die drei Metopen senkrecht vom Gebälk 
heruntergefallen sind, so sind auch die drei Statuen, durch 
denselben oder einen ähnlichen Erdstofs abgeschleudert, in 
kurzem Falle mit einander herabgestürzt, wie sie unten lagen. 
Dieser Schlufs erschien so selbstverständlich, dafs er niemals 
als ein wissenschaftliches Ergebnifs vorgetragen wurde, und es 
war nur im Sinne Aller gesprochen, wenn Treu allen übrigen 
Fundstätten, die keine zwingenden Schlüsse gestatten, gegen- 
über diese drei Statuen für unberührt erklärte und ihren Fundort 
für die wichtigste aller Thatsachen.^) 

Ihre Beweiskraft ist später bei Seite geschoben, aber nie 
entkräftet worden. 

Ich habe sagen hören, im Anfang der überraschenden 
Erfolge sei man in Feststellung der einzelnen Funde noch nicht 
so genau und wohlgeschult gewesen. Das Wesentliche aber, 
worauf es ankommt, steht unbedingt fest. Die Säulentrommeln 
sind weggeräumt, um die Statuen frei zu machen ; die Fundthat- 
sachen selbst, wie sie unsere Tafel zeigt, hat Niemand mit Recht 
in Zweifel ziehen können. Auch die Frage nach der Ausdehnung 
der mittelalterlichen Bauwerke berührt den Kern der Frage 
nicht ; denn selbst wenn dieselben an die Nordostecke hinan 
gereicht haben sollten, würden sie nur die dort gefundenen 
Trümmer benutzt haben. 

So sehr man sich auch beeifert hat, dem Zufall den 
weitesten Spielraum auf dem Trümmerfeld zu öffnen und seine 
wunderlichsten Leistungen durch „Curven, unberechenbare 
Drehungen beim Abschleudern der Marmorblöcke" u. s. w. 
einigermafsen glaubwürdig erscheinen zu lassen,-) so sind dies 
doch ganz allgemein gehaltene Behauptungen geblieben, welche 
aus der Absicht hervorgegangen sind, die Nichtbeachtung der 
Fundstätten zu rechtfertigen, und kein Unbefangener kann sich 
dadurch zu der Ansicht umstimmen lassen, durch blinde Natur- 
gewalten seien Bildwerke, welche ganz verschiedenen Plätzen 



>J Archäol. Zeitung XXXIV S. 188. 
-J A. Bötticher, Olympia - S. 266. 



342 XVII. Der olympische Ostgiebel. 

angehören, in der Weise unter der Tempelecke zusammen- 
gewürfelt, .dafs sie zu dreien der Reihe nach eine vollkommen 
normal ansteigende Giebel-Eckgruppe bilden. 

Den Kladeos hat Niemand aus seiner heimlichen Ecke 
verdrängen wollen; bei seinen Nachbarn gehen die Ansichten 
auseinander. Die Einen erklären ihre Fundstellen für zufällig 
und durchaus gleichgültig, Andere schlagen einen Mittelweg 
ein. Aufser dem Kladeos soll auch der Greis an seiner Fall- 
stelle liegen geblieben, der Knabe aber „durch einen unberechen- 
baren Zufall" zwischen Greis und Kladeos gerathen sein, wo 
ursprünglich das Mädchen seinen Platz gehabt habe. Hier 
wird also ein Vorgang vorausgesetzt, der mir doch über das 
weiteste Mafs der Zufälligkeit hinauszugehen scheint. Denn 
wir müfsten annehmen, dafs die richtige Figur zwischen Greis 
und Kladeos herausgenommen sei, um eine andere, weit ent- 
legene, und zwar die einzige unter allen 21 Giebelfiguren, 
welche hierher pafst, in zwei Bruchstücken nebst den dazu 
gehörigen kleineren Fragmenten vorsichtig hineinzulegen und so 
die Lücke wieder auszufüllen. Das kann doch unmöglich der 
blinde Zufall verübt haben; das würde einer auf Täuschung 
angelegten Interpolation gleichen. Auch Kekule sagt: „Ich 
kann mich durch Alles, was Treu anfühlt, nicht in der Ueber- 
zeugung irre machen lassen, dafs nach Ausweis der Fund- 
berichte dem hockenden Knaben zwischen Greis und Kladeos 
der Platz angewiesen werden mufs,"^) und wenn er noch andere 
für die Anordnung der Statuen in Betracht kommende Fund- 
thatsachen anführt, betont er doch ausdrücklich, dafs sie denen, 
welche die Aufstellung von Greis, Knabe und Kladeos bestimmen, 
nicht gleich kommen (S. 4ÜU). 

2. Die Beschreibung des Pausanias. 

Pausanias will bei dem olympischen Ostgiebel vollständig 
sein, ebenso wie bei dem von Tegea;~) aber er ist in Olympia 
noch viel sorgfältiger; wir haben hier in vollstem Mal'se den 
von 0. Jahn gepriesenen seltenen Glücksfall, bei alten Schrift- 
stellern eine so genaue Beschreibung zu finden, dafs man sie 



>) Rhein. Museum XXXIV 4,S5. 

*) 7E),tV't<tlOi Iftini\'yoOi VII 75. 



XVII. Der olympische Ostgiebel. 343 

mit dem erhaltenen Werke nur zusammen zu halten braucht, 
um die Identität zu constatiren.^) 

Es ist ein echt hellenischer Zug an Tansanias, dafs er an 
den übersichtlichen, streng geordneten Compositionen alter Kunst 
besonderes Gefallen hat. So steht er hier, vor der Mitte des 
Ostgiebels, Zeus gegenüber, der Centralfigur, von welcher er 
anhebt: ,.E,echts von Zeus Oinomaos und neben ihm Sterope, 
Myrtilos vor den Pferden sitzend, der Pferde aber sind vier; 
dann zwei Männer und in der Ecke Kladeos. Links vom Zeus 
Pelops und Hippodameia. des Pelops Rofslenker und die Pferde, 
zwei Männer ; dann senkt sich wiederum der Giebel zur Ecke 
hinunter und in derselben liegt Alpheios." 

Auch diese Beschreibung hat man verschieden beurtheilt. 
„Man mufs auf die Worte nicht drücken", hat man gesagt. 
„Wie machen wir es, wenn wir nicht peinlich Figuren auf- 
zählen?"'-) 

Aber hier wird ja mit pedantischer Genauigkeit Figur für 
Figur an ihrem Platze namhaft gemacht, mit Berücksichtigung 
des Rahmens, der die Gruppe einfafst und ihre Aufstellung 
bedingt. Sie ist so vollständig und anschaulich, dafs man schon 
vor Auffindung der Bildwerke im Stande war, die Composition 
im Ganzen richtig zu zeichnen, wie es Heinrich Strack bei 
meinem ersten Olympiavortrag 1852 gethan hat. Die Aus- 
grabungen haben ein Versehen aufgedeckt. Pausanias hat die 
weibliche Figur verkannt, die vorgebeugt hockende, welche er 
mit zu den Hippokomen rechnet. Es ist eine Flüchtigkeit, die 
sich daraus erklärt, dafs seine Aufmerksamkeit vorzugsweise 
den mythologischen Gestalten zugewendet war; sonst ist durch 
die Aufgrabung nichts zu Tage gekommen, was seine Zuver- 
lässigkeit in Frage stellte. Die Gesammtzahl der 21 Bildwerke 
hat sich bestätigt ; jedes der beschriebenen läfst sich nachweisen. 
Es ist auch kein vernünftiger Grund ausfindig zu machen, 
weshalb Pausanias in seiner schlichten, nüchternen Aufzählung 
von der Richtigkeit dessen, was er klar vor Augen hatte und 
wobei er von aller Welt controlirt werden konnte, abgewichen 
sein sollte. Wenn wir der genauesten aller seiner Beschrei- 
bungen nicht trauen wollen, so wäre es eine Thorheit, an seine 



') Aus der Alterthumsvvissenschaft S. 206. 
2) Münchener Sitzungsberichte 1888 S. 181. 



344 XVII. Der olympische Ostgiebel. 

Beschreibungen des Kypseloskastens, des amykläischen Throns 
oder der delphischen Lesche zu glauben und sie als Urkunden 
der Kunstgeschichte zu verwerthen. 

Der Ostgiebel ist es hier wie in Tegea gewesen, der seine 
Aufmerksamkeit gefesselt hat; in die wild bewegten Gruppen 
der Westfront hat er sich nicht so hineinfinden können, sie 
waren ihm weniger symjDathisch. Ihre Beschreibung ist ungenau 
und unvollständig. Es ist also nicht zu billigen, wenn man 
hier auf sein Zeugnifs Gewicht legt, während man es im Ost- 
giebel verwirft.^) 

3. DieResponsion, 

Jedes gröfsere Werk hellenischer Kunst, der bildenden 
wie der dichtenden, ist ein ^vi)-iut6^ievov] d. h. durch den 
Rhythmus werden die stofflichen Elemente zu einem idealen 
Ganzen gebunden und geordnet. Das Giebelfeld verlangt am 
meisten ein strophische Anordnung, um beide Seiten als ein 
harmonisches Ganze erscheinen zu lassen, als ein Gesammtbild, 
das nach Analogie des Tempelbaus, dem es angehört, das will- 
kürliche Belieben des Künstlers in gemessenen Schranken hält. 

Man hat, um Verstöfse gegen rhythmische Symmetrie im 
Ostgiebel zu entschuldigen, eine zwiefache Art von Entsprechung 
angenommen, eine äufserliche der Linienführung und eine der 
sachlichen Motive, Diese Unterscheidung lässt sich aber aus 
den Werken der strengeren Kunst nicht nachweisen. 

Im tegeatischen Ostgiebel finden wir zu Seiten der Mittel- 
gruppe an dritter Stelle einerseits Kastor, andererseits Polydeukes, 
Ebenso sind in der giebelartigen Gruppe von Tanagra die beiden 
Dioskuren einander an gleichem Platze gegenüber gestellt.^) 
Es sind also nicht blofs Figuren, welche sich nach Gröfse, 
Haltung und Stellung einander entsprechen, sondern auch inner- 
lich gleichartige, einander verwandte und mythologisch zusammen- 
gehörige Persönlichkeiten. Dasselbe Prinzip erkennen wir in 
den freien Statuengruppen der altern Kunst, bei Onatas, 
Lykios u. A. Am lehrreichsten ist des Lykios Werk, das 
AVeihgeschenk der Apolloniaten (Paus. V 22). Hier standen 
zu Seiten der Mittelgruppe fünf Heroenpaare im axrjf^ia dvTireray^ 



'J Münchener Sitzungsberichte 1888 II S. 190. 
^) Siehe oben S. 333. 



XVII. Der olympische Ostgiebel. 345 

i.iinov ; erst Achilleus und Memnon im Zweikampfe begriffen; 
urd-earff/MGL Öe /.cd ccAAog ä'/jj^i v.cau tu uvtcx, uvt)Q ßccQii^uQog 
ch'ÖQc "E'/.Är^vi, 'Oduoaevg f.iev '^EKivu), ort ovroi ixaXiGxcc S7ti oocpia 
dö^av dh'Yftouv, Mevekäii) öh vMxa t6 ^xO'og to l^ «?/^b 
^-^/.f^avÖQog u. s, w. Hier sehen wir also am deutlichsten die 
auf beiden Flügeln einander gegenüber aufgestellten Einzel- 
figuren dadurch unter sich verbunden, dafs sie alle vier nicht 
blofs äufserlich sich entsprechen, sondern auch eine innere 
persönliche Beziehung zu einander haben, wie sie bei zwei 
Paaren von Pausanias im Sinne des Künstlers angegeben ist. 
Das ist das, der Strophe und Gegenstrophe der Dichter ent- 
sprechende, Gesetz der plastischen „Antitaxis", ein in allen der 
Gottheit geweihten, monumentalen Compositionen herrschendes 
Kunstprinzip, nach welchem auch beide Olympiagiebel geordnet 
waren, am strengsten der Ostgiebel. Das war schon aus dem 
Texte des Pausanias ersichtlich, und Welcker konnte mit vollem 
Recht die Forderung stellen, des Pelops Rofslenker müsse dem 
Myrtilos entsprechen.^) — 

Die Fundstellen, Pausanias und die Responsion — das 
sind die drei Normen, die jeder Reconstruction zu Grunde 
liegen müssen. Sie kommen nie in Conflikt mit einander, 
worin ich einen Hauptbeweis ihrer Gültigkeit zu erkennen 
glaube ; jede Vernachlässigung aber führt zu Uebelständen, 
welche anzeigen, dafs man nicht auf dem richtigen Wege sei. 
Ich werde also in aller Kürze die ßeconstructionsversuche be- 
sprechen, welche sich von den angegebenen Normen lossagen, 
und dann die Anordnung, bei welcher sie mafsgebend bleiben. 

Von allen Schranken haben sich diejenigen Reconstructionen 
am vollständigsten losgemacht, welche die Rennpferde getrennt 
haben und sich die Viergespanne vor der Einjochung dargestellt 
denken. Das ist die „Anschirrungstheorie", wie wir sie kurz 
bezeichnen können, welche mit kühnem Muth von Six aufgestellt 
und von Sauer aufgenommen worden ist. Die beiden jungen 
Gelehrten sind davon ausgegangen, dafs sie an der Monotonie 
des im Anschlufs an Pausanias gezeichneten Giebelfeldes An- 
stofs nehmen. Sie vermissen Handlung und Bewegung, obwohl 
das Thema der Darstellung Beides ausschliefst; sie suchen die 
Gestalten aus ihrer Starrheit zu erlösen, und dies wohlgemeinte 



') Welcker, Alte Denkmäler I 181. 



346 XVII. Der olympische Ostgiebel. 

Heilverfahren hat zu den Reconstructionen geführt, welche im 
Journal qf Hellenic studies X Tafel 6 und in dem Jahrbuch 
des Instituts VI S. 65 veröffentlicht sind. 

Hier ist die Hälfte des ganzen Giebelfeldes, in welchem 
Götter und Heroen auftreten, von Pferdeleibern eingenommen. 
Gleichgültige Verrichtungen eines untergeordneten Personals 
machen sich in ungebührlicher Breite geltend; die Aufmerk- 
samkeit des Beschauers wird zerstreut und von der Hauptsache 
abgelenkt. Genreartige Scenen werden vorausgesetzt, die dem 
Charakter monumentaler Tempelplastik widersprechen, Scenen, 
deren Motive dem unbefangen Betrachtenden unverständlich 
bleiben. Daher mufs man durch eine novellistische Auffassung 
die willkürliche Gruppirung zu erklären suchen. Dem knieenden 
Mädchen, dem man zu den Füfsen von Sterope den Platz 
anweist, soll man ansehen, dafs sie hier nur vorübergehend weile. 
Sie ist eine Botin der Hippodameia, die klopfenden Herzens 
ihrer Wiederkunft harrt ; von ihr ausgesendet, um Myrtilos zu 
bestechen, hat sie als Unterpfand des Verraths den Pflock 
empfangen und händigt dem Verräther den versprochenen Lohn 
ein. So nach den im Jahrbuche S. 41 abgedruckten Worten, 
in denen uns zugemuthet wird, diese „heimliche Scene" in der 
Mitte des Ostgiebels zu erkennen. 

Die von einander getrennten Pferde vorn und hinten machen 
den Urhebern dieser Aufstellung viel zu schaffen. Bei dem 
Einen wird das hinterher kommende Pferd garnicht geleitet ; 
ein gut geschultes Wagenpferd, heifst es, „can trot along by 
itself to bis companions" (Hellenic studies p. 105); in der 
Zeichnung des Andern sind knieende Männer (der eine mit abge- 
wendetem Kopfe) die losen Pferde von hinten heranzuziehen 
beschäftigt. Hinter und vor den Pferden sehen wir Leute mit 
Zügeln und Leitseilen ; die eigentlichen Bofslenker, auf die es 
doch nach dem Fürstenpaare am meisten ankommt, sind auf 
keiner Seite scharf charakterisirt. Auf der rechten mufs der 
Alte, der schwermüthig seine Hand an die Wange legt, in diese 
Hand noch die Zügel nehmen, um das noch unvollständige 
Viergespann zu halten. Die Haltung der Figur steht mit der 
ihm zugemutheten Function in grellem Widerspruch. Beide 
Reconstructionen haben aufserdem den auffallenden Uebelstand, 
dafs, jeder vernünftigen Giebelplastik zuwider, Thiergestalten 
gleicher Kopfhöhe hintereinander stehen. 



XVII. Der olj'mpische Ostgiebel. 347 

In der Beurtheilung dieser Versuche bin ich mit Treu und 
Furtwängler in voller Uebereinstimmung. Beide Gesijanne 
waren angeschirrt und im Joche, wie in Olympia immer die 
Quadrigen dargestellt wurden ; lose Pferde haben hier keinen 
Platz, und Pausanias sah, wenn er Myrtilos vor den vier Pferden 
sitzend nennt, dieselben Schulter an Schulter neben einander. 
Der Umstand aber, der die ganze Anschirrungstheorie veran- 
lafst hat, dafs nämlich das zweite Pferd an seiner Vorderseite 
wohl modellirt ist, kann entweder so erklärt werden, dafs das 
aus einem besonderen Block gehauene Vollpferd eine Zuthat ist, 
welche man während der Ausführung der Giebel wünschens- 
werth fand (wie ich in meinen „Studien über die Tempelgiebel" 
Sitzungsber. der Akad. 1883, S. 780 vermuthete), oder man hat 
von Anfang an dem ersten Reliefpferde eine vollere Ausarbeitung 
geben wollen, wie auch an den tanagräischen Terrakotten die 
Mittelpferde vom Gespann des Pluto ihre Modellirung erhalten 
haben, ^) Uebrigens hat man schon längst mit Recht darauf 
hingewiesen, dafs die Modellirung des ersten Reliefpferdes keines- 
wegs eine sorgfältig ausgeführte sei. Auf jeden Fall ist es un- 
thunlich, auf diese Thatsache Schlüsse zu bauen, um die Auf- 
lösung der Quadrigen zu begründen. 

Endlich die Mittelgruppe. Hier wird gegen Pausanias 
geändert, indem man die Frauen als Hauptpersonen zur Rechten 
wie zur Linken neben Zeus stellt. Diese Aufstellung wird, 
obwohl sie an sicli unwahrscheinlich ist und die gleichmäfsige 
Abstufung der Kopfhöhen in der Giebelmitte aufhebt, als er- 
wiesen angesehen, und aus dieser „Thatsache" wiederum der 
„Beweis geführt", dafs Pausanias' Beschreibung nicht immer 
dasselbe „Schema" (d. h. die einfache. Allen vor Augen 
stehende Wirklichkeit) zu Grunde liege, sondern dafs er es je 
nach der Eigenart des Gegenstandes „abwandle" (Jahrbuch S. 12). 

So dankbar ich jede ernsthafte Bestrebung zur Recon- 
struction des Ostgiebels anerkenne, so mufs ich doch nach 
meinem Begriff von dem, was Wissenschaft ist, diese Behand- 
lung ehrwürdiger Ueberreste des hellenischen Alterthums als 
eine höchst willkürliche ansehen, aus welcher nur eine Ver- 
wilderung und möglichst grofse Entstellung des Urbildes hervor- 
gehen konnte. 



') Abliandluiij^en der Akademie 1878 Tafel III. 



348 XV]I. Der olympische Ostgiebel. 

Viel schwerer wird es mir, zu der Reconstruction von Treu 
Stellung zu nehmen, mit dem ich Jahre lang in gemeinsamer 
Freude an den olympischen Funden gearbeitet habe und dem 
ich von dem Tage an, wo unsere Ansicliten unerwartet aus- 
einander gingen, meinen Widerspruch nie verschwiegen habe, 
von dem er selbst am Besten weifs, dafs er nur auf sachlichen 
Gründen beruht. Er erkennt mit mir die drei Normen an, 
aber er ist darin nicht consequent. Er berücksichtigt die 
Fundthatsachen und hält es doch für möglich, dafs das sitzende 
Mädchen mit dem hockenden Knaben den Platz getauscht 
habe ; er glaubt mit mir an Tansanias und an das Gesetz der 
Responsion, aber er sagt sich von beiden los, indem er den 
einen Lenker vor, den andern hinter die Pferde setzt. 

Vor den Gespannen war der rechte Platz für solche 
Personen, welche zweiten Ranges sind, aber unter diesen die 
wichtigsten ; das sind die Männer, welche die Pferde herbei- 
geleitet haben und dieselben bis zu dem Momente der Abfahrt 
halten. "Wer hinter den Gespannen am Boden sitzt, wird, 
wenn die Pferde plötzlich losgehen sollten, vornüber gerissen 
und widerstandslos geschleift. Vorn am Gebifs werden Pferde 
am sichersten gehalten ; hier spürt des Kundigen Hand, auch 
ohne die Köpfe anzusehen, den leisesten Anfang von Unruhe. 
Hieher fällt der Blick des vor der Giebelmitte stehenden Be- 
schauers sofort,, und wenn er nun auf der rechten Seite den 
Zügelhalter an seinem Platz gesehen hat, wird er ihn unwill- 
kürlich auf derselben Stelle links suchen und fühlt sich unan- 
genehm getäuscht, wenn er hier zwar auch einen Mann hocken 
sieht, aber einen, der nichts mit den Pferden zu schaffen hat, 
während der Zügelhaltende weit hinter dem Gespanne sitzt. 
Das ist eine schwere Verletzung der Symmetrie an einer der 
wichtigsten Stellen, einem falschen Versfufse gleich, der, wenn 
er in einer pindarischen Gegenstrophe sich finden sollte, sofort 
anzeigt, dafs hier etwas niclit in Ordnung sei. Die Asymmetrie 
ist um so störender, als man keinen Grund einsieht, warum 
die Rofslenker bei gleicher Function verschiedene Plätze haben 
sollen. 

Mit der Abweichung von dem, was die Fundstätten, Pau- 
sanias und die Symmetrie fordern, stellen andere Ergebnisse 
in Verbindung, die ich als Uebelstände ansehen mui's. Erstens : 
der sitzende Knabe unter den Pferdeköpfen liat nach Treu's 



XVII. Der olympische Ostgiebel. 349 

Aufstellung nichts zu thun ; er ist an einer centralen Stelle, 
wie zugegeben wird, eine blofse Füllfigur, und wenn in Bezug 
darauf gesagt wird: „Warum soll denn Alles eine Bedeutung 
haben?" so würde es doch, meine ich. ein auffallendes Armuths- 
zeugnifs für den schaffenden Künstler sein, wenn er bei einem 
Giebelfelde, das er mit einer bestimmten Anzahl von Statuen 
zu füllen übernommen hat, sich unfähig zeigte, jeder Gruppen- 
figur eine bestimmte Rolle und Bedeutung im Ganzen anzu- 
weisen, wie man es doch bei einem in der Volkssage hoch- 
gefeierten Gegenstande erwarten mufs. Haben wir nicht bei 
allen Figurenreihen altgriechischer Kunst, die sich überblicken 
lassen, den zweifellosen Eindruck, dafs nichts Bedeutungsloses, 
nichts Schablonenhaftes sich darunter findet? Bedeutungslose 
Figuren wären einer leeren Phrase zu vergleichen, die des 
Metrums wegen einem Chorliede eingeschoben wäre. 

Zweitens findet man auch nach den Giebelecken zu keinen 
rechten Zusammenhang. Das hockende Älädchen, das hinter 
dem Alten eingesetzt wird, soll eine „Gefährtin'' desselben 
sein. Aber wodurch wird sie als solche charakterisirt ? Sie 
sieht ihm auf den Rücken ; und ihre gebeugte Stellung wird 
aus Raummangel erklärt. Endlich ist auf der gegenüber 
liegenden Seite der Knabe hinter dem sogenannten Rofslenker, 
,,ein Kentron haltend", ohne eine seiner Stellung entsprechende 
Function. Das wären nach meinem Urtheile Zeichen von 
Schwäche künstlerischer Kraft, welche ich bei einem zu diesem 
grofsen, nationalen "Werke erkorenen Meister nicht voraussetzen 
möchte. 

Die drei Forderungen, welche meiner Ueberzeugung nach 
an jede Reconstruction gestellt werden müssen, scheinen an 
sich so einleuchtend, dafs ohne zwingende Gründe wohl kein 
Verständiger behaupten wird, die Figuren der Nordostecke 
seien durch Zufall so zusammengeschleudert, Pausanias' genaue 
Aufzählung der 21 Figuren sei verkehrt und es herrsche im 
Giebel keine Symmetrie, Die Ablehnung der Forderungen bei 
Treu und neuerdings auch bei Furtwängler wird daher als 
eine durch die Fundthatsachen gebotene aufgefafst, und in 
Bezug auf die dritte hat man gesagt: ,,so lange die Giebel- 
gruppen bekannt sind, iiat man zugestehen müssen, dafs eine 
streng symmetrische Aufstellung unmöglich sei" (Jahrbuch 
VI 42). 



350 XVII. Der olympische Ostgiebel. 

Es kommt also darauf an, das Ergebnifs zu prüfen, bei 
welchem die drei Normen eingehalten sind; das ist diejenige 
Reconstruction des Ostgiebels, welche nach meinen Grund- 
sätzen durch Bildbauer Grüttner im Olympiamuseum zu Berlin 
ausgeführt und im hiesigen Ausstellungspark befolgt worden 
ist; dieselbe, welche auch der Aufstellung der Originale in 
Olympia zu Grunde liegt, und die von Kavvadias in seiner 
Abhandlung über Paionios, von Flasch in Baumeister's Denk- 
mälern, von E. Weil in Meyer's Conversationslexicon (1879-1880) 
,, Olympia", und von Lucy Mitchell (History of ancient sculpture 
p. 264) angenommen ist. 

Wir unterscheiden in dem grofsen Ganzen drei wohl- 
geordnete Gruppen: 1) Zeus und die beiden Heroenpaare im 
Centrum, 2) die beiden Viergespanne mit den auf den be- 
vorstehenden Wettkampf bezüglichen Männern, 3) die Eck- 
gruppen von Ortsgottheiten, welche das Lokal des Wettkampfes 
bezeichnen. 

Rein äufserlich betrachtet, befinden sich die liegenden, 
knieenden, sitzenden, stehenden Figuren auf der rechten und 
linken Seite in vollkommener Entsprechung. Wir sehen ein 
durchaus richtiges Sinken der Kopfhöhen vom Scheitel des 
Zeus bis zu den beiden Ecken, ohne dafs ein Raumzwang 
empfunden wird. Wir sehen auch keine Figuren, die bei voller 
Giebelhöhe tief gebückt dasitzen, wofür aus dem Ganzen der 
Composition keine Motivirung herzuleiten ist. Wir erhalten 
den wohlthuenden Eindruck eines richtigen Gleichgewichts beider 
Seiten ; bekleidete und unbekleidete Gestalten bilden eine ange- 
nehme Abwechslung innerhalb des ruhigen Gesammtbildes, wie 
es dem Ostgiebel eines Tempels entspricht. Wir fühlen, dafs 
Alles von einem künstlerischen Geist wohl durchdacht ist, der 
keiner Füllfiguren bedurfte, um Lücken zu stoj^fen, der nichts 
Ueberflüssiges angebracht und nichts AVesentliches ausge- 
lassen hat. 

Die Rofslenker gehören an die Stelle, wo Pausanias sie 
nennt, der Centralgruppe am nächsten ; es sind untergeordnete 
Leute, aber die den l'ürstlichen Personen nächst verbundenen, 
die für das Bevorstehende wichtigsten ihrer Diener. Myrtilos 
war eine der populärsten Figuren der nationalen Sage. Nach 
ihm fragte Jeder; er mufste sicher charakterisirt sein. Nimmt 
man ihn unter den Köpfen des königlichen Gespanns weg, so 



XVII. Der olympische Ostgiebel. 351 

bleibt dasselbe ohne richtigen Lenker; man weifs den nicht 
zu finden, den Alle suchen, und die Rosse stehen verlassen. 
Beide Lenker halten an gleicher Stelle die sclion im Jochringe 
befestigten, über die Hälse der Pferde schlaff herabhängenden 
Zügel, um erst in dem Momente loszulassen und bei Seite zu 
treten, wenn ihre Herren den Wagenstuhl besteigen und von 
oben die Zügel anziehen. 

Die hinter den Gespannen sitzenden Männer — der tief- 
sinnige Greis und der aufschauende Alte — sind unleugbare 
Gegenstücke; Pausanias erfuhr von ihnen nur, dafs sie auch 
mit den Rossen zu thun hätten. Sie sind offenbar in loserer 
Weise mit dem Wettkampfe in Zusammenhang, nicht werk- 
thätig, sondern mit ihren Gedanken. Darum habe ich mit 
Newton an die im Dienste der Fürsten stehenden Wahrsager 
gedacht, die bei keiner grofsen Action fehlen durften, den einen 
von bösen Ahnungen erfüllt, den andern hoffnungsreich. Ich 
habe keine belehrenden Einwendungen vernommen, noch eine 
andere, bessere Deutung. 

Den beiden grofsartigen Gruppen, der um Zeus und der 
um die Viergespanne vereinigten, mufste rechts und links ein 
würdiger Abschlufs entsprechen. Eine Einzelfigur ist, wie Brunn 
richtig empfunden hat, für ein so grofses Giebelwerk unge- 
nügend.^) AVir dürfen also annehmen, dafs Paionios hier dem 
Meister des westlichen Parthenongiebels in einem der glück- 
lichsten Motive vorangegangen ist, wenn es auch noch nicht 
gestattet ist, die Ortsgottheiten sicher zu benennen. Denn ich 
halte alles auf Vermuthungen Beruhende von dieser Unter- 
suchung absichtlich fern. 

Innerhalb der drei Gruppen lassen sich fein gedachte, 
jedem Verständigen klare Beziehungen zwischen den Nachbar- 
figuren erkennen ; so die huldreiche Wendung des Zeuskopfes 
nach der Seite des Pelops, wodurch (wie bei der Stellung der 
Athena im äginetischen Giebel) leise angedeutet wird, dafs die 
centrale Gottheit nicht parteilos zwischen den Parteien stehe. 
Deutlicher ist der für Pelops zu erwartende Erfolg dadurch 
ausgesprochen, dafs Hippodameia als die künftige Braut neben 
Pelops gestellt ist. 



•) Münchener Sitzungsberichte 1888 S. 182. 



352 XVJI. Der olympische Ostgiebel. 

Hier handelt es sich nm eine wichtige Streitfrage in Betreff 
der beiden Frauengestalten. 

Studniczka hat in der Archäologischen Zeitung (XLTI 227) 
darauf aufmerksam gemacht, dafs das Gewand unserer Sterope, 
das nur an der Schulter zusammengesteckte, nach unten offen, 
für eine fürstliche Matrone unstatthaft sei, und dafs auf der 
andern Seite bei unserer Hippodameia Haartracht und Kleidung 
nicht mädchenhaft genug sei Darauf beruht die von ihm 
vorgeschlagene Umstellung. 

Dagegen glaube ich mit Flasch und Six an der von mir 
sogenannten Hippodameia festhalten zu müssen, welche mit der 
linken Hand den Schleier vorzieht. Das ist eine bräutliche 
Handbewegung, wie Studniczka einräumt, die aber auch einer 
Ehegattin zukomme. Sollte dies auch hier passend sein, wo 
Sterope sich augenscheinlich von Oinomaos abwendet? Ferner 
scheint der sorgenvolle Niederblick unserer Sterope für eine 
Braut unj^assend. Hippodameia steht, als Braut charakterisirt, 
neben Pelops und hat in ihrer vorgestreckten Rechten ein 
bedeutungsvolles Symbol gehalten, das nach meiner Ueberzeugung 
nichts Anderes als ein Siegeszeichen, ein Kranz oder eine Sieger- 
binde, gewesen sein kann, wie sie im Hippodrom von Olympia 
mit der Tänia in der Hand dargestellt war, eine typische 
Figur; die Mutter aber steht dort an ihrem Platze, wo sie 
von dem Gatten, dessen Gesinnung sie nicht theilt, abgekehrt, 
angstvoll auf Myrtilos niederblickt, von düsteren Ahnungen 
bewegt. 

Wollte man — um noch einen ganz äufsern Gesichts- 
punkt, den der plastischen Linienführung, hervorzuheben — 
die Frau mit der vorgestreckten Rechten als Sterope neben 
Oinomaos stellen, so entsteht zwischen dem Frauenarm und 
dem des Oinomaos ein unschöner Conflict: ein Arm schneidet 
den andern. 

Indem man die Frau mit dem vorgestreckten Arm, 
Studniczka folgend, für Sterope nahm, liat man daran weitere 
Combinationen geknüpft. Man hat ihr eine Schale in die Hand 
gegeben und eine Opferhandlung vorausgesetzt. Oinomaos soll 
gedacht werden wie er seiner Gattin die Schale aus der Hand 
nehmen will, um unter Assistenz von Hijipodameia auf dem 
vor ihm stehenden Altar zu opfern. „Was jetzt vor sich geht, 
hat für die Frauen kein Interesse" (Jahrbuch VI 40). 



XVII. Der olympische Ostgiebel. 353 

So hat man das Mögliche gethan, um durch willkürliche 
Einführung ungehöriger und in sich unzusammenhängender 
Motive die Einheit des künstlerischen Ganzen zu zerstören. 
Von einer Opferhandlung ist keine Spur vorhanden. Wäre ein 
Königsopfer dargestellt, so wäre dies die Hauptsache. 

Ich habe die Aufstellung, welche den drei Forderungen 
genügen will, im Allgemeinen zu rechtfertigen gesucht, ohne 
behaupten zu wollen, dafs sie keine Angriffspunkte darbiete. 

Unter den Einwendungen, die man gemacht hat, ist die- 
jenige, dafs der ^yagenlenker des Pelops eine zu jugendliche, 
fast knabenhafte Figur habe, wohl der am wenigsten erhebliche 
Einspruch : sie ist der des jugendlichen Herrn entsprechend. 
Viel wichtiger ist der Anstofs, den man daran genommen hat, 
dafs beide Rofslenker, dem Gesetz einer strengen Responsion 
zuwider, den Kopf nach rechts wenden. Dieser Uebelstand, 
welchen Kekule besonders hervorgehoben liat,\) ist mir von 
Anfang au fühlbar gewesen, und ich glaube ihm am Besten 
abhelfen zu können, indem ich beide Figuren so aufstelle, wie 
sie auf Tafel II 2, 4 der Abhandlungen der Berl. Ak. 1891 
versuchsweise skizzirt worden sind. Eine antistrophische Rich- 
tung ist auch so nicht entstanden, aber die Drehung nach einer 
Seite ist aufgehoben. Beide schauen nun aus dem Giebel 
heraus ; sie sind nun eben so, wie die fünf Köpfe der Mittel- 
gruppe, deren gleiche Richtung keinerlei Anstofs erregt, beide 
gerade nach vorn gerichtet; sie sind deutlich als Gegenstücke 
charakterisirt, und es wird auf sie, welche nach den Mittel- 
figuren die wichtigsten Giebelpersonen sind, die Aufmerksamkeit 
des Beschauers gelenkt. 

Man wird dagegen die Bemerkung machen, dafs bei dieser 
Wendung die minder sorgfältig ausgearbeiteten Seiten der 
Wagenlenker sichtbar werden ; ebenso wie man dem zwischen 
Kladeos und Greis gefundenen Knaben diese Stelle abgesprochen 
hat, weil er für die Ansicht von vorn oder für die im Dreiviertel- 
profil componirt sei. Dies beweise das auf der linken Seite 
ausgearbeitete Gewand, die Verkürzung des rechten Schenkels 
und die Abmeifselung von Rücken und Gesäfs auf der rechten 
Seite (Archäol. Zeitung XL S. 231). 

Das sind technische Gesichtspunkte, deren sorgfältige Be- 



') Rhein. Museum XXXIX 486. 

Curtius, Gesammelte Abhandlungen. Bd. II. !23 



354 XVII. Der olympische Ostgiebel. 

acMung ein hervorragendes Verdienst von Treu ist; Gesichts- 
punkte, welche für die Reconstruction antiker Sculpturen 
unzweifelhaft grofse Bedeutung haben. Man darf aber, wie ich 
glaube, stilistische Forderungen allgemeiner Art nicht in gleicher 
Strenge auf Werke der verschiedensten Epochen und Fund- 
stätten zur Anwendung bringen. Der richtige Mafsstab mufs 
aus der Beschaffenheit der zu Tage geförderten Bildwerke ent- 
nommen werden. Wie steht es nun in Bezug auf stilistische 
Ausführung mit der Bildnerei am olympischen Tempel? 

Während wir noch ganz mit Ausgraben und Zusammen- 
stellung der Trümmer zu thun hatten, war Sir Charles Newton 
der Erste, der mit seinem Kennerblick für griechische Marmor- 
arbeit nach stilistischen Gesichtspunkten die Funde der Altis 
musterte. Er gab in den Times 1876 Aug. 15 (v. Lützow 
Kunstchronik XI 492) von dieser Seite die erste Beurtheilung, 
welche alle Welt überraschte. Er fand die Gewänder wie 
grobe Wülste angelegt, das Nackte besser, aber auch hier Un- 
sicherheit, Ungeschick und Unkenntnifs. Mit klarem Blick 
glaubte er sofort eine scharfe Unterscheidung zwischen Aus- 
führung und Entwurf machen zu müssen. Für das Ganze er- 
kannte er eine wohlgelungene Composition an, die Entwürfe 
erschienen ihm originell und kräftig, die Ausführung roh und 
ungeschlacht. Flasch ^) hat den Unterschied zwischen Concep- 
tion und Ausführung wieder in Abrede gestellt und läfst beide 
Giebel aus einem Atelier hervorgehen. Diese Ueberein- 
stimmung kann man aber nur in Bezug auf die Ausführung 
gelten lassen ; denn in dem Geiste der Composition ist doch 
der Unterschied so grofs, wie er nur bei zeitgenössischen 
Werken gedacht werden kann. 

Michaelis und Treu haben sich einstimmig der Ansicht 
von Newton angeschlossen, von dem man nur sagen kann, dafs 
er mit seinem in dem Elgin-room verwöhnten Auge die ihn 
überraschenden Unvollkommenheiten zu lebhaft hervorgehoben 
hat, ohne dem Gelungenen gerecht zu werden. Beide nehmen 
an, dafs in der mangelhaften Vorbereitung der eleischen Arbeiter 
der Grund liege, dafs dieselben völlig unfähig waren, „den 
Intentionen einer ganz anderen Kunstweise die angemessene 
Erscheinungsform zu leihen" (Arch. Ztg. XXXIV 171), und 



') Baumeisters Denkmäler des klassischen Alterthums II p. llOii^it. 



XVII. Der olympische Ostgiebel. 355 

weisen darauf hin, wie eilig und hastig hier nach Modellen oder 
Zeichnungen gearbeitet sein möge (S. 186). Die auswärtigen 
Meister der Giebelfelder sind gewifs nicht mit ihrem Atelier 
nach Olympia gekommen ; wir haben Leistungen vor uns, die, 
mit provinziellen Kräften ausgeführt, weit hinter dem zurück- 
blieben, was sie der Idee nach sein sollten. 

Dergleichen Erscheinungen kommen meistens in lebendigen 
Entwickelungsperioden vor, wo die Kunst an einzelnen Plätzen 
rasche Fortschritte macht, denen man nicht zu folgen vermag. 
So hat man bei romanischen Kirchen ähnliche Gegensätze 
zwischen Absicht und Ausführung nachgewiesen ; die Bau- 
gedanken wurden so gut und so schlecht, wie es die ein- 
heimischen Werkleute verstanden, von denselben übertragen.^) 
In Hellas war der Tempel ein nationaler Besitz ; der dorische 
Stil war unter den Peloponnesiern zu seiner Vollendung ge- 
bracht und auch in dem schlechten Material von Elis mit 
bewundernswürdiger Grofsartigkeit durchgeführt. Für die 
Marmorbildnerei aber war aufserhalb der Halbinsel eine neue 
Epoche angebrochen. Hier waren die Steinmetzen ihren Vor- 
lagen nicht gewachsen. Aufserdem wurde mit hastiger Ueber- 
stürzung gearbeitet, um zum nächsten Feste fertig zu werden. 
Man machte sich die Arbeit so leicht wie möglich. Es kommt 
vor, dafs aus Versehen auch gut gearbeitete Theile nicht sicht- 
bar waren (Jahrbuch IV S. .287) ; wie viel öfter konnte es vor- 
kommen, dafs vordere Partien vernachlässigt blieben ! Treu fand 
in der Hand des Greises einen Marmorpfropfen, der eine Fehl- 
bohrung zu verstecken diente (Arch. Zeit. XL 239). Die 
Werkleute sind also weder genügend geschult noch genügend 
controlirt. Sie haben sich verbohrt und verhauen. Darum 
mufs man in Anwendung technischer Argumente vorsichtig sein 
und darf auf verkehrte Abmeifselungen und ungenaues Ein- 
halten der Grenzlinie zwischen Vorder- und Rückseite nicht zu 
grofses Gewicht legen. 

Meine Absicht war es von Anfang an, den Grundsatz 
geltend zu machen, dafs es auf einem so schwierigen Forschungs- 
gebiete vor Allem darauf ankomme, Haupt- und Nebensachen 
streng zu scheiden. Unter den Reconstructionen, welche sich 
von den wesentlichen drei Forderungen losgemacht haben, ist 



') A. Springer, Bilder aus der neuern Kunstgeschichte 1 S, 111. 

23* 



356 XVII. Der olympische Ostgiebel. 

keine als tadelfrei zur Geltung gekommen ; jede hat mehrfachen 
Einspruch hervorgerufen; die auf strenger Befolgung der drei 
Normen beruhende Aufstellung im Berliner Olympia-Museum 
ist, soviel ich zu sehen vermag, in keinem wesentlichen Punkte 
angefochten worden, und erscheint mir noch heute als der mit 
unseren jetzigen Mitteln erreichbare beste Aufbau des olympischen 
Ostgiebels. 

Nachdem ich die Hauptfragen besprochen, darf ich eine 
Nebenfrage nicht übergehen, welche für den Aufbau im Ganzen 
nicht entscheidend ist, aber eine hervorragende Wichtigkeit hat, 
die Frage nach den Wagen. 

Der erste Eindruck war entschieden zu Ungunsten der 
Wagen. Die Meinung, dafs die 21 Figuren zur Ausfüllung 
des Giebeldreiecks ungenügend seien, ist durch die Aufstellung 
praktisch „widerlegt" (Arch. Zeit. XL S, 218), „Wagen haben 
hier niemals gestanden ; der Platz fehlt" (S, 234). Die ab- 
kürzende Darstellung in Nebendingen ist bekannt. Dagegen 
lesen wir im Jahrbuch IV S. 280: „Der Gewinn, den die 
Composition durch Einfügung der Wagen erfährt, ist grofs und 
einleuchtend. Die Composition schliefst sich straffer und es 
ist mifslich, der Phantasie die Ergänzung zu überlassen." 

Diesen Widerspruch zwischen frühern und spätem An- 
sichten der bewährtesten Kenner führe ich hier nur zu dem 
Zwecke an, um zu zeigen, dafs eine ästhetische Betrachtung 
für die Entscheidung des Problems nicht mafsgebend sein kann. 

Ueberreste von Wagen sind nicht nachgewiesen worden, 
und man hat bis zuletzt darüber zweifelhaft sein können, ob 
wir marmorne oder bronzene, in Relief oder frei gearbeitete 
annehmen sollen. 

Wir haben es Treu zu danken, dafs die Spuren einer 
vollständigen Anschirrung, der Brustriemen, der Deichsellöcher 
und des Joclis, nachgewiesen worden sind. Einen durchgreifenden 
Beweis für die Existenz des Wagenstuhls vermag ich aber darin 
nicht zu erkennen. 

Das im Joch gehende Viergespann mit Wagen und Lenker 
war ein zu Olympia in allen Mafsen sich wiederholender Typus, 
aber es war nicht geboten, ihn überall vollständig zur Aus- 
führung zu bringen. Man wechselte nach Mafsgabe der be- 
sonderen Umstände. Mit welcher Freiheit die Kunst verfuhr, 
zeigt am deutlichsten die Saburoff'schc Hochzeitsvase bei Furt- 



XVII. Der olympische Ostgiebel. 357 

wängler Tafel LA'III. LIX. An dieser Stelle war der Wagen, 
auf dem der Parochos steht, als Brautwagen die Hauptsache. 
..Das Gespann", sagt der Herausgeber, „hat der Künstler 
darzustellen unterlassen, indem er voraussetzte, dafs jeder Be- 
schauer es im Geiste ergänze." Man beschränkte sich auf das 
Wesentliche. 

Im Giebel waren die Renner das Wesentliche. Sie waren 
in der Agonistik so sehr die Hauptsache, dafs unter dem 
griechischen Worte für „Rennwagen" die Gespanne verstanden 
wurden, welche den Wagen zogen. Daher sagte man aoucera 
TQf(f6ir, aQuuTOTQOffiir, i vioye'iv tcoaaza. Der Wagenstuhl hatte 
ein Interesse nur durch die Personen, welche darauf standen, 
hinauf- oder herabstiegen. Die Männer aber, für welche die 
Gespanne bereit gehalten werden, stehen ja in der Mitte neben 
Zeus. Was hatten also die AVagenstühle hier für eine Be- 
deutung ? 

Dazu kommt, dafs der hellenischen Plastik ihrer Natur 
nach nur lebendige Gestalten, Götter, Heroen, Menschen, Halb- 
menschen. Thiere willkommen sind, leblose Gegenstände aber, 
wenn sie nicht unmittelbar zur Darstellung notliwendig sind 
(wie etwa der Baumstamm im Parthenongiebel), namentlich 
Geräthe, Sitze, Bauten, ferngehalten werden. Selbst auf Thronen 
sitzende göttliche Wesen kommen erst in Werken späterer 
Zeit vor, wie im xanthischen Giebel und auf Sarkophagdeckeln 
(Müller- Wieseler, Denkmäler II 858). Viel weniger sind leere 
Throne (wie der Magna Mater, Annali 1851), leere Sitze in 
den AVerken guter Zeit nachzuweisen ; das gilt auch von 
Wagenstühlen. 

Pausanias spricht auf beiden Seiten nur von Pferden. 
Waren die Wagen dargestellt, so würde es auffallend sein, dafs 
ohne dieselben durchaus keine Lücke sichtbar wird. Endlich 
kann ich nach meinem Gefühl nicht sagen, dafs die eingereihten 
Wagen, wie sie im Jahrbuch IV 288 gezeichnet sind, einen 
günstigen Eindruck machen. Sie bilden zwischen den Hinter- 
theilen der Pferde und dem sitzenden Greise keineswegs einen 
wohlthuenden Uebergang und bringen die drei letzten Figuren 
zur Rechten in ein gewisses Gedränge. 

Das sind meine Ansichten über die Wagenfrage, für die 
ich jede Berichtigung gerne und dankbar entgegennehme. Ich 
habe sie als eine offene Nebenfrage hingestellt. 



358 XVII. Der olympische Ostgiebel. 

Zum Schlüsse noch einige Bemerkungen zum Westgiebel. 

Hier liegen die Sachen ganz anders; denn es fehlen sowohl 
die sicheren Fundthatsachen als auch der genaue Bericht des 
Pausanias ; wir sind genöthigt, aus den Bildwerken selbst ihre 
Anordnung herzustellen. Es ist aber durch geschlossene Grup- 
pen die Reconstruction dergestalt erleichtert, dafs wesentliche 
Verschiedenheiten garnicht denkbar sind. 

Neuerdings ist für die Mittelgruppe eine eingreifende 
Aenderung vorgeschlagen, welche der älteren Aufstellung auf 
Tafel 5, 6 des Jahrbuchs 1888 gegenüber gestellt ist. Ich 
habe mich von der Richtigkeit der Neuordnung nicht über- 
zeugen können. Erstens macht die Gruppe der drei senkrecht 
neben einander gestellten Figuren, Peirithoos, Apollon, Theseus. 
einen unerfreulichen Eindruck. Die schöne, freie Haltung 
des Gottes wird nach meinem Gefühl durch die Nebenfiguren 
beeinträchtigt und von der Seite her verdeckt. Zweitens wird 
seine Rechte durch den Arm des Heroen unangenehm geschnitten 
und der mit majestätischer Hoheit dem Kentauren entgegen- 
gestreckte Götterarm verliert an Bedeutung, wenn er nicht 
mehr das Haupt der Braut schirmt. Endlich ist diese auch, 
wie Studniczka im Jahrbuch IV 167 bemerkt hat, durch 
ihre reichere Gewandung unverkennbar als die Hauptperson 
gekennzeichnet.^) 



') Zu dem S. 35(3 f. berührten Problem bemerke ich nachträglich, 
dafs der Ergänzung der Wagen aus der Stellung der Pferde eine Schwierig- 
keit erwächst, welche mir nicht genugsam berücksichtigt zu sein scheint. 
Denn wenn der Bildhauer das Viergespann schräg gestellt hat, damit er 
alle vier Rosse zur Anschauung bringe, so mufste der Wagenstuhl in ent- 
sprechender Weise schräg gestellt werden und konnte nicht der Giebel- 
wand parallel, in voller Breite dastehen, üb aber eine perspektivische 
Wagenstellung diesem Giebelfelde angemessen erscheine, ist mir sehr 
fraglich. 



XVIII. 



Die Weihgeschenke der Grriechen nach den 



Perserkriegen. 



Die beiden wesentlichsten Formen, unter denen die Frömmig- 
keit der Alten sich bethätigte, sind das Opfer und das "Weih- 
geschenk. Wenn aber der Unterschied beider gemeiniglich 
darin gesetzt wird, dafs das eine einen augenblicklichen, das 
andere einen bleibenden Genufs oder Vortheil der Gottheit 
bezwecke (K. Fr. Hermann Gottesdienstl. Alterth. §. 25), so 
scheint diese Unterscheidung den Hauptpunkt nicht zu treffen. 
Das Opfer schliefst sich mit seinem Begriffe an das Mahl an; 
die Entäufserung von Seiten des Menschen ist hierbei Neben- 
sache und ebenso der Genufs der Gottheit ; die Gemeinsamkeit 
zwischen Mensch und Gottheit ist vielmehr das, worauf es an- 
kommt. Das Opfern ist darum etwas Regelmäfsiges, weil der 
Mensch der steten Erneuerung jener Gemeinschaft nie ent- 
behren kann ; das Weihen ist etwas Aufserordentliches. Jenes 
wird nur, wenn es in ungewöhnlichem Mafsstabe erfolgt, zu 
einer Entäufserung; die Weihe besteht immer in der Hingabe 
eines eigenen Besitzes, sie ist eine Gabe des Dankes, welche der 
Gottheit geheiligt wird zur Anerkennung dessen, dafs es nicht 
die eigene Kraft sei. durch welche ein Werk gelungen, eine 
Gefahr bestanden und ein Ziel erreicht ist, sondern die gött- 
liche Hülfe. Das Opfer verschwindet in der liturgischen Hand- 
lung; das Weihgeschenk wird zu einem Denkmale, das. unter 
dem Besitze der Gottheit öffentlich aufgestellt, die Pietät der 
Menschen und die rettende Kraft der Götter bezeugt ; es ist 
entweder ein Stück des eigenen Besitzes, welches in den der 
Gottheit übergeht, oder es ist ein zum Zwecke der Weihung 



3ßQ XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen. 

Gemachtes. Die Reichlichkeit des Opfers ist dem Einzehien 
überlassen, die Weihegabe steht in einem gewissen Werth- 
verhältnisse zu dem, was dem Menschen gelungen ist, und die 
Gabe ist entweder eine durchaus freiwillige, oder sie ist die Er- 
füllung, sei es eines besonderen Gelöbnisses, sei es einer allge- 
meinen Verpflichtung, wie z. B. die Zehntabgabe vom Boden- 
ertrage, vom Handelsgewinne, von der Kriegsbeute an gewisse 
Heiligthümer. Darum wird das Anathema auch sehr bestimmt 
von den Gegenständen unterschieden, welche nur als Prachtstücke 
oder Merkwürdigkeiten {(■Ttiöeiyixara) in den Tempeln aufgestellt 
werden (Strabon 74). 

Indem nun Einzelne wie ganze Gemeinden nach Mafsgabe 
ihres Vermögens, der ihnen zu Gebote stehenden Technik und 
Erfindungsgabe die Weihgeschenke werthvoll und sinnvoll herzu- 
stellen suchen, erhalten dieselben für die alte Kunstgeschichte 
eine ungemeine Wichtigkeit, so dafs eine umfassende Behand- 
lung dieser Denkmälergattung von gröfstem Nutzen sein würde. ^) 
Die durch priesterliclie Satzung gebundene Kunst hat auf diesem 
Gebiete zuerst sich freier entfalten können, ohne den Boden 
des Cultus zu verlassen und sich religiöser Aufsicht völlig zu 
entziehen. Denn die Priester sorgten dafür, dafs nichts Unge- 
höriges in die heiligen Bezirke eingeführt werde ; sie entschieden, 
ob das Gegebene geeignet und den Göttern wohlgefällig sei 
(Herod. 8, 122); sie forderten die Weihgeschenke, wie schuldige 
Huldigungen, von den Säumigen ein und wiesen andere im 
Namen des Gottes mit ihren Weihgaben zurück (Paus. 10, 14, 
5). Sie ordneten gruppenweise die aufgenommenen Denkmäler, 
sorgten für ihre Erhaltung, weihten sie gegen Blitzschaden, 
gaben Auskunft über die an den heiligen Gegenständen er- 
scheinenden Götterzeichen und entsühnten die durch einen un- 
glücklichen Zufall befleckten. So wollten die elischen Tempel- 
behörden einen Erzstier, an welchem ein spielendes Kind sich 
den Kopf zerstofsen hatte, aus dem Tempelbezirke entfernen; 
aber von Delphi kam die Weisung, dafs man ihn nach den 
über unfreiwillige Tödtung geltenden Satzungen reinigen solle 
(Paus. 5, 27, 10). 

Von besonderer Wichtigkeit sind die als Sieg es dank 



') Jetzt kann ich auf Emil Reisch, Griechische "Weihgeschenke, 
Wien 1890, dankbar verweisen. 



XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen. 3ßj^ 

aufgestellten Weihgaben, bei deren Betrachtung die Kriegs- 
geschichte und die Culturgeschichte sich am unmittelbarsten 
berühren ; durch des Siegers Verpflichtung seine Dank- 
barkeit zu bezeugen, sind auch die inneren Fehden zwischen 
den griechischen Staaten fruchtbar für die Kunstentwickelung 
geworden. Die Errichtung des Weihgeschenks war gewisser- 
uiafsen eine Vervollständigung des Sieges, eine öff"entliche Aner- 
kennung desselben als eines bedeutenden und rühmlichen. So 
schickten die Argiver, weil sie in dem Kampfe um Tyrea gesiegt 
hatten und als Sieger gelten wollten, ein Weihgeschenk nach 
Delphi (Paus. 10, 9, 12). 

Ueberblicken wir die Siegsdenkmäler nach ihren wichtigsten 
Gattungen, so sind es zunächst Erzgeräthe, Kessel und Drei- 
füfse, welche als gemeinübliche Form des Weihgeschenks nament- 
lich in Delphi lange beibehalten wurden, während in Olympia 
schon Standbilder an ihre Stelle getreten waren. Die Weih- 
tripoden, welche trotz ihrer einfachen Gestalt der Bildkunst 
mannigfache Gelegenheit gaben, ihre Fortschritte zu zeigen, 
machten in ihrer Fülle den eigentlichen Ehrenschmuck Delphis 
und aller mit Delphi religiös verbundenen Plätze aus. War 
der Dreifufs ein Symbol des apollinischen Gottesdienstes, so 
konnte statt seiner auch ein dem Gotte geweihtes Thier aufge- 
stellt werden, wie der Löwe (Paus. 10, 18, 7), oder ein Bild 
des Gottes selbst. Ein solches Standbild war entweder in 
feierlich ruhiger Stellung oder der Gott war handelnd, in sieg- 
reicher Kraft dargestellt; so entstanden dramatische Gruppen, 
wie die der delphischen Gottheiten, von deren Geschossen Tityos 
getroffen wird (P. 10, 11, 1). 

Die zweite Hauptforra des Siegesdanks ist die, dafs nicht 
der Gott selbst, dem die Weihung gilt, entweder persönlich 
oder in seinen Symbolen inmitten seines Heiligthums als Weihe- 
stiftung dargestellt wird, sondern die Stadt oder Landschaft, 
von welcher die Weihung ausgeht. Hiefür ist die gewöhnliche 
Form die. dafs die Landesgötter und Landesheroen als Vertreter 
ihrer Schutzbefohlenen Gemeinden auftreten und zwar in einer 
der eigenthümlichen Landessitte entsprechenden Weise, so z. B. 
Ammon und Battos auf dem Kriegswagen, um die wagen- 
lenkenden Kyrenäer zu kennzeichnen (Paus. 10, 13, 5; 15, 6). 
Kallisto, Arkas und seine Söhne vertreten Tegea (10, 9, f)); 
die Sieben gegen Theben die Stadt Argos (10, 10, 3). Auch 



362 XVIII. Weihgesclienke nach den Perserkriegen. 

erscheint in späterer Zeit die Landschaft selbst personificirt, 
wie z. B. Aitolia (Paus. 10, 19, 1). 

Als dritte Form möchte ich diejenige bezeichnen, welche 
sich unmittelbar auf den Krieg und dessen glücklichen Ausgang 
bezieht. Dahin gehören also erstens die Waffen, welche am 
Tempel oder an heiligen Bäumen aufgehängt werden, Helme. 
Schilder, Rüstungen u. s. w., und zwar sind es in der Regel 
die wirklich dem Feinde abgenommenen, nicht erst aus dem 
Ertrage der Beute hergestellte Waffenstücke. Dahin gehören 
auch die Schiffszierrathe und die ganzen, in Heiligthümern 
aufgestellten Trieren. Dann die mannigfachen Symbole des 
Siegs, Nike, welche auch mit dem Dreifufse verbunden wird, 
die Palme (wie die bekannte Siegespalme des Kypselos), und 
ebenso wird auch wohl das hölzerne Pferd, wenn es als Erz- 
bild geweiht wird, als ein Siegessymbol aufzufassen sein (Paus. 
10, 9, 12). Hierher gehören auch die Darstellungen des Sieges 
in Gemälden oder Geweben (ßöckh, trag, princ. p. 192). 

Endlich wurden im Heiligthume der Götter, denen man 
sich für gewonnenen Sieg und Siegesgewinn dankbar erzeigen 
wollte, auch ganze Gebäude als Weihgeschenke errichtet, Hallen 
sowohl wie 'Schatzhäuser, welche zur Aufnahme gröfserer und 
kleinerer Gaben dienten. So entstand die Halle der Athener 
in Delphi von der im peloponnesischen Kriege gewonnenen 
Beute, so ebendaselbst das Schatzhaus der Syrakusaner nach 
der Niederlage Athens (Paus. 10, 11). Dadurch gründeten 
sich die reicheren Staaten auf dem Tempelboden eigene Räume, 
in welchen sie die Denkmäler ihrer Geschichte und ihrer Pietät 
vereinigten. 

Mit ganz besonderem Interesse betrachten wir natürlich 
diejenigen Werke, welche in Folge der ruhmvollsten aller 
Waffenthaten der Hellenen den Göttern geweiht worden sind, 
die Denkmäler der Perserkriege, Sie zerfallen in zwei grofse 
Gruppen, je nachdem sie von einzelnen Staaten und Körper- 
schaften errichtet worden sind, oder von den Gesammt- 
hellenen. 

Sparta hatte in Amyklai sein Landesheiligthum : hier 
standen die geweihten Denkmäler seiner Siege, namentlich fünf 
berühmte Dreifufse, welche Pausanias noch gesehen und be- 
schrieben hat. Aber keiner von ihnen gilt dem Perserkriege, 
sondern die ältere Gruppe bezog sich auf die Besiegung der 



XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen. 363 

Messenier, die jüngere auf das glückliche Ende des peloponne- 
sischen Kriegs. Dagegen war in Sparta selbst ein Gebäude, 
welches der persischen Beute seine Entstehung verdankte, eine 
Markthalle, die persische genannt, an deren Säulen Mardonios, 
Artemisia und andere Grofse des Perserhofs in marmornen 
Standbildern nach dem Leben dargestellt waren (Paus. 3, 11, 3). 
Es ist in verschiedenen Zeiten daran gebaut worden und nicht 
zu bestimmen, wann und wie dieses merkwürdige Gebäude, der 
einzige Prachtbau von nationaler Bedeutung, den wir in Sparta 
kennen, ausgeführt worden ist. Es läfst sich nicht einmal mit 
Bestimmtheit sagen, ob es ein den Göttern geweihtes Gebäude 
war. Von den Mantineern kennen wir als Weihgeschenk eine 
Nike in Olympia (P. 5, 26, 6) und einen ehernen Apollon in 
Delphi (10, 13, 6); ob sich dieselben auf die Perserkriege be- 
ziehen, ist zweifelhaft. Der Umstand, dafs das olympische 
Weihgeschenk von Kaiamis angefertigt und dem attischen Bilde 
der flügellosen Nike nachgebildet war, ist der Annahme einer 
solchen Beziehung günstig ; der patriotische Eifer der Gemeinde 
macht sie wahrscheinlich. Epidauros weihte einen Apollon nach 
Delphi (P. 10, 15, 1). In Korinth kennen wir durch Theopomp 
(bei Athenäos S. 573) ein sehr merkwürdiges Weihbild, das 
Gemälde im Heiligthum der Aphrodite, auf welchem die der 
Göttin dienstbaren Mädchen, welche für Abwendung der Kriegs- 
noth gefleht hatten, nach dem Leben dargestellt waren; darunter 
stand ein erläuterndes Epigramm des Simonides, wie denn die 
Korinther seit alten Zeiten eine solche Verbindung bildender 
und dichtender Kunst geliebt und gepflegt haben. Ebenso 
charakteristisch war für die tapferen Seeleute von Aegina der 
eherne Mastbaum, den sie in Dephi weihten (Her. (S, 122), mit 
drei goldenen Sternen darauf, welche ohne Zweifel auf gött- 
lichen Schutz hinwiesen, wenn auch die Bedeutung der Dreizahl 
nicht deutlich ist. — Die mittelgriechischen Staaten waren viel 
unmittelbarer als die Peloponnesier an den Kriegen betheiligt; 
ihre Gebiete waren eine Zeitlang in der Gewalt der Feinde 
gewesen, sie hatten sich Grund und Boden wieder erobern 
müssen. Es ist merkwürdig, mit einem wie bescheidenen Aus- 
drucke symbolischer Kunst dies in den Weihgeschenken der 
Stadtgemeinden ausgesprochen war. Die Karystier und die 
Platäer weihten nach Delphi einen Stier (Paus. 10, 15; 16, 6) 
als Sinnbild des Ackerbaues, und Pausanias bezeugt uns, dafs 



364 XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen. 

durch Aufstellung des Ackerstiers die Gemeinden der Gottheit 
dafür dankten, dafs sie wiederum auf eigenem und freiem Boden 
pflügen und die Saat bestellen konnten. Eben so wird auch 
der Stier der Eretrier in Olympia (P. 5, 27, 9) zu verstehen 
sein. Die Bürgerschaft von Plataiai hatte aber auch noch eine 
Prämie von SO Talenten zu verwenden, aus denen der Tempel 
der Athena Areia mit seinen Wandgemälden und dem kolossalen 
Standbilde, dem Werke des Pheidias, hervorging. Es war eine 
der Stadtgöttin dargebrachte Huldigung, welche dem grofsartigen 
Sinne der Gemeinde entsprach und einen glänzenden Beweis 
dafür liefert, dafs die tapfersten und freiheitsliebendsten der 
hellenischen Gemeinden auch zugleich die kunstsinnigsten waren. 
Die Beziehung jenes Standbildes auf den Krieg war dadurch 
ausgedrückt, dafs zu seinen Füfsen das Bildnifs des Arimnestos 
stand, der die Bürgerschaar bei Marathon und Plataiai geführt 
hatte. In der Vorhalle aber waren Gemälde des Polygnotos, 
welche den unglücklichen Zug der Sieben gegen Theben und 
die Vertreibung der Freier durch den heimkehrenden Odysseus 
darstellten. Auch dieser Darstellung liegt, wie Welckers 
Scharfblick erkannt hat, eine geschichtliche Beziehung deutlich 
zu Grunde. Es sind zwei Niederlagen, welche Zeugnifs ablegen, 
wie die in fremdes Eigenthum widerrechtlich Eingedrungenen 
die Strafe ihres üebermuths erleiden. Wir finden hier eine 
ganz ähnliche Benutzung der Legenden wie in der Blüthe- 
zeit der italienischen Kunst, als Rafael die Vertreibung der 
Barbaren aus Italien in der Austreibung Heliodors aus 
dem Tempel, die Rettung des Papstes durch die Befreiung 
Petri aus dem Gefängnisse, die Niederlage der Franzosen im 
Zuge Attilas darstellte. 

Die platäischen Weihgeschenke haben uns schon in den 
Bereich der attischen Kunst geführt, welche, weil die Siege 
vorzugsweise attische Siege waren, auch am meisten Anregung 
empfangen und zu ihren gröfsten Leistungen veranlafst worden 
ist. In gewissem Sinne standen die grofsen Werke der peri- 
kleischen Stadt alle mit den Perserkriegen in Verbindung, sie 
sollten alle Denkmäler der damals begründeten Gröfsc Athens 
sein und deshalb wurde auch das Goldelfenl)einbild der Parthenos 
als aus der Perserbeute gestiftet angesehen. Ebenso erinnerte 
das Zeltdacli des Otleion, die Ausstattung der Göttin von 
Khamnus mit Siegesgöttinnen und mit einer Schale, an welcher 



XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen. 305 

Aethiopen dargestellt waren, an die Besiegung der Barbaren. 
(Welcker, Gr. Götterlehre I 579.) 

In besonderem Sinne aber sind als attische Weihgeschenke 
jener Zeit anzusehen die goldenen Schilde, welche am Gebälke 
des delphischen Tempels aufgehängt wurden (Paus. 10, 19, 4). 
und dann das grofsartige Werk des Pheidias, welches aus dem 
Zehnten der marathonischen Beute in Delphi aufgestellt war, 
eine Gruppe von Erzbildern, die auf einer geräumigen Basis 
vereinigt waren (10, 10, 1). In der Mitte Athena, Apollon, der 
als Boedromios in besonders nahem Verhältnisse zur marathoni- 
schen Schlacht stand, und neben ihnen Miltiades, der Held des 
Tages. Dann im Halbkreise, wie es scheint, die Heroen, von 
denen die zehn attischen Stämme ihren Namen führten, die 
wetteifernd an jenem Tage gestritten hatten; endlich noch drei 
Personen, von denen zwei, als die namhaftesten Fürsten der 
Sagenzeit, sich als Vertreter des alten Ruhmes der Stadt leicht 
erklären lassen: Theseus, dessen Schatten mitgekämpft hatte, 
und Kodros, das Vorbild aufopfernder Vaterlandsliebe. Unklar 
ist aber, wer Phyleus war, der dritte neben ihnen, und eben- 
so befremdend erscheint es, dafs nur sieben der attischen 
Stammheroen von Pausanias aufgezählt werden ; ein Umstand, 
welcher den Gelehrten, der sich allein mit diesem Werke des 
Pheidias eingehender beschäftigt hat, zu sehr gewagten Er- 
klärungsversuchen veranlafst hat. Göttling (Kynosarges S. 18) 
will statt des räthselhaften Phyleus Neleus lesen und meint, im 
Gegensatze zu dem autochthonen Adel Athens seien hier drei 
Vertreter des ionischen Geblüts aufgestellt und ihnen zu Liebe 
seien die Heroen der Oineis, Hippothoontis und Aiantis fort- 
gelassen. Indessen ist es, von andern nahe liegenden Bedenken 
abgesehen, ganz undenkbar, dafs man bei einem öffentlichen 
Denkmale von solcher Bedeutung, und in Delphi, wo die zehn 
Stämme ihre Sanction erhalten hatten, sich dergleichen will- 
kürliche Aenderungen hätte erlauben dürfen. 

Wie hätten die Stämme, deren amtlicher Heros fehlte, 
diese Kränkung sich gefallen lassen, wie konnte man nament- 
lich die Aiantis ausmerzen, welche am meisten Ruhm gewonnen 
und darum das Ehrenrecht erlangt hatte, dafs ihr Chor bei 
öffentlichen Festen niemals der letzte sein sollte (Plut. Quaest. 
Symp. I 10)! Stammte doch Miltiades selbst, auf dessen Ehren- 
rettung und Verherrlichung das ganze, zur Zeit von Kimons 



366 XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen 

Staatsverwaltung ausgeführte Werk hinzielte, vom Aias ab. 
Es läfst sich also nicht anders annehmen, als dafs die zehn 
Stämme mit ihren amtlichen Heroen vollständig vertreten waren; 
daher wurden auch der älteren Gruppe später die neuerwählten 
Stammheroen, Antigonos, Demetrios und Ptolemaios beigefügt. 
Die drei Heroenbilder, welche bei Pausanias fehlen, waren 
entweder zu seiner Zeit verschwunden (von Wegführung ein- 
zelner Statuen aus gröfseren Gruppen zeugt der Odysseus des 
Onatas Paus. 5, 25, 8), oder es ist eine Lücke im Texte an- 
zunehmen, wie sie bei Namenreihen in seinem Werke mehrfach 
vorkommen. Die drei überzähligen Heroen, von denen Pau- 
sanias ausdrücklich sagt, dafs sie mit den Stammheroen nichts 
zu thun hätten, bildeten zu der erstgenannten Dreizahl offen- 
bar das entsprechende Gegenstück, und es ist gewifs voraus- 
zusetzen, dafs hier nicht blofs eine äufserliche Symmetrie, 
sondern auch eine innere Entsprechung obwaltete. Wer dürfte 
es wagen, darüber etwas Bestimmtes aufzustellen ? Indessen 
sei die Vermuthung vergönnt, dafs den beiden Schutzgöttern 
Athens die beiden Wohlthäter der Stadt in sofern entsprechen, 
als Kodros auf den Ausspruch des delphischen Apollon in den 
Tod ging, Theseus aber durch Stiftung des grofsen Athenafestes 
die Gründung des attischen Gesammtstaates besiegelte. Dann 
würde man bei dem Dritten eine Beziehung auf Miltiades an- 
nehmen müssen, und da ein ganz unbekannter Phyleus hier schwer- 
lich seine Stelle haben kann, so führt dieser Name, der auch Phi- 
leus in einer Handschrift lautet, auf Phileas oder Philaios, den 
Stammvater des Miltiades und Kimon, der dadurch ein Wohl- 
thäter Athens geworden war, dafs er durch seine Uebersiedelung 
nach Athen Salamis an Attika brachte. AVie zeitgemäfs die Er- 
innerung an den ersten Erwerb jener Insel damals war, bedarf 
gewifs keiner weiteren Ausführung (vgl. Paus. 1, 35). 

So viel über das grofse delphische Weihgeschenk, das 
Jugendwerk des Pheidias, eines der denkwürdigsten Kunst- 
denkmäler des griechischen Alterthums. Ob das Schatzhaus 
der Athener in Delphi derselben Epoche angehöre, ist zweifel- 
haft. Von dem Eurymedonsiege war aber daselbst ein aus- 
gezeichnetes Denkmal erhalten, nämlich jene Erzpalme mit 
einem vergoldeten Athenabilde (Paus. 10, 15, 4), welche um 
die Zeit des sicilischen Zugs von einem Rabenschwarme 
schmählich verwüstet wurde; ein warnendes Vorzeichen, dafs 



XVIII. VVeihgeschenke nach den Ferserkriegen. 367 

dem Waffenglück der Athener eine schlimme Wendung bevor- 
stehe. Es ist ein arges Mifsverständnifs, wenn man sich hier 
die Göttin auf einer niedergeworfenen Palme stehend gedacht 
hat; es war vielmehr der hochaufgeschossene, mit Datteln be- 
hängte Baum das Symbol des fruchtreichen Siegesglücks, und 
die unter dem Baume ruhig stehende Athena mit der Eule 
bezeichnete den Segen der weisheitspendenden Göttin als die 
Quelle des Siegesmuths und der Siegeskraft der Athener. 

In Athen selbst werden namentlich zwei Denkmäler als 
unmittelbar aus der Siegesbeute hervorgegangene namhaft ge- 
macht; das ist der Erzkolofs, die Athena Promachos, welche 
das ideale Bild des für die Unabhängigkeit der Hellenen vor- 
kämpfenden Staates war, und dann in der Unterstadt der 
Tempel der Eukleia (Paus. 1, 14, 5). Es ist dieser Name 
schwerlich, wie Pheme, Eleos u. a., als Personification eines 
Begriffs aufzufassen, sondern der Beiname einer Göttin. Als 
Eukleia wurde Artemis verehrt, insofern die jungfräuliche 
Göttin die Hüterin öffentlicher Zucht und Ordnung, sowie des 
daraus entspringenden Ruhmes der Gemeinde war; darum stand 
ein Bild der Artemis Eukleia auf den Marktplätzen der Städte, 
wie namentlich in Böotien und Lokris (Plut. Arist. 20). Jetzt 
wurde der Beiname auch auf Waffenruhm und aufopfernde 
Vaterlandsliebe ausgedehnt, in Plataiai wie in Athen. Die 
Platäer bestatteten ihren Euchidas, der im Dienste der vater- 
ländischen Götter gestorben war, als einen Heros im Heilig- 
thum der Artemis Eukleia (Plut. a. a. O.) und derselben 
Göttin, welche auch als Agrotera am marathonischen Siege 
betheiligt war (Archäol. Zeitung 1857 S. 115), wurde daher 
unweit des Ilisos jener Tempel als Siegesweihe gewidmet. 
Vielleicht gehört auch jener Dreifufs hieher, der im Olympieion 
zu sehen war; der Kessel wurde von Persern getragen, die aus 
phrygischem Marmor gearbeitet waren (Paus, j, 18). 

Endlich glaube ich auch den Erzstier auf der Burg, eines 
der berühmtesten Weihbilder Athens, in die Reihe dieser 
Stiftungen aufnehmen zu können ; er war vom Areopag nach 
der ruhmvollen Vollendung einer öffentlichen Thätigkeit geweiht 
%vorden, und es ist wahrscheinlich, dafs damit die Sorge für 
Stadt und Land in der Persernoth gemeint ist und dafs der Stier 
dieselbe Bedeutung hatte, wie der Stier der Platäer, Eretrier 
und Karystier (oben S. 363 f. ; Archäol. Zeitung 1860 S, 37). 



3ß8 XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen. 

Soviel über die Weihgeschenke der Einzelstaaten. Ihnen 
gegenüber stehen die der Gesammthelleuen. Sie haben dadurch 
ein ganz besonderes Interesse, weil es in der ganzen uns vor- 
liegenden Zeit griechischer Geschichte die einzigen Werke sind, 
die einen wirklich nationalen Ursprung haben, weil sie von 
den Hellenen als einem Volke ausgingen, wenigstens von den- 
jenigen Hellenen, welche allein auf diesen Namen vollgültigen 
Anspruch hatten; denn die Nicht -Verbündeten hatten ihn 
durch ihren Abfall zum Landesfeinde verwirkt. Der Krieg 
wurde also nach Erneuerung des uralten Waffenbuudes als ein 
amphiktyonischer geführt und dafür nach altem Herkommen 
von der Gesammtheit der Eidgenossen der amphiktyonischen 
Gottheit der Zehnte der Beute als Siegesdank geweiht. 

So wurde von den Eidgenossen ein Apollobild in Deli^hi 
geweiht aus der Beute von Salamis und Artemision (Paus. 10. 
14, 5); das Hauptwerk aber aus dem für den delphischen Gott 
abgesonderten Beuteantheile von Salamis war ein zwölf Ellen 
hoher Kolofs. welcher in der Hand den Schmuck eines zer- 
störten Schiffes trug (Herod. 8, 121). Die Gestalt erinnert an 
die in gleiclier Weise mit Siegestrophäen dargestellte Salamis 
am Throne des olympischen Zeus (Paus. 5, 11, 5); eine sichere 
Deutung und Benennung jenes Kolosses ist uns aber nicht ge- 
stattet. Von der platäischen Siegesbeute wurden drei Zehnten 
erhoben; aus dem ersten wurde ein goldener Dreifufs nach 
Delphi geweiht, vom zweiten ein zehn Ellen hoher Zeus nach 
Olympia, vom dritten ein eherner Poseidon von sieben Ellen 
Höhe nach dem Isthmos, wo sich die alte Eidgenossenschaft 
zu einer neuen Macht gebildet hatte (Herod. 9, 81). Aufser- 
dem gehören hieher die auf dem Isthmos, in Sunion und Aigina 
geweihten phönikischen Trieren. 

Dieser Ueberblick von Kunstwerken, welche aus den Perser- 
kriegen hervorgegangen sind, veranschaulicht uns die Fülle von 
Formen, in denen das erfindungsreiche Volk der Helleneu den 
Göttern seinen Siegesdank darbrachte; er zeigt uns, wie auf 
jener entscheidenden Entwickelungsstufe theils die schlichten 
Typen alterthümlicher Kunst mit religiöser Treue festgehalten 
wurden, theils neue und grofsartige Schöpfungen in das Leben 
traten. 



XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen. 369 

Was ich im Anschlufs an diese Uebersicht der „Weili- 
geschenke nach den Perserkriegen" über das platäische Sieges- 
denkmal gesagt habe, kann ich jetzt nicht von neuem abdrucken 
lassen. Mein eigener Standpunkt ist ein anderer geworden. Die 
paläographischen Bedenken, welche ich damals gegen die Echt- 
heit der ,, Schlangensäule-' geltend machte, habe ich, durch neuere 
Entdeckungen belehrt, schon im Jahre 1867 (Archäol. Zeitung 
p. 137) rückhaltlos zurückgenommen. Die Inschriften sind mit 
vollem Rechte als eine dem Inhalt nach unanfechtbare Urkunde 
verwerthet worden, und wenn ich heute auf denselben Gegen- 
stand zurückkomme, so ist es nicht meine Absicht, ein ab- 
schliefsendes Urtheil auszusprechen, sondern nur auf die noch 
ungelösten Schwierigkeiten des uns vorliegenden Problems hin- 
zuweisen. 

Es war von vornherein eine Verkehrung des Problems, 
wenn man von einer Fälschung gesprochen hat. Die Frage 
war nur die, ob das delphische Denkmal von Ol. 76 uns noch 
heute in einem Ueberreste erhalten, oder ob nach dem Unter- 
gang desselben durch eine der zahllosen Feuersbrünste in spät- 
römischer oder byzantinischer Zeit ein neues Erzwerk zum 
Schmuck des Hippodroms errichtet worden sei, auf welches 
man die alten Inschriften sorgfältig übertragen habe, um die 
Tradition der Vorzeit zu erhalten. Man hat sich wohl auf 
eine geschlossene Kette von Beweisen für die Identität des 
delphischen und byzantinischen Denkmals berufen, aber eine 
solche ist in der That nicht vorhanden; denn wir haben keine 
Kunde darüber, was mit dem Denkmal geschehen ist, als um 
die Zeit des Kaisers Valens die Wasserkunst angelegt wurde, 
welche die Schlangensäule zur Fontäne machte und die auch 
nach Frick wesentlich dazu beigetragen hat, den Torso der 
Schlangensäule vor Feuerschaden zu bewahren. 

Die epigraphischen Bedenken waren in meiner Abhandlung 
von Anfang an untergeordneter Art. 

Durch Fabricius, welcher sich von allen Neueren um das 
Denkmal am meisten verdient gemacht hat, ist der gesammte 
Thatbestand wesentlich verändert. Er hat zuerst nachgewiesen 
(Jahrbuch des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Institutes 
Band I [1886] S. 176—191), dafs es sich nicht um eine Weih- 
inschrift handelt, und mit Recht bemerkt, dafs dadurch ein 
Theil der von mir geäufserten Bedenken sich erledige. Er hat 

Caitiug, Gesammelte Abliandlungen. Bd. H. 24 



370 XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen. 

auch das, was über eine mangelhafte Technik der Inschrift 
gesagt werden konnte, in allen Hauptpunkten widerlegt, indem 
er bezeugt, dafs die Namenliste, in 12 — 15 Millimeter hohen 
Buchstaben einst scharf und tief eingegraben, vollkommen 
deutlich und noch auf 10 Schritte Entfernung leicht zu lesen 
sei. Doch stellt auch er nicht in Abrede, dafs man sich an 
den eigenthümlichen Charakter der Schriftzüge erst gewöhnen 
müsse, weil die Linien nicht durch kräftige Hiebe eines grofsen 
Meifsels, sondern mit einem feinen Instrument allmählich ein- 
gearbeitet sind. Was sich an Ungleichheit und Unsicherheit, 
namentlich in den Kreislinien, zu erkennen giebt, hat man aus 
den unbequemen Schriftflächen erklärt. Dabei kommt man 
aber immer auf die ungelöste Frage, warum man diese krum- 
men Flächen für die Inschrift benutzt habe, statt sie auf das 
Marmorpostament zu setzen, wie es bei dem gleichartigen 
Denkmal in Olympia der Fall war. Fabricius erklärt den un- 
gewöhnlichen Platz dadurch, dafs die Namenreihe erst nach- 
träglich aufgeschrieben und dafs die Basis eine sehr niedrige 
gewesen sei. Diese Annahme erscheint mir sehr bedenklich. 
Statuen, den Göttern geweiht, können sehr wohl auf einer nie- 
drigen Basis stehen; anders ist es mit tektonischen Kunstwerken, 
welche sich durch kolossale Maafse aus der Umgebung hervor- 
heben sollten. Denken wir uns aber ein Postament, welches 
für ein 8 m hohes Erzwerk die entsprechende Höhe hat, so 
folgt mit Nothwendigkeit, dafs die Inschriften von unten un- 
lesbar waren, wie auch K. Bötticher in seiner Beschreibung 
des Gipsabgusses zugiebt. 

Der wesentliche Anstofs lag für mich von Anfang an nicht 
in den Inschriften, sondern in dem tektonischen Gebilde, einem 
unter allen Werken des Alterthums durchaus einzigartigen 
Denkmale. 

Das Gewinde von drei Schlangen zu erklären, sind nur zwei 
Versuche gemacht worden. Welcker (Griech. Götterl. II p. 816) 
erinnert an den Kunstgebrauch, drei Figuren als Dreifufsstützen 
zu verwenden, und er glaubt darin eine geniale Erfindung zu 
erkennen, dafs die dem Gotte heiligen Thiere sich zu dreien 
verbinden und in einander eng verflochten sich im Dienste 
des Gottes senkrecht emporrichten, um auf diese Weise die 
Festigkeit zu gewinnen, das Dreifufsbecken auf ihren Hälsen 
zu tragen (vgl. oben S. 284). Aber die beim Dreifufs vor- 



XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen. 371 

kommende Schlange ist ja immer nur eine, und wir begreifen 
nicht, warum die frommen Schlangen sich zu einer so unerhörten 
Dienstleistung veranlafst sehen; denn mit Recht wird von 
Fabricius betont, dafs das Weihgeschenk als wirklicher Drei- 
fufs aus Delphi nach Constantinopel gekommen sei und dafs 
das Schlangengewinde, wie man jetzt wohl allgemein annimmt, 
in der Mitte zwischen den Beinen des Dreifufses angebracht 
gewesen sei (Jahrbuch T S. 184 ff.). Die Schlangen können 
also nicht den Zweck gehabt haben, die Füfse zu ersetzen, wie 
etwa die drei Kolosse am Dreifufs des Kolaios, an die AVelcker 
erinnert. Schlangenleiber waren, wie Fabricius richtig bemerkt, 
nicht für tragende, sondern für freie, lose Glieder bei Erz- 
werken beliebt. Darum versucht er das senkrechte Schlangen- 
gewinde anders zu erklären, indem er den Vorschlag macht, 
die Hohlsäule als Abzugscanal für das in das Dreifufsbecken 
triefende Regenwasser anzusehen. 

Für einen blofsen Regenabflufs erscheint uns das Schlangen- 
gewinde doch als ein gar zu kolossaler und anspruchsvoller 
Apparat. Soviel aber ist unzweifelhaft, dafs das Schlangen- 
gewinde keine stützende Säule, sondern wesentlich ein hohler 
Stiel, eine Röhre gewesen sei. Als solche ist sie auch in 
ßyzanz benutzt w^orden, wie das in der Basis gefundene Blei- 
rohr zeigt, das mit seiner Inschrift urkundlich bezeugt, dafs 
in der Zeit des Valens oder des Theodosios ein Wassercanal 
hergeleitet worden ist, welcher im Inneren der Schlangensäule 
emporstieg. Skizzen des Atmeidan, wie ich sie in den Samm- 
lungen des Pariser Kupferstichkabinets gesehen habe, zeigen 
die drei Schlangenköpfe deutlich als "Wasserspeier; und diese 
Bestimmung haben sie nachweislich bis in die ,türkische Zeit 
gehabt. 

Wer also mit voller Unbefangenheit das ganze Denkmal 
ansieht, kann zunächst keinen anderen Eindruck von demselben 
haben, als den, dafs dasselbe von Anfang an den Zweck ge- 
habt habe, einer den Hip])odrom schmückenden AVasserkunst 
zu dienen. Denn es wäre doch ein seltsamer Zufall, wenn ein 
tektonisches Gebilde, das ursprünglich einem ganz anderen 
Zwecke gedient hätte — und ein solcher ist durchaus nicht 
nachzuweisen — gelegentlich auch als Fontänensäule in der 
Kaiserstadt hätte benützt werden können. 

24* 



372 XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen, 

Prüfen wir also noch einmal die Thatsachen, welche bei 
dem vorliegenden Problem antiker Denkmälerkunde in Frage 
kommen, ohne eine abschliefsende Entscheidung desselben zu 
beabsichtigen. 

Was den Kunstcharakter der Schlangensäule betrifft, so 
bin ich nicht der Einzige gewesen, der auf dem Atmeidan den 
Eindruck eines unhellenischen Kunstwerkes hatte. Ganz un- 
abhängig von einander haben von den verschiedensten Gesichts- 
punkten aus kunstsinnige Männer denselben Eindruck gehabt. 
Schon Sir Charles Newton, der durch Vermittelung des eng- 
lischen Botschafters Lord Stratford Redcliffe 1855 die Aus- 
grabung veranlafste, ein Mann, dessen scharfes Auge für 
hellenische Kunstformen wir alle kennen, vermifste an der 
Säule und namentlich auch an dem einen der erhaltenen 
Schlangenköpfe die Formen hellenischer Plastik ; der Kopf 
selbst, der Oberkiefer eines weitgeöfifneten, mit Zähnen dicht- 
besetzten Rachens, zeigt einen fremdartigen, von griechi- 
schen Schlangenköpfen durchaus abweichenden Typus. ^) Auch 
der Verfasser der hellenischen Tektonik, Karl Bötticher, und 
ebenso W. Vischer glaubten bei erster, unbefangener Betrachtung 
ein unhellenisches, barockes Kunstwerk vor sich zu sehen, wenn 
auch eine genauere Erforschung, wie sie namentlich Strack 
der Schlangensäule gewidmet und Fabricius bestätigt hat, in 
der Ausführung der Schlangenleiber, in der Aufwickelung der 
unten platteren, in der Mitte volleren Windungen, und in der 
allmählichen Verjüngung nach oben mehr Studium und ein 
feineres Raffinement erkennen liefs, als wir ursprünglich wahr- 
genommen hatten. Das ganze Werk gehört ohne Zweifel in 
eine Zeit, in welcher noch eine hochgebildete künstlerische 
Thätigkeit lebendig war. 

Die zweite Thatsache ist der Widerspruch, in dem die 

*) Nach einer Miitheilung meines verstorbenes Freundes, des Direk- 
tors des zoologischen Museums in Berlin, Professor Peters, hat der er- 
haltene Kopf keine volle Naturwahrheit. Die gewölbte Augengegend, die 
nach vorn gerichteten Nasenlöcher kommen bei keiner Schlangenart vor, 
ebensowenig die einreihige Bezahnung. Ferner sind die Zähne mit Aus- 
nahme der vordersten nach vorn und nicht nach hinten gerichtet, wie es 
bei allen Schlangen der Fall ist. Am meisten Aehnlichkeit zeigt der er- 
haltene Kopf noch mit einer Riesenschlange (Python), die sich nur in 
den tropischen Gegenden Asiens und Afrikas findet und bei Aristoteles 
noch nicht nachzuweisen ist. 



XVIII. Weihgescbenke nach den Perserkriegen. 373 

erhaltene Schlangensäule mit den Zeugnissen der Alten steht. 
Herodot und Pausanias kennen nur eine Schlange am Drei- 
fufse. und es ist doch eine seltsame Logik, wenn man den 
Widerspruch dadurch beseitigt, dafs bei oberflächlicher Be- 
trachtung die Dreiheit der Schlangen nicht leicht erkennbar 
sei. und so den Widerspruch in einen Beweis für die Identität 
umwandeln möchte (Frick p. 521). 

Was Herodot angiebt, entspricht vollkommen dem, was 
wir nach Analogien hellenischer Denkmäler erwarten, nämlich 
einen zwischen den drei Füfsen sich elastisch emporringelnden 
Schlangenleib, der unter dem Kessel in drei Hälse auseinander- 
geht, so dafs derselbe scheinbar auf den Hälsen ruhte, während 
die drei Köpfe des offi'^ Tor/.aorrog dazu dienten, als arroToortcaa 
das heilige Geräth zu schützen.^) 

Bei hellenischen Kunstwerken sind wir gewohnt etwas 
Klargedachtes (so dafs nicht willkürlich drei Schlangen für 
eine vorkommen) und bei allen Thiergestalten der Natur ent- 
sprechende Gestaltung und V 1 1 e Körperform zu finden. Dem 
widerspricht aber eine solche Verwendung von Schlangenleibern, 
welche widernatürlich zu einem aufsteigenden Knäuel vereinigt 
nur äufserlich das Schema von Schlangen haben. 

Endlich der Platz der Inschrift, welcher der monumentale 
Charakter fehlt, den sie, wie oben gesagt, nur auf dem Stein- 
postamente des Dreifufses haben konnte. 

Diesen Erwägungen, welche mich 1861 veranlafsten, die 
Entstehung des im Ueberreste vorliegenden Denkmals in Byzanz 
statt in Delphi zu suchen, steht die Korrektheit der Inschriften 
gegenüber. AVir wissen wohl, mit welchem Eifer die in der 
neuen Hauptstadt der Welt zusammengeschleppten Denkmäler 
mit Inschriften ausgestattet wurden, um bei jedem AVerke die 
Herkunft und historische Bedeutung deutlich anzugeben. Es 
wird uns allen aber schwer anzunehmen, dafs eine so grofse 
Urkunde von spätröniischen oder byzantinischen Technikern 
mit so tadelloser Genauigkeit nachgezeichnet worden sei. 

Und auch diejenigen Gelehrten, welche sich besonders mit 
Byzanz beschäftigt haben und in neuerer Zeit vielfach zu dem 
Resultat gekommen sind, dafs dort in Betreff monumentaler 



') Eine Schlange, deren emporgestreekter Hals sicli oben in drei 
Köpfe spaltet, findet sich bei Stackelberg, Gräber der HclIi'Mcn S. XXXIX. 



374 XVIII. Weihgeschenke nach den Perserkriegen. 

Kunst mehr Können und Wissen vorhanden gewesen sei, als 
gemeinhin angenommen wird, haben bis jetzt noch nicht ge- 
wagt, für den byzantinischen Ursprung unserer Urkunde ein- 
zutreten (vgl. Unger in der Encyklopädie von Ersch u. Gruber). 
So stehen wir nach meinem Ermessen noch heute vor einem 
kunstgeschichtlichen Problem der merkwürdigsten Art, das 
wir mit den uns jetzt vorliegenden Hilfsmitteln nicht zu ent- 
scheiden im Stande sind. Vielleicht geben uns die mit so 
schönem Erfolg begonnenen Ausgrabungen der Franzosen in 
Delphi eine erwünschte, lang ersehnte Belehrung. 



XTX. 

Plieidias Tod und Philochoros. 



In Beziehung auf eine der wichtigsten Fragen attischer 
Kunstgeschichte ist man in Gefahr, vorzeitig die Akten schHefsen 
zu wollen. 

Wir finden bei dem Scholiasten zu Aristophanes Fax, Vers 
605 zwei Citate aus Philochoros' Annalen, das eine aus dem, 
was er zum Jahre des Theodoros, das andere aus dem, was er 
zum Jahre des Pythodoros aufgezeichnet hat. Das erstere mit 
<pr^Gi ist eine wörtliche Anführung; das andere {hnl llvO-odioQoi-, 
dg iaxLV ciTtö rovTOv 'i.ßöof.iüg, Tzegl MeyaQewv Eircxov, otl y.al 
avtol y.areßowv etc.) läfst sich nicht als wörtliches Citat nach- 
weisen. Beide Citate sind durch eiTriov, das auf (piai zurück- 
geht, zu einem grofsen Satze verbunden, aber auf eine durch- 
aus gewaltsame und rohe Weise, da das Participium Aoristi, 
mit dem das sieben Jahre später eintretende Ereignifs eingeleitet 
wird, hier grammatisch ganz unstatthaft ist. 

Es fragt sich nun, wie weit das, was auf jenes cpr^al 
folgt, wörtlich aus Philochoros entlehnt sei. Ich behaupte, nur 
die Worte: /mI rb ayak/iia to yovaovv rf^g ^yJd^rjväg lordd^r^ eig 
Tov vaov xov (.dyctv h/ov yovaiov ora^fidv tu'/mvtcov i.id', Ile- 
QLTiXiovg iTUGicaovvTog, 'Peiöiov öl noirjouvTog. Unmöglich, hat 
man gesagt,^) könne hier das Citat aufgehört haben, weil das 
(PeiÖlag rcQu^ag -Aavxog des Textes darin gar keine Erklärung finde. 

AVenn nun aber der alexandrinische Gelehrte die Jahr- 
bücher des Philochoros durchsuchte, um über das Verhältnifs 
des Pheidias zum Perikles, um das es sich in der Dichterstelle 
doch vorzugsweise handelt, sowie über das Goldelfenbeinbild 

') Michaelis, Archäol. Zeitung 187G 8. 158. 



376 XIX. Pheidias Tod und Philochoros. 

und seinen Goldmantel etwas Authentisches zu suchen, und 
nichts Anderes fand als die angeführten Worte — war es 
dann zwecklos, wenn er diese kurzen Worte mittheilte als das 
sicherste Fundament aller auf diese vielberedete Angelegenheit 
bezüglichen üeberlieferungen ? Sollte er das Citat als nnnütz 
verwerfen, weil es nicht Alles erklärte, was der Leser des 
Aristophanes erklärt zu sehen wünschte? Wenn daher Michaelis 
sich dahin ausspricht, dafs die folgenden Worte „nothwendig" 
auch dem Philochoros angehören müfsten, einem späteren Autor 
nicht angehören könnten, so kann ich solche Gewifsheit meiner- 
seits nicht für hinlänglich begründet erachten. Ebensowenig 
kann ich Sauppe beipflichten, wenn er sich darauf beruft, dafs 
der Scholiast, dem die zweite Fassung des Scholions angehöre, 
ebenfalls den ganzen Bericht von der Flucht nach EHs etc. 
als aus Philochoros stammend ansehe. Wie kann dieser Gram- 
matiker als eine Autorität in einer kritischen Frage dienen, 
von dem Sauppe selbst zugiebt, dafs er nicht einmal die Worte, 
die er wiedergieht. richtig verstanden habe (Gott. Nachrichten 
1867, S. 189)? 

Aeufsere Gründe, welche uns zwingen, jeden Zweifel 
zu unterdrücken und Alles, was auf die oben angeführten 
Worte bis Inl Ihd-oöiÖQov folgt, für Worte des Philochoros 
zu halten, liegen also nicht vor. Wir sind daher berechtigt 
und verpflichtet, den Wortlaut des aus verschiedenartigen 
Stücken roh zusammengeschweifsten Scholions zu prüfen, und 
ohne Andern ihren Glauben an die reiner und voller fliefsende 
Quelle echter üeberlieferung verleiden zu wollen, gebe ich in 
aller Kürze an, was mich veranlafst, den echten Philochoros 
auf das angegebene Mafs zu beschränken. 

Zunächst ist es sehr unwahrscheinlich, dafs Philochoros in 
seinen Jahrbüchern, wo er sich wesentlich auf Thatsachen des 
öffentlichen Lebens beschränkte, bei dem Jahre des Theodoros 
und der Meldung von der feierlichen Aufstellung der Atheua 
die weiteren Schicksale des Bildhauers Pheidias eine Reihe von 
Jahren hindurch gleichsam in parenthesi angehängt haben sollte. 

Zweitens ist die ganze Fassung dieser angehängten Lebens- 
notizen der Art, dafs wir aus dem knappen Urkundenstil des 
Annalisten auf einmal in eine andere, laxere Art litterarischer 
Mittheilung, in den Ton der Randglossen hinein gerathen. 

Die deutliche Fuge zwischen beiden Stilarten erkenne ich 



XIX. Pheidias Tod und Philochoros. 377 

dort, wo es nach dem 12. iTiiötcaovvTog, <P. öl Tvoir^oarrog weiter 
beifst : (P. dt 6 noir^oag, öoiag u. s. w. Die matte Wiederholung 
des Ttoir^oag wäre, wenn ein attischer Autor das Ganze ge- 
schrieben hätte, unerträglich. Ferner ist die Formulirung des 
dem Meister vorgeworfenen Verbrechens {döiag TTUQcü.oyuio Ü^ai) 
und des Procefsganges für einen Autor wie Philochoros viel zu 
ungenau und oberflächlich. Denn die Ausdrücke, auf denen 
das ganze Yerständnifs der Begebenheiten beruht (l/.oid-i] — 
(fvyiöv — ccTiod^avHv vtto 'H'/.eäor) sind so ungenau, dafs man 
ganz im Unklaren bleibt, ob Pheidias als Landesverwiesener 
nach Elis gegangen sein oder sich der Strafe durch die Flucht 
entzogen haben soll und wie sein Ende in Elis zu denken sei. 
Das ist nicht der Stil archivalischer Aufzeichnungen, wie wir 
ihn bei Philochoros kennen. Am alleranstöfsigsten aber ist der 
Satz : fpvyCov eig 'H/.iv eQyoAaßrjGai to aya/.ua toc Jiög tov Iv 
\y/.vu7ria '/.eyerai. Wie? hier sollte der Annalist bei einem 
der bekanntesten Ereignisse, worüber die genaueste Kunde 
vorhanden sein mufste (war doch selbst die geschäftliclie Mit- 
betheiligung des Panainos an der iQyoJ.u^iia bekannt\. phUzlich 
von Thatsachen auf Gerüchte übergehen und in seinen Jahr- 
büchern nach Hörensagen berichten?^) 

Von den sachlichen ünwahrscheinlichkeiten, die in der 
auf Philochoros' Rechnung gesetzten Erzählung liegen, will ich 
hier nicht ausführlicher reden. Aber, wie O. Müller und 
Preller richtig urtheilen, gleicht des Pheidias Auftreten in 
Olympia dem eines Verurtheilten in keiner Weise. Ferner ist 
es schwer zu begreifen, dafs, wenn Pheidias von den Eleern 
getödtet worden wäre, sich davon in Olympia keine Spur einer 
Ueberlieferung erhalten haben sollte. Im Gegentheil macht 
Alles, was wir von Pheidias in Olympia wissen, den Eindruck, 
dafs er dort mit Eliren empfangen und mit Ehren entlassen 
sei, wie Brunn (Künstlergesch. I 16G) sagt. Endlich ist mir 
auch die in dem Scholion vorliegende Fassung der Unterschleifs- 
klage trotz der Empfehlung von E. Petersen (Archäol. Zeitung 
1867 S. 25) sehr bedenklich. Denn bei den dünn gesägten 

') Ein liysrai findet sich aucli Schol. Arist. Fax v. ÜÜ5 hei einem 
("itat des Philochoros, aber auch hier aufserhalb des eigentlichen Con- 
textes des citirten Autors, wie die schlechte Coiistruction zeigt. Wahr- 
scheinlich ist liyti zu lesen. Da ist der genauere Wortlaut in der zweiten 
Fassung des Scholioiis erhalten: fOTnaidonr. 



378 XIX. Pheidias Tod und Philochoros. 

Elfenbeinplatten war die Arbeit viel theurer als der Stoff, und 
wenn es doch darauf ankommen sollte, die Masse des ver- 
wendeten Materials amtlich festzustellen, so konnte dieses an 
den nackten Theilen des Standbildes ohne Schwierigkeit auf 
das Genaueste abgemessen werden. 

Ich kann also bei gewissenhafter Nachprüfung der kritischen 
Frage über Ursprung und Autorität des Scholions zum Frie- 
den 605 nur an der Meinung festhalten, dafs an dem Citat aus 
Philochoros nichts echt sei, als der in kernigem Lapidarstil 
abgefafste, in sich abgeschlossene Bericht von der Aufstellung 
der Parthenos im Jahre des Theodoros, wie schon der alte 
Heyne annahm. Das Folgende ist Klatsch, welcher durch das 
geheimnifsvolle Verschwinden des grofsen Meisters hervorgerufen 
worden ist und keinen Glauben verdient. 



XX. 



Griippirung öffentlicher Standbilder 
und Weihe von Schriften. 



Ein mehrseitiges archäologisches Interesse knüpft sich an 
die von Herrn Waddington in Aphrodisias abgeschriebene und 
in der Fortsetzung von Le Bas, Voy. arch. Inscr. II n. 1618 
(mit der Umschrift und Erklärung III p. 378) veröffentlichte 
Inschrift, ein Dekret zu Ehren des aus Aphrodisias gebürtigen 
Dichters C. Julius Longianus. Ihm wird eine zwiefache An- 
erkennung zu Theil. Erstens sollen ihm Erzbilder errichtet 
werden an den ansehnlichsten Punkten der Stadt, namentlich 
im Musenheiligthume sowie im Ephebengymnasium, und zwar 
wird der Ort der Aufstellung in diesem auf das Genaueste 
vorgeschrieben : ev re rotg üXXoic. zoig iTtiarj/LiOTaToig r^g 7i6Xetog 
XCOQioig y.ai Iv xot nov Movüiov rej^urti /.cd Iv ro) yiuvaoü;) 
Tiüv hprißiov naqä %bv naXuiov 'U()ödotov. Diese gemüthliche 
Bezeichnung Herodot's hat schon Waddington veranlafst, 
Halikarnafs als die Stadt anzunehmen, wo das Ehrendekret 
abgefafst worden sei, und diese Annahme bestätigt sich da- 
durch, dafs die Stadt sich im Inschrifttexte als eine den 
Aphrodisieern stammverwandte zu erkeimen giebt; auch mufs 
es, wie die Mehrzahl öffentlicher Bibliotheken bezeugt, eine 
sehr ansehnliche gewesen sein. Der „alte Herodot" war hier 
also der einheimische Vertreter von Kunst und Wissenschaft ; 
deshalb diente seine Gestalt als Münztypus (Waddington. 
Voyage numismatique en Asie mineure p. 48), wie Pythagoras 
in Samos, Stesichoros in Himera, Sappho und Alkaios in 
Lesbos; deshalb bildete sein Denkmal bei den öffentlichen 
Bildungsanstalten das Centrum einer Gruppe von Ehrendenk- 



380 ■^■^- (Truppirung öffentlicher Standbilder. 

malern für litterarische Persönlichkeiten, denen jetzt Longianus 
eingereiht wurde, nachdem er die Bürger durch poetische Reci- 
tationen entzückt hatte. 

Dais man die Standbilder, welche zu verschiedenen Zeiten 
aufgestellt wurden, auf den öffentlichen Plätzen so zu ordnen 
suchte, wie es den Beziehungen der dargestellten Personen zu 
einander entsprach, ist an sich wahrscheinlich und läfst sich an 
einzelnen Beispielen nachweisen. So bildeten im Kerameikos 
die Statuen von Konon, Euagoras und Timotheos eine zusammen- 
hängende Gruppe, ohne dafs sie für einander componirt worden 
wären ; so auf der Akropolis Perikles, Anakreon und Xanthippos 
(Brunn, Annali XXXI p. 183). 

Unserm Longianus widerfuhr dieselbe Ehre wie dem Ver- 
fasser der pseudodionischen Eede (Or. XXXVII, 104 R.), nur 
dafs des Letzteren Bild für die Bibliothek hergestellt ward, 
während für Longianus Schriften in einem besonderen Para- 
graphen bestimmt wird : eipt^tpio^^ai de /m) roig ßvßXioig avrov 
drif.iooiav avd^eon' tv re ßvßlio^i]x(xig zalg naq^ tj/iieir, Yva '/.cd 
iv TOVTOig oi vioi rcaiöfhoviai tov avTov xqünov, ov xai Iv roig 
Tiöv TTakaiiüV ovyyQC(/ii/iic«Ji:'. 

Die ältesten Sammlungen griechischer Schriftwerke finden 
wir in Musenheiligthümern, wie Hesiod's Werke auf dem 
Helikon (Paus. IX, 31, 4) zeigen; in Heiligthümern wurden der 
Asylie wegen Originalhandschriften als Anathemata aufbewahrt, 
und die Form der Weihe ging auch auf die Sammlungen über, 
welche bei den Gymnasien angelegt wurden, seit sie sich zu 
wissenschaftlichen Anstalten entwickelt hatten. Die attischen 
Gymnasialbibliotheken wurden, wie die Ephebeninschriften zeigen, 
durch Beiträge der in Athen Studierenden vermehrt. Aus 
unserer Inschrift lernen wir aber, in welchem Sinne die Samm- 
lungen vermehrt wurden. Die Aufnahme von Schriften beruhte 
auf einer Auswahl ; sie enthielt in sich die Anerkennung einer 
gewissen Classicität. insofern man dadurch zu erkennen gab, 
dafs die neu aufgenommenen Schriften neben den alten Meister- 
werken bei dem Jugendunterricht zu Grunde gelegt werden 
sollten ; sie wurden durch die Anathesis als Bildungsmittel 
officicll anerkannt. 

Eine Abschrift des Ehrendekrets, mit dem öffentlichen 
Siegel versehen, wird dem Geehrten nach seiner Vaterstadt 
Aphrodisias mitgegeben, ebenso wie di(> beiden Teier, Herodotos 



XX. Gruppirung öffentlicher Standbilder. 381 

und Menekles, die untersiegelte Abschrift eines Ebrendekrets 
aus Kreta nach Teos mitnahmen (C. Inscr. Gr. 3052). Solche 
Antigrapha dienten als Empfehlungen bei den eigenen Mit- 
bürgern und wurden dann wohl aucli in der Heimath von Neuem 
als Steinurkunden aufgestellt. Ein solches zweites Exemplar ist 
der von Waddington abgeschriebene Stein hadrianischer Zeit, 
auf dessen für Statuengruppirung und Bibliothekseinrichtungen 
nicht unwichtigen Inhalt ich aufmerksam machen wollte. 



XXI. 

Zur Lelire vom Hypätliraltempel. 



Der achtsäulige Zeustempel am Ilisos war ein Bau, dessen 
Cella ganz ohne Dach unter freiem Himmel lag: ein solcher 
Bau ist der Parthenon nicht gewesen, und „Hypaithros" darf 
nicht mehr als Gattungsname für Tempel mit Oberlicht gelten. 
Das ist ein wichtiger Fortschritt in unserer Denkmälerkunde, 
den wir Dörpfeld danken. 

Der Standpunkt der Hypäthralfrage hat sich dadurch 
wesentlich geändert, das einzige ausführliche Zeugnifs für 
Hypäthralbau in klassischer Zeit ist weggefallen. Aber ist nun 
die ganze baugeschichtliche Frage auf entscheidende Weise 
beantwortet? Ist dadurch bewiesen, dafs die Bauanlage des 
Königs Antiochos, die Herstellung eines vollständigen vadg 
vTtaid-Qog mit einer avlrj Tte^iorulo^ in der Mitte etwas durch- 
aus Neues und Originelles gewesen sei, ein Bauprogramm ohne 
Vorgang? Ist es nicht an sich viel wahrscheinlicher, dafs auch 
hier eine alte, volksthümliche Tradition vorgelegen habe und 
dafs eine vor Zeiten gestellte Aufgabe hier nur in neuer Weise 
erledigt worden sei ? Dann gehört der Tempelbau, den Cossutius 
mit dem Gelde eines syrischen Königs herstellte, ebenso wie 
der öiKcioTvlog öhrTtQog, in die Reihe der hellenistischen Wunder- 
werke, welche durch übertriebene Dimensionen und verwegene 
Construktionen alles, was in den alten Stadtgemeinden zu Stande 
gekommen war, überbieten sollten. 

Das Verhältnifs zwischen hellenischen und hellenistischen 
Bauten tritt uns dadurch in neuem Lichte entgegen; die alte 
Streitfrage nach Tempelbeleuchtung wird auf Grund der jetzt 
gewonnenen Thatsachen von neuem ins Auge zu fassen sein, 
und zu diesem Zwecke will ich, um voreiligen Schlufsfolgerungen 



XXI. Zur Lehre vom Hypäthraltempel. 383 

entgegenzutreten, auf einige Gesichtspunkte hinweisen, welche 
mir besonders beachtenswerth scheinen. 

Beim Bürgerhause war die Hausthüre die ursprüngliche 
Lichtquelle, von der Strafse kam Licht und Luftzug. Darum 
liebte man es, die Wohnungen nach Osten zu richten, damit 
schon die auftauchende Sonne sie mit Lichtglanz erfülle 
(Lucian de domo c. 6). Das Bedürfnifs nach reiner Luft im 
Herdraume war der Anlafs, dafs man sich nicht mit horizontal 
einfallendem Licht begnügte und durch dieselbe Dachöffnung, 
welche den Rauch ausführte i^/.aTivoöüy.)]), das erste Oberlicht 
einführte, wie es uns an dem alten Königshause von Lebaie so 
anschaulich geschildert wird (Herod. VIII 137). Weil die 
Hausthüre das erste Fenster gewesen war, nannte man auch 
die Hochfenster i/cgai, d-vQca (fwrayuyoi. Mit dem Hochlicht 
beginnt die charakteristische Entwickelung des hellenischen 
Hauses. Wenn Lucian seine Anmuth schildern will, so ist sie 
wesentlich das Resultat einer geschickten Anlage des Fenster- 
lichts {l/. Tiov rfioraycoytov iiiei.irjXCivr]i.iev)]). Auf der (fcuraycoyia 
beruhte die Eleganz, die Gesundheit und Behaglichkeit des 
Hauses. Es wurden Dachconstruktionen in allen Formen er- 
funden, um durch horizontale Oeffnungen den Binnenraum tag- 
hell zu machen und vom Lichthofe aus die umliegenden Ge- 
mächer zu erhellen ; so werden aus denselben öiu rf^g (fWTaywyov 
Gegenstände dg to vncad^Qov rf^g av'/.rjg geworfen (Lucian 
Convivium 90). 

Bei dem Oberlicht war es ein ganz besonderes Augen- 
merk, dafs die Einrichtung den Jahreszeiten entspreche: 
jcQog i'j(jca' l/MOTt^v tu eyor (Luc. de domo c. 6). Kam die nasse 
Zeit heran, so machte man einen Bretterverschlag (Dig. L, IG, 242 
§ 4 : stratura ex tabulis, quae aestate toUerentur et hieme pone- 
rentur). AViein alten Städten Deutschlands die Sommerzeit da- 
durch angekündigt wird, dafs die Bänke vor die Hausthüren ge- 
stellt werden, so wurde in dem wohl eingerichteten Hause der 
Alten das Bretterdach beseitigt, indem man zugleich für die heifsen 
Monate Tücher benutzte, um den Mittelraum zu beschatten, 
ohne den frischen Luftzug zu hemmen. Dabei entwickelte sich 
ein allmählich fortschreitender Luxus. Ziegenfelle wurden durch 
gewebte Schutztücher ersetzt, und man kam auf den Gedanken, 
durch farbige Vorhänge auf den weifsen Marmor der Hofräunie 
einen milden, dem Auge wohlthuenden Schimmer fallen zu 



33^ XXI. Zur Lehre vom Hypäthraltempel. 

lassen, wie üvid die bezaubernde Wirkung eines velum purpureum 
so anmuthig schildert (Metam. X 592). Was zum Bretterdache 
nöthig war, gehörte zum Inventar des Hauses, die vela waren 
Eigenthum des Bewohners, wie die römischen Juristen genau 
unterscheiden. 

Was wir bei den Römern so üppig entwickelt sehen, war 
bei den Hellenen zu Hause; das beweist schon das immer 
wiederkehrende und niemals lateinisch ersetzte Wort Hypaithros. 
Wir dürfen es als etwas im Naturell der Hellenen tief Be- 
gründetes ansehen, dafs sie einen unwiderstehlichen Zug hatten, 
überall von Himmelslicht und -luft sich umgeben zu fühlen. 
Mit griechischer Empfindung preist Vitruv das Heilsame und 
Erquickende des offenen Hofs. Tageshelle im Hause war den 
Griechen Lebensbedürfnifs ; davon zeugt besonders Lucian, wenn 
er neben dem schönen Verhältnisse der Hausräume nach Länge, 
Breite und Höhe t<öv fpwTcr/wycöv ro l'Aeid-eQor preist. Das 
war also etwas, was den Freien vom Sklaven, den Hellenen 
vom Barbaren unterschied, dafs es ihm nicht im Dunkel oder 
trüben Dämmerlicht behaglich sein konnte. Volles Tageslicht 
{rcollr] rj h>dov rj/^isQa Lucian Hippias 7, avyrj, cpwravyeia) das 
war die unentbehrliche Lebensfreude des Hellenen, und deshalb 
war die Sorge dafür (die fpcorayvjyicx) eine der wichtigsten Auf- 
gaben bürgerlicher Baukunst, welche die künstlerische Erfindungs- 
kraft ununterbrochen in Spannung hielt. 

Diese Thätigkeit erstreckte sich natürlich auch auf öffent- 
liche Gebäude. Ein Zeugnifs dafür ist das Rathhaus der an 
baulichen Erfindungen so fruchtbaren Stadt der Kyzikener 
(Plin. XXXVT 100), an dem der Dachstuhl ein berühmtes 
Meisterwerk der Zimmerkunst war, so eingerichtet, dafs die 
Balken ohne Schwierigkeit herausgenommen und wieder einge- 
setzt werden konnten ; es wurde also ohne Schwierigkeit nach 
Bedürfnifs ein mehr oder minder offenes Sommerdach und ein 
(bis auf das Opaion) geschlossenes Winterdach hergestellt. 

Wenn wir aus dem Altertlium nichts hätten, als die Fülle 
so mannigfaltiger, bei Schriftstellern und Lexikographen zer- 
streuten Ausdrücke, die sich sämmtlich auf Oberlicht beziehen 
— oTiaiov, foramen tecti, tecta perforata, transsecta ; tecti pars 
patet, lumen summo accipitur, locus tectus intra parietes relictus 
patulus, coelum liberum, coelum patet, tectum interpatet — 
(Ausdrücke, von denen die meisten den Römern angehören, weil 



XXI. Zur Lehre vom Hypäthraltempel. 385 

diese die praktischen Einrichtungen des Lebens mehr als die 
Griechen zur Sprache bringen), so könnten wir daraus schon 
den sicheren Schlufs ziehen, dafs es seit alten Zeiten ein Haupt- 
problem und eine allmählich gereifte, virtuose Technik bürger- 
licher Architektur gewesen sei, wohl geschlossene Räumlich- 
keiten mit dem Bedürfnifs nach Licht und Luft in vollen Ein- 
klang zu bringen. 

Beim Gottesdienst treten neue Gesichtspunkte ein. Seit 
der Pelasgerzeit lebten die Hellenen des Glaubens, unter freiem 
Himmel der göttlichen Gegenwart gewisser zu sein; sie beteten 
und opferten sub divo, und den Altar des Zeus Herkeios konnte 
man sich nur h tTtal^Qfo rijg avlfig denken (Paus. II 24); 
wer schwören wollte, prodibat in impluvium. 

Wenn die Menschen sich selbst nur in freier Himmelsluft 
wohl fühlten, wie konnten sie von den Olympiern anders denken! 
Bei den astralen Gottheiten war es Gesetz, dafs sie nur in 
subdialen Räumen angerufen werden konnten. Diejenigen Stätten, 
welche sich die Götter durch besondere Zeichen angeeignet 
hatten, durften durch kein Dach vom Aether getrennt werden. 

Wenn es nach ältestem Volksglauben Thorheit war, die 
göttlichen Wesen in Wände einschliefsen zu wollen, so wurden 
durch die Idolatrie Gotteshäuser nothwendig, um die ^oavce 
sicher unterzubringen. 

Das erste Bauglied, dessen Funktion am dorischen Hieron 
durch den Namen bezeugt wird, ist die Metope. Das Wort 
bezeichnet den von zwei Triglyphen eingefafsten offenen Raum. 
Wenn man die Etymologie bezweifeln will, wozu kein genü- 
gender Grund vorliegt, so haben wir ein zweites vollkommen 
unabhängiges Zeugnifs bei Euripides (Iph. Taur. 1181), wo 
Pylades den Vorschlag macht, durch die zwischen den Triglyphen 
vorhandene Oeffnung in das Innere des Tempels einzusteigen. 
Der Text ist sicher, die Erklärung unzweifelhaft, und, so aben- 
teuerlich der Vorschlag klingt, konnte doch der Dicliter, ein 
gelehrter Kenner des Alterthums, dem attischen Publikum un- 
möglich etwas vortragen, w9,s sinnlos war und Spott hervorrufen 
mufste. 

Wir haben also ein vollgültiges Zeugnifs, dafs man schon 
die älteste Tempelcella vom Thürlicht unabhängig zu machen 
und durch hohe Seitenfenster {^cqui (ptoTaytoyoL) zu erhellen 
bestrebt gewesen ist. 

Ourtias, Oetiummolte Abhandlungen. Bd. U. 25 



386 XXI. Zur Lehre vom Hyp'äthraltempel. 

Metopenfenster wurden durch den Peripteralbau unmög- 
lich, und es fragt sich, ob man bei dem Prachtbau mit Ring- 
halle zu dem primitiven Thürlicht zurückgekehrt sei. Wäre 
dies der Fall, so würde Vitruv in seiner Kritik der verschie- 
denen Formen des Peripteros den Pyknostylos deshalb getadelt 
haben, weil er das zuströmende Licht beeinträchtigt. Er macht 
aber nur den Einwand, dafs der freie Anblick der Thüre ge- 
hindert werde und dafs man von aufsen die Bildwerke nicht 
gut sehen könne (Vitr. 71). Wenn aber die grofsen Thür- 
breiten betont werden und daraus gefolgert wird, die Thüre 
müsse noch einen anderen Zweck als den des Eingangs gehabt 
haben, so ist diese Folgerung nicht berechtigt ; denn die Breite 
von Tempelzugängen und Tempeleingängen gereicht den Göttern 
zu besonderer Ehre, wie die oöoi k/.ax6(-iTcedoi beweisen ; auch 
zeigt das Pantheon am besten, dafs breite Thüren das Ober- 
licht nicht überflüssig machten. Suchte man den menschlichen 
Wohnungen durch strahlende Helligkeit der Binnenräume 
Anmuth und Würde zu verleihen, so wird man doch wohl die 
Gotteshäuser darin nicht haben zurückstehen lassen. Dafür 
zeugen die Metopen der einfachen Tempelzellen, dafür spricht 
der Aufbau des Athena-Niketempels, an dessen Fronten die 
Wände an beiden Thürseiten fehlen, um möglichst viel Sonnen- 
licht in das kleine Gemach eindringen zu lassen. 

Diejenigen Tempelhäuser, welche wesentlich Schatzräume 
waren, müssen wir uns von oben erleuchtet denken ; denn es 
scheint mir unglaublich, dafs die unter den Augen und unter 
Verantwortung einer kleinen Schaar vereidigter Beamten vor 
sich gehende Abrüstung des Parthenosbildes und das sorg- 
fältige Abwägen aller Werthstücke an demselben und an seiner 
Basis bei geöffneten Thürflügeln stattgefunden habe. Was den 
delphischen Tempel betrifft, so sehen wir aus Euripides' Ion, 
dafs Xuthos alle Bäume bei verschlossenen Thüren durch- 
wandert, und seine Rückkehr wird von den Aufsenstehenden 
daran wahrgenommen, dafs man die schweren Thürflügel von 
innen mit grofsem Geräusch aufrollen hört. Sie dienten also 
nur zum Ein- und Ausgehen der Menschen. Apollon kommt 
von oben (culminis per aperta fastigia) in sein Heiligthum ; von 
dem Blitzstrahle, den [Zeus vor seinem Bilde niederfahren liefs, 
glaubte man nicht, dafs er das Dach zerschmettert habe, und 
es bleibt eine feste Thatsache, dafs die Hydria, welche das dem 



XXI. Zur Lehre vom Hypäthraltempel. 387 

Pheidias gespendete Wahrzeichen kennzeichnete, unter freiem 
Himmel gestanden hat. 

Bei den Tempelhäusern, welche nicht wie das der Athena 
Polias zu täglichem Gottesdienste offen standen, müssen wir 
voraussetzen, dafs die grofsen Flügelthüren nur bei besonderen 
Gelegenheiten geöffnet wurden (darum heifst es in Plautus 
Bacchides v. 900 : in arcem abiit aedem visere Minervae ; nunc 
aperta est); für gewöhnlichen Fremdenbesuch wird es kleinere 
Eingänge gegeben haben. 

Man hat wohl die Ansicht ausgesprochen, dafs es für 
kolossale Tempelbilder vortheilhaft gewesen sei, wenn sie nicht 
zu grell beleuchtet gewesen wären, und gewifs haben die Alten 
alles zu thun gewufst, um den Eindruck imponirender Feier- 
lichkeit in vollem Maafse empfinden zu lassen. Gab es in 
Privathäusern die kunstvollsten Vorkehrungen, um bei ver- 
hängter Dachöffnung eindrucksvolle Lichtwirkungen zu erzielen, 
so können wir mit Zuversicht voraussetzen, dafs bei so einzig- 
artigen Tempelbildern klassischer Zeit an technischen Erfin- 
dungen nichts verabsäumt worden sei, um bald durch vollen 
Aetherglanz, bald durch gedämpfte Beleuchtung das grofse 
Kunstwerk in voller Wirkung sehen zu lassen. Vor allem aber 
mufste dafür gesorgt werden, dafs die ganze Fülle der mit 
beispiellosem Aufwände aller Kunstmittel hergestellten Aus- 
stattung bis in jede Einzelheit mühelos und vollständig ge- 
würdigt werden konnte, und wir können uns der Ueberzeugung 
nicht entzieheu, dafs, wenn die Tempelthüren wirklich der 
einzige Lichtquell für Parthenon und Zeustempel gewesen wären, 
Aufstellung und Gröfsenverhältnisse der Kolosse anders einge- 
richtet worden wären; man kann nicht recht begreifen, warum 
dann gerade der von der Eingangsthür entfernteste Platz aus- 
gesucht worden sei, wo die Gesammtanschauung mannigfaltigen 
Störungen doch immer am meisten ausgesetzt sein mufste. 

Für den olympischen Tempel haben wir noch einen beson- 
deren Fingerzeig in den Gemälden des Panainos, Sie schmückten 
die Schranken eines eingehegten Hofes, wo man sich unmittel- 
bar zu den Füfsen des Zeusbildes zu rulüger Betrachtung 
geistig sammelte. Es war eine sinnvolle Verbindung zwischen 
Malerei und Plastik, wie sie auch der Parthenon nicht hatte. 
Unter Panainos' unmittelbarem Einflüsse war der Baueontrakt 
über die Einrichtung des inneren Tempels abgeschlossen; wenn 

25* 



388 XXI. Zur Lehre vom Hypäthraltempel. 

er also seine berühmten Bilder an den inneren Seiten der 
Schrankenwände anbrachte, so ist doch unmöglich anzunehmen, 
dafs er solche Flächen dazu wählte, welche völlig im Dunkel 
lagen, auch wenn bei Mittagssonne beide Flügelthüren weit 
geöffnet waren. Dieser Hof, den Panainos sich mit besonderer 
Liebe eingerichtet hat, setzt nothwendig Oberlicht voraus. 

Von Beleuchtung mit Lampen und Kerzen, die wir sonst 
hier annehmen müfsten, wissen wir nur im „Opisthodom" der 
Burg. Dies Gebäude ist nach meiner Ueberzeugung (Stadt- 
geschichte S. 132) das Hinterhaus des älteren Hekatompedos, 
ein Raum ohne Oberlicht, der künstlich erhellt werden mufste, 
wenn die Gelder und Bechnungsurkunden revidirt wurden; da- 
her konnten hier Brände entstehen, wie der bei Demosthenes 
erwähnte (c. Tim. 136 p. 743). 

Die Finanz- und Rechnungsbelege waren zu amtlicher Con- 
trole deponirt. Aber es war in den Tempelhäusern eine Fülle 
von Schriftdenkmälern, die für Alle bestimmt waren. Durch 
LoUings gelehrten Fleifs tauchen jetzt nach und nach die vielen 
Epigramme wieder auf, die an den Postamenten der Athena 
geweihten kleinen Kunstwerke sorgfältig aufgeschrieben waren. 
Die Stifter hatten ein Anrecht darauf, dafs diese bequem ge- 
lesen werden konnten, und für jeden kunstsinnigen Besucher 
des Hekatompedos war es von Interesse, diese Denkmäler zu 
durchmustern. Es war eine nur hier gebotene Gelegenheit, die 
erfindungsreiche Pietät der athenischen Bürgerfamilien in ver- 
schiedenen Zeiten zu überblicken. 

Ungleich wichtiger aber waren die Schrifttafeln, die öffent- 
liches und allgemeines Interesse hatten, wie z. B. der Pfeiler 
im Zeustempel von Olympia, auf dem die Bestandtheile und 
Maafse des Goldelfenbeinkolosses genau verzeichnet waren. Sollte 
es nöthig gewesen sein, die Eingangsthüren zu öffnen, um alle 
diese Merkwürdigkeiten der Tempelhäuser zu durchmustern, 
wozu an den öffentlichen Feiertagen keine passende Gelegen- 
heit war, weil es ein längeres, ruhiges Verweilen in den Bäu- 
men verlangte? 

AVenn man immer wieder auf die Kraft der südliclien 
Sonne hingewiesen hat, um die Entbehrlichkeit des Oberlichts 
zu erweisen, so mufs man doch bedenken, wie sehr gerade 
an den hohen Festtagen, wo alles in vollem Glanz erscheinen 
sollte, das Horizontallicht beeinträchtigt werden mufste, wenn 



XXI. Zur Lehre vom Hypäthraltempel. 339 

in dichten Eeihen die Bürgerzüge über die Thürschwelle hin- 
wegschritten und das ganze Mittelschiff anfüllten. 

Wir hahen ja aber, abgesehen von den der Thür abge- 
kehrten Gemälden des Panainos, die deutlichsten Beispiele 
künstlerischer Ausstattung, welche bei Thürlicht unbedingt nicht 
zu gebührender Anschauung gelangen konnten. Dazu gehört vor 
Allem der Bildfries von Phigaleia, bei dem auch die Gegner 
des Oberlichts annehmen müssen,, dafs hier ein hj^jäthraler 
Raum vorhanden war. Und diese hier ohne "Widerspruch an- 
genommene Bauweise soll eine ganz alleinstehende Ausnahme 
gewesen sein? Das ist doch eine Annahme von der höchsten 
UnWahrscheinlichkeit, wenn wir bedenken, wieviel künstlerische 
Ausstattungen ähnlicher Art, von denen wir keine Anschauung 
haben, in den Tempelräumen vorkommen mochten, wie früh 
das Bedürfnifs nach Oberlicht sich bei den Hellenen geltend 
gemacht hat und wie man mit unermüdlicher Erfindungskraft 
in allen Zweigen der Architektur die Aufgabe vor Augen ge- 
habt hat, das Innere grofser Gebäude so zu bedecken, dafs 
dadurch der Eintritt des Tageslichts nicht abgesperrt werde. 

Wenn wir nicht im Stande sind, uns von der durch lange 
Praxis hoch entwickelten Technik künstlicher Dachkonstruktion 
eine anschauliche Vorstellung zu bilden, so ist diefs gewifs 
kein Beweis gegen Hypäthralbeleuchtung, Wie unvollkommen 
unsere Anschauung von den im Alterthum am meisten bewun- 
derten Kunstleistungen ist, erkennen wir auch daran, dafs es 
unmöglich ist, uns von den Bildkolossen in den Tempelhäusern 
und ihrer Wirkung eine genügende Vorstellung zu machen. 

Ebensowenig kann die Thatsache entscheiden, dafs von 
einem Impluvium in griechischen Tempeln noch keine sicheren 
Kennzeichen nachgewiesen worden sind. Indessen ist, soviel ich 
sehe, von den Löchern im Tempelfufsboden des olympischen 
Zeus, welche 0,44 lang und 0,24 breit vorhanden sind und die 
bei unseren Versuchen eingeschüttetes Wasser aufschlürften 
und abführten, noch nicht nachgewiesen worden, dafs sie nicht 
geeignet gewesen wären, ebenso wie die Löcher im Fufsboden 
des Pantheon, das Regenwasser abzuführen. 

Die Absicht dieser Bemerkungen ist nur die, davor 
zu warnen, mit der Entdeckung am athenischen Olympieion 
eines der wichtigsten Probleme antiker Baugeschichte für er- 
ledigt anzusehen. Wer die neuere Litteratur kennt, der weifs, 



390 XXI. Zur Lehre vom Hypäthraltempel. 

wie mau bei Beurtheilung der verschiedenen Tempelbauten 
zwischen ganz widersprechenden Ansichten wieder haltlos hin 
und her schwankt. Unsere Aufgabe ist es nicht, die Akten 
zu schliefsen, sondern immer und immer zu lernen. Die durch- 
bohrten Dachziegel, durch welche der Dachraum erhellt wurde, 
sind ja auch erst neuerdings in Olympia aufgefunden worden. 
Wenn Dörpfeld^) sagt: „Es ist nichts zum Vorschein ge- 
kommen, was das Vorhandensein eines grofsen Oberlichts er- 
wiese," so ist dies vollkommen richtig. Aber um. die Mafse 
der Lichtöffnung handelt es sich ja nicht; wir sind Alle über- 
zeugt, dafs durch eine sehr mäfsige Oeffnung. die Zenithlicht 
einführte, viel erreicht werden konnte. Von solchen äufserlich 
ganz unscheinbaren Einrichtungen hatte Vitruv keinen Anlafs 
zu sprechen, weil sie keine besonderen Typen des antiken 
Tempeibaues hervorgerufen haben. Sie konnten als etwas Her- 
kömmliches und Selbstverständliches angesehen werden. 

Der hellenistische Hypäthraltempel ist der Ausläufer einer 
langen Reihe hellenischer Dachconstruktionen, die in beschei- 
denem oder gröfserem Maafsstabe das Tempelhaus mit Oberlicht 
versahen. Was unter römischem Himmel nicht gewagt worden 
ist, wurde unseres Wissens zuerst an dem Oktastylos des Zeus 
am Ilisos durchgeführt, einem kühnen Prachtbau, der sich 
nicht mit einer Lichtöffnung im Dache begnügte, sondern das 
ganze Mittelschiff ohne Dach als einen hypäthralen Säulenhof 
freilegte. 

Ich habe auf Grund des Materials, das in der Hauptsache 
von Karl Bötticher mit seinem eisernen Fleifse zusammen- 
gebracht worden ist, die unberechtigten Folgerungen aus den 
neuerdings gemachten Entdeckungen abzulehnen versucht. Nach 
meiner üeberzeugung ist ein lichtloser Gottestempel bei den 
Hellenen so unglaublich, dafs die technische Unmöglichkeit des 
Oberlichts bewiesen werden müfste, um den Glauben daran 
aufzugeben. 



1) Olympia. Baudenkmäler. 1892. S. 17. 



c. 
Epigraphik und Numismatik. 



I. 



Delpliisclie Maiierinschriften 

als Quelle des griechischen Privatrechts. 



Nachdem Karl Otfried Müller in dem verhängnifsvollen 
Sommer 1840 einen Theil der Mauer, welche die Terrasse des 
delphischen Tempels stützt, ausgegraben hatte, hat ein Ein- 
wohner des heutigen Dorfes Kastri damit fortgefahren und eine 
weitere Strecke von dreifsig Meter Länge freigelegt. Es kamen 
dadurch einige zwanzig Inschriften zu Tage, von denen Conze 
und Michaelis 1860 einen Theil abgeschrieben und veröffentlicht 
haben in den Annali des Rom. Instit. XXXIII S. 66. Vgl. 
Philologus XIX S. 178. Bald darauf unternahm es die fran- 
zösische Schule in Athen, in gröfserem Maafsstabe Müllers Werk 
fortzusetzen. Zwei Zöglinge derselben brachten längere Zeit 
in Delphi zu, liefsen über 40 Meter derselben Mauer aufdecken 
und fanden mit Ausnahme geringer Zwischenräume die ganze 
Oberfläche dicht mit Inschriften bedeckt. Nachdem der Eine 
derselben, Herr Wescher, kurz vor Beendigung dieser Arbeiten 
im Juni 1861, einige briefliche Mittheilungen über die Ergeb- 
nisse derselben gemacht hatte (Bullettino dell' Institute 1861 
S. 131), liegt uns die gesammte Ausbeute in dem Werke vor: 
„Inscriptions recueillies ä Delphes et publiees pour la premiere 
fois sous les auspices de Son Exe. Mr. Roulaud Ministre de 
rinstruction et des Cultes par M. Wescher. P. Foucart, 
membres de l'ecole Fran^aise d'Athenes." 

Es sind im Ganzen 480 Inschriften, von denen 420 dem 
Theile der Mauer angehören, welcher auf Veranstaltung der 
französischen Schule aufgedeckt worden ist. Die Mauer hat 
durchweg denselben Charakter, wie ihn die in meinen Anecdota 
Delphica gegebene Zeichnung veranschaulicht. Es ist eine 



394 ^' Delphische Mauerinschriften. 

mächtige Polygonmauer, drei Meter hoch, unten mit einem 
sockelartigen VorsjDrunge versehen, oben von einigen Lagen 
regelmäfsig behauener Steine bedeckt. 

Die Herausgeber haben die Texte nur in Cursivschrift 
mitgetheilt, ohne dafs dadurch die Genauigkeit beeinträchtigt 
scheint, und Niemand kann die Ausdauer und Unverdrossenheit 
der Herausgeber besser würdigen und lebhafter anerkennen, 
als wer selbst in delphischer Sommerschwüle vor jener Mauer 
gestanden und sich bemüht hat, dies grofse Steinmanuskript 
zu entziffern; eine Arbeit, welche durch die Gleichartigkeit des 
Inhalts um so ermüdender wird. 

In dem besonderen Interesse, welches die deutsche Wissen- 
schaft für diese Fortsetzung der letzten Arbeit Otfried Müllers 
haben mufs, und in dem Antheile, welchen ich selbst an jener 
ersten Aufdeckung des delphischen Archivs gehabt habe, er- 
kenne ich eine Aufforderung, über den wissenschaftlichen Ge- 
winn, den diese Entdeckungen gewähren, eine Uebersicht zu 
geben. 



Die bei weitem gröfste Menge der Inschriften (19 bis 451) 
sind Freilassungsurkunden, und ich stelle daher zunächst das 
zusammen, was sich in Betreff jenes merkwürdigen Rechts- 
institutes (von mir als manumissio sacra und dann von M. H. 
E. Meier in der Allg. Litt. Ztg. 1843 Dec. in seinem Aufsatze 
über die Freilassung bei den Griechen besprochen) aus dem 
neu gewonnenen Material an Belehrung ergiebt. ^) 

Was zunächst die Ausfertigung der Urkunden betrifft, so 
■wird im Einklänge mit früheren Inschriften eine doppelte mehr- 
fach erwähnt, und beide werden als toi'cd bezeichnet. Die eine 
ist der ursprüngliche Vertrag (a yqacpa, ovyyQarpd, t6 of.i6loyov, 
%o dvTr/Qaf/ov rüg iuvüg), welcher entweder bei einer amtlichen 
oder bei einer Privatperson aufbewahrt wird, und zwar in zwei 
Exemplaren, wenn der Preilasser ein Auswärtiger ist wie 53: 
d. iova. 71UOU /.dv (fiw/.rj Kacfiaiora, jraqä öh Jthpöv u. s. w. Die 
andere ist die monumentale Urkunde (a lovd d Iv tio Isqi^ 



') Vgl. Foucart, De l'airranchissement des esclaves (Comptes rendues 
de l'acad. des inscript. 1863 S. 129 11'.). Büchsenschütz, Besitz und Er- 
werb, S. 174 ff. 



I. Delphische Mauerinschriften. 395 

avayeyQaf^if.ieva), welche nach dem Staatsgesetze erfolgt unter 
Autorität der delphischen Beamten {avayQaij.ic(VTLo oi aQyovreq 
kv TU) ieqiji), und durch diese amtliche Aufzeichnung, von der 
zuweilen wie 239, 7 auf die andere ausführlichere Urkunde hin- 
gewiesen wird, erhält der ganze Vertrag seine volle Rechtskraft 
(« wva. -AVQia earlv avayEyQai.ij.ieva). 

Für die Form des Verkaufs an den Gott kommt aus- 
nahmsweise die Form der "Weihung vor. No. 432 ist eine 
solche zu Physkos vollzogene {rqia-/.adL iv kvvöiiiM sxx'Ar^aia) und 
nachträglich in Delphi aufgezeichnete. No. 436 ist unter den 
"Weihurkunden die merkwürdigste, sie ist im Philologus XIX 
S. 173 abgedruckt und von Keil im Ehein. Museum XVIII S. 262 
besprochen. Sie enthält die Anathesis eines Kalydoniers Alke- 
sippos, in Form einer letztwilligen Verfügung. Er weiht dem 
Gotte und der Stadt (also hatten beide eine gemeinsame Kasse) 
ein Kapital, von dessen Zinsen ein jährliches Opferfest zu seinen 
Ehren mit feierlicher Procession aller Priester, Beamten und 
Bürger {jiovTteveiv i/. rag altoog rovg leQelg) gehalten werden 
soll; sein ganzes übriges Besitzthum {rd akka nävru tu 'iöiu 
dvaTid-t^zi : die Herausgeber wissen hier nichts von der Lücke, 
welche die deutschen Reisenden nach 'idta angeben und Keil 
durch ein Ifkaye zu ergänzen gesucht hat) vermacht er deni 
Gotte und der Stadt, und darunter auch seine Sklavin Theu- 
tima, diese aber in der "Weise, dafs sie nach seinem Tode frei 
sei, mit dem Auftrage, dafs sie nebst drei Anderen von dem 
Kupfervorrathe in seinem Nachlasse ihn bestatte. Hier wird 
also die manumissa geradezu als ein Anathema angesehen, 
dessen üebergabe an den Gott nur unter besonderen Voraus- 
setzungen erfolgt. Als testamentarische Verfügung wird auch 
No. 419 die Freilassung verkündet; also ist auch hier wie bei 
der Anathesis von keinem Kaufpreise oder Lösegelde die Rede 
(nur von einer Zahlung an die Erben, wenn der Erblasser vor 
einer bestimmten Frist sterben sollte), dennoch wird auch diese 
Verfügung eine tovu genannt. Endlich noch ein Beispiel der 
Anathesis, und zwar hier nach vorgängiger Zahlung: No. 406 
dvaTiM^ijGL l'ktvO^tqav Ifi ■jcaQaiyr./.ij räv /raidia/.av y.aiaßeßhf/.iHav 
ÖQaxiidg ^AXeE,avdqEiag diaxoaiag. Dies ist die einzige mir er- 
innerliche Ausnahme von der Regel, nach welcher die Form 
der AVeihung nur da eintritt, wo die Freiheit geschenkt wird. 
Auch kommt nur hier der Ausdruck Iv TtaQaO-rf/.tj vor. 



396 ^- Delphische Mauerinschriften. 

tova ist der Kaufvertrag, der mit dem Gotte geschlossen 
wird; dalier ileOd^egos xara rdv lovav rov d-eov 66, 11; 354, 15. 
€GTio ä iovd ßeßawg rcft ■d-f(f) 397; 399. « lord /neverw rcp d-eto 
189, 14; 213, 12. Da wvCi in uneigentlichem Sinne soviel wie 
ccva^€Oig bedeutet, kann es auch heifsen: eöcoy.e räv wvdv JioQr]- 
(.latog TW AnölkiDVi 419. Dem früheren Kauf vertrage, auf 
welchem die Unfreiheit des Freizulassenden beruht, wird der 
Verkauf an den Gott als der Anfang der Freiheit entgegen- 
gesetzt und deshalb die Nichtigkeit des früheren Vertrags aus- 
drücklich ausgesprochen. 81, 4: üote räv TCQOTfQaalav covdv 
aQf-ievav (aufgehoben) el/iiev Aal äxvQov. 169, 7: d TtQozsQOv Lovd 
av eixe ylaf^iTTQiag Biorag dgueva '/.al dreXr^g eorco 179, 7. Hier 
ist also lovd das durch Kauf erworbene Eigenthumsrecht : 
A. eiyßv tovdv Biorag, 6 ■d-ebg £/«<. 

Um etwaige Ansprüche und Einreden Dritter abweisen zu 
können, wird zuweilen der frühere Besitzer namentlich angeführt 
und so das rechtmäfsige Eigenthumsrecht des Freilassers con- 

statirt (7[q6t€qov iTtgiaro Ttaqu 126. 130. 197. 198. 247. 

275. TiQoaTTedoTO -/.ard rov v6/iiov 325. TtQoanodorai v.axd rdv 
Gvf.ißoldv 363, /. T. v6f.iov 177. 

Obgleich der Verkauf an den Gott nur ein Scheinverkauf 
ist, so werden dennoch dem symbolischen Charakter des ganzen 
Rechtsgeschäftes gemäfs die Freigelassenen als Eigenthum des 
Gottes bezeichnet, wenn auch mit solchen Zusätzen, welche 
jedem Mifsverständnisse vorbeugen und das wirkliche Sach- 
verhältnifs klar aussprechen. So z. B. 310. 253, 8: tov d^eov 
eoTio \Jya^aiii£Qig töv Ttdvra ßiov -/.ad-wg eniotevoe to) S^eiT) rdv 
wvdv, 376. 384 {tov -d-eov eatw — -/.vQitvwv avrdg avrov). 
404,11: hqu eoTw rov ^AnoXkwvog /xxl ävHpaTZTog. 301, 11: 
ikev&tqa oi'oa xca roü S-toi. Diese Ausdrücke erweisen deut- 
lich den Ursprung dieser Freilassungsform aus der Hierodulie. 
Die Freigelassenen werden wie zum Inventar des Heiligthums 
gehörig angesehen; sie werden von denen, welche sie ex officio 
oder freiwillig gegen Angriffe schützen, dem Gotte vindicirt 
(aclelv tjii TOV -d-eov 100,7; 167,22; vneQ rov i)-e6v 163,5; 166) 
und, wie entwendete Anathemata, dem Heiligthume restituirt 
(407, 20: v.vQiot tovrw dt re ßeßaiwrfJQfg /.al dklog b d-ilwv 
UTto/.adiardovTeg Etvwvu h rb uqov. Vgl. 417, 6: o Tcaqarvxiov 
'/.vqiog k'artü dcpaiQeifievog wg itQav ovaav. 450: dcpaiqelod-ai kn 
Vkivd-eqia). 



I. Delphische ]\Lauerinschriften. 39"^ 

Zur Gewährleistung dessen, was durch den Scheiuverkauf 
erzielt wird, werden besondere Vertrauensmänner bestellt, welche 
mit dem Verkäufer zusammen für die Rechte des Freigelassenen 
einstehen und jeden Angriff auf seine Person (aTtzto^ai, Icp- 
d7tT6o!}ai, Ivditxeod-ai , iTtiÄa/nßccvead^ai, wofür 66 auch das 
attische aytiv) abwehren. Das ist der confirmator des Geschäfts, 
ßeßauüTt-o {y.al nQooTarrig 38), der mit dem Freilasser zugleich 
verantwortlich ist, von ihm ernannt oder, wenn eine Frau 
manumittirt, von ihrem Verwandten und rechtlichen Beistande, 
mit dessen Einwilligung die Freilassung erfolgt (y.e'/.eöovTog 
EivMvog 120, 14; •/.BLi.ma.vxoi 236, ?). Ueber die Pflichten des 
confirmator gab es delphische Gesetze, daher der gewöhnliche 
Zusatz /.axu töv vo/liov (rag nö/aog). In den neu gefundenen 
Inschriften kommt nun auch ein bestimmter Strafsatz vor. 
Wenn der Freilasser und der amtliche Gewährsmann den Ver- 
trag nicht aufrecht erhalten, ccroreiadwiov uvtcc y.al z« i]iu6ha 
347, 6 oder, wie die zweite Formel lautet, Trgu/.riuoi eovriov toj 
deuj y.al Iwrltovi (dem Freigelassenen) yal to) vTteQ rov O^eöv 
d-ikovTL jiQaGouv avTOv y.al rov rjuio?Jov /iivdv i^ 341. 384. 407; 
7rQd/.TLf.iOL eoTcov avxiöv y-al xwv ri}.uo)uiov. Da in dem Eingange 
der Urkunden immer der Preis angegeben ist, um welchen der 
Sklave losgegeben wird, so kann sich das avxd wohl nur dar- 
auf beziehen und es mufs ergänzt werden: aTtoxeiodiiü avxd 
xd XvxQa y.al xd rj/niöXia, 7TQay.xii.iog avxiöv xiov kvxQtov. Das 
Lösegeld selbst und dann noch anderthalbmal soviel kann von 
dem Gewährsmann wie von dem Freilasser, wenn sie zur Sicher- 
stellung des Freigelassenen etwas versäumen, eingetrieben wer- 
den. Die formelhafte Wiederkehr desselben Strafsatzes läfst 
darauf schliefsen, dafs dies gesetzliche Bestimmungen waren ; 
es sind wörtliche Anführungen statt des allgemeinen /.axd xdv 
vofiov xdg nokiog. Ganz singulär ist die Formel, die No. 421 
leider unvollständig erhalten ist : y.vqiog f'oxco o Tragarv/wv 
av'/.eiüv liüoi/j.ri litg '/.vxqu . . . xog ly. 7tol£iikop. Bis jetzt hatte 
man über die Bufse des säumigen Gewährsmannes nach del- 
phischem Rechte nur die Stelle im C. I. Gr. n. 1706, wo das 
Sechsfache des Lösegeldes ausgemacht wird {i'y.xiftoi tövivj uväv 
rgid/.ovxa l'ekevy.o) ^eXtvy-ov, dg lelevyog i^ih]). Hier soll das 
Strafgeld an einen Dritten ausgezahlt werden, so dafs dieser 
ein Interesse dabei hat, auf die strenge Erfüllung des Vertrages 
von Seiten des Verkäufers und des Gewährsmannes zu achten, 



398 I- Delphische Mauerinschriften. 

und es wird dann seinem freien Willen anheimgestellt, ob er 
die volle Summe einziehen will oder nicht. Das sind Bestim- 
mungen, welche aus besonderer Uebereinkunft hervorgegangen 
sind, wie auch in delphischen Inschriften (Anecd. Delpli. n. 3) 
neben dem Gesetze die persönliche Verabredung als maafsgebend 
für die Stellung des Gewährsmannes angeführt wirdt ßeßauüTrjQ 
■/.ata lov ro/iiov /.cd /.cad ro ovftßo'Aor oder xard rdv av/ußoldv 
(404, 16). Auch blofs zara rdv a. 213, 6. Noch ist zu be- 
merken über die Stellung des Bebaioter, dafs die genaue For- 
mulirung seiner Verantwortlichkeit sich vorzugsweise auf die 
Frist bezieht, in welcher die Bedingungen der Freilassung noch 
nicht alle erfüllt sind und der Freigelassene also um so 
leichter mit einem Unfreien verwechselt werden kann. Für 
die spätere Zeit, in welcher die volle Freiheit eingetreten, er- 
geht eine ganz allgemeine Aufforderung an Jeden, der des 
Weges kommt (y.rQiog sarco /.al 6 TtagaTvxcov), die vindicatio in 
libertatem vorzunehmen und ihm wird bei dieser Handlung 
Straflosigkeit zugesichert (dCd^uog hov /.al avvnoöuog Tidoag 
di/ag zal Ccc^ilag). Ein Erlöschen der besonderen Verpflich- 
tungen des amtlichen Gewährsmannes wird aber nirgends 
erwähnt. Eine ganz eigenthümliche Bestimmung findet 
sich 138, 6, wo der Frau, welche für die Mutter der Frei- 
gelassenen gilt, eine besondere Vollmacht zur Vindication er- 
theilt wird (i^ovaiav dfiev JtoQtjiitaTi zai dlXo) tm ^sXovtl avXrjv 
'^Hdvlav ibg ilevd-eqav). In einzelnen Inschriften (130, 5; 134,10; 
135, 5) wird die Verantwortlichkeit des Gewährsmannes dem 
Freigelassenen gegenüber besonders hervorgehoben; er ist dem- 
selben vnööi/og, TTqd/jii-iog. Endlich wird auch dem manumissus 
das volle Kecht der Selbsthülfe zugesprochen /vQiog iotco avrög 
eavTov ovXnov 62, 8, avlecov avg avrov 64, 14. 

Anstatt dafs gewöhnlich nur der Name des Freigelassenen 
verzeichnet wird, kommen hie und da nähere Bezeichnungen 
vor, wie alxincclcoTüg 179, avXrjTQig 177, ßauthxd ftaidlo/a 336, 
Ttyvlrqg axvrevg 429. Merkwürdig ist, dafs 51 bei zwei Skla- 
vinnen auch ihre Kleider erwähnt werden (xcdi rd Irdu^iara 
7iuvTa), die ihnen also noch besonders als Eigenthum zugesprochen 
werden. Entsprechend ist der Ausdruck elev^eQoi eoTiooav /.at 
ctitcd Y.ul zd avidv /cdvra 277, 17. 

Wichtiger sind die in unsern Urkunden zuerst bekannt 
gewordenen Angaben über den Vollzug des Rechtsgeschäftes^ 



I. Delphische Mauerinschriften. 399 

um das es sich handelt, und die Sanktion, welche dasselbe 
durch die Oertlichkeit und die begleitenden Feierhchkeiten er- 
hält. Am grofsen Altare vor der Ostseite des Tempels war 
die Stätte, wo die religiös-juristischen Geschäfte vollzogen wur- 
den: xavxa lyänro ttqo tov vaov /.cd tov ßw/iiov 346,6; «»'«- 
f.i€aov TOV ßcoiiov y.al zov vaov 385, 13; 384, 17; 407, 16. Noch 
merkwürdiger ist die genaue Bezeichnung des Orts, wo das 
Lösegeld an den Freilasser ausgezahlt worden ist: rd aQyvqiov 
eXaße ev zcii vcaj) Inl tov oöov y.axä to jiieya S'VQwiiia (238, 5). 
Diese Auszahlung auf der Tempelschwelle ist eine wesentliche 
Bestätigung der Vermuthung, welche sich schon früher dar- 
bieten mufste, dafs nämlich die Sklaven ihre Ersparnisse in die 
Tempelkasse deponirten und dafs diese das Lösegeld an den 
Herrn auszahlte. Denn dieser ist natürlich als Subjekt zu 
i'/.aße zu verstehen, wenn auch der Bebaioter unmittelbar vor- 
hergeht. Auf den Tempel und seine Gebäude bezieht sich 
aufser der angeführten Stelle in der Alkesipposinschrift auch 
die erste Inschrift bei Wescher und Foucart, wo der grofsen 
Halle und der Werkstätten Erwähnung geschieht {Tag naorddog 
TÜg liUyd'/Mg y.al Ttöv iQyaOT)]Qiwv y.al tov vaorroiiov Irci^if/.töd^ai). 

Der Oertlichkeit, wo das Rechtsgeschäft abgemacht wurde, 
entsprechend waren die dasselbe begleitenden Handlungen, 
namentlich die Vereidigung des Freilassers vor den Priestern, 
welche den Gott vertraten, mit dem der Vertrag geschlossen 
wurde: 407, 17 o/^iooaTw Mivaqxog ivavtiov twv legewr tov 
6vi.iif.iov oqy.ov jcagd tov ^AnölUo fitJTt avTov döiÄi]OSiv Zeviova 
— — f-ir^öh d}J.o) iTiLTQtipeiv, sonst ist er evoyog tw ttpioq/.üv, 
und ebenso wird der Freigelassene vereidigt, seinerseits alle 
Verpflichtungen zu erfüllen. Diese doppelte Vereidigung wird 
übrigens durch den Imperativ als ein späterer Akt bezeichnet, 
welcher erst nach Ausfertigung der Urkunde erfolgt, und am 
Schlüsse derselben lautet ein besonderer Zusatz also : üuoaav 
norl TO) ßtoiio) y.al avxa rjfUQo, IvavTl tiuv hgicov xal tlov f(aQ- 
TVQtüv. Hieraus geht auch hervor, dafs die am Ende aller 
Urkunden unterzeichneten Zeugen nicht blofs die Richtigkeit 
der Urkunde bescheinigen, sondern bei dem ganzen Rechts- 
geschäfte in seinen verschiedenen Akten anwesend waren. 

Endlich ist noch eine Modalität der Manumission zu er- 
wähnen, welche 29, 10 vorkommt, wo dieselbe durch einen 
Dritten vollzogen wird. Alexandros verkauft dem Boethos eine 



400 ^- Delphische Mauerinschriften. 

Sklavin unter der Verpflichtung, dafs Boethos sie im Namen 
Alexanders im Heiligthume als Freie aufschreibe: dvayQaipätw 
J3o)]d-di; 6Qccöoav a/TÖ tov ^^Isic'a'ÖQoi' 6v(\uarog ro) ^eu) iv /liyjvI 
Ei).ai(i> inl rag Ogaoi-xkiog agyccg — d de y.ce /itt) draygaipri, 
nQa/.Tifiog tono ^^leBdvdQ([> dgyvQiov /nväg. Der Zweck dieses 
Verfahrens ist, dafs Boethos für die Zeit seines Lebens im 
Besitze der Patronatsrechte sein und auf die Dienstleistungen 
von Seiten der Freigelassenen Anspruch haben soll. 

Es tritt nämlich in der Regel nicht sofort eine volle Frei- 
heit ein, sondern ein Interim, während dessen der Sklave 
schon frei, aber noch zu gewissen Dienstleistungen verpflichtet 
ist und zum Hausstande des Patronus gehört. Das ist das 
/iuveiv, Tiagaf^tevtiv, ivöog iieveiv 87, 4. lieber diese Paramone 
(welche nicht eintritt, wo eine Gemeinde manumittirt 41) kom- 
men nun in unsern Inschriften viele merkwürdige und für die 
Kenntnifs des Privatlebens belehrende Einzelheiten zu unserer 
Kunde. 

Die Verpflichtungen von Seiten des Freigelassenen sind 
erstens allgemeiner Art, operae officiales (egyaoiat 86, 5): 
v7triQ€T€lv %d bvvaxd 287, 4; ovvteXeIv zd eqya ndvxa 213, 15; 
TtoiMv Tiäv To övvatdv evvöcog 205, 4, öid vvxrog v.al dfisQag 
116,4; TtaQai^i&ivdjio röv ygövov tov iv rd ovyygacpd yeyQaii- 
fxtvov, ov y.a.1 naqioyjtio Icoodg jQO(.ioyiXetdav dßlaßrj dnb rdg 
Gvyyqatpdg 239, 7 (er soll seinen Patron während der Zeit um 
nichts von dem, was stipulirt ist, verkürzen); Anderes ist 
negativ ausgedrückt: [n] voo(piu€od-at 154, 9; i^irj y.ay.oreyvelv 
158, 16; /«} iyy.ci%aXinfiTio ^AnoXkoötoqov ^irjöe^uä TtaQevQcasi 58, 11. 
Zweitens Verpflichtungen besonderer Art: der Dienst des 
Sänftenträgers wird erwähnt 273, 21; Begleitung auf einer Reise 
{ovfXTcaqaTtei-mEtv eig Maxedoviav) 406, 6 ; ferner Dienstleistungen, 
welche der Freigelassene während einer bestimmten Zeit als 
Arzt gegen Gewährung von Lebensunterhalt und Kleidung zu 
übernehmen hat: ovviarQsverco errj Ttevre la^ißdvcov zrl. 234, 11. 
Eigenthümlich ist die Bestimmung, dafs der Freigelassene vor 
Antritt seiner Selbständigkeit ein Gewerbe erlernen soll {/^tav^d- 
vwv %dv rtyyav rdv yvacpiytdv 239, 6). Das erinnert an die 
Verfügungen der Philosophen, welche ihren Erben zur Pflicht 
machten, ihre Haussklaven nicht anders freizulassen, als nach- 
dem sie gehörig unterrichtet worden wären (Diog. Laert. V 2, 73). 
Häufiger ist die Verpflichtung des TcaQaf.iiviov zur Auferziehung 



I. Delphische Mauerinschriften. 40 1 

und Unterweisung unmündiger Kinder: e/.d-Qeilidzco Ticuöäoia 
ovo dÖo/Mg 54, 9 bis zur Verheirathung 3U6, 11; 300. No. 219 
wird ausbedungen, dafs Thrakidas nach des Erblassers Tode die 
Dorkas unterhalten soll, und zwar entweder als Theilnehmerin 
seines Hausstandes oder indem er ihr die nothwendigen Existenz- 
mittel zuweist: u /« d-e'/.f] oiv.elv iv Tavrff) (nach Baunack), h de 
firj erßaVJzw JoQ'/iudi TQOcfciv xov (.ir^vog Iymotov ttvqlov reooaqa 
rif.iu/.Ta, divov TTQÖyov). Es wird auch die Verpflegung der eigenen 
Eltern den Freigelassenen zur Pflicht gemacht (rgeffeiv xov %diov 
Ttaxtqa y.al zai-i (.icaeoa /.cd evGyjjitorl^eiv 43, 13). Vgl. 138. 15. 
Ganz besonders aber gehört die Pflege und die Bestattung 
des Patronus zu den ausdrücklich ausbedungenen Verpflichtungen, 
yrjOOTQOffeiv dvey/.lrjTiüg yial d-aTtreiv, xqifpuv '/.al evoxrif.ioviueLV, 
Ttoieiv ä vof-dutzat rolg Tsd-vay.oroig, Tioielv xd noxi ydv Ttdvva 
435, 15; Tioueiv wg Ttaxegi ^Egyaoitovi xd vof.uC6/.i£va 141, 9, 
wo das Patronatsverhältnifs am deutlichsten ausgesprochen ist. 
Für die feierliche Bestattung (in Stiris xd toQia Tioieiv Anecd. 
Delph. p. 22) kommt hier mehrfach der Ausdruck vor : tvouIv 
rag dXXad- edöag {y.al xd koind xd vo/tuCöfitva Ttdvxci) (jß, 10; 
110,29; xd iv xdv xcupdv y.al dllaS-utdag 131, 5. Eine beson- 
dere Zuthat ist das Bekränzen des Bildes des Freilassers mit 
Lorbeer, am Neumond und am Siebenten, 136: oxecpavioexio xdv 
flyova y.ad-^ t/.aoTOv f.ifjva ölg daffi'ii'([) azefpdiH') 7c).e/.xi~), vgl. 142 
u. 420, welches zwei in allen Hauptsachen gleichlautende Ur- 
kunden sind, in denen sich alle Namen wiederholen. Es scheint 
aus Versehen dasselbe Aktenstück zweimal auf die Mauer ge- 
schrieben zu sein. Am genauesten wird die Verpflichtung 134 
ausgeführt. Der Freigelassene soll aus dem Vermögen der 
Freilassenden Namens Larisa ihr die letzten Ehren womöglich 
noch in dem ersten Jahre vollständig erweisen {h. rojv .lugiaag 
i^ ibv y.u iyr] ßiXxioza iv xöj rrgioxot iviavxoj, ti /.u ö y.aiQog 
avxo) i/.jcoiij). Der Rest des Vermögens fällt dem libertus zu 
(so auch 435, lOj. Sollte aber der Sohn der Erblasserin vor 
der vollständigen Ausrichtung der Todtenfeier zurückkehren, 
so soll der Freigelassene ihm das Vermögen übergeben (7ta(ja- 
öoig xd ^luQioag icdvza z(~j vl(~j zdg .1. IkevO-tqog taiio). Man 
sieht wie solche Bestimmungen bei dem Mangel an natürlichen 
Erben namentlich zu dem Zwecke getroften wurden, um auch 
so der vollständigen Grabesehren wie von Sohnes Hand gewil's 
zu sein. 

Curtius, GeüiuiimeUe Abhandlungen. 11. Bd. 2(> 



402 !• -Delphische Mauerinschriften. 

Was die Vermögensverhältnisse betrifft, so v/ird in einer 
Reihe voh Urkunden dem yragaiuviov das Recht, Eigenes zu 
besitzen und zu erwerben, ausdrücklich zugesprochen: ooa öe 
y.a /.Ti^Gr^raL Jc(LiuQy)^ f^ievovaa ttuocc (■)., JauuQyjöu^ ioito 133, 14. 
Hier wird der Freigelassenen als Eigenthum zugesprochen, was 
sie während der Zeit der Paramone erwirbt. So ist auch das 
blofse Tcaqü zu verstehen 209, 27. In anderen Urkunden, in 
welchen gar keine Paramone ausbedungen wird, kommen aber 
auch solche Formeln vor, wie anoTQtyJrw txovoa "^J/^i^uAcc a y.a 
AC(T ao/.€coa tjT ai 263, 8; auch 273, 20: y.vQievezio öh y.cd rüv 
eyEi y.cd yaTsaxecoorat cpoQOcpoQeojv (?) liürrjoiyog ttuvtcov 273, 20. 
Also hat Soterichos noch als Sklave sich Eigenes verdient, 
und bei allgemeinen Ausdrücken, M'ie ileiS^eQoi eoTOJoav y.al 
avTai y.al rä avxäv Ttdvra 277, 15, bleibt es zweifelhaft, ob 
nur das während der Paramone oder das auch in der Zeit 
der Unfreiheit Erworbene gemeint sei. Das zweite ist um so 
wahrscheinlicher, da das Eigenthumsrecht des Tvagauhtov im 
Grunde keinem Zweifel unterliegt und keiner ausdrücklichen 
Gewährung bedarf. 

Dies geht schon hervor aus den Vermögensleistungen, 
welche demselben von Seiten des Freilassers zugemuthet wer- 
den, wie 202, 3: nciQaiielvaL 6V»j "iE, cpeQovaa rov ivicarov l/.c'caTov 
rii-iLuvalov. Dies scheint nur eine allmähliche Abzahlung des 
Lösegeldes zu sein, wie man dies mit Sicherheit aus dem Fehlen 
der Quitttungsformel rdv ri/iidv eyei schliefsen könnte, wenn 
nicht diese Formel auch in anderen Urkunden fehlte, wo an 
einer Baarzahlung bei der Freilassung zu zweifeln kein Grund 
ist. No. 52 wird vor dem Antritte der vollen Freiheit nach 
dem Tode des Freilassers noch eine Zahlung an den Erben 
ausgemacht (mtoöörto Ev/kil uQyvQtov f,iväv xal eXev&eqa mrio). 
Dies ist vielleicht eine Restzahlung von dem Lösegelde, wie 
dies deutlich der Fall ist 84, wo nur die Hälfte eingezahlt ist, 
die andere aber (xo tTtiXomov rag rL(.iäg) nach dem Tode des 
Freilassers in Theilzahlungen an die Erben gezahlt werden 
soll. In ganz allgemeinem Ausdrucke wird GÜ, eine Leistung 
von Beiträgen an die Phylen erwähnt, welche der Freigelassene 
für den Freilasser übernehmen soll: rag Gvf.ißolüg iv rag cpvXdg 
öiöüvai T« df/.aia V7cl(j Ev(pQÖviin'. 

Hierher gehört nun auch eine Gruppe von Urkunden, wo 
bestimmte in festen Terminen zu zahlende Abgaben {y.axaßolaL) 



I. Delphische Mauerinschriften. 403 

au gewisse Kassen ausbedungen werden, (peQEiv, y.azMpeqEiv ev 
rov eqavov und y.caacpeQeiv tov egavov, so dafs egavog in dem- 
selben Satze die Zahlung bezeichnet und auch die Anstalt 
oder Kasse, an welche eingezahlt wird. In der zweiten Be- 
deutung wird egavog mit dem Namen desjenigen verbunden, 
welcher dieselbe gestiftet hat. o. h'. u \Joye'/Mov oder o egavog 
TÖv ^-jQyf/Mog auvä^er. Zuweilen wird auch noch der Name 
dessen hinzugefügt, welcher als Geschäftsführer und Bürge 
fungirt: b egccvog o Bqoiiwv, ov tyyvfist ^laradag 139. Was die 
Sache selbst betrifft, so sind diese egavoi offenbar Vereine, 
welche den Freizulassenden Vorschüsse machen, und dann diese 
Vorschüsse selbst. Daher ist von einem TQiay.ovraf.ivalog 107. 
TtTTaQcr/.ovTcci^ivaiog 213 die Rede, und der Freigelassene tritt 
nicht eher in seine volle Freiheit ein, bis der Vorschufs von 
ihm abgezahlt ist (ayQi v.a e^eveyy^fj 213, cr/Qt v.a krj^ij 6 egavog). 
Die Zahlung erfolgt auf den Namen des Freilassers 89, oder 
auch an den Freilasser und eventuell an dessen Erben 244, 
wohl deshalb weil der Vorschufsverein mit dem früheren Herrn 
den Vertrag gemacht hat und dieser am besten im Stande ist, 
den bedingungsweise Freigelassenen zur Erfüllung seiner Ver- 
bindlichkeiten anzuhalten. Denn wenn derselbe von dem be- 
stimmten Datum an (89: c(Qyc.i a /xuußo'u\ im Herakleios des 
laufenden Jahres) seine Terminzahlung schuldig bleibt {u/.ara- 
ßo'Uiüv) oder den Geschäftsführer irgendwie betrügt {/.araßkaTcrLov 
^luxäöav 130), so wird die ganze Freilassung ungültig. 

Worauf bezog sich nun der Vorschufs? Man denkt zu- 
nächst an das Lösegeld, und so wird es auch wohl sein, wenn 
244 der Sklave Komos um 13 Minen in die Freiheit verkauft 
wird und dieselbe Summe in 13 Jahren einzahlen soll: /.art- 
VEyvMTio flHKo/.qäjEL (dem Freilasser) agyigiov fiväg de/.arQeig ev 
Iveoig dey.aTQioig (figiur tov Iviavroü ^ivGv Iv xov tquvov rov 
^JoytMov. No. 89 wird Aristo um 3 Minen freigelassen, und 
sie (oder Pleistos für sie) y.atevey/.drio ev tov egavov tov Bax- 
xLov enl to Kaü.iy'ktog uv(>i.iu agyvgiov Tgici rjuiuvaia iv Irfoig 
TQioig — , bis zur Abzahlung dauert die Paramone. Hier 
scheint also die Hälfte des Lösegeldes dem Freigelassenen oder 
dem Freilasser vorgeschossen zu sein. No. 126 bezeugt der 
Freilasser ausdrücklich, das Lösegeld von ä Minen vollständig 
empfangen zu haben, und der Freigelassene wird verpflichtet, 
den Vorschufs, welchen Athambos und Euagoras zusammen- 

2ü* 



404 ^- Delphische Maueriuschriften. 

gebracht haben, einzuzahlen, und zwar die Hälfte auf den 
Namen des Amyntas: zb ij/^uaaov rpegiov /.azd Tazouftrjvov ora- 
rr.Qci'i TiivTt y.ai Öez oßo/.ocg Ircl tö ^.-Jiivvxov ovoi.ia. Was die 
andere Hälfte betrifft, so halten sich also die Vorschufszahler 
unmittelbar an den Freigelassenen; dieselbe Theilung auch 213, 
wo die Gültigkeit der Freilassung nur von der Einzahlung der 
auf den Namen des Freilassers geborgten Hälfte abhängig ge- 
macht wird. Zahlt er sie nicht, so verfällt er mit Allem, was 
er hat, von Neuem der Gewalt seines früheren Herrn (dyiöytiiiog 
eoTto Ku)M§6p<^) uvtus ycu tu avtov tcccvtcc). Hier ist die Ge- 
sammtsumme auf 40 Minen angegeben, während das Lösegeld 
nur 6 beträgt; No. 107 auf 30 Minen. Wenn also auch in 
einzelnen Fällen das Lösegeld durch den Erauos herbeigeschafft 
wurde, so waren es in anderen Fällen Summen zu anderen 
Zwecken, und wahrscheinlich ist es, dafs sie dazu bestimmt 
waren, dem Freigelassenen seine eigene Einrichtung und die 
Begründung eines eigenen Gewerbes zu erleichtern. Mit Aus- 
nahme von 213 sind es lauter von Delphiern ausgehende Frei- 
lassungen, bei denen diese Eranoi vorkommen. 

Was nun die rechtlichen Verhältnisse während der Para- 
mone betrifft, so enthalten auch darüber unsere Urkunden 
merkwürdige und neue Bestimmungen; zunächst über die Hechte 
des Freilassers, abgesehen von den Ansprüchen auf die ver- 
tragsmäfsig festgestellten Leistungen, von denen die Rede ge- 
wesen ist. Er hat die volle Zuchtgewalt über den Paramenon, 
s^ovaia noitlv o /xc ihiki], ■/.o'KüQuv /.aif o ti /.a atnö doxi], 
y.a^ojg v.a aiioi; öellrjrai (vgl. drjloprui ^tlouüi Hesychios) 
369. 400. 401. Die Strafgewalt kann auch einem Dritten 
übertragen werden 1 65, 13 ; sie geht auch auf die Erben über, 
wenn die Freigelassenen eines Frevels gegen ihren Patron 
oder dessen Eigenthum schuldig befunden werden : ti öe ri /.a 
uZtiioO^eiüVTL (vgl. uLerov Üttioxov Ii/.eloL Hesychios) tieql 
Nionäxquv JCLiiovr^otviiivai rj tlov NeojtdxQag vnaQyßvnov ti, 
y.vQiOL lüvxio Ol hiivof.iOL y.o'/.d'CorTeg cardg 369, 17. 

Der Patron ist der Erbe des Freigelassenen, erstens un- 
bedingt : Tc} -/.aTukeupO^ivTa vitdqyovxa tu EvTioqiag ndvxa 
*0/Li'/H7ioy6i'tog — lövico • el de xlvl Cdiovou döoiv jiouoixo rtiJj' 
idiujv Ev7coQiu, uith)g u lovd No. 94, 9; 213, 14 vgl. 31, 13; 
53, 14. Es wird also durch ein Vermächtnifs von Seiten der 
liberta die ganze Freilassung ungültig, während in andern Ur- 



I. Delphische Mauerinschriften. 4Q5 

künden nur das Vermäch tnifs für ungültig erklärt wird. Vgl, 
31, 11. Zweitens ist von einer bedingten Erbfolge die Rede, 
nämlich wenn die Freigelassene kinderlos bleibt: ei tl Mvaoio 
näO^oi ayevrjg VTTaQyovoa, rd ■/.uxaksKpiyivxa ^ AQiGToßovkao. e'ario 
432; i'i Tl yivoiro IS. TkaQOv ey.yorov, Ittivoiiov f'otco cov z« 
iTiiy.TrjarjTaL "l'kuQOv, d de u. s. w. 425, 20; el za xt ndd^i^ 
laganidg y.al eyi] yevedv dno rag d^yög rag ^iloxQdreog, /.vgla 
eoTio ey/jvoa et yeved rd lagamdöog • et öe dyeveiog eh^ laga- 
Ttidg ^y^GToBevo), Ttdvra rd vndqyovxa ^ AGToS^evov eGrco /.cd rtöv 
e-/.y6vojv "jGToSevov 226. Das Jahr des Philokrates ist das der 
Freilassung; eine Nachkommenschaft also, welche aus der Zeit 
der Unfreiheit stammt, hebt die Erbfolge des Patrons nicht 
auf. Seine Ansprüche erstrecken sich auf die folgende Gene- 
ration; auch die Kinder der Freigelassenen können, im Falle 
sie ohne Erben bleiben, über ihr Vermögen nicht verfügen: ,«/} 
y.vQicc eoTi'j Ka/Juy.odrtia dTTai./.or qimovgcc rd vTcdQyovra, ei 
dyevfjg ueta/J.dSca tou ßiov, uijöe rd e/. rairccg ri/.vu, ei dyevfj 
^{erakldSceiev röu ßiov 19. Was im Allgemeinen den status 
der Kinder von Freigelassenen betrifft, so gilt als Regel, dafs 
die vor Beginn der Paramone geborenen Kinder Sklaven blei- 
ben, wenn sie nicht besonders mitgenannt werden wie 289: 
^Aqigtovl/m yxd rauzag Ttaiddoior VTroTiTd^iöiov, die nachher ge- 
borenen aber frei sind. Dies wird bezeugt 133, 15 {ei yevedv 
noLXiGaiTO Jai-iagylg Oevöiogag ßiovGag y.al (.livovGa nagd 9ev- 
dwQcev, e'/.evO^eQcc eOTOj a yeved /.aO^iog y.cd Jaiiaqyig u. s. w.), 
und es ergiebt sich mit solcher Nothwendigkeit aus der recht- 
lichen Natur des ganzen Verhältnisses, dafs es nur im höchsten 
Grade überraschen kann, in einer chäroneischen Urkunde (C. I. 
Gr. Iß08l)) die ganz absonderliche Bestimmung zu finden: rd 
yevvrj&evra ev rot rfjg rraQuuovi'g yQÖv(;> eoTWGctv öovXa. 

Beschränkt ist das Recht des Patronus zunächst durch die 
mehrfach ausdrücklich eingeschärfte Bestimmung, dafs derselbe 
den in seinem Hause weilenden Freigelassenen unter keinen 
Umständen wieder verkaufen dürfe (^it] 7tcolr]odTw 134, Tikdv 
inj 7rcü).rjGdTiü f^tr^O^ev) 354. 13). Thut er es dennoch, so ist 
Jeder zur vindicatio in libertatem berechtigt. Der Patron ist 
aber aucli zu rücksichtsvoller Behandlung verpflichtet. Seine 
Züchtigungen dürfen der Gesundheit nicht nachträglich sein 
(Anecd. delph. p. 41). Er mufs anständigen Unterhalt. Klei- 
dung. Betten und Alles, was zur evGxijfioarvtj gehört, gewähren. 



406 !• Delphische Mauerinschriften. 

Dies wird ausdrücklich bei dem Freigelassenen Dämon er- 
wähnt, welcher als Assistent (avvtaTQevwv) beim Patrone bleibt 
/.ajitßarwv ra h> räv iQOcpav nävxa xal ivdvdiaxöf.iEvog (für 
evöiöca/Mfierog) /.ai GTQMuara }.a/iißc(vwv 234, 12. 

Bei einem so zarten Verhältnisse gegenseitiger Rechte und 
Pflichten zwischen dem Hausherrn und seinem früheren Sklaven, 
welcher noch in seiner Gewalt steht, konnte es an Conflikten 
nicht fehlen, und das ist nun eines der wichtigsten Ergebnisse 
unserer Urkunden, dafs sie über ein in solchen Fällen ein- 
zuschlagendes Prozefsverfahren genaue Belehrung geben. Bis 
jetzt wufste man nur von Conventionalstrafen, auf deren Ent- 
richtung der Herr ein Klagerecht hatte (vgl. Anecd. delph. 
p. 20); jetzt lernen wir ein Klagerecht auch des Paramenon 
kennen und ein Gericht, dessen Zusammensetzung auf Verein- 
barung zwischen dem Herrn und dem Paramenon beruht. 
Wenn also über das Maafs des zu Leistenden eine Entzweiung 
eintritt, et tl avriXiyoioav avzoi Ttori avxovg jteql rov Ttoielv 
rd TtoTiTaGGÖjLievov 306. 12; «/' n ivzaleot Icooiag Nr/.aic( 24, 
384j 14; £/' tl "/« Iv rovTcj tw yiQÖvi;) ßgäoGa rj B6i]-9'og tioti avrog 
avroig dvrileyoiv (Baunack) 29; el öe 6 f.i€v cpalrj dvey/.lr]Ttog 
Ttaga/^iiveiv xal /.irjd-sv zaxov yrgaGOciv, ^^/iiüvrag de ot ly/.aXeoi — 
167. 6 (No. 407 wird fein unterschieden zwischen dem Itci/mIeIv 
des Patrons und dem dvrileytiv des libertus), oder wenn eine 
dauernde Dienstverweigerung von Seiten des Freigelassenen 
eintritt, d de %i y.a /<»; yror/) — riöv jioTiTaGOouevwv 193, 6: so 
wird die Sache vor Schiedsrichter gebracht. Als solche kom- 
men zunächst die Priester vor mit einem besonders dazu be- 
stellten Beisitzer : y.Qi^evtwv (nämlich der Patron und der 
Paramenon) Iv tolg hgeoig rov ^Anok'kiovog y.cd ev Kgiriovi 
Nmatda' /.al o ri vxt omni y.qivwvtl, xvqlov eGtto 384, 15. 
Ebenso steht 407 Kleon Dions Sohn neben den Priestern. 
Wenn das weltliche Mitglied des Schiedsgerichts während der 
Zeit der Paramone sterben sollte, so wird ein Anderer für 
ihn bestellt, entweder nach gemeinsamer Uebereinkunft : a).lor 
uvO^tUGthiov Ahaiva vml \iQLGTÖf.ia%og (die Freilasser) /.al la- 
Tvqog. ov y.a aiio). d^ilioytL 384, 17; oder auch nach einseitiger 
Bestimmung des Patronus {liklov dv'h'AfG^w MevavÖQog 407, 25). 
Der Gewählte scheint immer ein Delphier zu sein. Der zweite 
Fall ist, dafs ohne Rücksicht auf den Stand drei Männer be- 
stimmt werden, über welche die Parteien sich geeinigt haben, 



I. Delphische Mauerinschriften. 407 

oder dafs wenigstens die Anordnung zu solcher Vereinbarung 
getroffen wird. Diese Richter sollen vereidigt werden, und 
beide Parteien verpflichten sich, ihren Wahrspruch als un- 
bedingt gültig anzuerkennen: /.Qid-evrtov Iv avÖQOig rgloig, ocg 
ovvei'KovTO, hier folgen die Namen (oder o'vg v.a avveliovrai 193, 7), 
o Ti ds 'AU ovTOi y.QircüVTi oiwoavTsg, zoCto v.vqiov €Otio 209, 18. 
Diese Geschworenen heifsen ol y.oivtög Gvv)]Qr]af.voL oder kurz- 
weg OL xoivoL y.oivog wird man hier nicht als Gegensatz zum 
Priesterlichen auffassen, wie communis im Sinne von profanus 
(Rhein. Museum XVIII 448), sondern in dem Sinne, wie man 
im Lateinischen den recuperator communis erklären mufs. 
Vgl. Mommsen, Zeitschr. für gesch. Rechtswiss. XV S. 350. 
Stirbt Einer von ihnen während der Zeit der Paramone, 
i(pe).i.od-iov u'iXov avx' aivov vxd 6 IcpaLged-ug y.Qiverio {.urä twv 
[zoivjwg ovvrjQrif.iiviov. Scheitert aber die ordnungsmäfsige Er- 
gänzung des Gerichts an dem Widerspruche einer Partei, so 
soll das Gericht, wenn auch nur Einer noch am Leben ist, 
für competent gelten: ei de f-irj ^eloi ^Afxvvrag ij ItürrjQixog avxl 
Töjv dTioyerof-ienov y.oivwv ehe evog elre n'keLÖvtov owecpaigelod-ai 
TOvg y.oivovg rot ^ekovri avTWv eipaioelv, y.al y.vQLOt lövrw ol 
'/.arakeyöj-ievoi eixe elg eire jcAeioveg elev ol ygipovreg y.a&wg 
Ittuvcü yeyquTtxui J67, 12. In den meisten der Urkunden, in 
welchen ein gerichtliches Verfahren ausdrücklich angeordnet 
wird, 193, 209, 384, 407, handelt es sich um eine Paramone 
bis zum Tode des Patronus; 167 um eine achtjährige. Es ist 
natürlich, dafs das Bedürfnifs einer solchen Einrichtung um 
so gröfser war, je länger die Zeit der Halbfreiheit dauerte. 
Eine eigen thümliche, auf denselben Gegenstand bezügliche 
Clausel kommt 167, 17 vor: ro eyy/.r^fia f^ir] /.ii/.QoieQor iy/.ahiaO-w 
öif^trjvov. Ich denke, es ist f^iuyQoreQov zu schreiben und es soll 
damit eine Präklusivfrist festgestellt werden, weil man annahm, 
dafs nach Verlauf von mehr als zwei Monaten Schuld und Un- 
schuld der bei einem häuslichen Conflikte Betheiligten sich 
nicht mehr leicht würde constatiren lassen. 

Beiläufig läfst sich aus diesen Bestimmungen auch mit 
voller Sicherheit schliefsen, dafs, wenn von den Priestern des 
Apollon in Delphi die Rede ist, immer an zwei gedacht wurde. 
Denn die Dreizahl des Richterpersonals ist offenbar ein festes 
Herkommen, wie sie auch bei den attischen Privatschieds- 
richtern das Gewöhnliche war. Auf die Zweizahl der delphischen 



408 !• Delphische Mauerinschriften. 

Priester und Priestergeschlechter haben aber schon früher die 
Untersuchungen von Ahrens geführt (Gott. Geh Anzeigen 1844, 
Stück 29). 

Das Ende der Paramone tritt von Rechtswegen ein ent- 
weder nach Erfüllung bestimmter Verpflichtungen, wie sie oben 
angeführt sind, Abzahlung des Vorschusses, Begleitung auf 
einer Reise. Aufziehung der Kinder u. s. w., oder nach einem 
bestimmten Zeittermine. Dies ist entweder der Tod des Frei- 
lassers (Traga/neivccTco cr/Qi /.a 'Cwi] 209 u. s. w.) oder der Ablauf 
einer vertragsmäfsig festgestellten Frist, welche nach Jahren 
und Monaten genau berechnet wird, z. B.: ccQyßi tov xqövov 
f.irjV "Ayvuog o Im. \-jQxedcii.iov ocgarayoC, tog de JsLcpoX ayovxi 
(.irfv "HQay.luog o Inl "jqy^k.Käov. eTtsl de x« die'S,e'k^rj 6 XQOvog^ 
djtoTQeyovrLo elev^egoi 178,16. Es kommen vor: zwei Jahre 
319, drei 31,8, fünf 178, sechs 77, 202, 251, 445, acht 167, 
313, 350, zehn 99, 5. Es kommen auch testamentarische 
Fassungen vor, welche die beiden Arten der Paramone, die 
auf Lebenszeit und die auf eine Reihe von Jahren festgestellte, 
verbinden. Nikon z. B. bestimmt, dafs seine Sklavin sofort 
frei sei, wenn er nach Ablauf einer achtjährigen Paramone 
sterbe; wenn sein Tod aber früher eintrete, so solle sie zwar 
gleich aus dem Hausverbande entlassen sein, als eine oheovoa 
e"§to xal AVQUvovoa avTog avräg, aber für jedes Jahr, das an 
den acht fehle, der Erbin eine halbe Mine zahlen (410). Aehn- 
lich wird über die Abzahlung des schuldig gebliebenen Löse- 
geldes verfügt (202). Anstatt des Erben kann auch ein An- 
derer eintreten, an den nach dem Willen des Freilassers die 
Zahlung erfolgen soll (202, 3). Es kann auch bestimmt wer- 
den, dafs der Freigelassene, falls der Patron vor dem Ablaufe 
der verabredeten Zeit sterbe, für den Rest der Jahre in die 
Paramone bei einem Andern eintrete, so 350: tov 7.araloi7Cov 
XQüvov Ttaqu ^AQiGTOvixav /.isivärco. Ganz eigenthümlich sind 
die Bestimmungen 239. Dromokleidas bedingt sich bei der 
Freilassung des Sosas aus, dafs dieser für eine gewisse, in der 
Originalurkunde {avyyQacpä) näher bestimmte Zeit als Para- 
menon in das Haus des Artemidoros eintrete und bei diesem 
das Walkergeschäft lerne. Nach dieser Lehrzeit aber soll er 
alle einschlagenden Arbeiten im Hause seines früheren Herrn 
übernehmen. 

Dauert dem Freigelassenen das Dienstverhältnifs zu lange, 



I Delphische Mauerinschriften. 409 

SO werden ihm auch Mittel geboten, sich aus der Abhängigkeit 
zu befreien, entweder durch Stellvertretung, indem er seinem 
Patronus einen vicarius von gleicher Leistungsfähigkeit kauft 
{c(VTi7TQii'cGd^M oüf-ia yvvcav.eiov räv acrdv uKi/.iav exor 52, 6), 
oder durch Zahlung anstatt der Dienstleistung (ei de /.a jlitj 
ä-fhj TCaqaufi'iLv, /.aTaffiQeTw IJQaBojri, tov tviccvrov I/motoc ov 
xa /iirj TV CO a 1.1 f VI] äoyvoiov GTaTt]oag TQiaAovTa 146). 

Die Zeit der Paramone kann aber auch verlängert wer- 
den, wenn ein Theil derselben wegen Krankheit des Frei- 
gelassenen für den Herrn verloren gegangen ist. wo er ihn 
nur hat pflegen müssen, ohne Dienste von ihm zu empfangen. 
Dann wird das Versäumte nachgeholt, aber nur wenn die 
Krankheit über zwei Monate gedauert hat. So 167,24: el 
/iia/M/.iod^eir^ I., o /nrj yivono, tcKuov dLi.u]vov, iTiaTiodÖTio tov 
TtXüovog xqÖvov I. ^Aiivvxa y.ai tiot iTtaQcc /neivurco. Es wird 
aber auch wiederum zu Gunsten des Freigelassenen ausdrück- 
lich bestimmt, dafs, wenn Krankheit die vertragsmäfsige Er- 
füllung der Pflichten hindere, dies den Vertrag nicht ungültig 
machen solle (213, 16), während sonst wiederholt eingeschärft 
wird, dafs jede Verletzung der für die Paramone festgestellten 
Bedingungen die ganze Freilassung null und nichtig mache, da- 
für die Ausdrücke: art/.r/g /.al ä/.vqog a tova eavio y.al 6 ßsßauo- 
TtjQ f.itj ßeßaiovTto (167,23), uyi.öyiiio<i earw avrög /mI rd cevzov 
Tiavra (213, 3), dyioyii.i(K sotw nca'Taxöd-tv t/. näaag noXiog 
•AoL hqov (58, 13). 

Merkwürdig ist 254 als eine besondere (von den Frei- 
lassern ausgestellte und in steifem Kanzleistile abgefafste) 
Urkunde über das Aufhören der Paramone : ägyarvog Ja'iüöa 
f-irjvög 'AirtÜ.aioi: diiiöiav /.cd direAvO-t^v '^hQ()/JS]g /.cd '^IfQO/.lea 
Aya^af-iegiöog rag Ttagaiioväg läg /ragd 'legoxAi] /.cd '^legöy.Xeav 
rag avaytyoaui.itvc(g iv ro) hgoi, rüg i'öei yraQaueivcd \^yct!J^c(aeQi'dc( 
TtaQU I. /.cd 7. tr/Qi v.a Uoiovxt 7. /.o.\ 7., kußövieg dqyvqioc M M M. 
Also auch liier hat eine Ablösung durch Geld stattgefunden, 
und zwar wie es scheint nicht lange nach Abschlufs des ersten 
Vertrags, weil die zweite Urkunde unmittelbar neben diesem 
auf die Mauer geschrieben worden ist, damit sich Niemand 
wundere, wenn er im Widerspruche mit der Freilassungsurkunde 
Agathameris noch bei Lebzeiten ihrer Herrschaft in Delphi 
l'rei herumlaufen sähe. 

Aehnlich ist es mit No. 85, welches ein Nachtrag zu 84 



410 I- Delphische Mauerinschriften. 

ist und nichts Anderes als eine Quittung von Seiten der Er- 
ben über' die Nachzahlung, welche ihnen nach dem Tode des 
Freilassers von dem Freigelassenen zu leisten war, ehe dieser 
aus dem Verhältnisse der Paramone ausscheiden konnte. Auch 
No. 86 enthält eine besondere Urkunde über das vertragsmäfsig 
eingetretene Ende der Paramone; sie ist aber einem Frei- 
lassungsvertrage angehängt, welcher eine andere Person betrifft. 
Im ersten Theile setzt Philon die Philokrateia in Freiheit (und 
zwar in unbedingte), im zweiten Theile entbindet er die Leaina 
aller Dienstverpllichtungen : lov auiov tqÖtiov evööyir^as (Pilwr 
voewv 'Aal cpQovecov /mI vyiaivcov (dieselbe testamentarische For- 
mel auch bei der Inschrift aus Daulis Hofs, Inscr. ined. I n. 81) 
xai yJeaii'uv mtokelvf^ievav el/iiev rag Ttaga/^ioräg Acd tfjyaaiag an 
avTog avrov, '/.atfwg iv t« wvä y^y^artrai, ~/.al eaiw Ikevd-eQCc, 
fir^^evi ai.d^fy nQoorjy.ocoav. Der Akkusativ erklärt sich aus 
der Beziehung auf den Infinitiv dTtn'/.e'/.viievav elj.tev, wo das 
Wort anolitod^ai, wie billig, vom Freigelassenen gebraucht 
wird, während No. 254 der Freilasser von sich sagt: äjisKvd-r^v 
tag TTaQauoväg. 

Was nun den Zustand betrifft, welcher nach der vertrags- 
mäfsigen Auflösung des Verhältnisses der Paramone eintritt, 
so wird er als ein Zustand vollkommener Sicherheit und freier 
Selbstbestimmung bezeichnet: dvicpaniov elvai /mI -/.vquvsiv 
avrbg avtav (über das versteinerte avTog und avg, das auch in 
den Inschriften vorkommt, vgl. K. Keil im Rheinischen Mu- 
seum XVIII S, 268 f.). Diese Rechte und Freiheiten werden 
ausdrücklich auch den Nachkommen des Freigelassenen bei- 
gelegt (133) und denselben zugleich ein ungeschmälertes Erb- 
recht verbürgt, wenn sie nach dem Anfange der Paramone 
geboren sind (426,26; 425,20). Die volle Selbstbestimmung 
wird im Gegensatze zu dem naQUf^itvtiv besonders als freie Wahl 
des Aufenthalts charakterisirt durch die Ausdrücke oi-aelv exco, 
ccTiorQtyßLv (jEQvctiv 115, 8, lyda}.ielv 136) olg xa d-tXr] (164, 9), 
oi/.tiv /.aX 7io'kiThVEiv 179 oder öiarglßsiv 121, dvaoTqecpeod^ai i) 
za ucTol ■O-fUovrL. 

Je mehr die freie Wahl des Aufenthalts das Hauptmerk- 
mal der tUvO^tQia ist, um so auffallender sind die in einigen 
Urkunden vorkommenden Beschränkungen der Freizügigkeit 
durch Anweisung des Aufenthalts am Wohnorte des Freilassers. 
So 53: /</} ol'/.r]adr(ü \loiu tE.w JiKaiag fitjöe /wIitsvocctiü ävev 



I. Delphische Mauerinschriften. 411 

Tclg "ErnyiaQida yvcöf-iag. (dabei wird zugleich ausbedungen, dafs 
sie nichts von dem veräussern soll, was sie als Eigenthum des 
Freilassers oder seiner Erben bebaut). Sonst bezieht sich die 
Wohnortsbeschränkung nur auf Delphi. Sie wird No. 420 da- 
durch motivirt, dafs die Freigelassene verpflichtet ist, das Bild 
des verstorbenen Patronus monatlich zweimal, am Neumond und 
am Siebenten, zu bekränzen, und dies ist der Hauptunterschied 
zwischen 420 und der sonst gleichlautenden Inschrift 142, dafs 
hier nur das Bekränzen, dort aber auch die Ansässigkeit in 
Delphi ausbedungen ist. Man kann also annehmen, wenn man 
will, dafs hierüber eine Controverse stattgefunden habe und da- 
durch eine Wiederholung der Inschrift mit jenem Zusätze ver- 
anlafst worden sei. Auch 239, 9 werden Dienstleistungen nach 
der Paramone verlangt. Ohne bestimmte Pflichten, welche über 
die Zeit der Paramone hinausreichen, wird aber auch einmal der 
Freigelassenen untersagt ukkuyjj] oh.tlv ICkV ]] Iv JeLcpolq' d de 
j-irj ovAhOi — äxvQog igtw ä wvcL 

Eine negative Beschränkung der Freizügigkeit wird 109 
ausgesprochen, dahin lautend, dafs ein Sklave, der ohne Para- 
mone freigelassen wird, thun könne was er wolle, nur dürfe er 
sich nicht in Achaja sehn lassen (f.irj hcißaivovra kii' ^Ayd'iav). 
Der Freilasser stammt aber aus Aigion und will also dort nicht 
mit seinem früheren Sklaven zusammentreffen. Diese Bestimmung 
erinnert an den noch immer unerklärten Ausdruck der jüdischen 
Freilassungsurkunde aus Pantikapaion (C. I. Gr. 2114:bb), wo 
auch eine sofort (y.ud-ä/ca^) eintretende volle Freilassung örtlich 
beschränkt wird : tgi/isoO-aL avEnLvxo'Kvxtog — /w^t«,- tlo, Trjv 
TtQooevyjiv i>io7tdag, wo ich trotz Meiers Widerspruch (Allg. Litt. 
Ztg. 1843 S. 619) doch auch noch jetzt eine negative Be- 
schränkung annehmen möchte. 

Das ist das AVichtigste, was sich in Betreff der delphi- 
schen Freilassung aus den neu entdeckten Inschriften ergiebt. 
Wir gewinnen nun von einer mit dem religiösen und dem bürger- 
lichen Leben eng verwachsenen Volkssitte der Griechen, die in 
der litterarischen Ueberlieferung gar nicht erwähnt wird, eine 
so vollständige und urkundliche Belehrung, wie sie uns wohl 
auf keinem anderen Gebiete der Privatalterthümer gegönnt ist. 
Dadurcli wird das ganze Institut der manumissio sacra unserer 
Aufmerksamkeit von Neuem empfohlen. Wir finden die recht- 
lichen Beziehungen zwischen dem Freilasser und dem Frei- 



412 !• Delphische Mauerinschriften 

gelassenen bis in alle Einzelheiten so sorgfältig ausgebildet und 
so genau festgestellt, wie wir es sonst nur auf dem Gebiete 
römischer Eechtsinstitute zu erwarten pflegen. Die Bestimmungen 
in ßetrefl:' der Uebergangszeit, welche dazu dienen sollte, dafs 
die Herrenrechte allmählich erlöschen und eine Gewöhnung an 
die Freiheit dem vollen Genüsse derselben vorausgehe, haben 
bis auf die einzelnen Ausdrücke (wie ojg rcaregL S. 401) die 
gröfste Analogie mit dem römischen Patronatsrechte, ohne dafs 
an eine Nachahmung römischer Einrichtungen zu denken wäre. 
Wir finden die sicheren Spuren eines erblichen Rechtsverhält- 
nisses, wir finden das Erbrecht des Patronus bis in die zweite 
Generation bezeugt, namentlich der liberta gegenüber, wir linden 
das ganze Pietätsverhältniss nach seinen durch altes Herkommen 
geordneten Normen vertragsmäfsig festgestellt und für den Fall 
ernsterer Conflikte ein gerichtliches Verfahren ausgebildet. Der 
Paramenon gehört zu den Hausleuten (domestici) des Patronus, 
wie der römische libertus (Mommsen, Rom. Forschungen I, 368), 
und in einzelnen Fällen trägt er auch den Namen des Frei- 
lassers, aber nicht als einen neu verliehenen, sondern er hat 
ihn schon als Sklave (Anecd. delph. p. 35). Auch der vicarius 
an Stelle des Ordinarius kommt vor. Im Allgemeinen aber 
finden wir bei den Griechen wie bei den Römern das Bestreben, 
der Willenserklärung des Herrn, welcher an sich nur auf seine 
Eigenthumsrechte verzichten, aber damit noch nicht eigenmächtig 
ein bürgerlich freies Menschenleben begründen kann, eine so- 
lenne Form und dadurch, wie durch die amtliche Thätigkeit 
dritter Personen, eine von aller Willkür unabhängige und öffent- 
liche Gültigkeit zu verleihen. 

Eigenthümlich aber ist den Griechen, dafs sie nicht mit 
strenger Consequenz die der Manumission zu Grunde liegenden 
Rechtsnormen durchgeführt haben. So zeigte sich ein Schwanken 
in Betreff der Ingenuität der Kinder einer liberta ; dann die 
auffallenden Beschränkungen der persönlichen Freiheit nach Auf- 
lösung der Paramone, Bescliränkungen, welche nach strengen 
Rechtsgrundsätzen durchaus ungültig sein müssen, weil sie dem 
widersprechen, was gewährt werden soll. Am eigenthümlichsten 
ist aber für die griechische Freilassung die sjanbolische Form, 
welche von der Religion entlehnt ist. So gedankenlos diese Form 
auch gehandhabt werden mochte, so lag ihr doch ursprünglich 
die Vorstellung zu Grunde, dafs der an den Gott Verkaufte mit 



I. Delphische Mauerinschriften. 4J^3 

kindlichem Vertrauen von demselben erwartet, er werde sein 
durch den Kauf erworbenes Anrecht nicht wirklich geltend 
machen, sondern ihm anstatt eines neuen Herren nur ein Bürge 
seiner Freiheit sein. 

Die oben angeführten Formeln bezeugen, wie wir sahen, 
noch deutlicher als früher den religiösen Ursprung, und es ent- 
sprechen ihnen fast wörtlich die Ausdrücke der Alten, welche 
die vollkommene Sicherheit und den Frieden der Hierodulen 
schildern. Vgl. ausser den Anecd. delph. IS angeführten Stellen 
Euripides Ion 322 f.; Phönissen 220; Aristides 1 p. 412 Df. 

Wie weit die Hierodulie im Alterthume verbreitet war und 
an welchen Tempelörtern sie benutzt wurde, um als Symbol der 
Freilassung zu dienen, darüber w^erden inschriftliche Funde 
immer vollständigere Auskunft geben. Jetzt ist in die Reihe 
des Apollon, Dionysos, Asklepios, Serapis und der Athena auch 
die Aphrodite Syria getreten, an welche in Aetolien Sklaven 
zum Zwecke der Manumission verkauft wurden, wie die Heraus- 
geber p. XIV aus den von Herrn Bazin 1861 gefundenen In- 
schriften bezeugen. Die syrische Göttin weist uns auf die 
Gegend hin, wo mit dem Gottesdienste wahrscheinlich auch die 
Hierodulie zu Hause war, und wir finden ja auch in den Schriften 
des alten Bundes (Josua 9) solche Einrichtungen bezeugt. 

In Delphi war aber die Anwendung der Hierodulie auf 
Manumission wenn auch nicht zu Hause, doch ohne Zweifel am 
meisten ausgebildet, und wir dürfen voraussetzen, dass dies 
nicht zufällig geschehen ist, sondern nach bestimmten Gesichts- 
punkten. Die verschiedenen touvoi, welche in den Inschriften 
erwähnt werden, weisen darauf hin, dass man es sich in Delphi 
angelegen sein liess, durch Vorschüsse den Sklaven die Erlangung 
der Freiheit und die eigene Einrichtung zu erleichtern. Die 
Namen der dabei betheiligten Personen lassen sich zum Theil 
als solche nachweisen, welche den ersten Geschlechtern der 
Stadt angehören ; man erkennt, dass es wohl geregelte An- 
stalten und Vereine zu diesem Zwecke gab, und wenn es sich 
bestätigt, was doch gewiss die gröfste Wahrscheinlichkeit hat, 
dafs das Lösegeld, welclies auf der Thürschwelle des Tempels 
dem Freilasser eingehändigt wurde, aus der Tempelkasse ge- 
zahlt wurde, diese also als eine Sparkasse diente, in welcher 
den Sklaven ihre Ersjjarnisse aufgehoben, gegen alle Ansprüche 
geschützt und wohl auch verzinst wurden; wenn wir uns in 



414 ^' Delphische Mauerinschriften. 

allen Urkunden auf die delphischen Gesetze hingewiesen sehen, 
welche das ganze Verfahren regelten, die Pflichten aller dabei 
Betheiligten bestimmten und dem Freigelassenen die volle Aus- 
führung des Vertrages sicherten; wenn wir endlich als Bürgen, 
Zeugen und geschworene Schiedsrichter die Priester vorzugs- 
weise thätig sehen : so tritt uns doch in sehr deutlichen und zu- 
sammenhängenden Zügen eine Thätigkeit des delphischen Heilig- 
thums entgegen, welche darauf gerichtet war, die Freilassung 
von Sklaven zu begünstigen, und die Humanitätsrücksichten, 
welche hierbei obwalteten, zeigen sich darin, dafs dem Herrn 
gegenüber das Recht des Sklaven auf eigenen Erwerb anerkannt 
und dem Sklaven gestattet wird, in ein näheres Verhältniss zu 
dem Gotte zu treten ; dann aber auch besonders in der Ein- 
richtung des Schiedsgerichts, bei dessen Zusammensetzung der 
Freilasser und der Freigelassene wie zwei gleich berechtigte 
Parteien sich betheiligen und wo dieser so gut wie jener seine 
Klagen anhängig machen kann. Das Institut der Paramone 
war in der Ausbildung, wie es uns vorliegt, wohl auch delphi- 
schen Ursprungs. Ursprünglich scheint der Name nur ein 
milderer Ausdruck für den Begriff der Unfreiheit zu sein. Denn 
nur so weiss ich es zu erklären, dafs flagd^iovog 294, riaQfiovlg 
297, llaQaf^iova 173, naQf.iiviov u. s. w. als Sklavennamen ge- 
bräuchlich waren. Es mufs also erst später dem Worte die 
technische Bedeutung gegeben worden sein, dafs es das Clientel- 
verhältnifs bezeichnet, in welchem der frühere Sklave, dienst- 
pflichtig, aber als freier Mann und durch die Gesetze geschützt, 
eine Zeitlang bei dem Patronus verharrt. 

Es ist gewifs von Interesse, diese bisher nicht beachtete 
Seite der Wirksamkeit des delphischen Heiligthums zu erkennen 
und zu würdigen. Dabei fragt es sich weiter, ob man in Delphi 
bei der Begünstigung und gesetzlichen Ausbildung der Manu- 
mission noch andere Motive hatte, als das der Humanität und 
etwa der Rücksicht auf Volkswohlfahrt, indem es nicht un- 
wichtig war, wenn solchen Sklaven, welche sich durch Tüchtig- 
keit auszeichneten, Gelegenheit gegeben wurde, als freie Leute 
in die bürgerliche Gesellschaft einzutreten. Das Heiligthum 
erwies dem Freigelassenen eine Wohlthat, deren Vortheile er 
sich auf andere Weise nicht anzueignen vermochte, denn von 
den besonderen Erleichterungen, welche Del])hi gewährte, und 
von dem heiligen Schutze desselben abgesehen, trat der Frei- 



I. Delphische Mauerinschriften. 415 

gelassene nach Ablauf der Paramone oder, wenn keine solche 
stipulirt war, sofort in die volle Freiheit ein, und es hörten 
alle Verbindlichkeiten dem frühern Herrn und seiner Familie 
gegenüber vollständig auf; es wurde durch die Intervention des 
Gottes als eines Scheinkäufers die